Meine lieben, heute zu Halloween wird es ein wenig unheimlich. Wir begegnen einer Dame, deren Frisur jeden Friseur in die Flucht schlagen würde, einem jungen Helden mit einem ausgesprochen gefährlichen Auftrag und einem Stern, der am Himmel regelmäßig schwächer wird, als hätte er etwas zu verbergen.
Und inklusiv wird es außerdem.
Keine Sorge: Wir brauchen weder Knoblauch noch einen Holzpflock. Ein bisschen Fantasie, ein paar griechische Sagen und eine Prise Astronomie reichen völlig aus. Und wie so oft, wenn wir den Geheimnissen des Universums auf den Grund gehen, werden wir dabei auch Menschen begegnen, deren Geschichten uns daran erinnern, dass Begabung viele Gesichter hat und Wissenschaft keine Barrieren kennen sollte.
Die Dame, der man besser nicht in die Augen sah
In der griechischen Mythologie gab es drei Gorgonen. Sie waren furchterregende Wesen, und eine von ihnen war besonders berüchtigt: Medusa. Ihr Haar bestand aus lebenden Schlangen, und wer ihr direkt ins Gesicht blickte, erstarrte augenblicklich zu Stein.
Medusa war zudem die einzige sterbliche der drei Schwestern. Das sollte für den Helden Perseus noch eine wichtige Rolle spielen.
Perseus war der Sohn von Danaë und Zeus. Sein Großvater, König Akrisios, hatte einst von einem Orakel erfahren, dass er durch seinen eigenen Enkel sterben werde. Um das Schicksal zu verhindern, sperrte er Danaë ein. Doch gegen die Götter und ihre Absichten kam er nicht an. Perseus wurde geboren, und Mutter und Kind gelangten schließlich in einer Kiste über das Meer auf die Insel Seriphos. Dort wuchs der Junge heran.
Als Perseus erwachsen war, verlangte König Polydektes von ihm eine scheinbar unmögliche Heldentat: Er sollte den Kopf der Medusa beschaffen. Ob der König den jungen Mann einfach loswerden wollte oder ob er sich tatsächlich für unbesiegbar hielt, darüber lässt sich trefflich spekulieren.
Zum Glück stand Perseus nicht allein da. Die Göttin Athene gab ihm einen glänzenden Schild, und Hermes stattete ihn mit einem scharfen Schwert aus. Außerdem musste Perseus zunächst die Graien aufsuchen, drei alte Schwestern, die sich ein Auge und einen Zahn teilten. Man stelle sich das einmal im Alltag vor: „Entschuldigung, ich würde gern etwas sehen.“ – „Moment, meine Schwester hat gerade das Auge.“
Perseus gelang es, die Graien auszutricksen und den Weg zu den Gorgonen zu erfahren. Mit weiteren Hilfsmitteln, darunter geflügelten Sandalen, einem Helm, der unsichtbar machte, und einer Tasche für seine gefährliche Beute, zog er schließlich los.
Als er die Gorgonen fand, schliefen sie. Das war seine Gelegenheit. Aber wie sollte er Medusa enthaupten, ohne ihr ins Gesicht zu sehen? Ganz einfach. Er betrachtete ihr Spiegelbild im glänzenden Schild und führte den Schlag, ohne den verhängnisvollen direkten Blick zu riskieren.
Medusa war besiegt. Aus ihrem Körper beziehungsweise ihrem Blut gingen der Überlieferung nach weitere sagenhafte Gestalten hervor, darunter das geflügelte Pferd Pegasus. Perseus entkam mit dem Kopf der Gorgone. Als er später König Polydektes die schreckliche Beute zeigte, verwandelte dieser sich beim Anblick in Stein.
‚So viel dazu.
Götter am Himmel
Die alten Griechen beließen es nicht dabei, solche Geschichten am Lagerfeuer zu erzählen. Sie versetzten ihre Helden und Fabelwesen an den Himmel. Dort finden wir bis heute die Sternbilder Perseus, Pegasus, Andromeda und Kassiopeia. Sie sind Teil eines gewaltigen himmlischen Erzählbuchs, in dem sich Abenteuer, Eitelkeit, Mut und göttliche Launen über Jahrtausende erhalten haben.
Perseus wird auf Himmelskarten häufig mit dem abgeschlagenen Kopf der Medusa dargestellt. Und genau dort, im Kopf der Gorgone, sitzt ein Stern mit einem Namen, der zu unserer Geschichte passt, Algol.
Der Name stammt aus dem Arabischen und wird häufig mit „Dämon“ oder „Dämonenkopf“ wiedergegeben. Im Deutschen heißt Algol deshalb auch Teufelsstern. Schon der Name klingt, als müsste man sich beim Blick durchs Teleskop vorsichtshalber bekreuzigen. Astronomisch ist das natürlich nicht nötig. Algol ist kein Dämon, sondern ein Sternsystem – und gerade deshalb mindestens ebenso interessant.
Denn Algol macht etwas Seltsames. Seine Helligkeit verändert sich regelmäßig. Über mehrere Stunden wird er merklich schwächer, ehe er wieder heller wird. Für Menschen, die den Himmel über lange Zeit beobachteten, muss das wie ein unheimliches Blinzeln gewirkt haben. Medusas Auge schien sich zu bewegen.
Heute wissen wir, was dahintersteckt. Algol besteht aus drei unterschiedlich hellen Sternen, deren Umlauf sich besonders deutlich in der Helligkeit bemerkbar machen. Sie umkreisen einander. Wenn der lichtschwächere Stern vor dem helleren vorbeizieht, verdeckt er einen Teil des Lichts, das uns sonst erreichen würde. Das System erscheint dann für eine Weile dunkler. Anschließend zieht der Begleiter weiter, und Algol wird wieder heller.
Solche Sterne nennen Astronominnen und Astronomen Bedeckungsveränderliche. Der Stern selbst muss also nicht plötzlich weniger Licht produzieren. Der Teufelsstern hat seinen Schrecken damit weitgehend verloren. Aber seine regelmäßigen Helligkeitswechsel erzählen uns etwas über die Bewegungen und Eigenschaften der Sterne.
Algol ist auch ohne Hilfsmittel zu sehen. Allerdings sieht man dann nicht die drei Sterne, sondern das System als einen. Man kann also dieses Phänomen mit bloßem Auge verfolgen, wenn man ein Plätzchen ohne Lichtverschmutzung findet.
Eine Methode, exoplaneten zu finden macht sich genau dieses zu Nutze. Bei der Transit-Methode misst man Veränderungen der Helligkeit eines Sternes, die dadurch entsteht, wenn ein Planet vor ihm vorüber zieht.
Der junge Mann, der dem Teufel widersprach
Dass Algol kein dämonisches Eigenleben führt, sondern sich nach den Gesetzen der Physik verhält, erkannte schon vor mehr als zweihundert Jahren ein junger Astronom, John Goodricke.
Goodricke wurde 1764 geboren und war gehörlos. Im Jahr 1782 begann er, Algols Helligkeitsänderungen systematisch zu untersuchen. Er beobachtete, verglich und rechnete. Dabei erkannte er, dass die Veränderungen in regelmäßigen Abständen wiederkehrten. Seine Erklärung war bemerkenswert. Algol könnte einen lichtschwächeren Begleiter besitzen, der ihn bei seinem Umlauf zeitweise verdeckt.
Heute wissen wir, dass Algol nicht nur einen, sondern zwei Begleiter hat.
Die Vorstellung, dass ein Stern von einem Begleiter bedeckt wird, war damals keineswegs selbstverständlich. Die Sterne galten vielen Menschen als kleine, unveränderliche Lichtpunkte am Firmament. Goodricke zeigte, dass genaueres Beobachten aus einem vermeintlichen Himmelsrätsel eine wissenschaftlich untersuchbare Frage machen kann.
Er beschäftigte sich auch mit Delta Cephei, einem anderen veränderlichen Stern, und untersuchte dessen regelmäßige Helligkeitsänderungen. Diese Beobachtungen führten ihn in ein Gebiet, das später für die Vermessung des Universums entscheidend werden sollte
Goodrickes wissenschaftliche Laufbahn war allerdings erschreckend kurz. Er starb 1786, noch vor seinem 22. Geburtstag. Was hätte dieser junge Forscher wohl noch entdecken können, wenn ihm mehr Zeit geblieben wäre?
Seine Geschichte ist für mich auch deshalb bemerkenswert, weil sie zeigt, was wissenschaftliche Neugier vermag. Goodricke war gehörlos, aber seine Beobachtungen und Schlussfolgerungen sprachen eine Sprache, die in der Astronomie überall verstanden wird: die Sprache sorgfältiger Messungen und guter Erklärungen.
Ein Geheimnis, das in den Sternen steckt
Die Geschichte der veränderlichen Sterne endet aber nicht bei Algol. Ein anderer Typ solcher Sterne sollte sich als besonders nützlich erweisen. Und hier kommt Henrietta Swan Leavitt ins Spiel, eine amerikanische Astronomin, die ebenfalls mit einer erheblichen Hörbeeinträchtigung lebte.
Leavitt untersuchte am Harvard College Observatory Tausende Sterne auf fotografischen Platten. Frauen durften dort damals nicht selbst an Teleskopen arbeiten. Stattdessen wertete sie Aufnahmen aus und verglich die Helligkeiten der Sterne. Aus dieser geduldigen Arbeit entstand eine Entdeckung von gewaltiger Bedeutung.
Im Jahr 1912 beschrieb Leavitt einen Zusammenhang zwischen der Periode eines Cepheiden und seiner tatsächlichen Leuchtkraft: Je länger der Stern für einen Helligkeitszyklus benötigt, desto größer ist im Allgemeinen seine intrinsische Leuchtkraft.
und gerade aus diesem Zusammenhang wurde ein Werkzeug, mit dem sich bis heute Entfernungen im Weltall bestimmen lassen.
Bis dahin waren die Astronomen bei der Vermessung des Weltalls weitgehend auf die sogenannte Parallaxenmethode angewiesen. Dabei beobachtet man, wie sich die scheinbare Position eines Sterns vor dem Hintergrund weit entfernter Sterne verändert, wenn die Erde auf ihrer Bahn um die Sonne unterwegs ist. Je weiter ein Stern entfernt ist, desto kleiner wird diese Verschiebung. Bei großen Entfernungen ließ sie sich mit den damaligen Instrumenten kaum noch zuverlässig messen.
Allerdings fehlte Leavitt zunächst noch ein entscheidender Baustein: Sie fand zwar den Zusammenhang zwischen der Pulsationsperiode und der Leuchtkraft der Cepheiden, aber noch nicht die absolute Skala. Der dänische Astronom Ejnar Hertzsprung schaffte 1913 den Durchbruch, indem er die Beziehung mithilfe von Parallaxenmessungen an einigen Cepheiden in unserer Milchstraße kalibrierte.
Damit wurden Cepheiden zu kosmischen Entfernungsmessern, die weit über die unmittelbare Nachbarschaft unserer Sonne hinausreichten. Mit ihnen ließen sich Entfernungen zu anderen Galaxien bestimmen. Je nach Helligkeit des Sterns und Leistungsfähigkeit der Teleskope können Cepheiden heute noch in mehreren zehn Millionen Lichtjahren Entfernung beobachtet werden.
Und jetzt nochmal aufgepasst.
Es ist ganz wichtig, Algol und die Cepheiden auseinanderzuhalten. Bei Algol verändert sich die beobachtete Helligkeit vor allem deshalb, weil Sterne einander verdecken. Cepheiden dagegen verändern ihre Helligkeit, weil sie tatsächlich pulsieren. Sie dehnen sich aus und ziehen sich wieder zusammen. Zwei Arten von Sternen – zwei verschiedene Mechanismen . und beide verraten uns etwas über das Universum.
Und wenn die Sonne atmet?
Nach Medusas Schlangenhaar, dem blinkenden Teufelsstern und den kosmischen Entfernungsmessern wollen wir zum Schluss noch einmal zu dem Stern zurückkehren, den wir alle kennen und von dem wir leben, unsere Sonne.
Auch sie steht keineswegs völlig still. In ihrem Inneren breiten sich Schwingungen aus, und ihre Oberfläche bewegt sich dadurch auf und ab. Auf ihr brodelt es, wie in einem Topf kochenden Wassers. Diese Bewegungen gehen mit winzigen Veränderungen der Helligkeit einher. Astronominnen und Astronomen können solche Schwingungen messen und daraus Rückschlüsse auf das Innere der Sonne ziehen. Die Erforschung dieser Schwingungen nennt man Helioseismologie.
So schwingt unsere Sonne u. A. in einem Rhythmus von etwa fünf Minuten.
Man könnte also poetisch sagen: Unsere Sonne atmet.
Ihre Schwingungen entstehen durch die gewaltigen Vorgänge im heißen Inneren des Sterns.
Gäbe es zwischen der Sonne und uns ein Medium, das Schall transportieren kann, z. B. Luft, dann wäre es hier auf Erden überall unerträglich laut, weil wir dann gezwungen wären, unsere Sonne zu hören.
Und so schließt sich unser kleiner Bogen von der schrecklichen Medusa zur vertrauten Sonne. Am Himmel begegnen uns Dämonensterne, geflügelte Pferde und versteinernde Blicke. Doch hinter den alten Geschichten entdecken wir eine Wirklichkeit, die mindestens ebenso erstaunlich ist.
Vielleicht ist das ja das Schönste an der Astronomie: Wir müssen uns vor dem Himmel nicht fürchten, um über ihn staunen zu können. Und wenn Ihr das nächste Mal in einer klaren Nacht zu den Sternen hinaufblickt, denkt ruhig daran: Da draußen blinkt nicht nur Algol. Da draußen schwingt und klingt auf ihre ganz eigene Weise sogar unsere Sonne.
Und vielleicht hatte Goethe mit seinem dichterischen Gespür ja einen ganz eigenen Zugang zu diesem himmlischen Konzert.
Mit seinen Zeilen aus Faust I, dem Prolog im Himmel, entlasse ich euch in euren grusligen Halloween.
Die Sonne tönt nach alter Weise
In Brudersphären Wettgesang,
Und ihre vorgeschriebne Reise
Vollendet sie mit Donnergang.
Ihr Anblick gibt den Engeln Stärke,
Wenn keiner sie ergründen mag;
Die unbegreiflich hohen Werke
Sind herrlich wie am ersten Tag.
Meine lieben,
Ich glaube, ich habe in den ganzen Jahren noch nie über einen vergebenen Nobelpreis geschrieben. Das überlasse ichmeistens den Medien und oft bin ich mit den Themen nicht vertraut. In diesem Jahr 2026 ging der Nobelpreis für Physik aber an etwas, und an jemanden, wofür ich mich schon seit vielen Jahren interessiere und einiges darüber weiß. Lasst euch überraschen.
manchmal beginnt eine große Entdeckung mit etwas, das eigentlich gar nicht da sein dürfte. Oder besser gesagt: mit etwas, das fehlt.
Stellt Euch vor, Ihr beobachtet einen Vorgang, messt sorgfältig die Energie und stellt fest: Da stimmt etwas nicht. Ein Teil der Energie scheint verschwunden zu sein. Die Messgeräte sind in Ordnung, die Rechnung ist richtig, und trotzdem will die Natur nicht so recht ins Schema passen. Was nun?
Messfehler?
Eine falsche Theorie?
Oder fehlt in unserer Vorstellung schlicht ein Puzzleteil?
Vor einem solchen Rätsel stand der Physiker Wolfgang Pauli vor fast hundert Jahren. Seine Lösung war ziemlich gewagt: Vielleicht gab es da ein Teilchen, das wir noch gar nicht kannten. Eines, das Energie und Impuls davontrug, ohne dass wir es bemerkten.
Dieses Teilchen heißt heute Neutrino. Und es ist ein ganz besonderer Kandidat für unsere Rubrik „Dinge, die da sind, obwohl man sie kaum zu fassen bekommt“.
Der Physik-Nobelpreis des Jahres 2026 bringt uns gerade wieder auf seine Spur. Ausgezeichnet wurde der Physiker Francis Halzen für seine entscheidenden Beiträge zum Neutrinoobservatorium IceCube und zur Entdeckung hochenergetischer Neutrinos kosmischen Ursprungs. Damit wird eine Form der Astronomie gewürdigt, die sich nicht auf das Licht verlässt, sondern auf Teilchen, die uns aus den gewaltigsten Vorgängen im Universum erreichen.
Aber bevor wir zum Südpol reisen, müssen wir uns erst einmal mit einem Teilchen anfreunden, das sich wirklich nicht aufdrängt.
Ein Teilchen aus der Not geboren
Wir schreiben das Jahr 1930. Beim sogenannten Betazerfall zerfällt ein Atomkern. Dabei wird unter anderem ein Elektron ausgesandt. Nun könnte man erwarten, dass dieses Elektron immer eine ganz bestimmte Energie besitzt. Doch die Messungen zeigten etwas anderes: Die Elektronen kamen mit unterschiedlichen Energien daher.
Das war kein bloßes Detail für Erbsenzähler. Die Energie muss bei einem solchen Vorgang erhalten bleiben. Wenn das Elektron weniger Energie mitnimmt, als nach den bisherigen Vorstellungen zu erwarten wäre, dann muss die übrige Energie irgendwo geblieben sein.
Wolfgang Pauli schlug deshalb vor, dass beim Zerfall noch ein weiteres Teilchen entsteht. Es sollte elektrisch neutral sein, nur sehr wenig Masse besitzen und einen Teil der Energie mitnehmen. Auch der Impuls und der Drehimpuls des gesamten Vorgangs sollten so erhalten bleiben.
Pauli hatte damit ein Teilchen vorgeschlagen, das man noch nicht nachweisen konnte. Das war eine kühne Idee. Der italienische Physiker Enrico Fermi gab ihm später den Namen „Neutrino“, sinngemäß ein kleines neutrales Teilchen.
Bis zum experimentellen Nachweis vergingen allerdings noch gut 25 Jahre. 1956 gelang es Clyde Cowan und Frederick Reines, Neutrinos aus der Nähe eines Kernreaktors nachzuweisen. Das Teilchen, das zunächst vor allem eine Erklärung für ein Energieproblem gewesen war, war damit in der Natur angekommen.
Nun sind Neutrinos allerdings keine gewöhnlichen Besucher. Sie tragen keine elektrische Ladung und wechselwirken nur äußerst selten mit Materie. Während Licht an Materie gestreut oder absorbiert werden kann, durchqueren Neutrinos ganze Planeten, ohne auch nur anzuklopfen. Milliarden von ihnen fliegen in jeder Sekunde durch unseren Körper. Wir bemerken davon nichts.
Die Sonne liefert zu wenig
Mit der Entdeckung des Neutrinos war die Geschichte noch lange nicht zu Ende. Im Gegenteil: Bald zeigte sich, dass dieses Teilchen neue Rätsel mitbrachte.
In der Sonne laufen Kernreaktionen ab, bei denen gewaltige Mengen Neutrinos entstehen. Aus unserem Wissen über die Vorgänge im Sonneninneren ließ sich berechnen, wie viele dieser Teilchen auf der Erde ankommen sollten. Doch als der amerikanische Physiker Raymond Davis in den 1960er-Jahren mit seinem Experiment nach ihnen suchte, fand er viel weniger als erwartet.
Sein Detektor befand sich tief unter der Erde in einer Goldmine in South Dakota. Dort stand ein riesiger Tank mit ungefähr
100.000 US-Gallonen – das entspricht rund 379.000 Litern
einer chlorhaltigen Flüssigkeit. Die Idee war, dass ein seltenes Neutrino mit einem Atomkern reagieren und dabei ein radioaktives Argonatom erzeugen konnte. Dieses Argon ließ sich anschließend aufspüren und zählen.
Ein eingefangenes Sonnenneutrino konnte aus Chlor-37 ein Atom Argon-37 machen.
Argon-37 hat eine Halbwertszeit von ungefähr 35 Tagen. Während die Forschenden auf weitere Neutrinos warteten, zerfielen also bereits einige der mühsam erzeugten Argonatome wieder.
Nach einer Sammelphase wurde das Argon mit Helium aus dem Tank gespült, aufkonzentriert und in einem winzigen Zählrohr untersucht. Die Forschenden registrierten die Zerfälle und mussten statistisch zwischen Neutrinosignal und Hintergrund unterscheiden.
Das Experiment war eine Geduldsprobe. Die Forschenden mussten über lange Zeit hinweg nach wenigen Ereignissen suchen. Und das Ergebnis war verblüffend. Es wurden nur etwa ein Drittel der erwarteten Elektron-Neutrinos registriert.
Hatte man die Sonne falsch verstanden?
War der Detektor unzuverlässig?
Oder verhielten sich die Neutrinos unterwegs anders, als man dachte?
Die Antwort war tatsächlich die letzte Möglichkeit. Neutrinos treten in drei Sorten auf, die man Elektron-, Myon- und Tau-Neutrinos nennt.
Neutrinos sind das, was man bei Harry Potter Gestaltwandler nennt.
Sie können sich verwandeln.
Während sie sich durch den Raum bewegen, können sie zwischen ihren drei Sorten wechseln. Dieses Phänomen heißt Neutrinooszillation.
Der Detektor von Davis war vor allem für Elektron-Neutrinos empfindlich. Wenn ein Teil der Teilchen unterwegs in andere Sorten wechselte, konnte das Experiment sie nicht auf dieselbe Weise registrieren. Die fehlenden Neutrinos waren also nicht verschwunden. Sie hatten gewissermaßen ihre Sorte gewechselt.
Diese Erklärung wurde durch weitere Experimente bestätigt. Zugleich ergab sich eine wichtige Konsequenz: Neutrinos müssen Masse besitzen. Das war ein Hinweis darauf, dass das damalige Standardmodell der Teilchenphysik nicht die ganze Geschichte erzählte.
Aus einem scheinbar misslungenen Experiment war eine neue Erkenntnis geworden. Und wieder zeigte sich: Wenn die Natur nicht so antwortet, wie wir es erwarten, kann genau darin der Anfang einer Entdeckung liegen.
ein Eiswürfel am Südpol
Damit sind wir beim aktuellen Nobelpreis und bei Francis Halzen angekommen. Seine große Idee war, das Eis am Südpol als riesigen Neutrinodetektor zu nutzen.
Warum ausgerechnet Eis? Weil Neutrinos so selten mit Materie wechselwirken, braucht man eine gewaltige Menge davon, um eine brauchbare Zahl von Ereignissen zu registrieren. Ein kleiner Tank reicht für bestimmte Experimente, aber für die Suche nach besonders energiereichen Neutrinos aus dem Kosmos darf es gern etwas mehr sein.
IceCube nutzt ungefähr einen Kubikkilometer antarktisches Eis. In tiefen Bohrlöchern wurden Tausende lichtempfindliche Sensoren installiert. Sie bilden ein dreidimensionales Messinstrument, das im Eis nach winzigen Lichtsignalen Ausschau hält.
Natürlich sieht IceCube ein Neutrino nicht einfach vorbeifliegen. Das wäre ja auch zu schön. Erst wenn ein Neutrino doch einmal mit einem Atomkern im Eis wechselwirkt, kann es geladene Teilchen erzeugen. Diese Teilchen bewegen sich mitunter schneller durch das Eis, als sich Licht dort ausbreitet. Dabei entsteht ein schwaches blaues Licht, die sogenannte Tscherenkow-Strahlung.
Die Sensoren registrieren, wann und wo dieses Licht eintrifft. Aus der Verteilung der Lichtsignale können die Forschenden rekonstruieren, in welche Richtung sich das entstandene Teilchen bewegt hat und wie energiereich das Ereignis war. Daraus lässt sich auf das ursprüngliche Neutrino schließen.
Und warum müssen wir dafür so tief ins Eis? Weil die Signale selten sind und störende Einflüsse möglichst gut abgeschirmt werden sollen. Der riesige Detektor braucht eine große Menge klaren und durchsichtigem Eises und eine möglichst ruhige Umgebung. Der Südpol ist dafür ein sehr geeigneter Standort.
Die Arbeit von Halzen und den vielen beteiligten Forschenden und Ingenieuren hat damit eine neue Art von Astronomie möglich gemacht. Hochenergetische Neutrinos können aus extremen kosmischen Umgebungen stammen. Sie verraten uns etwas über Orte, an denen Teilchen auf gewaltige Energien beschleunigt werden – und über Vorgänge, die wir allein mit Licht nicht vollständig verstehen würden, z. B. über die Umgebungen um schwarze Löcher herum, sterbende Sterne oder die Verschmelzung von Neutronensternen.
Übrigens: Einige IceCube-Ereignisse haben in der Fachwelt Namen bekommen, die eher an die Sesamstraße als an ein Teilchenphysiklabor erinnern. „Bert“ und „Ernie“ heißen zwei frühe, besonders bemerkenswerte Ereignisse hochenergetischer Neutrinos. Auch in der Spitzenforschung darf man offenbar gelegentlich ein wenig Kind bleiben.
Klingende Neutrinos
Meine lieben, jetzt haben wir uns eine ganze Weile mit Lichtblitzen im antarktischen Eis beschäftigt. Aber wie wäre es, wenn wir dieses riesige Neutrinoexperiment nicht nur erklären, sondern auch sinnlich erfahrbar machen könnten?
Genau das hat der Künstler Tim Otto Roth aus Oppenau im Schwarzwald versucht. Seine Installation trägt den Namen aiskju:b – eine lautmalerische Schreibweise von „IceCube“, die zugleich ein bisschen nach Eiswürfel klingt.
Roth setzte das Südpol-Experiment mit 444 illuminierten Lautsprechern um. In dieser begehbaren Installation wurden wissenschaftliche Messdaten in Klänge und Farben übersetzt. Die Teilchenspuren, die IceCube im Eis registriert, konnten so auf eine ganz andere Weise erlebt werden. Was im eigentlichen Experiment als zeitliche Folge von Lichtsignalen in Tausenden Sensoren auftaucht, bekam hier eine räumliche und akustische Gestalt.
Der IceCube-Physiker Christian Spiering war von dieser Umsetzung begeistert. Und ich kann gut verstehen, warum. Denn die Kunst versucht hier nicht einfach, ein wissenschaftliches Gerät hübsch nachzubauen. Sie eröffnet einen anderen Zugang zu einem Experiment, dessen eigentlicher Gegenstand sich unseren Sinnen normalerweise entzieht.
Wir sind mal wieder mit dem Ohr am Teleskop
Natürlich hören wir dabei nicht das Neutrino selbst. Die Klänge sind eine künstlerische Übersetzung der Messdaten, keine Geräusche, die das Teilchen im Eis tatsächlich erzeugt. Aber gerade das ist spannend: Aus Daten wird eine Erfahrung, die uns eine Vorstellung davon vermitteln kann, was sonst nur in Diagrammen, Messkurven und wissenschaftlichen Publikationen zugänglich ist.
Vielleicht wäre der Nobelpreis ein schöner Anlass, die Installation nochmal aus dem Eisfach zu holen. Immerhin gibt es eine Projektseite mit sogar Klangbeispielen. Hier lang.
Die Boten, die vor dem Licht ankamen
Neutrinos können uns nicht nur von weit entfernten Beschleunigern im Kosmos erzählen. Sie sind auch besonders wertvolle Boten, wenn Sterne ihr Leben auf spektakuläre Weise beenden.
Am 23. Februar 1987 wurde eine Supernova in der Großen Magellanschen Wolke beobachtet. Diese kleine Begleitgalaxie unserer Milchstraße liegt ungefähr 160.000 Lichtjahre entfernt. Mehrere Neutrinodetektoren auf der Erde registrierten Teilchen, die mit diesem Ereignis in Verbindung gebracht werden konnten. Insgesamt handelte es sich nur um einige Dutzend nachweisbare Neutrinoereignisse – und doch war das ein Meilenstein.
Die Neutrinos kamen ungefähr drei Stunden vor dem sichtbaren Aufleuchten der Supernova an. Das klingt zunächst so, als hätten sie das Licht überholt. Haben sie aber nicht. Die Erklärung liegt im Inneren des sterbenden Sterns.
Bei einer Kernkollaps-Supernova stürzt der Kern eines massereichen Sterns in sich zusammen. Dabei werden ungeheure Mengen Energie frei, und ein großer Teil davon wird als Neutrinos abgestrahlt. Weil Neutrinos nur selten mit Materie wechselwirken, können sie den dichten Stern relativ rasch verlassen.
Die Lichtquanten haben es deutlich schwerer. Sie werden im Inneren des Sterns immer wieder gestreut und absorbiert und müssen sich ihren Weg durch die äußeren Schichten erst bahnen. Erst wenn die Explosion die Sternhülle genügend aufgelockert hat, wird der Stern auch im sichtbaren Licht auffällig.
Die Neutrinos waren also nicht schneller als das Licht. Sie konnten nur früher aus dem Inneren entkommen.
Man könnte sagen, dass die Neutrinos schon den Brand melden, während die Flammen für uns noch hinter einer dicken Wand verborgen sind.
Was wiegt der Geist
Nach dem Südpol und der Großen Magellanschen Wolke machen wir einen Sprung zurück in die Heimat. Denn auch bei uns am KIT, auf dem Campus Nord, wird dem Neutrino nachgespürt. Hier steht das KATRIN-Experiment, dessen Name für „Karlsruhe Tritium Neutrino Experiment“ steht.
Die Frage, die KATRIN beantworten möchte, ist eine andere als die von IceCube. IceCube nutzt hochenergetische Neutrinos, um extreme Vorgänge im Universum zu untersuchen. KATRIN hingegen will die Masse des Elektron-Antineutrinos bestimmen.
Das klingt zunächst so, als würde man das Neutrino auf eine Waage legen. Doch natürlich funktioniert das nicht. KATRIN untersucht den Betazerfall von Tritium, einem radioaktiven Wasserstoffisotop. Dabei entsteht unter anderem ein Elektron und ein Elektron-Antineutrino.
Die Energie, die bei diesem Zerfall frei wird, verteilt sich auf die beteiligten Teilchen. KATRIN misst die Energie der Elektronen mit außerordentlicher Präzision. Besonders interessant ist das Ende des Elektronen-Energiespektrums: Dort zeigt sich, wie viel Energie dem Elektron im äußersten Grenzfall zur Verfügung steht.
Aus der genauen Form dieses Spektrums lässt sich ableiten, welche Masse das Neutrino haben kann. Es wird also kein einzelnes Neutrino gewogen. Vielmehr vergleicht man die Messdaten mit den theoretischen Erwartungen und prüft, welche Neutrinomassen mit den Beobachtungen vereinbar sind.
Das Herzstück der Anlage ist ein gewaltiges elektrostatisches Spektrometer. Sein Hauptspektrometer ist rund 24 Meter lang und etwa zehn Meter im Durchmesser. Es ist so groß, dass seine Reise nach Karlsruhe zu einer Geschichte für sich wurde.
Gefertigt wurde der riesige Behälter in Deggendorf. Der Transport auf dem Landweg wäre schwierig gewesen, deshalb ging es auf eine lange Schiffsreise: über die Donau und das Schwarze Meer, durch das Mittelmeer, rund um die Iberische Halbinsel und über den Atlantik und die Nordsee. Von dort führte der Weg über den Rhein weiter nach Karlsruhe. Insgesamt waren es rund 8.800 Kilometer – eine Weltreise für ein Messgerät, das am Ende eine winzige Teilchenmasse eingrenzen soll.
Das schmeckt dem Sternenonkel. Für die Suche nach einem der leichtesten Teilchen der Natur braucht man einen der eindrucksvollsten Apparate der Teilchenphysik. Und dann muss man ihn erst einmal heil an seinen Bestimmungsort bringen.
Es gibt noch weitere Detektoren auf der Erde.
KM3NeT
Das ist Dein Unterwasser-Teleskop! Es besteht aus zwei Teilanlagen: ARCA vor Sizilien sucht besonders nach hochenergetischen kosmischen Neutrinos; ORCA vor der französischen Küste untersucht unter anderem Neutrinooszillationen.
Super-Kamiokande
Ein unterirdischer Tank mit 50.000 Tonnen ultrareinem Wasser und rund 13.000 Lichtsensoren. Er beobachtet unter anderem Sonnen-, atmosphärische und Beschleuniger-Neutrinos. Durch Gadolinium im Wasser lassen sich bestimmte Neutrinoreaktionen besser von Störsignalen unterscheiden.
SNO+
Der Nachfolger des berühmten Sudbury Neutrino Observatory. Eine große Kugel mit Flüssigszintillator registriert winzige Lichtsignale. SNO+ untersucht unter anderem Sonnen- und Geo-Neutrinos – also Teilchen, die bei radioaktiven Zerfällen im Erdinneren entstehen.
JUNO
Ein riesiger kugelförmiger Flüssigszintillator-Detektor, der die Eigenschaften und das Verhalten von Neutrinos mit hoher Präzision vermessen soll. JUNO ist besonders auf die Frage ausgerichtet, in welcher Reihenfolge die verschiedenen Neutrinomassen liegen. 2026 begann die neue Anlage, ihre ersten wissenschaftlichen Ergebnisse zu liefern.
Ein unsichtbarer Anfang und eine lange Suche
Meine lieben, wenn wir uns die Geschichte des Neutrinos anschauen, dann lernen wir nicht nur etwas über ein besonders scheues Elementarteilchen. Wir lernen auch etwas darüber, wie Physik funktioniert.
Wolfgang Pauli postulierte das Neutrino, bevor es jemand nachweisen konnte.
Einstein sagte Gravitationswellen voraus, lange bevor es Messgeräte gab, die winzige Erschütterungen der Raumzeit registrieren konnten.
Und das Higgs-Boson blieb jahrzehntelang ein theoretisch vorhergesagtes Teilchen, bis am CERN endlich die passenden Spuren in den Messdaten auftauchten.
Drei Geschichten, drei unterschiedliche physikalische Probleme – und doch eine gemeinsame Erfahrung. Manchmal führt uns die Mathematik an eine Grenze, hinter der wir etwas vermuten, das wir noch gar nicht beobachten können.
Natürlich ist damit nicht alles, was sich jemand ausdenkt, schon Wissenschaft. Eine schöne Idee allein genügt nicht. Sie muss sich an der Natur messen lassen, überprüfbare Vorhersagen liefern und sich im Experiment bewähren. Und manchmal dauert es eben Jahrzehnte, bis wir die technischen Möglichkeiten besitzen, um herauszufinden, ob unsere Rechnungen tatsächlich recht behalten.
Vielleicht ist das eine der schönsten Seiten der Wissenschaft. Wir müssen nicht schon alles sehen können, um eine gute Frage zu stellen. Aber wir müssen bereit sein, lange genug nach einer Antwort zu suchen, und unsere Vorstellungen zu ändern, wenn die Natur uns etwas anderes erzählt.
Meine lieben,
Heute teile ich mit euch ein Thema, das schon einige Jahre lang auf meiner Liste steht. Endlich ist jetzt eine sehr gute Gelegenheit dazu.
Anfang September 2026 hat die UN-Generalversammlung eine Resolution zur Initiative „Correct the Map“ verabschiedet. Darin geht es unter anderem darum, flächentreue Weltkarten stärker zu fördern und damit ein realistischeres Bild der Größenverhältnisse unserer Kontinente zu vermitteln.
Das ist ein schöner Anlass, sich einmal grundsätzlich mit Landkarten zu beschäftigen. Denn bei genauerem Hinsehen steckt hinter einer scheinbar so einfachen Frage wie „Wie sieht die Welt aus?“ erstaunlich viel Mathematik, Geschichte und Wahrnehmung.
Wenn ich das Wort Weltkarte höre, habe ich zunächst einmal gar keine flache Karte vor meinem inneren Auge. Ich denke an einen Globus. Ich erinnere mich noch, dass wir an der Blindenschule taktile Globen hatten, die auf einem breiten flachen Fuß standen, in welchem das Buch für die Legende des Globus untergebracht war. Auf diesem Fuß klebte eine flache taktile Weltkarte. Ich fand die schon immer seltsam verzerrt und habe sie kaum verstanden.
Aber eigentlich finde ich den Globus auch aus einem ganz anderen Grund sympathischer: Er ist der Erde viel ähnlicher als jede flache Karte.
Unsere Erde ist schließlich keine Scheibe. Sie ist – von kleinen Unregelmäßigkeiten einmal abgesehen – eine Kugel.
Selbst die kleine Unregelmäßigkeit Mount Everest mit seiner Höhe von achteinhalb tausend Kilometer ist verglichen zum Erdradius von ungefähr 6000 Kilometern tatsächlich nicht mehr als ein Pickel…
Und damit beginnt das ganze Problem.
Denn irgendwann kam jemand auf die Idee, diese Kugel auf ein flaches Stück Papier zu bringen.
Das Runde muss aufs Flache
Gerade jetzt, wo langsam die Mandarinen- und Orangenzeit beginnt, kann man sich das Problem immer und immer wieder neu veranschaulichen.
Stell dir vor, du möchtest die Schale einer Orange vollständig auf einem Blatt Papier ausbreiten.
Das funktioniert nicht.
Du kannst die Schale einschneiden, auseinanderziehen, stauchen oder einzelne Stücke anders anordnen. Aber ohne irgendeine Form von Verzerrung bekommst du die gekrümmte Oberfläche nicht auf eine ebene Fläche.
Mit der Erde ist es genauso.
Mathematisch gesagt: Eine Kugeloberfläche lässt sich nicht verzerrungsfrei auf eine Ebene abbilden.
Also muss der Kartograf eine Entscheidung treffen.
Was soll möglichst genau erhalten bleiben?
Die Winkel? Die Flächen? Die Entfernungen? Die Richtungen?
Die Antwort auf diese Frage entscheidet darüber, welche Kartenprojektion man verwendet. Jede Projektion ist mit irgendwelchen Verzerrungen verbunden.
Aber warum wollen wir die Erde überhaupt flach haben, wenn wir doch einen Globus haben können?
Ganz einfach: Ein Globus ist zwar geometrisch eine hervorragende Darstellung der Erde, aber er ist unhandlich. Für Bücher, Schulunterricht, Atlanten, Wandkarten, Navigation und später natürlich auch für Computerbildschirme ist eine ebene Darstellung wesentlich praktischer. Auf einer flachen Karte kann man außerdem die ganze Erde gleichzeitig betrachten und bestimmte Informationen unmittelbar einzeichnen und vergleichen.
Der Preis für diese Bequemlichkeit ist eben die Verzerrung.
Und damit sind wir schon mitten in einer kleinen philosophischen Erkenntnis:
Eine Karte ist niemals die Welt selbst. Sie ist ein Modell der Welt, bei dem bestimmte Eigenschaften erhalten und andere verändert werden.
Die Erde unterm Hut
Wer eine flache Weltkarte benutzt, verwendet meistens eine Karte mit Merkator-Projektion.
Man stelle sich einen riesigen Zylinderhut vor, in welchem unser Globus genau Platz findet.
Der Äquator berührt von innen den Rand des Zylinders, der Nordpol das Dach und der Zylinderrand schließt auf Höhe des Südpols ab.
Die Punkte der Erdoberfläche werden nun auf die Innenwand dieses Zylinders übertragen. Anschließend schneidet man den Zylinder auf und rollt ihn auseinander.
Den runden Deckel des Zylinders brauchen wir für die Projektion nicht.
Aus der Kugel wird eine rechteckige Weltkarte.
Natürlich ist das nur ein Anschauungsmodell. Die mathematische Mercator-Projektion entsteht nicht einfach dadurch, dass man jeden Punkt vom Erdmittelpunkt aus auf einen Zylinder projiziert. Entscheidend ist vielmehr, dass die Darstellung so berechnet wird, dass Winkel erhalten bleiben.
Und das hat einen ganz praktischen Grund.
Die Mercator-Projektion wurde im 16. Jahrhundert unter anderem für die Navigation entwickelt. Eine sogenannte Loxodrome, also eine Linie konstanter Kompassrichtung, wird auf der Mercator-Karte als gerade Linie dargestellt. Für die damalige Seefahrt war das ausgesprochen nützlich.
Der Preis dafür ist allerdings gewaltig.
Je weiter wir uns vom Äquator entfernen, desto stärker werden die Flächen auseinandergezogen.
Und zwar richtig heftig.
Am Äquator fällt das noch nicht besonders auf. In Richtung der Pole wird die Verzerrung immer größer. Theoretisch würde sie an den Polen sogar unendlich groß.
Deshalb findet man die Pole auf einer normalen Mercator-Weltkarte überhaupt nicht mehr als Punkte. Sie liegen gewissermaßen jenseits des Kartenrandes.
Und hier noch was zum Namensgeber:
Der Kartograf hieß eigentlich Gerhard Kremer beziehungsweise latinisiert Gerardus Kremer. „Kremer“ bedeutet im Deutschen bzw. Niederländischen ungefähr Kaufmann/Händler. Ja, der Krämer mit Ä wurde erst später daraus. Und genau daraus machte er seinen lateinischen Gelehrtennamen:
Kremer → Mercator
Gerhard Kremer latinisierte also seinen Namen zu Gerardus Mercator .
Wir kennen derlei Namensänderungen auch von astronomischer Seite her. Der Astronom Johannes Müller machte aus seinem Namen einen lateinischen Gelehrtennamen. Aus seinem Herkunftsort Königsberg wurde Regiomontanus, sinngemäß „der vom Königsberg“.
Erinnert ihr euch noch? Das war der Astronom, dessen genaue Sternenkarten Kolumbus und seinen Mannen auf Jamaika das Leben rettete, weil Kolumbus damit eine Mondfinsternis voraussagen konnte. Eine Mondfinsternis rettet Leben
Aber das nur am Rande und weil es schön ist.
Grönland und der Präsident
Und damit kommen wir zu Grönland.
Wer eine Mercator-Weltkarte betrachtet, könnte durchaus auf die Idee kommen, dass Grönland ein ziemlich gewaltiger Brocken ist.
Das ist es auch. Aber nicht annähernd so gewaltig, wie es auf der Karte aussieht.
Afrika ist ungefähr 14-mal so groß wie Grönland. Auf einer Mercator-Karte wirkt das Verhältnis allerdings geradezu absurd. Grönland wird durch seine hohe geografische Breite gewaltig aufgeblasen.
Kein Wunder, dass sich gewisse Präsidenten nach Grönland sehnen, wenn sie es auf ihren Karten immer viel zu groß gesehen haben.
Wobei man der Mercator-Projektion damit natürlich Unrecht täte. Sie ist nicht dafür entwickelt worden, Afrika klein oder Grönland groß erscheinen zu lassen. Die Flächenverzerrung ist schlicht die Folge ihrer mathematischen Eigenschaften.
Was aber tun, wenn uns nicht die Winkel, sondern die Größenverhältnisse wichtig sind?
Dann verwenden wir eine flächentreue Projektion.
Hier lautet die Devise gewissermaßen:
„Mir ist wichtiger, dass Afrika wirklich so viel größer als Grönland erscheint, wie es tatsächlich ist.“
Dafür müssen wir andere Eigenschaften opfern. Formen können stärker verzerrt werden, und eine solche Karte eignet sich nicht mehr in derselben Weise für die Navigation.
Man könnte das scherzhaft eine Unschärferelation der Kartografie nennen:
Je genauer ich eine Eigenschaft bewahre, desto weniger kann ich gleichzeitig andere Eigenschaften bewahren.
Wie auch immer.
Unser erwähnter Präsident verlöre vielleicht etwas sein Interesse an Grönland, wenn er es auf solch einer Karte sähe. „So groß ist das ja doch nicht…“
Und dann gibt es noch Projektionen, die versuchen, verschiedene Verzerrungen einigermaßen ausgewogen zu verteilen.
Ein schönes Beispiel dafür ist die Winkel-Tripel-Projektion. Sie ist weder flächentreu noch winkeltreu noch überall entfernungsgetreu. Stattdessen versucht sie, die Verzerrungen bei Fläche, Form beziehungsweise Winkel und Entfernung insgesamt möglichst klein zu halten. Daher gehört sie zu den sogenannten Kompromissprojektionen.
Der Name „Tripel“ kommt übrigens genau von diesem Gedanken: Es geht darum, nicht eine einzige Eigenschaft zu perfektionieren, sondern mehrere Eigenschaften gleichzeitig einigermaßen gut darzustellen.
Die National Geographic Society verwendet die Winkel-Tripel-Projektion seit 1995 für ihre großen Weltkarten.
Schauen wir doch mal, welches Kartenmaterial z. B. das ZDF derzeit benutzt.
Mercator bzw. mercatorähnliche Darstellungen tauchen beim ZDF auf, insbesondere dort, wo es um Navigation oder die Erklärung historischer Kartografie geht.
Flächentreue Projektionen wie Equal Earth werden ebenfalls verwendet bzw. ausdrücklich thematisiert.
Bei redaktionellen Karten kann außerdem eine zweckorientierte eigene Kartengestaltung verwendet werden, bbeispielsweise eine Projektion, die für eine bestimmte Region oder eine bestimmte Aussage besser geeignet ist.
Es gibt sogar Kindersendungen, welche diese Unterschiede erklären. ZDF goes Schule
Man sieht schon an diesem Beispiel:
Die Frage „Welche Weltkarte ist die richtige?“ hat keine einfache Antwort.
Die bessere Frage lautet:
„Welche Weltkarte ist für welchen Zweck geeignet?“
Für die Navigation kann eine Mercator-Karte sinnvoll sein. Für die Darstellung von Flächenverhältnissen ist eine flächentreue Projektion sinnvoll. Und für einen allgemeinen Überblick kann eine Kompromissprojektion wie Winkel-Tripel ihre Berechtigung haben.
Welt ohne Rand
Was mir an meinem inneren Globus besonders gefällt, ist noch etwas anderes:
Er hat keinen Kartenrand.
Auf einer Weltkarte muss irgendwo Schluss sein. Häufig liegt dieser Schnitt ungefähr am 180. Längengrad. Plötzlich werden Russland und Alaska auseinandergerissen, und mitten durch den Pazifik läuft eine gedachte Linie.
Auf dem Globus gibt es diese Linie nicht.
Ich kann ihn einfach weiterdrehen.
Auch alle anderen Aufteilungen der Erde, Grenzen etc. sind der Erde selbst egal. Von der ISS aus sieht man die auch nicht.
Da gab es doch mal ein Lied, indem ein Globusverkäufer bei Reinhard mey klingelte.
Hört rein. Es lohnt sich. Vertreterbesuch
Und jetzt wird es taktil
Für mich wird die Sache noch interessanter, wenn wir von visuellen zu taktilen Karten wechseln,
denn dann reicht es nicht mehr, die Geometrie der Welt irgendwie abzubilden. Die Darstellung muss auch so gestaltet sein, dass ein Finger die wichtigen Informationen überhaupt wahrnehmen kann.
Oft muss man bei taktilen Karten und Globen die Information reduzieren. Man kann nicht Berge, Flüsse, Wälder, Grenzen und was noch gleichzeitig darstellen. Da fühlen wir Blinden nichts mehr.
Für den oben erwähnten taktilen Globus gab es deshalb verschiedene Foliensätze. Da wurde dann quasi die Kontinente abgenommen und andere drauf gespannt.
Der eine Foliensatz zeigte Gebirge, der andere eher Landesgrenzen oder Flüsse, wieder ein anderer Bevölkerungsdichten, und, und, und. Nur halt nie alles gemeinsam.
Eine taktile Karte darf manchmal durchaus auch übertreiben.
Nehmen wir einen taktilen Globus. Würde man die Oberfläche des Wassers vollkommen glatt und die Kontinente nur durch eine winzige Kante voneinander trennen, wäre der Übergang für den Finger kaum wahrnehmbar.
Will man diesen Unterschied verstärken, dann muss man bei so einem Globus quasi das Meer etwas ablassen.
Geografisch ist das natürlich maßlos übertrieben.
Taktile Geografie ist eben nicht maßstabsgetreu – sie muss wahrnehmungsgetreu sein.
Eigentlich macht eine gute taktile Karte genau das Gleiche wie eine gute visuelle Karte. Sie entscheidet, welche Information wichtig ist, und verstärkt diese Information gegebenenfalls.
Eine kleine Insel muss vielleicht größer dargestellt werden, damit man sie überhaupt ertasten kann. Eine Grenze braucht möglicherweise eine deutlich fühlbare Linie, obwohl sie in Wirklichkeit überhaupt keine Breite besitzt.
Und dann gibt es auch das umgekehrte Beispiel.
Die Sternwarte St. Andreasberg hat gegossene tellergroße Mondscheiben in ihrem Shop, die man z. B. zu einer Wanduhr verarbeiten kann.
Die Strukturen des Mondes, dunkle Flächen, helle Flächen, Krater, Mare und das Mondgesicht war für Sehende als eine Art Marmorierung gut sichtbar zu erkennen, dem Originalmond nachempfunden.
Für meinen Finger war da praktisch nichts. Außer vielleicht der leichten Wölbung der Mondscheibe wegen seiner Kugelform, war das Ding für mich absolut glatt.
Leider war der Hersteller dieser Scheiben nicht dazu zu bewegen, sie doch künftig etwas zu überzeichnen. Möglichst nahe am Original zu bleiben war ihm wichtiger als Inklusion…
Ich besitze aber eine überzeichnete Mondkarte, die ich hier auf dem Blog auch schon ausführlich vorstellte. Meine taktile Mondkarte
Wie ich damit arbeite, seht ihr in Wie ich mich auf dem Mond orientiere
Die Karte ist nicht die Welt
Damit sind wir wieder bei unserem Ausgangspunkt.
Wir haben unsere Erde, eine Kugel.
Dann machen wir daraus eine Karte.
dabei müssen wir uns entscheiden, welche Eigenschaften wir möglichst gut erhalten wollen.
Und wenn die Karte anschließend noch von einem anderen Sinn als dem Sehen wahrgenommen werden soll, müssen wir möglicherweise ein zweites Mal eingreifen und manche Dinge vergrößern, vertiefen oder vereinfachen.
Das ist kein Fehler.
Es ist Modellbildung.
Und vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis, die man aus der ganzen Geschichte der Karten mitnehmen kann:
Eine gute Karte muss nicht alles richtig darstellen. Sie muss das Gewünschte richtig darstellen.
Noch ein Blick über den Tellerrand zum Schluss
Auch Die Frage, was in einer Karte im ihrem Zentrum steht, war und ist nicht überall dieselbe.
Auf manchen historischen Weltkarten lag beispielsweise Jerusalem im Zentrum. Andere Darstellungen orientierten sich an religiösen Vorstellungen und beispielsweise an der Gebetsrichtung nach Mekka.
Das ist nicht einfach eine Frage, wie rum man die Karte hält.
Es zeigt vielmehr:
Wo die Mitte einer Karte liegt, muss nicht die Mitte der Welt sein.
Auch welche Gebiete besonders groß, klein, zentral oder nebensächlich erscheinen, kann unsere Vorstellung von der Welt beeinflussen.
Die Mercator-Projektion ist dafür ein schönes Beispiel: Sie wurde aus guten mathematischen und navigatorischen Gründen entwickelt. Trotzdem kann sie unser Größenempfinden von Kontinenten prägen.
Eine Karte ist also immer nur eine Auswahl.
Eine Auswahl die uns weit über die Geographie beeinflussen kann, siehe viel zu klein dargestelltes Afrika.
Meine lieben,
am 16.09.26 fand der jährliche Herbstausflug des Evang. Blinden- und Sehbehindertendienst Baden statt. Ich schreibe hier außer in meinen Jahresrückblicken selten darüber, obwohl wir in unseren Freizeiten und Ausflügen oft Inhalte behandeln, welche die Vorlieben und Themen des Sternenonkels so streifen.
Diesmal könnte das Thema für euch spannend sein, obwohl es kaum um Astronomie geht. Ich durfte auf diesem Ausflug einen Kurzvortrag vor dem Gasometer Pforzheim halten, den wir u. A. besuchten. Diesen Vortrag teile ich jetzt einfach gerne mal mit euch, weil er gut ankam, und sich sogar das Museumspersonal dazu gesellte, zuhörte und tief beeindruckt war.
Also los:
Handywarnung
Wenn Du gleich Dein Handy herausholst und feststellst, dass es hier drin plötzlich keinen Empfang mehr hat – dann ist Dein Handy wahrscheinlich nicht kaputt.
Wir stehen schließlich in einem ziemlich großen Metallbehälter.
Und so eine Metallhülle kann elektromagnetische Wellen abschirmen. Ein bisschen funktioniert das hier also wie ein Faradayscher Käfig.
Funktionsweise Gasometer
Wenn wir gleich in den Gasometer hineingehen, sieht man zunächst einmal ein ziemlich gewaltiges Stück Stahl.
Und vielleicht fragt sich der eine oder die andere: „Was hat man eigentlich früher mit so einem riesigen Ding gemacht?“
Nun, ein Gasometer war im Grunde ein Speicher für Gas. Und zwar kein Hochdruckbehälter, wie man ihn heute vielleicht von Gasflaschen kennt. Das Gas wurde hier mit relativ niedrigem Druck gespeichert.
Das Ganze funktionierte erstaunlich einfach.
Stellt euch eine riesige Stahlglocke vor, die in einem großen Wasserbecken steht. Diese Glocke konnte sich nach oben und unten bewegen. Wenn mehr Gas in den Behälter hineinströmte, hob sich die Glocke. Wenn Gas entnommen wurde, sank sie wieder ab.
Das Wasser sorgte dafür, dass das Gas nicht einfach unten aus der Glocke herauspfeift. Die Glocke tauchte mit ihrem unteren Rand in das Wasser ein – und dieses Wasser bildete die Dichtung.
Man hatte also einen riesigen, beweglichen Deckel auf einem Wasserbad.
Je mehr Gas drin war, desto höher stand der Deckel.
Das eigentliche physikalische Prinzip dahinter ist verblüffend simpel.
Gas kann man zusammen drücken, Wasser dagegen praktisch nicht. Und Wasser kann wunderbar abdichten, so lange der Rand der Glocke darunter bleibt.
In Pforzheim begann die Gasversorgung bereits 1853. Dieser Gasometer hier stammt von 1912 und fasste ungefähr 40.000 Kubikmeter Gas.
Das ist eine ganze Menge.
Und wenn man sich vorstellt, dass da nicht einfach ein paar Gasflaschen herumstanden, sondern eine riesige Stahlglocke in einem Wasserbecken auf- und abfuhr, bekommt man schon eine Ahnung davon, wie elegant alte Technik manchmal funktioniert hat.
Übrigens ist das, was wir heute hier sehen, nicht mehr ganz der ursprüngliche Gasometer. Die bewegliche Glocke ist in ihrer alten Funktion nicht mehr erhalten. Beim Umbau wurde unter anderem das ursprüngliche Dach aus Eisenplatten entfernt. Die historische Konstruktion blieb aber weitgehend erhalten.
Und heute wird hier überhaupt kein Gas mehr gespeichert.
Schulversuche
Ich finde das aufregend. Eine Glocke im Wasser, Gas hebt sie an. Da kommt der Sternenonkel gleich ins schwärmen und schwetzen.
Ich denke da an Versuche, die wir in der Schule gemacht haben.
Magische Schale
Zum Beispiel mit einem Glas, einer Kerze und einer Schale Wasser.
Man stellt eine brennende Kerze in Wasser und stülpt ein Glas darüber.
Die Kerze brennt.
Dabei wird die Luft im Glas erwärmt. Irgendwann geht die Flamme aus. Die Luft kühlt wieder ab, und dadurch sinkt der Druck im Glas.
Das Wasser steigt in das Glas.
Der entscheidende Punkt ist: Außen drückt der normale Luftdruck stärker auf das Wasser als die Luft im Glas.
Die Atmosphäre schiebt also das Wasser hinein.
Und schon haben wir wieder unser altes Thema:
Druckunterschiede bewegen etwas.
Sauerstoff zum Zündeln
Noch schöner wird es im Chemieunterricht.
Man kann ein Gefäß mit Wasser füllen, es unter Wasser umdrehen und dann einen Schlauch hineinführen. Wenn nun ein Gas entsteht und in das Gefäß geleitet wird, verdrängt es das Wasser.
Das Gas nimmt also den Platz ein, den vorher das Wasser hatte.
So konnte man beispielsweise Sauerstoff auffangen.
Wem das gelungen war, durfte dann in diesem reinen Sauerstoff Schwefel verbrennen. War cool.
Heureka
Und dann gibt es noch meinen persönlichen Favoriten:
den Kartesischen Taucher.
Ein kleiner, hohler Körper schwimmt zunächst in einer mit Wasser gefüllten Flasche.
Drückt man auf die Flasche, steigt der Druck im Wasser.
Die eingeschlossene Luft im kleinen Taucher wird zusammengedrückt. Dadurch kann etwas mehr Wasser in den Taucher eindringen. Seine mittlere Dichte steigt.
Und plötzlich macht das kleine Ding:
Plumps.
Es sinkt.
Lässt man die Flasche wieder los, dehnt sich die Luft aus, verdrängt wieder Wasser – und der Taucher steigt.
Wenn man sich das einmal klargemacht hat, sind der Kartesische Taucher, das Sauerstoffglas, das Kerzenglas und dieser riesige Gasometer plötzlich gar nicht mehr so verschieden.
Immer wieder geht es um Gas, Wasser und Druck.
Nur die Dimensionen ändern sich.
Im Chemiesaal haben wir ein kleines Glas.
Hier stehen wir in einem Stahlgebäude von vierzig Metern Höhe.
Das Gaswerk
Zu einem Gasspeicher gehörte früher natürlich auch die Gasfabrik, das Gaswerk.
Das Gaswerk produzierte nämlich kontinuierlich Gas. Die Menschen verbrauchten es aber nicht gleichmäßig. Morgens war weniger los, abends wurde plötzlich überall Gas zum Beleuchten, später zum Kochen und Heizen gebraucht.
Das Gaswerk war die Fabrik – der Gasometer war das Lagerhaus.
Und gespeichert wurde damals sogenanntes Stadtgas. Das wurde zunächst aus Holz, später vor allem aus Kohle hergestellt.
Holzvergasung
Holz besteht vor allem aus Cellulose. Wird es unter Luftabschluss stark erhitzt, passiert ungefähr Folgendes:
Wasser verdampft.
Die organischen Moleküle zerfallen.
Es entstehen Gase und Dämpfe, darunter Kohlenmonoxid, Wasserstoff, Methan und verschiedene Kohlenwasserstoffe.
Übrig bleibt Holzkohle.
Außerdem entstehen Teer und andere kondensierbare Stoffe.
Aus Steinkohle
Das Prinzip ist ähnlich. Kohle wird in einer Retorte bei hohen Temperaturen erhitzt, ebenfalls weitgehend ohne Sauerstoff. Man spricht von Kohlevergasung bzw. bei der klassischen Stadtgasherstellung von Kohlevergasung durch trockene Destillation.
Dabei entstehen gleich mehrere Produkte:
Das Gas ist das sogenannte Kohlengas und enthält vor allem:
Wasserstoff
Methan
Kohlenmonoxid
kleinere Mengen anderer Gase
Und genau dieses Gas wurde dann als Stadtgas in die Leitungen geschickt.
Koks bleibt als fester Rückstand übrig.
Das Gaswerk auf dem Auto
Gerade während des Zweiten Weltkriegs waren Holzgasfahrzeuge in Deutschland und anderen europäischen Ländern ziemlich verbreitet. Ende des Krieges gab es in Deutschland schätzungsweise Hunderttausende solcher Fahrzeuge.
Man tankte tatsächlich Holz.
Allerdings nicht einfach irgendwelche Scheite aus dem Kamin.
Das Holz wurde speziell vorbereitet, getrocknet und auf eine ziemlich genau passende Größe zugeschnitten. In Deutschland sprach man von „Tankholz“. Typischerweise waren das handliche Buchenholzstücke, etwa 10 cm lang.
Beim Tanken klang das dann ungefähr so:
„Guten Tag, einmal volltanken bitte.“
„Benzin oder Diesel?“
„Nee, drei Säcke Buche.“
Der „Tank“ war ein kleiner Holzofen
Hinten oder vorne am Fahrzeug saß ein ziemlich großer Holzvergaser – äußerlich oft ein zylindrischer Metallbehälter. Darin wurde trockenes Holz unter Sauerstoffmangel vergast.
Das Prinzip war ungefähr:
Holz → Hitze → Holzgas → Reinigung/Kühlung → Motor
Das entstandene Gas enthielt unter anderem Kohlenmonoxid, Wasserstoff und Methan und konnte dann einen entsprechend angepassten Verbrennungsmotor antreiben.
Ein Holzgasauto war gegenüber einem Benziner deutlich umständlicher:
Der Generator musste zunächst angeheizt werden.
Das Holz musste trocken und passend zerkleinert sein.
Der Generator erzeugte nicht sofort Gas.
Das Gas musste gekühlt und von Staub und Teerbestandteilen gereinigt werden.
Die Motorleistung war geringer.
Die ganze Anlage war schwer und sperrig.
Ein historisches Beispiel gibt an, dass ungefähr 3 kg Holz etwa die Energiemenge von einem Liter Benzin im Motorbetrieb ersetzen konnten.
Heute sind wir da sauberer, aber leider nicht frei vom Treibhausgas Co2
Erdgas
Erdgas besteht im wesentlichen aus Metan und kommt aus Lagerstätten aus der Erde.
Es verbrennt sehr sauber
Da es geruchlos ist, ist ihm ein Geruchstoff zugesetzt. Wenn es also nach Gas riecht, dann riecht man sein Deo.
Und hier noch ein Funfact: zu Helium
Unser beliebtes Ballongas Helium wird oft aus Erdgas durch Fraktionierung gewonnen.
Erdgas wird so lange abgekühlt, bis alles außer dem Helium gefroren ist.
Keine gute Idee, Helium zu verschwenden, weil es ins Weltall abhaut und verloren ist.
Wir brauchen es aber z. B. für die Kühlung der Magnete im MRT.
Und jetzt passt auf.
Wenn der Sternenonkel schon beim Helium ist, dann können die Sterne nicht mehr weit sein.
Ich komme vom Gasometer über das Gaswerk schneller zu Astronomie, als andere Menschen von der Haustür bis zum Briefkasten.
Denn wenn wir schon über Gaswerke reden, müssen wir natürlich auch über Karlsruhe reden.
Auch Karlsruhe hatte Gaswerke. Eines davon war das ehemalige Gaswerk Ost.
Und jetzt kommt die schöne Pointe:
Früher wurde dort Gas hergestellt, damit die Menschen nachts etwas sehen konnten.
Heute befindet sich dort ein Planetarium – damit die Menschen Dinge sehen können, die ein kleines bisschen weiter entfernt sind und nur nachts sich zeigen…
Wer mal in Karlsruhe vorbei kommt, sollte unbedingt beim Planet-KA vorbei schauen. Wenn ihr Glück habt, trefft ihr mich dort.
Urwaldmond
Machen wir noch kurz einen kleinen Abstecher ins All, um die Brücke zu unserer Ausstellung zu schlagen, weil es einfach schön ist.
Wenn man an Urwald denkt und gleichzeitig ein bisschen Science-Fiction im Kopf hat, dann landet man als alter StarWars-Fan natürlich irgendwann bei Endoor.
Dem Waldmond aus Die Rückkehr der Jedi-Ritter, dem ursprünglichen dritten Teil.
Endor ist kein Planet, sondern Ein ziemlich großer Urwaldmond, der einen Gasriesen umkreist.
Die Alianz, keine Ahnung wie, bezieht Energie aus ihm, um ihren neuen Todesstern zu bauen.
Luke Skywalker überwindet den Imperator und seinen zur dunklen Seite der Macht übergelaufenen Vater, Darth Vade; die Jediritter kehren zurück…
Und genau das finde ich an dieser Stelle so schön: Wir kommen vom Gasometer über das Gaswerk zum Planetarium, vom Planetarium zu den Himmelskörpern – und plötzlich stehen wir auf einem Waldmond in einer weit, weit entfernten Galaxis.
Wir gehen jetzt in einen Urwald hinein,
und zwar direkt hier im Gasometer .
und tauchen ein in den Urwald Amazoniens, der faszinierenden Welt des tropischen Regenwaldes.
Und wer weiß …
Vielleicht entdecken wir dort ja doch noch einen kleinen Ewok.
Kleine Moral von der Geschicht
So mancher mag sich fragen:
Wieso gehen blinde Menschen in eine absolut visuelle Ausstillung? Da haben die doch eh nichts davon?
In gewisser Weise stimmt das auch, zumindest dann, wenn man keine Führung hat. Es war quasi eine Notlösung, weil etwas anderes, was geplant war, ins Wasser fiel.
Ehrlich gesagt, machte auch ich mir diese Sorgen. Deshalb entschied ich mich u. A. für diesen einführenden Vortrag, damit es im schlimmsten Fall etwas gäbe, wovon blinde Besucher:innen etwas haben.
Aber es kam dann zum Glück anders.
Da wir die Bilder nicht sehen konnten, mussten wir uns zwaf vieles von unseren Begleitpersonen beschreiben lassen,
aber eindrücklich bombastisch waren die Urwaldgeräusche.
Da quakte links der Frosch, Insekten flogen scheinbar um einen herum, ein riesiges Gewitter ging nieder und überall zwitscherte es. Und das alles in einen wunderbaren Klangteppich eingebettet.
So etwas kennt man höchstens von Pink Floyd oder ähnlich psychodelischen Gruppen. Früher hätten wir davor einen dicken … geraucht.
Vor allem in unteren Stock des Gasometers war dieses Hörerlebnis gigantisch. Alleine dafür hat es sich schon gelohnt, dort mal rein zu gehen.
Fazit: Sage niemals, dass sich etwas für jemanden nicht lohnt, wenn Du es nicht weißt.
Wer mein Buch gelesen hat erinnert sich vielleicht daran, dass ich von einem sehr schwer eingeschränkten Rollstuhlfahrer berichtete, dessen Betreuer dringend davon abrieten, ihn mit auf meine Astronomie-Freizeit zu nehmen. Er war aber so glücklich, weil er für uns den großen Modellglobus und das Planetenmodell kurbeln durfte.
Nochmal
Sage niemals im vorhinein, etwas würde jemandem nichts bringen. Du weißt es nicht…
Und jetzt zum Schluss Hier noch ein Link zu einer spannenden Sendung über den Regenwald. https://www.deutschlandfunkkultur.de/sozialwissenschaftlerin-maritta-koch-weser-von-den-menschen-im-urwald-lernen-dlf-kultur-cba70011-100.html
so, jetzt ist sie dann mit Fronleichnam rum, die schöne Welle der Feiertage. Aber es gibt ja dann die Sommerpause im August.
Aber genießen wir jetzt erst mal Fronleichnam.
vor einigen Jahren schrieb ich bereits einen Artikel zum Thema Fronleichnam. Von da her spare ich uns jetzt alles rund um den Feiertag. Ich werde aber den alten Inhalt teilweise nochmals aufgreifen, und was dann kommt, lasst euch überraschen.
Fangen wir in meiner Jugend an:
Als geborenes Mitglied der evangelischen Kirche, hatte ich zu diesem Feiertag keinen besonderen religiösen Bezug. Meine Großmutter erzählte mir nur immer, dass die evangelischen Christen auf dem einen Berge an diesem Feiertag ganz bewusst als Provokation ihre weiße Bett- und Tischwäsche wuschen und auf die Leine hängten. Das war weit hin sichtbar, bis zum katholischen Berg gegenüber. Die Katholiken taten dann dasselbe am evangelischen Buß- und Bettag im November, den es ja heute nur noch in manchen Bundesländern als evangelischen Feiertag gibt
Nun ja. die protestantische Wäsche dürfte auf jeden Fall besser und rascher getrocknet sein, wobei die katholische im November eventuell sogar schon gefrieren konnte.
Mitte der 90er Jahre wohnte ich gegenüber einer katholischen Kirche. Ich genoss es, von meinem Bett aus die evangelischen Posaunenchöre zu hören, die man sich für diesen heiligen Tag ausgeliehen hatte.
Aber für viele Menschen ist Fronleichnam erst mal ein kirchliches Fest mit Prozessionen, Blumenteppichen und Monstranzen. Für mich als jemand, der sich gerne mit Wissenschaft beschäftigt, ist es aber auch ein Anlass, über eine spannende Geschichte nachzudenken, die zeigt, wie Menschen mit unerklärlichen Phänomenen umgehen – damals wie heute.
Im Mittelalter kam es gelegentlich vor, dass Hostien plötzlich rote Flecken zeigten. Für die Menschen jener Zeit war das eine Sensation. Die Hostie schien zu bluten. Viele sahen darin ein Wunder, einen göttlichen Fingerzeig oder einen besonderen Beweis für die Gegenwart Christi.
Heute wissen wir: Verantwortlich dafür war mitunter ein Bakterium namens Serratia marcescens. Dieses Bakterium bildet einen roten Farbstoff und kann auf feuchten, stärkehaltigen Lebensmitteln wachsen. Das Ergebnis sieht tatsächlich verblüffend nach Blut aus.
Die Beobachtung war also echt: Die Hostie war rot verfärbt.
Die damalige Erklärung war jedoch falsch.
Noch schlimmer.
Immer wieder wurden Juden beschuldigt, Hostien geschändet zu haben. Aus solchen Legenden entstanden Verfolgungen, Vertreibungen und manchmal sogar tödliche Gewalt gegen unschuldige Menschen. Ein natürliches Phänomen wurde zu einem Vorwand für Vorurteile und Hass.
Wenn wir heute auf diese Geschichte zurückblicken, neigen wir vielleicht dazu, den Kopf zu schütteln. Wie konnten Menschen nur so etwas glauben?
Doch Vorsicht mit unserer Hybris vor dem Mittelalter.
Schauen wir lieber mal in die Gegenwart,
Denn das Grundmuster hat sich kaum verändert.
Menschen beobachten etwas Ungewöhnliches und suchen nach einer Erklärung. zum Beispiel:
Jemand erhält eine Impfung und wird wenige Tage später krank. Die Beobachtung ist real. Die Schlussfolgerung, die Impfung müsse die Ursache sein, ist jedoch nicht automatisch richtig.
Jemand sieht einen Kondensstreifen eines Flugzeuges am Himmel. Die Beobachtung stimmt. Daraus folgt aber nicht zwangsläufig, dass geheime Chemikalien versprüht werden.
Jemand stellt fest, dass der Horizont flach aussieht. Auch das ist eine korrekte Beobachtung. Die Erklärung, die Erde müsse deshalb eine Scheibe sein, hält einer wissenschaftlichen Überprüfung jedoch nicht stand.
Oft unterstellt man dem Mittelalter, dass die vorherrschende Meinung war, dass die Erde eine Scheibe sei. Flacherdler gab es und gibt sie bis heute. Aber die Wissenschaft oder Meinung des Mittelalters war, dass die Erde eine Kugel ist. Das zweifelten nur ganz wenige an, wie heute auch.
Darin war sich sogar der gute alte Aristoteles sicher, im Gegensatz zu dem, was er als Zentrum des Sonnensystems wähnte…
In allen hier aufgezeigten Beispielen liegt der entscheidende Unterschied zwischen Beobachtung und Erklärung.
Die Wissenschaft hat im Laufe der Jahrhunderte Methoden entwickelt, um genau diese beiden Dinge voneinander zu trennen. Sie fragt nicht zuerst: „Welche Erklärung gefällt mir?“, sondern: „Welche Erklärung lässt sich überprüfen?“
Das klingt selbstverständlich, ist aber eine der größten geistigen Leistungen der Menschheit.
Die Menschen im Mittelalter hatten keine Mikroskope. Sie konnten das Bakterium nicht sehen. Wir dagegen verfügen heute über Labore, Satelliten, Teleskope, Computer und riesige Datenmengen. Trotzdem sind wir nicht immun gegen vorschnelle Schlussfolgerungen.
Vielleicht liegt das daran, dass unser Gehirn Geschichten liebt. Zufälle fühlen sich unbefriedigend an. Komplexe Zusammenhänge sind anstrengend. Eine einfache Erklärung wirkt oft attraktiver als eine komplizierte.
Genau deshalb verbreiten sich Verschwörungserzählungen so erfolgreich. Sie bieten scheinbar einfache Antworten auf schwierige Fragen. Statt Unsicherheit auszuhalten, liefern sie klare Schuldige und einfache Ursachen.
Die Geschichte der blutenden Hostien erinnert uns in diesem Sinne daran, wie gefährlich das sein kann.
Ein roter Fleck auf einer Hostie war einst Anlass für Wunderglauben, Angst und Verfolgung. Jahrhunderte später stellte sich heraus, dass die Wirklichkeit viel unspektakulärer und zugleich viel faszinierender war: Ein winziges Bakterium hatte die Verfärbung verursacht.
Für mich steckt darin eine wichtige Botschaft.
Wissenschaft bedeutet nicht, alles zu wissen. Wissenschaft bedeutet, die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass die erste Erklärung falsch sein könnte.
Vielleicht ist das die eigentliche Lehre aus der Geschichte der blutenden Hostien. Nicht die roten Flecken sind bemerkenswert, sondern die Frage, wie wir auf sie reagieren.
Suchen wir nach Beweisen oder nach Bestätigung unserer Vorurteile?
Sind wir bereit, unsere Meinung zu ändern, wenn neue Erkenntnisse auftauchen?
Oder halten wir an einer Erklärung fest, nur weil sie gut in unser Weltbild passt?
Zwischen einer blutenden Hostie des Mittelalters und mancher Verschwörungserzählung des 21. Jahrhunderts liegen viele Jahrhunderte. Doch die menschliche Neigung, Beobachtung und Interpretation zu verwechseln, ist erstaunlich zeitlos geblieben.
Die gute Nachricht lautetaber: Wir verfügen heute über Werkzeuge, die unsere Vorfahren nicht hatten. Wir können messen, vergleichen, experimentieren und überprüfen.
Nutzen müssen wir diese Werkzeuge allerdings selbst.
Vorsicht also mit der herablassenden Haltung über das Mittelalter. Durch die heutigen Medien, das Internet, Fakenews und KI haben wir viel mehr davon, was manche von uns dem sog. Mittelalter unterstellen.
Bleiben wir also in Sinne von Fronleichnam wachsam.
Am Tag der Arbeit, wenn weltweit Menschen für bessere Lebensbedingungen, Gerechtigkeit und Teilhabe eintreten, richtet sich der Blick meist auf Fabriken, Straßen und politische Forderungen. Doch es lohnt sich, den Blick ein Stück weiter zu heben – hinauf zum Himmel.
Denn auch die Astronomie erzählt eine Geschichte von Teilhabe. Eine Geschichte davon, wie Wissen seinen Weg aus elitären Zirkeln hinaus in die Hände vieler fand. Eine Geschichte, die überraschend gut zum 1. Mai passt.
Der Himmel gehört nicht nur den Reichen
Noch im 19. Jahrhundert war Astronomie ein Privileg. Große Teleskope standen in den Gärten von Fürsten, Universitäten oder wohlhabenden Privatgelehrten. Wer in den Himmel schauen wollte, brauchte Zugang und der war streng begrenzt.
Mit der entstehenden Arbeiterbewegung änderte sich das langsam.
Arbeiterbildungsvereine begannen, Vorträge über Naturwissenschaften anzubieten. Nicht nur über Maschinen oder Chemie, sondern auch über die Sterne. Der Himmel wurde zu einem Ort der Bildung, und Bildung wiederum zu einem Mittel der Befreiung.
Beispiele hierfür sind
der Leipziger Arbeiterbildungsverein
Einer der frühesten und einflussreichsten Vereine (gegründet 1848).
bot Vorträge über Naturwissenschaften, Politik und Technik
organisierte Bibliotheken für Arbeiter
Astronomie war Teil der „populären Wissenschaften“, die bewusst niedrigschwellig vermittelt wurden
Gerade hier wurde der Gedanke geprägt: Bildung ist kein Luxus, sondern ein Recht.
Ein weiteres Beispiel ist
der Berliner Arbeiterbildungsverein
enge Verbindung zu frühen sozialdemokratischen Strukturen
Vorträge über „Weltbilder“ – oft mit astronomischen Inhalten
Diskussionen über das heliozentrische Weltbild als Symbol für wissenschaftliches Denken
Astronomie war hier nicht nur Wissen, sondern auch ein Gegenentwurf zu religiösen oder autoritären Weltbildern.
In diesem Zusammenhang entstanden auch viele Volkssternwarten.
Ein besonders schönes Beispiel ist die Archenhold-Sternwarte in Berlin. Sie wurde bewusst als Volkssternwarte konzipiert. Kein abgeschotteter Elfenbeinturm, sondern ein Ort, an dem jeder Mensch durch ein Fernrohr schauen konnte.
Der Gedanke dahinter war radikal einfach:
Wissen gehört allen. Auch der Blick ins All.
Ohne Arbeiter keine Sterne
Astronomie wirkt oft wie eine stille Wissenschaft; ein Mensch, ein Teleskop, ein weiter Himmel. Doch dieser Eindruck täuscht.
Hinter jedem Blick durch ein Fernrohr steckt Arbeit:
geschliffene Linsen und Spiegel
feinmechanische Montierungen
präzise Uhren zur Zeitmessung
Infrastruktur wie Eisenbahn und Telegrafie
All das entstand durch die Hände von Arbeitern, Technikern und Handwerkern.
Doch selbst innerhalb dieser „unsichtbaren Arbeit“ gab es Ungleichheiten – und gibt sie zum Teil bis heute.
Unsichtbare Arbeiterinnen des Himmels
Ein oft übersehener Teil der Astronomiegeschichte sind die Frauen, die wesentlich zur Entwicklung der Wissenschaft beigetragen haben und dennoch lange im Schatten standen.
Ihr wisst, dass ich ihnen auf dem Blog eine ganze Kategorie und einen ganzen Adventskalender widmete.
Ende des 19. Jahrhunderts arbeiteten beispielsweise am Harvard-Observatorium zahlreiche Frauen als sogenannte „Computer“. Eine von ihnen war Annie Jump Cannon, die maßgeblich an der heute noch verwendeten Klassifikation von Sternspektren beteiligt war.
eine weitere, Henrietta Swan Leavitt, entdeckte die Beziehung zwischen der Helligkeit und der Periodendauer von Cepheiden – eine Grundlage für die Entfernungsbestimmung im Universum.
Und doch wurden diese Frauen schlechter bezahlt, hatten weniger Anerkennung und oft keinen Zugang zu Teleskopen. Sie analysierten Daten, während andere die Beobachtungen durchführten und den Ruhm erhielten.
Noch in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts zeigte Susan Jocelyn Bell Burnel, dass diese Muster von Ungleichheiten bis heute noch nicht überwunden sind.
Sie entdeckte die ersten Pulsare, doch der Nobelpreis ging an ihren Doktorvater.
Und vergessen wir bitte nicht: Ohne die sog. Rechnerinnen wären wir niemals zum Mond gekommen.
Diese Geschichten sind keine Randerscheinungen in der Wissenschaft. Sie zeigen:
Auch in der Wissenschaft gab und gibt es eine Art Arbeiterklasse – und viele von ihnen sind Frauen.
Bis heute sind Frauen in Astronomie und anderen Wissenschaften unterrepräsentiert, insbesondere in Führungspositionen.
Strukturelle Hürden, ungleiche Bezahlung und fehlende Sichtbarkeit wirken nach.
Der 1. Mai erinnert deshalb nicht nur an Fabrikarbeiter – sondern auch an all jene, die im Hintergrund arbeiten, rechnen, auswerten und entdecken, ohne die Anerkennung zu bekommen, die sie verdienen.
Unter demselben Himmel
Wer in den Nachthimmel schaut, sieht keine Grenzen, Keine Länder, Keine Klassen, Keine Unterschiede zwischen Arm und Reich.
Diese Perspektive erinnert an das, was später unter dem Begriff Pale Blue Dot bekannt wurde: die Erde als winziger, zerbrechlicher Punkt im Kosmos.
Für die Arbeiterbewegung, die von Anfang an internationale Ideen trug, war das kein fremder Gedanke. Menschen in verschiedenen Ländern kämpfen vielleicht unter unterschiedlichen Bedingungen, aber sie leben unter demselben Himmel.
Sogar Denker wie Karl Liebknecht betonten, dass Bildung der Schlüssel zur Freiheit sei. Und zur Bildung gehörte immer auch das Verständnis der Natur – und damit des Universums.
Der Blick ins All kann also etwas lehren, das über Physik hinausgeht:
Er macht uns bescheidener – und gleichzeitig verbundener.
Vom Arbeiter zum Kosmonauten
In der damaligen Sowjetunion wurde die Raumfahrt bewusst als kollektive Leistung inszeniert. Nicht das Genie allein, sondern das Zusammenspiel vieler sollte den Weg ins All ermöglichen.
Als Juri Gagarin 1961 als erster Mensch die Erde umrundete, wurde er nicht nur als Held gefeiert, sondern auch als Sohn einfacher Verhältnisse. Ein Arbeiterkind, das die Grenzen der Erde hinter sich ließ.
Das war mehr als Propaganda. Es verkörperte die Vision, Dass Fortschritt nicht nur wenigen gehört, sondern von vielen getragen wird, und vielen zugutekommt.
Sterne, Freiheit und Würde
Der 1. Mai erinnert uns daran, dass Würde, faire Arbeit und Teilhabe keine Selbstverständlichkeiten sind. Sie mussten erkämpft werden, und werden es noch immer.
Die Astronomie erzählt eine parallele Geschichte.
Eine Geschichte davon, wie Wissen geöffnet wurde. Wie Menschen, die einst ausgeschlossen waren, Zugang zu den Sternen bekamen. Wie der Himmel vom Symbol der Ferne zu einem Ort der gemeinsamen Neugier wurde.
Und sie erinnert uns auch daran, dass dieser Weg nicht für alle gleich verlief und bis heute nicht vollständig abgeschlossen ist.
Vielleicht liegt gerade darin eine stille Verbindung:
Während Menschen am 1. Mai für ihre Rechte eintreten, spannt sich über ihnen ein Himmel, der niemandem gehört – und gerade deshalb allen.
Mein Wunsch für den heutigen Tag der Arbeit
In diesem astronomischen Sinne wünsche ich mir, dass vor allem die Partei, der auch ich angehöre, die SPD, sich wieder mehr für ihre „Arbeiter:innen“ einsetzt, die sie in den letzten Jahren durch Vernachlässigung an andere Parteien verloren hat, die man besser nicht in einer Regierung sehen möchte.
Liebe Genossinnen und Genossen, besinnen wir uns mal wieder auf unsere Wurzeln und unsere Entstehungsgeschichte und setzen wir uns wieder für das ein, was man eine moderne Sozialdemokratie nennen kann.
Und was das Recht auf Bildung angeht, so klafft die Schere immer weiter auseinander.
Und ein Land, das über Fachkräftemangel z. B. im IT-bereich klagt, sollte sich vielleicht mal darüber Gedanken machen, ob es so schlau ist, überall die Astronomie aus den Lehrplänen zu werfen, und die Teleskope und Schulplanetarien verotten zu lassen.
Meine lieben,
heute ist mal wieder ein Geschenk der Anlass für einen Artikel.
Vor einiger Zeit fragte mich meine Arbeitskollegin, was ich denn gerne für ein Motiv auf meiner Geburtstagskarte, die wir vom Team immer bekommen, hätte. Sie fragt mich deshalb, weil ganz viele bunte Geburtstagsmotive, vor allem, wenn sie noch 3D-Effekte haben, von blinden Menschen überhaupt nicht ertastet und verstanden werden können.
Neben einiger astronomischen Motiven, die ich gerne mal unter die Finger nehmen möchte, erwähnte ich auch den Gegenstand des heutigen Artikels. Da es zu groß für eine übliche Geburtstagskarte ist, hat meine Kollegin mir diese Grafik im A3-Format extra generiert. So bleibt die Überraschung, was auf meiner Geburtstagskarte sein wird noch bis zur nächsten Team-Sitzung offen.
Es geht quasi um die Lebenslinien von Sternen. Die werden in einem Herzsprung-Russel-Diagramm aufgezeichnet.
Wir erwähnten ja hier schon öfter, dass z. B. sehr massereiche Sterne ihr Leben rascher beenden, weil sie durch den höheren Druck in ihrem Inneren, den Wasserstoff deutlich schneller verbrauchen.
Rote Zwergsterne leben dagegen fast ewig, weil sie so sparsam sind.
Sterne beenden ihr Leben auch sehr unterschiedlich.
All das kann man im diesem Herzsprung-Russel-Diagramm sehr gut sehen, oder in meinem Fall, nun endlich auch ertasten.
Ein Hertzsprung-Russell-Diagramm (oft HR-Diagramm genannt) zeigt, wie Sterne nach Temperatur, Farbe, Leuchtkraft und Entwicklungszustand geordnet sind. Es wurde von Ejnar Hertzsprung und Henry Norris Russell entwickelt.
Und so eines liegt, wie gesagt nun taktil vor mir.
Ich habe ChatGPT so gepromptet, dass sie sich ein taktiles HR-Diagramm vorstellen soll, und dass sie mir das Stück für Stück so erklären soll, dass ich das als blinder Mensch kapiere.
Lassen wir uns also mit Hilfe von ChatGPT durch das taktile Diagramm geleiten.
👉 Schritt 1: Den Rahmen finden
Taste zuerst den äußeren Rand der Grafik ab.
Du solltest eine rechteckige Fläche finden:
unten → horizontale Achse
links → vertikale Achse
Diese zwei Achsen sind das Wichtigste.
👉 Schritt 2: Die untere Achse (Temperatur) erkunden
Fahre mit den Fingern unten von links nach rechts entlang.
Du findest dort Markierungen oder Beschriftungen für die Oberflächentemperatur der Sterne.
links = sehr heiß
rechts = kühl
Das ist genau umgekehrt wie bei normalen Diagrammen.
Typische Orientierung (nicht immer vollständig beschriftet):
ganz links: etwa 30.000–40.000 K → sehr heiße blaue Sterne
Mitte: etwa 6.000 K → Sonne-ähnliche Sterne
rechts: etwa 3.000 K → kühle rote Sterne
👉 Wenn deine Grafik zusätzlich Spektralklassen zeigt (O–B–A–F–G–K–M), liegen sie meist von links nach rechts in genau dieser Reihenfolge.
Diese Buchstabenfolge klassifiziert die Sterne nach ihren Spektren.
Zwei Frauen zeichnen für diese Klassifikation verantwortlich, Williamina Fleming und Annie Jump Cannon. Aber das muss eine andere Geschichte werden.
Der wahrscheinlich berühmteste Merkspruch, sich diese Reihenfolge zu merken lautet:
„Oh Be A Fine Girl/Guy, Kiss Me“
ChatGPT hat mir auch eine deutsche Version vorgeschlagen, die mir astronomisch sehr gut gefällt.
„Ozeanblau am Firmament glüht kosmische Materie.“
Aber weiter mit der Erkundung:
👉 Schritt 3: Die linke Achse
Gehe jetzt an den linken Rand und taste von unten nach oben.
Das zeigt die Leuchtkraft (Helligkeit eines Sterns).
unten = lichtschwach
oben = sehr hell
Manchmal steht dort:
„Leuchtkraft der Sonne = 1“
oder Potenzen wie 0,01 – 1 – 100 – 10.000
Das bedeutet:
👉 Je höher du tastest, desto mehr Energie strahlt der Stern ab.
Ja, stimmt. so stehts auf meinem taktilen Exemplar.
Es ist ja fast so, als könnte die KI mein Exemplar hier sehen…
👉 Schritt 4: Die große schräge Sternspur finden (Hauptreihe)
Jetzt kommt das wichtigste Element.
Suche im Inneren der Fläche nach einer:
✅ dicken oder deutlich fühlbaren Linie / Punktwolke
die schräg von oben links nach unten rechts verläuft.
Das ist die Hauptreihe.
Taste sie langsam ab:
oben links → heiß + sehr hell
Mitte → mittelgroße Sterne (hier liegt unsere Sonne)
unten rechts → kühl + lichtschwach
👉 Etwa 90 % aller Sterne befinden sich hier.
Wenn du die Linie entlanggehst, spürst du praktisch die „Lebensphase normaler Sterne“.
👉 Schritt 5: Oben rechts – Riesensterne finden
Suche jetzt rechts oben im Diagramm.
Dort findest du meist:
eine eigene Gruppe
einen Bereich
oder Beschriftungen wie „Riesen“ oder „Rote Riesen“
Eigenschaften dort:
kühl (rechts)
aber sehr hell (oben)
riesiger Durchmesser
Diese Sterne sind aufgebläht – deshalb hell trotz niedriger Temperatur.
👉 Schritt 6: Unten links – Weiße Zwerge finden
Gehe nun in den unteren linken Bereich.
Dort liegt meist eine kleinere Gruppe:
sehr heiß (links)
aber lichtschwach (unten)
Das sind Weiße Zwerge:
sehr klein
extrem dicht
„Sternreste“
👉 Schritt 7: Die Sonne lokalisieren (falls markiert)
Viele taktile HR-Diagramme markieren die Sonne.
Suche:
ungefähr Mitte der Hauptreihe
Temperatur etwa 6000 K
Leuchtkraft etwa 1
Wenn du dort eine besondere Markierung fühlst → das ist unsere Sonne.
Ja, die Sonne ist bei meinem Exemplar speziell markiert. Um ihre Temperatur genauer ablesen zu können, legte ich die A3-Grafik auf ein großes Zeichenbrett, wo man ein Lineal und einen Anschlag hat. Diesen schob ich bis zur Sonnen-Markierung, stellte ihn dann fest, fuhr mit dem Finger nach unten, und siehe da, ich landete ungefähr bei 6000 Grad.
Aber weiter:
Im Hertzsprung-Russell-Diagramm kannst du das Leben eines Sterns wie einen Weg durch die Fläche verstehen. Ein Stern „wandert“ im Laufe seiner Entwicklung an verschiedene Positionen – je nachdem, wie sich Temperatur, Größe und Leuchtkraft ändern.
Wir nehmen einen Stern wie unsere Sonne als Beispiel (mittlere Masse). Sehr große oder sehr kleine Sterne machen ähnliche Wege, aber extremer oder kürzer.
⭐ Die „Lebensreise“ eines Sterns im HR-Diagramm
👉 Schritt 1: Sterngeburt – Start rechts unten (Vorstufe)
Suche im Diagramm den Bereich:
rechts (kühl)
eher unten (nicht sehr hell)
Hier beginnen Sterne.
Was passiert physikalisch:
Eine Gaswolke zieht sich zusammen.
Der Stern ist noch relativ kühl.
Er wird langsam heißer und heller.
👉 Bewegung im Diagramm beim Entstehen:
von rechts unten → schräg nach links oben
(heißer + heller)
Nicht jede Grafik zeigt diese Phase deutlich.
👉 Schritt 2: Hauptreihe – stabiles Sternleben
Jetzt gehe zur großen schrägen Linie von oben links nach unten rechts (Hauptreihe).
Der Stern „landet“ auf dieser Linie und bleibt dort sehr lange.
Für einen Stern wie die Sonne:
etwa 90 % seines Lebens hier
stabiler Zustand
Wasserstoff wird zu Helium fusioniert
👉 Bewegung:
praktisch keine große Bewegung
nur sehr langsames Wandern entlang der Linie
Du kannst dir vorstellen:
Der Stern „lebt ruhig“ auf dieser Spur.
👉 Schritt 3: Der Stern wird alt → Bewegung nach rechts oben
Wenn der Wasserstoff im Kern verbraucht ist:
der Kern schrumpft
äußere Schichten blähen sich stark auf
Oberfläche wird kühler
Stern wird viel heller
Jetzt taste im Diagramm:
von der Mitte der Hauptreihe nach rechts oben zum Bereich der Riesensterne.
👉 Bewegung:
nach rechts → kühler
nach oben → viel heller
⭐ Roter Riese
Der Stern wird riesig — oft hunderte Male größer.
👉 Schritt 4: Stern verliert seine Hülle → Bewegung nach links Nach der Riesenphase:
äußere Hülle wird abgestoßen
heißer Kern bleibt zurück
Temperatur steigt stark
Im Diagramm:
👉 Bewegung:
von rechts oben → nach links
bleibt zunächst relativ weit oben (sehr heiß)
Der Stern wird wieder heißer, aber nicht dauerhaft groß.
👉 Schritt 5: Sternrest → Weißer Zwerg (links unten)
Am Ende bleibt nur der kleine Restkern.
Suche im Diagramm links unten:
heiß, aber lichtschwach
Das ist der Weiße Zwerg.
Eigenschaften:
extrem heiß
sehr klein
wenig Leuchtkraft wegen kleiner Oberfläche
Danach:
der Stern kühlt langsam weiter ab
bewegt sich immer weiter nach unten rechts (wenn das Diagramm das zeigt).
⭐ Wie sich große Sterne unterscheiden (kurz)
Sehr massereiche Sterne:
starten weiter links oben auf der Hauptreihe
werden zu extrem hellen Überriesen
enden oft in einer Supernova (manchmal nicht vollständig im HR-Diagramm dargestellt)
So, und jetzt, wo ihr ungefähr wisst, wie dieses Diagramm funktioniert, wie man es benutzt, und was man daraus lesen kann, könnt ihr euch ja mal überlegen, wie sich rote Zwergsterne durch das Diagramm bewegen.
Stell Dir vor:
Du bist ein sehr kleiner, kühler roter Stern.
Frage:
Welchen Weg nimmst du durch das Diagramm im Laufe deines Lebens?
Wanderst du zum Riesen?
Explodierst du?
Ziehst du große Schleifen?
Oder passiert etwas völlig anderes?
Denke daran:
Du hast extrem wenig Masse.
Du verbrauchst deinen Brennstoff außergewöhnlich sparsam.
Das Universum ist etwa 13,8 Milliarden Jahre alt.
Was bedeutet das für deine Bewegung im Diagramm?
Ihr dürft mir eure Antworten gerne schreiben.
Und wem das noch nicht reicht, der kann sich ja mal überlegen, wie sich das alles bei einem Doppelsternsystem verhalten kann. Hier gibt es mehrere Lösungen..Kommt darauf an, wer als was startet…
Mein Fazit zu all dem ist:
Die größten Sterne leben kurz und sterben spektakulär.
Sterne wie unsere Sonne führen ein langes, ruhiges Leben.
Die kleinsten Sterne aber überdauern nahezu alles.
Die unscheinbarsten Sterne sind die ausdauerndsten.
Die leisesten sind die beständigsten.
Während gewaltige Sterne entstehen und vergehen, während Galaxien sich verändern und neu ordnen, leuchten diese kleinen roten Sterne weiter — ruhig, sparsam, geduldig.
Das Hertzsprung-Russell-Diagramm ist mehr als eine wissenschaftliche Grafik.
Es erzählt von Wandel und Beständigkeit, von dramatischen Umbrüchen und unvorstellbarer Geduld.
Es zeigt uns:
Energie kann stürmisch sein oder leise.
Entwicklung kann explosiv oder fast unsichtbar verlaufen.
Größe entscheidet nicht über Dauer.
Vielleicht liegt gerade darin eine unerwartete Weisheit des Kosmos:
Nicht alles Bedeutende geschieht laut.
Nicht alles Große vergeht schnell.
Und manchmal besteht die längste Reise darin, einfach weiter zu leuchten.
So, und dann will ich mal nicht so sein. Hier kommt noch ein Foto meines tastbaren HR-Diagramms für euch Gucklinge.
Meine lieben,
heute geht es mal wieder um etwas verbindendes zwischen Kulturen und Religionen.
Ich habe es ganz zufällig entdeckt, und dachte mir, dass das eine schöne Geschichte für die Rubrik „Kalendarisches“ des großen Newsletters von Eberhard, für den ich schon mehrfach schreiben durfte.
Er war sofort begeistert. Und wenn er begeistert war, dann seid ihr das ja vielleicht auch.
Eberhard schreibt in seinem Newsletter:
Wieder einmal ist es mir eine große Freude, dass uns Gerhard Jaworek einen Beitrag schickt. Wir kennen Gerhard von vielen bisherigen Beiträgen hier im Newletter. Gerhard betreibt seit vielen Jahren einen Astroblog, der sich auch dadurch auszeichnet, dass er als blinder Astronom für blinde und sehende Sternfreunde schreibt. Er ist auch Mitglied der Deutschen Astronomischen Gesellschaft.
Gerhard schreibt:
Liebe Sternfreundinnen und -freunde,
in 2026 haben wir kalendarisch eine seltene Konstellation:
Die Fastenzeiten fast aller großen Religionen überlappen sich so stark, wie nur selten.
Die christliche Fastenzeit beginnt bekanntlich mit dem Aschermittwoch, in 2026 am 18. Februar, und endet am Karsamstag vor dem Ostersonntag, am 05. April 2026.
In manchen christlichen Zählweisen endet die Fastenzeit bereits am Gründonnerstag mit dem letzten Abendmahl vor der Kreuzigung Jesu.
Der Ostersonntag ist in der Regel der erste Sonntag nach dem ersten Vollmond nach dem astronomischen Frühlingsanfang, der Tag-Nacht-Gleiche.
Ich schrieb darin in einem meiner ersten Artikel überhaupt Wieso ist Ostern manchmal so früh, und manchmal so spät?
Ostern ist das einzige Fest, das noch primär von astronomischen Gegebenheiten abhängt. Fasching, Chr. Himmelfahrt, Fronleichnam und Pfingsten leiten sich davon ab.
Bis zum Konzil im Jahre 325 n. Chr. feierten verschiedene Gemeinden das Osterfest an unterschiedlichen Tagen. Dort wurde beschlossen, dass ein einheitlicher Termin gefunden werden muss, an dem alle Brüder und Schwestern der Christenheit gemeinsam das Osterfest, die Auferstehung Jesu, begehen und feiern sollen.
Es fällt ungefähr mit dem Jüdischen Pessach-Fest zusammen.
Somit kann die Auferstehung Jesu frühestens am 22.03. und spätestens am 26.04. stattfinden. Dieses Datum war Papst Gregor in seinem Kalender zu spät. Deshalb führte er eine Regel ein, die den 25.04. als spätesten Termin erlaubt.
Um dieses Problem, der Berechnung des Ostertages zu lösen, gab der Mathematiker und Jesuitenpater Christophorus Clavius im 16. Jahrhundert eine Rechenvorschrift heraus, die allerdings noch sehr unhandlich war.
Der Mathematiker und Astronom Karl-Friedrich Gauß griff diese Rechenvorschrift auf und verfasste im Jahre 1800 eine vereinfachtere Lösung, um den Ostertermin zuverlässig im voraus bestimmen zu können.
Die Große Fastenzeit der Orthodoxen Kirche beginnt in diesem Jahr am 23.02. und endet am 12.04 mit dem Pascha-Fest.
Mit diesen Fastenzeiten hatte ich vor einigen Jahren mit einer rumänischen Kollegin, die der orthodoxen Kirche angehört, ein besonderes Erlebnis. Ich wollte sie zur Berechnung ihrer anderen Feiertage und Fastenzeiten befragen. Und mal ganz ehrlich. Wer von uns hat in der Schule mal vernünftig gelernt, wie sich unsere Zeiten berechnen.
Sie antwortete also:
„Wie das genau funktioniert, weiß ich auch nicht. Das hat irgendwie mit dem Mond und einem anderen Kalender zu tun. Und außerdem wollen alle orthodoxen Brüder und Schwestern auf der Welt gemeinsam Ostern feiern können.“
In der orthodoxen Kirche wird am Julianischen Kalender festgehalten.
Das ist der Kalender, der vor dem gregorianischen Kalender benutzt wurde.
Er orientierte sich stark nach dem Mond. Da sich aber unser Mond mit seiner Umlaufzeit nicht gut in den Rest des Jahreslaufes mit seinen Jahreszeiten etc. integrieren lässt, musste man manchmal einen dreizehnten Mond einfügen, damit die Feiertage, die Erntezeiten und vieles mehr nicht komplett aus dem Takt gerieten.
Daher findet der 21. März (im orthodoxen Kalender 20. und 21. Jahrhundert) 13 Tage später statt, als im gregorianischen Kalender.
Daher findet das orthodoxe Osterfest manchmal eine Mondphase später statt. Außerdem berechnet die orthodoxe Kirche das Osterdatum nach einer bereits in der Antike festgelegten Rechenvorschrift, dem Metonischen Zyklus. Er dauert meistens 19 Jahre.
Den erklärte ich genauer in Vollmond an Halloween
Man kann mit ihm beispielsweise berechnen, wann der Vollmond, und natürlich auch der Neumond, wieder auf einen bestimmten Tag, z. B. den Heiligen Abend, oder meinetwegen auch auf eure Geburtstage fällt.
Die Länge des 19-jährigen Mondzyklus wurde damals um ca. 2 Stunden zu lang angenommen, was sich im Laufe von 17 Jahrhunderten zu einigen Tagen addiert hat.
Aus diesem Grunde können sich die Feierzeiten um bis zu fünf Wochen unterscheiden.
Von diesem Effekt ist übrigens auch der Jüdische Kalender betroffen.
Ramadan 2026 wird je nach regionaler Mondsichtung voraussichtlich am Abend des 17. Februar 2026 beginnen, mit dem ersten Fastentag am 18. Februar 2026.
Der Fastenmonat Ramadan dauert etwa 29–30 Tage und endet mit Eid al-Fitr, dem Fest des Fastenbrechens. Die meisten Berechnungen gehen von einem Ende des Ramadan am 19. März 2026 aus und Eid al-Fitr fällt dann auf 20. März 2026.
Ganz besonders daran ist, dass der Koran genau bestimmt, wann Ramadan zu sein hat. In der Bibel sind nirgendwo Fastenzeiten festgelegt, zumindest nicht im neuen Testament.
Den Anfang des Ramadans markiert die Sichtung (ru’ya / رؤية / ruʾya) der neuen Mondsichel (hilal) am Ende des letzten Tages/in der letzten Nacht des Vormonats Scha’ban an.
Der Grundtypus dieser Traditionen in den kanonischen Hadithsammlungen als Direktive des Propheten lautet:
„Der Monat besteht aus 29 Tagen. Fastet erst, wenn ihr sie (die Mondsichel – hilal) seht, und brecht das Fasten erst, wenn ihr sie (wieder) seht. Und wenn (der Himmel) über euch bedeckt ist, so bestimmt ihn. Vervollständigt die Zahl der Scha’ban-Tage/ auf 30 (Tage).“
(Hadith Abu Dawud, Buch 13, Nr. 2312; al-Bukhari, Buch 31, Nr. 130-131.)
Und jetzt sieht man schon, wieso dieses Ereignis recht selten vorkommt, dass die Fastenzeiten so stark überlappen.
Der Ramadan richtet sich komplett nach dem Mond. Das bedeutet, dass sich sein Zyklus durch ein ganzes Jahr ungefähr alle 32 Jahre wiederholt.
In die Berechnung der orthodoxschen Feierzeiten geht der alte julianische Kalender und der 19 jährige Meto-Zyklus ein, der je nach dem, wie die Schaltjahre fallen, sogar doppelt so lang sein kann.
Und die christlichen Zeiten hängen ja am Bändel des Ostervollmondes.
Das dauert, bis da mal wieder alle verschiedenen Rhythmen zueinander passen.
Gerade in diesen unruhigen kriegerischen Zeiten ist die Tatsache, dass wir in 2026 miteinander fasten und feiern können, eine gute Gelegenheit, mal wieder auf ein religiöses, kulturelles, friedvolles und respektvolles Miteinander hin zu arbeiten.
In diesem Sinne grüßt euch der Sternenonkel.
Meine lieben,
Lasst uns mal wieder eine eurer Fragen beantworten. Gerne mehr davon.
Diesmal erreichte sie mich über den Newsletter von Eberhard, für den ich mittlerweile schon drei mal schreiben durfte.
Eberhard schreibt:
…
Etwa 20 % meiner Newsletterleserinnen und -leser sind blind oder sehbehindert.
Häufig waren sie Teilnehmerinnen und Teilnehmer unserer Workshops „Astronomie für blinde und sehbehinderte Menschen“
von Birgit, Harald und mir als Referenten und Mitglieder der Beobachtergruppe Sternwarte Deutsches Museum.
Deshalb tauchen hier auch Fragestellungen auf, die für diese Lesergruppe, aber auch für Sehende interessant sind, denn einer lernt vom anderen.
Nachdem ich im letzten Newsletter die Mondfinsternis thematisiert habe, stellen Gabi und Dieter – beide sehbehindert oder blind (so genau weiß ich das gar nicht) – folgende Mond-Frage:
„Lieber Eberhard,
ist es möglich, von irgendeiner Quelle mittels einer Fotodiode mit einem Tongeber einen Pieps zu bekommen?
Damit könnte man als Vollblinder in der Nacht schon mal neugierigerweise den Mond und vielleicht auch einen ähnlich hellen Himmelskörper hörbar machen.
Könnt ihr uns da weiterhelfen? “
Da ich diese Frage gerne von einem Experten beantworten lassen möchte, habe ich diese Frage an Gerhard Jaworek weitergeleitet,
der hier schon mehrere ausführliche Artikel zur Astronomie für blinde Menschen geschrieben hat.
Er hat sich auch gleich daran gemacht, die Frage zu beantworten:
Hier also nun meine Antwort:
Lieber Eberhard,
Das ist eine spannende Frage.
Grundsätzlich gibt es Lichtdetektoren für blinde Menschen, die man sogar punktgenau ausrichten kann.
Die meisten Geräte zur Erkennung von Farben, enthalten diese Funktion. Desto mehr Licht in solch einen Detektor fällt, desto höher pipst dieser. Bei Dunkelheit schweigt er.
Lichtdetektoren brauchen blinde Menschen vor allem dann, wenn Sehende zu Besuch waren und wenn z. B. Kerzen an waren. Auch für Kontrolllämpchen etc. kann man das gut einsetzen.
Es gab mal einen Lichtdetektor, Bontlight007, der so punktgenau und empfindlich war, dass man mit dessen Hilfe sogar die Aussteuerung der Kanäle eines Mischpultes kontrollieren konnte.
Nicht zuletzt gibt es Apps für das Handy, die über Audio Licht signalisieren. Ich finde aber, dass die oft nicht viel taugen, weil die Handykamera einen zu großen Einfallswinkel hat,
so dass die Richtung, aus der das Licht kommt, eventuell nicht so gut ortbar ist.
Aber nähern wir uns langsam dem Mond:
Es mag für sehende Menschen unbegreiflich erscheinen, aber ich habe noch mit keinem Lichtdetektor, sei er noch so teuer (wir sprechen hier von mehreren hundert Euro)
den Vollmond anvisieren können.
Die Dinger sind einfach nicht empfindlich genug. Außerdem ist der Mond ja schon recht klein. 30 Bogenminuten sind halt einfach verdammt wenig.
Da müsste man mit so einem Sensor schon genau zielen können. Das schafft man blind nicht. Sehende fixieren den Mond ja dauernd mit den Augen ganz automatisch, indem sie es nachführen.
Ich abe bei der Sofi von 1999 versucht, mit meinem Lichtdetektor die Korona zu erwischen. Ging natürlich nicht. Aber die Verdunkelung, die Totalität und den Lichtausbruch danach, konnte ich mit dem Gerät ganz wunderbar erleben. Ich weiß noch genau, wie interessiert die Umstehenden daran waren, wie ich die Sonnenfinsternis jetzt als blinder Mensch erleben möchte.
Für Polarlichter reichen diese Sensoren leider auch nicht, geschweige denn für andere Sterne außer unserer Sonne.
Schade eigentlich, aber Polarlichter machen wenigstens Radioprogramm…
Aber zurück zum Mond.
Als ich noch in der Schule war, vor mehr als vierzig Jahren, und noch einen Sehrest hatte, machten wir mal ein Mondexperiment.
Für Menschen mit Restsehvermögen gibt es bis heute Bildschirmlesegeräte. Man legt das Lesegut auf einen Kreuztisch unter eine Kamera, die das ganze dann vergrößert am Bildschirm darstellt.
Meines aus Mitte der 70er Jahre, war ein umgebauter Schwarz-Weiß-Fernseher. Das konnte man noch am Lautsprechergitter deutlich sehen.
Oh Mann, waren das damals Flimmerkisten. Kein Vergleich zu heute.
Wenn man nicht schon blind war, dann wurde man es bestimmt davon. Aber nein. Wir wollen nicht undankbar sein. Es war der Anfang…
Ich weiß noch, als wir an der Blindenschule Ende der 70er Jahre das erste farbige Bildschirmlesegerät bekamen. Das wurde gehütet wie ein Gral.
Man musste quasi bei der Biologielehrerin Beobachtungszeit wie bei einem großen Teleskop buchen. Und wer sich mit dieser Lehrerin nicht gut stand, hatte ein Problem…
Also. Wir kippten eines Nachts die Kamera solch eines Gerätes so um, dass der Vollmond ins Bild kam.
Ich war total erstaunt, wie rasch der Mond über den Bildschirm huschte und verschwand. Wir hatten ja keine Nachführung oder Montierung. Das war sehr beeindruckend, aber auch für mich gut nachvollziehbar, wie rasch sich der Mond, nein halt, sonst wirds falsch, die Erde unter dem Mond hinweg dreht.
Also. Leider kenne ich derzeit keine Möglichkeit, den Vollmond mit einem Lichtdetektor zu erwischen.
Man kann ihn höchstens mit der Astro-App „Universe2Go“ suchen und finden.
Die installiert man sich auf sein Handy, und legt dieses dann in eine Art Brille.
Vor vielen Jahren durfte ich dem Entwickler dieser App beratend zur Seite stehen, und viele Stunden immer und immer wieder testen und Vorschläge einbringen. Sogar Schulungen auf verschiedenen Computercamps bot ich sogar mehrsprachig dafür an.
Es ist die einzige Sternen-App, die für uns blinde momentan funktioniert.
Ich schicke hier mal zwei Links, wo ich beschreibe, wie ich damit arbeite.
Ich sag’s aber gleich. Das ist, ohne mich loben zu wollen, ganz hohe Schule. Ich kann das nicht ohne schlechtes Gewissen einem Blinden empfehlen. Man braucht dafür eine sehr hohe Frust-Toleranz, und ohne Schulung sich da einarbeiten, geht kaum… Merkurtransit mit U2G
Und damit die Geschichte trotz, dass der Mond momentan nicht angepipst werden kann, doch noch schön endet, kommt hier noch meine ganz persönliche Mondgeschichte für euch.
Ich hatte die Möglichkeit, 1993 eine Sternwarte zu besuchen, die auf dem Dach eines Gymnasiums installiert war. Schon aus purem Interesse nahm ich daran teil. Damals verfügte ich zwar noch über einen ganz kleinen Sehrest, konnte etwas hell und dunkel sehen, glaubte aber nicht im Traum daran, dass ich etwas im Teleskop sehen könnte.
Bis jetzt hatte ich weder einen Stern, außer natürlich unsere Sonne, noch den hellsten Vollmond am Meer oder in den Bergen sehen können, aber das war mir nicht wichtig. Da bei dieser Führung in erster Linie Sehende und Menschen mit Restsehvermögen anwesend waren, öffnete der Astronom das Teleskop und richtete es zunächst auf den Vollmond aus.
Nur aus Neugier, wie es sich physisch anfühlt, durch ein Teleskop zu sehen, legte ich mein linkes Auge mit der Helldunkel-Fähigkeit an. Und da geschah es: Ganz schwach, aber sehr deutlich konnte ich die Scheibe des Mondes erkennen. Ein Aufschrei, ein Hüpfer. Dann verifizierten wir das Ganze. Der Astronom verstellte das Teleskop und ich konnte ihm jeweils sagen, wann der Mond zu sehen war und wann nicht. Einbildung war somit ausgeschlossen.
Nur dieses eine Mal gewährte mir mein Leben den Blick durch dieses Fenster. Diese Mondscheibe liegt noch immer wie ein leuchtender Schatz in meinem Herzen und wird mich das ganze Leben lang begleiten. Erinnerungen verwischen mit der Zeit. Diese ist aber bisher unverändert klar und deutlich präsent. Schon wenige Monate nach diesem Ereignis verschlechterte sich mein Sehvermögen derart, dass ich den Vollmond mit dem stärksten Teleskop der Welt nicht mehr hätte sehen können. Betrübt bin ich darüber nicht, denn ich habe ihn ja gesehen. Einmal und nie wieder.
ich hoffe, ihr hattet eine schöne Weihnachtszeit. Meine war mit guten Freunden, viel Musizieren und gutem Essen und guten Weines sehr schön.
Hier kommt, was kommen muss. Viele von euch kennen es schon, mein obligatorischer Jahresrückblick 2025.
Wie immer, wieder etwas länglich, aber da müsst ihr jetzt einfach durch und meine Bauchpinselei ertragen.
Irgendwie war das gefühlt für mich ein Jahr voller Sendungen, Podcasts und nur wenig Life-Auftritten. Ich kann euch aber sagen, dass mir das ganz recht war und mittlerweile auch ist. Solche Lesereisen etc. mit Übernachtung und manchmal noch ohne Begleitung sind nichts mehr für mich. Außerdem war ich eigentlich das ganze Jahr, vor allem in der letzten Hälfte mental, psychisch und gesundheitlich sehr angeschlagen und gebeutelt.
Aber springen wir rein, was trotz aller Widrigkeiten möglich war.
Viel Spaß bei des Sternenonkels Rückschau auf 2025.
09.01. Radiosendung der Blindnerd in der Friedensbewegung
Noch im alten Jahr geplant, aber im neuen Jahr gesendet. Vielleicht erinnert ihr euch noch an meinen Blindnerd-Artikel „Der Blindnerd in der Friedensbewegung“, den ich wegen des Ausbruches dieses unsäglichen Krieges in Europa geschrieben habe.
Aus diesem Artikel durfte ich auf unserer Blautor-Lesebühne und ins Blindzeln-Radio GEMA-Frei senden, weil wir zwei Monate GEMA gesponsert bekamen. Großer Dank dafür.
Also sprach ich den Artikel auf, reicherte ihn mit den passenden Friedensliedern an, und sendete die Sendung. Da ich die Sendung mit den Liedern euch nicht schicken darf, habe ich mich für einen anderen Weg, eine Mischform zwischen Lesen und Hören, entschieden.
Ich habe den alten Artikel nun mit Links angereichert, die euch hoffentlich zu den passenden Liedern führen. Meistens sind es Youtube-Links mit all ihren Problemen und Tücken, was die Bedienung betrifft.
Der Artikel, den ich meine, heißt: Der Blindnerd in der Friedensbewegung
27.01. Des Sternenonkels Kinderträume
Auf einem Open-Air habe ich einmal versucht, die Astronomie und Musik zusammen zu führen. Dankbar funktioniert das, wenn man Kinder mit ins Boot nimmt. Aus diesem Format erwuchs eine Radiosendung „Des Sternenonkels Kinderträume“, wo ich genau das versuchte. Ein anderer Versuch in diese Richtung war „Astropop Ende 2024.
Leider kann und darf ich euch diese Sendungen nicht anbieten. Ich denke mal darüber nach, wie es doch klappen könnte, weil es zu diesen beiden Sendungen keinen Blog-Eintrag, wie bei obiger Friedens-Sendung gibt.
Wer mag, darf mich gerne danach fragen. Wir finden einen Weg.
27.03. Frühlingsakademie
Diese Projektwoche lässt Studierende aller Fachrichtungen mal über den Tellerrand blicken. „Es war einmal vor langer Zeit, in einer weit weit entfernten….“ Halt, da waren wir falsch. Aber lang ist es trotzdem her, als ich einen Text zum Thema „Barrierefreie Dokumente helfen allen“ schrieb. Also griff ich den Artikel auf, machte Folien daraus und durfte ein sehr spannendes Publikum dafür sensibilisieren, wie man Dokumente barrierefrei gestalten kann. Und ja, ich richtete es mir dann zeitlich schon so ein, dass ich ihnen kurz die Astronomie als barrierefreies Hobby vorstellte, und dann schickte ich sie noch unter der Augenbinde mit Blindenstöcken durch unsere Flure. Das war ein sehr gelungener Nachmittag, den ich da für meine Alma Marter und jetzigen Arbeitgeber anbieten durfte.
Der Text zu barrierefreien Dokumenten ist bis heute aktuell und vielleicht auch für euch spannend, wenn ihr Dokumente erstellen sollt.
Hier ist er: Barrierefreie Dokumenten nützen allen
18.04. Mein Ostergruß der durch die Decke ging
Entweder der Artikel mit der Thermosflasche von letztem Jahr, oder dieser Osterartikel waren diejenigen, die am meisten Resonanz erzeugten.
Wir wechselten österlich die Perspektive, und versetzten uns in einen Außerirdischen, der sich langsam durch unsere Radiosphäre auf uns zu bewegt. Wir erlebten, was er dort so schalenartig hören kann.
Hier die beiden Links zu den meist kommentierten Artikeln: Was wäre, wenn… Die große Thermoskanne
07.05. Planetarium Karlsruhe
Naja, was soll ich sagen. Dass Karlsruhe jetzt ein kleines Planetarium besitzt, erfüllt mich mit deutlich mehr Stolz als karlsruhes Fußballmannschaft.
Und dass mir die Ehre zu Teil wurde, zu seiner Eröffnung geladen zu werden, und was das für ein großartiges Fest war, beschrieb ich ja ausführlich in Was, ihr habt noch keins?.
Mit einem weinendem und einem lachenden Auge gehe ich mit Anfragen von Sternwarten, Astronomievereinen etc. um, wenn sie mir ihr Anliegen vortragen, dass sie gerne ihren Internetauftritt ab jetzt barrierefrei gestalten möchten.
Das lachende Auge freut sich natürlich, wenn hier der Wunsch und das Bewusstsein für derlei wächst.
Das weinende Auge muss aber leider manchmal feststellen, dass die Seiten historisch so gewachsen sind, und dann noch von verschiedenen Menschen erstellt wurden, dass der Umbau zu Barrierefrei kaum möglich ist. Neu machen geht da oft besser und schneller, und dafür fehlen die Menschen, die Zeit und das Geld. Naja, dann kann man höchstens noch da und dort was verbessern, oder eine Strategie beschreiben, wie die Seiten wenigstens ungefähr bedienbar sind. Meistens geht es ja ein bisschen, und man kommt trotz aller Barrieren recht weit, wenn man weiß, wie. Wie auch immer. Wer so ein Anliegen hat, darf sich gerne an mich wenden. Versprechen kann ich nichts, aber irgend etwas geht meistens. Und wenn die Seiten für das öffentliche Leben gedacht sind, z. B. eine städtische Sternwarte, Planetarium, oder so, dann sollten diese ohnehin schon seit letztem Sommer barrierefrei sein…
17.05. KIT Tag der offenen Tür und U2G
Auf dieser Veranstaltung präsentierten wir unsere Arbeiten zu verschiedensten Gebieten.
Bei mir durften die Besucher taktile Materialien ertasten. Drei mal dürft ihr raten, welche. Genau, u. A. viel astronomisches. Dann durften sie Punktschrift schreiben, mit dem Blindenstock gehen und für ganz nerdige Menschen gab es dann auch noch einen Blick durch das sprechende Handplanetarium Universe2Go. Das sorgte natürlich für viel Verblüffung, denn kaum einer glaubt, dass blinde Menschen etwas mit dem Sternenhimmel am Hut haben.
Ich habe ein altes Iphone, wo für es langsam keine Updates mehr gibt, das jetzt nur noch für U2G benutzt wird. Normalerweise führe ich meine abgelegten Smartphones immer sozialen Zwecken zu. Naja, das ist ja auch einer…
Wer mal erfahren möchte, wie ich mit diesem Handplanetarium arbeite, findet Befriedigung seiner Neugier in Meinem Merkurtransit im Nachgang.
20.05. Interview mit Bad. Zeitung
Für eine Veranstaltung, mein Higlight 2025, führte eine Reporterin mit mir ein sehr langes und ausführliches Interview. Daraus erwuchs ein sehr langer Artikel. Mindestens eine halbe Seite über mehrere Spalten hinweg. So eine Feinfühligkeit habe ich noch nie erlebt. Die Reporterin war super vorbereitet. Sensible Themen wurden mit Respekt und aller Würde behandelt. Sie hat alles verstanden, was ich erzählte. Sie hat in ihrem Interview es geschafft, ganz ohne Klischees zu arbeiten. Ich sage euch. In meiner Pressekiste, denn ein Ordner oder eine Mappe reichen längst nicht mehr, kann sich kein anderer Zeitungsartikel damit messen.
Es war kein Artikel über mich, sondern es war ein Artikel mit mir. Leider steckt der Artikel hinter einer Paywall. Aber wer bei der Badischen Zeitung ein Abonnement hat, wird ihn finden.
23.05. Sensibilisierung auf der Messe Rehab – Akademie der Fahrschullehrer
Das wusste ich überhaupt nicht, dass angehende Fahrschullehrer eine Akademie besuchen müssen. Der Professor hatte die Idee eines Sensibilisierungstages für seine Fahrschullehrer:innen.
Im Rahmen der Hilfsmittelmesse Rehab, in Karlsruhe, durften die Beauftragte für Menschen mit Behinderung der Stadt Karlsruhe, die im Rollstuhl sitzt, und ich, einen Vortrag gestalten.
Es ging hier eher um Barrieren und Probleme im Straßenverkehr und weniger um Astronomie, aber es kamen sehr viele Fragen und hat einen riesigen Spaß gemacht. So funktioniert Sensibilisierung. Wir haben so viel gelacht.
27.05. KATE-Ringvorlesung „Explore the Universe with four senses“
KATE ist ein Forschungsprojekt, das ganz viele Bereiche zu Accessibility abdeckt. Von Exo-skelett, Robotik, KI-Unterstützung bei verschiedensten Beeinträchtigungen, aber auch für richtige Sprache etc. ist alles dabei.
Jedes Semester findet in diesem Rahmen eine Ringvorlesung statt, wo Experten zu verschiedenen Themen eingeladen werden.
Mir wurde diesmal die Ehre zu Teil, mal zeigen zu dürfen, wie blinde Menschen ein Hobby betreiben, das viele nur für Menschen mit Sehvermögen denken. Also hielt ich den Vortrag „Explore the Universe with four Senses“. Leider gehen diese Vorträge auf Englisch mir nicht so leicht von der Hand. Man kann viel weniger lyrisch, spontan, witzig etc. sein. Aber ich denke, es war ganz gut.
26.06. Explore the Universe with four senses (University Brno)
Für unsere Gäste der Universität Brno, hielt ich diesen Vortrag dann nochmal. Dort war es etwas leichter, weil wir uns sehr gut kennen und weil die an ihrer Universität auch Menschen mit Blindheit unterstützen. Da musste ich dann nicht alles erklären.
08.07. Auftritt in Schopfheim-Farnau
Und da sind wir nun beim Highlight 2025.
Seit fast 15 Jahren gebe ich nun schon Vorträge, Lesungen und Workshops. Aber nie fand eine Veranstaltung in meinem Geburtsort statt. Meine Familie war noch nie in einer meiner Veranstaltungen. Und das hat nun endlich stattgefunden.
Die Stadt Schopfheim schaffte sich im Rahmen eines Inklusionsprojektes eine Rikscha für Ausflüge für Senioren an. Und in diesem Zusammenhang kam der landeskirchliche Beauftragte für Inklusion ins Spiel. Der leitet den Evang. Blinden- und Sehbehindertendienst Baden, in dessen Vorstand ich Schriftführer bin. Dieser nette Mensch schlug der Pfarrerin in Schopfheim eine Veranstaltung mit mir vor, weil die Astronomie so inklusiv ist.
Er wusste nicht, dass ich in dieser Stadt geboren bin.
Und so kam es zu dieser wunderbaren Veranstaltung. Der Raum war knallvoll, so dass wir noch mehr Stühle brauchten. Und was für mich sehr berührend war, wer von meiner Familie konnte, war da. Das war um so intensiver, weil unsere Familie naja, sagen wir mal so: „Unter jedem Dach ein Ach“…
Ich bin aber davon überzeugt, dass meine Veranstaltung unsere Familie wieder etwas näher zusammen geführt hat. Wir schreiben und hören uns wieder öfter und wissen, wie es den anderen geht.
Rund um diese Veranstaltung erschienen insgesamt drei oder vier Zeitungsartikel, die ich euch alle nicht zeigen kann. Aber die beeindruckende Beschreibung des Ankündigungsposters und Flyers von ChatGPT darf ich auf jeden Fall mit euch teilen.
Schaut mal:
Sehr gern – hier ist eine ausführliche Bildbeschreibung des Veranstaltungsplakats für den blinden Diplom-Informatiker und Referenten Gerhard Jaworek:
Bildbeschreibung des Veranstaltungsplakats „Blind zu den Sternen“
Das Plakat ist visuell sehr eindrucksvoll gestaltet und vermittelt durch Bildsprache, Farben und Schrift eine besondere Atmosphäre zwischen Technik, Raumfahrt und Inklusion. Der Gesamteindruck ist modern, inspirierend und klar strukturiert.
1. Hintergrundmotiv
Der Hintergrund zeigt ein eindrucksvolles, hochauflösendes Weltraumbild:
• Man blickt aus dem All auf die Erde hinunter. Die Erdkrümmung ist klar erkennbar, mit einem leuchtenden Streifen an der Kante – dort geht gerade die Sonne auf oder unter.
• Der Himmel darüber ist tiefschwarz mit einzelnen Sternpunkten.
• Wolkenformationen über der Erde sind im Gegenlicht sichtbar, sie wirken plastisch und realistisch.
• Der Sonnenaufgang (oder -untergang) erzeugt einen Lichtschein, der nach oben strahlt – fast wie ein Symbol für Aufbruch, Hoffnung oder Erleuchtung.
2. Veranstaltungsdaten in einem Balken ganz oben
Am oberen Rand des Plakats befindet sich ein durchgehender, dunkler, halbtransparenter Streifen mit weißer Schrift. Von links nach rechts stehen dort:
• Ein kleines Icon in Form eines stilisierten Saturns (Ringplanet).
• Dann das Datum: „Di 8. Juli 2025“
• Danach die Uhrzeit: „18.30 – 20 Uhr“
• Und ganz rechts: **„Ev. Gemeindehaus Fahrnau (Gerberstraße
Inspiriert davon, machte ich mich, wie ihr wisst, auf die Suche nach Astronomen, die mit Sicherheit Alemannisch gesprochen haben. Ganz auf Alemannisch wollte ich den Vortrag nicht halten, um auch allen „Zugezogenen“ die Chance zu geben. Aber an passender Stelle sprach ich durchaus meinen wunderbaren heimatlichen Dialekt.
Das war auch sehr bewegend. Astro-Mundart
09.08. Perseiden bei Eberhard
Woche für Woche verwöhnt uns Eberhard mit einem spannenden Newsletter, in welchem es um Astronomie, Natur, Wetter, Jahreslauf und vieles mehr geht. Sehr lesenswert. Schon das dritte mal durfte ich alleine eine Ausgabe dieses Newsletters gestalten.
Beim ersten mal ging es darum, wie ich als Mensch mit Blindheit die Astronomie erlebe und treibe. Astronomie ohne Sternensicht
Letztes Jahr bekam ich einen Platz in der Vorweihnachtszeit. Dort schrieb ich dann über Weihnachten auf der ISS und stellte einige Bücher des Arbeitskreises der blinden Autoren vor, in welchen auch ich verewigt bin. Ein Weihnachtlicher Newsletter
In diesem Jahr erhielt ich die Ehre, die Ausgabe im August zu den Perseiden zu gestalten, obwohl in diesem Newsletter sogar Berufsastronomen mitlesen und gestalten, die das vermutlich professioneller könnten als ich.
Das lies ich mir gefallen, und ich schrieb u. A., dass man Sternschnuppen mit der richtigen Ausrüstung sogar hören kann. Sternschnuppen sehen und hören
Es macht mir immer wieder Freude, für diesen Newsletter zu schreiben, der kontinuierlich wächst und schon einige hundert Abonnent:innen hat. Solch ein Wachstum würde ich mir für diesen Blog auch mal wünschen…
12.08. Perseiden in Bozen
Schon seit vielen Jahren ging ich mit einer netten Gruppe von blinden Menschen nach Österreich in ein Urlaubshaus, das für unsere Bedürfnisse ausgelegt ist. Dieses hat nun leider geschlossen, was ich sehr schade finde. Langsam brechen uns alle Häuser weg, wo wir mit unserer Beeinträchtigung mal in Ruhe urlauben können. Also entschieden wir uns für das Haus in Bozen.
Der Urlaub war sehr schön. Das Haus ist für uns super. Dort kam ich mit der Macherin eines Podcasts für den Tiroler Blindenverband zusammen. Sofort packte sie die Gelegenheit am Schopf, und ich durfte mit ihr eine Folge über meine Themen aufnehmen.
Ihr müsst, wenn ihr die Folge abhört, leider etwas spulen, bis ihr zum Interview mit mir kommt, weil es keine Kapitelmarken o. Ä. gibt. Oktoberausgabe von Hörbrief Kontakte
Natürlich hielt ich auch einen kleinen Vortrag über die Perseiden in einer schönen Hütte für alle, die sich dafür interessierten. Schön wäre es gewesen, wenn wir die Perseiden hätten direkt hören können, denn es war ein Funkerpärchen dabei, deren Ausrüstung theoretisch dazu getaugt hätte. Aber wir waren zu niedrig, so dass die Empfangsbedingungen nicht gegeben waren.
Naja, dann spielte ich halt Sternschnuppen vom Laptop ab.
In Österreich, am alten Urlaubsort, waren meine Vorträge so bekannt, dass manchmal das halbe Dorf mit Kind und Kegel zu mir auf die Wiese kamen. Die, welche damals Kinder waren, brachten mittlerweile ihre eigenen Kinder mit. Es war eine kleine Attraktion, wenn der Sternenonkel kam. Schade um das Haus und alles.
28.08. Veröffentlichung beim Podcast „im Aufzug“
So heißt der Podcast von Raul Krauthausen. Er ist für mich einer der größten Aktivisten für Inklusion in Deutschland. Er spricht in Talkshows, hat einige Bücher geschrieben und betreibt eben diesen Podcast, wo er sehr prominente und gute Leute eine Stimme gibt. Ich biete meine Veranstaltungen schon gerne z. B. an Schulen, Bibliotheken, Vereinen und sonstigen Kultur schaffenden an, wo ich glaube, dass meine Passion mal spannend sein könnte. Jemanden wie Raul mit seinem Netzwerk und seiner Reichweite um ein Interview zu bitten, fällt mir aber schwer. Dennoch fasste ich bei Raul meinen Mut, und fragte ihn, ob wir beide nicht mal eine Veranstaltung zusammen machen wollen. Dann kam aber die Pandemie und alles, so dass es nie dazu kam. Ausgangspunkt für eine erneute Nachfrage meiner seits war sein neuestes Buch. Es handelt von einem Kind mit Rollstuhl im Weltraum. Da muss ich natürlich darauf springen. Gelesen habe ich das Buch zwar noch nicht, weil ich auf das Hörbuch warte.
Hier die wichtigsten Daten, damit ihr es beim Buchhändler eurer Wahl finden könnt.
Als Ela das All eroberte, Gebundene Ausgabe von Raúl Krauthausen , Adina Hermann, Carlsen, 9783551522467
Sofort war Raul begeistert und bat mir an, in seinem Podcast Gast sein zu dürfen. Dank online, war das für mich ohne Reisen und alles, sehr gut möglich. sofort sagte ich zu. Wir kannten uns vorher tatsächlich nur über das Internet und nicht persönlich. Raul erlaubte mir sofort, dass ich die Folge auch über seinen Podcast hinaus teilen und senden darf. Hört euch diese Folge an. Es lohnt sich wirklich.
Raul schreibt dazu:
Gerhard Jaworek ist Informatiker, Astronom, Blogger und Autor – und er zeigt mir, dass man Sterne auch ganz ohne Augen sehen kann. Wir sprechen über Sterne, sprechende Aufzüge und darüber, wie sich der Mars in der Hand anfühlt.
Doch Gerhard erzählt mir auch von seiner Arbeit am KIT in Karlsruhe, wo er Studierende mit Sehbehinderung unterstützt. Über echte und falsche Applausmomente, über die Inklusion in der Wissenschaft und warum Astronomie für ihn von Natur aus eine inklusive Disziplin ist. Außerdem geht es um deutsche Beiträge zur Raumfahrt und die Frage, ob Klimaschutz nicht unser eigentliches Menschheitsprojekt sein sollte.
Wir reden über die kuriosesten Kinderfragen, über absurde Missverständnisse zwischen Sehenden und Blinden – und über Gerhards Begeisterung für kleine Details, die das Universum plötzlich greifbar machen. Aufzugtür auf für Gerhard Jaworek!
In oben genanntem Newsletter, für welchen ich manchmal schreiben darf, lesen auch viele Menschen mit Blindheit oder Sehbeeinträchtigung mit. Das kommt da her, weil die Sternwarte München zusammen mit dem Deutschen Museum manchmal Astro-Veranstaltungen für diesen Personenkreis anbietet. Die stellen natürlich manchmal auch Fragen an Eberhard. Diesmal durfte ich die Antwort geben.
Die Frage war folgende:
Lieber Eberhard,
ist es möglich, von irgendeiner Quelle mittels einer Fotodiode mit einem Tongeber einen Pieps zu bekommen?
Damit könnte man als Vollblinder in der Nacht schon mal neugierigerweise den Mond und vielleicht auch einen ähnlich hellen Himmelskörper hörbar machen.
Könnt ihr uns da weiterhelfen?
Euch gebe ich die Antwort aber heute noch nicht. Wir starten damit im neuen Jahr in unserer Rubrik „Frag, und es wird Tag.
01.10. Mein Buch wurde zehn Jahre alt
Ihr habt es ja gelesen, dass mein Buch sein Zehnjähriges feiern durfte. Ich schrieb darüber in Wir feiern einen alten Schinken.
26.10. Veröffentlichung der Podcast-Folge beim DLR
Rauls Podcast „Im Aufzug“ hat wirklich eine spannende Hörerschaft. Er wird sogar beim Deutschen Zentrum für Luft und Raumfahrt gehört.
Die betreiben den Podcast „Von der Erde ins All“. Es war mir eine besondere Ehre, hier eine Folge mitgestalten zu dürfen. Eine Folge, gemeinsam mit dem Astronauten Matthias Maurer, mir und anderen Experten für Planetenforschung etc. Aber lest selbst.
So klingt der Weltraum
Von der Erde ins All
Das Universum ist voller Klänge und Melodien! Das klingt paradox – und doch: Forscher:innen arbeiten daran, das Unhörbare hörbar zu machen: Sie übersetzen Radiowellen in Töne, wandeln Magnetfelder in Musik. Und das ist gut so, denn nur ein winziger Teil des Universums ist überhaupt sichtbar für unsere Augen. Gerhard Jaworek, ein Astronom und Informatiker, der selbst nichts sieht, aber unglaublich viel hört, nimmt uns mit auf eine Reise ins hörbare Weltall. Außerdem sind diesmal mit dabei: ESA-Astronaut Matthias Maurer, Missionsleiter Volker Schmid (DLR), Christopher Schmidt vom Institut für Kommunikation und Navigation (DLR) sowie Daniela Tirsch, Planetengeologin am Institut für Weltraumforschung (DLR)
Hier könnt ihr euch die Sendung Auf Apple Podcasts anhören: Von der Erde ins All – So klingt der Weltraum
OK, gesehen und kennengelernt haben Matthias Maurer und ich uns jetzt nicht, weil die Sendung aus verschiedenen Interviews geschnitten wurde, aber es existiert nun eine Sendung mit unseren beiden Stimmen. Darauf bin ich stolz.
Vor dem Interview wusste ich nichts davon. Es war auch für mich eine totale Überraschung, weil ich den Podcast vorher nicht kannte.
03.11. Lehrauftrag Fachhochschule Freiburg, – Benutzung Blog im Unterricht
An der evangelischen Hochschule in Freiburg können Studierende der Sozialarbeit und Sozialpädagogik ein zweisemestriges Seminar zu Themen der Inklusion besuchen und sich das auf ihre Studienleistungen anrechnen lassen. Der Leiter des Evang. Blinden- und Sehbehindertendienstes Baden, wo ich auch im Vorstand mitwirke, leitet als Inklusionsbeauftragter der evangelischen Landeskirche Badens, in diesem Semester das Seminar. Er lud mich ein, mal quasi als praktisches Beispiel mit den Studierenden über Themen der Inklusion zu sprechen, um z. B. Fragen zu beantworten. Als Impulsvortrag wählte ich das inklusivste, was es gibt, die Astronomie. Ich finde es wirklich super, wenn für diese Themen schon in Schule und Studium sensibilisiert wird. Sehr gerne nehme ich derartige Angebote an. Sollte jemand von euch auch einmal so eine Veranstaltung haben, stehe ich als Referent sehr gerne zur Verfügung.
17.11. Frag den Sternenonkel
Wie viele von euch wissen, gibt es auf Blindnerd.de die Kategorie für Fragen Frag, und es wird Tag . Artikel, die eure Fragen beantworten, werden dieser zugeordnet. Eure Namen werden selbstverständlich nicht erwähnt, so dass jeder ungeniert fragen darf, kann und auch soll. Derlei zu beantworten freut den Sternenonkel sehr. Dieses Format mit Fragen und Antworten probierte ich für unseren Arbeitskreis der blinden Autoren mal online auf unserer Lesebühne aus. Ins Radio und zu den Sprachassistent:innen wurde diesmal noch nicht gestreamt, weil wir hier noch im Aufbau sind, um irgendwann mal life senden zu können. Aber, was soll ich sagen. Der Testballon funktionierte hervorragend. Es kamen viele Fragen, die ich zum Glück auch beantworten konnte. Man konnte mir die Fragen auch vorher schicken, damit ich mich vorbereiten kann. Es hat einen riesigen Spaß gemacht. Das wird wiederholt. Und ich warte schon sehr darauf, bis das dann auch ins Internetradio kommt oder von den Alexas empfangen werden kann. Drückt mir die Daumen für dieses neue Format.
21.11. Freizeit des EBS-Baden zum Thema Luft
an diesem vorletzten Novemberwochenende hatten wir unsere Jahresfreizeit des Evang Blinden- und Sehbehindertendienstes Baden diesmal zum Thema Luft.
Hier nur ganz kurz, worum es in der Freizeit grob ging.
Wir erfuhren vom Sternenonkel,woraus Luft besteht, wie sie auf die Erde kam, dass sie nicht immer so war, wie sie jetzt ist, von ihre Geschichte der Entdeckung ihrer Bestandteile, wie sich die Alchemie zur heutigen Chemie entwickelte, und wie man Brot aus Luft gewinnen kann. Damit ist natürlich die Herstellung von Düngemitteln aus dem Stickstoff unserer Atmosphäre gemeint, mit
deren Hilfe der Welthunger gelindert werden konnte. In diesem Zusammenhang durfte natürlich die umstrittene Persönlichkeit Fritz Haber nicht unerwähnt bleiben.
Unsere Ursula, die mittlerweile dreiundneunzig Jahre auf dem Buckel hat, erklärte uns die Luft aus Sicht der Weltreligionen.
Da gibt es den Odem, der Gott dem Menschen einhauchte, auf dass er lebe,
das geistige Atma der buddhistischen Religionen,
auch den heiligen Geist, der mit Luft verglichen werden kann, und vieles mehr.
Mich erstaunt hier immer wieder, wie Ursula uns das alles frei erzählt, ohne Notizen oder Skript. Euer Sternenonkel kann das nicht.
Nach Kaffee und Kuchen wurde es richtig praktisch. Eine Atemtherapeuting zeigte uns, wie man diesen Lebensstoff richtig einsaugt und bewusst erlebt.
Richtiges Atmen ist sehr wichtig. Es gibt Entspannung und uns auch die richtige Stimme, wenn wir sie brauchen.
Also ich finde, da waren einige Übungen dabei, die sich sehr gut in den Alltag integrieren lassen.
Als finaler Höhepunkt und Ausklang steht immer der Abschlussgottesdienst am Sonntag.
Diesmal konnten wir dafür eine Pfarrerin aus dem EOK gewinnen. In ihrer Predigt griff sie auf ganz wunderbare Weise alles nochmal auf, was wir an diesem Wochenende erleben durften.
Besser konnte man die ganzen losen Fäden nicht zusammenführen.
Diese Freizeit ist ein ganz integraler Bestandteil meiner Arbeit, weil sie für einige der Teilnehmenden das einzige ist, wo sie im Jahr mal aus ihrer Wohnheim- und Werkstattumgebung heraus kommen.
01.12. Weihnachtskalender
sicherlich wundertet ihr euch, dass der Blindnerd schon am ersten Advent mit seinen Weihnachtsgeschichten begann, obwohl der 01. Dezember doch erst am Montag war.
Ja, das hatte seinen Grund.
In diesem Jahr konnte es leider keinen Blindnerd-Adventskalender geben, der alle 24 Türchen befüllte.
Viele von euch wissen es, dass ich im letzten halben Jahr sehr gesundheitlich gebeutelt war. Da fehlte mir einfach die Kraft, vierundzwanzig Geschichten zu recherchieren und zu schreiben. An Ideen hätte es mir durchaus nicht gemangelt.
Ganz hängen lassen durfte der Sternenonkel aber seine Leserschaft in der Weihnachtszeit, wo Sterne so wichtig sind, doch nicht.
Deshalb bediente ich diesmal nur die Eckdaten, alle vier Adventssonntage, Nikolaus und natürlich den heiligen Abend.
Nun wisst ihr, wieso ich zu früh startete. Aber wenn man schon nicht alle Türchen füllt, dann muss wenigstens der erste Advent dabei sein, ob es nun schon Dezember ist, oder nicht.
Und ja, die Verlinkung zum Adventskalender des Arbeitskreises BLAutor, gab es natürlich. Den administriere ich ja nur und bekomme die Geschichten für die Türchen von unseren Schreiberlingen geliefert. So dass die Veröffentlichung einfach war.
Fazit:
Trotz aller gesundheitlichen und psychischen Einschränkungen, konnte ich doch wieder einiges auf die Beine stellen und erleben. Dafür bin ich sehr dankbar.
Dankbar bin ich vor allem für die wunderbare Zeit mit euch, für die wunderbaren Kommentare, Begegnungen ob online oder persönlich, für eure Fragen und eure Geduld, für die Zeit, die ihr mir schenkt, um meine Artikel zu lesen und hoffe, dass ihr mir auch im nächsten Jahr wieder die Stange haltet.
In diesem Jahr ward ihr so aktiv dabei, wie nie zuvor. Ich musste mir kein einziges mal die Frage stellen, was es bringt, ob es lohnt…
Jetzt wünsche ich für uns alle ein friedliches neues 2026. Hoffen wir, dass wir einige Krisen etwas in den Griff bekommen.
Ich freue mich auf jeden Fall sehr, mit euch zusammen auch in 2026 wieder viele spannende Geschichten zu erleben. Immerhin gibt es eine Sonnenfinsternis, dort zu sehen, wo man gerne Urlaub macht..
Es grüßt euch herzlich