Die Reise zu den Schwarzen Löchern, Station 2 – wir “wiegen” die Erde


Liebe Leser*innen,

und hiermit melde ich mich zu unserer zweiten Station auf der Reise zu den schwarzen Löchern.

Wir haben auf der ersten Etappe gelernt,

  • dass alle Körper eine Masse und auch ein Volumen besitzen.
  • Wir wissen aus dem Alltag, dass schwere Dinge nicht unbedingt groß sein müssen und leichte nicht klein.
  • Archimedes hat uns gezeigt, dass man zumindest feste Körper, die sich in Wasser nicht auflösen, ganz gut auf ihr Masse/Volumen-Verhältnis, Dichte, untersuchen kann.

Wer den vorigen Artikel noch nicht gelesen hat, sollte dies vielleicht für das Verständnis des folgenden noch nachholen.
Zur Wiederholung von Station 1 dieser Reise geht es hier lang.

Heute gehen wir hier einen Schritt weiter. Zunächst geht es um die Beobachtung, dass alle Gegenstände in unserem Alltag auf die Erde fallen. Die Erde zieht also alles in unserer Umgebung an.
Unsere Reise führt uns zunächst ins Italien des ausgehenden Mittelalters zu Galileo Galilei, der uns durch seine Fernrohre und den Satz

Und sie dreht sich doch.

bekannt sein dürfte. Er lebte ungefähr zeitgleich zu Johannes Kepler, der nachher noch eine Rolle spielen wird.

Beschleunigung

Galileo Galilei vermaß im 16 Jahrhundert erstmals die Wirkung, welche die Erde durch ihre Schwerkraft auf fallende Körper ausübt. Wie schnell ein fallender Körper auf der Erde ankommt oder einschlägt hängt im wesentlichen davon ab, aus welcher Höhe er fallen gelassen wird. Seine Masse spielt dabei keine Rolle. Wieso Körper auf der Erde unterschiedlich rasch fallen liegt an ihrem Volumen und ihrer Beschaffenheit. Eine Vogelfeder wird durch die Luft in ihrem Fall gebremst. Ein Mensch kann aus 4000 m Höhe mit einem Fallschirm gemütlich zur Erde gleiten. Hätte er ihn nicht, oder gäbe es die ihn bremsende Luft nicht, dann ginge die Sache für ihn böse aus. David Scott, Astronaut der Mondmission Apollo 15, bewies Galileis 400 Jahre altes Gesetz, dass im Vakuum alle Körper gleich schnell fallen würden. Er ließ aus Hüfthöhe gleichzeitig eine Vogelfeder und einen Hammer auf die Oberfläche des Mondes fallen. Beide kamen gleichzeitig an. Auf der Erde wäre die Feder durch die Luft gebremst worden und hätte sich gegenüber dem Hammer verzögert.
Die Kraft, die ein auf die Erde fallender Körper von ihr erfährt bewirkt, das seine Fallgeschwindigkeit pro Sekunde um 980 cm/s zu nimmt.
Der Rums eines fallenden Körpers hängt also zum einen von seiner Masse ab und zum anderen davon, wie lange der Körper Zeit zum fallen hat, will sagen, aus welcher Höhe man ihn los gelassen hat.
Man nennt diese Einheit Beschleunigung. Sie beträgt also für die Erde 980 cm geteilt durch Sekunde zum Quadrat $(980 cm/S^2)$.
Sie ist die Maßeinheit für die Geschwindigkeitszunahme pro Zeit, die in unserem Falle die Erdmasse mit ihrer Anziehungskraft auf einen auf sie zurasenden Körper bewirkt.
Es geht die Legende, dass Galilei Fallversuche vom schiefen Turm zu Pisa gemacht haben soll. Aber was genaues weiß man nicht.

Mein Schulerlebnis

Was stimmt, ist ein Erlebnis, das ich in der Schule hatte. Wir stiegen mit unseren Physiklehrer auf einen Turm. Wir wollten mit einer Stoppuhr messen, wie lange unterschiedliche Gegenstände so fallen. Als unser Lehrer es mit einem Stein versuchen wollte, nahm das Verhängnis seinen Lauf. In einer Hand die Uhr und in der anderen den Stein bereitete er sich auf den Versuch vor. Gebannt standen wir bei ihm und waren gespannt.

“Auf die Plätze, fertig los” durfte einer von uns rufen. Dann geschah kurz nichts. Bis wir ein etwas klirrendes Geräusch von unten her vernahmen. Seltsam, dachte ich. So klingt ein Stein eigentlich nicht. Was hier geschehen war. Unser Lehrer drückte beherzt den Knopf der Stoppuhr und warf gleichzeitig den Stein, dachte er. In Wahrheit drückte er beherzt auf den Stein und warf die Uhr hinab.
Für diese Stunde waren die Experimente damit passee, denn wir hatten unseren Zeitmesser verloren…

Aber zurück zur Beschleunigung.

Überlagerungen

Wie gesagt wird die Beschleunigung durch die Kraft einer Masse, die Gravitation auf fallende Körper ausgeübt. Wir kennen dank Galilei ihren Wert hier auf der Erde.
Auf dem Mond ist die Beschleunigung geringer, weil er weniger Masse besitzt. Somit kann er auf fallende Körper nur weniger Kraft ausüben.
Aber nochmal. Ein Rums auf dem Mond muss deshalb nicht weniger heftig sein, wenn man der auf ihn zu rasenden Masse, z. B. einem Asteroid genügend Zeit gibt. Und die hat er im Weltall allemal.

Galilei fand bei seinen Fallversuchen auch heraus, dass sich Bewegungen überlagern können. Das kann man z. B. an einem Wasserstrahl sehen, der aus einem gerade aus gehaltenen Schlauch spritzt. Er beschreibt einen Bogen, genauer einen Teil einer Parabel, bis die Tropfen auf die Erde fallen. Das Wasser wird also sobald es den Schlauch verlassen hat, von der Erde mit der Erdbeschleunigung beschleunigt, so dass die Tropfen zu fallen beginnen. Gleichzeitig schießt der Strahl aber durch den Wasserdruck geradeaus aus dem Schlauch heraus. Diese beiden Bewegungen überlagern sich zeitlich, weshalb der Strahl gebogen wird, ehe er zu Boden fällt.

Hält man den Schlauch schräg nach oben, dann steigt der Strahl zunächst bogenförmig in die Höhe und fällt dann bogenförmig zu Boden. Das liegt daran, dass die Kraft des Wasserdrucks aufhört, sobald der Wasserstrahl den Schlauch verlässt, die Kraft der Erdbeschleunigung aber nicht. Sie wirkt und wirkt. Somit bremst sie die fliegenden Wassertropfen ab, überwiegt schließlich und lässt das Wasser auf die Erde fallen.

Die Kraft, die eine Beschleunigung auf eine Fallende Masse ausübt, wird also mit der Fallzeit stärker. Sie berechnet sich also als Masse mal Beschleunigung.

Was Kepler nicht wusste

Johannes Kepler wusste um diese Überlagerungen von Bewegungen. Planeten umkreisen ihre Sterne, weil sie einerseits von ihnen angezogen und andererseits eine Eigenbewegung haben. Ohne Stern würden sie geradeaus ins nirgendwo verschwinden. Die Kravitation zwingt sie dazu, dass sich diese Kräfte überlagern. Sie fallen also elliptisch um ihre Sterne herum. Was aber für diese Anziehung verantwortlich ist und weshalb die Planetenbahnen sind, wie sie eben sind, wusste er nicht genauer. In seinen drei Keplerschen Gesetzen tauchen keine Massen, keine Kräfte und schon gar keine Gravitationskonstante, von welcher wir später noch hören werden, auf. Sie verallgemeinern lediglich die Beobachtungen, die Kepler bei den Studien der Planetenbewegungen machte.

Schwere und träge Masse

Aus Galileis Fall-Versuchen folgt auch, dass eine Masse sich widersetzt, wenn man sie in eine Richtung beschleunigen möchte. Sie will ihre Bewegungsrichtung beibehalten, oder hier auf Erden gedacht, in Ruhe gelassen werden. Das Wasser aus dem Schlauch möchte einfach in die Richtung weiter fliegen, in welche der Schlauch zeigt, aber die Kraft der Erdanziehung und natürlich auch die Luft bremsen ihn ab, zwingen den Strahl zur Änderung der Richtung und zieht ihn letztlich doch zu boden.
Und noch etwas kann man aus all dem folgern.
Ein schwerer Körper kann aus niedriger Fallhöhe eben so viel Schaden anrichten, wie ein leichterer und kleinerer Körper, der aus größerer Höhe fällt, und somit mehr Zeit hat, sich mit “Kraft” aufzutanken.
Betrachtet man nur den Schaden, dann kann man nur noch schwer feststellen, ob die Masse einfach schwer war oder aus einer größeren Höhe fallen gelassen wurde. Sicher kann man das z. B. in dem man einen Krater oder so betrachtet dann doch noch beurteilen, aber erst mal nicht.
Eigentlich müsste man an dieser Stelle noch den Begriff der Energie und der Arbeit einführen, aber das sparen wir uns für heute.

Auf jeden Fall führt uns dieser scheinbare Unterschied zwischen schwerer und bewegter Masse nach England zu einem Mathematiker, der sich mit dieser Frage beschäftigte.

Newtons Apfel

Am Anfang steht auch hier eine Geschichte, die vielleicht sogar wahr ist.
Im Sommer 1665 legt sich Isaac Newton im Garten seines Elternhauses in Woolthorpe nahe Cambridge unter einen Apfelbaum. Vermutlich ist ein schöner Sommertag, vermutlich weht ein leichtes Lüftchen. Auf irgendeine Art und Weise jedenfalls löst sich ein Apfel der Sorte “Flower of Kent” vom Ast und fällt zu Boden. So wird es der inzwischen berühmte Physiker über 60 Jahre später, am 15. April 1726, seinem Freund und Biografen William Stukeley erzählen.
Ob der Apfel Newton am Kopf trifft oder in einiger Entfernung aufprallt, ist in unterschiedlichen Versionen überliefert. So oder so löst das Ereignis in der Physik ein Erdbeben aus.

Warum müssen Äpfel immer senkrecht zu Boden fallen, warum nicht seitwärts oder aufwärts, warum immer Richtung Erdmittelpunkt?”,

wird Newton später schreiben. “Sicher ist der Grund dafür, dass die Erde den Apfel anzieht.” Newton hat das allgemeine Gravitationsgesetz gefunden.
Isaac Newton fand heraus, dass die Schwerkraft eines Körpers von seiner Masse abhängt. Somit ist Masse nicht nur die Kraft, die einem ein Körper entgegensetzt (träge Masse) sondern sie ist auch eine Eigenschaft der Materie selbst (schwere Masse). Sie sind also nichts verschiedenes, sondern dasselbe.

Das bedeutet, dass man für die Berechnung der Wechselbeziehungen der Schwerkraft zwischen Körpern gar nicht so sehr auf ihr Volumen achten muss, sondern man kann die Massen als Punktmassen betrachten.
Somit übt die Gravitation der Erde eine Kraft auf fallende Körper aus, die dafür sorgt, dass fallende Körper immer schneller fallen.

Wichtig wird das Volumen natürlich dann,

  • wenn man sich auf den Körpern, z. B. auf der Erde befindet,
  • wenn man dort Dichten und Wichten verschiedener Körper miteinander vergleichen möchte,
  • wenn man wissen will, wie lange ein Gegenstand für seinen Fall zu Boden aus einer bestimmten Höhe benötigt
  • oder wenn man sich mit einer Rakete z. B. von der Erde entfernen möchte.

Die Kraft F berechnet sich aus Masse mal Beschleunigung. Sie wird in Newton angegeben
1 Newton (N) berechnet sich aus Masse mal Erdbeschleunigung, Näherungs weise 1 kg * Meter/s^2.

Newton entdeckte auch noch die Eigenschaft der Gravitation, dass sie quadratisch zum Abstand zweier Massen abnimmt.

Newtons Problem

Newton hatte aber nun noch ein Problem. Wenn zwei Massen gravitativ miteinander wechselwirken, dann muss es für die Berechnung auch eine Gravitationskonstante geben. Eine Konstante, die ausdrückt, mit welcher Kraft zwei gleiche Massen gravitativ miteinander wechselwirken. Kennt man diese Konstante nicht, dann kann man nicht im voraus berechnen, wie zwei unterschiedliche Massen gravitativ aufeinander wirken. Im Falle sich zweier umkreisender Körper, z. B. Erde und Mond könnte man noch die Massenverhältnisse beider Körper angeben, wenn man deren Abstand kennt, aber mehr auch nicht.

Die genaue Bestimmung dieser Gravitationskonstante G ist bis heute ein Problem, weil die Kraft, die zwischen zweier gleichen Massen mit gegebenem Abstand, z. 1 m wirkt äußerst gering und somit nur sehr schwer zu bestimmen ist. Erschwerend kommt hinzu, dass hier auf Erden zu viele andere Störeinflüsse, die Erdmasse selbst, Wind, Vibrationen und sogar die Anwesenheit des Versuchsleiters, der mit seiner eigenen Masse beim Versuch anwesend ist, existieren. Somit konnte Newton lediglich Massen proportional zueinander ins Verhältnis setzen. und in Versuchen überprüfen, ob seine Schätzung auf einen gegebenen Versuchsaufbau, bei welchem alle anderen Parameter, wie Versuchsmassen und Abstände passen.
Bestimmt wurde die Gravitationskonstante 200 Jahre nach Newton von Mark Cavendish. Er dachte sich einen besonderen Versuchsaufbau aus. Er nahm zwei Körper, deren Gewicht genau bekannt war und verband diese ähnlich, wie eine Hantel mit einer Stange. Dieses Gebilde hängte er an einem Draht im Gleichgewicht aus, dessen Torusionskraft (Rückstellkraft) bekannt war. Diese Kraft setzt ein Draht entgegen, wenn man ihn in sich verdreht. Nun beeinflusste er sein Gebilde mit zwei weiteren seitlich an seinen Versuchsaufbau geführte massen, die durch ihre Gravitation Cavendishs Torosionswaage leicht verdrehten. Diese Drehung beobachtete Cavendish mittels eines Spiegels, der am Draht befestigt war und einen Lichtstrahl ablenkte. Beobachtet hat Cavendish seinen Versuch aus der Ferne mit einem Fernrohr, um zu vermeiden, dass er selbst mit seiner Körpermasse den Versuch beeinflusst.
Somit bestimmte er zum ersten male näherungsweise die Gravitationskonstante. Bis heute ist sie zwar genauer angenähert worden, bereitet aber ab der vierten Stelle nach dem Dezimalpunkt noch Probleme, was äußerst unbefriedigend ist.

Wie auch immer. Wir lösen jetzt unser Versprechen ein und werden unsere Erde “wiegen”, wobei “wiegen” im Grunde nicht richtig ist, denn man kann die Erde nicht einfach auf eine Waage legen. Man muss eher sagen, dass wir das Gewicht der Erde bestimmen wollen.

Wer mag kann ja dann die Länge des Hebels berechnen, mit dem Archimedes aus dem vorigen Artikel die Welt aus den Angeln heben wollte.

Was wissen wir

Tragen wir also mal zusammen, was wir über unsere Aufgabe wissen.

  • Wenn Newton generell von Punktmassen ausgeht, dann dürfen wir die Erde als perfekte Kugel ansehen und die zweite Masse mit der sie gravitativ wechselwirken soll ebenso.
  • Die Gravitationskraft nimmt quadratisch zum Abstand Erde-Vergleichsmasse ab.
  • Die Masse der Erde kennen wir nicht. Die soll ja berechnet werden.
  • Ihren Radius kennen wir.Schon die alten Griechen berechneten an Schattenwürfen den Erdradius. Er beträgt ungefähr 6300 km. Siehe Die Bestimmung des Erdradius nach Eratosthenes.
  • Wir kennen das Gewicht einer Vergleichsmasse, mit deren Hilfe das Gewicht der Erde berechnet werden soll, denn die Erde muss ja mit etwas wechselwirken, damit sie uns ihr Gewicht verrät.
  • Wir kennen den Abstand zwischen der Erde und unserer Vergleichsmasse.
    Da Newton von Punktmassen ausgeht, errechnet sich dieser aus Erdradius plus Abstand zur Vergleichsmasse plus deren Radius.
  • Dank Galileo kennen wir die Erdbeschleunigung von 980 cm/s^2
  • Dank Cavendishs Versuchsaufbau kennen wir nun auch diese schwer zu bestimmende Gravitationskonstante G.
    Sie beträgt im ganzen Universum
    G = f(G) * R^2 /m1 *m2
    G = (6,67259 Plus-minus 0,00085) mal 10 hoch(-11)
    $G = (6,67259 \pm 0,00085) \times 10^{-11}$
  • Und dank Newton kennen wir die Kräftegleichung.

Die Gleichung, wie man sie umstellt und deren Herleitung, wie man man damit das Gewicht der Erde bestimmt, knalle ich euch jetzt einfach mal hier hin.
Keine Angst. Es ist mathematisch wirklich kein Hexenwerk. Die Formeln sind tatsächlich überschaubar. Man muss halt drauf kommen…
Die Formeln in dem Artikel, auf den ich euch gleich schicke, sind in LaTeX gesetzt und werden auch grafisch dargestellt. Auf Braille-Zeilen werden sie in englischer Mathematikschrift angezeigt, weil der Export von Mathjax nach Marburger Mathematikschrift derzeit noch nicht möglich ist.
Deshalb wähle ich hier zusätzlich auch noch eine für uns lesbarere Schreibweise.
Möglicherweise setze ich, wenn ich Zeit habe, die ganze Herleitung noch für Braille-Zeilen um.
Die Kräftegleichung lautet: G = f(G) * R^2 /m1 *m2
Zur Herleitung der Erdmasse geht es hier lang.

Abspann

Jetzt wäre es natürlich interessant zu wissen, was z. B. die Sonne, andere Planeten, andere Sterne und schließlich auch schwarze Löcher wiegen.
Mit diesen Themen befassen wir uns in Station 3 dieser Serie.
Jetzt hoffe ich, dass es nicht zu viel Mathematik war, aber ganz ohne ging es halt hier nicht.

David gegen Goliat – Ein Uhrmacher revolutioniert die Seefahrt


Liebe Leser:innen,

heute gibt es mal wieder eine etwas längere Abenteuergeschichte. Im letzten Artikel ging es um die verschiedenen Dämmerungen im Tageslauf. Dort war viel die Rede von Horizont, Gradzahlen und Breitengraden. Auch die Navigation auf hoher See wurde kurz gestreift. Mit dieser werden wir uns heute etwas näher beschäftigen, denn um sicher bestimmen zu können, wo man sich genau auf dem Meer gerade befindet, reichen Sonnenstand und Breitengrad nicht aus. Sternenhimmel, Mond, gute See- und Himmelskarten und als Messinstrumente ein Sextant und nicht zuletzt der alt bewährte Magnetkompass, verbessern zwar die Navigation, aber es bleibt eine große Unsicherheit, zumal all das bei bewölktem Himmel natürlich nicht funktioniert. Es musste also etwas zuverlässigeres zur Bestimmung des Längengrades gefunden werden, wenn man verhindern wollte, dass Schiffe dauernd verloren gehen, sich verfranzen oder gar absaufen. Die Lösung dieses Längengrad-Problems brachte schließlich eine Erfindung. Diese ist Gegenstand dieser Abenteuergeschichte.

Einleitung

Jeder braucht Koordinaten, sie sagen uns, wo wir sind – im Leben, im Auto, aber besonders mitten auf See. Der Zeitunterschied zwischen Heimathafen und aktueller Position legt den Längengrad fest. Nur, wo die Zeit ablesen? Seegängige Uhren gab es nicht, also machte sich der englische Uhrmacher John Harrison an den Bau. Die Astronomen dagegen wollten die Zeit am Himmel ablesen, mit dem Mond als Zeiger und den Sternen als Zifferblatt. Ein ungleicher Kampf: der Handwerker gegen die Wissenschaft, David gegen Goliath.

Exkurs über Uhren

Bevor wir zur Schiffsuhr, dem Hauptgegenstand unserer Geschichte kommen, müssen wir uns kurz darüber klar werden, wie Uhren in der damaligen Zeit überhaupt funktionierten. Digital- oder gar Atomuhren werden wir heute nicht behandeln, weil es sie damals noch nicht gab.
Frage:
Eine “Schiffsuhr”, was soll das sein. Kann man nicht einfach jede Uhr mit auf See nehmen? Die Antwort ist hier ein klares Nein. Die meisten Uhren , die es zu jener Zeit gab, waren Pendeluhren, die meistens sogar noch von fallenden Gewichten angetrieben wurden. Solch eine Konstruktion kann auf hoher See nicht funktionieren. Das Schiff schaukelt und rollt. Somit erfährt das Pendel der Uhr dauernd unerwünschte Kräfte, die z. B. auch gegen die Pendelbewegung arbeiten. Es wird also unregelmäßig pendeln oder sich eventuell chaotisch bewegen. Auf jeden Fall wird es alles tun, um aus dem Takt zu geraten und die Uhr zu einem unregelmäßigen Gang zu zwingen.
Die an Ketten oder schnüren nach unten hängenden Gewichte geben ihre Gewichtskraft auf die Rolle, wo die Schnüre oder Ketten aufgewickelt sind. Diese überträgt die Kraft auf das Uhrwerk indem sie sich langsam dreht. Somit rollt sich das Medium ab, an welchem die Gewichte hängen. Sind diese am Boden angekommen, dann bleibt die Uhr stehen, weil kein Zug mehr auf der Rolle ist. Man muss die Gewichte wieder hoch ziehen, damit das Spiel von neuem beginnen kann.

Sicher. Man könnte so eine Pendeluhr frei in alle Richtungen beweglich aufhängen, wie man das mit mechanischen Kompassen in Schiffen, Segelflugzeugen oder sogar am Ammaturenbrett im Auto, tut. Diese schwimmen meist auf einem Öl. Dadurch können sie in einem gewissen Grad die Schaukelbewegungen ausgleichen. Das mag für eine kleine Kompassnadel noch einigermaßen funktionieren, aber mit einer schweren Pendeluhr sicher nicht.
Sie würde den Bewegungen nur träge folgen können, wenn überhaupt.
Da fällt mir gerade ein Spielzeug ein, mit welchem man das Chaos beim Pendeln beobachten kann. Viele Menschen entspannen sich oder erproben ihre Geschicklichkeit mittels Fidget Spinnern. Eine Spielart dieser Dinger besteht einfach aus zwei untereinander gehängte in alle richtungen beweglichen Pendel. Hält man das Teil oben fest und bewegt es, dann merkt man sehr rasch, dass das untere Pendel quasi tut, was es möchte. Es bedarf viel Übung, dieses Pendel seinem Willen zu unterwerfen und das geht auch nur in gewissen Grenzen bei relativ kleinen ausschlägen. Alles was mehr ist, stürzt das System ins mathematische Chaos. Aber nun weiter mit den Uhren.
Temperaturschwankungen sorgen dafür, dass sich das Pendel bei Hitze ausdehnt und bei Kälte etwas kürzer wird, wodurch sich der Pendel-Takt leicht ändert. Schmiermittel, wie Öl oder Fette verhalten sich temperaturabhängig unterschiedlich, wodurch sich die Reibungskräfte zwischen den mechanischen Teilen ändert. Der Lauf so einer Pendeluhr wird auch durch die sich oft ändernde Luftfeuchtigkeit beeinflusst.

Mechanische Taschenuhren, die es damals auch schon im Ansatz gab, haben zum Antrieb anstelle der Gewichte eine gespannte spiralförmige Feder, die durch ihre Kraft das Uhrwerk treibt, weshalb diese von Zeit zu Zeit wieder neu aufgezogen werden muss. Dadurch spannt man die Feder erneut. Anstelle des Pendels, dessen Bewegung durch die Schwerkraft funktioniert, besitzen diese Uhren eine kreisförmige Unruhe, die durch eine Rückstellfeder gezwungen wird, sich gleichmäßig hin und her zu drehen.
Wer schon mal einen alten Wecker, eine Taschenuhr oder etwas filigraner, eine kaputte Armbanduhr geöffnet hat, kann sich vielleicht noch an diese Teile erinnern, denn diese fallen neben vielen Zahnrädern am meisten auf.

Hach, waren das noch schöne Zeiten. Ihr könnt euch kaum vorstellen, wie langweilig das Ausbeinen einer digitalen Uhr für ein neugieriges Kind, wie ich es war, ist. Da ist quasi nichts spannendes drin. Allen Uhren, ob Pendel oder Unruhe, ob Federwerk oder fallende Gewichte als Antrieb, ist gemeinsam, dass das Uhrwerk dem beweglichen Taktgeber immer wieder einen kleinen Schups versetzen muss, damit die Bewegung nicht aufhört. Leider waren die damals verfügbaren Taschenuhren von ihrer Mechanik her noch nicht geeignet, als Schiffsuhr zu fungieren. Sie waren zu fehleranfällig und die Prezession ihrer Uhrwerke war nicht ausreichend, um über Monate hinweg genau genug zu laufen, um die Heimatzeit anzuzeigen. Also musste eine Erfindung, eine Schiffstaugliche Uhr her.

Die Seereise

Versetzen wir uns nun zurück in das Jahr 1761. Wir haben Dezember.
Wir befinden uns unter der Leitung Kapitän Dix auf seinem Schiff Deadford.

Sorry, da ich das aus einer Audioquelle habe, weiß ich nicht, wie man den Kapitän und sein Schiff richtig schreibt. Ich finde es im Netz gerade nicht. Das soll uns nicht weiter stören.

Auf jeden Fall befinden wir uns auf der Seereise, auf welcher William Harrison, sohn , des Erfinders der Schiffsuhr,
John Harrisons, diese testen soll. Der Kapitän muss unbedingt die Insel Madeira erreichen. Er benötigt dringend frisches Trinkwasser. Die Bier- und Wasservorräte des Schiffs sind faulig und verdorben. Schon rumort es unter den Seeleuten und eine eventuelle Meuterei ist offenbar nicht mehr fern. Er unterhält sich gerade mit seinem Steuermann und fragt ihn:

“Wie weit entfernt schätzen Sie Madaira?”

Dieser antwortet ihm:

“Zwei Tagesreisen Süd Südwest”

Und da mischt sich Harrison ein:

“Ich glaube, dass wir näher dran sind, und der richtige Kurs ist Süd.”,

Das war riskant, sich in der Weise gegen den Kapitän aufzulehnen. Er hätte Harrison theoretisch dafür aufknüpfen lassen können, aber dieser Passagier genoss offenbar wegen seiner Uhr Sonderrechte. Schließlich sollte sie ja getestet werden. Harrison erklärt weiter:

“Entsprechend der Uhr sollten wir morgen zum Tagesanbruch Porto Santo sehen, wenn wir unseren jetzigen Kurs beibehalten. Ich habe die Uhrzeiten sorgfältig geprüft.

Genau genommen hat Harrison seine Standortskoordinaten, z. B. den Sonnenhöchststand mit der Uhrzeit seines Heimathafens abgeglichen. Auf diese Zeit wurde seine Uhr zu Beginn der Reise eingestellt. Wenn sie hält, was sie verspricht, dann sollte Harrisons Längengrad und Kursvorschlag richtig sein.
Harrison liest also ab, wie weit sie nach Westen gesegelt sind. Er stellt fest, dass der Sonnenhöchststand ihres Standorts um eine Stunde und vier Minuten später stattfindet, als er in seinem Heimathafen wäre. Daraus berechnet er, dass sich das Schiff bereits auf dem Längengrad von Madeira befindet. Man sollte es also tatsächlich erreichen, indem man auf diesem Längengrad direkt nach Süden segelt. Die Höhe der Sonne über dem Horizont zur Mittagszeit lieferte Harrison den Breitengrad auf dem sie sich momentan befinden. Sie sind noch nörtlich von Madeira. Für den Kapitän und seinen Steuermann muss das wie schwarze Magie gewirkt haben, denn sie konnten bisher den Längengrad mehr oder weniger nur schätzen. Dem Kapitän muss Harrisons Einmischung schwer aufgestoßen sein, aber er hatte den königlichen Auftrag, die Uhr zu testen. Also gab er widerwillig zzwischen zusammengebissenen Zähnen den Befehl durch, dass man bis zum Anbruch des nächsten Tages Kurs auf Süd beibehalten sollte. Dann würde man ja sehen, wer recht hat.
Erscheint die Insel am Horizont, dann Harrison mit seiner Uhr.
Bleibt der Horizont klar, oder es erscheint etwas anderes, dann lag Harrison falsch und die Mannschaft hätte ein ernsthaftes Problem was ihre Vorräte und ihre weitere Navigation anging. Man muss sich das nochmal vorstellen. Da hängt der Kapitän das Schicksal des ganzen Schiffs mit seiner ohnehin schon gebeutelten Mannschaft an ein etwa drei Pfund schweres Metallstück, so groß wie eine Männerhand. Es ist also durchaus nicht nur Eitelkeit, wenn der Kapitän sich nicht gerne rein reden lässt. Es ist auch Verantwortungsbewusstsein für Schiff und Besatzung. Dazu kam noch, dass Harrison ansonsten keine Erfahrungen auf hoher See besaß. Er war eine Landratte.

Aber auch für William und John, seinen Vater, stand viel auf dem Spiel. Die englische Krone hatte nämlich zwanzigtausend Pfund Stearling Preisgeld für denjenigen ausgesetzt, der im Stande war, eine praktikable und gut funktionierende Schiffsuhr zu bauen, die genau genug ging, um für die Navigation zu taugen. Ausgeschrieben wurde der Preis bereits ein halbes Jahrhundert vor dieser Seereise. Bisher hatte es noch niemand geschafft Und auch Vater und Sohn Harrison setzten vierzig Jahre ihres Lebens dafür ein, bis die Uhr in Version 4, also H4, vollendet war.

Inzwischen bricht ein neuer Tag an und der Mann im Ausguck sucht den Horizont nach Madeira ab.

“Horizont klar”.

ruft er aus.
Hatte die Uhr versagt und der Kapitän recht? Wo waren sie dann?

“Setzen Sie Kurs auf Süd Südwest”

befiehlt der Kapitän, aber dann geschieht es wieder, dass sich jemand einmischt. Diesmal ein weiterer Seemann. er sagt:

“Es ist die große Wolke dort”.

In dem Augenblick wird sie auch dem Mann im Ausguck aufgefallen sein. Er ruft:

“Land in Sicht”.

Madeira war unter einer Wolke verborgen. Durch die Erdkrümmung sieht man ja immer zuerst, was sich höher über der Wasseroberfläche befindet. Das war schon den alten Griechen bekannt, dass man bei einem nahenden Schiff zuerst die Segel sieht, weil sie höher über den Horizont ragen. Daraus leiteten sie schon Jahrhunderte vor Christus folgerichtig ab, dass die Erde eine Kugel sein muss, da dieser perspektivische Effekt auf einer Scheibenwelt nicht vorkommen kann.

Man stelle sich die Erlösung aller vor. Madeira, die Rettende Insel mit Aussicht auf frisches Wasser und Vorräte war erreicht und, die Schiffsuhr hatte recht behalten. Da konnten sich Vater und Sohn Harrison auf einen Goldregen freuen.
Sicherlich wurde Harrison nun mit Gratulationen von den “Seebären” überschüttet. Hatte er mit seiner Uhr doch ihr aller Leben gerettet. Ich könnte mir vorstellen, dass sich sogar der Kapitän bei ihm entschuldigt hat.

Harrisons Uhr bestand auch den restlichen Gesamttest. Bei der Ankunft auf Jamaika und einer fürchterlich stürmischen Rückreise nach England, zeigte sie am 26.03.1762 die heimatliche Zeit genauer an als gefordert.

David gegen Goliat

Alle sollten jetzt jubeln können. Harrison, weil er den Preis gewonnen hatte und die britische Marine, weil nun Katastrophen, wie 1707 geschehen, Vergangenheit sein sollten, als gleich vier Schiffe mit zweitausend Mann Besatzung wegen eines Navigationsfehlers untergingen. Die Marine ignorierte Harrison zunächst. Er wurde vielmehr von der Wissenschaft, den Astronomen angegriffen. Dreißig Jahre Erfahrungen im Uhrmacherhandwerk schienen eben nichts gegen Jahrtausende der Himmelskunde zu sein. Bisher navigierte man nach den Sternen. Es gab Sternenkarten, Seekarten, Messgeräte wie den Kompass, Sextanten oder das Astrolabium und manchmal sind, das habe ich mal über Kolumbus gelesen, auch Sanduhren zur Zeitmessung zum Einsatz gekommen. Neben vielen anderen, blieb letztlich die Mond-Messmethode übrig. Man sah den Sternenhimmel mit seinen Sternbildern als Ziffernblatt und den Mond als Uhrzeiger an. Wie sie genau funktioniert, ersparen wir uns jetzt. Tatsache ist, dass diese Methode in vielen Fällen ja auch ganz ordentlich funktionierte. OK, Kolumbus hatte sich zwar was die Entdeckung Indiens betraf quasi verfahren, aber immerhin kam er wieder heim. Seine Efimeriden, Sternkarten auf See, waren immerhin so gut, dass sie ihm das Leben retteten. Ich schrieb darüber in “Eine Mondfinsternis als Lebensretterin“.

Das Hauptproblem dieser Messmethode war, dass es wenige zuverlässige Beobachtungen gab, an Formeln der Berechnung der Mondbahn mangelte und es fehlten oft Karten und Verzeichnisse der genauen Sternpositionen. Im Zuge der Eroberung der Meere und der Kolonialisierung und globalisierung der Welt schossen überall Observatorien zur Sternbeobachtung in den Himmel. Somit war die Astronomie hierfür zur Schlüsseldisziplin geworden. Sollte das jetzt alles wegen einer Uhr nichts mehr Wert sein?

Kleine Rückblende

Schon dreißig Jahre zuvor forderte Vater John Harrison 1735 von dem königlichen Ausschuss für Längengrade, dass seine erste Schiffsuhr, die H1 sich an dem Preis versuchen dürfe.

Diese glich damals noch eher einer Zeitmaschine als einer Uhr, wie es die H4 war. Diese H1 versagte auf ihrer Testfahrt nach Lissabon. Harrison war seekrank, so dass er sich nicht kümmern konnte. Aber auf der Rückreise konnte Harrison doch noch zeigen, was die Uhr so drauf hatte, indem er den Längengrad korrigierte. Auch hierfür musste er sich, wie dreißig Jahre später auch sein Sohn, mit einem sturen Kapitän anlegen, der ihn für seine anmaßende Kurskorrektur im Schiff einsperren ließ. Im letzten Moment erkannte der Kapitän noch seinen Fehler und korrigierte den Kurs. Und so rettete auch die H1 ihr aller Leben.

Harrison machte sich nun daran, die Fehler seiner Uhr zu korrigieren. Er entwarf und baute nun seine H2, die ihn aber auch nicht befriedigte. 1740 stellte er die H3 fertig, mit völlig neuem Konzept, aber auch stets neuen Problemen. Harrison schrieb mit seinen Uhren Technikgeschichte. Er setzte als erstes spiralförmige Bimetall-Federn ein und entwickelte als erster ein gekapseltes Kugellager. Trotz aller Genialität hatte sich Harrison mit seiner H3 in eine Sackgasse manövriert. Er erkannte, dass die Uhr dringend kleiner werden musste. Nach dem Vorbild der damals schon verfügbaren Taschenuhren lies er eine nach seinen Vorgaben bauen. Sie ging so genau, dass daraus schließlich die H4 wurde, die auf obiger Seereise von seinem Sohn getestet wurde.

Nun war aber auch die Welt um Harrison nicht stehen geblieben. Mittlerweile hatten die Astronomen deutlich bessere Instrumente zur Beobachtung. Die Karten wurden genauer und detaillierter und Mathematiker konnten mittlerweile deutlich bessere Bahn-Berechnungen anstellen. Und so etablierte sich in London der königliche Hofastronom Maskelyne als Prophet der Mondmessmethode. Man könnte auch sagen, er war die Mondmessmethode. Der Mann bestritt und leugnete vor der Krone die Genauigkeit von Harrisons Uhr. So kam es dazu, dass Harrison nach einer weiteren Testfahrt lediglich die Hälfte des Preises zugesprochen wurde. Für den Rest des Preises sollte Harrison alle Zeichnungen und Pläne der Uhr offenlegen und bei Maskelyne abliefern. Zusätzlich solle er ohne seine Unterlagen quasi aus dem Kopf heraus zwei weitere Kopien seiner H4 bauen. Außerdem sollten die Uhren weiteren Tests unterzogen werden, an denen sich Mechaniker die Zähne ausbeißen sollten. Mit pseudowissenschaftlichen Argumenten schindete der Hofastronom Jahr um Jahr Zeit für seinen Erfolg und sein komfortables Leben als königlicher Hofastronom. Sein Lebenswerk war der Almanach des britischen Seemanns, das Handbuch der Mondmessmethode. Und derweil soffen die Schiffe weiter ab wegen Navigationsfehlern, verirrten sich und gingen verloren.

Gab es eine Verschwörung gegen Harrison?

Es ist nun aber nicht unbedingt so, dass es eine Verschwörung gegen Harrison gegeben haben muss. Viel wahrscheinlicher ist, dass die derzeitigen Astronomen einfach zu überzeugt von ihrer Methode und viel zu träge waren, sich auf Harrison und seine Uhr einzulassen. Astronomie und Astrologie waren damals noch dasselbe. Vor diesem Hintergrund ist es durchaus nachvollziehbar, dass man eher dem göttlich vollkommenen Sternenhimmel glaubte und nicht einer “Tick-Tack-Uhr”.

Ende gut, alles gut.

Erst der technikbegeisterte König George III erreichte 1773 die Auszahlung des vollen Preises an den inzwischen 80jährigen John Harrison, der sich leider nur noch drei Jahre daran erfreuen konnte.

Seine Schiffsuhren setzten sich aber durch. Die Bestimmung des Längengrades wurde mit ihnen kinderleicht und die Möglichkeit der Massenproduktion machten sie letztlich dann auch erschwinglich.

Heutzutage navigieren Schiffe mittels GPS. Flugzeuge haben neben klassischen Magnet-Kompassen auch Kreiselkompasse, z. B. für den künstlichen Horizont, Funkfeuer und natürlich ebenfals GPS-Navigation.
Über diese modernen Messgeräte werden wir uns ein andermal unterhalten.

Zu guter letzt noch eine Buchempfehlung

Mein Freund Martin, der übrigens der Erfinder des Handplanetariums Universe2Go ist, hat uns in den Kommentaren ein wunderbares Buch zum Thema empfohlen. Als ich den Artikel schrieb, kannte ich das Buch leider noch nicht. Ansonsten hätte ich noch weitere interessante Fakten für den Artikel gehabt. Aber andererseits wäre er ja dann noch länger geworden und ich hätte beim Artikel vielleicht zu fest am Buch geklebt. So musste ich mir ohne Buch helfen.
Also, das Buch heißt Längengrad. Die Autorin ist Dava Sobel.
Das Buch hat die ISBN-Nummer 9780007214228.
Und das beste ist, dass es das Buch bei der Hörbücherei in Leibzig (DZB) aufgelesen als Daisy-Buch für blinde und sehbehinderte Mitglieder:innen auszuleihen gibt. Ich habe es mir schon gezogen und bin damit bereits fast durch.

Götterdämmerung – die Phasen von Tag und Nacht


Liebe Leser:innen,
Und hier melde ich mich aus meinem Osterurlaub. Reisen is momentan nich, aber Astronomie und Artikel gehen immer.

Bevor es los geht, etwas Hausmeisterei

Es zeichnet sich jetzt scheinbar ab, dass sich der Doppelpunkt als Platzhalter für alle geschlechtlichen Orientierungen durchsetzen wird. Bisher habe ich, wenn es nötig war, das Sternchen verwendet. Ab jetzt werde ich den Doppelpunkt einsetzen. Was ich nicht tun werde ist, durch alle vorigen 140 Artikel zu gehen, um das dort überall anzupassen. Das tue ich nur dann, wenn ich sowieso auf einem Artikel, z. B. zur Aktualisierung, vorbei komme.
Ich habe auch den Eindruck, dass manche Sprachausgaben mit dem Doppelpunkt im Lesefluss weniger Probleme haben als mit dem Sternchen.
So, das war’s schon mit der Hausmeisterei.

Einleitung

Die Überschrift “Götterdämmerung” lässt einiges erwarten. Keines Falls reicht dieser Artikel an Wagners Schauspiel heran. Es geht nicht einmal um Götter, aber um die Dämmerung schon, und die können wir alle beobachten, sogar in Zeiten der Pandemie, wo dieses wagnersche Meisterwerk nicht aufgeführt werden darf. Kurz um. Mir hat die Überschrift einfach gefallen. Das ist der einzige Sinn dahinter…

Wenn sich bei diesem Artikel sehende Leser:innen fragen, wieso der blinde Nerd sich mit Dämmerung beschäftigt, obwohl er sie nicht sieht, dann hat der Artikel mal wieder ein Ziel erreicht. Er hat spätestens dann mal wieder gezeigt, dass Astronomie im höchsten Umfang ein inklusives Hobby ist, das sogar berufliche Perspektiven öffnen könnte…

im vorletzten Artikel beschäftigten wir uns mit dem Jahreslauf der Sonne, der Zu- und Abnahme von Tagen und Nächten und der Figur, dem Analemma, welche die Sonne im Laufe eines Jahres am Himmel beschreibt.
Darin wies ich auf die App “LunaSolCal” hin, mit der man die Zeiten am Himmel wunderbar beobachten kann. Diese App zeigt auch einige Zeiten, z. B. Beginn und Ende von Goldener – und Blauer Stunde, an, die zumindest mir vor dieser App nicht geläufig waren. Und da haben mich doch tatsächlich einige von euch per Mail angeschrieben, die wissen wollen, was es mit diesen seltsamen Stunden-Begriffen auf sich hat. Jemand von euch wies mich sogar darauf hin, dass es noch weitere seltsame Begriffe gibt, die unterschiedliche Dämmerungen bezeichnen.
Das hat mich sehr gefreut. Ihr dürft aber gerne eure Fragen auch in den Kommentaren stellen. Manche davon kann ich dann direkt für alle Leser:innen sichtbar bearbeiten, da nicht alle Antworten, wie diese hier, einen kompletten Artikel nötig machen.
Keiner braucht sich seiner Fragen schämen, denn bei mir gibt es keine dummen Fragen. Es gibt hier nur ein Motto:

Frag, und es wird Tag.

Dann gehen wir es an, und erklären mal die wichtigsten dieser Dämmerungs-Phänomene.

Generell dürfte klar sein, und das kann man auch an den Zeiten sehen, dass die gleich erwähnten Begriffe und Eigenschaften mit der Tages- und Nachtlänge variieren. Außerdem sind Zeiten und Längen dieser Phänomene auch davon abhängig, auf welchem Breitengrad sich die Beobachter:in befindet.
Es wird gleich viel von Gradzahlen die Rede sein, wie tief die Sonne unter dem Horizont verschwunden sein muss, um die Bedingungen der verschiedenen Dämmerungen zu erfüllen.
Da man sich hier stets auf den Mittelpunkt der Sonnenscheibe bezieht, muss natürlich auch mal erwähnt werden, wie groß ihr Durchmesser in Grad von der Erde aus gesehen ist.
der scheinbare Durchmesser der Sonne beträgt rund 0,5° (31′ 28″ bis 32′ 32″).
Das “bis” kommt dadurch zu stande, dass die Erde sich auf einer elliptischen Bahn um die Sonne bewegt.

Kleiner Hinweis zu LunaSolCal

Für die Nutzer:innen der erwähnten App: Wenn ihr eine weite Reise tut, dann empfiehlt es sich, die App einmal am Ziel aufzurufen, damit die Daten neu auf euren Standort berechnet werden. Ich bin mir nämlich nicht ganz sicher, ob sie das automatisch tut, da die Zeiten immer für einige Tage im voraus berechnet werden.
Nun zu den Begriffen und Phänomenen:

Sonnen Auf- und Untergang

Grundsätzlich wird per Definition des Sonnenauf- und Unterganges der Moment gemeint, an welchem der obere Rand der Sonnenscheibe über dem Horizont erscheint, bzw. unter ihm verschwindet.
Das bedeutet, dass die Morgendämmerung mit dem Erscheinen der Sonnenscheibe über dem Horizont endet und die Abenddämmerung mit dem Verschwinden des Sonnenrandes unter dem Horizont beginnt.

Im Dämmerungsverlauf lassen sich Phasen unterscheiden und danach abgrenzen, wie tief die Sonne unter dem Horizont steht. Hierfür wird der Sonnenstand unter dem Horizont angegeben als Tiefenwinkel der Sonnenscheibenmitte. Nach der Dämmerungstiefe werden üblicherweise drei Dämmerungsphasen unterschieden, deren Ende jeweils ein bestimmter Winkel terminiert.

Astronomische Abend- und Morgendämmerung

Diese beiden Dämmerungen umrahmen den Teil der Nacht, wo absolut maximale Dunkelheit herrscht. Diese Zeitspanne beginnt und endet bei einem Sonnenstand von minus 18 Grad unter dem Horizont.
Im Grunde wäre dieser Teil der Nacht der optimale Zeitpunkt, um Beobachtungen am Himmel zu machen. Leider ist das wegen der von uns Menschen gemachten Lichtverschmutzung vielerorts nicht mehr möglich. Der Himmel wird durch künstliches Licht aufgehellt und überstrahlt viele Sterne. Ich schrieb darüber in
Im Dunkeln sieht man besser“.

Bürgerliche Morgen- und Abenddämmerung

Die bürgerliche Dämmerung, auch zivile Dämmerung, dauert in Deutschland am Nordende 36 bis 58 Minuten, am Südende 30 bis 40 Minuten, zu den Sonnenwenden am längsten, zu den Tag-und-Nacht-Gleichen am kürzesten. Während die Himmelshelligkeit langsam abnimmt, werden zunächst die hellen Planeten sichtbar, insbesondere Venus und Jupiter. Gegen Ende der bürgerlichen Dämmerung kann ein gutes Auge bereits die hellsten Sterne bis zur 1. Magnitude, ein Maß für die Helligkeit von Sternen, erkennen. Die bürgerliche Abenddämmerung beginnt mit dem Sonnenuntergang und endet nach astronomischer Definition, wenn der Mittelpunkt der Sonnenscheibe 6 Grad unter dem wahren Horizont steht.
Mit der bürgerlichen Morgendämmerung verhält es sich genau anders herum. Innerhalb der bürgerlichen Dämmerung ist Lesen im freien noch möglich.
Das Ende der bürgerlichen Abenddämmerung wird in der Luftfahrt mit dem Kürzel ECET bezeichnet, der Beginn der bürgerlichen Morgendämmerung mit BCMT.

Die nautische Morgen- und Abenddämmerung

Die nautische Dämmerung oder mittlere Dämmerung dauert länger als die bürgerliche Dämmerung. (Am Nordende Deutschlands 42 Minuten bis fast 5 Stunden, am Südende 35 bis 56 Minuten.) Im Verlauf dieser Dämmerungsphase können bereits Sterne bis zur 3. Helligkeitsklasse (Siehe Magnitude) und so auch die Züge von Sternbildern erkannt werden, während auf See die Kimm, Linie zwischen Wasser und Himmel, als Linie zwischen Meer und Himmel noch deutlich sichtbar ist. Damit sind die Bedingungen für eine nautische Positionsbestimmung mit dem Sextanten , einem Messinstrument zur Bestimmung des Breitengrades gegeben, bei der die Höhe bestimmter Sterne über dem Horizont gemessen wird. Die nautische Dämmerung endet nach astronomischer Definition, wenn der Mittelpunkt der Sonne 12 Grad unter dem wahren Horizont steht.
Und ja, richtig. alleine der Breitengrad genügt natürlich nicht für eine Ortsbestimmung. Es fehlt der Längengrad. Das war auf hoher See in der Tat ein sehr großes Problem. Oft verfranzten sich Schiffe genau deshalb und gingen sogar verloren. Dieses Längengrad-Problem hat eine so spannende Geschichte, dass es ein eigener Artikel wert sein wird.

Die Blaue Stunde

Der Begriff Blaue Stunde bezieht sich auf die Zeitspanne innerhalb der abendlichen oder morgendlichen Dämmerung, während der sich die Sonne so weit unterhalb des Horizonts befindet, dass das blaue Lichtspektrum am Himmel noch bzw. schon dominiert und die Dunkelheit der Nacht noch nicht eingetroffen bzw. schon vorbei ist. Da es sich bei der Blauen Stunde um einen umgangssprachlichen Begriff handelt, existiert keine offizielle Definition – im Gegensatz etwa zu den anderen genannten Dämmerungsphasen. Es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Tiefenwinkel der Sonne und der spektralen Zusammensetzung des Himmels. Die charakteristische blaue Färbung entsteht typischerweise, während sich die Sonne zwischen 4 und 8 Grad unterhalb des Horizonts befindet. Damit erstreckt sich die Blaue Stunde sowohl über Teile der Bürgerlichen Dämmerung (Tiefenwinkel der Sonne zwischen 0 und 6 Grad) als auch der Nautischen Dämmerung (Tiefenwinkel 6 bis 12 Grad). Das Blau des Himmels zur Blauen Stunde hat eine andere spektrale Zusammensetzung als das Blau bei Tage, da es auf eine andere physikalische Ursache zurückzuführen ist. Während der Blauen Stunde besitzt der tiefblaue Himmel etwa dieselbe Helligkeit wie das künstliche Licht von Gebäude- und Straßenbeleuchtungen, weshalb die Blaue Stunde in der Fotografie eine besondere Bedeutung hat.
Obwohl dieselbe Färbung auch während der Morgendämmerung zu sehen ist, wird der Begriff vor allem als Synonym für die Abenddämmerung beziehungsweise deren poetischen Umschreibung verwendet. Laut Duden steht die Wendung „blaue Stunde“ dichterisch für die Zeit der Dämmerung. In literarischen Werken wird der Begriff auch noch weiter gefasst und hier häufig mit melancholischen Gefühlen assoziiert.

Die goldene Stunde

Das Sprichwort “Morgenstund hat Gold im Mund” leitet sich ganz sicher nicht von der “Goldenen Stunde” ab. Es weiß zum einen jeder, was dieses Sprichwort bedeutet und die “Goldene Stunde” gibt es auch abends…
Als goldene Stunde wird die “Stunde” nach Sonnenauf- bzw. vor Sonnenuntergang bezeichnet. Der Begriff stammt meines Wissens nach aus der Fotografie.
Das Sonnenlicht ist während dieser Zeit rötlicher und weicher, als wenn die Sonne höher steht. Sie ist das Pendant zur Blauen Stunde, welche die Zeit vor Sonnenaufgang, bzw. nach Sonnenuntergang bezeichnet, in der der Himmel tiefblau ist.
Mit “Stunde” ist hier in Wahrheit keine Zeitstunde gemeint, denn die Goldene Stunde definiert sich durch die Farbtemperatur des Lichtes und ist außerdem vom Breitengrad abhängig. Das ist komplizierte Physik, die ich uns an dieser Stelle erspare.

Sonnenhöchststand

Dieser ist Standorts- und Jahreszeit abhängig. Es ist der Zeitpunkt, an welchem die Sonne um Mittag herum ihren Höchststand über dem Horizont erreicht. Sonnenuhren sollten zu diesem Zeitpunkt, wenn sie “richtig gehen” keinen Schatten werfen, bzw. es sollte eine passende Zeitgleichung vorhanden sein, um den Fehler je nach Datum und Uhrzeit heraus rechnen zu können, da Sonnenuhren in der Regel fest montiert sind und nicht der Sonne nachgeführt werden können.

Gibt es alle Dämmerungen immer und überall auf der Erde?

Bei all diesen Dämmerungen stellt sich natürlich die Frage, ob denn alle Dämmerungen überall und immer auf der Erde stattfinden. Die Antwort ist hier ein klares Nein.
Hier einige Fakten aus Wikipedia dazu:

  • Die Dauer der Dämmerungsphasen hängt von der Schiefe der Sonnenbahn bei Sonnenauf- und Untergang ab. Dieses wiederum hängt vom Breitengrad der Beobachtung und von den Jahreszeiten ab.
  • Am kürzesten währt die Dämmerung, wenn die Sonne senkrecht untergeht. Dies passiert ausschließlich zwischen den Sonnenwendekreisen, beispielsweise zur Tagundnachtgleiche nahe dem Erdäquator.
  • Am 50. Breitengrad (Höhe Frankfurt am Main) dauern die drei Dämmerungsphasen zusammen morgens und abends jeweils mindestens 2 Stunden. Das astronomische Ende wird in den kurzen Nächten um die Sommersonnenwende nicht erreicht: Die abendliche geht in die morgendliche Dämmerung über (Mitternachtsdämmerung bzw. „Weiße Nächte“).
  • In Regionen ab dem Polarkreis (rund 67° Breite), geht die Sonne zu diesem Termin nicht unter (Mitternachtssonne) und ein halbes Jahr später nicht auf (Polarnacht).
  • Die längsten möglichen Dämmerungszeiten werden somit dadurch erreicht, dass die Sonne nach Untergang das entsprechende Niveau unterm Horizont nur erreicht, aber nicht unterschreitet.
  • Am Nordpol dauert der Sonnenuntergang 32 Stunden. Dann folgt 12 Tage bürgerliche Dämmerung (vom 24.9.-8.10.), 16 Tage nautische Dämmerung (8.10.-24.10.), 19 Tage astronomische Dämmerung (24.10.-12.11.). Und für den Zeitraum von 80 Tagen, vom 12.11.-28.1., ist die Polarnacht wirklich Nacht in dem Sinne, dass die Sonne mehr als 18° unterm Horizont steht.
  • Diesseits von 84,5° nördlicher/südlicher Breite geht der Sonnenmittelpunkt jeden Tag höher als 18° unterm Horizont. Es gibt also auch in der dunkelsten Nacht des Jahres außer dunkler Nacht einen hellen Moment astronomischer Dämmerung. Die längste astronomische Dämmerung dauert hier fast 13 Stunden.
  • Diesseits von 78,5° geht der Sonnenmittelpunkt jeden Tag höher als 12° unterm Horizont, auch in der dunkelsten Nacht des Jahres gibt es (neben Nacht und astronomischer Dämmerung) einen hellen Moment nautischer Dämmerung. Jenseits davon geht mindestens einmal die morgendliche astronomische Dämmerung in die abendliche astronomische Dämmerung über, die dann insgesamt fast 9 Stunden dauert.
  • Diesseits von 72,5° geht der Sonnenmittelpunkt jeden Tag höher als 6° unter den Horizont, auch in der dunkelsten Nacht des Jahres gibt es einen hellen Moment bürgerlicher Dämmerung. Jenseits davon geht mindestens an einem Tag die morgendliche nautische Dämmerung direkt in die abendliche nautische Dämmerung über, die dann insgesamt 3 Stunden dauert.

Puh, das war jetzt ganz schön verwirrend, wann wie und wo die Dämmerungen stattfinden oder eben nicht. Ich denke wirklich, dass man es sich an den Polen am besten veranschaulichen kann, wo die Sonne innerhalb eines Jahres entweder nicht auf, bzw. nicht untergeht. Die Situation zwischen den Wendekreisen ist auch noch einigermaßen vorstellbar. Zwischen diesen Extrempunkten ist quasi alles möglich.

Zum Abschluss dieses Artikels stelle ich mal die Frage in den Raum, wie uns bitte die Flacherdler, also diejenigen, welche bis heute glauben, dass die Erde eine Scheibe sei, uns diese ganzen Dämmerungen und ihre Zeiten erklären wollen.

Eine Astronomische Ostergeschichte für Respekt, Verständnis und gegenseitiger Toleranz und Achtung


Liebe Leser*innen,

heute Nacht war die Zeitumstellung auf die Sommerzeit und wir starten in die Karwoche 2021. Heute ist Palmsonntag und gleichzeitig der erste Frühlingsvollmond, der für die Berechnung unseres Osterfestes grundlegend ist.
Nur noch eine Woche lang durchhalten, für all jene, welche die Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostersonntag nutzten, um auf die eine oder andere Art zu fasten, auf Dinge zu verzichten usw.
Alle Achtung für jene, die es trotz allen sonstigen Widrigkeiten in diesen Zeiten durchgezogen haben.

Um Fasten an sich wird es aber in diesem Artikel nicht gehen, aber es geht darum, wann überhaupt Ostern z. B. auch in anderen Glaubensgemeinschaften gefeiert wird und wie sich andere Feiertage daraus ableiten. Wie Ostern bei uns berechnet wird, beschrieb ich ja schon in “Wieso ist Ostern manchmal so früh, und manchmal so spät“.

Anders und doch gleich

Es gibt aber Glaubensgemeinschaften, die zwar unseren gregorianischen Kalender benutzen, aber für die Feiertage eben nicht.
Im Sinne der anderen Glaubensgemeinschaften soll dieser Artikel ein Beitrag zum gegenseitigen Respekt, Verständnis und einem guten Miteinander werden.
Jeder kennt das, wenn man z. B. zu Weihnachten oder Ostern am Familientisch zusammen sitzt. Da fallen oft mal Sätze wie

Die feiern Weihnachten anders.

oder

Die feiern Ostern an einem anderen Tag.

oder

Die fasten zu anderen Zeiten.

Jeder kennt jemanden, der derlei in seiner Glaubens- oder Religionsgemeinschaft anders und zu anderen Zeiten praktiziert als wir.
“Die” klingt immer so fremd und exotisch. “Die” scheinen irgendwie anders zu sein und an etwas ganz anderes zu glauben, an etwas seltsames mystisches oder sonst wie fremdes.
Dem ist aber nicht so. “Die” leben unter uns. Viele von “Denen” fühlen sich aber auch dem christlichen abendländischen Glauben verpflichtet. und andere gehören z. B. dem Islam an.
Dann wollen wir diesem Mysterium doch hier mal die Zähne ziehen, damit wir hier aufhören können zu “fremdeln”. Auch das ist Aufklärung und trägt zum Verständnis und zur Akzeptanz anderer Gruppen bei.

Die große allgemeine Unwissenheit

Die allgemeine Frage, um die es hier geht fragt danach, warum die hohen Feste wann oder genau dann gefeiert werden.
Es ist egal, wo und wen man fragt und aus welcher Glaubensgemeinschaft die gefragte Person stammt.
Viele “Christ*innen”, die beispielsweise “meinen Blog” nicht gelesen haben, wissen nicht wirklich, warum Ostern manchmal so früh und manchmal so spät ist. Bevor ich mich mit Astronomie beschäftigte, wusste ich es auch nicht. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass das in der Schule, z. B. im Religionsunterricht, mal vernünftig und anschaulich erklärt wurde. Ostern kam und ging und wir freuten uns auf die Ferien und die Süßigkeiten…

Genau so unsere türkischen Mitschüler*innen. Sie praktizierten ihren Ramadan, der zu meiner Schulzeit in den 1980ern ungefähr in den Sommer fiel.
Auch sie konnten nie erklären, wieso wann Ramadan ist.
Wie auch immer.
Wir “Christ*innen” freuten uns dann auf den Sonnenuntergang und darauf, dass wir daran teilhaben durften, was ihre Mütter ihren Kindern so in ihre Koffer gepackt hatten. Schafskäse, Oliven, Melonen, verschiedenste Teigtaschen und papp süße Nachtische wurden dort dargereicht.

Deutlich weniger am Leben dran und weniger praxisorientiert erlebten wir im Internat Kamerad*innen, die nach ihren Erzählungen Ostern und Weihnachten zu anderen Zeiten feierten. Das war für sie manchmal eventuell doof, denn die Schulferien richteten sich ja nach unseren Daten und nicht nach deren aus. So konnte es durchaus sein, dass Kinder dieser Glaubensrichtungen Ostern hatten, obwohl die Osterferien bei uns schon vorbei waren. Manchmal, und das war auch etwas traurig, durften diese Kinder dann auch nicht bei unseren Ritualen, die man so in der Vorweihnachtszeit oder der Osterzeit mit uns im Internat feierte, oder ganz wichtig beim Ritual des Geburtstages, aus Glaubensgründen, von den Eltern verboten, nicht mit machen. Das aber nur am Rande. Ich nenne deshalb auch keine Glaubensgemeinschaft namentlich und verkneife mir den Begriff der Sekte.

Auf jeden Fall fragte ich auch jene neugierig darüber aus, wieso sie an anderen Tagen feierten, und bekam nie eine wirkliche klärende Antwort auf meine Fragen.

Und hier noch ein aktuelles Erlebnis zu unterschiedlichen Feier-Zeiten von mir.
Letztes Wochenende traf ich mich mit meiner Arbeitskollegin, ihrem Mann und den Kindern zu einem Spaziergang durch die Parks von Karlsruhe. Ich wollte ihnen verschiedene Vogelstimmen zeigen, erklären und dass wir sie gemeinsam lernen.
Da kamen wir natürlich auch auf Ostern. Diese Familie stammt aus Rumänien und gehört somit der orthodoxen Kirche an. Und da war es wieder, das Erlebnis. Sie feiern Ostern später. Ich wollte wissen, warum und wie sie Ostern berechnen, und die Antwort war, wie sie auch in meinem Fall früher ausgefallen wäre, sehr wage und ungenau. Sie lautete ungefähr so:

“Wie das genau funktioniert, weiß ich auch nicht. Das hat irgendwie mit dem Mond und einem anderen Kalender zu tun. Und außerdem wollen alle orthodoxen Brüder und Schwestern auf der Welt gemeinsam Ostern feiern können.”

Na, immerhin. Der Mond kam vor. Es ist fraglich, ob ich den früher überhaupt erwähnt hätte. Mir war früher nur klar, dass Ostern mit dem jüdischen Pessachfest zusammen fiel, weil zum Zeitpunkt der Verurteilung von Jesus gerade alles Volk nach Israel pilgerte, um dort zu opfern. So steht es in den Evangelien. Etwas von Frühlingsanfang und Frühlingsvollmond habe ich damals nie gehört und es auch nicht hinterfragt.

Und dann kam in der Antwort noch etwas: “Wir benutzen einen anderen Kalender”.
Das ist äußerst spannend.

Die Zeit des orthodoxschen Osterfestes

Wir benutzen ja schon seit vielen Jahrhunderten den Gregorianischen Kalender mit seinen Schaltjahren, seinen ganzen Schaltregeln und in der Neuzeit sogar mit seinen Schaltsekunden. Dieser Kalender hält unseren Jahreslauf in Takt. Für diese Hauptaufgabe braucht dieser Kalender den Mond nicht, wäre da nicht unser Osterfest. Der Ostersonntag fällt meistens auf den ersten Sonntag nach dem astronomischen Frühlingsbeginn, der Tag-Nacht-Gleiche, die in diesem Jahr am 20.03. war. Daraus leiten sich dann andere kirchliche Feiertage, wie Aschermittwoch, die Fastenzeit, Himmelfahrt, Pfingsten und noch einige nicht bundeseinheitlich geregelte Feiertage ab. Wie schon erwähnt, schrieb ich an anderer Stelle darüber, wie das genau funktioniert. Meistens und nicht immer schreibe ich deshalb, weil es zum einen eine Regel des Gregorianischen Kalenders gibt, die verhindert, dass Ostern später als am 25,04. sein darf. Und noch eine Verschiebung des Osterfestes tritt alle 19 Jahre auf, das sog. Osterparadox.
Das war an Ostern 2019 der Fall. Ich schrieb darüber in “Fällt Ostern 2019 aus?

Wie ist das aber nun bei meiner Kollegin, die der Orthodoxen Kirche angehört.

In der orthodoxen Kirche wird am Julianischen Kalender festgehalten.
Das ist der Kalender, der vor dem gregorianischen Kalender benutzt wurde.
Er orientierte sich stark nach dem Mond. Da sich aber unser Mond mit seiner Umlaufzeit nicht gut in den Rest des Jahreslaufes mit seinen Jahreszeiten etc. integrieren lässt, musste man manchmal einen dreizehnten Mond einfügen, damit die Feiertage, die Erntezeiten und vieles mehr nicht komplett aus dem Takt gerieten. Als der Zeitpunkt des Osterfestes etwa 300 n. Chr. festgelegt wurde, war dieser julianische Kalender noch in Gebrauch.
Daher findet der 21. März (im 20. und 21. Jahrhundert) 13 Tage später statt als im gregorianischen Kalender. (Übrigens war das Zusammenlegen des “liturgischen” mit dem “astronomischen” Frühlingsbeginn einer der Hauptgründe für die Einführung des gregorianischen Kalenders). Daher findet das orthodoxe Osterfest manchmal eine Mondphase später statt. Außerdem berechnet die orthodoxe Kirche das Osterdatum nach einer bereits in der Antike festgelegten Rechenvorschrift, dem Metonischen Zyklus
Er dauert 19 Jahre. Es ist der Zyklus, den ich in meinem Artikel zum Vollmond an Halloween beschrieb. Man kann mit ihm beispielsweise berechnen, wann der Vollmond, und natürlich auch der Neumond, wieder auf einen bestimmten Tag, z. B. den Heiligen Abend, oder meinetwegen auch auf eure Geburtstage fällt.
Die Länge des 19-jährigen Mondzyklus wurde damals um ca. 2 Stunden zu lang angenommen, was sich im Laufe von 17 Jahrhunderten zu einigen Tagen addiert hat. Dies ist ein weiterer Effekt, der dazu führen kann, dass das orthodoxe Osterfest eine Woche oder im Extremfall, wenn er sich mit dem obigen Effekt addiert (z. B. 2005), fünf Wochen später stattfindet als das lateinische. Von diesem letzteren Effekt ist übrigens auch der Jüdische Kalender betroffen.
Wie der julianische Kalender im einzelnen funktioniert, würde den Rahmen dieses Artikels vermutlich sprengen.
Eine Konsequenz und Tradition, die sich aber bis heute wegen dieses Kalenders hielt ist, dass die Dreizehn (13) eine Unglückszahl sein soll.
In meinen Gedanken zu Freitag, 13. ist dieses Phänomen ausführlich und hoffentlich auch lesenswert erklärt.
Belassen wir es also dabei und stellen uns für heute die letzte Frage.

Wie berechnen unsere islamischen Freunde ihre zweitwichtigste religiöse Zeit, ihre Fastenzeit, den Ramadan?

Wikipedia sagt dazu:

Der Ramadan (arabisch رمضان, DMG ramaḍān ‚der heiße Monat‘) ist der Fastenmonat der Muslime und neunter Monat des islamischen Mondkalenders. In ihm wurde nach islamischer Auffassung der Koran herabgesandt.
Das Fest des Fastenbrechens (arabisch عيد الفطر id al-fitr / türkisch Ramazan bayramı) im unmittelbaren Anschluss an den Fastenmonat zu Beginn des Folgemonats Schawwal ist nach dem Opferfest der zweithöchste islamische Feiertag.

Im Koran heißt es zur Länge der Fastenzeit:

„Fastet erst, wenn ihr sie (die Mondsichel – Hilal) seht, und brecht das Fasten erst, wenn ihr sie (wieder) seht…“

So ergibt sich das einmonatige Fasten vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang.
Dann heißt es im Koran weiter:

Wer nun von euch während des Monats anwesend (d. h. nicht unterwegs) ist, soll in ihm fasten.“

(Koran: Sure 2, Vers 185)

Dem Gedenken an die Offenbarung des Korans ist auch Sure 97 gewidmet, in der es heißt:

„Wir haben ihn (d. h. den Koran) in der Nacht der Bestimmung hinabgesandt. Aber wie kannst du wissen, was die Nacht der Bestimmung ist? Die Nacht der Bestimmung ist besser als tausend Monate.“

(Koran: Sure 97)

Aufgrund der vorhergehenden koranischen Aussage gilt es als ausgemacht, dass die Nacht der göttlichen Bestimmung (lailat al-qadr / ليلة القدر / lailatu ʾl-qadr) eine Nacht im Monat Ramadan ist. Da man sich also über die genaue Nacht der Offenbarung des Korans nicht im Klaren war, feiert man diese Nacht überwiegend in der Nacht zum 27. Ramadan, aber auch an anderen ungeraden Tagen der letzten zehn Tage des Fastenmonats.
Dem letzten Drittel des Ramadan kommt außerdem deswegen eine besondere Bedeutung zu, weil in dieser Zeit die fromme Übung des Iʿtikāf, der „Absonderung“ in der Moschee, stattfindet.

Welcher Monat ist aber nun gemeint?
Während das tägliche Gebet (salat / صلاة / ṣalāt) und die islamische Pilgerfahrt (haddsch / حجّ / ḥaǧǧ) auf festgelegten Zeiten beruhen, sind der Beginn und das Ende des Fastenmonats Ramadan im islamischen Überlieferungswesen stets widersprüchlich überliefert und diskutiert worden. Den Anfang des Ramadans zeigt die Sichtung (ru’ya / رؤية / ruʾya) der neuen Mondsichel (hilal) am Ende des letzten Tages/in der letzten Nacht des Vormonats Scha’ban an. Der Grundtypus dieser Traditionen in den kanonischen Hadithsammlungen als Direktive des Propheten lautet:

„Der Monat besteht aus 29 Tagen. Fastet erst, wenn ihr sie (die Mondsichel – hilal) seht, und brecht das Fasten erst, wenn ihr sie (wieder) seht. Und wenn (der Himmel) über euch bedeckt ist, so bestimmt ihn /Var. vervollständigt die Zahl der Scha’ban-Tage/ auf 30 (Tage).“

(Hadith Abu Dawud, Buch 13, Nr. 2312; al-Bukhari, Buch 31,Nr. 130-131.)

Ausschlaggebend für den Beginn bzw. für das Ende des Ramadans ist, wie schon gehört, stets jeweils die Sichtung der Mondsichel durch einen oder durch mehrere Zeugen. Umstritten bei der Festlegung des Monatsbeginns ist die Rolle der Astronomen (munadschdschim) und der Mathematiker (ahl al-ma’rifa bil-hisab), die es in der frühislamischen Gesellschaft noch nicht gab und die später allein durch Berechnungen (hisab) ohne Sichtung der Mondsichel den Monatsanfang festzulegen bestrebt waren.

Die Festlegung des Ramadanbeginns gibt in der arabisch-islamischen Welt bis in die Gegenwart hinein jedes Jahr Anlass zu kontroversen Diskussionen. Denn der Verzicht auf die Sichtung der neuen Mondsichel als Anfang des Ramadans und die stattdessen geführte astronomische Berechnung führen zwangsläufig zur Ignorierung des prophetischen Gebots „fastet erst, wenn ihr sie seht“.
In Ägypten bestimmt das erste Neulicht in Assuan den Beginn des Ramadans, wobei das gesichtete Neulicht telefonisch nach Kairo gemeldet wird und anschließend die Ausrufung des Ramadans erfolgt.

Die Berechnung des Ramadan ist also gar nicht so einfach, wie man sieht.
Erstaunlich ist, dass hier das religiöse Buch versucht, den Zeitpunkt und die Länge des Ramadan zu bestimmen, was aus astronomischer Sicht natürlich schwierig ist. Ich kenne keinen vergleichbaren Versuch aus der Bibel. Allerdings kenne ich nicht die ganze Bibel und könnte mir vorstellen, dass sich derlei z. B. in den Büchern Moses, wo viele Regeln festgehalten sind, versteckt.
Wer hier theologisch mehr drauf hat, bitte gerne in die Kommentare für alle lesbar damit. Mein lieber Freund, Pfarrer und Mitleser Volker, könnte hier vielleicht mehr wissen.

Im Islam wird also durch den gregorianischen Kalender konsequent und in viel stärkerem Maße, wie bei uns, ein Mondkalender mit geführt.
Da der Mond nicht sauber unserem Jahreslauf sich unterordnet, wandert der Fastenmonat in etwa 30 Jahren ein mal durch den ganzen Jahreslauf. Ramadan im Winter dürfte etwas leichter zu schaffen sein, aber im heißen Sommer, wenn tagsüber nichts getrunken werden darf, stelle ich ihn mir hart vor.
Weil das den Nomaden in der Wüste etc. durchaus auch bewusst war, schrieb der Prophet Mohammed einige Regeln auf, wie der Ramadan für Kinder, Kranke, Alte, Schwangere und sonstige schwache Menschen abgemildert oder gar ausgesetzt werden kann.

Puh, das war jetzt aber viel Kalender und Erlebnisse.
Ich wünsche mir davon, dass der Artikel wenigstens etwas zum Respekt anderer Glaubensgemeinschaften, und damit meine ich wirklich alle, beitragen kann.

Astronomie aus dem Baumarkt – Mein schönstes Weihnachtsgeschenk 2020


Liebe Leser*innen,

nun meldet sich auch der Blindnerd mit einem etwas länglichen Artikel zurück im Jahre 21. Ich hoffe, ihr konntet alle das etwas andere Weihnachten und das etwas andere Silvesterr trotz allem genießen. Ich hatte es mit einem Freund und seiner Familie in Saarbrücken sehr schön. Es war beschaulich, gemütlich und sehr entspannt.
Dank an ihn und seine Familie, dass sie mich für zehn Tage beherbergt haben, ansonsten wäre die Zeit im Lockdown sehr einsam für mich geworden. Selbstverständlich lief hier alles im Rahmen des Erlaubten und ggf. unter der Maske ab.

OK, die Weihnachtszeit liegt hinter uns. Hoffentlich können und dürfen wir die nächste Weihnachtszeit wieder etwas lockerer in gewohnter Weise feiern.
Es ist zwar etwas spät, wenn ich euch heute von einem Weihnachtsgeschenk, von einem sehr astronomischen Weihnachtsgeschenk erzähle, zumal das neue Jahr quasi schon im Gange war, als ich es per Post zugestellt bekam, aber das ist in der Geschichtsschreibung nichts ungewöhnliches, dass Ereignisse, z. B. Kriege, deren Siege oder Niederlagen, Naturkatastrophen, ja auch Ausbrüche von Pandemien oder Feuersbrünsten später im Nachhinein astronomischen Ereignissen oder Gegebenheiten zugeordnet wurden. Daten werden hierzu beispielsweise Erscheinungen von Kometen oder Sonnen- und Mondfinsternissen zugeordnet. Da wird dann halt noch etwas an der Geschichte geschraubt, dass es wieder passt. Das tue ich heute auch, indem ich ein quasi sagen wir Geschenk, dass ich eher zu Dreikönig als zu Weihnachten bekam, als mein schönstes Weihnachtsgeschenk bezeichne. Später werden die Geschichtsschreiber die zeitliche Lücke vielleicht Problemen der Paketzustellung zuschreiben, denn dass mein Geschenk kein Weihnachtsgeschenk gewesen sein soll, wo doch noch die große Konjunktion, quasi der Weihnachtsstern am Himmel stand, wird niemand im nachhinein behaupten wollen. Vielleicht wird man dereinst Corona der Erscheinung des Kometen Neowise zuordnen. Ich schrieb in meinen Kometengeschichten 4 darüber.
So einfach geht es, dass man, in meinem Fall harmlosen Schwurbel erzeugt. Hüten wir uns vor bösem Schwurbel, der sehr gefährlich sich schlimmer noch, wie das Virus selbst, auf der Welt momentan verbreitet und weit größeren Schaden hinterlassen kann, als das Virus, aber lassen wir das für den Moment und wenden uns dem Geschenk nun zu…

Die Ankunft

am 04. Januar erhielt ich plötzlich einen Anruf von meinem ehemaligen Geschichtslehrer, Freund, Mentor und bis heute Chorleiter, dietmar. Das ist an sich nichts ungewöhnliches, dass der mich anruft, da uns vor allem musikalisch viel verbindet. Ich singe voll Begeisterung in seinem Ehemaligenkor der Blindenschule, in welcher er vierzig Jahre lang unterrichtete und mittlerweile seit ungefähr anderthalb Jahrzehnten seinen wohlverdienten Ruhestand genießt. Er leitet diesen Chor bis heute, unterstützt unsere Folk-Gruppe Soultouch, die sich aus diesem Chor gebildet hat, ich darf bei Auftritten und Proben stets die Tonaufnahmen ziehen und dann versuchen, sie am PC so hin zu bekommen, dass man sie durchaus auch mal auf die eine oder andere Weise veröffentlichen kann, z. B. auf CD.
Es ist also nichts besonderes, dass er mich anruft, zumal ich hier noch einige Abmischungen in der Pipeline habe und wir eine Oster-CD planen.
Anstatt musikalischer Dinge fragte er mich plötzlich, an welche Adresse er mir etwas schicken könnte. Er habe ein etwa 50 cm im Quadrat großes Paket für mich und würde mir das gerne schicken. “Du liebe Güte”, dachte ich. Was soll das denn sein. Liedtexte in Punktschrift schieden aus, denn die schickt er mir elektronisch und ich drucke sie dann. Verstärkt wurde die Spannung noch dadurch, dass er darum bat, dass wir das Paket gemeinsam öffnen, also ich solle ihn anrufen, und er leitet mich an, wie das Teil zu öffnen sei.

Er nannte seine Verpackung “Böhringer-Verpackung”, so heißt er, und ich kann euch sagen, das ist sie auch.
Am Donnerstag nach Dreikönig erhielt ich nun dieses große, flache Etwas.
“Will er mir jetzt ein Bild schenken?” war mein erster Gedanke. Das wäre ja dann vielleicht nicht ganz das passende Geschenk für einen Blinden. “nein, das kann ich mir nicht vorstellen”, aber wie ein gut verpacktes Bild fühlte es sich tatsächlich an. Die Verpackung besteht aus einem Holzrahmen aus vier Leisten, einer Rückwand aus Karton, einem Deckel auch aus Karton und alles war äußerst raffiniert und kunstvoll mit hochwertigem Tape verklebt. Nicht zuletzt hatte das Paket noch eine Trageschnur. Ich hielt meine Neugierde aus und wartete auf seinen Anruf, damit wir den Schatz gemeinsam heben würden, wie ich es ihm versprochen hatte.

Die Schatzhebung

Sein Anruf kam am Freitag Abend. Allerdings zunächst etwas ungünstig, da mir wenige Minuten vorher ein Bote etwas anderes flaches in einem Karton vorbei brachte, eine Pizza. So vertröstete ich Dietmar auf später, öffnete ein Fläschchen wein und versorgte die Pizza in meinem Bauch. Dann suchte ich meine Ausrüstung,

  • Messer,
  • Schere,
  • Headset für die freien Hände,
  • Telefon,
  • mein Weinglas, das Teleskop des blinden Astronomen
  • das Paket

zusammen, setzte mich aus Platzgründen auf meinen Wohnzimmerteppich und rief ihn an. Ich hatte mir schon ausbedungen, wo ich das Messer zuerst ansetzen würde. Sofort kam von ihm die Warnung, dass ich um Himmels willen nichts und nirgendwo schneiden solle. “Wie soll das dann aufgehen”, dachte ich mir. “Hat er dafür einen Zauberspruch?”
Nein, den hatte er nicht, sondern etwas viel besseres. Er dirigierte meine Hände über den Deckel des Paketes, indem ich zuerst den Ausgangspunkt, den Adressaufkleber finden sollte. Von dort aus ging es dann in verschiedene Richtungen an die Ränder des Paketes, wo ich die Verklebung fühlen konnte. Und was war das. Da gab es wirklich nichts zu schneiden. Dietmar hatte die Tapestreifen so verlängert, dass er sie zu Laschen umschlagen konnte. Ein kurzer Ruck an jedem, ein deutlich hörbares Ratschen und der Klebestreifen ließ sich rückstandsfrei öffnen. Es war halt sehr gutes Klebeband. Ich erkannte es sofort. Damit verklebten wir über dreißig Jahre unsere Kabel am Boden unterschiedlichster Bühnen, wo ich mit verschiedensten Bands auftrat. Ob Hochzeit, Tanzabend, Schulfest, Folk-Fest etc. dieses Klebeband hielt quasi unsere Bands, zumindest unsere Ausrüstung zusammen und niemand stolperte über seine eigenen Kabel und Füße. Übrigens war ich von 1986 – 1989 Gründungsmitglied, Bassist und Sänger in der Schulband, der Schule, an welcher Dietmar unterrichtete und ich Schüler war. Abends und nachts schrien wir unsere Seelen in die Mikros, und tagsüber mussten wir uns dann müde und verkatert durch Dietmars Geschichtsunterricht quälen, der aber meistens ganz interessant war.

Die Schule, um die es ging, ist die Nikolauspflege Stuttgart, eine Ausbildungsstätte für Menschen mit Blindheit oder Sehbeeinträchtigung.

Tja, solche Erinnerungen kommen einem, wenn sich Freunde so lange kennen, miteinander telefonieren und man dieses Klebeband in Händen hält. Also, nun waren alle Laschen gelöst und ich konnte den Deckel von mir weg aufklappen.

Die Erkundung

Nun tastete ich und tastete, fühlte dicke und dünnere Punkte auf Folie, manche davon waren durch Striche miteinander verbunden, und bei genauerem Tasten fand ich sogar Beschriftungen in Punktschrift.
Und da durchfuhr es mich. Ähnlich dem klaren und lauten C-Dur-Akkord, der in Joseph Haydns Schöpfung heraus bricht, als “Es werde Licht” gesprochen wird, bei dem es mir immer, wenn ich nur an diesen Klang denke, kalt den Rücken herunter läuft, so geschah es mir auch jetzt. Mit Wucht und Klarheit traf es mich. Was hier vor mir auf dem Boden lag, ist eine taktile Sternnkarte. “Wo hat er die denn jetzt wieder ausgegraben” fragte ich ihn. Ihr müsst wissen, dass solche tastbaren Sternenkarten äußerst selten sind, fast so selten wie die Zauberringe der Elben aus Herr der Ringe und aus dem kleinen Hobit.

Sie sind äußerst schwer herzustellen.

Exkurs über die Herstellung der Sternkarte

Man musste damals, als es noch keine 3D-Drucker, keine graphikfähigen Braille-Drucker und keine Lasercutter gab, mühsam das Modell der Karte auf einem Brett erstellen. Zunächst muss man die Karte zeichnen, bzw. eine auf das Brett kleben, was meist ob der Größe, die man zum Ertasten benötigt nicht ausreicht, also muss man sie skalieren, vergrößern und irgendwie für die Modellierer*in sichtbar auf das Brett aufbringen. Dann werden die Löcher für die Sterne gekörnt (angebohrt). Danach müssen Alle Verbindungsdrähte geschnitten werden, welche dann mit den Sternen als Ecken die Sternbilder ergeben sollen. Linien, die es am Himmel nicht gibt, aber die wir uns in unserer äuropäischen Kultur schon seit der Antike so ausgedacht haben, um Orientierung am Himmel zu haben. Und da ist gleich noch ein Problem. Der Himmel befindet sich an der Innenseite einer Halbkugel, die sich über uns wölbt. Das Brett aber ist flach. Hat jemand von euch schon mal versucht, z. B. einen abgeblasenen Ball flach auf einen Tisch zu legen? Es wird niemals ohne Falten gehen, weil eine Kugel einfach eine Kugel ist. Auf ihr herrscht eine völlig andere Geometrie als auf einem Brett. Dort ist die Ggeometrie flach. Das bedeutet, dass ein Dreieck eine Winkelsumme von 180 Grad besitzt.
Auf einer Kugel kann man drei Linien sich rechtwinklig so schneiden lassen, dass man ein Dreieck mit drei rechten Winkeln, also 270 Grad als Winkelsumme bekommt.
Stellt euch z. B. einen Globus mit seinem Äquator vor. Nun wählen wir uns einen Längengrad, z. B. den Null-Meridian. Wir führen ihn auf dem Globus weiter, bis sich die Linie schließt. Nun nehmen wir einen weiteren Längengrad, der an den Polen mit dem ersten einen Winkel von 90 Grad bildet. Das tuen die beiden Längengrade mit dem Äquator auch,
Und siehe da. Wir haben Dreiecke mit drei rechten winkeln.

Also muss auch das immer dann beachtet werden, wenn man flache Karten zeichnet. Erstellt man einen Grundriss einer Wohnung, oder vielleicht noch eines Hauses, dann schlägt die Erdkrümmung noch nicht so sehr zu, aber Geodäten (Weltvermesser) bekommen es dann schon mit der Kugelform der Erde zu tun, vor allem auch bei Seekarten etc.
Wer einen Globus mit einer flachen Weltkarte vergleicht, auf welcher noch die Längen- und Breitengrade eingezeichnet sind, wird die Verzerrung deutlich fühlen. Das schlägt am Himmel natürlich auch zu.

Nun werden einzeln die Sterne genagelt, verschraubt und miteinander mit den Drähten verbunden, dass sich langsam die Sternbilder aufbauen. Das ist sehr kniffelig, denn die Drähtchen sollen sich ja auch nicht verbiegen und die Nägel oder Schrauben nicht krumm sein. Bei meiner Karte hier hat sich der Schöpfer sogar die Mühe gemacht, dickere und dünnere Nägel für unterschiedlich helle Sterne zu verwenden. So ist z. B. der Sirius sehr dick. Nun müssen die Schildchen für die Blindenschrift geschrieben werden. Ohne Computer war das früher nur so möglich, dass die sehende Modellierer*in die Punktschrift selbst mit einer Punktschrifttafel oder Punktschriftmaschine erzeugen kann, bzw. es muss eine blinde Person zu Rate gezogen werden, die das erledigte.

Sorry, ihr Lehrer*innen, die ihr blinde Menschen unterrichtet. Wer von euch kann das noch ohne Computer und Punktschriftdrucker?

Ich kenne sogar blinde Menschen, die nicht mehr auf einer Punktschrift-Tastatur klar kommen. Ist ja dank der modernen Technik auch nicht mehr so wichtig, aber ich denke doch, dass zumindest geburtsblinde Menschen, oder solche, die die Beeinträchtigung relativ jung erwerben, das noch lernen sollten. Ohne Punktschrift auf Papier schreiben zu können, hätte ich, nur an der Braille-Zeile arbeitend, meine Mathematik-Studien an der Uni niemals geschafft.

Nun ist das Modell, die Vorlage fast fertig.
Es muss nun noch für die Vakuum-Maschine präpariert werden, damit man mit dem Tiefzieh-Verfahren Folienabzüge davon anfertigen kann.

Exkurs über das Tiefzieh-Verfahren in der Welt der Blinden

Das Tiefzieh-Verfahren funktioniert so, dass man eine Folie auf das Modell legt, und beides dann in den Tiefzieh-Ofen schiebt. Ein Klapprahmen am Rand verhindert das Verrutschen der Folie. In diesem Apparat wird nun die Folie durch Erwärmung weich gemacht. Gleichzeitig wird von unten die Luft aus dem Ofen gesaugt. Dieses Vakuum zieht nun die weiche heiße Folie über das Modell. Kühlt man das ganze dann ab, bleibt ein Folienmodell der Sternenkarte zurück. Dies kann man nun mit neuen Folien wiederholen, und erhält dann mehrere Kopien des Modells.
Der Teufel steckt aber auch hier im Detail. Durch ein hartes Brett lässt sich kein Vakuum ziehen. Das muss die Modellierer*in bedenken und kleine Löcher in die Platte bohren, damit durch diese die Luft abgesaugt werden kann. Verteilt man diese Löcher nicht richtig auf dem Brett, dann passiert es, dass das Vakuum ungleichmäßig gezogen wird, die Folie dann falten wirft, die man im Nachhinein nimmermehr heraus bekommt und die Folie ist dann kaputt. Auf diese Weise haben unsere Lehrer früher mit Punktschrift-Vorlagen auf Papier, die sie von Hand mit einer Punktschriftmaschine abschreiben mussten, Folienkopien für uns erstellt. Normalerweise durften wir diese Folientexte natürlich behalten, denn wir mussten deren Inhalt ja noch lernen… Zu Zeiten der Ölkrise Anfang der 70er Jahre wurden die teuren Folien aber wieder gesammelt und neu eingeschmolzen. Daran kann ich mich noch als kleiner sechs oder siebenjähriger Schüler erinnern, das das gemacht wurde.

Der Fund

Also, nun lag dieses sehr aufwändig hergestellte Geschenk vor mir und ich war den Tränen vor Rührung nahe und musste erst mal an meinem Weinchen nippen.

  • Wie kam ich zu der Ehre, dass mein Freund mir eine solche Karte schenkt?
  • Wo hat er sie gefunden?
  • Wie alt mag sie sein?
  • Gibt es die Vorlage dafür noch?
  • Lebt der Hersteller der Vorlage noch?
  • Wie kann ich demjenigen danken, der die Kopie für mich gezogen hat
  • Wie kann ich Dietmar und den hilfreichen Personen das je danken?

Das waren so Fragen, die mir da demutsvoll durch den Kopf gingen.
Es ist so, dass es vermutlich an nahezu allen Blindenschulen noch Speicher, Keller und Abstellräume gibt, wo noch derlei Schätze lagern. Heute lagern die Modelle nur noch auf Festplatten von Computern oder in Clouds, damit sie für die Nachwelt verfügbar bleiben.
Dietmar interessiert sich schon immer, schon auch als Historiker, für alte Sachen. Er findet solche Schatzgruben und hütete sie auch, als er noch nicht pensioniert war.
Er hütete sie nicht nur, sondern verwendete sie in seinem Unterricht. Einmal, als ich in einer Pause entweder einem Mädchen nachgehen wollte, eine Zigarette rauchen oder einfach nur ein biologisches Grundbedürfnis hatte, rief er mich plötzlich in seinem schwäbischen Dialekt an.

Kosch Dur mir amol helfe, ebbes zum trage? Mir brauche des bei euch in der nächste Stond.

Willig und damals noch den Lehrern hörig, ließ ich von meinem geplanten Vorhaben ab, erklärte mich freundlich bereit und folgte ihm in seinem schnellen Schritte in einen Raum, in dem ich vorher noch nie gewesen war. Moderig und stickig war dort die Luft. Besonders viel Licht gab es dort auch nicht, was ich damals noch sehen konnte. Was er getragen haben wollte war ein etwar 120 auf 80 cm großes Modell eines Schützengrabens, dessen Funktionsweise er uns in seinem Geschichtsunterricht näher bringen wollte. “Um Gottes Willen”, mag da mancher pazifistisch orientierte Alt-Achtundsechziger Pädagoge gedacht haben. “Wieso muss man Blinden so etwas zeigen”. Ich denke, man muss schon. Dinge werden nicht dadurch besser, indem man sie verschweigt. Auf jeden Fall war das Ding aus Gibs gemacht, aus sehr vielen Kilo Gibs. Mein Rücken erinnert mich vermutlich manchmal noch heute an diese eine kleine Pause, an diese einen schneidendenSchmerzen in meinem Rücken. Zumindest kommt die Erinnerung daran, wenn er mal wieder zickt. Die Liebe zu Dietmar ist es aber Wert, sich auch mal über seinen Rücken an ihn zu erinnern. Nein, Quatsch, aber ich glaube, ich hatte bis da hin noch nie so etwas schweres in meinem leben getragen.
Aber zurück zum Archiv, Du alter Schwätzer…

In solch einem Archiv stieß er wohl auf die Vorlage zu dieser Sternenkarte. Da das Modell noch in Takt schien, wendete er sich an einen Lehrer, einem Bruder im Geiste, der noch an dieser Schule arbeitet und bat ihn, einen Folienabzug von dieser Karte extra für mich zu erstellen.

Wer das Modell, ich vermute mal in den siebziger Jahren des letzten jahrhunderts erstellt hatte, lässt sich leider nicht mehr genau sagen. Dieser Lehrer lebt mit Sicherheit auch nicht mehr. Es gibt mehrere Kandidaten, die dafür in Frage kämen, von denen mein pensionierter Freund noch welche kannte. Entweder ein Lehrer hat das Modell in seiner Freizeit erstellt, wie das noch zu meiner Zeit oft geschah, oder es gab auch Angestellte, die als Modellbauer an Blindenschulen arbeiteten. Heute heißen diese Zentren Medienzentren und deren Hauptwerkzeuge sind Computer und Spezialdrucker.

Diese technischen Entwicklungen haben natürlich den enormen Vorteil, dass man Modelle über Dateien leicht austauschen und auf Plattformen für alle zugänglich speichern kann, welche über die entsprechende Ausrüstung verfügen.

Das hat den Vorteil, dass diese so erstellten Modelle gleich allen zur Verfügung stehen. Früher haben sperrige Holz-Modelle u. Ä. die Mauern einer Blindenschule nie verlassen. Wollte beispielsweise eine andere Blindenschule auch eine Sternenkarte haben, dann wurde das Rad eben neu erfunden.

Der Pädagoge erwacht

Nun erzählte mir Dietmar, wie die Karte funktioniert. Zum Glück habe ich schon viel Erfahrung mit taktilen Sternkarten. Ich suchte sofort in ihrem Zentrum den Nordstern, den großen Wagen, der zum großen Bären gehört, die nördliche Krone und dann nach und nach die verschiedenen Sternbilder weiter außen. Bei den Tierkreis-Zeichen ist neben der Beschriftung in Punktschrift weiter außen noch ein Ring mit kleinen Modellen der Tiere angebracht, z. B. ein Fisch, ein Widder etc. So sprachen wir noch lange und erzählten uns auch gegenseitig unsere Eindrücke und auch Geschichten zu den verschiedenen Konstellationen. Mein Freund wollte absolut sicher gehen, dass ich alles auf dieser Karte erkenne. Er wollte sicher gehen, dass die Karte mich nicht enttäuscht. Ja, das dachte er wirklich. Ich weiß nicht wieso. Er ahnt nicht, oder vielleicht langsam, was für eine ungeheure Freude er mir da gemacht hat. Diese Karte ist weit mehr, als nur eine Sternkarte.

  • Sie verbindet mich mit ihm.
  • Sie verbindet mich mit dieser Schule. Ohne auf diese Schule gegangen zu sein, wäre ich niemals Astronom geworden.
  • Sie verbindet mich mit dem besten Physik- und Chemieunterricht, den ich je hatte. Ein ganzes Kapitel in meinem Buch, Blind zu den Sternen widmete ich diesem Unterricht, den ich an dieser Schule genießen durfte. Leider kann auch diese Lehrerin nicht mehr erleben, was sie mit ihren Stunden für einen Samen in mein Herz gesäht hat, und wie der aufgegangen ist.

Zusammenfassung, wie die Karte nun aussieht

Es gibt ganz unterschiedliche Sternkarten. Je nach dem, was man damit machen möchte. Ich besitze derlei vier, wenn ich die digitale Universe2Go-App dazu zähle.

Die einfachste Sternkarte, die ich besitze, kann ich eigentlich nicht nutzen. Man kann zwar die Leuchtfarbe und somit die Sternbilder ertasten, aber damit macht man sie auf Dauer kaputt, weil der Fingerschweiß sicherlich das Papier und diese spezielle Farbe zerstört.
Sie ist eine Tabelle aller Sternbilder. Sie ist auch ein wertvolles Stück aus der Zeitschrift Yps, die mein Jahrgang vielleicht noch kennt. Da waren immer so lustige Bastel-Sachen drin. Die Sternbilder auf dieser Karte leuchten nachts, wenn man sie z. B. mit einer Taschenlampe dazu anregt. Damit kann man eigentlich nur vergleichend nach dem suchen, was man am Himmel gerade gesehen hat. Somit ist sie eher nicht zur Orientierung günstig, denn aufgehende Sternbilder verändern ihre Winkel und welche, die nicht unter gehen, sieht man sogar auf dem Kopf. Wertvoll ist mir dieses gute Stück, weil ich es von einem Freund und ehemaligen Arbeitskollegen erhalten habe, der meinte, bei mir wäre es besser aufgehoben. Er liest hier mit, und somit brauche ich seinen Namen, er heißt Michael, hier nicht zu nennen. Ich bin stolz auf unsere Freundschaft und auf die Sternkarte natürlich auch. Leider habe ich noch kein Foto davon für euch. Müsste ich mal nachts machen lassen, wenn sie leuchtet. Ob das geht?

Die üblichsten Sternkarten sind rund und drehbar. die untere Scheibe zeigt, z. B. wie die Karte von Dietmar, den Nordhimmel. Damit man sich in diesem Wimmelbild besser zurecht findet, ist die Sternkarte mit einer Deckscheibe versehen, die eine Öffnung hat. Außen, wo sich die Tierkreiszeichen befinden, verfügt so eine Planasphäre noch zwei ringförmige sie umlaufende Skalen. Hier kann man Monat, Tag und Urzeit der Beobachtung einstellen. Oft auch nur Monat und Tag. Dann werden von der oberen Scheibe alle Sterne abgedeckt, die man zu dieser Einstellung eben nicht sehen kann. Dann findet man sich schon etwas besser zurecht.

Solch eine alte taktile Karte besitze ich auch. In der Schweiz hat sich vor sicher mehr als vierzig Jahren mal jemand die Mühe gemacht, so etwas für uns Blinde zu erstellen. Auch ich habe diese Karte aus dem Speicher unseres Institutes vor vielen Jahrzehnten gerettet. Ansonsten wäre sie längst schon verfallen. Ihre Folie wird schon langsam brüchig, und ich zeige sie nur noch ganz Hand verlesenen leuten.
Ihr, liebe Leser*innen gehört natürlich dazu. Hier ein Foto, wie ich mit der Karte arbeite.
Wie ich die Sternenkarte abtaste

An der Sternwarte St. Andreasberg ist eine sprechende Himmelsscheibe entstanden, die auf so einer Karte beruht. An deren Entwicklung war ich nicht beteiligt, aber ein blinder Physiker aus Kiel und der Verein Andersicht e. V., dessen Mitglied ich bin.

Nun ja, und jetzt haben wir eben noch die neueste wunderbare historische Karte aus der Nikolauspflege, gefunden von Dietmar, Kopiert für mich von einem Lehrer, der noch an dieser Schule arbeitet und gezeigt und präsentiert von mir.

Ihr könnt sie euch so vorstellen, wie das untere Blatt einer drehbaren Sternkarte. Sie hat außen keine Zahlen, um Datum und Urzeiten einzustellen und auch kein rundes Deckblatt, was einem den gewünschten Himmelsausschnitt zeigt.

Ich hoffe, dass man sie auf den Fotos gut sehen kann, denn sie ist ja nur taktil und einfarbig.
Ausschnitt Kartenzentrum

Ganze Karte

So, meine lieben.
Das war alles, ihr Leute,
das war alles für heute,
das war ein teil aus meinem Repertoire.

Dieser Artikel gebührt der Ehre für

  • Dietmar Boehringer, der die Idee hatte, mir von seinem Fund eine Kopie ziehen zu lassen.
  • Sie gebührt auch dem Lehrer, der die Kopie zog, und deshalb noch mein signiertes Buch erhalten wird,
  • meinem Freund Michael, der mir die Yps-Karte überlies,
  • dem Speicher unseres Institutes, der die drehbare Karte für mich bewahrte
  • vielen Mitarbeitern unseres Institutes, die mit mir gemeinsam meine taktilen Astromappen und Modelle entwickelten
  • meinen Vorgesetzten, die das alles mit tragen
  • Martin, der mit mir gemeinsam Universe2Go auf eine Ebene hebte, dass Orientierung am Himmel für uns nun klare Wirklichkeit ist.

Diese alle haben für uns blinde Menschen ein Tor geöffnet, das Tor zum Himmel.

Großes Finale – Jahresrückblick 2020


Liebe Leser*innen,
Ungewöhnliche Zeiten erzeugen ungewöhnliche Workflows. Noch nie habe ich einen Artikel geschrieben, veröffentlicht, verändert, und aktualisiert, um ihn dann wieder vom Netz zu nehmen, um euch eine komplett neue und überarbeitete Version anzubieten. Genau das ist mit meinem Jahresrückblick 2020 geschehen. Wer also schon den alten Artikel von vor drei Tagen gelesen hat, wird hier, in der neuen Version noch viele schöne weitere Dinge finden.
Also, was lernen wir daraus? Ein Schritt zurück kann manchmal viel bringen.
Genug der vorrede. Auf zum Artikel.

lange habe ich mir überlegt, wie sich mein Jahresrückblick in diesem schwierigen Jahr gestalten soll. Ich musste Ersatz dafür finden, wo ich sonst reichlich von meinen Veranstaltungen berichten konnte. Somit wird dieser Jahresrückblick ein etwas anderer werden, wie so vieles in diesem Jahr anders ist. Keine Sorge, es wird ein positiver Rückblick sein, denn im Rückblick konnte ich genügend Inhalte finden, dass es hoffentlich für einen schönen Jahresabschluss reicht.

Also los:
Das Jahr 2020 fing eigentlich ganz positiv an.
Im Grunde wäre ich bis Ende November 2020 mit ungefähr 20 Workshops und Vorträgen an unterschiedlichsten Orten reichlich ausgebucht gewesen. Geplant war, das 2020 das Jahr der Schulen werden würde. Ganz viele Veranstaltungen sollten in verschiedenen Schulen stattfinden. Nun ja, es kam eben anders, aber einige Lichtblicke gab es doch. Daran muss man sich in schweren Zeiten erfreuen, und mit etwas Übung gelingt das auch, zumindest durfte ich diese Erfahrung machen.

Verpacke mich doch als Geburtstagsgeschenk

Ende 2019 erhielt ich eine besondere Anfrage aus Baden-Baden. Eine ganz liebe Frau wollte ihrem Mann zu seinem 50sten Geburtstag eine besondere Freude bereiten. Sie bat mich, dass ich ihrem Mann einen Abend lang für seine astronomischen Fragen zur Verfügung stünde. Sie meinte, dass er sich so sehr dafür interessiere, und in seinem Umfeld niemanden hätte, mit dem er sich in diesen Dingen austauschen könne. Zunächst konnte ich mir nicht richtig vorstellen, wie das ablaufen soll, aber das war für mich ein Grund, dieses Ereignis zu wagen. Also sagte ich zu. Wir trafen uns somit in relativ kleinem Rahmen in einem Nebenraum im Kurhaus Baden-Baden Wer dort schon mal war weiß, dass das Buffet und der Wein dort legendär sind. Und so fragte mich das Geburtstagskind Kreuz und quer astronomische schwarze Löcher in den Bauch. Das war eine große Herausforderung, denn der Mann wollte sehr schwierige Dinge wissen, die für sich genommen alleine schon ein abendfüllendes Programm gewesen wären. Außerdem musste ich immer wieder mit scheinbaren Zusammenhängen aufräumen, die er sich so gemacht hatte. Das reichte teilweise von Fehlinformation bis hin zu Schwurbel.
Wie auch immer. Ich durfte einen Menschen sehr glücklich machen. Und so konnte ich viele Fragen zwischen den verschiedenen Gängen zum Buffet und reichlich Wein beantworten. Ich sage es ja immer.

Das beste Teleskop des blinden Astronomen ist das Weinglas.

Ein Astronom und ein Mediziner

Ende Januar hatte ich einen Auftritt ganz besonderer Art. Ich durfte gemeinsam mit einem Schlaf-Forscher einen Informationsabend über die zyklische Schlaf-Wach-Störung Non-24, die manche zu 100 % von Geburt an erblindeten Menschen haben, gestalten. Mondphasen gleich verschiebt sich das Wach-Fenster in wenigen Wochen durch den 24 Stunden tag, was das Leben sehr einschränken kann. Und hier konnte ich z. B. mit den Mond-Phasen und anderen zeitlichen Phänomenen anhand der Astronomie die Krankheit gut veranschaulichen. Teil eines medizinischen Vortrages zu sein war wirklich etwas ganz speziell eigenes. Es hat aber sehr gut funktioniert. Der Mediziner und ich ergänzten uns perfekt.
Ich schrieb darüber ausführlich in Wenn alles aus dem Takt gerät.

Was bei Kindern immer geht

Ende Februar war ich zu einem Kindergeburtstag geladen. Das Geburtstagskind ist sehr weltraumbegeistert. Seine Mutter backte eine Donauwelle die so gestaltet war, wie eine Spiralgalaxie. Workshops bei Kindern begeistern mich immer sehr. Es gibt nichts schöneres als Kinderfragen. Außerdem hatten die Kinder im Vorfeld Raketen und Raumschiffe gebastelt. Daraus machten wir dann einen kleinen Wettbewerb. Die Legorakete und mein Leuchtmond wollten sie gar nicht mehr her geben, aber ich konnte sie dann doch überzeugen, dass ich die Sachen ja auch noch anderen Kindern zeigen wolle. Die Kinderfragen waren so zahlreich und so verschieden, dass ich sie hier gar nicht aufzählen kann. Ich bin immer wieder darüber verblüfft, wie viel astronomisches Wissen die Kinder in ihre Kinderwelt einbauen.
Astronomie ist ein fairer und inklusiver Zugang zu Kindern aller Schichten und sonstiger Unterschiede. Alle, die vielleicht mal erwägen, derlei mit Kindern zu versuchen, sei mein Artikel Astronomie für benachteiligte Kinder wärmstens ans Herz gelegt. Astronomie lässt sich auch hervorragend mit Kindern wunderbar mit Sport verbinden. In meinem Artikel Astrosport beschrieb ich, wie Sportstudenten so etwas inklusiv realisierten.
Anmerken möchte ich an dieser Stelle noch, dass es, wenn das vielleicht auch manche vermissen werden, in meinen Vorträgen trotz Einverständnis der Eltern, niemals Kinderfotos geben wird. Das ist mit den heutigen Möglichkeiten einfach zu gefährlich, was damit alles werden kann. Das Internet vergisst nichts und Kinder sind dagegen wehrlos, wenn man sie im Netz präsentiert. Dafür bitte ich um Verständnis.

Ich bin dann mal wech

Dieser Vortrag war dann erst mal der letzte vor Lockdown1.
Der zwang mich natürlich auch zunächst mal in eine gewisse, nennen wir es mal positiv “Kreativ-Pause”. Ich musste die ganzen Konferenz-Tools bedienen lernen. Dann konnte ich mir erst darüber Gedanken machen, ob mein Angebot zumindest in Gewissem Umfang nicht auch online möglich wäre.
Dass mir der Lockdown durchaus nicht nur so leicht von der Hand ging, beschrieb ich ausführlich in meinem Corona-Report.

Gehversuche Rampensau Online

Gesagt, getan. Gemeinsam mit einem befreundeten Astronomen und Familienvater, im Hauptberuf Lehrer, planten wir zu Ostern zwei Kindervorträge. Wir sprachen vor allem darüber, wie Ostern astronomisch funktioniert, über Frühlingsbeginn und vieles mehr. Der Vater unterstützte mich tatkräftig. Er zeigte auf seinem geteilten Bildschirm Fotos, spielte Videos ein und somit hatten wir fast ein kleines Planetarium am Start. Natürlich hielt auch ich Dinge in die Kamera. Leider waren die meisten Modelle im Büro, so dass ich mich mit dem wenigen begnügen musste, was eben gerade verfügbar war. Die Kinder hatten großen Spaß daran, mich mit Richtungsangaben so zu dirigieren, dass das Modell gut für alle zu sehen war. Ich setzte die Anweisungen manchmal absichtlich etwas falsch um. Dann schrien sie durcheinander und es wurde ein lustiges Spiel daraus. Auf jeden Fall war das ganze dann so richtig inklusiv und hat sich wirklich für alle gelohnt.
Aus diesem Vorträgen hier mal als Beispiel eine Kinderfrage:

Gibt es auch das Gegenteil zum Supermond?

Zum Schluss gab es dann auch noch eine virtuelle Ostereier-Sternensuche, die mein Freund vorbereitet hatte.
Um ein Osterei der besonderen Art drehte sich dann schließlich auch mein Oster-Artikel 2020, Das Kosmische Ei.

Geht doch!!!

Sehr bald schon stellte sich heraus, dass der Lockdown meiner Kreativität für den Blog sehr gut tun würde. Ich konnte zu vielen Themen schreiben. Ganz besonders stolz war ich, als ich mit euch den einhundertsten Artikel feiern durfte. Scheinbar hat sich das auch auf große Zeitungen übertragen. Völlig überrascht war ich, als ich plötzlich von einem Freund erfuhr, dass ich einen Artikel in den Badischen Neuesten Nachrichten hatte. Und das in diesen Zeiten, wo an Vorträge etc. nicht zu denken ist. Ich war und bin also trotz aller sozialen Isolation doch noch nicht ganz vergessen. Das hat mir in dem Moment außerordentlich gut getan.

Der große bringer Neowise

Und nun nahte der Sommer. Alles stand im Zeichen des Kometen Neowise. Das war für mich natürlich ein extremer Ansporn, auch mal über Kometen zu schreiben. Artikel um Artikel mit wichtigen Themen rund um Kometen erschienen und es ist längst noch nicht alles über sie erzählt.
Hier meine Kometen-Geschichten in chronologischer Reihenfolge:

  1. Der Jupiter-Crash
  2. Mein erster Kontakt
  3. Kometensuche Inklusiv
  4. Abschied von Neowise
  5. Kometenangst und Kometenbahnen
  6. Kometenschweife und Sternschnuppen

Im Zeichen des Kometen lockerte sich dann langsam wieder alles, und mein wunderbarer Urlaub in Schwarzach, Österreich- Vorarlberg im Haus im Grüne durfte angetreten werden.
Besonders nach dem schweren Lockdown1 war dieser Urlaub um sowichtiger für mich.
Wie wichtig mir dieses Refugium, meinen Urlaub mit blinden Menschen zu teilen ist, beschrieb ich ausführlich in Urlaub von der Blindheit nehmen.
Da ich diesen auf vier Wochen ausdehnte, hielt ich natürlich auch einige Vorträge für die Gäste. Es ging um eine akustische Reise durch unsere Galaxis (Das Ohr am Teleskop)
um Sternschnuppen im Juli (Stichwort Sternschnuppen Hören und Sehen), um die Hundstage im August, über die ich auch
schon ausführlich in (Die Hundstage)
und selbstverständlich auch um den Kometen Neowise. Beim letzten Vortrag brachten die Angestellten des Hauses sogar Kinder mit. Aus Transportgründen gab es diesmal zwar keine Modelle zu bestaunen, weil der mobile Service der Bahn wegen Corona nichts ins Ausland transportieren wollte. Aber dafür fanden sich im Haus noch einige Flaschen mit Resten von Helium, so dass die Kinder wie die Micky Maus sprechen und Ballons fliegen lassen durften. Das war eine großartige Erholungspause für mich. Endlich mal wieder astronomische Rampensau und Liedermacher am Lagerfeuer sein dürfen…

Große Aufregung – Mein erstes Webinar

Im Oktober bahnte sich dann ein hoch offizielles Ereignis an. Ich sollte für ein Seminar zur Fortbildung für Personen, die in der Jugendfortbildung tätig sind, ein Webinar zum Thema Astronomie im inklusiven Unterricht halten. Das war ein spannendes Ereignis, denn für dieses Webinar durfte ich zum ersten mal mein neues Mischpult und meine Studio-Headsets und Mikrofone in Betrieb nehmen. Den Kram hatte ich mir im Lockdown gekauft, weil ich mir einfach mit so etwas schönem was gutes tun wollte. Außerdem verfolge ich noch immer den Traum, diesen Blog hier noch um einen Podcast zu erweitern. Dafür braucht man bissel krasse Technik. Dieses Webinar orientierte sich in erster Linie an meinem Buch. Die Technik funktionierte perfekt. Ich fand heraus, dass Rampensau auch ganz gut online funktionieren kann. Die Veranstaltung wurde sehr gut besucht, sehr gut angenommen und es wurden am Ende sehr viele spannende Fragen gestellt. Ich bin sicher, dass sich hieraus noch weitere Veranstaltungen ergeben werden, wenn wir mal wieder dürfen. Dieses Event hat meinem Netzwerk sehr geholfen. Ich bin schon sehr auf das Video gespannt, wenn das veröffentlicht wird.

Geisterstunde

Vollmond an Halloween, der gleichzeitig noch ein “Supermond” ist, haben wir auch nicht so oft. Von da her nutzte ich die Gelegenheit, mit oben genanntem Astro-Vater eine kleine Halloween-Party online zu versuchen. Das war sehr lustig. Wir sprachen über das Vollmond-Ereignis an sich, aber auch über Werwölfe etc. Ich führte dann mit den Kindern noch ein kleines Geräusche-Rätsel mit Grusel- und Tiergeräuschen durch.
Letztlich ist dann für uns erwachsene dieser Artikelauf dem Blog entstanden.

Weihnacht online

Normalerweise habe ich von Oktober bis Anfang Dezember die meisten Vorträge und Freizeiten. All dieses musste natürlich auf eine andere Zeit verschoben werden. Ein Highlight gab es aber dennoch Anfang Dezember. Wir entschlossen uns im Vorstand des Evang. Blinden- und Sehbehindertendienstes unsere traditionelle Weihnachtsfeier in diesem Jahr online anzubieten. Das war eine große Herausforderung, denn zum einen sind vor allem unsere älteren Mitglieder*innen technisch nicht so versiert, und zum anderen funktionieren Dinge, wie gemeinsam zu singen, online einfach nicht. Ganz erstaunlich war, dass sich dann doch mit einigen Anfangsproblemen um zehn Personen zu dieser Feier versammelten. Es gab viele zahlreiche Beiträge. Wenn wir gemeinsam singen sollten, dann wurden alle außer ich stumm geschaltet. Ich gab mit der Gitarre, meiner Stimme und auch mit Mundharmonika die Lieder vor, und so konnte jeder für sich im Bewusstsein, dass auch die anderen das tun, mit singen. Erstaunlicher Weise entwickelte sich die Feier auch online ganz wunderbar. Jeder hatte sich seine Weihnachtsumgebung aufgebaut und wir waren uns vielleicht sogar näher, als bei so mancher Feier, die gemeinsam in einem Raum stattgefunden hatte. Natürlich berichtete ich auf dieser Feier über die große Konjunktion und erörterte die Frage, “Was war der Stern von Betlehem“. Somit leuchtete dann auch der Weihnachtsstern über dieser Feier. Sie war ein großer Erfolg und alle loggten sich anschließend voller Weihnachtsstimmung und zufrieden wieder aus.

Fazit

Ansonsten war ja das Jahr 2020 trotz allem ein aufregendes Jahr. Da wurde Staub eines Asteroiden auf die Erde gebracht. Auch die Rückkehr zum Mond glückte, indem eine Sonde um zwei Kilo Mondgestein nach hause brachte und vieles andere mehr.
Pünktlich zu Weihnachten explodierte dann auch noch ein recht ordentlicher Brocken über der chinesischen Mongolei und bildete einen leuchtenden Feuerball.
Das findet ihr alles leicht im Netz, denn die Profis haben hier sehr ausführlich über all diese Dinge geschrieben. Bevor ich etwas nicht ganz richtig schreibe, verweise ich an dieser Stelle lieber auf jene, die das beruflich machen…

Als Fazit kann ich trotz aller Abstriche und Einschränkungen für mich sagen, dass das Jahr 2020 auch seine schönen Seiten hatte. Man muss sich immer ein Fensterchen für Sonnenstrahlen auf halten, um nicht in allem anderen zu ersticken.
Jetzt wünsche ich uns allen, dass das Jahr 2021 wieder etwas mehr Normalität in unser Leben bringen möge. Immerhin werden die Tage wieder Länger, die Welt wird wieder heller und auch bald wärmer.
Bis da hin mag sich vielleicht die eine oder der andere an meinen Artikeln über unseren Lebensstern wärmen.
Zum Sonnenstrahl bitte hier lang.

Weihnachtsereignis am Himmel 2020 – Was war der Stern von Betlehem


Liebe Leser*innen,

Die Huldigung der Sterndeuter: Matthäus 2, 1–12

  1. Als Jesus zur Zeit des Königs Herodes in Betlehem in Judäa geboren worden war, kamen Sterndeuter aus dem Osten nach Jerusalem
  2. und fragten: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen.
  3. Als König Herodes das hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem.
  4. Er ließ alle Hohenpriester und Schriftgelehrten des Volkes zusammenkommen und erkundigte sich bei ihnen, wo der Messias geboren werden solle.
  5. Sie antworteten ihm: In Betlehem in Judäa; denn so steht es bei dem Propheten:
  6. Du, Betlehem im Gebiet von Juda, bist keineswegs die unbedeutendste unter den führenden Städten von Juda; denn aus dir wird ein Fürst hervorgehen, der Hirt meines Volkes Israel.
    Micha 5, 1.3; 2. Samuel 5, 2
  7. Danach rief Herodes die Sterndeuter heimlich zu sich und ließ sich von ihnen genau sagen, wann der Stern erschienen war.
  8. Dann schickte er sie nach Betlehem und sagte: Geht und forscht sorgfältig nach, wo das Kind ist; und wenn ihr es gefunden habt, berichtet mir, damit auch ich hingehe und ihm huldige.
  9. Nach diesen Worten des Königs machten sie sich auf den Weg. Und der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, zog vor ihnen her bis zu dem Ort, wo das Kind war; dort blieb er stehen.
  10. Als sie den Stern sahen, wurden sie von sehr großer Freude erfüllt.
  11. Sie gingen in das Haus und sahen das Kind und Maria, seine Mutter; da fielen sie nieder und huldigten ihm. Dann holten sie ihre Schätze hervor und brachten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe als Gaben dar.
  12. Weil ihnen aber im Traum geboten wurde, nicht zu Herodes zurückzukehren, zogen sie auf einem anderen Weg heim in ihr Land.

Mit diesem Bibelzitat sind wir auch schon voll im Thema.
Morgen Abend erwartet uns ein Schauspiel am Himmel, dass als Stern von Betlehem durchgehen kann. Grund genug, sich mal damit zu befassen, welche Überlegungen und Ideen durch die Jahrhunderte hindurch entstanden sind, was denn dieser Stern nun sein könnte.
Dieser Suche wollen wir in diesem Artikel mal nachspüren,
Wichtig an der Geschichte ist ja nicht nur der Stern und was er war, sondern auch die besondere Eigenschaft, dass er vor “ihnen” her zog und über dem Stall stehen blieb. Sie benutzten ihn quasi als Navi und liefen einfach hinter ihm her. Ob ein Stern als Navi taugt, beschrieb ich im Artikel “taugt ein Stern als Navi”, den ich passend zum Thema wärmstens empfehlen darf.
also los.

Antiker Hintergrund:

Astrologen und Astronomen, was früher dasselbe war, versuchten seit Jesu Geburt heraus zu finden, welches Ereignis am Himmel der Geburt Jesu zugeordnet werden könnte. Vor allem bei Horoskopen war es wichtig, mittels Himmelsereignissen, z. B. dem Erscheinen von Kometen, Finsternissen oder besonderer Planeten-Konstellationen, treffende Voraussagen machen zu können. Somit ist es folgerichtig, nach der Ursache des Sterns von Betlehem zu suchen.

Im Grunde genommen lehnte das Judentum, aus welchem dann die christliche Religion entstand, Sterne als Götter o. Ä. ab, aber es gab auch unter den Autoren der Bibel welche, die die Sterne mit gewissen Ereignissen auf Erden in Verbindung brachten. So fallen im Buch der Offenbarung des Johannes, Kap. 6 Sterne vom Himmel als Ankündigung des nahenden Weltgerichtes und bei den Propheten finden sich Zeichen des Unheils am Himmel, die z. B. durch Finsternisse angekündigt wurden.

Idee 1 – War es ein Komet?

Kometen waren stets Bringer, meist von Unheil im weitesten Sinne. Sie erschienen unangekündigt und verschwanden wieder. Man wusste nicht, was sie waren und auf welchen Bahnen sie sich bewegten. Darüber schrieb ich in Kometengeschichten 4.
So begann die christliche Theologie, stark vom Hellenismus und griechischer Metaphysik geprägt, nach dem Stern von Betlehem zu fanden. Origenes, Theologe aus der hellenistischen Schule von Alexandria vertrat dokumentiert als einer der ersten die Meinung, der Stern von Betlehem sei ein Komet gewesen, weil sich große Veränderungen und Ereignisse in der Welt häufig durch Kometen ankündigten.

Seit Beginn des 14. Jahrhunderts stellen Künstler den Stern von Betlehem als Kometen dar: so als einer der ersten Giotto di Bondone aus Florenz, nachdem er 1301 den Halleyschen Kometen beobachtet hatte, von dem schon antike Quellen recht oft berichten. Beeindruckt davon malte er zwei Jahre später diesen auf dem Fresko Anbetung der Könige „in der Scrovegni-Kapelle in Padua als Stern von Betlehem.

Es gibt chinesische und koreanische Hinweise über eine derartige Himmelserscheinung des Jahres vier oder fünf n. Chr.
Heute geht man davon aus, dass der chinesische Bericht einen Datierungsfehler enthalten könnte. Man schreibt deren Ereignis aufgrund anderer Hinweise heute eher einer Nova zu.
Gegen die Kometen-Theorie spricht:

  • Der Halleysche Komet war zwischen Oktober 12 v. Chr. und Februar 11 v. Chr. sichtbar, der Erde am nächsten war er am 29. Dezember 12 v. Chr. nach dem gregorianischen Kalender.[5] Die Geburt Jesu wird dagegen zwischen 7 und 4 v. Chr. (Tod des Herodes) angesetzt.
  • Kometen sind irregulär auftauchende Himmelskörper, die nach dem Volksglauben um Christi Geburt meist mit Unheil, nicht mit Heil, verbunden wurden.
  • Die Weisen aus dem Osten hätten nicht wissen können, dass gerade dieser Komet mit der Geburt eines bestimmten Königs in Israel oder Juda zusammenhängt.
  • Die Erscheinung eines Kometen wäre nicht nur den Weisen, sondern auch vielen anderen aufgefallen. Uns sind aber keine außerbiblischen Überlieferungen bekannt.
  • Ein Komet hätte keinen exakten Ort markiert und wäre nicht an einer bestimmten Stelle stehengeblieben.

Idee 2 – Konjunktions-Theorien

Seit dem Sassanidenreich im 3. Jahrhundert sahen Astrologen in einer großen Konjunktion (Begegnung) der Planeten Jupiter und Saturn Vorzeichen wichtiger historischer Ereignisse, etwa eines neuen Zeitalters, einer neuen Dynastie, der Geburt eines Propheten oder eines gerechten Königs. Jüdische Gelehrte wie Māschā’allāh ibn Atharī, Abraham Ibn Esra und Levi ben Gershon folgten dieser Grundannahme. Manche ihrer Vorhersagen wurden im jüdischen Messianismus auf die Geburt des Messias bezogen.
Der Astronom und Astronomiehistoriker Konradin Ferrari d’Occhieppo wies seit 1964 in mehreren Publikationen auf die bereits von Kepler bemerkte und sehr seltene dreifache Jupiter-Saturn-Konjunktion im Zeichen der Fische hin. Diese schien gut in den ungefähren Zeitraum der Geburt Jesu zu passen. Laut d’Occhieppo musste ein babylonischer Astronom eine solche Konjunktion als Hinweis auf ein Ereignis in Israel (Judäa) verstehen, weil Jupiter der Stern des babylonischen Gottes Marduk gewesen sei, während Saturn als Planet des jüdischen Volkes gegolten habe. Der westliche Teil des Fischezeichens habe unter anderem für Palästina gestanden. Daraus hätten babylonische Astronomen folgern können: Königstern (Jupiter) + Israelschützer (Saturn) = „Im Westen (Sternbild der Fische) ist ein mächtiger König geboren worden.“
Als Einwände werden genannt:

  • Ein dreimaliges Zusammentreffen von Jupiter und Saturn komme selten vor und führe nie zur Verschmelzung beider Lichtpunkte, so dass es sich nicht zwingend auf den einen, in Mt genannten Stern beziehen lasse.
  • Matthäus gebrauche das griechische Wort für „Stern“ und nicht das für „Planet“ oder „Planetenkonstellation“. Man habe damals sehr wohl zwischen Fixsternen und Planeten unterscheiden können. Dieser Einwand setzt voraus, dass der Evangelienautor diese Unterscheidung kannte.
  • Zweifelhaft sei vor allem, ob Saturn für babylonische Astronomen der kosmische Repräsentant des Volkes Israel war. Saturn (akkadisch kewan) wurde nach babylonischer Deutung mit dem Land Syrien verbunden, nach griechischer Deutung mit dem Gott Kronos, der in manchen antiken Zauberbüchern mit dem jüdischen Gott JHWH gleichgesetzt wurde – möglicherweise wegen des jüdischen Sabbat, der mit dem „dies Saturni“ (Saturnstag, englisch Saturday) zusammenfiel. Eine Siebentagewoche mit Planetennamen als Tagesnamen war bei den Babyloniern gebräuchlich. Trotzdem erscheint die Übertragung vom Planeten Saturn auf das Judentum zweifelhaft, da dessen Verehrung im Tanach geradezu als ein Zeichen des Abfalls vom Judentum erscheint
  • Heute sind mindestens vier Keilschrifttafeln bekannt, auf denen die Babylonier die Ephemeriden (Umlaufbahnen) von Planeten wie Saturn und Jupiter im Jahr 7 v. Chr. vorausberechnet haben. Dort spielte deren große Konjunktion keinerlei Rolle. Ob die Babylonier ihr überhaupt Bedeutung beimaßen, ist daher ebenfalls zweifelhaft.

Bis heute hat die Konjunktions-Idee nichts an Faszination eingebüßt. Um die Weihnachtszeit bieten Planetarien immer wieder Reisen in die Vergangenheit zur Geburt Jesu an.
Es gibt noch weitere Konjunktions-Ideen, bei denen Mond und Venus noch eine Rolle spielen, aber die erspare ich uns an dieser Stelle.

Idee 3 – War er eine Nova (Sternexplosion)?

Der Astronom Johannes Kepler kannte Berechnungen von Planeten-Konjunktionen.
Er beobachtete im Dezember 1603 am Morgenhimmel im Sternbild Schlangenträger eine Konjunktion zwischen Jupiter und Saturn. Im Herbst 1604 gesellte sich der Planet Mars am Abendhimmel zu den beiden Planeten. Ab 9. Oktober 1604 leuchtete in über 9 Grad Distanz dazu im gleichen Sternbild die Supernova 1604 auf. Kepler beobachtete sie ab dem 17. Oktober 1604 im „feurigen Dreieck“ der Tierkreiszeichen Widder, Löwe und Schütze, als sie eine scheinbare Helligkeit von −2,5 Magnituden (astronomische Maßeinheit für Helligkeit) erreichte und damit der hellste Lichtpunkt am Abendhimmel wurde. Er konnte das Phänomen mit dem Wissen des 17. Jahrhunderts nicht erklären und vermutete daher, die vorangegangene dreifache Konjunktion habe einen „neuen Stern“ verursacht. Daraus folgerte er, auf eine damals schon bekannte Konjunktion von Jupiter, Saturn und Mars im Jahr 7/6 v. Chr. sei ebenfalls solch ein neuer Stern gefolgt. Um diesen mit dem Stern von Betlehem in Matthäus 2 gleichzusetzen und näher an Jesu Geburt zu rücken, datierte er die dreifache Konjunktion jedoch falsch auf das Jahr 5 v. Chr.; Jesu Geburt datierte er auf 4 v. Chr.

Keine bekannte Chronik verzeichnet ein als Supernova interpretierbares Himmelsphänomen zeitnah nach jener Konjunktion.
Außerdem haben sich begegnende und überholende Planeten nichts mit Novae zu tun. Dadurch entstehen sicher keine neuen Sterne. Das wird schon dadurch klar, dass sich der erdnahste Stern Alpha Centauri über vier Lichtjahre von uns entfernt befindet. Dieses Wissen war Kepler damals noch nicht zugänglich, und somit war seine Nova-Vermutung ein Irrtum, was diesem genialen Kopf, Wissenschaftler und Astronomen nicht abträglich ist. Ganz am Rande sei bemerkt, dass sowohl Kepler, als auch Galilei teilweise ihr Geld durch die Anfertigung von Horoskopen verdienten. Somit waren sie zumindest im “Nebenberuf” auch Astrologen. Die Astronomie als eigene Wissenschaft spaltete sich erst später von der Astrologie ab.

Was ist denn nun der Stern von Betlehem 2020?

Momentan schickt sich der schnellere Jupiter gerade an, Saturn auf seiner Innenbahn zu überholen. Das bedeutet, dass von uns aus gesehen sich die beiden Planeten am Abendhimmel immer näher kommen. Am 21.12.2020 stehen sie dann so nahe beieinander (ein Zehntel Grad), dass man sie mit bloßem Auge nicht mehr voneinander unterscheiden kann. Sie erscheinen uns dann als ein besonders helles Objekt am Himmel. Leider gesellt sich diesmal der Mars nicht dazu, so dass die große Konjunktion nur zwischen Jupiter und Saturn ablaufen wird. Nach dem 21.12. wird Jupiter dann von uns aus gesehen vor Saturn her laufen und ihn überholen. Danach entfernen sich die beiden Planeten wieder voneinander. Die Konjunktion läuft so langsam ab, dass man das Phänomen auch noch einigermaßen am heiligen Abend beobachten können wird. Da die Erde sich ebenfalls auf ihrer Bahn um die Sonne bewegt, erscheint es uns sogar, als würde Jupiter kurz rückwärts laufen, bevor er auf seiner Bahn normal weiter läuft. Das ist aber nur ein perspektivischer Effekt. Natürlich kann dieser schwere Planet nicht einfach kurz inne halten oder seine Richtung umkehren.
Dass Planeten manchmal scheinbare Schleifen ziehen, war schon in den alten Hochkulturen bekannt.
Und so funktioniert das ganze:
Jupiter benötigt für einen Sonnenumlauf ungefähr 12 Jahre, Saturn sogar 30. Das bedeutet, dass wenn Jupiter einen Sonnenumlauf vollführt hat, hat Saturn erst ungefähr zwei Drittel hinter sich. Das führt dazu, dass sich die Planeten nur ungefähr alle 20 Jahre zu so einer Konjunktion zusammen finden, die wir sehen können. Zu sehen ist das ganze nur am Abendhimmel so ab 16:00 Uhr.

Wie auch immer. Ob Komet, Nova, große Konjunktion oder was anderes. Gerade in diesen Zeiten suchen Viele Menschen nach dem Stern, der einen Erlöser ankündigen könnte, der uns gerade jetzt Heil bringen soll.
Ich entlasse euch jetzt in eure hoffentlich trotz allen Einschränkungen schönen, besinnlichen und gesegneten Weihnachtstage mit dem Trost, dass am 21.12.2020 auch Wintersonnenwende ist. Danach werden die Tage wieder länger und die Welt wieder heller. Möge uns das neue Jahr mit zunehmender Helligkeit das Licht am Ende des Corona-Tunnels bringen.

Himmelsgäste – Wenn Sterne erscheinen, wo sie nicht hin gehören


Liebe Leser*innen,

heute möchte ich mal über besondere Gäste am Himmel sprechen. Der Deutschlandfunk erinnerte mich in seiner Sternzeit-Sendung daran, dass ich das Thema doch schon sehr lange auf dem Schirm hatte. Himmelsgäste passen gut zur Weihnachtszeit, denn der Stern von Betlehem war ja auch einer. Von diesem werden wir noch hören. Von den gästen, um die es heute geht, darf sich aber mit astronomischer Sicherheit keiner “Stern von Betlehem” nennen.

Also los:

Die alten Hochkulturen

Ungefähr zwischen den Jahren 500 v. Chr. und 1500 n. Chr. waren die Chinesen eine Hochkultur der Wissenschaft. Sie beobachteten den Nachthimmel und die Planeten genau. Anscheinend brauchten sie sich nicht an der Vollkommenheit und Unveränderbarkeit des Sternenhimmels fest zu halten, wie es Europäer taten, die sich über Jahrtausende an Aristoteles orientierten, der genau dieses forderte.
So vermeldeten sie beispielsweise im Jahre 134 v. Chr. die Erscheinung eines Kometen und stützten damit die Äußerung des römischen Geschichtsschreibers über das, was Hipparch am Himmel beobachtet haben könnte.
Gewiss, auch die Chinesen interessierten sich nicht aus purer Neugier für das himmlische Geschehen; sie waren vielmehr, wie die Babylonier und Griechen, an der Astrologie interessiert. Sie hatten für alle möglichen Erscheinungen am Himmel Deutungen entwickelt und versuchten nun, daraus die Wahrscheinlichkeit bestimmter Ereignisse auf der Erde abzuleiten.
Da es sich bei den durch die himmlischen Zeichen vorhergesagten Ereignisse zumeist um Katastrophen handelte – um Kriege, Epidemien oder Tod -, mussten die Mitglieder der Oberschicht und selbst der Kaiser gewappnet sein, um durch
entsprechende Aktionen das drohende Unheil abwenden zu können. Falls irgendein Unglück ohne Vorwarnung eintrat, konnte das durchaus den Kopf des jeweiligen Hofastronomen kosten. Ein Beispiel hierfür ist die Enthauptung der beiden Hofastronomen Hi und Ho, die über ihrem Müßiggang vergaßen eine Sonnenfinsternis rechtzeitig anzusagen.
Und was die Expertise am Himmel angeht, so beweisen uns die Chinesen momentan, dass sie ganz vorne in der Weltraumforschung mit mischen können. Sie landen auf Asteroiden, wollen Material von dort auf die Erde bringen, landen auf dem Mond, um selbiges zu tun, und wie es aussieht, werden sie es eventuell, wenn nichts dazwischen kommt, auch schaffen. Alleine dieses ist einen weiteren Artikel wert.

Der erste Gast

Im Jahre 183 am 05.12. tauchte nun ein Gaststern im Sternbild Centaur auf. Im Jahre 210 ein weniger heller Stern im Skorpion.
Es überrascht kaum, dass wir aus Europa keine Berichte über diese Sterne kennen:

  • Die Hochkultur der Griechen – und mit ihr die Astronomie – war längst untergegangen, und die Römer hatten der Wissenschaft nie ein ernsthaftes Interesse entgegengebracht.
  • Der neue Stern im Skorpion war sicher kaum heller als Sirius, der hellste Fixstern am irdischen Firmament, und solange niemand den Himmel mit geübtem Blick betrachtete oder aber eine Karte zum Vergleich heranziehen konnte, solange mochte dieser Stern durchaus ebenso unbemerkt wieder verschwinden, wie er aufgetaucht war.
  • Und wenngleich der neue Stern im Skorpion auch über acht Monate hindurch zu beobachten war (wie die chinesischen Quellen berichten), kann er nur während der ersten Nächte so hell wie Sirius gewesen sein. Danach musste er langsam, aber stetig verblassen, und je schwächer er wurde, desto weniger konnte er jemandem auffallen, der den Himmel nicht so eifrig durchmusterte wie die chinesischen Astronomen.

Der neue Stern des Jahres 183 im Sternbild Zentaur war nach Angaben der chinesischen Chroniken wesentlich heller als jener zwei Jahrhunderte später im Skorpion n entdeckte Stern. Einige Wochen hindurch erschien er wahrscheinlich heller als jedes andere Himmelsobjekt (ausgenommen Sonne und Mond). Ein solcher Stern hätte eigentlich nicht übersehen werden können, doch tauchte er sehr weit am Südhimmel auf, und das erschwerte die Beobachtung selbst eines so hellen Gestirns erheblich.
Von der chinesischen Sternwarte in Lo-yang aus erreichte der neue Stern nie mehr als 3 Grad Höhe über dem Horizont. Entsprechend blieb dieser Stern in ganz Mitteleuropa, in Frankreich, Deutschland
und selbst in Italien, jenseits des Horizonts und hätte nur von Sizilien oder Athen aus eben noch beobachtet werden können. In Alexandria dagegen, damals noch einer Hochburg der griechischen Wissenschaft, stieg er hoch genug über den Horizont, um auffallen zu müssen. Dennoch finden wir diesen Stern bei keinem griechischen Astronomen erwähnt. Auch wenn man diesen hellen Stern über dem Südhorizont bemerkt hatte, so verbot der Respekt vor der Autorität des Aristoteles einen schriftlichen Bericht darüber; und wenn es solche Berichte dennoch gegeben haben sollte, so dürften sie kaum anerkannt worden und bald wieder in Vergessenheit geraten sein.

Der nächste Gast

600 Jahre lang gab es keine weiteren Berichte über derartige Himmelsgäste mehr.
Erst im Jahre 1006 findet man wieder einen Bericht, diesmal über einen Stern im Sternbild Wolf das an den Zentaur angrenzt und daher ähnlich weit im Süden liegt.
Trotz seiner südlichen Lage wurde dieser Gaststern sowohl von chinesischen als auch von Japanischen Astronomen erwähnt. Im westlichen Kulturkreis wurde die Astronomie zu jener Zeit hauptsächlich von den Arabern gepflegt, die damals gerade die Glanzzeit ihrer Wissenschaft erlebten. So gibt es auch mindestens drei Berichte arabischer Beobachter. Nach Einschätzung einiger Astronomen erreichte er möglicherweise etwa ein Zehntel der Helligkeit des Vollmondes. er blieb womöglich drei Jahre hindurch mit bloßem Auge sichtbar, kann aber kaum länger als einige Wochen heller als die Venus erschienen sein.
Dieser Stern kam für Beobachter im südlichen Europa hoch genug über den Horizont, und so sollte man annehmen dürfen, dass die Menschen in Italien, Spanien und Südfrankreich des Nachts damals voller Ehrfurcht und Erstaunen in Richtung Süden blickten. Mitnichten! Zumindest findet man nirgendwo einen Bericht darüber. Lediglich die Chroniken zweier Klöster (in der Schweiz und Italien) enthalten wage Hinweise auf etwas, hinter dem sich ein heller Stern verbergen könnte, doch mehr nicht.
Da dieser Stern im Jahre 1006 aufleuchtete, würde man erwarten können, dass die Europäer sein Erscheinen als Vorboten für das nahe Ende der Welt angesehen hätten. Etliche Menschen glaubten damals nämlich, dieses Ende der Welt würde rund tausend Jahre nach der Geburt Christi über sie hereinbrechen. Doch nicht einmal diese furchterregende Möglichkeit reichte aus, um sie zu einem Bericht über das Ereignis zu veranlassen.

Der letzte Gast für heute

Dann platzte im Jahre 1054 (nach modernen Berechnungen am 4.Jul’) ein Stern in die majestätische Ruhe hinein, diesmal im Sternbild Stier, das ein gutes Stück nördlich des Himmelsäquators liegt, also von Europa gut zu sehen.
Schließlich erreichte dieser Stern nicht bloß die Helligkeit von Sirius wie sein Vorgänger
aus dem Jahre 393, der ebenfalls im Tierkreis erschienen war: Das Objekt im Stier
war anfangs mindestens zwei- oder dreimal so hell wie die Venus zur Zeit des
größten Glanzes und konnte über einen Zeitraum von drei Wochen neben der Sonne am Taghimmel gesehen werden (falls man wußte, wo man nach ihm Aus schau halten sollte), während Gegenstände nachts in seinem Licht einen schwachen Schatten warfen (ähnliches gilt unter günstigen Voraussetzungen bereits für die Venus). Am Nachthimmel konnte man den Stern noch fast zwei Jahre hindurch beobachten. Später schien es, als hätten nur chinesische und japanische Astronomen diese eindrucksvolle, leicht zu beobachtende Erscheinung registriert. Nirgends fand man einen Bericht über europäische oder arabische Beobachtungen.
Wie ist so etwas denkbar? Den ganzen Juli über muss der Stern in den Stunden vor Sonnenaufgang unübersehbar gewesen sein.

  • Vielleicht schliefen die meisten Europäer um diese Zeit,
  • vielleicht versperrte aber auch eine dicke Wolkendecke den Blick nach oben.
  • Vielleicht hielten ihn aber auch jene, die ihn sahen, irrtümlich für die Venus, die ja auch hin und wieder im Sternbild Stier zu sehen ist.
  • Wer aber sicher war, dass dies nicht die Venus sein konnte, mag an Aristoteles und an die
    Vollkommenheit der göttlichen Schöpfung gedacht und den Blick geflissentlich abgewendet haben.

In den letzten Jahren ist jedoch ein arabischer Bericht aufgetaucht, der auf einen hellen Stern im Jahre 1054 zu verweisen scheint, und ein ähnlicher Hinweis wurde in einer italienischen Chronik gefunden.

Andere Zeiten, andere Gäste

Bei diesen Gästen wollen wir es voerst belassen, denn als die nächsten am Himmel erschienen, hatten sich die Zeiten geändert. Man interessierte sich nach und nach wieder für Wissenschaft und Astronomie in Europa. Europa erwachte im Laufe der Zeit aus dem Mittelalter und das schaffte langsam wieder freien Raum für freies und unabhängiges Denken und Forschen.

Was man hier bei unseren drei Gaststernen schon gut beobachten kann:
Zu allen Zeiten erscheinen immer mal wieder Himmelslichter, wo sie nicht hin gehören. Der Stern von Betlehem ist somit in guter Gesellschaft, was ihm seine weihnachtliche Bedeutung durchaus nicht absprechen soll.
Ist das nicht merkwürdig, wie einem eine falsche Lehre den Blick zum Himmel verstellen kann. Den Stern von Betlehem bezweifelt niemand und alle wollten ihn gesehen haben, aber die anderen Gaststerne wurden im Glauben, dass der Himmel unveränderlich und göttlich sei, einfach nicht beachtet oder bewusst verdrängt.

Über diese Lichter der moderneren Zeiten werde ich zu anderer Gelegenheit berichten. Vor allem auch darüber, was sie darstellen, wie sie funktionieren und wie verschieden sie in ihrer Art und ihren Wesen doch sind. Auch der Stern von Betlehem wird uns in künftigen Artikeln noch beschäftigen.

Nachruf auf einVorbild und einen großartigen Wegbegleiter – Professor Dr. Rudolf Kippenhahn


Liebe Leser*innen

bevor wir in unseren Themen zu Astronomie weiter machen, möchte ich hier sehr gerne einen kleinen Nachruf auf einen großartigen Astronomen und Sonnenforscher einfügen, der mir seit Mitte der 80iger Jahre des letzten Jahrtausends ein großer Wegbereiter war.

Am 15.11.2020 ist der große Forscher Professor Doktor Rudolf Kippenhahn mit vierundneunzig erfüllten Jahren von uns gegangen.

im Grunde zeichnet meine Physik- und Chemielehrerin dafür verantwortlich, dass ich mich ganz und gar 1987 der Wissenschaft und Astronomie verschrieb, und dass ich mich nach meiner mittleren Reife zu Abitur und Studium über den zweiten Bildungsweg entschloss. Da sie mich mit Prof. Kippenhahn in Verbindung brachte, ehre ich an dieser Stelle auch diese Wegbereiterin, die leider auch schon nicht mehr unter uns weilt.

Ein Samenkorn der Wissenschaft erblüht

Da die gesamten Rechte meines Buches wieder bei mir liegen, zitiere ich hier daraus:

Ausschlaggebend hierfür war der naturwissenschaftliche Unterricht in Physik und Chemie, den ich dort besuchte. Er wurde von einer Anthroposophin gegeben, die ich bis heute für die beste Blindenpädagogin in meinem Leben halte. Die Versuche und Experimente durften wir alle selbst durchführen. Der Umgang mit Säuren, Laugen, Bunsenbrenner und Elektrizität war nie ein Tabu, nur weil wir nicht sehen konnten. Die Versuche wurden so adaptiert, dass wir in der Lage waren, selbst zu den gewünschten Ergebnissen zu gelangen. Hierbei halfen oft ganz einfache Tricks, denn es gab noch keine sprechenden Messgeräte.
Bildete sich beispielsweise bei einem chemischen Versuch ein Niederschlag im Filter, wiesen wir ihn nach, indem wir das Substrat in eine alte Blechdose tropfen ließen. So konnten wir die einzelnen Tropfen gut auf dem Blech aufschlagen hören und merkten genau, dass der Filter sich zusetzte, wenn die Tropfgeschwindigkeit abnahm. Bald schon wurde ich davon gepackt und brachte mich aktiv in den Unterricht ein, indem ich Möglichkeiten entwickelte, Versuche für Blinde zugänglicher zu machen. Außerdem durfte ich mich an der Entwicklung einer Tafel beteiligen, mit deren Hilfe es Blinden möglich wurde, chemische Formeln mittels spezieller Formelbausteine zu legen.
Überhaupt war dieser Unterricht weit mehr als nur Physik und Chemie. Er eröffnete uns eine ganzheitliche Sicht auf die Welt. Diese Stunden waren gespickt mit Bezügen zu Philosophie, Religion und auch mit geschichtlichen Hintergründen.

Der erste Kontakt mit Rudolf Kippenhahn

Ich zitiere weiter aus meinem Buch

Bald schon merkte diese Lehrerin, dass ich für diese ganzheitliche Weltsicht sehr empfänglich war. Somit durfte ich oft mit ihr naturwissenschaftliche Vorträge in Stuttgart besuchen. Ganz eindrücklich in Erinnerung ist mir ein Vortrag über die Sonne von Rudolf Kippenhahn geblieben. Bis dahin wusste ich zwar, dass in der Sonne Wasserstoff zu Helium verbacken wird und darüber hinaus weitere schwerere Elemente entstehen, aber von Sonnenflecken, der Korona, den magnetischen Stürmen und Flares, wusste ich noch nichts.

Zur Erklärung: Flares sind riesige Explosionen auf der Sonnenoberfläche, bei welchen große Mengen an Teilchen in den Weltraum geschleudert werden können. Erreicht ein solcher Teilchenausbruch die Erde, so entstehen Nordlichter und magnetische Stürme.

Im Anschluss an den Vortrag fand eine Ausstellung statt, auf der unter anderem eine Weltraumkamera und vor allem ein recht großer Meteorit ausgestellt waren, den ich dann – von Prof. Kippenhahn ausdrücklich erwünscht! – anfassen durfte. Von diesem Moment an gab es für mich kein Halten mehr. An diesem Tag – es muss im Jahr 1988 oder 1989 gewesen sein –bin ich in meinem Herzen Astronom geworden.

Die zweite Begegnung

Meinen zweiten Kontakt zu Prof. Kippenhahn hatte ich Mitte der 90er Jahre.
In der Blindenhörbücherei entdeckte ich – auf ungefähr 20 Kassetten aufgelesen – das Buch
Der Stern von dem wir leben – den Geheimnissen der Sonne auf der Spur
Von Rudolf Kippenhahn, dem dieser Nachruf gilt und dessen Vortrag ich schon erwähnt habe. Mich faszinierte an diesem Buch vor allem, dass alle darin enthaltenen grafischen Elemente zusätzlich mit einer derart ausführlichen Texterklärung versehen waren, wie ich es selten bei anderen Autoren erlebt habe. Es schien fast so, als würde er auch an blinde Menschen denken, die auf derlei Beschreibungen angewiesen sind.
Vieles, was ich über die Sonne weiß, kam aus diesem Hörbuch und hat sich mit vielen anderen Quellen vermischt, so dass sich das gar nicht mehr ganz klar sagen lässt, aber er war der Türöffner und lies die Sonne in mein Herz, meinen Geist und meine Seele.

Kontakt Sonnenfinsternis

Ein großartiges Begleitbuch von Rudolf Kippenhahn war mir das Buch Schwarze Sonne, roter Mond das er quasi als Vorbereitung auf die Sonnenfinsternis, die am 11.08.1999 gut über Süddeutschland zu sehen war.
Hier nochmal ein kurzes Zitat aus “Blind zu den Sternen”

Aber lassen Sie mich an dieser Stelle erneut einen meiner größten Wegbereiter würdigen: Eine große Hilfe im Verständnis einer Sonnenfinsternis waren für mich zwei Bücher von Rudolf Kippenhahn: “Der Stern, von dem wir leben – den Geheimnissen der Sonne auf der Spur” und “Schwarze Sonne, Roter Mond”. Seine Bildbeschreibungen sind so, als wären sie ganz speziell für blinde Menschen eingefügt worden: klar, verständlich und präzise.

Ohne diese Bücher hätte ich die Sonnenfinsternis niemals so lebendig und anschaulich erleben können.
Lassen Sie mich hier noch kurz eine kleine Begebenheit erzählen, die sich so tatsächlich mit seinem Buch zu trug:

Die Finsternis auf der Flugroute

Anfang Januar 2015 unternahm ich mit meiner sehenden Arbeitsplatzassistenz
eine Dienstreise nach Istambul.
Folgendes ist dort auf dem Hinflug geschehen:
Der Pilot erklärte die Flugroute, indem er wichtige Länder, Städte und Meere aufführte, die wir nacheinander passieren würden.
Da kam mir die Reihenfolge und Aufzählung der Städte gleich irgendwie bekannt vor.
Und dann durchfuhr es mich wie ein Blitz.
Wir flogen fast exakt die Route entlang derer am 11.08.1999 die totale Sonnenfinsternis beobachtet werden konnte.
Ich fand dieses unglaublich schön. Glücklicherweise hatte ich noch das Buch “Schwarze Sonne, roter Mond” von Rudolf Kippenhahn zur Sofi 1999 auf meinem MP3-Player als aufgelesenes Hörbuch. So konnte ich gleich noch im Flieger meine Vermutung überprüfen. Ein Blick auf den Fahrplan dieser Sf ergab, dass ich im wesentlichen Recht hatte.
Dieses Heureka erlebte glaube ich der halbe Flieger mit, weil es mich unglaublich freute, in welchem Zusammenhang diese alte Sofi nochmal auftauchte.

Sein phänomenales Gedächnis

Ein mal durfte ich Prof. Kippenhahn noch vor einigen Jahren bei einem Vortrag erleben. Danach sprach ich ihn an, und er konnte sich noch an mich erinnern. Leider konnte ich ihm noch keine signierte Version meines Buches schenken, da es erst wenige Monate später erschien.

Auf jeden Fall danke ich ihm herzlich für den Weg, den er mir durch seine Bücher und seine Persönlichkeit öffnete. Er, meine erwähnte Lehrerin und noch viele andere führten mich zu dem, was ich heute in Astronomie lernen durfte, ermunterten mich zu meinem Buch und meinen sonstigen Astronomie-Veranstaltungen. Er entzündete in mir 1987 ein Feuer, das niemals erlöschen wird.
Die Sternwarte Peterberg in deren Vorstand und Leitungsteam ebenfalls eine Person mit starker Sehbeeinträchtigung sitzt, hat einen schönen und sehr lesenswerten Lebenslauf von ihm veröffentlicht.

Gehabt euch wohl und bleibt gesund.

Wanderer mit kurzem Leben – Das Wandern der Sonnenflecken


Liebe Leser*innen,

nachdem wir im letzten Artikel einen kleinen Exkurs über meine Corona-Erlebnisse machten, wenden wir uns heute wieder in diesen düsteren Zeiten unserem Stern von dem wir leben, zu. Ich komme von ihm einfach nicht los. Es geht heute, und vermutlich auch noch in weiteren Beiträgen darum, was wir in den letzten Jahrhunderten alles durch die entdeckten Sonnenflecken über unseren Stern lernen durften. Heute geht es um die Bewegung der Sonnenflecken.

Waren die Sonnenflecken erst mal entdeckt, zogen diese schon bald Hobby- und Amateurastronomen in ihren Bann. Sie sind vor allem für erstere Gruppe ein ideales Beobachtungs-Ziel, standen jenen doch meist nur kleinere Fernrohre zur Verfügung, die für die Observation von Sonnenflecken aber durchaus ausreichend waren. Daran hat sich bis heute nichts geändert, dass die Astronomie Amateuren immer wieder die Chance bietet, mit genügend List, Geduld und kleinerer Ausrüstung, auch Entdeckungen zu machen. Außerdem sind sie für die Wissenschaft unverzichtbar, denn alle Teleskope der Welt können nicht gleichzeitig an jede Stelle des Himmels blicken. Somit sind Amateure oft schon ob ihrer großen Zahl und ihrer vielen Augen eine große und wichtige Ergänzung und Hilfe.
Das ist mit ein Grund dafür, was die Astronomie so inklusiv macht.

Nun zur Wanderung der Sonnenflecken:

Erste Entdeckung

Bald schon nach ihrer Entdeckung viel auf, dass sie im Laufe von Tagen über die uns zugewendete Sonnenscheibe wandern. Ein beobachteter Sonnenfleck taucht am nächsten Tage etwas weiter westlich wieder auf. Schon der im Artikel Wer war der Erste erwähnte ich, dass der Mönch und Astronom Scheiner, von Hand die Wanderung der Sonnenflecken zeichnete. Ein Fleck bewegt sich ungefähr im Laufe von 13 Tagen vom Ost- zum Westrand der Sonnenscheibe. Da die Sonne eine Kugel ist, sieht man die Flecken an den Rändern perspektivisch verzerrt. Ein kreisförmiger Fleck erscheint somit von der Seite der Sonnenscheibe her gesehen oval. In der Bewegung der Flecken sehen wir die Rotation der Sonne selbst. Wie es von einer sich drehenden und fleckigen Kugel zu erwarten ist, erscheint uns die Bewegung ihrer Flecken an den Rändern langsamer als in der Zeit, in welcher sie über die uns näher zugewandte Sonnenscheibe ziehen. Das ist so, weil der Fleck an den Seiten sich entweder auf uns zu, oder von uns weg bewegt. Das können wir sehr schlecht unterscheiden. Zieht er mitten über die Scheibe, so liegt seine Bewegungsrichtung quer zu unserer Blickrichtung, was ihn für uns schneller erscheinen lässt. So zeigt uns ihre Wanderung, dass sich die Sonne etwa ein mal in siebenundzwanzig Tagen um sich selbst dreht. Manche Flecken sind so beständig, dass sie mehrere Rotationen überleben. Dann erscheint er am nächsten Tag wieder am Ostrand hinter der Sonne hervor. Dass es sich um den selben Fleck wie “gestern” handelt, ist in der Tat nicht ganz so einfach zu erkennen. Um sich auf der Sonne zu orientieren, teilen Astronomen sie in Gruppen ein und zählen sie sogar. Da Sonnenflecken oft in Gruppen beieinander stehen, ist das ein zuverlässiges System. Sicher legen Sonnenforscher auch ein Koordinatennetz über die Sonne, um sich zu orientieren ähnlich dem, wie Seefahrer das schon seit jahrhunderten über den Globus oder den Himmel spannen.
Sonnenflecken entstehen und vergehen. Manche überleben nur wenige Stunden und andere eben mehrere Sonnenrotationen.

Die Rotation der Sonne

Man sah, dass die Äquator-Region der Sonne quasi der Rotation ihrer Kappen voraus eilt. Sie dreht sich also in ihren äußeren Schichten nicht, wie eine starre Kugel. Das tut sie erst ab einer Tiefe von vielen Tausenden Kilometern, wo die Drücke so hoch sind, dass sie so kompakt wird, dass sie sich wie ein starrer Körper dreht. Das erfuhr man, als man Klangmodelle und Schallbeobachtungen auf ihr anstellte. Siehe den Artikel Die Sonne tönt.

Auch sie steht schief

Die Flecken und deren Bewegung haben uns außerdem verraten, dass die Rotationsachse der Sonne nicht senkrecht auf der Ekliptik steht. So sehen wir im Laufe des Jahres mal etwas mehr auf ihre Nordhalbkugel und mal eher auf ihre Südhalbkugel. Bei dieser Entdeckung ist zu bemerken, dass auch die Erdachse nicht senkrecht auf der Ekliptik steht. Sie ist um etwa 23 Grad geneigt und verursacht so unsere Jahreszeiten. Außerdem ändert sich im Jahreslauf unsere Draufsicht auf die Sonne. All das musste berücksichtigung finden, als die Entdeckung gemacht wurde.
Ist das nicht spannend und schön?

Das Aussehen der Sonnenflecken

Schon auf Scheiners Zeichnungen ist zu erkennen, dass ein Sonnenfleck einen dunkleren Kern besitzt und einen weniger dunklen Hof. Den Kern nennt man Umbra und den Hof die Penumbra. Moderne Aufnahmen zeigen, dass die Penumbra eine Art Filamentstruktur aufweist. Das sind leuchtende Linien oder Strahlen, die von Kern her nach außen laufen.

Außerdem erscheinen Sonnenflecken so, als wäre ihr Kern tiefer als die Sonne darum herum. Der Hof oder die Penumbra erscheint, als bildete sie die ‘Wände einer Grube, an deren Grund der Kern des Flecks ruht.

Wer sich erinnert, so hat sogar noch Herschel die Sonnenflecken für Löcher in ihrer leuchtenden Atmosphäre gehalten, durch welche man auf ihren kühleren und somit dunkleren Kern blickt.

Dieser “Grubeneffekt” wird heute nach einem seiner Entdecker, das Wilsonsche Phänomen genannt.
Steht ein Fleck nicht in der Mitte der Sonnenscheibe, erscheint der dem Zentrum nähere Teil der Penumbra etwas schmaler. Das hängt mit der Kugelform der Sonne zusammen.
Über die Tiefe solch einer Grube eines Sonnenflecks habe ich mal gelesen, dass in manchem großen Fleckengrube die Erde bequem Platz fände.

Fazit

Trotz der heute bekannten merkwürdigen Rotation, der Thermodynamik und dass die Magnetfelder der Sonne gefunden sind, gibt es noch keine Theorie, die alles erklärt, was zu Sonnenflecken, ihrer merkwürdigen Rotation und über die Zyklen des Erscheinens von Sonnenflecken führ. Über letztere werden wir noch zu sprechen haben.

So, meine lieben. Ich sagte es ja, es werden mehrere Artikel werden, denn es gibt noch soooo viel über die Flecken zu berichten. Sie sind es wert, dass man sich mit ihnen beschäftigt, denn niemand kann in so ein leuchtendes Objekt, wie einen Stern, hinein blicken.
Ich hoffe, dass vor allem für die blinden Leser*innen unter uns, der Artikel nicht zu visuell war. Auch ich brauchte einiges an Zeit, um mir die Perspektiven aus der wir die Sonnenflecken betrachten, und auch das Wilson-Phänomen vorstellen zu lernen. Wer Fragen oder Anmerkungen hat, darf diese gerne in den Kommentaren absetzen, oder mich über einen meiner anderen Kanäle ansprechen.
Die Sehenden unter euch finden sicherlich schöne Bilder über Sonnenflecken auf Wikipedia.

Gehabt euch wohl, haltet durch und bleibt gesund. Ich schreibe gegen die Dunkelheit für uns an.