Inklusivurlaub am dunkelsten und stillsten Ort Deutschlands

Liebe leserinnen und leser,
heute teile ich mit euch mal wieder ein Urlaubserlebnis. Aber keine Angst, bissel Astronomie kommt auch vor, denn ein Urlaub ganz ohne, wäre kein Urlaub für mich…

Urlaub am dunkelsten Ort Deutschlands?

das kann mir doch eigentlich egal sein, wie dunkel es wo ist, denn bei mir ist auch tags über der dunkelste Ort, wo ich mich gerade befinde, weil ich zu 100 % blind bin.
Für Sehende bedeutet Blindheit immer Dunkelheit und Hilflosigkeit. Das ist absolut verständlich und nachvollziehbar.
Aber, wer nie Helligkeit gesehen hat. Wie kann es für so jemanden dunkel sein?
Ich habe Helligkeit gesehen, ohne Farben und doch etwas. Das ist jetzt aber meistens weg, obwohl ich manchmal Tage habe, wo ich noch etwas Licht sehen kann. Nützen tut mir das aber leider meistens nichts mehr. Niemals habe ich mich aber trotz des Verlustes meiner wenigen Sehkraft im Dunkeln gefühlt.
Dennoch hat mir mein früheres Sehen sehr geholfen. Ich sah doch so manches Hindernis, welchem ich ausweichen konnte.
Wie auch immer.
Wir blinden leben nicht in Finsternis. Und aus diesem Grunde bin ich Hobby-Astronom. Und darum ist es mir wichtig, dass es nachts dunkel ist, damit die Tierwelt die Nacht nutzen  und ich mit Astronomen Sterne beobachten kann. Damit Ruhe einkehrt, denn Lärm ist letztlich eine negative Seite des Sehens, weil Sehen oft überbewertet wird und unser Ohr zum Hilfsorgan degradiert wird, was wir am erbärmlichen Ton all abendlich erkennen können, indem wir dem extrem schlechten Klang unserer Fußballfeld großen Flachfernsehern lauschen, obwohl wir in einer Zeit höchst entwickelter Hifi-Technologie leben. Beobachtet mal mit den Ohren. Ihr werdet feststellen, dass nahezu alle Statussymbole, die zu ANSEHEn verhelfen, wie Sportwagen und Motorräder extrem viel Lärm produzieren…
Diese Tatsachen sind Grund genug, sich auf das Abenteuer, ohne Begleitperson zu begeben, und an den dunkelsten und auch einer der stillsten Orten Deutschlands zu fahren,
sich auf eine Familie einzulassen, die ich nur per Mail kannte,
sich hinein zu wagen, auf eine ungewisse Reise.
“Wird das mit der Umsteigehilfe funktionieren?”
“Ist Familie Zemlin auch nett, sensibel genug und respektvoll  zu mir?”
“Komme ich im Haus alleine ohne Begleitperson zurecht?”
Ja, derlei Fragen und noch viele mehr stellt man sich vor so einem Abenteuer. Da geht dann schon mal der Atem schneller, und trotzdem habe ich es gemacht.
aber alles der Reihe nach.

Wie alles begann

Schon seit vielen Jahren bin ich sehr gut mit dem Entwickler des mittlerweile sprechenden Handplanetariums
Universe to Go befreundet.
Ich stehe ihm beratend zur Seite, wenn es darum geht, dieses Handplanetarium so zu entwickeln, dass auch blinde Menschen den Sternenhimmel akustisch erfassen können. Ich hätte nie gedacht, dass so etwas grafisches für unseren Personenkreis umsetzbar wäre, aber es geht…
Dieser Freund kennt Familie Zemlin aus Lochow bei Rathenow, die einige Ferienhäuser betreiben.
Fam. Zemlin ist es ein Herzensanliegen, auch barrierefreie Angebote für Menschen mit Behinderung vor zu halten. So vermittelte mein Astrofreund Martin den Kontakt zwischen mir und den Zemlins, in der Hoffnung, ich könnte hier vielleicht etwas beratend bei Seite stehen.

Nun wurde ich vor einiger Zeit von Fam. Zemlin eingeladen, bei Ihnen mal einen Probeurlaub sozusagen zu erleben. Ziel war und ist es, herauszufinden, was im Bereich der Barrierefreiheit in meinem Fall für blinde Menschen noch verbessert werden könnte.
Es sind ja oft nur Kleinigkeiten, die nicht viel Geld kosten, die eventuell aus quasi Abfällen gebastelt werden können, die nicht technisch kompliziert sind und die doch manchmal wirkungsvoll, nützlich und im Extremfall vielleicht sogar lebens rettender sein können, als ein hoch technisches unbezahlbares Hilfsmittel.
Ein Aufkleber, um etwas zu kennzeichnen, ein markierter Schalter, Markierungen an Kochherd oder Spülmaschine, ein Läufer auf dem Fußboden, der einem z. B. davor bewahrt, in eine große Pflanze hinein zu laufen, können so hilfreich sein und bedürfen keines besonderen Wissens oder technischer Kunstgriffe.
Um es vorweg zu nehmen. Ich bin der Überzeugung, dass wahrscheinlich 90 % der Barrieren durch Empathie und Brücken der Liebe überwunden werden, weil man sich in dem Fall in sein Gegenüber hinein versetzt und selbst auf Ideen kommt, wie die Welt barrierefreier werden könnte.
Es muss überhaupt nicht perfekt sein. Es muss nur eben gemacht werden.
Bei Fam. Zemlin ist diese Nächstenliebe absolut vorhanden und auch die Beobachtungsgabe und Sensibilität, sein Gegenüber ganzheitlich wahrzunehmen mit allen Eigenschaften, also auch mit der Einschränkung, die lediglich eine Eigenschaft von vielen anderen ist…

Die Ankunft

So organisierte ich also die Fahrt nach Rathenow, wo Detlef mich abholen sollte. Für die Züge hatte ich Umsteigehilfen bei der Bahn gebucht. Großartig, dass das jetzt alles so online geht.
Die Fahrt nach Rathenow war lang, aber nicht langweilig. Viel Zeit für Hörbücher.
Detlef und seine liebe Frau, Liane, standen schon am Gleis und nahmen mich direkt herzlich und liebevoll in Empfang. Überhaupt sind die beiden so, als hätten sie täglich mit Menschen zu tun, die blind sind. Das ist es eben, was ich mit Brücken der Liebe meinte. Es gibt Menschen, die können mit uns von Natur aus umgehen, und solche, die trotz fachlicher Qualifikation, Lehrgängen und Dunkelseminaren, es nie schaffen. Für alle, die Scheu und Berührungsängste mit uns haben, sei gesagt:
Es geht einfacher, als man denkt.
Wenn ihr die drei Punkte, “Fragen, Denken und helfend handeln” beachtet, könnt ihr nur noch wenig falsch machen.

Zunächst gingen wir erst mal einkaufen, weil man sich in Lochow selbst versorgen muss. Schnell hatten wir uns darüber abgestimmt, was wir frühstücken und zum Abendbrot essen würden.
Es war klar, dass wir unser Mittagessen irgendwo draußen während unserer Ausflüge, einnehmen würden.
Das Angebot, mit Fam. Zemlin gemeinsam essen zu dürfen und nicht alleine im Ferienhaus, nahm ich gerne an. Das machte vieles einfacher und mir blieb kochen, spülen etc. erspart. Von der Ausstattung her wäre es aber kein Problem gewesen, dass man sich als blinder Mensch, bzw. mit einer Gruppe im Haus selbst bekocht. Dazu nachher mehr.

Die Unterkunft

Angekommen an meinem Ferienhaus fand mein Blindenstock gleich tastbare Leitlinien am Boden und eine Rampe als Alternative zur Treppe. Die Rampe hat seitliche Ränder, so dass man nicht daneben treten kann.

Blindnerd auf der Rampe vor dem Ferienhaus
Vor dem Haus auf Rampe

Die Türklingel ist mit Punktschrift beschriftet, so dass man nicht ausversehen Licht macht, das man nachher zu löschen vergisst, weil man es nicht sieht.
Im Haus fielen mir zunächst die Schiebetüren auf. Ich liebe Schiebetüren. Der Feind eines jeden Blinden sind halb geöffnete Klapptüren oder Fenster, in welche man hinein laufen und sich ernstlich verletzen kann.
Alle Türen waren in der Nähe der Klinken und zusätzlich noch weiter oben, wo in der Regel die Schilder für Sehende angebracht sind, in Punktschrift beschriftet, so dass man weiß, welches Zimmer dahinter liegt.
OK, beim ersten Betreten des Hauses rennt man erst mal in eine Insektentür, weil man die durch ihre feine Netzstruktur nicht hört. Daran tut man sich aber nicht weh, und nach dem ersten mal weiß man es ja dann. Und keine Schnaken im Haus zu haben weiß jeder zu schätzen, der am Wasser wohnt…
Der Grundriss des Hauses ist sehr einfach und ich konnte mich sehr leicht und ohne Barrieren orientieren. Das Haus hat nur ein Stockwerk.
Der Wohnbereich ist super gemütlich.
Ob der Fernseher blind bedienbar ist, weiß ich leider nicht, weil ich ihn nicht benutzt habe.

die Küche ist besser eingerichtet, als die meine.
Der Herd ist ohne Markierungen bedienbar, weil die Knöpfe so geformt sind, dass man ungefähr an deren Stellung erkennt, wie hoch man ihn gedreht hat.
Die Spülmaschine habe ich nicht benutzt. Vermutlich müsste man hier noch Tasten markieren, um sie bedienen zu können.

die Schlafräume sind klasse und das Badezimmer ist vollkommen barrierefrei.

Die Wege zwischen den Häusern und zum Haus der Zemlins sind momentan für blinde Menschen noch schwierig, ohne Begleitung zu gehen, weil man sie nicht wahrnimmt. Das Gehen fühlt sich an, als wäre man am Strand, weil der Boden sehr sandig ist. Ein großartiges Geh-Gefühl.
Das sollte, wenn es wärmer ist, eine wunderbare Barfuß-Erfahrung sein.
Hier könnte man sich z. B. mit einigen Markierungen mit dem Handy und der App Myway behelfen.
Die Außenorientierung ist noch in der Planungs- und Entwicklungsphase.

Die erste Nacht

Überwältigend war für mich die absolute Stille in der Nacht. In der ersten Nacht war es für mich etwas unheimlich. Zum einen deshalb, weil ich eben alleine in diesem Haus war und wusste, dass ich mich draußen nicht auskenne. Naja, es war ein Telefon vorhanden, mit dem ich Fam. Zemlin hätte anrufen können.
Die Stille war wirklich, naja, was soll ich sagen, sehr laut und erdrückend. Wir sind das nicht gewohnt, dass es wo so still sein kann. Ich musste leise Hörbuch an machen, damit ich etwas hören kann. Obwohl ich selbst auf dem Lande wohne, wo es schon sehr still im Vergleich zur Stadt ist, muss ich sagen, dass ich im Gegensatz zu dort, in purem Lärm lebe. In der zweiten Nacht war die Beklemmung dann verflogen. Ich hatte mich daran gewöhnt. Ich zog sogar in Erwägung, die Batterie aus der Wanduhr des Wohnbereichs zu nehmen, weil ihr Ticken durch das ganze Haus “hämmerte”.
Ach ja, in der ersten Nacht hatte ich einen kleinen Störenfried im Haus. Ein Rauchmelder meinte, er müsste mir so ab 04:00 Uhr Morgens mitteilen, dass seine Batterie am Ende wäre. Dieses Geräusch dürften viele von euch kennen. Das kann man nicht voraus sehen. Das kommt halt, wenn es kommt. Detlef schaffte dann am nächsten Morgen diese Unruhe rasch aus dem Haus.
Was ich bei dieser Stille absolut bestätigen kann, ist, was viele Mönche sagen. Man hört die eigenen Gedanken unheimlich laut. Sie springen, will man sie stumm schalten, wie Kinder jauchzend und schreiend ins Schwimbecken des eigenen Kopfes, tummeln sich und machen unglaublichen Lärm. Das wird aber nach einiger Zeit besser. Auch dieses ist ein Grund, sich mal hier in Urlaub zu begeben. Ich kann mir keinen Ort vorstellen, wo man sich besser entschleunigen könnte.
Als ich dann in der zweiten Nacht empfänglich und offen für diese Stille war, hörte ich unheimlich viel.
Das Knistern meiner brennenden Zigarette tönte, wie ein prasselndes Kaminfeuer. Dazwischen hörte ich noch einige Nachtvögel und den Fuchs bellen. Kann sein, dass auch noch ein Marder oder Waschbär raschelte. Zumindest habe ich so was gehört.

Freizeit mit Fam. Zemlin

Neben intensiven Gesprächen über Barrierefreiheit und weitere Themen durfte ich mit Detlef zwei wunderbare Ausflüge machen.
Wir besuchten das Otto-Lilienthal-Museum, die Theodor-Fontane-Ausstellung und ein sehr spannendes Optik-Museum, wo man viel anfassen konnte.

Zeigt mich mit einem Gleiter-Modell in Händen
Betasten eines Gleiters

Gleiter mit Puppe
Gleiter mit Puppe

Lilienthal war der Flugpionier der Menschheit.
Fontane kennen wir noch durch sein Gedicht “Der Birnbaum” und durch vielleicht den Roman Effi Briest, durch den viele von uns auf dem Gymnasium hindurch sich noch quälen mussten. Für mich war das damals schwer, weil ich mit derlei Literatur so absolut nichts anfangen konnte, aber mit zunehmendem Alter, finde ich das gar nicht mehr so schlimm…
Das Optik-Museum lohnt sich auch sehr. Unglaublich, wie man damals optische Elemente herstellen musste, und wieviel handarbeit alleine schon für eine Brille nötig war.
Betasten eine Glasschleif-Maschine von 1915
Glasschleif-Maschine von 1915

Mehr will ich aber hierzu nicht verraten, denn ihr sollt ja nach Lochow in Urlaub fahren, und das alles selbst erleben.

Ein Highlight war zweifellos der Besuch eines Sees bei Sonnenuntergang, an und auf welchem tausende Kraniche und Gänse landeten um dort zu nächtigen. Das war ein Geschnatter und Geflatter. Großartig!!!

Zu Tränen gerührt war ich, als Detlef mir nachts den Sternenhimmel beschrieb. Alle verdächtigen Sterne waren am Himmel. Die Milchstraße war quasi von Horizont zu Horizont sichtbar. Unglaublich, wie dunkel es hier ist. Ich fühlte mich unter diesen Sternenhimmel mit Detlefs Beschreibungen, wie in einer Kathedrale, Irgendwie der Schöpfung ganz nah und verbunden.
Natürlich kommen hier viele Astronomen genau deshalb her, weil man hier so wunderbar den Sternenhimmel beobachten kann.

Meine große Bitte zu Weihnacht und darüber hinaus

Bitte, liebe Leserinnen und Leser, überlegt euch wirklich, gerade jetzt in der Vorweihnachtszeit, welche Lichter ihr wirklich die ganze Nacht durch brennen lassen wollt. Es ist absurd, aber ich kenne Sehende, die zur Weihnachtszeit ihr ganzes Anwesen weihnachtlich beleuchten, um dann das eigens erzeugte unnötige Licht mittels Rollläden des nächtens auszusperren. Aber auch ohne Weihnachten. Macht es bitte so dunkel, wie ihr könnt. Tiere, Astronomen, aber auch unsere Gesundheit, werden es uns danken.
Vielen Dank.

Fazit

Momentan würde ich blinden Menschen eher noch nicht empfehlen, ganz ohne Begleitperson dort hin zu reisen. Beim Einkauf etc. sind aber Fam. Zemlin gerne mit dem Auto behilflich, denn manch andere Gäste, auch ohne Einschränkung, kommen auch ohne Auto.
Eine Gruppe von blinden Menschen mit einer sehenden Begleitung könnte sich aber in so einem Ferienhaus sehr wohl fühlen. Man kann viel laufen, kann sich Tandems leihen, kann die Stille genießen und vieles mehr.
Ich bin davon überzeugt, dass sich hier noch etwas ganz wunderbares entwickeln wird und weiß für mich, dass ich nicht zum letzten mal bei den Zemlins war.
Ich möchte dort etwas inklusives zu Astronomie anbieten.
Einige Tage Klausur, um in aller Ruhe Musik zu machen, wäre auch ein denkbarer Urlaub für blinde Menschen.

Wer sich für mehr interessiert, findet hier Befriedigung.
Naja, vielleicht trifft man sich ja mal an diesem wunderbaren Ort.

Bis zum nächsten mal grüßt euch herzlich
Euer Blindnerd Gerhard Jaworek.

Inklusiv von allen Seiten – mein Auftritt in Gundelfingen

Liebe Leserinnen und Leser,
Nein, jetzt kommt kein Artikel über 50 Jahre Mondlandung, aber sie kommt durchaus darin vor. Wieso sollte ich hier wiederholen, was andere schon in Presse, Büchern, Rundfunk, Fernsehen und Podcasts darüber erzählten. Es gibt so wunderbare Quellen zur Mondlandung, die kann man nicht toppen und muss es auch nicht.
Ihr bekommt schon noch was zum Mond, aber heute teile ich etwas anderes mit euch:

Von langer Hand geplant, von der kommunalen Inklusionsvermittlerin Gundelfingen koordiniert und organisiert, von Medien begleitet etc. durfte ich am Vorabend zur Mondlandung einen ganz wunderbaren Vortrag in der Mediathek Gundelfingen halten
Dieses Event lief so beispielhaft inklusiv ab, dass ich darüber schreiben möchte, obwohl ich ansonsten kaum über meine Veranstaltungen schreibe. Das wäre dann auch zu viel Bauchpinselei.
Hier erscheint der Artikel zunächst ohne Bilder. Die werden nach und nach ergänzt. Deshalb lohnt es sich, auch später nochmal auf den Artikel zu gehen.

Aufmerksam wurde die Organisatorin durch eine
Radiosendung die der Evang. Rundfunk im Januar um Dreikönig herum ausstrahlte.
Dank an dieser Stelle an meinen blinden Freund, der Journalist ist und dort arbeitet und mir das ermöglicht hat.
Sie rief mich an und fragte mich, ob ich zu einer Veranstaltung bereit wäre. Sofort sagte ich zu, denn meine Erfahrung ist, dass meine Veranstaltungen im ländlicheren Raum tendenziell besser besucht, und organisiert sind und familiärer ablaufen.
Die Organisatorin des ganzen sitzt selbst im Rollstuhl und arbeitet am Max-Plank-Institut in Freiburg.
Schon im Vorfeld des Vortrages wurde mir klar, dass diese Veranstaltung ein Highlight werden könnte.
Es war selbstverständlich, dass ich vom Gleis in Freiburg abgeholt werden muss, weil ich mit Astrokoffer in einer unbekannten Umgebung nicht öffentlich fahren kann.
Die Mutter der Macherin stand mir hier auch über die ganze Zeit meines Aufenthaltes in Gundelfingen zur Seite.
Nun ging es darum, den Vortrag dort zu bewerben. Hierfür wurde organisiert, dass mich eine freischaffende Journalistin anrief, um mit mir ein Telefoninterview für die Badische Zeitung zu führen.
Natürlich mache ich bei so etwas mit, schraube aber meine Erwartungen über die Qualität und den Inhalt der Presseartikel eher nicht so hoch.
Meist geht Presse so, dass man interviewt wird und dann mit schmerzverzerrtem Gesicht in der Zeitung lesen muss, was man gesagt haben soll, welche Meinung man zu etwas angeblich habe und in meinem Fall konnt dann natürlich die Blindheit und die Astronomie dazu. Da passiert es dann schon mal, dass dem Schreiber die Sache entgleist.
Nicht so bei der Badischen Zeitung.
Die Reporterin war sehr sensibel. Sie stellte hervorragende Fragen, war super vorbereitet, hatte gut im Vorfeld recherchiert und wahrnehmbar in mein Buch geschaut.
Ich schreibe das an dieser Stelle, weil ganz besonders über Menschen mit Behinderungen oft respektlos, falsch, bemitleidend oder sonst wie bevormundend geschrieben wird.
Dieser sehr lange Artikel ist so inklusiv und würdig, wie ich das noch niemals erlebt habe, und ich habe viel erlebt. Meine Pressemappe ist mit den Jahren dick geworden.
Ganz besonders war hier auch, dass ich den Text gegenlesen durfte, und Vorschläge oder Korrekturen einbringen durfte.
Leider steht der Artikel verständlicher Weise hinter der Paywall für die Abonnenten, so dass ich ihn hier nicht bringen kann, aber vielleicht hat ja die eine oder andere Person die Gelegenheit ihn zu lesen.
Kurz vor dem Vortrag gab es dann noch eine Ankündigung für die Veranstaltung, bei der im wesentlichen der Klappentext meines Buches zu lesen war.
Nun zur Veranstaltung selbst.
Es lief schon extrem gut an. Meine Züge waren super pünktlich, die Klimaanlagen funktionierten und die Umsteigehilfe lies mich nicht mit Rucksack und Astrokoffer im Regen stehen.
Sogar die Legorakete hat den Transport und den Vortrag überstanden. Ich habe allerdings nicht die ganze Rakete dabei gehabt, sondern nur Brennstufe drei mit Servicemodul, Mondlandefähre und weils schöner aussieht mit der Rettungsrakete an der Spitze, die zum Zeitpunkt der Abtrennung von Stufe II,  dort nicht mehr hin gehört.
Wenn man die Kleinteile außen abbaut, kann man die einzelnen Brennstufen wie Dosen mit Blasensack-Folie einschlagen. Klappt super gut.
In Freiburg hat mich die Organisatorin der Veranstaltung mit ihrer Mutter abgeholt. Mutter und Tochter haben ein  gemeinsames Auto, was die Rollstuhlfahrerin per Hand lenken, bremsen etc. kann, oder die Mutter auf herkömmliche Art fährt. Ein Roboterarm hilft, den Rollstuhl zu verstauen und auch wieder auszupacken.
Man wünscht sich das nicht, aber es funktioniert richtig cool. Super, dass die Technik heute für die Rollstuhlfahrer so etwas bereit hält.
Zunächst brachten  sie mich in meine kleine Pension, damit ich mich einrichten konnte. Die haben nur zwei Zimmer, die sie vermieten. Die Frau des Hauses fragte mich, was ich gerne frühstücken wolle, denn sie geht jetzt einkaufen.
Naja, ich bin da anspruchslos, aber für hausgemachtes Rührei nach quasi “badischer Hausfrauenart”, habe ich mich dann doch entschieden, weil ich das sonst nie bekomme.
Gegen 16:00 Uhr haben mich dann die beiden Damen ohne Auto abgeholt. Die Mutter schob die Tochter im Rollstuhl und ich hing mit dem Astrokoffer hinten dran.
Ich denke, dass das ziemlich cool ausgesehen haben könnte.
Wir sind dann noch was essen gegangen. Habe mir Schweinelendchen gegönnt.
Danach ging es dann zur Gundelfinger Mediatek. Ein Neubau mit allen Vor- und Nachteilen, die ein Neubau so haben kann. Ich will mal ehrlich einen Architekten sehen, der Gebäude plant, die nachher ihren Zweck optimal erfüllen, die man gut belüften kann, wo die Beschallung stimmt, der Sonnenschutz dann zu geht, wenn Sonne da ist etc.
Wir haben uns darüber amüsiert, weil es bei jedem Neubau irgendwie immer dasselbe ist und es irgendwo klemmt.

Mein Saal war wie ein Treibhaus, aber es war genug zum trinken da.
Nachdem ich aufgebaut hatte, füllte sich der Raum auch schon langsam.
Beim Aufbau und auch beim Abbau musste ich leider den Aktionismus mancher “Landfrauen” bremsen, die meinten, mir helfen zu wollen.
Mir kann man aber am Astrokoffer nicht helfen, weil sonst die Katastrophe ausbricht und ich den Überblick verliere. Stellt euch vor, jemand hätte die Rakete herunter geworfen.
Die bekommt man ohne Handbuch nicht mehr zusammen.
Das tut mir ja dann immer Leid, dass ich so abweisend sein muss, aber es geht wirklich nicht anders.
Und leider ist es aus gut gemeinten Gründen dann oft so, dass durch das Helfersymdrom leider bei manchen, Entschuldigung, dass ich das jetzt so sage, “das Hirn ausfällt”.
Vom Beschützerinstinkt eines Sehenden dann doch zielsicher in das Hindernis und nicht wie der Plan des Helfers war, darum herum geführt zu werden,
Bis hin zu einem Totalschaden einer Gitarre die ein Guckling mir auf der Bühne reichen sollte,habe ich hier schon viele vermeidbare Katastrophen erlebt…
Deshalb hier meine drei Schritte, für ein erfolgreiches Helfen:
Fragen, denken, helfen. So klappts meistens…
Ich vertröste sie dann immer und sage, dass es schon noch genügend gibt, wo ich gerne Hilfe annehme. Nämlich dann, wenn es nur noch darum geht, die Modelle und Bücher zu drapieren.
Kurz vor dem Vortrag war noch Zeit, um mit den ankommenden einen Sekt zu trinken. Ich liebe Sekt vor Auftritten.
Den gab es in der Pause und danach auch noch.
Die Gundelfinger Gemeinde hat die Sektbar etc. gesponsert. Das hat die Veranstaltung unheimlich aufgewertet und verlieh ihr etwas edles und exklusives und für mich etwas wertschätzendes.
Nun ging es also los.

Einführung

Der Raum war mit etwa 50 Personen voll besetzt.
Wahnsinn, und das an einem heißen Freitag Sommerabend.

Zeigt von hinten, dass der Vortragsraum voller Publikum sitzt.
Bild Raumansicht voller Publikum

Wie immer führte ich provokant mit der Frage ins Thema ein, was es überhaupt für einen Sinn macht, sich mit Astronomie zu beschäftigen, wenn man keine Sterne sehen kann.
Es macht einen Sinn, denn man kann sich hier mit Grundsatzfragen beschäftigen, die uns alle angehen.
Selbst dann, wenn man einen Schöpfer zugrunde legt, kann man sich fragen, wie er alles geschaffen hat.
Dann lieferte ich Thesenartig Gründe, wo auch sehende Astronomen nichts sehen können, z. B. dunkle Materie, schwarze Löcher etc.
Daten von Infrarotteleskopen, wie dem Hubble, müssen auch für sehende Astronomen aufbereitet werden. Wieso dann nicht auch akustisch? Ist in dem Fall fast dasselbe.

Erlebnis Astronomie Inklusiv

Nun stieg ich in die Inklusion ein, indem ich Beispiele aufführte, wie ich Astronomie inklusiv erlebe, z. B.
Die Sonnenfinsternis vom 11.08.1999wie ich derlei mit Universe2Go, dem sprechenden Handplanetarium erlebe und wie ich einmal eine Einführungsveranstaltung darüber hielt, welches Instrument man sich für welche Beobachtung anschaffen könnte. Ja, da fragte mich mal ein Veranstalter, ob ich so einen Vortrag halten würde. Ich fand es spannend und sagte zu. Ist doch nur bissel Optik, die uns übrigens in der Hauptschule vorenthalten wurde, weil wir Licht nicht sehen könnten. Wie unverschämt, denn in meinem Nebenfach Physik, stellte ich fest, dass Optik super logisch und erklärbar ist, auch wenn man das Licht nicht sieht… Vier Wochen später rief er mich wieder an und entschuldigte sich und bedauerte, was ihm da schlimmes peinliches passiert sei, einen Blinden nach derlei zu fragen.
Ich war noch nicht lange dabei und somit hatte er das nicht auf dem Schirm. Er kannte mich wahrscheinlich nicht mal.
Naja, wass sollte ich ihm sagen. Die Sache war noch schlimmer, denn der Vortrag war schon fertig…
Ich machte mir den Spaß und deckte meine Blindheit erst mit der letzten Folie auf. Inklusiv war das allemal.
Klar habe ich für die Erstellung der Folien, wie immer sehende Hilfe benötigt.
In meinem Buch gibt es noch weitere Beispiele für gelebte Inklusion in der Astronomie.

Die Leiterin der Mediathek hält eine taktile Sonnenfinsternis ins Publikum
Taktile Sonnenfinsternis ins Publikum halten

Hörastronomie

Nach diesem Lesungsblog wechselte ich das Medium und wir legten unser Ohr ans Teleskop. Über den Erden- oder Sonnenton der alten Völker, der Kakophonie aller verklanglichten Planetenbahnen, das Radioprogramm von Sonnenwind und Polarlichtern bis hin zum Klang des Jupiter, Pulsaren und verschmelzenden schwarzen Löchern, zeigte ich auf, wie viele Dinge im All hörbar gemacht werden können.
Ich schrieb darüber in
Mit dem Ohr am Teleskop
und in Klingende Planetenbahnen
Weitere Artikel zu Hörastronomie werden folgen.
Nach dem Ohr am Teleskop kam dann ein Novum, was ich so noch nie gemacht hatte, aber künftig immer tun werde.

Aktivpause

Ich setzte das haptische Erlebnis mit meinen Modellen und den Buchverkauf nicht mehr, wie bisher ans Ende der Veranstaltung, sondern machte quasi eine Aktivpause mit den Teilnehmenden. So können mir die Leute nicht so weg rennen, und der Buchverkauf läuft deutlich besser.
Ich verkaufe mein Buch so, dass jeder gibt, was es ihm wert ist. Größer sieben Euro sollte es aber schon sein.
Der Vorteil ist, dass die Leute die Hemmschwelle nicht haben, sich mit mir und Geld etc. einlassen zu müssen.
Viele hält das vom Buchkauf ab, bzw. sie bestellen es dann bei Amazon, oder gar nicht, wenn man wieder im Alltag steckt.
Der Buchverkauf ist ja nicht das primäre Ziel des Abends, aber diesmal habe ich bei 50 Teilnehmern um 20 Bücher verkauft. Der Schnitt ist genial.
Und die Kasse stimmt auch einigermaßen. Viele geben dann halt nur 10 anstelle von 14 Euro, aber andere auch mehr. Das passt schon.
Dieser etwas anarchistische Buchverkauf funktioniert und ist ganz nach meinem Geschmack.

Publikum am Astrotisch beim Tasten und Buchkauf
Publikum vor dem Astrotisch

Und noch einen Vorteil hat diese Aktivpause. Das Eis für Fragen und Gespräche nach der Veranstaltung ist dann schon mal gebrochen. So baut man barrieren ab.
Manchmal müssen wir uns halt mit derlei Tricks inkludieren. Das ist OK so.
Nachdem diese Aktivpause vorbei war, fanden wir uns zu einem letzten Block ein.

Astronomie, Wissenschaft in Inklusion

Jetzt zog ich nochmal alle Register zur Inklusion, indem ich das Auditorium damit verblüffte, dass Astronomie traditionell schon immer auch eine wissenschaft für Menschen mit Einschränkungen war.

Johannes Kepler war stark seheingeschränkt. Hätte er nicht die Daten seines Beobachters Tycho Brahe gehabt, ist es fraglich, ob er zu seinen drei keplerschen Gesetzen gefunden hätte, die bis heute in der Himmelsmechanik grundlegend sind.

John Goodricke, der Entdecker hellichkeitsveränderlicher Sterne (Cepheiden) war taub. Diese Dinger spielen eine erheblich wichtige Rolle als Standardkerzen zur Entfernungsbestimmung in der Astronomie.
Da gehörlose Menschen mit visuellen Gesten kommunizieren, sind sie vielleicht tendenziell generell gute Beobachter, was Goodricke am Sternenhimmel zu gute gekommen sein dürfte.

Stephen Hawking war vollständig gelähmt.
“Eingesperrt” in diesen Körper blieb seinem Geist vielleicht nur die Flucht in die Physik.
Zum Glück hatte er die Infrastruktur für sein inklusives Leben.

Danach berichtete ich vom Inklusionstag der IAU in Wien. Ich schrieb darüber in Inklusionstag der IAU in Wien
Dort lernte ich beispielsweise Astronomen kennen, die sehend in Astronomie promovierten, dann erblindeten, und einfach weiter machten, nur anders.
Aus jedem anderen Beruf hätte es jemanden raus gehauen, der plötzlich mit so einer Einschränkung konfrontiert wird.
Schrägansicht Astrotisch und Personen dahinter

Astronomie Inklusiv – Fallbeispiele

Als nächstes brachte ich einige Beispiele, wie ich Inklusion am Himmel treibe.

Blinde lesen sehenden Sternenguckern nachts vor,

Rollstuhlfahrer sind der Mittelpunkt, einer Tanzübung, etc.

ADHS-Kinder werden Ruhig auf einer wiese, bzw. derart in den Vortrag eingebaut, dass sie beschäftigt und wichtig sind.

In meinem Buch gibt es ein ganzes Kapitel darüber und für den Blog Lydiaswelt durfte ich über Astronomie für benachteiligte Kinder schreiben.
Frontalansicht

Manchmal möchte ich bewusst blind sein und es leben dürfen

Beendet habe ich die Lesung dann damit, dass für mich zur Inklusion auch mal gehört, dass ich ein Refugium für mich finde, wo ich ganz bewusst meine Einschränkung leben darf.
Im Kapitel “Mein Weg zur Inklusion” und hier in
Urlaub vor den Sehenden machen
schrieb ich ausführlich darüber.

Nun kamen wirklich viele Fragen. Die neue Struktur mit der Aktivpause, die Grenzen und barrieren überwindet, zeigte ihre volle Wirkung.
An dieser Stelle konnte ich unheimlich vieles einbringen, was Alexander Gerst uns bei seinem
Besuch in Karlsruhe erzählte. Danke @astro_alex. Dein Vortrag bereichert nun auch meine.
Wer mag, kann hier nachlesen, wie eindrücklich diese Veranstaltung für mich war.

So, wie der Vortrag  in Gundelfingen lief. Da kann man keine Schaufel mehr drauf packen.
Nicht mal meine sich im Anmarsch befindende Sommer-Erkältung konnte etwas daran ändern. Die Veranstaltung war großartig und Gundelfingen ist es auch.

Bei meiner Gastfamilie

Am Nächsten Tag verbrachte ich dann noch das Frühstück und einen Teil des Vormittages mit meiner Gastfamilie.
Das sind großartige Menschen. Er auch Informatiker und Physiker, der sogar am Retina-Implantat mit entwickelt hat, der auch Gitarre spielte wie seine Frau, die sogar Lieder schreibt und dazu gab es noch einen wunderbaren Enkelsohn.
Der Gastvater kam auch zum Vortrag.
Wir fanden am Frühstück sofort hunderte Themen, über welche wir reden konnten.
Danach spielte ich der Gastfamilie noch etwas auf der Gitarre vor, weil der Herr des Hauses dieses wünschte.
Mit dem Enkel spielte ich dann noch Mondlandung mit der dritten Brennstufe meiner Legorakete.
Der Opa durfte am Tablet die Bilder von der Legorakete, die auf Blindnerd in
Auf den Mond und zurück mit Lego
zu finden sind,  nicht mehr schließen.
Außerdem war der Opa so begeistert über das Scheeme, das ich bei WordPress für meinen Blog verwende, dass er mich danach fragte.
Ist das alles nicht auch unglaublich inklusion?

So, und dann war es auch schon wieder Zeit. Die Organisatorin des ganzen und ihre Mutter holten mich mit dem Auto ab und fuhren mich nach Freiburg. Dort wurde ich in die Hände des Umsteigeservices der Bahn  übergeben und auch diese Zugfahrt klappte
wunderbar.

Und wer jetzt sagt: Klar, hat das mit der Inklusion so gut geklappt, weil die Organisatorin selbst betroffen sei. Dem sage ich, dass das nur zu einem kleinen Teil vielleicht stimmt. Ich kenne Menschen, die tag täglich beruflich z. B. mit Blinden zu tun haben, und die nicht lernen wollen oder können, wie man mit uns umgeht.
Da nützen auch Dunkelseminare etc. nichts.
Und andere kenne ich, die noch nie einen blinden Menschen gesehen haben, und es durch Emphatie, besonnenes Denken und Handeln einfach hin bekommen.
Inklusion ist oft einfach machen. Wer die Wie-Frage zu oft stellt, der wird über die Integration nicht hinaus kommen.

Beitrag zur Blogparade Wie Technik mein Leben verändert

Seid herzlich gegrüßt,

Zu diesem Thema läuft derzeit eine hoch interessante Blogparade auf dem Blog Anders und doch gleich . An einer Blog-Parade beteiligt man sich, indem man ein zum Thema passenden Artikel auf seinem Blog veröffentlicht, dann auf die Parade verlinkt und dort in der Kommentarfunktion auf den Artikel aufmerksam macht.
Nach der Parade fasst der Veranstalter dann alles zusammen, verlinkt alles und veröffentlicht das Ergebnis.
Das soll dazu führen, dass Blogger sich kennen lernen und dass man eventuell noch mehr interessierte Folger findet. Außerdem fasst so eine Parade die gesammelten Aspekte zum Thema zusammen und hilft beim Netzwerken.

Dieses Thema spricht mich im höchstmaße an, weil Technik, vor allem Hilfstechnologie mein Leben als Mensch mit Blindheit in meinen fünfzig Lebensjahren, vor allem in den letzten dreißig, extrem verändert und gewandelt hat.

Würde ich hier alle Aspekte ansprechen, wo in meinem Leben Hilfstechnologie zum Einsatz kommt, sprengte dieses jeden Blog. Man könnte damit Bücher füllen.
Und außerdem. Die anderen, die sich an der Parade beteiligen, sollen ja auch noch Themen für sich finden.

Ein naheliegendes Blindnerd-Thema ist der Zugang zu Bildung und Wissenschaft.
Schon als Kind, war ich ein kleines wissensdurstiges Wesen. Gerne schnappte ich aus Rundfunk und Fernsehen alles auf, was irgendwie mit Technik und Wissenschaft zu tun hatte. Vor allem Tier-Dokumentationen und der Weltraum sowieso faszinierten mich schon immer. Oft trieb ich Personen meines Umfeldes in Verzweiflung, weil ich sie mit Fragen löcherte.

Leider gab es über Wissenschaft, vor allem über den Weltraum und Astronomie quasi keine Bücher in Punktschrift, die ich mir in den Blindenbüchereien hätte ausleihen können. Bis heute sind diese Themen in der Punktschriftliteratur absolut unterrepräsentiert. Das hängt damit zusammen, dass die Produktion eines Punktschriftbuches sehr kosten- und zeitintensiv ist. Somit muss schon im Vorfeld selektiert werden, was sich lohnt, in Punktschrift aufzubereiten. Da nimmt man dann verständlicherweise Themen, die größere Mehrheiten ansprechen, als blinde Nerds.
Etwas besser sah es in unseren Hörbüchereien aus. Ein Buch aufzulesen ist deutlich einfacher, als es in Punktschrift zu produzieren.
Aber auch hier war für mich bald alles abgegrast.
Ein weiterer Notstand zur inklusiven Teilhabe an Bildungs-Themen war der mangelnde Zugang zu Zeitungen.
Es blieben mir im wesentlichen bis auf wenige Hörzeitschriften oder die vorselektierte Zusammenstellung von Artikeln aus Stern und Zeit in Punktschrift nur Rundfunk und Fernsehen.
Somit war es im Grunde genommen nicht möglich, sich umfassend und gleichberechtigt zu informieren.
Eine Tageszeitung in Blindenschrift oder als Audio aufzubereiten ist zu zeitaufwändig und wäre somit nie aktuell.
Somit war die Situation so.
Man nahm, was man kriegte. Man las und hörte, was andere für einen zusammenstellten und somit auch für gut befanden. Anderes las man nicht, weil gewisse Gruppen meinten, das bräuchten blinde Menschen nicht, bzw. man solle uns doch vor diesem oder jenem bewahren, anderes wurde uns vorenthalten, bzw. war einfach nicht umsetzbar.
Dies änderte sich für mich vor ungefähr fünfundzwanzig Jahren mit einem Schlag und verbessert sich bis heute durch neue Technologien mehr und mehr.

1995 erhielt ich mein erstes Vorlesesystem, mit dem man ein Buch einscannen und sich anschließend per Sprachausgabe vorlesen lassen konnte. Dafür opferte ich ein ganzes Studiensemester, in welchem ich täglich viele Stunden vor diesem Gerät verbrachte und manchmal mehrmals wöchentlich Kunde der Stadtbibliothek war. In diesem halben Jahr las ich quasi nur. Es war, als stünde ich am Brunnen des Wassers des Lebens. Tröpfelte bisher nur wenig Literatur durch unsere Hörbüchereien und noch viel weniger in Blindenschrift zu mir, so ergoss sich nun dieser unerschöpfliche Quell. Ich konnte lesen, was ich wollte. Das war eine Befreiung.
Das machte mich selbstständiger, und deutlich mündiger.

Ich hatte nun Zugriff auf meine Themen. Es gab jetzt nicht mehr ein oder zwei Weltraumbücher in Punktschrift, bzw. vielleicht 20 auf Casette gelesene, sondern gefühlt hunderte.
Lediglich Bilder und Mathematik können derartige Systeme bis heute nicht beschreiben oder vorlesen.

Einen Computer mit Sprachausgabe und Braillezeile hatte ich Anfang der 90er Jahre auch schon. Mit dessen Hilfe konnte ich überhaupt erst studieren, denn die Studienliteratur wurde mir vom Studienzentrum für Sehgeschädigte (SZS) des Karlsruher Institutes für Technologie (KIT) elektronisch umgesetzt.
An diesem Institut bin ich nunmehr seit zwanzig Jahren beschäftigt.

Das Internet verbesserte dann den Zugang noch mehr und tut das bis heute. Ich informiere mich auf den Seiten von Zeitungen, lese und abonniere Blogs und bin begeisterter Hörer von Podcasts.
Besonders Podcasts sind ein wunderbarer Zugang zu Bildung und wissenschaft, weil sie zunächst ohne Bilder auskommen. Alles muss beschrieben werden, was für uns einen enormen Vorteil bietet.

Ich schrieb darüber in Podcasts ein inklusives Tor zu Bildung, Wissen und der Welt.

Aktuell ist die Situation so, dass die großen “Datenkraken” sogar schon versuchen, Bildmaterial automatisch zu beschreiben. Das funktioniert manchmal schon erstaunlich gut und stellt vor allem in sozialen Netzwerken manchmal schon einen großen Mehrwert dar.

Durch moderne Technologien, wie 3D-Druck, Lasercutter, graphikfähige Braille-Drucker und in balder Zukunft hoffentlich auch durch flächige taktile Displays, verbessert sich der Zugang zu Wissenschaft und Bildung mehr und mehr.

Ich habe großes Glück, am SZS zu arbeiten, denn dort halten wir derartige Technologie vor, erforschen und entwickeln sie weiter und setzen sie für unsere Studierenden mit Sehbeeinträchtigung ein.

Insbesondere meine Vorträge, Seminare und Freizeiten zu Themen der Astronomie haben durch derlei Entwicklungen viel an Wert und Qualität gewonnen.
So nutze ich beispielsweise mein Smartphone, um mich mit dem sprechenden Handplanetarium Universe2Go gemeinsam mit sehenden Astros zu orientieren. Ich hab jetzt quasi auch mein eigenes Instrument und kann bei Teleskop-Treffen inklusiv mit dabei sein.
In meinem Buch, “Blind zu den Sternen” habe ich dem Thema, welche neuen Möglichkeiten neue Technologien für den Zugang zu Astronomie bieten, ein ganzes historisches Kapitel gewidmet.
Das gibt es als Papierversion, Ebook und ist über die Blinden-Hörbüchereien als Daisy-Buch ausleihbar.

So, dann denke ich, dass ich die wesentlichen Punkte beschrieben habe, was den Zugang zu Wissenschaft und Bildung betrifft und wie technologische Entwicklungen diesen stets verbessern und mein Leben verändern und bereichern.
Schaut doch mal auf der Blogparade vorbei. Dort gibt es weitere Artikel zum Thema. Außerdem sind dort alle Informationen, wie Frau oder Mann sich auch an der Blogparade beteiligen können.

Vielen Dank an die Betreiberin dieses Blogs für diese schöne Einladung, mich dort beteiligen zu dürfen. Es war mir eine große Ehre und Freude.

Barrierefreie Dokumente nützen allen Menschen

Liebe Leserinnen und leser,

heute kommt in Blindnerd mal wieder ein Artikel, der nichts direkt mit Astronomie zutun hat.
Allerdings ist das Thema durchaus auch für Astronomie-Schreiber interessant. Es geht um barrierefreie Dokumentengestaltung. Gerade uns Astronomen gelingt wegen der graphischen Eigenschaften der Astronomie, dies leider nicht immer. So habe ich beispielsweise noch nirgendwo so viele unbeschriftete Bilder gesehen, wie in astronomischen Artikeln.
Für die Facebook-Seite meines Arbeitgebers, dem Studienzentrum für Sehgeschädigte (SZS) des Karlsruher Institutes für Technologie (KIT) durfte ich einen Artikel zu diesem Thema schreiben, den ich sehr gerne auch mit Ihnen und euch teile.
Hier ist er:

Barrierefreie Texte nützen allen:

die Allgemeinheit spricht meist von Barrierefreiheit, wenn z. B. ein Ort für Rollstuhlfahrer nicht erreichbar ist, weil ein Aufzug fehlt oder sonstige Unwegsamkeiten dies verhindern.
Manchmal spricht man auch von Sprachbarriere, die irgendwie überwunden werden muss, wenn Menschen die Sprache des anderen nicht sprechen.
Es gibt noch zahlreiche andere Barrieren in unserem Alltag. In diesem Artikel geht es um Barrieren in Dokumenten, welche die Zugänglichkeit für verschiedene Menschengruppen erschweren oder verhindern.
Es soll Sie sensibilisieren und Ihren Sinn dafür schärfen, wie nützlich und wichtig barrierefreie Dokumente für uns alle sind.
Am Beispiel von Menschen mit Blindheit oder Sehbeeinträchtigung werden einige Barrieren und deren Beseitigung näher beleuchtet.
Es gibt noch sehr viel mehr Einschränkungen, die den Zugang zu Print-Medien etc. erschweren. Aus diesem Grunde spricht man häufig von Print-Disability, weil sich das nicht nur auf papierene Dokumente beschränkt.

Da man es häufig trotz Internet mit papierenen Dokumenten zu tun hat, setzt das Dokument voraus, dass man mit den Augen lesen können muss, um dessen Inhalt zu erfassen. Trotz elektronischer Vorlesesysteme sind somit Menschen mit Blindheit oder Sehbeeinträchtigung eventuell davon ausgeschlossen. Handschrift ist beispielsweise nahezu unzugänglich, auch als Druckschrift. Elektronische Verfügbarkeit hilft, diese Barriere zu überwinden.

Gehen wir nun einen Schritt weiter.
Elektronisch verfügbar heißt nicht unbedingt, dass Ihr Dokument dadurch zugänglicher wird, dass es elektronisch verfügbar ist.
Im schlimmsten Fall ist Ihr Text ein digitales Photo. Das verbessert die Situation nicht wirklich.
Für die Hilfstechnologie blinder Menschen unterscheidet sich das Dokument in diesem Falle nicht von jeder anderen Grafik.
Grafiken und Bilder können Bildschirmleser momentan noch nicht beschreiben. Facebook, Google etc. weisen aber in eine Richtung, dass dieses möglicherweise in naher Zukunft funktionieren wird.
Für Menschen mit einer Sehbeeinträchtigung kann so ein Text in einer Grafik bedeuten, dass die Grafik durch die Vergrößerung pixelig, unscharf und somit ebenfalls unleserlich wird.

Im nächsten Schritt, der unser Dokument barrierefreier machen soll, geben wir den Text über die Tastatur ein und erzeugen ein elektronisches Dokument in der Textverarbeitung Ihrer Wahl.

Ob Ihr Text nun barrierefrei ist, hängt stark von der Größe des Dokumentes und seiner Struktur ab.
Zumindest kann Ihr Dokument nach diesem Schritt als Fließtext von Hilfstechnologie vorgelesen werden. Auch Vergrößerungsprogramme verpixeln ihn nicht, weil der Font (Schrifttyp) direkt vergrößert wird.

Und wenn wir schon beim Schrifttyp sind. Verschnörkelte, verspielte oder Schriften mit Serifen sind für viele Menschen, vor allem mit Seheinschränkung sehr schwer lesbar. Eine gerade klare Schrift ohne Schnickschnack ist immer barrierefreier.

Eine Barriere ist für alle, wenn der Text sehr lang ist, und keine Struktur hat. z. B. keine Überschriften, Inhaltsverzeichnis, Abschnitte und Seitenzahlen. Diese Tatsache ist unabhängig vom Inhalt des Textes.
In so einem Spaghetti-Dokument können Sie sich nur zurecht finden, wenn Sie wissen, wonach Sie suchen. Dann finden Sie die Stelle eventuell mit der Suchfunktion ihrer Software.

OK, setzen wir nun Überschriften, indem wir an passender Stelle die Schrift fett darstellen, bzw. eine andere Schriftgröße wählen.
Sehende Menschen finden sich nun schon etwas besser in unserem Dokument zurecht, weil ihnen die Überschriften beim Drehen des Mausrades direkt ins Auge springen.
Für blinde Leser, ändert sich zunächst nichts, weil ein Bildschirmleseprogramm etwas fettgedrucktes nicht als Überschrift erkennt. Ist es auch nicht, denn Fettdruck wird auch an anderer Stelle, z. B. bei Hervorhebungen, eingesetzt.
Das bedeutet, dass der Text für blinde Leser ebenso unstrukturiert und unübersichtlich bleibt, wie zuvor.

Was glauben Sie, was passiert, wenn sie mit dieser Art von Dokument von ihrer Textverarbeitung ein Inhaltsverzeichnis erstellen lassen möchten?
Genau. Es passiert nichts. Im günstigsten Fall erhalten Sie eine leere Seite mit der Überschrift “Inhalt”.
Nicht mal ihr Textverarbeitungsprogramm weiß, wo in Ihrem Dokument die Überschriften sind, obwohl es die ganze Zeit “dabei” war, als der Text entstand.

Dieses Problem beseitigen Sie, indem Sie Formatvorlagen verwenden. Jetzt weiß plötzlich ihr Textprogramm, wo die Überschriften sitzen, und kann ein navigierbares Inhaltsverzeichnis erstellen.
Auch Bildschirmleser für blinde – und Vergrößerungssoftware für seheingeschränkte Menschen wissen es jetzt, denn sie verstehen die Struktursprache der gängigen Textverarbeiter. Nun kann man im Text springen, man kann sich nur die Überschriften anzeigen lassen, um erst mal in das Dokument hinein zu finden etc.
Das gilt für alle Strukturelemente, die ein Dokument enthalten kann. Überschriften, Aufzählungen, Nummerierungen, Tabellen, Seitenumbrüche, Kopf- und Fußzeilen, etc. können in allen Textprogrammen ausgezeichnet werden. Insbesondere Tabellen, die mittels der Tab-Stop-Taste erzwungen werden, sind keine und treiben Menschen mit Hilfstechnologie in die Verzweiflung.
Dasselbe gilt auch für unbeschriftete Grafiken, Formeln, die nur als Bildchen im Dokument stehen, und vieles mehr.
Desto mehr die Struktur eines Textes vom Text selbst getrennt wird, desto barrierefreier ist ihr Dokument tendenziell auch.
Merksatz: Das Credo eines barrierefreien Textes ist die Trennung von Layout und Struktur.
Dass man eine Überschrift für ein späteres Inhaltsverzeichnis setzen möchte, ist das eine. Wie sie in Schriftgröße, Schrifttyp, Abstand zum Text, Einrückung etc. aussehen soll, ist eine ganz andere Sache.
Bildschirmleser kümmern sich nicht um ihr schönes Layout. Sie transportieren lediglich die Textstruktur und seinen Inhalt. In der Blindenschrift gibt es sowieso nur eine Schriftgröße, weil taktile Braille-Zeilen nur eine Größe ausgeben können.
Wie ist es aber derzeit um die Barrierefreiheit von Dokumenten im Netz bestellt?
In Ebooks beispielsweise, findet man ganz unterschiedliche Qualitäten, von einer nicht navigierbaren Textwurst mit einer Million Zeichen, bis hin zu super navigierbaren Dokumenten mit allen Auszeichnungen, die man benötigt, ist alles drin.
Das gilt für E-Zeitungen, Webseiten und alles, was so als Dokumente im Netz herumschwirrt gleichermaßen.

Glauben Sie mir. Es ist kein Hexenwerk, ein Dokument einigermaßen barrierefrei zu gestalten.
Da Sie nie wissen können, wer Ihr Dokument mal lesen wird, sollten Sie für den Fall der Fälle immer die Zugänglichkeit für alle im Hinterkopf behalten.
Ach ja, auch Sie selbst gehen eventuell in ihrem Dokument verloren, wenn es keine Struktur hat.

Folgende Links soll Ihnen den Einstieg in barrierefreie Dokumentengestaltung erleichtern.
Bitte tragen Sie mit dazu bei, dass Wort und Schrift für alle zugänglicher werden.
Die Fähigkeit, lesen und schreiben zu können, hat wesentlich dazu beigetragen, dass wir hier in Frieden, Freiheit und Demokratie leben können. Dies hat uns zu mündigen Bürgern gemacht, die nicht mehr darauf angewiesen sind, nur glauben zu müssen.

Checkliste Barrierefreiheit
Praxishilfen Barrierefreie PDF-Dokumente

Astronomie für benachteiligte Kinder – Mein Gastbeitrag auf @lydiaswelt

Guten Morgen zusammen,

Lydia ist eine blinde Bloggerin, die ihren Alltag und damit verbundene Themen als blinde Mutter beschreibt.

Es lohnt sich wirklich mal auf diesen Blog zu gehen, wer sich für Probleme und Lösungen interessiert, die blinden Menschen so im Alltag begegnen können.

Für ihren Blog, hatte ich die Ehre, einen Gastbeitrag über “Astronomie für benachteiligte Kinder” schreiben zu dürfen.

Diesen teile ich mit euch gerne. Ich wünsche euch viel Freude damit. Ihr findet ihn hier:

Astronomie für benachteiligte Kinder

 

Wenn jemand sich vorstellen könnte, auch mal einen Blog bei mir veröffntlichen zu wollen, dann bin ich für derartige Gastbeiträge sehr offen.

Und wenn andererseits jemand von euch BloggerInnen mir so ein Angebot unterbreiten möchte, dann höre ich mich auch nicht “nein” sagen.

 

Jetzt wünsche ich euch viel Freude mit diesem Gastbeitrag.

Es grüßt euch herzlich

euer Gerhard.

 

Inklusion Hautnah erleben

Liebe Leserinnen und Leser,

Heute geht es mal um Inklusion. Wer mich kennt weiß, dass ich die Astronomie für eine der inklusivsten Wissenschaften halte, die es gibt.
Aber heute geht es nicht um Astronomie, sondern um ein Sportereignis, an dem ich teilnehmen durfte.

Am 23.09.2018. fand im Rahmen des Baden-Marathons der bereits dritte Inklusionslauf statt, an dem diesmal auch das Karlsruher Institut für Technologie (KIT), das Institut für Sport und Sportwissenschaften (IfSS und das Studienzentrum für Sehgeschädigte (SZS) mit mehreren Teams vertreten waren.
“Ein Zeichen für Menschlichkeit, Frieden und Gemeinsam Verschieden sein, setzen.

Das Ziel ist der Weg.
So, oder unter ein ähnliches Motto, könnte man den Inklusionslauf stellen, der am 23.09.2018 im Rahmen des Baden-Marathon in karlsruhe stattfand.
Zur Seite des Inklusionslaufs

So trafen sich zahlreiche Einrichtungen für Menschen mit Einschränkungen, wie z. B. die Lebenshilfe, die Reha-Südwest und die Caritas um diesen sechs Kilometer langen Lauf nicht gegeneinander, sondern Miteinander und füreinander zu bewältigen.
Ob im Rollstuhl, im Liegerad, mit Prothesen, stöcken oder anderer Einschränkung, war der Weg das Ziel.

Das KIT beschäftigt sich schon länger auf unterschiedlichen Ebenen mit dem Thema Inklusion, z. B. im Rahmen seines Gesundheitsprogramms
Inklusiv Mobil

und dem Seminarangebot für Studierende der Sportwissenschaften “Kleine Spiele”, das Studierende für inklusive Sportangebote und gemeinsame Teilhabe, sensibilisiert.
Siehe hierzu:
Astrosport

Vor diesem Hintergrund wagten sich auch drei Teams des KIT an den Start.
Ein Team bildete eine Informatikstudentin mit Rollstuhl zusammen mit einer Hiwine des Sportinstitutes.
Das zweite bestand aus einem blinden wissenschaftlichen Mitarbeiter des Studienzentrum für Sehgeschädigte (SZS), dem Autor dieses Artikels,  und seiner sehenden Kollegin als Begleitung.
Zum SZS
Ein Mitarbeiter des Sportinstitutes begleitete seinen Vater, der den Lauf mit seiner schlaganfallbedingten Einschränkung im Liegefahrrad bestritt.

Als wir gemeinsam am Startplatz eintrafen, schlug uns sofort eine unglaubliche Stimmung und Fröhlichkeit entgegen.
Einige der Teams wurden über Lautsprecher vorgestellt. Da wurde sofort klar, wieviel Diversität unsere Gesellschaft zu bieten hat. Ich bin immer wieder erstaunt ob der Anzahl an Organisationen und Einrichtungen, die es alleine nur in Karlsruhe für Menschen mit unterschiedlichsten Beeinträchtigungen  gibt.
Aber nicht nur Menschen mit Einschränkungen waren zu sehen. Sowohl beim Marathon, als auch beim Inklusionslauf konnte man andere Sprachen hören und Menschen mit anderer Hautfarbe wahrnehmen. Gerade für Migranten und Flüchtlinge sind solche Veranstaltungen eine ideale Chance der Inklusion, weil derlei Sprachbarrieren und soziale und ethnische Benachteiligungen überwinden helfen.

Endlich fiel der Startschuss und es ging los.
Unser Team mit dem Rollstuhl war bald in der Ferne verschwunden. Wir, das SZS-Team hatten uns als Ziel gesetzt, unter eine Stunde zu kommen.

Die Stimmung auf der ganzen Strecke war großartig. Immer wieder gab es Schausteller und Gruppen, die mit Trommeln, Musik und Applaus einen  wieder anfeuerten, oder mit frischen Getränken willkommene Stärkungen darreichten.
Der Sports- und Kampfgeist wehte überall.

Für viele Teilnehmende mit vor allem geistigen Beeinträchtigungen ist so ein Lauf oft eine von sehr wenigen Gelegenheiten des Jahres, mal aus der Tristesse des Alltages zwischen Wohnheim und beschützender Werkstatt, auszubrechen, sich und ihren Körper anders zu erleben und das Gefühl eines Erfolges zu verspüren.
Da wird ungefiltert vor Freude gelacht, gejauchzt, geschrien und umarmt. Da werden im Überschwang von Freudenausbrüchen Sprints hingelegt, welche die Begleitpersonen ohne Einschränkung verzweifelt mit flehendem Blick zurücklassen, er oder sie möge bald vor Erschöpfung wieder langsamer werden.

Nicht sichtbar sind im Alltag die sehr zahlreichen “unsichtbaren” Beeinträchtigungen, die Betroffene nicht minder einschränken können. So sind beispielsweise psychische Beeinträchtigungen oft nicht wahrnehmbar,  und ermangeln häufig gesellschaftlicher Toleranz und Akzeptanz. Auch diesen Grupierungen bietet so ein Lauf die Chance für den Schritt in die Öffentlichkeit.
Meine Kollegin und ich waren durch ein etwa 20 cm langes Seil verbunden, das an den Enden Holzgriffe hatte, von denen jeder von uns einen in der Hand hielt.
Das ermöglicht zum einen Armfreiheit für beide Läufer und zum anderen kann die sehende Begleitperson durch Zug am Seil Richtungsinformationen geben.
Wir hielten unser recht strammes Tempo durch und sparten Kraft, indem wir nur dort kleinere Sprints hinlegten, wo man befürchten musste, fotografiert oder gefilmt zu werden, oder, wo besonders häftig applaudiert wurde, und die Stimmung super war.
Und so kamen wir dann mit erreichtem Vorsatz, unter einer Stunde im Ziel an.
Der folgende Link zeigt, u. A., wie meine Kollegin und ich über die Ziellinie joggen.

Einlauf ins Ziel
Einlauf ins Ziel

Stummvido, Einlauf ins Ziel
Und hier noch ein schönes Foto mit meiner Lauf-Pilotin.

Dort erfuhren wir, dass das Rollstuhl-Team des KIT Platz eins gewonnen hatte. Die Fuhren eine Zeit von 30 Minuten ein. Sechs Kilometer per Hand in 30 Minuten. Das ist unglaublich!

So dachten wir, aber die Auswertung ergab, dass es ein Team von Diabetikern in ungefähr 27 Minuten geschafft hatte.
Da es keine Sieger gab, schmälert das eine Ergebnis keinesfalls die Leistung des anderen Teams.
Das Ziel war das Ziel.

Und da stießen wir auch wieder auf unser drittes Team mit dem Liegerad. Mit halbseitiger Lähmung und Aphasie durch einen Schlaganfall erreichte dieses Team fünf Minuten vor uns die Ziellinie.
Die Freude dieses Mannes, das Ziel erreicht zu haben, war so unglaublich groß, dass sie auch ohne gesprochene Worte und trotz fehlenden Blickkontakts auf mich übersprang und mich sehr stark berührte. Der Händedruck war es, der alle Emotionen und die Freude übertrug.

Fazit:
Es hat sich sehr gelohnt, bei diesem Inklusionslauf mitzumachen. Derlei Veranstaltungen sollte es öfter geben, damit vor allem diejenigen Mitmenschen, die wegen einer sozialen, gesellschaftlichen, körperlichen oder seelischen Einschränkung in Werkstätten, Kliniken, Wohnheimen oder sonst wo versteckt leben müssen, stärker ins Bewusstsein rücken. Es geht hier weniger um diejenigen Menschen mit Einschränkung, die heldenhaftes leisten, sondern um die Antihelden in dieser Gesellschaft, die hier durch so einen Lauf Gemeinsamkeit, Wertschätzung und Zugehörigkeit erleben können.
Außerdem setzt so eine Veranstaltung Zeichen gegen Faschismus, Ausländerhass etc.
Wir sind mehr und wir wollen Inklusion, Diversität und sehen Andersartikeit ob in Kultur, Gesellschaft Arbeitswelt und wo sonst auch noch, als Bereicherung.
Das SZS-Team ist im nächsten Jahr wieder dabei.”

Alles gute bis zum nächsten Mal wünscht euch

ihr und euer Gerhard Jaworek.

 

Inspiring Stars – Inklusionstag auf dem Kongress der Internationalen Astronomischen Union 2018 in Wien

Seid herzlich gegrüßt,

heute darf ich mit euch ein unglaublich starkes Erlebnis teilen.

Und alles begann so:

Der Anruf

Es muss so Mitte April gewesen sein. Es war ein Mittwoch Nachmittag zwischen 13:30 und 14:00 Uhr, als plötzlich im Büro mein Festnetztelefon klingelte. Auf dem mobilen Gerät hatte ich bereits eine andere dienstliche Telefonkonferenz laufen. Also stellte ich die kurz stumm und hob den Hörer ab.
Es war jemand aus Österreich, der mich anfragte, ob ich grundsätzlich bereit wäre, bei einem Inklusionstag auf dem Kongress der Internationalen Astronomischen Union 2018 in Wien, mit zu wirken.

Mir fiel fast der Hörer aus der Hand ob dieser Ehre, die mir hier scheinbar zuteil werden sollte.
Ich sagte sofort zu. Nun hieß es warten, denn aus dieser Anfrage musste erst noch eine offizielle Einladung werden. Mir wäre die alleinige Anfrage schon Ehre genug gewesen. Weiß ich doch, wie es ist, wenn man so große Konferenzen plant. Da fragt man an, kann dann aber nicht alle aufnehmen. Das ist kein Makel, wenn man so wo raus fällt.
Nun hörte ich im April nichts mehr, kein Zeichen im Mai und auch im Juni nichts. Ich dachte ohne Groll, dass es halt diesmal nicht klappt.

Und dann geschah es. Am 20.07., genau an meinem letzten Arbeitstag vor meinem Urlaub, kam der Anruf mit der offiziellen Einladung.

Die Vorbereitung

Nun musste alles relativ schnell gehen. Zum Glück unterstützte mich die IAU hier tatkräftig. Sie suchten mir ein Hotel, hatten bei der Konferenz Assistenz zur Unterstützung und vieles mehr.
Ich musste, und das war ein sehr hartes Stück Arbeit, meinen Vortrag basteln, Skript und Folien und alles auf Englisch mit Fragen am Schluss für maximal 15 Minuten.
Zum Glück ist meine Englische Übersetzung meines Buches so gut wie fertig. Somit konnte ich hier einiges als Basis nehmen und musste nicht alles selbst formulieren.
OK, gesagt, getan. Der Vortrag stand rechtzeitig, so dass ich ihn noch oft üben konnte, das Ticket war samt Umsteigehilfen gebucht und das Hotel reserviert.

Die Reise

Schwierig war für mich auf dieser Reise, dass ich keine eigene Assistenz oder Begleitperson zur Verfügung hatte. Ich fuhr ins blaue hinein in der Hoffnung nach wien, dass dort schon irgendwie alles funktionieren wird, so dass ich nicht verloren gehe.

Leider kam ich am 21.08. erst mal über eine Stunde zu spät auf dem Wellcome Meeting an, so dass es im Grunde schon wieder vorbei war, weil das Kongresszentrum schloss.
Die Hauptkoordinatorin Wanda, die eine blinde Berufsastronomin ist, und in Südafrika arbeitet, hat mich mit einer sehenden Studentin der Astronomie, vom Gleis abgeholt. Dann ging es durch den Wiener Untergrund, was super funktionierte.
Wanda hat es heute, am 20.08.2019 sogar in die Sendung Sternzeit des DLF geschafft.
Hier geht es zur Sternzeit-Folge über Wanda
Um das hier mal vorweg zu nehmen. Wanda war durchaus nicht die einzige blinde Astrophysikerin, die ich hier traf.
Es gab auch welche mit anderen Einschränkungen, z. B. durfte ich einem Vortrag beiwohnen, den ein total gehörloser Astrophysiker hielt, aber der Reihe nach.

Wie gesagt, lief am Anreiseabend dann nicht mehr viel. Ich wurde in mein Hotel gebracht, wo ich im Hotelrestaurant zu Abend aß. Da musste ich mich ohne Assistenz ganz schön durchfragen und um Hilfe bitten. In dieser Hinsicht war diese Konferenz ein sehr gutes Training für Orientierung und Mobilität und für die Überwindung, dauernd fragen zu müssen.
Meine Erfahrung ist eigentlich immer die, dass man sich vorher viel mehr Sorgen macht, als nötig.

Auf ins Getümmel

So ging ich am nächsten Morgen mit mulmigem Gefühl im Magen ohne Hilfe zum Frühstücksbuffet. Immer dem Geschirrgeklapper und dem Kaffeeduft hinterher.

Und das sah zunächst nicht gut aus. Die Personaldecke war an diesem Morgen so dünn, dass man mir nur unter größten Schwierigkeiten hätte helfen können. Ich übte mich somit in etwas Geduld, bis die Rettung kam. Plötzlich sprang mir die sehende Ehefrau eines blinden Australischen Astrophysikers zur Seite. Wir drei kamen sofort ins Gespräch, diese liebe Frau versorgte mich einfach kurz mit und wir gingen nach dem Frühstück gemeinsam zu Fuß zum Konferenzzentrum.
OK, da konnte ich erst mal aufatmen, denn zum Zuhören bei Vorträgen brauche ich keine Hilfe. und der Aufbau meines Messestandes würde sich auch schon irgendwie finden.

Und genau so war es auch. Als ich mal meine Tische zugewiesen bekam, konnte ich ganz normal aufbauen, wie ich das bei meinen Vorträgen oft tue.

Ich hatte an Modellen alle Steinplaneten, den Mond und den Kometen Juri dabei. Außerdem noch taktile Mappen mit Darstellungen von Finsternissen, Sternbildern und mehr. Ein Highlight auf meinem Stand war sicherlich das sprechende Handplanetarium “Universe2Go”. Das war im Vorfeld noch etwas bockig, bis ich es hin bekommen hatte, dass es sowohl auf Englisch, als auch auf Deutsch quasi parallel auf meinem iPhone lief.
Nach dem Standaufbau war es dann auch schon Zeit, sich für die Vorträge in den Hörsaal zu begeben.

Und los geht es

Bei dieser Veranstaltung “Inspiring Stars” handelte es sich um einen Tag der offenen Tür, bei dem das Thema Astronomie und Inklusion im Vordergrund stand.
Die IAU hat die Chance erkannt, welche Astronomie für die Inklusion bietet.
Und die haben für diesen Tag richtig Geld in die Hand genommen. Es ist ganz erstaunlich, wie es dem Orga-Team gelungen ist, uns alle auf der ganzen Welt verteilt zusammen zu trommeln und einzuladen.

Und so starteten die Vorträge mit einem aus Mexiko, der wunderbar Synergien und wissenschaftsübergreifende Kooperation aufzeigte, die gerade erst durch den Inklusionsgedanken entstehen können.

Der nächste Vortrag wurde dann von dem blinden Astrophysiker gehalten, dessen Frau mich beim Frühstück so vortrefflich unterstützte. Er führte uns vor, wie sonifizierte Astrodaten, z. B. Helligkeitsausbrüche oder Strahlenausbrüche klingen können, und dass man diese Klänge nach etwas Übung wirklich interpretieren kann. Seine Software “Starsound” werde ich ganz bestimmt mal ausprobieren.

Daran schloss sich dann eine Diskussionsrunde mit Wissenschaftsjournalen an. Hier ging es darum, wie die Zugänglichkeit hier verbessert werden könnte, z. B. dass Mathematikformeln nicht nur als Bildchen im Dokument erscheinen, sondern auch in einer für blinde lesbaren Form hinterlegt werden sollte, z. B. in LaTeX.
Insbesondere bei Ebook-Standards gibt es mittlerweile zahlreiche Möglichkeiten, die Dokumente barrierefrei zu gestalten, wo von häufig noch viel zu wenig Gebrauch gemacht wird.

Nach dem Mittagessen hörte ich einen ganz beeindruckenden Vortrag eines gehörlosen Astronomen. Er zeigte u. A., dass die Astronomie durchaus eine Wissenschaft ist, die traditionell von Wissenschaftlern mit Einschränkungen schon immer betrieben wurde und wird.

Das kann man in meinem Buch “Blind zu den Sternen” im Kapitel  “Wissenschaftler mit vier Sinnen” auch nachlesen.

Danach bestürmte uns auch schon die Kindergruppe des Österreichischen Computercamps. Wir stellten alle kurz unsere Stände vor, die es dann im Anschluss zu bestaunen galt.
Seite des ÖCC

Von 15:00 Uhr bis 17:00 Uhr gab es dann auch noch einige öffentliche Vorträge. Darunter war auch der meine “Explore the Universe with four Senses”.
Parallel dazu lief immer die Ausstellung.

Ein starkes Erlebnis war auch, wie ergriffen der Generalsekretär der IAU über unsere Arbeit sprach, wie er sie würdigte und wie ernst ihm die Inklusion ist.
Da ich hier nicht alle Vorträge etc. erwähnen kann, gibt es hier den Link zum Programm in Englisch:
https://sites.google.com/oao.iau.org/inspiringstars
Und hier gibt es den Link zur Übersicht aller Stände, auch in Englisch:
https://sites.google.com/oao.iau.org/inspiringstars/the-exhibition?authuser=0

Ach ja, Interviews gab es natürlich auch noch.
Am Vormittag wurden einige von uns, auch ich, einzeln von einem Österreichischen Radio interviewt. Das war vielleicht ein seltsames Gefühl, von dem Reporter auf Englisch interviewt zu werden, obwohl wir das ebenso auf Deutsch hätten machen können. In der Sendung wäre das aber dann etwas irritierend. Die übersetzen das ja eh. Dann
ist das Interview selbst Englischer O-Ton bis Atmo. Das muss schon einheitlich sein.

Am Nachmittag hatte ich dann einen sehr interessierten Journalisten aus Österreich am Stand. Er begleitete die Kindergruppe des Computercamps.
Für einen Kinderkurier verfasste er einen sehr schönen und ergreifenden Artikel, der reichhaltig für die Gucklinge bebildert ist.
Was die Ausstellung betrifft, so habe ich diesem Artikel im Grunde nichts hinzu zu fügen.

Vielen Dank an Herrn Wagner, dem Journalisten, und seiner Redaktionsleitung, dass ich seinen Artikel hier veröffentlichen darf.
Der Artikel enthält derart viele Bilder, dass ich mir die Erlaubnis erbat, den Fließtext ohne Bilder hier einstellen zu dürfen, weil er mit Bildern für Screenreader sehr mühsam zu lesen wäre.
Für die Sehlinge gibt es natürlich dann auch noch den Link zum bebilderten Artikel.

Ich erlaube mir jetzt, einfach Herrn Wagner sprechen zu lassen.

Planeten und andere All-Objekte be-greifen

Am Tag der offenen Tür beim internationalen Astronomiekongress in Wien gab es viele taktile Modelle, mit denen auch blinde und sehschwache Menschen Himmelserscheinungen erleben konnten.
Nach den Sternen greifen – dieser meist symbolische Satz, der viel verspricht, hat in einer spannenden Ausstellung beim internationalen Astronomie-Kongress (31. Generalversamlung der Internationalen Astronomischen Union) im Wiener Austria Center eine Art wortwörtliche Bedeutung. Himmelskörper und -phänomene zu be-greifen ist das Anliegen der möglichst barrierefreien Schau „Inspiring Stars“ (anregende Sterne).
Der Kinder-KURIER begleitete – mit einer Kollegin aus der Inklusiven LehrRedaktion – eine Gruppe Jugendlicher des in dieser Woche laufenden Computer-Camps im BundesBlindenInstitut diese Ausstellung. Julia und Lara tasteten mit ihren Händen zunächst Modelle von Mars, Merkur und Erde ab. Zu diesem Vorgang sagen sie sowie ihre Kolleg_innen übrigens immer „anschauen“.
Am Stand von Gerhard Jaworek kann auch ein Modell vom Mond und eines Meteors be-griffen werden. Jaworek, der selber blind ist und schon als Kind die Liebe zur Astronomie entdeckte, hat diese Modelle so wie seine Kolleg_innen an den anderen Stationen mittels 3D-Drucker angefertigt. Er hat aber auch informative Hefte – auf Deutsch und auf Englisch – zu den Planeten erstellt – in Reliefdruck – also mit erhabenen, be-greifbaren, Stellen sowie auch in Braille-Schrift. Jaworek demonstrierte auch sein „sprechendes Hand-Planetarium“. Dazu platzierte er sein SmartPhone in einer Vorrichtung, wie sie von Virtual-Reality-Brillen bekannt ist, schloss sie an einen Lautsprecher an – und im absoluten Dunklen kann durch die Geräusche des Universums navigiert werden. „Die Sonne sendet ein sehr spannendes Radioprogramm aus“, schreibt er etwa in seinem Buch (siehe Infos unten).
Neben angreifbaren Modellen – übrigens auch von einem stark vergrößerten Blatt eines Laubbaumes oder von Entwicklungsphasen von Pilzsporen – gab es auch etliche Stationen, in denen Sichtbares aus dem Weltall in Töne „übersetzt“ wird. Tiefe Töne für dunkle Stellen und hohe bis höchste für (sehr)helle Stellen. Viola und Laura hörten etwa über eine Handy-App so mit der Bewegung ihrer Finger eine dargestellte Sonnenfinsternis. Die konnten sie auch spüren, weil diese App das Gesehene nicht nur in Töne, sondern auch in Vibrationen verwandelt.
Bei einer anderen Station nahmen Natalie, Eli und Maximilian an einem Hör-Quiz teil, bei dem es um Zuordnung von Gehörtem und Frequenz-Kurven ging. Sofia und Emma tasteten be-greifbare Koordinatensystem des Weltalls ab, Igor, Dimana und Martina be-griffen sechs Sternbilder auf den Seiten eines großen Würfels und nebenan noch eines mit unterschiedlich warmen Lämpchen. Dabei handelt es sich um eine der Stationen, von der auch Sehende mehr an Information und Wissen haben, als von herkömmlichen Sternbildern. Denn die unterschiedlich warm leuchtenden Lämpchen weisen auch darauf hin, dass die Sterne ja nicht alle die gleiche Temperatur haben.
Das gilt übrigens auch für das Modell des Orion-Nebels, das Fabian, Stefan und Maximilian unter die Finger nahmen. Während Sternbilder – sowohl am Himmel als auch in Darstellungen für Sehende ausschauen, als wären sie alle gleich weit entfernt, sind in diesem Modell die Kugeln, die für die wichtigsten Sterne dieses „Nebels“ stehen, unterschiedlich weit von der Ausgangsplatte entfernt. Verschiedene Farben zeigen wieder Temperatur-Unterschiede an.
„Wir wollen den Himmel zu allen bringen!“ Dieser Satz war am Tag der offenen Tür bei diesem Kongress oft zu hören. Leider gab’s nur einen solchen Tag bei der noch bis Ende August laufenden Tagung. Aber die Idee “Inspiring Stars” war über den ganzen Kongress hinweg allgegenwärtig, weil viele Exponate die ganze Zeit ausgestellt wurden. Somit wurde diese Botschaft weit in die Astronomische Gemeinschaft getragen.
„Das Wichtigste für Menschen mit Blindheit ist es, den Mut zu haben, sich etwas vorzustellen und mit sehenden Menschen über ihre Vorstellungen ins Gespräch zu kommen ohne die Angst, ihre Vorstellung könnte falsch sein“, schreibt Gerhard Jaworek in seinem Buch „Blind zu den Sternen – mein Weg als Astronom“ (Verlag Aquensis Menschen, 14 €).
www.iau.org
Den Sternen zuhören
Der im Bericht erwähnte Gerhard Jaworek ist übrigens nicht der einzige unter den Astronom_innen des Kongresses, der nichts sieht. Wanda Diaz Merced, die am Observatorium von Kapstadt (Südafrika) forscht, wurde sogar über einen TED-Talk im kanadischen Vancouver (2016) bekannt, wo sie über ihre Spezialität, das Hören der Sterne, sprach. Zu einem kurzen Bericht und Video im Artikel geht es hier unten.

In English: Explore the Universe via Sound

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Und hier kommen alle Gucklinge auf die versprochene Augenweide

Artikel mit allen Fotos

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Was wäre ein Artikel dieser Länge ohne Fazit:

* Der Inklusionstag war ein großartiger Erfolg.

  • Hier wurde etwas angestoßen, das sicherlich noch reichhaltige Früchte tragen wird.

* Es hat sich alles bestätigt, was ich jemals in meiner “Inklusion am Himmel” gesagt und postuliert habe.

* Es ist für mich von unschätzbarem Wert, hier dabei gewesen sein zu dürfen.

  • Nicht jeder Zugang zu Astronomie ist für alle Menschen geeignet, aber es gibt einen Zugang für jeden

 

Was fehlt noch? Unbedingt eine kleine Danksagung.

Ich danke der Leitung des Studienzentrums für Sehgeschädigte (SZS) des Karlsruher Institutes für Technologie (KIT) http://www.szs.kit.edu für seine Unterstützung

Die Leitung, die mich hier unterstützt und diese Arbeit mit trägt, würdigt und schätzt,

der Mitarbeiter, der mir mal schnell noch zehn neue taktile Mappen in Englisch erstellt,

die Mitarbeiterin, die mir in einer affenartigen Geschwindigkeit noch bei der Erstellung eines Posters hilft,

der Kollege, der mir immer mal wieder das eine oder andere Modell durch den 3D-Printer lässt

und meine Arbeitsplatzassistenz, die mir bei der Gestaltung meiner Folien half und mir die Züge buchte.

Ohne euch alle, könnte ich diese Arbeit niemals so durchführen.

 

Sicherlich habe ich, wie das immer so ist, nicht alle erwähnt. Dank auch an die nicht erwähnten. Ihr seid nicht minder an diesem ewigen Projekt beteiligt.

 

So, jetzt hoffe ich, dass meine und auch Herrn Wagners Freude und Begeisterung hier auf euch übergeht.

Die Abreise erspare ich uns an dieser Stelle.
Alles gute bis zum nächsten Mal wünscht euch

Euer Gerhard Jaworek.

Urlaub vor derBlindheit, oder von der Welt der Sehenden machen

Liebe Leserinnen und Leser,

heute geht es in meinem Blog mal um kein technisches Thema. Endlich mal, denn ich möchte künftig auch diesem Teil der Blogbeschreibung mehr Aufmerksamkeit und Bedeutung beimessen.

Heute geht es um Urlaub. Urlaub machen, nicht im herkömmlichen Sinne, sondern Urlaub von der Behinderung, in meinem Fall von der Blindheit, machen.

Oder sollte man eher sagen: “Urlaub von der Welt der Sehenden?”

 

“Lebe möglichst, als wärest Du sehend!” stand vor einigen Jahren auf einem Plakat, das den Studierendenraum unseres Institutes zierte. Das war ein Motto der damaligen Leitung, dass wir unbedingt “Top-Blinde”, das war sein Wort, sein sollten, um vorgezeigt zu werden, um Eindruck zu schinden, und letztlich, um auch zu zeigen, welch tolle Arbeit an unserem Institut gemacht wird.

Damals war das das Motto meines Vorgesetzten, weshalb ich dem Plakat kein Leid zufügen durfte,schwor mir aber, dieses Plakat, sollte ich einst dazu befugt sein, umgehend zu entfernen und diese Zerstörung dieses Satzes zu zelebrieren.

Die Zeiten haben sich geändert, ich arbeite mittlerweile seit fast 20 Jahren an besagtem  Institut und auch unsere soziale humanistische und pädagogische Ausrichtung  hat sich diesbezüglich zum Positiven hin entwickelt, so dass ich vor einigen Jahren die Zerstörung dieses Plakates feierte.

“Blinder, Lebe, als könntest Du sehen”, “Lahmer,  lebe, als köntest Du gehen”, “Tauber, lebe, als könntest Du hören”. Man merkt hier die Absurdität, die in derlei Sätzen steckt. Es geht schlicht und einfach nicht.

Dennoch. Mein Alltag ist stets der Versuch, zwar nicht so, wie ein Sehender zu leben, aber mich in deren Welt zurecht zu finden und zu bestehen.

Das ist zuweilen recht anstrengend. Hier soll es aber nicht darum gehen, was Schwierigkeiten bereitet, sondern darum, dass ich es wichtig finde, dass ich ein Mal im Jahr Urlaub von der Blindheit oder der Welt der Sehenden nehme,.
indem ich mich an einem für uns geeigneten Ort mit blinden Menschen treffe.
Ich kenne viele blinde Menschen, die erfüllten und schönen Abenteuerurlaub, z. B. Bergsteigen, Wandern, Kultur, machen und daran Freude finden.
Das tue ich durchaus auch.

Was ist anders:
Schon seit vielen Jahren unternehme ich immer wieder Spezialurlaub für blinde Menschen. Hierfür gibt es spezielle Erholungszentren, die auf unsere bedarfe eingerichtet sind.
Da ist zunächst die Anreise. Die Meisten dieser Häuser verfügen über einen kleinen Fuhrpark. Somit kann man sich direkt vom Haus am Zielbahnhof abholen lassen, ohne, dass lästige Taxikosten anfallen, der Taxifahrer nicht weiß, wo man hin möchte, oder… Schon hier merke ich, dass das Personal geschult ist, so dass die Anreise barrierefrei abläuft.
Schon im Vorfeld stimmt man die An- und Abreise so mit dem Haus ab, dass es für das Personal möglichst effizient abläuft, z. B. das mehrere Personen gleichzeitig abgeholt werden können. Das bedeutet manchmal warten, ist aber kein Problem, weil jeder von uns weiß, wie wichtig eine gute Reise und eine Abholung für uns ist, und somit viel Verständnis und Geduld für den Mitbetroffenen aufbringt.

Im Haus angekommen, finde ich am Boden Leitlinien, Punktschrift an Zimmertüren, Treppen und Einrichtungen. Der Aufzug spricht mit mir und alle Stockwerke sind taktil beschriftet.
Im Zimmer liegen alle Informationsschriften auch in Blindenschrift aus. Speisepläne sind entweder über das Telefon akustisch, als Aushang in Blindenschrift oder online zugänglich.
Das gilt auch für Speisekarten oder sonstige Listen.
Beim Essen steht Personal am Buffet zur Verfügung, das Essen wird direkt zum Tisch gebracht und ich werde darüber im Uhrzeigersinn aufgeklärt, was sich wo auf meinem Teller befindet, z. B. “Fleisch von 9 – 11 Uhr, Erbsen zwischen 5 und 6 Uhr”… In manchen Blindenhäusern, gibt es überhaupt kein Buffet. Es gibt zu Mittag eine Menüauswahl, meist ein vegetarisches und ein anderes. Für das Frühstück legt man sich vorher schon fest, was man ungefähr möchte, damit einem das Personal das schon am Platz richten kann, und zu Abend gibt es in dem Fall auch für alle dasselbe Abendbrot.
Zugegeben. Das ist auch für mich manchmal etwas unflexibel und eingeschränkt. Das nervt besonders dann, wenn es mal etwas gibt, das man nicht so mag. Es ist aber möglich, um Ersatz zu bitten.
Ich habe dann halt keine unerschöpfliche Auswahl, wie an einem Buffet in einem Hotel. Das will ich aber u. U. gar nicht. Mich strengt es unheimlich an, wenn meine Begleitung mir erst mal eine halbe Stunde erklärt, was es gibt, und ich weiß, dass das für sehende Begleitpersonen auch so ist.
Was den Ablauf des Essens betrifft, so kann ich mir ganz entspannt, mal ein Fleisch schneiden, das Hähnchen entbeinen, den Fisch filetieren oder einfach mal ein Brot schmieren lassen und ein Getränk wird mir eingeschenkt, wenn ich das möchte.. Vieles von dem, was ich hier aufgezählt habe, kann ich natürlich selbst. Dennoch. Ich finde schön und gesellschaftskonform zu essen manchmal nicht so einfach. Eine Pizza z. B., die größer als der Teller ist, lasse ich mir grundsätzlich in der Küche schneiden, weil sonst die Katastrophe ihren Lauf nehmen würde.
Aber da ist es halt. In meinem Urlaub ist das normal. In anderen Lokalen muss ich es erst erbitten. Meist erfahre ich hier große Hilfsbereitschaft.  Aber, es passiert schon mal, dass es vergessen wird, der Kelner dann mit meinem Essen nochmal davon rennen muss, was ja irgendwie auch wieder doof aussieht und Blicke auf sich zieht, oder manchmal ist das Personal überlastet. Ein einziges Mal hat mir das ein Kelner mal ehrlich so kommuniziert…
Normalerweise muss ich mir die Hilfe erbitten. In meinem Refugium wird mir die Hilfe mit viel Verständnis und Empathie angeboten und ich entscheide…
Und wenn wir schon bei Kelnern sind. Vor allem dann, wenn es in einem Lokal sehr laut ist, habe ich keine Chance, ohne sehende Hilfe etwas zu erlangen, das meine durstige Kehle benetzen könnte. Ich höre die Bedienung nicht. Ich kann mit ihr keine Zeichensprache oder Augenkontakt führen. Ich kann doch auch nicht, wie ein Proll durch das ganze Lokal schreien… Und, wenn dann noch eine Fremdsprache, z. B. im Ausland oder eine andere Kultur dazu kommt, wird die Bestellung eines Getränkes eine schier unlösbare Aufgabe, ein Stressfaktor und nervt einfach nur.
Hier, in meinem Blindenhaus,  werde ich gefragt, ob ich noch etwas möchte. Wenn man am Ort dann schon etwas bekannter ist, merkt sich das Personal sogar, was man so für Vorzüge und Vorlieben hat.
Das gibt es aber manchmal in Stammkneipen auch, was ich als sehr angenehm empfinde.

Sollte ich mich einmal auf der Hotelanlage verlaufen, muss ich mich hier nicht mit zwar wohlgemeinten Erklärungen, wie “Sie müssen dort lang”… herumplagen. Entweder ich bekomme eine Erklärung, die ich verstehe, oder werde hin geführt, bzw. wieder auf den richtigen Weg gebracht..

Man wird am Pool, in der Bar oder am Stand nicht angegafft, wenn man sich mal ohne seine Begleitperson alleine dort hin wagt, weil diese mit einem anderen Gast einen Shopping-Nachmittag machen, den blinden Mann daheim lassen, und möglicherweise nur seine Kreditkarte mitgenommen haben. Darüber zerreißen sich Gäste durchaus das Maul.
Dass ich aber Shopping unerträglich finde, dass es mir alleine mit meinem Hörbuch, meinem Bierchen oder Kaffee ganz hervorragend geht, können viele sich überhaupt nicht vorstellen.

Was Ausflüge und andere Unternehmungen betrifft, so ist das in dem Haus, das ich besuche schon so, dass der Urlaub in dieser Hinsicht etwas erlebnisärmer sein könnte, wie sich das Sehende vielleicht so vorstellen,, wenn man ihn mit einer sehenden Reisegruppe etc. erlebt.
Das liegt daran, dass die personellen Ressourcen der Häuser auch begrenzt sind, und hier auch der Sparzwang und die Wirtschaftlichkeit in immer verherender Weise um sich greifen. Viele Blindenhäuser sind mittlerweile geschlossen.  Somit muss man immer einen Kompromiss finden, was man unternehmen könnte, dass alle auf ihre Kosten kommen. Das kann auch mal bedeuten, dass man mal seine Wünsche zugunsten dem Rest der Gruppe zurückstellen muss.

Wenn ich beispielsweise Gleitschirmfliegen möchte, dann kann die andere Gruppe nur irgendwie dort, wo der Flugplatz ist, wandern oder Kaffeetrinken gehen, weil der Kleinbus warten muss, bis ich wieder gelandet bin, was mit Seilbahnfahrt Start und Flug einen ganzen Nachmittag benötigt.
Das bekommt man aber in der Regel ganz gut hin. Ich habe noch keinen Streit deswegen erlebt. Jeder von uns weiß, dass die Welt eines Blinden oft eine Welt der Ungeduld und des wartens ist, weil wir oft nicht sehen, was sich in unserer Umgebung tut, und somit keinen Reiz empfangen.
Aus diesem Grunde gehen wir hier in aller Regel deutlich rücksichtsvoller miteinander um.

Wir erleben häufig den Urlaub viel stärker in der Gemeinschaft. Wir wollen überhaupt nicht allen Sehenswürdigkeiten hinterher rennen. Ein vertrauter Spazierweg, selbstständig den Pool zu benutzen, sich ohne sehende Hilfe in der Bar etwas bestellen, aber auch am Abend musizieren und ein sehr kommunikatives geselliges Leben zu führen, wie ich das so unter sehenden nur extrem selten erlebe, das ist unser Urlaub. Auch einfach mal ein Hörbuch auf dem Balkon zu hören, gehört dazu. Natürlich kommen auch Highlights, wie mein vorhin erwähnter Gleitschirmflug vor.

Oft bieten diese Häuser auch Themenwochen, wie Wandern, Langlauf, Tandem, Basteln etc. an, aber das liegt mir nicht so, eine Woche lang jeden Tag dasselbe zu machen.
Nun kommen wir zu dem Punkt, der vermutlich das wertvollste an einem Spezialurlaub für Blinde ist, und wofür man in den anderen Dingen eventuell bereit ist, gewisse Abstriche zu machen.
Es ist der Umgang, ist die Art der Kommunikation untereinander und die Themen, über welche wir blinden Menschen untereinander sprechen. Außerdem ist es das wohltuende Gefühl, sich auch über die Einschränkung auszutauschen.

Bei mir entwickelte sich die Sache so:
Als blinder Student unter sehenden Studierenden war es zwar nicht üblich, die Zugehörigkeit zur Gruppe derer, die nicht sehen können, zu verleugnen, aber trotzdem war es mir immer ein Bedürfnis, mich in irgend einer Weise von dieser Gruppe abzugrenzen.
Ich wollte nicht zu jenen gehören, die beispielsweise dauernd mit dem Vorurteil belegt werden, neben der körperlichen auch eine geistige Einschränkung zu haben. Ich war beleidigt, wenn mich jemand fragte, ob ich auch in der Werkstadt XY für Menschen mit Behinderung arbeite. Ich hätte mir mein Abiturzeugnis am liebsten an die Stirne geheftet. Es war sehr schick, zu den “Top-Blinden” zu gehören.

Ein Freund warnte mich davor, mich zu sehr der Gruppe der Sehenden anzuschließen, und meinte, dass ich eines Tages noch froh sein würde, ein Refugium zu finden, in dem ich meine Blindheit ausleben dürfe. Er überredete mich, mit ihm zusammen einen Spezialurlaub für Menschen mit Blindheit zu machen. Und da tat sich mir wirklich eine neue Welt auf. Ich merkte, wie anstrengend mein Leben dadurch war, dass ich meinen sehenden Mitmenschen hinterherhechelte. Ich merkte, wie mir die ganzen Jahre die Gespräche unter Blinden, die thematisch oft anders gelagert sind als die mit Sehenden, so sehr fehlten. Sprechen Blinde über Kinofilme, wird kaum über Schauspieler geredet. Den Film erleben wir als ein Hörspiel, bestehend aus der Filmmusik, den Hintergrundgeräuschen, den Stimmen der Synchronsprecher und seit einigen Jahren mehr und mehr der Audiodeskription. Hierbei handelt es sich um Zusatzerklärungen die das erläutern, was für blinde Menschen im Film nicht hörbar ist, z. B. ein entscheidender Blickkontakt, eine wichtige Geste oder eine Beschreibung einer Umgebung. Diese Audiodeskriptionen werden zwischen die gesprochenen Passagen des Films gepackt und können entweder über einen separaten Tonkanal oder über ein Smartphone mit Knopf im Ohr abgehört werden. Manche Menschen mit Blindheit sprechen auch eher über Hörspiele und Radio, über Geräusche und Musik. Einige binden viele Geräusche in ihre Sprache ein und lieben es, Stimmen naturgetreu nachzuahmen.

Ich merkte, wie wohltuend es war, in dieser Umgebung auch mal blind sein zu dürfen
Wir sprechen viel über Radio, Hilfsmittel und Apps.
Wir musizieren zusammen, als hätten wir das schon immer getan. Da entstehen spontan und ohne Probe vierstimmige Chorsätze. So musikalisch improvisieren konnte ich bisher nur mit sehr wenigen sehenden Musikern. Entweder sie brauchen Noten, oder müssen Dinge erst üben, die blinde Musiker frei von der Leber weg spielen. Wenn gemeinsam gesungen werden soll, und die Tonart muss transponiert werden, dass jeder mitsingen kann, so passiert das bei blinden Gitarristen, Pianisten oder Akkordeonspielern ganz automatisch…

Bemerkenswert ist die Vielfalt der Personen, die sich in diesen häusern trifft. Vom Menschen, die in einer beschützenden Werkstatt für Behinderte arbeiten, bis hin zum blinden Universitätsprofessor ist alles dabei, und wir finden eine gemeinsame Sprache, gemeinsame Themen und lachen gemeinsam…
Wie auch immer.
Ich mache meinen Spezialurlaub nicht, um ungestört, weil die anderen es nicht sehen können, “in der Nase bohren zu können.” Das hören blinde Menschen übrigens… Ich mache das, weil es mir viel Kraft gibt, mich auch mal in meiner Gruppe, in meiner Blindenwelt etc. zu bewegen. Ich tue es, um dann wieder mit neuer Kraft mich in unserer gemeinsamen Welt, der Welt der Sehenden,
zurecht zu finden, auszutauschen unddamit Brücken der Liebe, von Verständnis und Empathie geschlagen werden, die unsere Welten verbinden.

Podcasts ein inklusives Tor zu Bildung, Wissen und der Welt

Liebe Leserinnen und Leser,

heute geht es mal in Blindnerd nicht um Astronomie.

Schon lange habe ich vor, über untenstehendes zu schreiben. Ein wunderbares Ereignis, siehe später, trieb mich aber nun dazu, heute mal die Astronomie links liegen zu lassen und hierüber zu schreiben:

Es geht  um eine Quelle des Wissens, aus der ich vermutlich mehr schöpfe, als aus Büchern und erst recht, aus Fernsehen. Zeitungen sind für mich sowieso schwer zugänglich.

Es geht um Podcasts. Podcasts sind themenbezogene Sendereihen, bei denen mehr oder weniger regelmäßig neue Folgen oder Episoden erscheinen. Diese Sendungen sind meist Audio, manchmal auch Video. Interessiert man sich für eine Sendereihe, so abonniert man sich den Podcast mit einem geeigneten Podcatcher. Ich nutze für mein Iphone zum mobilen Hören von Podcasts den Podcatcher von Apple, den es im Appstore kostenlos zum Download gibt. Für Windows ist Foobar2000 für Blinde sehr gut bedienbar.

https://www.foobar2000.org/

Es gibt auch einen Podcatcher “Accessible Podcast” der speziell für unsere Bedürfnisse entwickelt worden ist. Den kann man sich hier herunterladen

http://www.webbie.org.uk/accessiblepodcatcher/index.htm

Itunes, Firefox,  Edge, Internetexplorer sind Programme, mit denen das auch geht. Das mag ich aber persönlich dafür nicht, weil diese Programme mit allem möglichen anderen Kram überladen und dadurch schwerer und umständlicher zu bedienen sind, finde ich zumindest…

Wie bei einem Newsletter, wird man dann, wenn man den sog. Podcast-Feed abonniert hat,  stets informiert, wenn zu einem abonnierten Podcast eine neue Sendung veröffentlicht wurde. Die Feeds findet man auf den jeweiligen Internetseiten der Podcasts, denn jeder Podcast hat eine Seite.

Podcasts werden meist von Shownotes begleitet. Wie das Wort Notes schon sagt, handelt es sich hier um Notizen, die teilweise erst während der Show, aufgrund deren Verlaufes, entstehen. Meist enthalten die Shownotes auch noch Links, die die Inhalte der Folge vertiefen.

Die Shownotes parallel zum Podcast ansehen, geht für uns eher schwierig, weil wir dann den Podcast und die Sprachausgabe hören. Das muss auch gar nicht sein. Ich denke mal, dass weit über 90 % aller Podcasts mobil angehört werden. Die Shownotes sind für danach gedacht.

Und das führt uns zu einem ganz wesentlichen Vorteil von Podcasts gegenüber Fernsehsendungen. Podcast sind grundsätzlich so gestaltet, sofern keine Video-Podcasts, dass sie ohne Bilder auskommen müssen. Insbesondere bei technischen oder Wissenschaftspodcasts bedeutet das, dass alle Details so erklärt werden müssen, dass die Zuhörer sich etwas darunter vorstellen können. Für blinde Menschen ist das natürlich super, denn in vielen anderen wissenschaftlichen Sendungen oder Publikationen, werden die Inhalte visuell so angereichert, dass gesprochene Erklärungen oft sichtbaren Animationen weichen.

Alleine schon von der Themenvielfalt her, übertreffen Podcasts mengenmäßig alles, was uns blinden an Wissen und Bildung in Punktschrift, Hörbuch oder  elektronisch zur Verfügung steht. Da es mittlerweile auch viele Radiosendungen zu unterschiedlichen Themen als Podcast zum Herunterladen gibt, kann man die Sendungen dann hören, wenn man Zeit dazu hat. Man muss nichts mehr verpassen, oder Geräte für die Aufnahme programmieren.

Gegenüber Radiosendungen haben Audiopodcasts noch weitere Vorteile. Es sind keine Radiosendungen, die in einem gesteckten Rahmen zwischen Musik, Werbeblöcken und Nachrichten, z. B. einen Interviewpartner zielgerichtet und knapp interviewen. Sie müssen auch nicht die große Masse erreichen, somit ist irgendwie alles erlaubt, was Zuhörer findet.

Podcasts sind keine Interviews. Sie sind eher Gespräche über Themen. Die können auch mal etwas abschweifen, der Gast im Podcast kann unerwartete Dinge zum Podcastleiter sagen und vieles mehr.

Ich denke, ich erkläre jetzt mal an einigen Beispielen, weshalb Podcasts für mich der Brunnen zu Wissen und Bildung schlecht hin geworden sind.

Zu Podcasts kam ich vor mindestens zehn Jahren, eher mehr durch ein Projekt, das sich Klango nannte. Klango sollte ein soziales Netzwerk für blinde Menschen werden. Neben Chatten, Posten und Mail, war die Software ein guter Podcatcher. Mit Podcasts über Hilfsmittel bin ich schließlich eingestiegen. Da gibt es blinde Menschen, die life am Rechner eine gute Homebanking-Software vorstellen. Die Zuhörer hören seine erklärende Stimme und hören auch die Sprachausgabe seines Computers. So kann man alle Schritte der Bedienung lernen, am eigenen Rechner nachvollziehen. Das ist somit eine hervorragende Art online Lernangebote anzubieten.
Viele Apps auf meinem Smartphone habe ich über Podcasts kennen und bedienen gelernt, weil blinde Menschen das aufgenommen und veröffentlicht haben.

Nach und nach, fing ich auch an, immer mehr Radiosendungen und wissenschaftliche Podcasts zu hören.

Mein erster Podcast zu Astronomie und Weltraum ist wirklich ein Juwel. Ich giere jeder neuen Folge entgegen. Es ist der Podcast @Raumzeit von Tim Pritlove.

https://raumzeit-podcast.de/

Tim Pritlove besucht häufig Gesprechspartner, die im Umfeld von Astronomie und Raumfahrt tätig sind. Es ist so unglaublich interessant, die Experten selbst zu hören. In einer seiner ersten Folgen war der erste Deutsche Astronaut Sigmund Jähn Gast bei Tim. Ich finde, das ist viel besser, als lesen. Ich hörte die Stimme eines Astronauten und vernahm, was er erlebte aus seinem eigenen Mund und nicht aus einem Buch, dass entweder er oder jemand anderes über ihn geschrieben hat.

Nichts gegen Bücher. Ich lese und höre sehr viele. Aber für Hörmenschen, wie mich, ist Originalton eine wunderbare Sache, weil Fotos halt nun mal weg fallen.

In Folge 30 hatte er einen Experten zur vergangenen Cassini-Huygens-Mission geladen. Das Highlight in dieser Folge war das Geräusch, als die Sonde Huygens durch die dicke Atmosphäre des Mondes Titan, abstieg. Sie hatte ein Mikrofon dabei, weil man sich erhoffte, Gewittertätigkeit zu hören. Dieses vernahm man nicht, aber den Fahrtwind der durch den Fall der Sonde, entstand.

Ich schrieb ausführlich darüber in “Blind zu den Sternen”, meinem Buch.

Über viele Sonden und Weltraummissionen hätte ich vermutlich ohne diesen Podcast nie etwas erfahren. Sicher fließt in meine Artikel sehr viel Wissen ein, das ich mir aus Podcasts einverleibte und nicht mehr weiß, woher ich es weiß.
Ein weiteres Highlight und Muss für alle, die nur im Ansatz etwas technikbegeistert und nerdig sind, ist der @omegataupodcast

http://omegataupodcast.net/

Die beiden Macher dieses Podcasts reisen quasi um die ganze Erde, um Spezialisten zu allen möglichen Themen zu finden. Da geht es mal um den A380, um ein großes Schiff, um österreichische Seilbahnen und Wasserkraftwerke, aber dann geht es auch um Wirtschaft, Technikfolgeabschätzung oder biologische Themen.

Ob Deutsche oder Englische Folge; ganz egal. die beiden, die den Podcast machen, verstehen es, jedes Detail aus dem Gegenstand herauszukitzeln. Da wird jedes Hebelchen und Knöpfchen am Cokpit des Flugzeuges erklärt. Da erfährt man alles über die Funktionsweise. Da hört man im Hintergrund, wie es in einem Stahlwerk klingt und ist ganz nah mit dabei. In folge 1 dieses Podcasts wird ein kompletter Segelflug, den der Macher, Markus selbst fliegt, komplett vom Start bis zur Landung mit Motorgeräusch, Wind, Funkverkehr, Wario und seinen Erklärungen, aufgezeichnet. Da ich selbst gerne segelfliege, natürlich nur mit sehendem Piloten, spürte ich mit der Zeit beim hören den Segelflieger in meinem Körper. Ich saß auf meinem Gitarrenstuhl, hatte quasi den Knüppel in Händen. Irgendwann stellte ich mir dann noch zwei Pedale von Gitarren-Effektgeräten vor meine Füße. Dann war das Erlebnis perfekt.

Gerade in technischen Dingen habe ich unheimlich viel von diesem Podcast mir vorzustellen gelernt. Ich kann wirklich inhaltlich mitreden, wenn es jetzt um Windräder geht, weiß anschaulich, wie Segelflugzeuge aufgebaut sind, habe verstanden, dass Stahlblechband schneller aus der Walze kommt, wie es hinein geht, weil es zwischen den Walzen zwar dünner, aber auch länger wird. So könnte ich Beispiel um Beispiel anfügen, was ich durch diesen Podcast lernen durfte. Das ist ganz besonders für uns blinde Menschen so wichtig, dass wir gute Erklärungen bekommen, was in diesem Podcast immer gegeben ist.

Ein von der Machart her ganz anderer Podcast ist der @minkorrekt (Methodisch Inkorrekt).
http://minkorrekt.de/.

Er wird von immer denselben beiden Physikern gehalten. Hier wird in der Regel kein Gast eingeladen.
Dieser Podcast besteht aus mehreren Elementen. Im Kern dieses Podcasts versucht jeder der beiden Macher jeweils zwei wissenschafftliche Paper (Veröffentlichungen) so zu erklären, dass die Menschheit sie versteht. Über Sinn und Unsinn verschiedener Themen und Ergebnisse wird dann auch gesprochen, gescherzt und gelacht. Dieser Kern wird umrahmt von einem physikalischen Experiment der Woche, das man in der Regel im Haushalt nachmachen kann, ein Bier der Woche wird getrunken, dann Nerd-Musik und ein China-Gadget vorgestellt. dann wird viel über den wissenschaftlichen Alltag berichtet. Dieser Podcast ist sehr humoristisch. Die beiden lachen viel und sind unheimlich ansteckend. Und trotzdem lernt und erfährt man hammer viel, ohne, dass man etwas davon merkt.

Hier ist halt die Stärke, dass der eine dem anderen alles erklären muss und dadurch versteht auch die Welt draußen ohne Bild, was gemeint ist. Wie praktisch für uns Blinde.

In einem anderen Podcast, den ich höre @zeitsprung, erzählen sich jede Woche zwei Historiker spannende Geschichten aus der Geschichte.
Hier lerne ich Geschichte, wo die Zusammenhänge und weniger die Jahreszahlen wichtig sind.

“Astrodicticum Simplex” ist der Podcast des Astronoms, Buchautors und Science Busters, Florian Freistetter. Er erzählt uns wöchentlich eine etwa zehnminütige Geschichte, wie ein Teil des Universums funktioniert.

Und langsam steuern wir auf den Auslöser dieses Artikels über Podcasts zu.

Momentan ist ein aktuelles Highlight, der Shooting Star am astronomischen Podcasthimmel sicher @aufdistanz. @sustickle hat es mit Hilfe eines Croud-Fundings geschafft, den Start von Alexander Gerst am 06.06.2018 life in Baikonur mit zu erleben. Er war mit Kollegen mit einem Reiseveranstalter sechs Tage dort und podcastete jeden Abend über seine Erlebnisse. Er nahm sogar mit einem Mikrofon das Geräusch auf, als die Rakete startete. Das machte extrem Gänsehaut.Hier kommt eine weitere Stärke von Podcasts ins Spiel, die es in diesem Umfang in vorproduzierten Radiosendungen selten gibt. Man hört Emotionen und Zwischentöne und fehlende Worte. Die Rührung mit der hier erzählt wird, wie @Astroalex von einer Frau Abschied nimmt, indem sie ihre Hand von außen an die Scheibe des Busses legt in dem er sitzt und er legt seine raumanzugbehandschuhte Hand von innen dagegen, ist so spürbar, dass man auch etwas Pippi in die Augen bekommt.

Als in der vorletzten Folge des Unterpodcasts von @aufdistanz, @aufdistanzgoesbaikonur, dann die drei Abschied voneinander nehmen müssen, bleiben die Tränen nicht aus. Wenn man sich nach so einem starken Erlebnis voneinander trennen muss, dann überwältigen einem die Gefühle.

Aber das ist es nicht alleine.
Durch diese täglichen Reisepodcasts hat @susticle und seine zwei Mitpodcaster mir als blinden Menschen so viel Astronomie und Weltall geschenkt, dass ich bis heute noch immer keine Worte dafür finde. Ob es der russische Pragmatismus, der Dualismus, dass eine Hightech-Rakete in einem Gebäude mit halb eingestürztem Dach aufbewahrt wird, ob die Aufrichtungder Rakete, der Start und alles andere wird einfach so frei erzählt, als säßen die drei in meinem Wohnzimmer. Mir gefällt dann auch immer, wenn mal etwas im Podcast unklar ist. Es gab Diskusion darüber, wie denn die Rakete mittels eines dicken Stempels genau, aufgerichtet wurde. Alle, auch ich, fragten uns, wo denn diese Vorrichtung denn plötzlich her gekommen sein könnte.

Ich vermutete für mich, dass diese Hebevorrichtung Teil des Zugvagons ist, auf dem die Rakete lag. Die drei kamen, was mich sehr freute, zur gleichen Vermutung. OK, wir wissen es noch immer nicht genau, aber das ist eben auch Podcast. Mitdenken, miträtseln, knobeln und Anteilnehmen.

In all dem, was die hier an Erlebnissen mit uns geteilt haben,  ist so viel drin, das… wie schon gesagt, die Worte fehlen.

Ich höre noch zahlreiche andere Podcasts zu Astronomie, Wissenschaft und Technik, aber auch zu Politik und anderen Sozialthemen. Ich kann hier jetzt nicht alle aufzählen. Mir ist wichtig, dass hier das Potential rüberkommt, das Podcasts insbesondere für Menschen mit “Print Disabillity”, eine Einschränkung im Umgang mit Druckmaterialien, bieten. Ganz absichtlich führe ich hier den Begriff der “Print Disabillity” ein und schreibe nicht “Blinde”. Indem ich das tue, schließe ich auch noch andere Einschränkungen mit ein, z. B. Dyslexie und viele mehr.

Zum dritten Mal in diesem Artikel schreibe ich jetzt, dass ich aus Podcasts mittlerweile einen großen Anteil meines Astronomie-Wissens schöpfe.

Ich bin so dankbar, dass es Podcasts gibt. Ohne sie hätte ich zu so vielen Dingen keinen richtig guten Zugang.

Und was auch super spannend ist. Ich kenne mittlerweile manche der Podcaster persönlich. Es lohnt sich wirklich, mal zu einem Hörertreffen zu gehen, wenn grad mal der Lieblings-Podcaster in der Gegend ist.

Und das nur am Rande. Ich würde selbst auch gerne einen Podcast führen. Bisher suche ich noch nach einem geeigneten Format, das ich mit meiner eingeschränkten Mobilität selbstständig durchziehen kann. Ich kann nicht zu Gesprächspartnern dauernd in fremde Städte ohne Begleitperson fahren und nur Skype-Podcasten ist für mich keine Option und einen Podcast in welchem ich nur monologisiere, kommt nicht in Frage. Somit ist mein Blog quasi mein Kompromiss zu meinem Podcastwunsch. Nicht minder hängt mein Herz und meine Seele an diesem Blog.

Vielleicht ergibt sich ja mal was.

Ach ja, ganz zum Schluss noch eine kleine Kehrseite von Podcasts.

1) Sie machen süchtig.

2) Sie sind leider auch ein Zeitfresser, aber auch ein Wartehelfer.

3) Über Podcasts kommt man leicht in eine Filterblase. Das geht allerdings ohne auch.

So, das ist mal meine Geschichte, wie wichtig Podcasts für mich in meinem Leben geworden sind.

Es Grüßt Sie und euch bis zum nächsten Mal

Ihr Gerhard Jaworek.

Astrosport

Liebe Leserinnen und Leser,

Immer und immer wieder postuliere ich, dass ich die Astronomie für eine der inklusivsten Disziplinen und Hobbys halte, weil es so viel Zugänge zu ihr gibt.
Mit “Das Ohr am Teleskop” zeigte ich einen akustischen Teilaspekt.

Heute möchte ich ein Erlebnis mit euch teilen, das ich gestern im Rahmen einer Sportveranstaltung machen durfte.

In diesem Semester läuft für Studierende des Faches Sport ein Seminar “Kleine Spiele”. Hierfür müssen die Teilnehmenden entweder alleine oder zu zweit eine inklusive Sportstunde zu verschiedenen Themen ausarbeiten, durchführen und evaluieren.
Diese Stunden laufen unter dem Motto “Inklusiv mobil, bei Studium Sport und spiel”.
Gestern hielt ein Student eine Stunde über das Thema “Soziale Kompetenz verbessern, Teamwork” ab.
Der hatte so eine unglaublich faszinierende Idee. Er hängte seine Stunde an der Geschichte auf, dass wir auf dem Mars hawariert wären. Es galt nun, eine Marslandschaft zu überqueren, bestimmte Aufgaben zu erfüllen, die nur gemeinsam lösbar waren.
Erschwert wurde das ganze noch dadurch, dass jeder unterschiedlich verletzt war. OK, ich bin sowieso blind. Anderen wurden die Ohren verstopft, dass sie quasi taub waren, wieder andere wurden so getapet, dass sie Arme, Beine oder beides nicht nutzen konnten.
Es gab auch stumme Astronauten.
Wir hatten auch eine echte Rollstuhlfahrerin dabei.

Mit all diesen Randbedingungen mussten wir nun als Team oder in kleineren Grüppchen zurecht kommen, die Marslandschaft durchqueren, Bodenproben nehmen und unser Mutterschiff wieder finden.
Die Landschaft bestand aus einem Parcours aus Sportgeräten und Stationen, der überwunden werden musste. Da bis auf zwei Teilnehmende alle entweder reell oder für das Spiel eine Behinderung hatten, ergaben sich ganz interessante Kommunikations-Probleme.

Da stand ich beispielsweise vor einer über zwei Böcke gelegten Weichbodenmatte. Ich fragte, was ich hier machen soll. Das Problem war, dass mein Partner nicht sprechen konnte. Er versuchte mich dann zu Boden zu drücken, um mir zu zeigen, dass es sich hier um einen  Tunnel handelt, durch den man kriechen soll.

Jemand, dessen Füße und Hände beeinträchtigt waren, musste man z. B. hinter sich her ziehen.

Da wollten mich Sehende manchmal mit den Worten “Da” und “dort”, natürlich von Handgesten begleitet, irgendwo hin dirigieren. Das geht natürlich nicht. “Da ist ein Platz frei.” bekomme ich oft in der Bahn zu hören. Auf die Frage “Wo denn?” heißt es oft “Ja, dort”, oder  “ne, da nicht”, oder “da drüben”.
Dann kommt natürlich auch immer das Links-Rechts-Problem mit der Perspektive, oder einfach nur dem anderen Links ins Spiel.

Eine für mich auch sehr spannende Aufgabe war, ein Notsignal zu senden. Das lief so ab, dass jemand sehendes einen Zettel mit einem Wort erhielt. jetzt musste man das Wort so durch die Gruppe reichen, dass es von allen Teilnehmenden mit künstlicher oder echter sensorischer Behinderung aufgenommen und weitergegeben werden konnte.
Wir einigten uns darauf, es mit Schreiben auf den Rücken des Vordermannes zu versuchen.
klingt einfacher, als es ist. Die Schrift der Sehenden ist nicht die meine. Es ist nicht selbstverständlich, das vor allem geburtsblinde Menschen wie ich, die Druckschrift oder gar die Schreibschrift kennen. Da ich, obwohl ich medizinisch immer als blind galt, früher noch einen kleinen Sehrest hatte, kenne ich zumindest die Druckbuchstaben. Ich las früher sehr langsam mittels eines Kamera-Fernsehlesegerätes. Fernseh stimmt exakt, denn die alten Dinger wurden tatsächlich aus Fernsehern hergestellt. Meines hatte sogar noch sein Lautsprechergitter.
Trotzdem schlug ich intuitiv vor, dass man doch die Buchstaben den Zahlen zuordnen soll, die deren Position im Alphabet entsprechen.
A=1, E=5, R=18, etc.
Ich schlug eine einfache Klopfsprache vor. Wie gesagt, einigten wir uns schließlich auf große Druckbuchstaben. Als dann die Auflösung kam, merkte ich, dass ich das Wort meines Vorgängers das er  auf meinen Rücken schrieb, richtig aufgenommen hatte und es offensichtlich auch so malen konnte, dass mein Nachfolger es verstand. Handschrift ist nun wirklich nicht meins. Meine Unterschrift sieht immer anders aus und nie gleich. Mich nervt immer extrem, wenn ich wo unterschreiben soll. Da muss man sich auf dem Blatt von jemandem unbekannten so führen lassen, dass der Stift an der richtigen Stelle beginnt. Manche dirigieren einem auch verbal über das Blatt. Einfach nervig, egal wie.
Aber, dass ich leserlich Druckschrift schreiben kann, hätte ich nicht gedacht.

Auch der Rollstuhl musste samt Fahrerin über manche Hindernisse getragen werden, oder die Rollstuhlfahrerin musste ihn verlassen, um krabbelnd unter einer Barriere hindurch zu kommen.

Mir machte die Ballanzierübung die meiste Mühe, weil ich als geburtsblinder Mensch das Gleichgewicht nicht so gut halten kann, als jemand, der sieht. Das können Sie leicht nachvollziehen. Versuchen Sie mal mit geschlossenen Augen auf ein Bein zu stehen. Das geht deutlich schwerer, als mit geöffneten Augen.

Bei einer Übung mussten wir immer enger zusammenrücken, weil die aus Matten bestehende Scholle, auf welcher wir offenbar Schutz gesucht hatten, Stück für Stück zusammenbrach, so dass immer weniger Platz für alle übrig blieb. Bei der Übung mit der brechenden Scholle fiel mir der Roman von Jules Vernes “Im Land der Pelze” ein. Darin befindet sich eine Gruppe zum Zeitpunkt einer totalen Sonnenfinsternis auf dem arktischen Eis. Diese Finsternis sollte eigentlich total sein, wurde aber nur partiell wahrgenommen, weil die Eisscholle sich unbemerkt ihrer Bewohner vom Festland gelöst hatte und aus dem Streifen der Totalität in die südliche Beringsee getrieben war. Der Rest des Romans handelt dann davon, wie die Gruppe sich aus dieser Katastrophe zu befreien versucht.

Zum Schluss mussten wir dann noch Bodenproben transportieren, ohne unsere Hände zu benutzen, die sie verunreinigt hätten.

Ach ja, wer zu lange für eine Übung brauchte, wenn sich beispielsweise die Gruppe nicht organisieren konnte, dann gab es natürlich ein Sauerstoffproblem.

Hier nun zum Schluss noch einige zusammengefasste Punkte, die beim Feedback heraus kamen.
* Die Stunde hat das Ziel, miteinander umzugehen und sozial zu kommunizieren, voll erreicht.

* Der Umgang miteinander wurde als ein sich stetig entwickelnder Prozess wahrgenommen.

* Am Anfang war jeder mit sich, seinem körper und vor allem der künstlichen Einschränkung beschäftigt, dass manche sich zunächst noch nicht so sehr um andere kümmern konnten. Das verbesserte sich zunehmend im Spielverlauf.

* Diese Mars-Geschichte regte auch während der Übungen unheimlich die Phantasie an. Zumindest ich, stellte mir immer irgend etwas vor, ein Krater, eine Eisscholle, einen Sandsturm etc.

* Natürlich mussten meine Partner ertragen, dass ich ihnen dann und wann etwas über den Mars erzählte. Das war dann noch zusätzliche gehaltvolle Kommunikation.

* eine Sportstunde, die die Inklusion dermaßen erfahrbar macht, habe ich noch nie erlebt.

* Ich nehme die Idee unbedingt mit, wenn ich mit Kindern Astronomie-Workshops durchführe.

Wenn meine Sternenkinder Modelle betasten und Helium atmen, dann wieso nicht auch den Olympus Mons besteigen. Dieser Berg ist mit seinen ungefähr 27 km höhe, der höchste Berg des gesamten Sonnensystems.

Vielen Dank an den Macher dieser Stunde. Das war so großartig, dass es absolut wert ist, auf meinem Blog verewigt zu werden.

Das war jetzt mal Astronomie ganz anders. Ich hoffe, dass ich den Eindruck etwas transportieren konnte, den diese außergewöhnliche Sportstunde bei mir hinterließ.

Bis zum nächsten Mal grüßt Sie und euch

euer Gerhard.