Die Sonne tönt – Klingel oder Orgelpfeife

Liebe Leserinnen und Leser,

Viele von uns haben es noch in der Schule gelernt:
“Die Sonne tönt nach alter Weise,
in Bruder Sphären Wettgesang.
Und ihre vorgeschrieb’ne Reise,
vollendet sie mit Donnergang…”
Goethes Prolog im Himmel aus Faust I.

Mit der eher esoterischen Idee von Sonnenton, Erdenton und klingender Himmelsmechanik, haben wir uns in “Das Ohr am Teleskop” und “klingende Planetenbahnen” beschäftigt.
Schon klar, niemand kann die Sonne hören. Schon alleine deshalb nicht, weil 149 Mio Kilometer Vakuum zwischen ihr und uns liegen.

Es gibt aber in der Tat Gründe, sich damit zu beschäftigen, ob die Sonne klingt und schwingt, wie Schallwellen sich im Stern fortpflanzen, ob sie eher Glocke oder Orgelpfeife ist und vieles mehr.
Der Hauptgrund ist das Problem, dass wir nicht in die Sonne hinein sehen können. Was wir von ihr sehen, ist ihre Photosphäre, die alles überstrahlt und keinen Blick nach innen zulässt. Ich habe schon im vorigen Artikel erwähnt, dass uns ein Neutrino-Teleskop den Blick nach innen gewähren würde. Dieses wird es aber aufgrund der Eigenschaft, dass Neutrinos quasi mit nichts wechselwirken, nie geben. Mit Radio-Teleskopen kann man je nach dem, welche Wellenlänge man betrachtet, ein bisschen unter die Oberfläche schauen, aber auch nicht wirklich in den Stern hinein.

Vieles, was wir über das Innere von Sternen, und was dort passiert wissen, kommt aus Simulationen am Computer. Man spielt beispielsweise mit den Verhältnissen von Wasserstoff, Helium Metallen und Massen herum, und passt die Modelle an, bis sie das tun, was wir auch beobachten.
Mit “Metallen” meinen Astronomen alle Elemente, die schwerer als Wasserstoff und Helium sind, weil die Hauptsache, die in einem Stern passiert, die Fusion von Wasserstoff zu Helium ist. Somit reduzieren Astronomen häufig den Rest der Chemie auf “Metalle”.

Und an dieser Stelle wird die Sache etwas absurd. Wir beobachten, dass die Sonne brodelt. Wir sehen, dass die Sonne schwingt. Wir hören leider nicht, wie sie klingt, obwohl der Schall im Stern enorm sein muss und neben der Konvektion für das Wallen, Brodeln, pulsieren und Schwingen des Sterns verantwortlich ist.
Die Sonne ist ein einziger riesiger Resonator.
Die Schwingungsmuster an ihrer Oberfläche verraten den Sonnenforschern viel über das Innere der Sonne, z. B. was sich in ihren Schichten tut, wie innere Schichten rotieren, man kann überprüfen, ob die Modelle des inneren der Sonne, z. B. Temperatur etc. ungefähr passen, und vieles mehr.
Heute greifen wir nur ein Klang-Phänomen heraus. Es ist gut möglich, dass hier noch weitere Artikel über die Astroseismologie folgen werden.

Schwingende Saiten

Im eindimensionalen, ist eine gespannte Saite das einfachste, was man sich schwingend und klingend vorstellen kann. Sie ist gespannt an zwei festen Punkten aufgehängt und schwingt, wenn man sie anspielt. An den Aufhängungen nicht, aber in der Mitte schwingt sie am meisten. Bei tiefen Instrumenten, z. B. bei einem E-Bass kann man das sogar sehen. Die Saite wird durch ihre relativ große Amplitude verwaschen im Bild. Teilt man nun die Saite in der Mitte, so erhält man die doppelte Frequenz. Bei Flageolett-Tönen, wo man die Mitte der Saite nicht ganz drückt, sondern nur leicht abdempft, schwingt dann die linke Hälfte stets gegenläufig zur rechten. Der Flageolett-Punkt schwingt, wie die beiden äußeren Aufhängungen der Saite nicht. Man nennt das auch Knoten.
Wir haben also die Aufhängungen der Saite und dazwischen in der Mitte einen Knoten. Links und Rechts davon jeweils einen Bauch. Musikalisch erklingt die Oktave. Diese schwingt doppelt so schnell, wie der Grundton der Seite.
Teilt man die Saite in Drittel,
bekommt man die Quinte, dann die nächste Oktave, die Quarte usw.
Die hier entstehenden übereinander geschichteten Töne nennt man in der Physik die Harmonischen.
Spielt man ein Instrument, so erklingen immer einige dieser Harmonischen gleichzeitig. Dieser Zusammenklang macht die Charakteristik, macht den Klang, macht den Sound des Instruments aus.
Im Grunde ist die Saite durch ihre Schwingung und ihre Obertöne in der Zeitlupe dann auch wellig, bzw. gekräuselt.

Schwingende Flächen

Wir gehen nun einen Schritt weiter in unserer akustisch-visuellen Beobachtung.
Es gibt aus dem 17. Jahrhundert einen interessanten Versuch des Physikers Chladni
Ernst Florens Friedrich Chladni, der 1787 die Schrift Entdeckungen über die Theorie des Klanges veröffentlichte, tat folgendes:
Er nahm eine Glasscheibe und spannte diese wagerecht an einer Ecke in eine Klemme. Dann bestreute er sie mit Sägespänen. Nun strich er den Rand der Scheibe mit einem Geigenbogen an, um sie in Schwingung zu versetzen. Die Vibration brachten nun die Sägespäne zum Hüpfen. Nun ist es aber so, dass es nun auch auf der Fläche Knoten gibt, die nicht schwingen. Andere Orte schwingen so stark, dass die Späne quasi abgeschüttelt werden. Es entstehen nun Muster aus Orten, wo sich die Späne sammeln, und Orten, wo nachher keine mehr sind, weil sie vertrieben wurden.
Je nach dem, wo und wie Kladny die Scheibe mit seinem Bogen anstrich, änderten sich diese Muster. In manchen Erlebnisparks, z. in Schloss Freudenberg, ist dieser Versuch zum selbst ausprobieren, aufgebaut.
Im Gegensatz zur Welle einer Saite, hat man nun schon eine gekräuselte Oberfläche auf der zweidimensionalen Scheibe.
Auf ein Musikinstrument übertragen, entspricht diese Situation z. B. auch einer Trommel, wo das Trommelfell über den Körper der Trommel gespannt ist.

Und nun überlegen wir uns im nächsten Schritt, wie sich das ganze mit unserer Sonne verhält, die ein Gasball ist.

Die schwingende Sonne

Ich sagte schon, dass die Sonne brodelt. Gasblasen steigen auf und vergehen, wegen des Wärmeaustausches. Selbiges geschieht in der Küche im Kochtopf. Da die Ränder der blasen, auch Granulen genannt, kühler sind, leuchtet die Sonne dort stets etwas dunkler. Auch durch den Dopplereffekt kann man sehen, wenn sich eine Granule auf uns zu bewegt. Dann ist das Licht etwas ins blaue hinein gestaucht. Ins rote, wenn sich eine von uns entfernt, z. B. auflöst.
Die Frage ist nun, ob dieses Geblubber analog zum Weinglas auch den ganzen Stern zum Schwingen bringt.
Der Kochtopf wird ja auch vom kochenden Wasser in Schwingung versetzt und mit ihm meist auch der ganze Herd samt Arbeitsplatte.
Wie das ganze System schwingt, hängt beispielsweise davon ab, woraus die Küche gemacht ist, wie alles miteinander verbaut ist etc.
Der Schall pflanzt sich in unterschiedlichen Materialien und unterschiedlichen Aggregatzuständen (gasförmig, flüssig, fest) unterschiedlich schnell fort. Das machen Seismologen sich zu Nutze, um das innere der Erde zu erforschen. Plattentektonik, Vulkane erzeugen Schall. Das kann für Frühwarnsysteme unverzichtbar sein. Manchmal erzeugt man auch künstlich Schall, um ihn an anderer Stelle zu empfangen, um Rückschlüsse darüber zu erlangen, ob er beispielsweise durch eine Gasblase oder eine Flüssigkeit gegangen ist.

Das geht so natürlich bei der Vermessung unserer Sonne nicht. Dennoch lohnt es sich, das ganze Geblubbere und Gewabere auf ihrer Oberfläche zu beobachten. Genau das tut die Astroseismologie. So fand man beispielsweise eine Schwingung des ganzen Sterns, die sich alle fünf Minuten wiederholt. Das bedeutet, dass die Sonne sich alle fünf Minuten mal etwas aufbläht, um anschließend wieder zu schrumpfen. Man hat auch noch andere Schwingungsmuster gefunden. In diesem Sinne verhält sich unsere Sonne, als wäre sie eine Art Gong. Angeschlagen wird er von den sich stets verändernden Granulen, die wie Regen auf einem Blechdach den ganzen Stern quasi zum “klingen” bringen.
Die Nasa hat das mal sonifiziert, wobei ich jetzt nicht weiß, ob sie den Fünf-Minuten-Rhythmus oder eine andere Eigenschwingung verwendet hat.

So klingt unsere Sonne

Die Materie an der Oberfläche der Sonne wird in erster Linie durch
die Granulation bewegt. Die in ihr aufsteigenden und absinkenden
Materieballen haben Durchmesser von etwa 1500 Kilometern. Das ist
ein Zehntel Prozent des Sonnendurchmessers. Der Doppler-Effekt
verrät uns ihre Geschwindigkeiten: diese liegen etwa bei einem Kilometer in der Sekunde. Innerhalb von Minuten lösen sie sich auf, um neuen Granulen Platz zu machen. Zu den Granulen kommen noch die Supergranulen, langsamer in ihrer Bewegung, doch größer und beständiger.

Lange schon weiß man, dass es Sterne gibt, die sich innerhalb von Tagen aufblähen und wieder zusammen ziehen. Man weiß auch, dass Sterne verschiedener Masse, alters und Lebensstadium unterschiedlich schwingen und sich deutlich in ihrer Bildung von Granulen unterscheiden.

Man könnte noch sehr viel mehr über die Astroseismologie schreiben.
Ich habe hier alles natürlich nur sehr vereinfacht darstellen können, ansonsten wäre der Artikel ein Buch geworden.

Jetzt hoffe ich, dass ihr die Faszination mit mir teilt, dass die Sonne in einem gewissen Sinne quasi ein Gong ist.

Und damit verabschiede ich mich für heute.
Es grüßt euch
euer Gerhard.

Teilchensuche – Den Sonnen-Neutrinos auf der Spur

Liebe Leserinnen und Leser,
Am 16.09.2019 machte das Messinstrument KATRIN Schlagzeilen.
Da dieses am KIT steht und ich als Mitarbeiter des KIT darauf irgendwie stolz bin, möchte ich hier auch etwas zum Thema Neutrinoforschung auf dem Blog beitragen.

KATRIN ist ein Messinstrument wie ein Hochhaus, das so groß ist, dass man es über 8500 km hinweg um den ganzen Kontinent herum von Bayern per Schiff nach Karlsruhe schaffen musste, weil es auf dem Landweg nicht am Stück auf die Straßen gepasst hätte.
So ein riesiges Instrument wird dazu benutzt, um das kleinste Teilchen, das Neutrino zu wiegen.
Das kleinste Teilchen, das so klein und leicht ist, dass es fast nie irgendwo anstößt und mühelos die Erde, unseren Körper durchdringt. Milliarden dieser Teilchen treffen in jeder Sekunde auf jeden Quadratzentimeter unseres Körpers und wir merken nichts davon.
Bei Kernverschmelzung wie im Innern unsere Sonne, bei Sternexplosionen, Supernovae entstehen riesige Mengen dieser Geisterteilchen.
Das Universum ist voll davon. Es sollten sogar noch welche durchs All vagabundieren, die uns vom Urknall erzählen können.
Mit Katrin soll Klarheit darüber geschaffen werden, wie viel Masse Neutrinos denn nun besitzen. Noch ist die Masse nicht bestimmt, aber eine Obergrenze, die sie nicht übersteigen dürfte.
Aber, bevor man die Dinger wiegen kann, muss man sie erst mal finden. Darum geht es heute:

Lange Zeit war überhaupt nicht klar, ob Neutrinos eine Ruhemasse besitzen oder wie Photonen (Lichtteilchen) nicht. Diese Frage führt uns direkt zu unserer Sonne.
Aber der Reihe nach:

Der Name leitet sich da her, dass das Neutrino elektrisch neutral ist.
Es wechselwirkt quasi mit nichts und dennoch wird ein erheblicher Teil der Energie, die in unserem Kernfusionsreaktor Sonne, entsteht, von ihnen davon getragen.
Es gibt drei Arten von Neutrinos, Elektron- Myon- und Tau-Neutrinos.
Wenn es uns denn mal gelingt, mit einem Detektor eines einzufangen, dann erzählt es uns, wo es her stammt

• kosmischen Neutrinos (Weltall)
• solaren Neutrinos (Sonne)
• atmosphärischen Neutrinos (Erdatmosphäre)
• Geoneutrinos (Erdinneres)
• Reaktorneutrinos (Kernreaktoren)
• Neutrinos aus Beschleunigerexperimenten

Zunächst wurde das Neutrino, wie so vieles in der Physik nur postuliert, weil man es noch nicht nachweisen konnte.
Betrachtet man den radioaktiven Beta-Zerfall mancher Elemente, ein Neutron zerfällt zu einem Proton, einem Elektron und, ja zu was denn noch?
Man stellte fest, dass etwas fehlt. Die Bruchstücke des zerfallenen Atomkerns waren leichter, als ein kompletter Kern. Diese winzige fehlende Masse oder diese Energie, muss von etwas davon getragen worden sein, was man nicht messen konnte.
Auch die kinetische Energie der zerfallenen Teile war immer etwas kleiner, als sie hätte sein sollen.
1933 postulierte Wolfgang Pauli daher dieses Teilchen. Manche kennen diesen Pauli vielleicht noch aus dem Chemieunterricht als Pauli-Prinzip.
Auch bei der Kernverschmelzung geht die Bilanz nur mit Neutrinos auf, die entstehen und Energie davon tragen.
Also machte man sich daran, verschiedene Detektoren zu bauen, um Neutrinos nachzuweisen.

Alle Detektoren basieren auf der Tatsache, dass es ganz selten halt doch passiert, dass ein Neutrino ein Atom anrempelt. Das führt entweder zu einem kleinen Blitz, z. B. bei Wasser- oder Eis-Dbasierten Detektoren, wie dem Ice-Cube in der Antarktis, bzw. das angestoßene Atom nimmt die Energie des Neutrinos auf, und verwandelt sich in ein anderes Element. Ich wusste bis etwa Mitte der 90er Jahre nichts von Neutrinos und schon gar nicht, wie man sie nachweisen kann. Da hörte ich, dass sie im Kern unserer Sonne entstünden und dass deutlich mehr davon entstehen sollten, wie man nachgewiesen hatte.
Das Buch “Den Geheimnissen der Sonne auf der Spur” von Prof. Rudolf Kippenhahn, war an dieser Stelle unglaublich erhellend für mich.

Ein Element, womit Neutrinos manchmal wechselwirken ist das Chlor-Isotop CL37
Es ist etwas schwerer, als das uns bekanntere CL35, weil es zwei Neutronen mehr in seinem Kern hat. Neutronen verändern die chemischen Eigenschaften von elementen quasi nicht.
Manchmal nimmt nun so ein Chlor37-Atom ein Neutrino bestimmter Energie auf, und verwandelt sich unter Abgabe eines Elektrons in ein Argon-Atom. Das ist ein Edelgas.
Darauf beruhte ein Experiment, das den Astrophysikern lange
Sorgen bereitete. In einem großen Tank war Chlor in Form der Verbindung Perchloräthylen den Neutrinos der Sonne ausgesetzt. Der Stoff ist eine Flüssigkeit, die man hauptsächlich in der Reinigungsindustrie verwendet, ähnlich dem uns bekannteren Tetrachlorkohlenstoff.
Raymond Davis von der Universität von Maryland, der dieses Experiment entwickelt hat, verwandte 38000 Liter dieses Stoffes.
Da auch andere Strahlung ungewollt diese Reaktion auslösen können, schirmte man den Tank ab, indem man ihn in eine aufgelassene Goldmine, etwa 1500 m unter die Erdoberfläche packte. Nur Neutrinos können so eine dicke Schicht ungehindert durchqueren.
Außerdem war der Tank noch mit einem Wassertank umgeben, da Wasser ganz gut gegen Strahlung isoliert.
Welche Energie ein sog. Sonnenneutrino ungefähr haben könnte, erfuhr man durch Sonnen-Simulationen im Computer.
Da Neutrinos nur dort entstehen, wo die Kernfusion stattfindet, würde man, gäbe es ein Neutrinoteleskop, die Sonne nur als Scheibchen eines Zehntels der sichtbaren, wahrnehmen. So ein Teleskop wird es nie geben. Somit können wir nicht in die Sonne hinein schauen.
Man konnte nun auf das Modell basierend festlegen, wieviele Neutrinos dieser bestimmten Sorte ungefähr von unserer Sonne zu erwarten wäre. Die meisten verfehlen den Detektor natürlich, bzw. gehen durch ihn hindurch, ohne mit einem Cl-Atom zu reagieren.
Leider reagiert das Cl37 nur auf hochenergetische Neutrinos, die nicht von dem Prozess her rühren, der die meiste Energie erzeugt, der Verschmelzung von Wasserstoff zu Helium. Für diese niderenergetischen Neutrinos ist das Cl37 blind.

Diese Neutrinos bei denen Chlor funktioniert, machen nur etwa 1,5 % des Neutrinostromes aus, der von der Sonne kommen sollte.
Interessant ist an dieser stelle z. B., wie man in 650 Tonnen Perchloräthylen nach
35 Argonatomen suchen soll.
Lange Rede, kurzer Sinn. Selbsd, wenn man alle möglichen statistischen Fehler einbezog, kamen nach sieben Jahren Laufzeit nur ein fünftel des erwarteten Neutrino-Werts heraus.
Da die Sonnenmodelle außer den Neutrinos im wesentlichen alle Eigenschaften des Sterns richtig widerspiegelten, konnte ja auch etwas am Experiment falsch sein.
Aber auch andere Experimente, z. B. mit Wasserdetektoren zeigten alle zu wenige Neutrinos von der Sonne an.
Verständlicherweise versuchte man nun an verschiedenen Parametern der Modelle zu drehen, was ich uns an dieser Stelle erspare, aber es half nichts und machte das Modell im Grunde schlechter.

Heute weiß man, dass das Defizit der Neutrinos da her rührt, dass Neutrinos eine Ruhemasse haben müssen. Sie können sich auf ihrem Weg von einer Sorte in eine andere verwandeln.
Das bedeutet, dass viele Sonnenneutrinos bei uns als etwas anderes ankommen, als wonach wir suchen und worauf unser Detektor reagiert.
Diese sog. Fähigkeit zu oszilieren funktioniert nur dann, wenn man eine Ruhemasse zugrunde legt. Wie groß diese ist, wissen wir noch nicht. Wir wissen seit KATRIN bis jetzt nur, dass sie nicht größer als ein Elektronenwolt sein sollte. Früher ging man von 2 Ev aus. Somit ist man jetzt schon doppelt so gut, als vorher. Diese Erkenntnis stammt genau aus dem KATRIN-Messinstrument, das hier in Karlsruhe steht.
Wir dürfen gespannt sein, was hier noch geschieht.

Ihr findet hier einige super spannende Links, die alles wesentliche zu KATRIN erklären. Es lohnt sich, hier mal rein zu schauen.
Ein schönes Youtube-Video über die Geschichte und den Aufbau gibt es hier.
Eine Meisterleistung der KIT-Pressestelle findet ihr hier.
Alle guten Dinge sind drei.
Eine Radiosendung des SWR würdigt dieses Ergebnis ebenfalls.

Und damit verabschiede ich mich für heute und hoffe, dass der Artikel etwas Freude macht.

Droht Gefahr von unserer Sonne?

Liebe Leserinnen und Leser,
Nach einer etwas längeren Urlaubspause, melde ich mich hiermit auf Blindnerd zurück:
“Die Sonne, der Stern von dem wir leben” ist der Titel des wunderbaren Buches von Prof. Rudolf Kippenhahn.

Ohne zweifel.
Sie spendet Licht und Wärme und ohne sie ist kein Leben möglich.
Sie schickt uns ihre Energie im Überfluss, so dass sogar noch mehr als genügend übrig bleibt, damit wir Strom daraus gewinnen können.
Im Grunde ist jede Energieform außer der Kernkraft irgend wann mal Sonnenenergie gewesen. Sie schlummert in Kohle, die mal Pflanzen waren, die durch ihr Licht wuchsen, im Erdöhl und im Holz an dessen Feuer wir uns wärmen. Wind und Wasserkreislauf werden von ihr angetrieben, was jeder noch aus dem Biologieunterricht kennt.

In alten Zeiten glaubte man, die Sonne sei das vollkommenste, göttlichste, reinste und perfekteste Objekt am Himmel.
Aber spätestens, als man Fernrohre auf sie richtete, fand man, dass sie doch nicht ganz so glatt und vollkommen ist. Sie hat eine etwas gekörnte Oberfläche und noch schlimmer. Sogar Flecken. Und damit noch immer nicht genug. Diese Flecken bewegen sich und es gibt Zeiten mit vielen und Zeiten mit wenig bis gar keinen Sonnenflecken.
Galilei hat sie beobachtet und gezeichnet.

Durch intensive Beobachtungen der Sonne, z. B. Samuel Heinrich Schwabe über 40 Jahre lang, oder Die Hausfrau Siglinde Hammerschmidt über 20 Jahre lang,
fand man heraus, dass alle 11 Jahre die Sonne maximal viele Flecken aufweist.
Was diese Flecken aber waren, konnte man sich früher nicht erklären.

Manchmal kam es aber vor, dass in der Nähe von Sonnenflecken die Sonne plötzlich eine Art Lichtausbruch hatte. Kurz nach so einem Ereignis konnte man dann vermehrt Polarlichter sehen, Kompassnadeln erzitterten. Telefondrähte schlugen Funken, Uboote wurden falsch geortet, weil ihr Funk gestört wurde. In ganzen Landstrichen fielen die Stromnetze aus, als es dann welche gab etc.

Immer dann, wenn so ein Sonnenausbruch, auch Flare genannt, auf die Erde zeigt, dann passieren etwa zwanzig Stunden später derartige Dinge.
Was solch ein Ausbruch uns anhaben kann, konnte man am 01.09. vor 150 Jahren erleben.
Als der Astronom Carrington gerade Sonnenflecken zählte, leuchtete neben einer Fleckengruppe plötzlich ein riesiger Sonnenflare auf.
Schon bald darauf konnte man Polarlichter bis fast zum Äquator beobachten, Kompassnadeln zitterten, Telefonleitungen schmolzen oder schlugen Funken und Stromnetze fielen aus.
Vor einigen Jahren brachte ein ähnliches schwächeres Ereignis dieser Art das Kanadische Stromnetz zum erliegen.

Man weiß mittlerweile, dass Sonnenflecken durch sehr starke Magnetfelder entstehen. Diese können sich so nahe kommen, dass sie sich berühren und auslöschen. Dass das funktioniert liegt daran, dass die Sonne sich im sog. Plasmazustand befindet. Das ist neben fest, gasförmig und flüssig ein weiterer Aggregatzustand mit seltsamen Eigenschaften, Die wir uns für einen weiteren Artikel vorbehalten, in welchem wir über den Stoff der Sonne sprechen werden.
Tatsache ist, dass wenn sich Magnetfelder derart auslöschen, sehr viel Energie und auch Sonnenmaterial in den Weltraum geschleudert wird.
Das sind dann geladene Teilchen. Treffen die nun auf das Magnetfeld der Erde, dann wird dieses durchgeschüttelt. Für Stromleitungen kann das bedeuten, dass sie wie eine Antenne wirken, weil der Sonnensturm in sie hinein induziert. Dadurch entstehen in den Leitungen Ströme, die dort nicht hin gehören. Sicherheitssysteme schalten dann Kraftwerke aus.

Es entstehen großartige Polarlichter, weil die geladenen Sturmteilchen mit den Molekülen unserer Atmosphäre rekombinieren. Das kann man sich so ähnlich vorstellen, wie eine Neonröhre funktioniert.
Auch Polarlichter behandeln wir mal extra.

Nun müssen wir uns berechtigt die Frage stellen, welche Konsequenzen solch ein heftiger Sonnensturm, wie das sog. Carrington-Ereignis hätte, wenn er die Erde träfe.
Wie oben schon erwähnt, legt er Stromnetze lahm, zerstört Leitungen und vieles mehr. In heutiger Zeit wären seine Auswirkungen noch verherender. Mittlerweile kreisen tausende Kommunikationssatelliten um unsere Erde. Diese würden beschädigt, bzw. fielen vorübergehend aus. Kein GPS, kein Internet, kein Fernsehen und andere Kommunikationsmöglichkeiten könnten nachhaltig gestört werden. In diesem Sinne hängt unsere Kommunikation an einem seidenen Faden, denn es gibt keinen Grund, dass so etwas nicht wieder passieren könnte. Sonnenflecken kommen und gehen und damit auch die sehr komplexen Magnetfelder, die wenn sie sich auslöschen, diese Sonnenstürme erzeugen.
Wie die magnetische Sonne und ihr Dynamo genau funktionieren, ist bis heute noch nicht ganz verstanden. Auch dazu muss ich leider auf einen weiteren Artikel vertrösten.

Was also tun, wenn …
Es bleibt uns nicht viel mehr, als das Weltraumwetter, wie man die Sonnenaktivität auch bezeichnet, zu beobachten. Insbesondere in Zeiten hoher Aktivität mit vielen Sonnenflecken, müssen wir auf der Hut sein. Wir müssen ununterbrochen beobachten und besitzen ein Warnsystem für das Weltraumwetter. Bricht in einer uns zugewandten Fleckengruppe ein Flare aus, so nehmen wir ihn ungefähr 8 Minuten später war, weil das Licht von der Sonne so viel Zeit benötigt, bis es uns erreicht.

Zum Glück ist der Teilchenschauer deutlich langsamer unterwegs, als die Lichtgeschwindigkeit. Wir können dann kritische Systeme ausschalten, und den Sturm abwarten. Satelliten schaltet man dann mal besser in ihren Save-Mode, obwohl man das nur ganz ungern tut, denn man weiß nicht, ob man sie wieder aufwecken kann.
Stromnetze gestaltet man vielleicht besser so, dass sie sich nicht mehr stück für Stück als Kettenreaktion abschalten können (dezentral)
Was aber alles dann noch ausfallen würde, ist relativ ungewiss.

Nun, wie oft müssen wir mit so etwas rechnen?
Die Sonne ist im gegensatz zu unserer Erde riesig. 1,44 Mio Kilometer gegen 10.000 Kilometer im Durchbesser.
Außerdem sind wir 149 Mio Kilometer von der Sonne entfernt.
Nun kann die Sonne einen Sturm in alle Richtungen abschießen. Das bedeutet, dass die meisten Sonnenstürme uns nicht treffen, weil sie z. B. auf der gegenüberliegenden Seite der Sonne los gehen. Dann kriegen wir davon nichts mit.
So kann man berechnen, das statistisch gesehen so ein großer Sonnensturm vielleicht ein zwei mal pro Jahrtausend auftritt.
Wie gesagt. Sonnenausbrüche gibt es immer. Vor allem in Zeiten hoher Sonnenaktivität, aber uns treffen sie zum Glück eher selten.

Somit ist es unsere hohe Aufgabe, das Weltraumwetter zu beobachten und Notfallpläne auszuarbeiten für den Fall der Fälle. Hoffen wir, dass wir sie nie brauchen…

Inklusiv von allen Seiten – mein Auftritt in Gundelfingen

Liebe Leserinnen und Leser,
Nein, jetzt kommt kein Artikel über 50 Jahre Mondlandung, aber sie kommt durchaus darin vor. Wieso sollte ich hier wiederholen, was andere schon in Presse, Büchern, Rundfunk, Fernsehen und Podcasts darüber erzählten. Es gibt so wunderbare Quellen zur Mondlandung, die kann man nicht toppen und muss es auch nicht.
Ihr bekommt schon noch was zum Mond, aber heute teile ich etwas anderes mit euch:

Von langer Hand geplant, von der kommunalen Inklusionsvermittlerin Gundelfingen koordiniert und organisiert, von Medien begleitet etc. durfte ich am Vorabend zur Mondlandung einen ganz wunderbaren Vortrag in der Mediathek Gundelfingen halten
Dieses Event lief so beispielhaft inklusiv ab, dass ich darüber schreiben möchte, obwohl ich ansonsten kaum über meine Veranstaltungen schreibe. Das wäre dann auch zu viel Bauchpinselei.
Hier erscheint der Artikel zunächst ohne Bilder. Die werden nach und nach ergänzt. Deshalb lohnt es sich, auch später nochmal auf den Artikel zu gehen.

Aufmerksam wurde die Organisatorin durch eine
Radiosendung die der Evang. Rundfunk im Januar um Dreikönig herum ausstrahlte.
Dank an dieser Stelle an meinen blinden Freund, der Journalist ist und dort arbeitet und mir das ermöglicht hat.
Sie rief mich an und fragte mich, ob ich zu einer Veranstaltung bereit wäre. Sofort sagte ich zu, denn meine Erfahrung ist, dass meine Veranstaltungen im ländlicheren Raum tendenziell besser besucht, und organisiert sind und familiärer ablaufen.
Die Organisatorin des ganzen sitzt selbst im Rollstuhl und arbeitet am Max-Plank-Institut in Freiburg.
Schon im Vorfeld des Vortrages wurde mir klar, dass diese Veranstaltung ein Highlight werden könnte.
Es war selbstverständlich, dass ich vom Gleis in Freiburg abgeholt werden muss, weil ich mit Astrokoffer in einer unbekannten Umgebung nicht öffentlich fahren kann.
Die Mutter der Macherin stand mir hier auch über die ganze Zeit meines Aufenthaltes in Gundelfingen zur Seite.
Nun ging es darum, den Vortrag dort zu bewerben. Hierfür wurde organisiert, dass mich eine freischaffende Journalistin anrief, um mit mir ein Telefoninterview für die Badische Zeitung zu führen.
Natürlich mache ich bei so etwas mit, schraube aber meine Erwartungen über die Qualität und den Inhalt der Presseartikel eher nicht so hoch.
Meist geht Presse so, dass man interviewt wird und dann mit schmerzverzerrtem Gesicht in der Zeitung lesen muss, was man gesagt haben soll, welche Meinung man zu etwas angeblich habe und in meinem Fall konnt dann natürlich die Blindheit und die Astronomie dazu. Da passiert es dann schon mal, dass dem Schreiber die Sache entgleist.
Nicht so bei der Badischen Zeitung.
Die Reporterin war sehr sensibel. Sie stellte hervorragende Fragen, war super vorbereitet, hatte gut im Vorfeld recherchiert und wahrnehmbar in mein Buch geschaut.
Ich schreibe das an dieser Stelle, weil ganz besonders über Menschen mit Behinderungen oft respektlos, falsch, bemitleidend oder sonst wie bevormundend geschrieben wird.
Dieser sehr lange Artikel ist so inklusiv und würdig, wie ich das noch niemals erlebt habe, und ich habe viel erlebt. Meine Pressemappe ist mit den Jahren dick geworden.
Ganz besonders war hier auch, dass ich den Text gegenlesen durfte, und Vorschläge oder Korrekturen einbringen durfte.
Leider steht der Artikel verständlicher Weise hinter der Paywall für die Abonnenten, so dass ich ihn hier nicht bringen kann, aber vielleicht hat ja die eine oder andere Person die Gelegenheit ihn zu lesen.
Kurz vor dem Vortrag gab es dann noch eine Ankündigung für die Veranstaltung, bei der im wesentlichen der Klappentext meines Buches zu lesen war.
Nun zur Veranstaltung selbst.
Es lief schon extrem gut an. Meine Züge waren super pünktlich, die Klimaanlagen funktionierten und die Umsteigehilfe lies mich nicht mit Rucksack und Astrokoffer im Regen stehen.
Sogar die Legorakete hat den Transport und den Vortrag überstanden. Ich habe allerdings nicht die ganze Rakete dabei gehabt, sondern nur Brennstufe drei mit Servicemodul, Mondlandefähre und weils schöner aussieht mit der Rettungsrakete an der Spitze, die zum Zeitpunkt der Abtrennung von Stufe II,  dort nicht mehr hin gehört.
Wenn man die Kleinteile außen abbaut, kann man die einzelnen Brennstufen wie Dosen mit Blasensack-Folie einschlagen. Klappt super gut.
In Freiburg hat mich die Organisatorin der Veranstaltung mit ihrer Mutter abgeholt. Mutter und Tochter haben ein  gemeinsames Auto, was die Rollstuhlfahrerin per Hand lenken, bremsen etc. kann, oder die Mutter auf herkömmliche Art fährt. Ein Roboterarm hilft, den Rollstuhl zu verstauen und auch wieder auszupacken.
Man wünscht sich das nicht, aber es funktioniert richtig cool. Super, dass die Technik heute für die Rollstuhlfahrer so etwas bereit hält.
Zunächst brachten  sie mich in meine kleine Pension, damit ich mich einrichten konnte. Die haben nur zwei Zimmer, die sie vermieten. Die Frau des Hauses fragte mich, was ich gerne frühstücken wolle, denn sie geht jetzt einkaufen.
Naja, ich bin da anspruchslos, aber für hausgemachtes Rührei nach quasi “badischer Hausfrauenart”, habe ich mich dann doch entschieden, weil ich das sonst nie bekomme.
Gegen 16:00 Uhr haben mich dann die beiden Damen ohne Auto abgeholt. Die Mutter schob die Tochter im Rollstuhl und ich hing mit dem Astrokoffer hinten dran.
Ich denke, dass das ziemlich cool ausgesehen haben könnte.
Wir sind dann noch was essen gegangen. Habe mir Schweinelendchen gegönnt.
Danach ging es dann zur Gundelfinger Mediatek. Ein Neubau mit allen Vor- und Nachteilen, die ein Neubau so haben kann. Ich will mal ehrlich einen Architekten sehen, der Gebäude plant, die nachher ihren Zweck optimal erfüllen, die man gut belüften kann, wo die Beschallung stimmt, der Sonnenschutz dann zu geht, wenn Sonne da ist etc.
Wir haben uns darüber amüsiert, weil es bei jedem Neubau irgendwie immer dasselbe ist und es irgendwo klemmt.

Mein Saal war wie ein Treibhaus, aber es war genug zum trinken da.
Nachdem ich aufgebaut hatte, füllte sich der Raum auch schon langsam.
Beim Aufbau und auch beim Abbau musste ich leider den Aktionismus mancher “Landfrauen” bremsen, die meinten, mir helfen zu wollen.
Mir kann man aber am Astrokoffer nicht helfen, weil sonst die Katastrophe ausbricht und ich den Überblick verliere. Stellt euch vor, jemand hätte die Rakete herunter geworfen.
Die bekommt man ohne Handbuch nicht mehr zusammen.
Das tut mir ja dann immer Leid, dass ich so abweisend sein muss, aber es geht wirklich nicht anders.
Und leider ist es aus gut gemeinten Gründen dann oft so, dass durch das Helfersymdrom leider bei manchen, Entschuldigung, dass ich das jetzt so sage, “das Hirn ausfällt”.
Vom Beschützerinstinkt eines Sehenden dann doch zielsicher in das Hindernis und nicht wie der Plan des Helfers war, darum herum geführt zu werden,
Bis hin zu einem Totalschaden einer Gitarre die ein Guckling mir auf der Bühne reichen sollte,habe ich hier schon viele vermeidbare Katastrophen erlebt…
Deshalb hier meine drei Schritte, für ein erfolgreiches Helfen:
Fragen, denken, helfen. So klappts meistens…
Ich vertröste sie dann immer und sage, dass es schon noch genügend gibt, wo ich gerne Hilfe annehme. Nämlich dann, wenn es nur noch darum geht, die Modelle und Bücher zu drapieren.
Kurz vor dem Vortrag war noch Zeit, um mit den ankommenden einen Sekt zu trinken. Ich liebe Sekt vor Auftritten.
Den gab es in der Pause und danach auch noch.
Die Gundelfinger Gemeinde hat die Sektbar etc. gesponsert. Das hat die Veranstaltung unheimlich aufgewertet und verlieh ihr etwas edles und exklusives und für mich etwas wertschätzendes.
Nun ging es also los.

Einführung

Der Raum war mit etwa 50 Personen voll besetzt.
Wahnsinn, und das an einem heißen Freitag Sommerabend.

Zeigt von hinten, dass der Vortragsraum voller Publikum sitzt.
Bild Raumansicht voller Publikum

Wie immer führte ich provokant mit der Frage ins Thema ein, was es überhaupt für einen Sinn macht, sich mit Astronomie zu beschäftigen, wenn man keine Sterne sehen kann.
Es macht einen Sinn, denn man kann sich hier mit Grundsatzfragen beschäftigen, die uns alle angehen.
Selbst dann, wenn man einen Schöpfer zugrunde legt, kann man sich fragen, wie er alles geschaffen hat.
Dann lieferte ich Thesenartig Gründe, wo auch sehende Astronomen nichts sehen können, z. B. dunkle Materie, schwarze Löcher etc.
Daten von Infrarotteleskopen, wie dem Hubble, müssen auch für sehende Astronomen aufbereitet werden. Wieso dann nicht auch akustisch? Ist in dem Fall fast dasselbe.

Erlebnis Astronomie Inklusiv

Nun stieg ich in die Inklusion ein, indem ich Beispiele aufführte, wie ich Astronomie inklusiv erlebe, z. B.
Die Sonnenfinsternis vom 11.08.1999wie ich derlei mit Universe2Go, dem sprechenden Handplanetarium erlebe und wie ich einmal eine Einführungsveranstaltung darüber hielt, welches Instrument man sich für welche Beobachtung anschaffen könnte. Ja, da fragte mich mal ein Veranstalter, ob ich so einen Vortrag halten würde. Ich fand es spannend und sagte zu. Ist doch nur bissel Optik, die uns übrigens in der Hauptschule vorenthalten wurde, weil wir Licht nicht sehen könnten. Wie unverschämt, denn in meinem Nebenfach Physik, stellte ich fest, dass Optik super logisch und erklärbar ist, auch wenn man das Licht nicht sieht… Vier Wochen später rief er mich wieder an und entschuldigte sich und bedauerte, was ihm da schlimmes peinliches passiert sei, einen Blinden nach derlei zu fragen.
Ich war noch nicht lange dabei und somit hatte er das nicht auf dem Schirm. Er kannte mich wahrscheinlich nicht mal.
Naja, wass sollte ich ihm sagen. Die Sache war noch schlimmer, denn der Vortrag war schon fertig…
Ich machte mir den Spaß und deckte meine Blindheit erst mit der letzten Folie auf. Inklusiv war das allemal.
Klar habe ich für die Erstellung der Folien, wie immer sehende Hilfe benötigt.
In meinem Buch gibt es noch weitere Beispiele für gelebte Inklusion in der Astronomie.

Die Leiterin der Mediathek hält eine taktile Sonnenfinsternis ins Publikum
Taktile Sonnenfinsternis ins Publikum halten

Hörastronomie

Nach diesem Lesungsblog wechselte ich das Medium und wir legten unser Ohr ans Teleskop. Über den Erden- oder Sonnenton der alten Völker, der Kakophonie aller verklanglichten Planetenbahnen, das Radioprogramm von Sonnenwind und Polarlichtern bis hin zum Klang des Jupiter, Pulsaren und verschmelzenden schwarzen Löchern, zeigte ich auf, wie viele Dinge im All hörbar gemacht werden können.
Ich schrieb darüber in
Mit dem Ohr am Teleskop
und in Klingende Planetenbahnen
Weitere Artikel zu Hörastronomie werden folgen.
Nach dem Ohr am Teleskop kam dann ein Novum, was ich so noch nie gemacht hatte, aber künftig immer tun werde.

Aktivpause

Ich setzte das haptische Erlebnis mit meinen Modellen und den Buchverkauf nicht mehr, wie bisher ans Ende der Veranstaltung, sondern machte quasi eine Aktivpause mit den Teilnehmenden. So können mir die Leute nicht so weg rennen, und der Buchverkauf läuft deutlich besser.
Ich verkaufe mein Buch so, dass jeder gibt, was es ihm wert ist. Größer sieben Euro sollte es aber schon sein.
Der Vorteil ist, dass die Leute die Hemmschwelle nicht haben, sich mit mir und Geld etc. einlassen zu müssen.
Viele hält das vom Buchkauf ab, bzw. sie bestellen es dann bei Amazon, oder gar nicht, wenn man wieder im Alltag steckt.
Der Buchverkauf ist ja nicht das primäre Ziel des Abends, aber diesmal habe ich bei 50 Teilnehmern um 20 Bücher verkauft. Der Schnitt ist genial.
Und die Kasse stimmt auch einigermaßen. Viele geben dann halt nur 10 anstelle von 14 Euro, aber andere auch mehr. Das passt schon.
Dieser etwas anarchistische Buchverkauf funktioniert und ist ganz nach meinem Geschmack.

Publikum am Astrotisch beim Tasten und Buchkauf
Publikum vor dem Astrotisch

Und noch einen Vorteil hat diese Aktivpause. Das Eis für Fragen und Gespräche nach der Veranstaltung ist dann schon mal gebrochen. So baut man barrieren ab.
Manchmal müssen wir uns halt mit derlei Tricks inkludieren. Das ist OK so.
Nachdem diese Aktivpause vorbei war, fanden wir uns zu einem letzten Block ein.

Astronomie, Wissenschaft in Inklusion

Jetzt zog ich nochmal alle Register zur Inklusion, indem ich das Auditorium damit verblüffte, dass Astronomie traditionell schon immer auch eine wissenschaft für Menschen mit Einschränkungen war.

Johannes Kepler war stark seheingeschränkt. Hätte er nicht die Daten seines Beobachters Tycho Brahe gehabt, ist es fraglich, ob er zu seinen drei keplerschen Gesetzen gefunden hätte, die bis heute in der Himmelsmechanik grundlegend sind.

John Goodricke, der Entdecker hellichkeitsveränderlicher Sterne (Cepheiden) war taub. Diese Dinger spielen eine erheblich wichtige Rolle als Standardkerzen zur Entfernungsbestimmung in der Astronomie.
Da gehörlose Menschen mit visuellen Gesten kommunizieren, sind sie vielleicht tendenziell generell gute Beobachter, was Goodricke am Sternenhimmel zu gute gekommen sein dürfte.

Stephen Hawking war vollständig gelähmt.
“Eingesperrt” in diesen Körper blieb seinem Geist vielleicht nur die Flucht in die Physik.
Zum Glück hatte er die Infrastruktur für sein inklusives Leben.

Danach berichtete ich vom Inklusionstag der IAU in Wien. Ich schrieb darüber in Inklusionstag der IAU in Wien
Dort lernte ich beispielsweise Astronomen kennen, die sehend in Astronomie promovierten, dann erblindeten, und einfach weiter machten, nur anders.
Aus jedem anderen Beruf hätte es jemanden raus gehauen, der plötzlich mit so einer Einschränkung konfrontiert wird.
Schrägansicht Astrotisch und Personen dahinter

Astronomie Inklusiv – Fallbeispiele

Als nächstes brachte ich einige Beispiele, wie ich Inklusion am Himmel treibe.

Blinde lesen sehenden Sternenguckern nachts vor,

Rollstuhlfahrer sind der Mittelpunkt, einer Tanzübung, etc.

ADHS-Kinder werden Ruhig auf einer wiese, bzw. derart in den Vortrag eingebaut, dass sie beschäftigt und wichtig sind.

In meinem Buch gibt es ein ganzes Kapitel darüber und für den Blog Lydiaswelt durfte ich über Astronomie für benachteiligte Kinder schreiben.
Frontalansicht

Manchmal möchte ich bewusst blind sein und es leben dürfen

Beendet habe ich die Lesung dann damit, dass für mich zur Inklusion auch mal gehört, dass ich ein Refugium für mich finde, wo ich ganz bewusst meine Einschränkung leben darf.
Im Kapitel “Mein Weg zur Inklusion” und hier in
Urlaub vor den Sehenden machen
schrieb ich ausführlich darüber.

Nun kamen wirklich viele Fragen. Die neue Struktur mit der Aktivpause, die Grenzen und barrieren überwindet, zeigte ihre volle Wirkung.
An dieser Stelle konnte ich unheimlich vieles einbringen, was Alexander Gerst uns bei seinem
Besuch in Karlsruhe erzählte. Danke @astro_alex. Dein Vortrag bereichert nun auch meine.
Wer mag, kann hier nachlesen, wie eindrücklich diese Veranstaltung für mich war.

So, wie der Vortrag  in Gundelfingen lief. Da kann man keine Schaufel mehr drauf packen.
Nicht mal meine sich im Anmarsch befindende Sommer-Erkältung konnte etwas daran ändern. Die Veranstaltung war großartig und Gundelfingen ist es auch.

Bei meiner Gastfamilie

Am Nächsten Tag verbrachte ich dann noch das Frühstück und einen Teil des Vormittages mit meiner Gastfamilie.
Das sind großartige Menschen. Er auch Informatiker und Physiker, der sogar am Retina-Implantat mit entwickelt hat, der auch Gitarre spielte wie seine Frau, die sogar Lieder schreibt und dazu gab es noch einen wunderbaren Enkelsohn.
Der Gastvater kam auch zum Vortrag.
Wir fanden am Frühstück sofort hunderte Themen, über welche wir reden konnten.
Danach spielte ich der Gastfamilie noch etwas auf der Gitarre vor, weil der Herr des Hauses dieses wünschte.
Mit dem Enkel spielte ich dann noch Mondlandung mit der dritten Brennstufe meiner Legorakete.
Der Opa durfte am Tablet die Bilder von der Legorakete, die auf Blindnerd in
Auf den Mond und zurück mit Lego
zu finden sind,  nicht mehr schließen.
Außerdem war der Opa so begeistert über das Scheeme, das ich bei WordPress für meinen Blog verwende, dass er mich danach fragte.
Ist das alles nicht auch unglaublich inklusion?

So, und dann war es auch schon wieder Zeit. Die Organisatorin des ganzen und ihre Mutter holten mich mit dem Auto ab und fuhren mich nach Freiburg. Dort wurde ich in die Hände des Umsteigeservices der Bahn  übergeben und auch diese Zugfahrt klappte
wunderbar.

Und wer jetzt sagt: Klar, hat das mit der Inklusion so gut geklappt, weil die Organisatorin selbst betroffen sei. Dem sage ich, dass das nur zu einem kleinen Teil vielleicht stimmt. Ich kenne Menschen, die tag täglich beruflich z. B. mit Blinden zu tun haben, und die nicht lernen wollen oder können, wie man mit uns umgeht.
Da nützen auch Dunkelseminare etc. nichts.
Und andere kenne ich, die noch nie einen blinden Menschen gesehen haben, und es durch Emphatie, besonnenes Denken und Handeln einfach hin bekommen.
Inklusion ist oft einfach machen. Wer die Wie-Frage zu oft stellt, der wird über die Integration nicht hinaus kommen.

Alexander Gerst am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) – meine Impressionen

Liebe Leserinnen und Leser,

ein großartiges Ereignis liegt nun hinter mir. Vor einigen Wochen erhielt ich über den Mitarbeiter-Verteiler des Karlsruher Institutes für Technologie (KIT), meinem Arbeitgeber, die Mail, dass man sich zur Verleihung der Ehrendoktorwürde für Alexander Gerst anmelden könne.
Keine Minute später, war ich angemeldet und hatte meinen Platz im Audimax sicher. Als sich meine Arbeitsplatz-Assistenz anmelden wollte, war schon kein Platz mehr frei. Aber das Orgateam der Veranstaltung verstand, dass ich gerne mit Begleitperson kommen würde und machte es möglich, dass wir gemeinsam die Veranstaltung besuchen konnten. Über dieses großartige Erlebnis wird es in diesem Beitrag gehen.

Um eines gleich vorweg zu nehmen. Mein Ziel, @astro_alex mein signiertes Buch zu schenken, habe ich verfehlt. Niemand aus dem Publikum kam an ihn ran, und kaum war die Veranstaltung vorbei, war er auch schon verschwunden. Damit habe ich aber gerechnet, so dass dieses nicht erreichte Ziel den Rest dieser großen Veranstaltung und Sternstunde in meinem Leben, nicht überschatten kann. Ich schicke es ihm einfach mit einem schönen Brief hinterher.

Dann will ich jetzt mal versuchen, meine Eindrücke mit euch zu teilen.
Erwartet hier keinen perfekten Fließtext. Es sind eben Eindrücke, die sich manchmal vielleicht eher so aneinander reihen.

Wir fanden uns um 09:00 Uhr, als der Einlass startete pünktlich ein. Das Audimax alleine schon beeindruckt mich jedes mal neu. Ich bin sehr selten in diesem Gebäude, und als ich hier studierte, war da noch Wiese…
Wir ergatterten einen schönen Platz im vorderen Drittel so ungefähr mit geradem Blick zur Bühne. Was mich an diesem Hörsaal auch immer wieder verblüfft, ist die extrem gut klingende Sound-Anlage. Das Bose-Zeugs kann wirklich was. Die Sprecher klingen richtig natürlich und nicht dosig, und wenn man Videos mit Musik etc. abspielt, dann hat diese Anlage richtig Bass und alles.
Über das Publikum kann ich nicht wirklich viel sagen. Ich glaube, dass eher die Mitarbeiter des KIT anwesend waren und weniger die Studierenden. Mein Eindruck war, dass für unsere technische Universität recht viele Frauen da waren, was ich sehr schön finde. Manche brachten sogar ihre Kinder mit, was am Ende klar wurde, als Fragen gestellt werden durften.
Es hörte sich für mich so an, dass das Publikum sehr gemischt war. Sprachlich hörte ich, dass eindeutig nicht nur Akademiker vor Ort waren. Alexanders Botschaft drang somit auch in Werkstätten, Hausmeistereien, vielleicht auch in die Mensen. Auch das ist sehr schön. Der Weltraum ist für alle da. Und Alex erklärt ihn uns so, dass wir ihn verstehen können und hoffentlich begreifen, dass wir nur ein Raumschiff Erde haben, was wir schützen, bewahren und versorgen müssen.
So baute ich mein Notizgerät auf und wartete.
Plötzlich brandete großer Beifall los. Er hatte offenbar die Bühne betreten.

Der erste Redner war Prof. Dr. Hanselka, der Präsident des KIT.

Er sprach davon, dass die Idee einer Reise zum Mond bis in das alte antike Griechenland zurück geht.
Lukianos von Samosata beschreibt in seinem Buch
Eine wahre Geschichte“ eine Schiffsreise zum Mond – geschrieben im 2. Jahrhundert nach Christus in Ägypten, das damals zu Griechenland gehörte.
In Lukianos‘ Erzählung hält ein Schiff Kurs auf die Meerenge von Gibraltar. Gerade als die Mannschaft die Säulen des Herkules, so die damalige Bezeichnung, passieren will, erfasst ein gewaltiger Wasserwirbel das Schiff.
Es schleudert immer höher und treibt plötzlich durch den Weltraum. Sieben Tage später landet die Mannschaft auf dem Mond.
Dort treffen die Seefahrer auf absonderliche Wesen, die sich auf den Kampf mit den Kriegern der Sonne vorbereiten. Mit denen streiten sie erbittert über die Kolonisierung der Venus.

Diese Geschichte war mir nicht mehr präsent.
Dann schlägt Hanselka sehr schön die Brücke in die Heutzeit, erinnert an die Mondlandung etc.
Er würdigt, dass Alexander Gerst so großartige Wissenschaftskommunikation betreibt, dass er für die Probleme der Umwelt durch die Sicht aus der ISS heraus wunderbar sensibilisiert und uns zeigt, wie ganzheitlich diese Welt funktioniert.
All das soll gleich mit der Überreichung der Urkunde zur Ehrendoktorwürde geehrt werden.
Nun werden noch einige Preise aufgezählt, die Astro_Alex erhalten hat und dass er auf einer Show des DLR mit 16000 Zuschauern sprechen durfte.
Er schließt mit der Tatsache, dass die ISS ein Zeichen des Friedens ist, wenn man bedenkt, dass 110 Länder daran mitarbeiten, unabhängig davon, wie es gerade politisch unter ihnen läuft.
Das war eine sehr schöne, erfrischende und humorvolle Einführung in die Veranstaltung, die der Präsident des KIT hier gehalten hat.

Nun erhält Prof. Weiß, der Dekan der Fakultät für Physik das Wort.
Er erinnerte an die alten Professoren, die Alexander Gerst in den 90er Jahren unterrichteten.

Danach übernahm Prof. Friedemann Wenzel, der Gründer des Klimazentrums.
Bei ihm legte Gerst sein Diplom über Vulkanologie ab. Hierfür forschte er u. A. in Neuseeland und auf Vulkanen in der Antarktis.
Außerdem entwickelte er Messgeräte, die in extremer vulkanischer Umgebung noch funktionierten.
Alexander Gerst war quasi überall. Nun schien es so, dass ihm die Erde zu eng geworden war und er deshalb den Weg zum Astronauten antrat, spekuliert Prof. Menzel.

Jetzt kommt Frank schilling, Dekan Bauingenieurwesen auf die Bühne.
Nach einigen Sätzen über die Raumstation wird nun Alexander Gerst auf die Bühne gebeten.
Alex bekam kurz vor der Urkunde einen Schwabenstein geschenkt. Was der genau ist, habe ich nicht ganz ohne Sicht verstanden. Er muss wohl etwas mit dem Nördlinger Ries zu tun haben, denn das wurde auch erwähnt, weil Astronauten u. A. auch dort trainieren.
Das Nördlinger Ries entstand durch einen Asteroiden-Einschlag. Eine ähnliche Katastrophe ließ die Dinosaurier aussterben und ist auch heute nicht ausgeschlossen, dass sich derlei irgendwann wiederholen könnte.
Dann wurde die Urkunde verlesen und feierlich überreicht.

Nun ergreift Alexander Gerst das Wort und zeichnet ein schönes Bild. Er betrachtet seine heutige Rückkehr an seine Alma Marta als rückkehr, die jedes Abenteuer abschließen muss, denn wenn man aufbricht, wozu auch immer, sollte man die Geschichte mit einer Rückkehr abschließen, um den damals zurückgebliebenen davon zu erzählen.

Er gibt eine Flagge des KIT, die er auf seiner Mission auf der ISS dabei hatte. Als Zertifikat sozusagen mit einem Foto, das ihn und die Flagge im Kolumbus-Modul auf der ISS zeigt, zurück.
Alexander Gerst ist mit der Flagge des KIT sehr weit gereist. Etwa 5 800-mal um die Erde in der Raumstation ISS, die mit der unvorstellbaren Geschwindigkeit von 28 000 Stundenkilometern fliegt, das dürfte insgesamt der Entfernung bis zur Sonne entsprechen.
Die Flagge soll gut sichtbar als Ansporn für die Studierenden aufgehängt werden.
Träume soll man verwirklichen, meint Alex.
Dazu fällt ihm ein Gespräch ein, dass er mit einem Kommilitonen in der Mensa vor vielen Jahren geführt habe. „Wir hatten vereinbart, dass wir uns irgendwann einmal als Astronauten bewerben werden. Ich habe es gemacht, er nicht. Wie schade!“

Nun startet Alex seinen Vortrag mit einem Video. Nach technischen Startschwierigkeiten konnte man es dann doch auch noch hören. Leider war es nur mit Musik unterlegt, so dass ich nicht weiß, was es zeigte. Der Start soll wohl eindrucksvoll zu sehen gewesen sein.
In meinem Artikel über Podcasts
findet ihr beispielsweise den Podcast “Auf Distanz goes Baikonur und viele andere mehr, wo ihr den Start und vieles mehr zur ISS nochmal erleben könnt.

Alex beginnt seinen Vortrag nach dem Video mit einem Bild, dass die Cassini-Raumsonde vom Saturn aus von der Erde photographierte. Sie ist lediglich durch die zehnfache Entfernung Erde-Sonne, ein einziges blaues Pixel auf dem Bild.
Das zeigt, wie wenig die Erde für das ganze Universum ist. Dem Universum ist es egal, wenn wir sie zerstören.

Alex sagt, dass die Hälfte aller Atome in unserem Körper nicht aus der Milchstraße stammen.
Wie er darauf kommt, weiß ich momentan nicht genau. Ich vermute, es hat mit Supernovae und anderen Ereignissen zu tun, bei welchen schwere Atome gebacken werden.

Obwohl er für sein Training um 10.000 Stunden Zeit investierte, relativiert er den Aufwand und meint, dass man das letztlich für ein gutes Studium auch müsse.

Nun hängt er seinen Vortrag an die letzte Mission.
Er zeigt den Start und stellt deutlich heraus, dass das wichtigste an der Raumfahrt die Zusammenarbeit aller beteiligten sei.

Wenn man bedenkt, dass 110 Länder die ISS betreiben, dann mutet es etwas seltsam an, dass ein einziges Land beispielsweise seinen neuen Flughafen nicht in betrieb bekommt.
Er startete von derselben Startrampe aus, von welcher der erste Mensch Juri Gagarin ins All aufbrach.
In der Raumkapsel geht es offensichtlich sehr eng zu.

Man stellt sich das ja alles immer so filigran vor, wie das in schönen Sciencefiction-Filmen in den Raumschiffen so ist.
Viele Bedienelemente sind aber nicht deshalb so klobig, weil es sich um alte russische Technologie handelt, sondern weil man bei vier- oder sechsfacher Erdbeschleunigung keine kleinen Tasterchen drücken oder winzige Hebelchen umlegen kann.
Das war mir so noch nicht klar, ist aber logisch.

Es gibt doch tatsächlich einen Startknopf an einem Raumschiff und keinen Zündschlüssel. Ich meine allerdings mal gehört zu haben, dass die ISS durchaus eine Art Zündschlüssel hat, der immer dem Kommandanten überreicht wird.

Obwohl beim Start die Rakete alles selbst macht, muss man sie im Auge behalten.

Mehrfach betont Alex, dass man beim Start und dann bis zur Rückkehr, auf einen Astronautenmodus im Kopf und mental umschalten muss.
Man nimmt den Bus zur Rakete, alle anderen bleiben zurück, und das war es dann erst mal für sieben Monate mit allen Gewohnheiten und Annehmlichkeiten hier auf Erden.

Er sagt, dass der Start am Anfang mit 1,3 g recht gemütlich beginnt. Da aber nach und nach die Rakete leichter wird, der Schub aber derselbe bleibt, ist man nach 8,5 Minuten der vierfachen Erdbeschleunigung ausgesetzt.
Nach drei Minuten ist man bereits im schwarzen Weltall und hat nach 8,5 Minuten die Geschwindigkeit erreicht, um die Station zu erreichen.
Offenbar verbraucht so ein Raketenstart weniger Treibstoff, als ein Trans-Atlantik-Flug. Dennoch ist man daran interessiert sparsamere Raketen zu bauen.
Immerhin fliegen im Flugzeug hunderte Menschen mit, und in so einer Rakete nur drei, was natürlich die Co2-Bilanz für jeden Astronauten deutlich in die Höhe treibt.

Ein Flugzeug fliegt man. Eine Rakete nicht, weil man sich nur an ihr festhält sagt Gerst.
Bei seiner ersten Mission benötigte er drei Tage zur ISS. In dieser Zeit schafften es die Apollo-Astronauten zum Mond.
Bei seiner zweiten Mission benötigte er nur noch drei Stunden.
Wieso das so unterschiedlich ist, ist mir noch nicht so ganz klar. Wenn jemand hier etwas erhellendes weiß, bin ich dabei.

Nun zeigt er die dünne helle Sichel der Tag-Nacht-Grenze der Erde, die man meist sieht, wenn man zum ersten mal nach dem Start aus dem Fenster scheint. Das ist so ähnlich, wie der Mond kurz nach oder kurz vor Neumond. Dort nennt man diese Grenze den Terminator.
Die Erkenntniss, dass die Erde Rund ist, wird an dieser Stelle, so Alex, nochmal richtig greifbar und neu erlebt.
In diesem Zusammenhang ist es mir unbegreiflich, dass es heute noch Menschen gibt, die glauben, dass die Erde flach sei. Wieviele Beweise brauchen diese Schwachmaten denn noch?

Am Tage erkennt man dann, wie fragil das Raumschif Erde wirklich ist, und dass die Atmosphäre wirklich super dünn ist. Im Flugzeug hat man quasie das meiste davon schon unter sich.
Er betont nochmal die technische Leistung, dass bei der ISS 100.000 Menschen mitgearbeitet hatten. Es musste klappen, denn man konnte die ISS nicht mal eben probehalber auf der Erde zusammenbauen, um zu sehen, ob alles so passt. Das ist schon ein Wunder, wenn man bedenkt, dass häufig kleinere Projekte mit deutlich weniger Menschen und Nationen, nicht funktionieren, obwohl sie hier auf Erden gebaut werden können.

Nun ermutigt er Studierende, indem er darauf hinweist, dass eine gute Crew nicht die besten braucht, sondern viel diversität und unterschiedliche Erfahrungen und Lebenshintergründe.
In diesem Zusammenhang bedauert er, dass sich nach wie vor viel zu wenige Frauen als Astronautinnen bewerben.

Mich hat sehr beeindruckt, wie viel Forschung zu schweren Krankheiten wie Krebs, Parkinson und Alzheimer auf der ISS gemacht werden.
Da werden Kristalle gezüchtet und Zellstrukturen, deren Größe man auf der Erde mit Schwerkrafft nicht hin bekommt. Sind sie dann gezüchtet, kann man sie zur Erde bringen, um Medikamente zu entwickeln.
Wie Wurzeln von Pflanzen in Schwerelosigkeit ohne Orientierung wachsen, bringt Erkenntnisse, die einst zur Züchtung von Pflanzen mit schnellem Wurzelwachstum nach unten hervorbringen kann.
Die könnte man dann in vom Klimawandel betroffene trockene Gebiete bringen, deren Wurzeln würden rasch in die Tiefe in Richtung Wasser wachsen und diese Pflanzen könnten dort eventuell leben.

Natürlich wird auf der ISS viel Erdbeobachtung gemacht.
Umweltkatastrophen, Klimawandel, Abholzung von Wäldern, Kriege mit Bomben und Raketen und all die von Menschen gemachten Katastrophen kann man von dort oben sehen.

107 Länder haben bisher 2800 Experimente auf die ISS gebracht. Die wären einzeln mit kleinen Satelliten so nicht durchführbar. Außerdem benötigt es für viele mindestens 10 % Menschliche Fähigkeiten. Er meint, dass man vieles automatisieren könne, aber nie ganz auf menschliche Fähigkeiten verzichten wird. Durch bessere Robotik wird das ganze System leistungsfähiger, aber Menschen lassen sich auf so einer Station nicht weg rationalisieren.

Nun ging er darauf ein, was Astronauten so in ihrer Freizeit machen, den Fußball spielen etc. funktioniert dort nicht.
Naja, Videos schauen, Spiele spielen, Musizieren und Fitness-Training sind bekannt.
Daneben macht man viel Erdbeobachtung. Zunächst will jeder seine Heimatstadt von oben sehen.
Das wandelt sich aber sehr bald, und man betrachtet die ganze Erde als Heimat.
Vielleicht sollte man Entscheidern dieser Welt am Anfang ihrer politischen Laufbahn erst mal diesen ganzheitlichen Blick von oben auf die Erde ermöglichen.

Nun geht er auf faszinierende Naturphänomene wie Stürme und Gewitter ein. Man kann mit der ISS sogar durch Polarlichter fliegen. Das muss wirklich gigantisch sein.

Nun erzählt er noch von der Landung und beschließt seinen vortrag, indem er nochmal auf die unendlichen Weiten des Universums hinweist. Man sieht dort oben vor lauter Sternen keine Sternbilder mehr.

Das war mein starkes Erlebnis mit Alexander Gerst.
Ich bin zu tiefst dankbar, dass ich diesem Vortrag beiwohnen durfte.

Finstere Erinnerungen – Die Sonnenfinsternis vom 11.08. 1999

Liebe Leserinnen und Leser

wie viele von euch mitbekommen haben, fand gestern, am 02.07.2019 eine Sonnenfinsternis im südamerikanischen Raum statt. Die bilder der drei Teleskope, die im Kernschatten der Finsternis lagen, müssen atemberaubend gewesen sein. Zumindest hörte sich das in den sozialen Medien so an.
Lasst uns diese Finsternis zum Anlass nehmen, und uns erinnern, wie das 1999 so war, als wir eine totale Sonnenfinsternis über Süddeutschland hatten.
Vielleicht hat ja jemand Lust, z. B. über die Kommentarfunktion des Artikels seine Erinnerungen von damals mit mir zu teilen, worüber ich mich sehr freuen würde.
Nun viel Freude mit meinen Erinnerungen. Es war so:

Nicht jedem ist das Glück beschieden, direkt vor seiner Haustüre eine Sonnenfinsternis erleben zu können. In manchen Kulturen und zu anderen Zeiten waren sie eher Symbole des Unglückes und des Schicksals. Ein Krieg zwischen den beiden Völkern der Meder und Lüder wurde durch die Sonnenfinsternis vom 28. Mai 585 v.Chr. angeblich beendet, und zwar aus Angst, die Götter zürnten ihnen, da die Sonnenfinsternis direkt in das Kampfgetümmel fiel. Auch in der Bibel liest man Geschichten über Verdunkelungen des Himmels am Tage, die auf Sonnen- oder Mondfinsternisse zurückgehen könnten, z. B. bei den Propheten.

Auf jeden Fall waren wir alle schon Monate vorher aufgeregt, wie das wohl sein würde. Ich machte mir umfangreich Gedanken, ob ich als Mensch mit Blindheit überhaupt etwas davon mitbekommen würde. So las ich im Vorfeld viel darüber, wie eine derartige Finsternis funktioniert, was alles innerhalb der kurzen Verfinsterung entdeckt worden war und wie viele Strapazen etliche Astronomen in der Vergangenheit auf sich genommen hatten, um eine Sonnenfinsternis zu erleben. Diese reichten bis hin zu sehr gefährlichen Seereisen auf Segelschiffen.

Als nun endlich der Tag nahte, war die Enttäuschung zunächst groß. Der August war relativ verregnet, sodass nicht klar war, ob wir mehr als eine kurze Finsternis erleben würden. Somit beschloss ich, in jedem Falle die Zeit der Finsternis im Schlosspark von Karlsruhe zu verbringen, denn ich wollte die Stimmung der Menschen einfangen.
Weil mein Sehrest zu diesem Zeitpunkt nicht mehr unbedingt zum reellen Erleben der Finsternis ausreichte, nahm ich einen Lichtdetektor mit. Dieses Gerät verwenden blinde Menschen, um in ihrer Wohnung zu erkennen, ob die Lampen aus sind, zum Beispiel wenn sehende Besucher da waren. Je höher das Gerät piepst, desto mehr Licht ist vorhanden. Ich trug ebenfalls eine Finsternisbrille, die ich bis heute aufbewahre und am 20.03.2016 wieder zum Einsatz kam.
Auch bereits funktionsuntüchtige Augen kann man ohne Finsternisbrille noch schädigen.
Außerdem stattete ich mich mit einem mobilen Funkgerät aus. Mit diesem stand ich mit anderen Menschen in Verbindung, die an anderen Orten die Finsternis betrachten und erleben wollten.
So standen wir und warteten. Das Gefühl war weit stärker als bei einem Jahreswechsel.
Und plötzlich ging ein großer Freudenschrei durch die Menge. Der Himmel meinte es gut mit uns. Ungefähr drei Minuten vor der totalen Bedeckung und damit vor der maximalen Finsternis riss die Wolkendecke auf und der Blick auf die Sonne war frei. Sogar ihre wärmenden Strahlen empfing ich noch.
Ich schaltete den Lichtdetektor ein. Dann geschah es: Während die Leute standen und staunten, wurde der Ton des Gerätes langsam tiefer. Die Verdeckung begann. Während der ungefähr zweiminütigen totalen Finsternis blieb jedes Signal aus, als wäre es völlig Nacht. Das Leuchten der Korona war zu schwach für den Sensor des Lichtdetektors. Dies war für mich die akustische Orientierung. Plötzlich hatte auch ich das Gefühl, von Nachtluft umweht zu werden. Das mag allerdings auch durch das intensive Erlebnis gekommen sein. Besonders warm war der Tag auch vor der Finsternis nicht.
Auf jeden Fall war meine Freude, diese totale Sonnenfinsternis erlebt zu haben, unbeschreiblich groß. Ich fühlte mich in diesem Moment stark mit jenen verbunden, die fast ihr Leben dafür ließen, um etwas Derartiges nicht zu verpassen.
Oft stelle ich mir seither aus purer Freude heraus die Finsternis, die Korona, die Protuberanzen und auch die Magnetfeldlinien, die weit in den Weltraum hineinragen, vor. Dazu denke ich dann häufig an das brodelnde Geräusch, das auf der Sonnenoberfläche zu hören sein muss, da die Oberfläche ähnlich wie ein Teekessel
kocht.

Mit dieser Sonnenfinsternis hatte ich im Januar 2015 noch eine ganz interessante Erfahrung:
Anfang Januar 2015 unternahm ich mit meiner sehenden Arbeitsplatzassistenz
eine Dienstreise nach Istambul.
Folgendes ist dort auf dem Hinflug geschehen:
Der Pilot erklärte die Flugroute, indem er wichtige Länder, Städte und Meere aufführte, die wir nacheinander passieren würden.
Da kam mir die Reihenfolge und Aufzählung der Städte gleich irgendwie bekannt vor.
Und dann durchfuhr es mich wie ein Blitz.
Wir flogen fast exakt die Route entlang derer am 11.08.1999 die totale Sonnenfinsternis beobachtet werden konnte.
Ich fand dieses unglaublich schön. Glücklicherweise hatte ich noch das Buch “Schwarze Sonne, roter Mond” von Rudolf Kippenhahn zur Sofi 1999 auf meinem MP3-Player als aufgelesenes Hörbuch. So konnte ich gleich noch im Flieger meine Vermutung überprüfen. Ein Blick auf den Fahrplan dieser Sf ergab, dass ich im wesentlichen Recht hatte.
Dieses Heureka erlebte glaube ich der halbe Flieger mit, weil es mich unglaublich freute, in welchem Zusammenhang diese alte Sofi nochmal auftauchte.

Und dann stürzte ich in eine tiefe Finsternis-Krise.
Das Schicksal nahm nach der Dienstreise nach Istambul seinen Lauf.
Jemand stellte mir die Frage, wieso eigentlich von West nach Ost, wo die Erde sich doch von Ost nach West dreht, und der Mond tut das um die Erde ebenso.
Sollten dann die Finsternisse nicht auch von Ost nach West verlaufen?

Stellt euch bitte vor. Da weiß ich alles, was es zu Finsternissen, deren Entstehen etc. zu wissen gibt nur dieses eine kleine Detail hinterfragte ich 20 Jahre lang nicht.
Plötzlich merkte ich, dass ich den Verlauf überhaupt noch nicht begriffen hatte.
Das war eine richtige Klatsche.
Desto mehr ich nachdachte, desto verwirrter wurde ich. So viele Bewegungen, Winkel und Abstände, die sich hier überlagern und die berücksichtigt werden müssen.
Nun wendete ich mich mit meiner unbeschreiblichen Not und Verzweiflung an intelligente Menschen, an welche ich in derlei astronomischen Fragen glaube.
Und siehe da. zwei  fanden unabhängig voneinander die Antwort und Erklärung.

Dank an Sebastian und Martin. Ihr seid ja auch Mitglieder unserer kleinen Gemeinde.
Das Problem ist, dass dieses Phänomen sich kaum noch mit Worten beschreiben lässt.
Die adäquate Sprache hierfür ist die Mathematik und keine Prosa.
Deshalb wird die Mail jetzt gleich sehr mathematisch werden. Wer hier aussteigen möchte, dem kann ich das nicht verübeln.
Es ist schwer und kompliziert. Bevor jemand sich darüber ärgert, dass er oder sie untenstehende Mathematik nicht begreift, sollte er oder sie lieber die Finger davon lassen und sich einfach mit kindlicher Freude und Begeisterung an Finsternissen erfreuen.
Wer jedoch die Herausforderung liebt, darf hier gerne weiterlesen.

Und so funktioniert eine Finsternis:
Halten wir den Moment fest, an dem der Mond zwischen Sonne und Erde steht, und der Kernschatten genau auf mittig auf der Erde liegt, und nehmen den Planeten Erde als Bezugssystem für Geschwindigkeit 0km/h.
Die Erde hat am Äquator ca. 12’720km Durchmesser, damit ist der Umfang ca. 40’000km, und die Oberflächengeschwindigkeit durch Rotation beträgt (vereinfacht auf die Sonne bezogen und nicht sidirisch) ca. v_E=1’666km/h.
Der Mond hat einen mittleren Abstand von d_M=384’400km, also eine ungefähre Umlaufbahn von 2’415’256km und eine Umlaufzeit von 27.3d, also bewegt er sich ungefähr mit v_M=3’686km/h in die gleiche Richtung wie die Erde darunter. (Hat natürlich eine viel größere Kreisbahn und überholt deshalb nachts nicht die Erdrotation…)
Die Erde selbst hat einen Abstand von ca. d_S=149’600’000km von der Sonne, also einen Umkreis von ca. 939’965’000km in 365.25 Tagen, bewegt sich also mit 107’228km/h entgegen der Oberflächengeschwindigkeit oben. Da die Erde als 0km/h gewählt ist, bewegt sich also die Sonne scheinbar mit v_S=107’228km/h in Richtung der betrachteten Oberflächengeschwindigkeit der Erde.
Die Geschwindigkeiten von Sonne und Mond superponieren sich, d.h. wir können einzeln die Anteile auf die Kernschattengeschwindigkeit berechnen.
Nach dem Strahlensatz ist die Geschwindigkeit durch die scheinbare Sonnenbewegung v1=(d_M/d_S)*v_S~276km/h.
Nach dem Strahlensatz ist die Geschwindigkeit durch die Mondbewegung v2=d_S/(d_S-d_M)*v_M~3’695km/h.
Da sich Mond und Sonne in die gleiche Richtung bewegen, ist die resultierende Geschwindigkeit des Kernschattens zur Erde v=v2-v1~3’419km/h.
Abzüglich der Geschwindigkeit der mitdrehenden Erdoberfläche erhalten wir in diesem Moment am Äquator die Schattengeschwindigkeit von ca. 1’753km/h. Auf jeden Fall überholt der Schatten die Erdrotation, und damit geht der Schatten tendentiell von Westen nach Osten.
Natürlich wird der Schatten an den Rändern über der Erdoberfläche “viel schneller”- schon alleine wegen der schrägen Projektion und nach Norden und Süden ist die Oberflächengeschwindigkeit geringer. Und da die Bahnen nicht alle in der gleichen Ebene liegen, verläuft der Schatten auch schräg und alles mögliche. Es kann im Extremfall für einen Punkt auf der Erde der Schatten z.B. von Norden oder Süden kommen- der Schatten ist ja nicht ein “Punkt”, sondern die Fläche kann sich bei diesen Kurven auch “reindrehen”, und so scheinbar komplett von Norden oder Süden kommen.
Wenn ich mich nicht verrechnet habe, so ist der Anteil durch die Planetenbewegung v_S nicht sehr ausschlaggebend, und die Beschleunigung der Mondgeschwindigkeit durch die Hebelwirkung durch den Abstand sehr gering, da die Sonne so viel weiter weg ist als der Mond von der Erde.

Das Gemini-Programm

Liebe Leserinnen und leser,

Zum zweiten Mal hebt sich auf Blindnerd der Vorhang in Richtung Mondlandung.
Im letzten Artikel ging es um das Mercury-Programm. Hier wurden Grundlagen erforscht, die nötig waren, um überhaupt mal Menschen in den Weltraum zu bringen.
Man musste aus medizihnischer Sicht den Menschen neu definieren. Auch die Rakete, die stark genug war, drei Astronauten, ein Service-Modul und den Mondlander zum Mond zu befördern, war noch nicht entwickelt.
Es gab ganz verschiedene Konzepte, wie die Mondmission ablaufen könnte. Man könnte z. B. ein Raumschiff landen, das dann wieder startet. Eine andere Idee war, dass man mit mehreren Flügen alles ins All oder auf den Mond bringt, das dafür benötigt wird. Diese Teile hätte man dann im All koppeln können.
Schließlich entschied man sich für das Konzept mit dreistufiger Rakete, Service-Modul, Landefähre und Rettungsrakete.
Bis es aber dazu kam, mussten weitere Grundlagen erforscht werden, wozu das Gemini-Programm ein unverzichtbarer Schritt auf dem Weg zum Mond war.

Wie der Name schon sagt, hatte das Gemini-Projekt mit Zwillingen zu tun. Es musste getestet werden, wie man zwei Raumschiffe im All koppeln bzw. wieder entkoppeln kann. Das benötigte man, weil z. B. die Mondlande-fähren aus der dritten Stufe der Apollo-Raketen gezogen werden mussten, weil man nach dem Start vom Mond wieder am Service-Modul ankoppelt und weil die Flugmanöver getestet werden mussten.
Außerdem wurden Außenbordeinsätze im Raumanzug geprobt.
Nicht zuletzt sollte die Mercury zu einem zweisitzigen Schiff weiterentwickelt werden.

Zur Unterstützung der bereits ausgebildeten Mercury-Astronauten entschloss sich die NASA am 18. April 1962, fünf bis zehn neue Astronauten zu rekrutieren, worauf 253 Bewerbungen eingingen.
Am 17. September 1962 wurde die Gruppe, bestehend aus neun Astronauten, der Öffentlichkeit vorgestellt. Dies waren Neil Armstrong, Frank Borman, Charles Conrad, James Lovell, James McDivitt, Elliot See, Thomas Stafford, Edward White und John Young.
Die Auswahl der dritten Astronautengruppe begann am 5. Juni 1963 mit einer weiteren Ausschreibung. Die NASA stellte die 14 erfolgreichen Bewerber am 18. Oktober 1963 vor: Edwin Aldrin, William Anders, Charles Bassett, Alan Bean, Eugene Cernan, Roger Chaffee, Michael Collins, Walter Cunningham, Donn Eisele, Theodore Freeman, Richard Gordon, Russell L. Schweickart, David Scott und Clifton Williams.
Damit stieg die Zahl der aktiven Astronauten für die Programme Gemini und Apollo auf 27,
Und dann ging es recht tragisch zu.
Theodore Freeman starb am 31. Oktober 1964 bei einem Flugzeugunglück. Elliot See und Charles Bassett, die als Besatzung für Gemini 9 vorgesehen waren, kamen am 28. Februar 1966 ebenfalls bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Virgil Grissom, Edward White und Roger Chaffee starben am 27. Januar 1967 bei der Apollo-1-Katastrophe, Clifton Williams verunglückte am 5. Oktober 1967.

Die Landekapsel des Gemini-Raumschiffs war 5,8 Meter lang und hatte einen Durchmesser von drei Metern. Die Luken konnten während des Aufenthalts im Weltraum geöffnet und geschlossen werden, so dass Aktivitäten außerhalb des Raumschiffs möglich waren.
Für die Andogmanöver war ein Kopplungsadapter vorhanden.
Die Masse der Landekapsel betrug ca. 3.800 kg. Erstmals wurde bei einem Raumschiff eine Polymerelektrolytbrennstoffzelle als primäre Energieversorgung eingesetzt.
Die haben damals schon Wasserstoff getankt. Ich bin immer wieder von den Konzepten beeindruckt die schon zu dieser Zeit angewendet wurden und über welche wir teilweise noch immer ohne konkrete Lösung diskutieren.
Nicht wiederaufladbare Batterien waren nur für den Wiedereintritt und für Notfälle vorgesehen.

Ein Novum zum Mercury-Programm war auch, dass erstmals ein Bordcomputer,
der Gemini Digital Computer, zur Unterstützung der Besatzung bei Berechnungen eingesetzt wurde. Der Computer aus 5 Platinen mit 510 Modulen hatte einen Speicher von nur 4096 Befehlsworten von jeweils 39 Bit Länge. Da sich dieser als zu klein erwies, wurde er ab Gemini 8 durch ein Magnetbandlaufwerk ergänzt, welches die Speicherkapazität versiebenfachte.
Das erinnert mich stark an meine ersten Gehversuche mit meinem Comodore 64 Anfang der 80er Jahre und meine Datasette. Man speicherte Programme und Daten auf normalen Musik-Casetten ab. Es gab natürlich auch überteuerte andere Datasetten, aber normale billige MCs taten es eben so gut. Später dann hatte ich immerhin schon ein Floppy-Laufwerk. Da kam es z. vor, dass man innerhalb eines Spieles plötzlich die Diskette wechseln musste.

Interessant ist auch der Raumanzug, der von den Gemini-Astronauten getragen wurde.
Er bestand aus 23 Gewebeschichten und wog 13 Kilo.
Er war hauteng auf jeden Astronauten angepasst und gefertigt.
Er konnte 1.465 kJ (= 350 kcal) Körperwärme und 456 ml Schweiß pro Stunde abführen.

Zusätzlich zum Gemini-Raumanzug gab es noch einen Düsenrucksack, die Astronaut Maneuvering Unit. Sie kam allerdings nie aktiv im All zum Einsatz.
Ich meine mich zu erinnern, dass so ein Düsenrucksack zum Einsatz kam, als 1984 das deffekte ‘Sonnenobservatorium SMM eingefangen wurde, um es in der Ladebucht des Space Shuttles zu reparieren.
Ein Astronaut heftete sich mit dem Rucksack an die sich unkontroliert drehende Sonde. Dann stoppte er mit den Düsen diese unerwünschte Drehbewegung ab, so dass die Sonde mit dem Arm des Shuttles in die Ladebucht gezogen werden konnte, ohne z. B. die Sonnenpaddel zu beschädigen.
Bei der mehrfachen Reparatur von Hubble, benötigte man meines Wissens diesen Rucksack nicht, da Hubble sich nicht unkontrolliert drehte.

Nach dem Mercury-Programm, welches nach den ersten Erfolgen der Sowjetunion die prinzipielle Möglichkeit bemannter Weltraumflüge ebenfalls demonstrierte, wurde mit Gemini ein großer Fortschritt erzielt, auch um die für einen erfolgreichen Mondflug nötigen Manöver zu testen, die da waren:
Rendezvous und Kopplung von Raumschiffen,
Außenbordeinsätze,
Bahnänderungen,
sowie die Zusammenarbeit der Bodenstation mit den Piloten.
Konzepte, die die NASA allesamt vorher im Weltall so noch nicht erprobt hatte.
Gemini war somit ein überaus erfolgreiches Programm.

Hier kommt noch zum Schluss eine Übersicht der Gemini-Flüge, deren Besatzungen und Ziele aus Wikipedia.

Wie die Übersicht bei Mercury gilt folgendes Schema:
Mission
Start
Landung
Dauer
Besatzung
Ziele
Bemerkung

Gemini 3
Gemini 3
23. März. 1965
23. Mrz. 1965
4h 52min
Virgil Grissom,
John Young
erster 2-Mann-Flug der Amerikaner

Gemini 4
Gemini 4
3. Jun. 1965
7. Jun. 1965
4d 1h 56min
James McDivitt,
Edward H. White
erster Weltraumausstieg (White) der Amerikaner

Gemini 5
Gemini 5
21. Aug. 1965
29. Aug. 1965
7d 22h 55min
Gordon Cooper,
Charles Conrad
Aussetzen und Rendezvousmanöver mit einem mitgeführten Zielsatelliten
120 vollendete Erdumrundungen

Gemini 6
Gemini 6
15. Dez. 1965
16. Dez. 1965
1d 1h 51min
Walter Schirra,
Tom Stafford
Rendezvous mit Gemini 7
Für Oktober 1965 geplantes Rendezvous mit unbemanntem Agena-Satelliten musste entfallen, da dessen Trägerrakete nach dem Start explodierte.
Start von Gemini 6 wurde auf Dezember, nach dem Start von Gemini 7, verschoben. Dieser Flug läuft auch unter der Nummer 6-A.
Gemini 7
Gemini 7
4. Dez. 1965
18. Dez. 1965
13d 18h 35min
Frank Borman,
James A. Lovell
zweiwöchiger Flug, Rendezvous mit Gemini 6, das einige Tage nach Gemini 7 startete.
Missionsziel: Nachweis für Realisierung eines 14-tägigen Raumflugs

Gemini 8
Gemini 8
16. Mrz. 1966
17. Mrz. 1966
10h 41min
Neil Armstrong,
David Scott
Kopplung mit GATV-Zielsatellit
Probleme mit der Steuerung, Raumschiff gerät während der Kopplung mit Agena in Rotation, Flug abgebrochen

Gemini 9
Gemini 9
3. Jun. 1966
6. Jun. 1966
3d 21min
Tom Stafford,
Eugene Cernan
Rendezvous mit ATDA-Zielsatellit
Geplante Kopplung misslang, weil Verkleidung am Zielsatelliten sich nicht gelöst hatte

Gemini 10
Gemini 10
18. Jul. 1966
21. Jul. 1966
2d 22h 47min
John Young,
Michael Collins
Kopplung mit GATV-Zielsatelliten
erste Kopplung mit Zielsatellit und Nutzung des Antriebs des fremden Raumfahrzeugs; neuer Höhenrekord (763 km)

Gemini 11
Gemini 11
12. Sep. 1966
15. Sep. 1966
2d 23h 17min
Charles Conrad,
Richard Gordon
Kopplung mit GATV-Zielsatellit
neuer Höhenrekord (1374 km)

Gemini 12
Gemini 12
11. Nov. 1966
15. Nov. 1966
3d 22h 35min
James A. Lovell,
Edwin “Buzz” Aldrin
Kopplung mit GATV-Zielsatellit
bis dahin längster Weltraumausstieg mit 5,5 Stunden
Mit der Landung von Gemini 12 am 15. November 1966 und der offiziellen Schließung des Gemini-Büros am 1. Februar 1967 endete das Gemini-Programm.

Der erste Schritt in Richtung Mond – Das Mercury Programm

Seid herzlich gegrüßt,

die Spatzen pfeifen es schon von den Dächern, dass wir uns mit riesigen Schritten dem 50jährigen Jubiläum der Mondlandung nähern. Bis da hin ist aber noch etwas Zeit darüber zu sprechen, wie alles begann.
Der Weg zum Mond war Teil des Kalten Krieges und des Wettrüstens.
An dieses unglaubliche Unterfangen der Menschheit musste man sich langsam heran tasten.
Heute soll es mal um die wesentlichen Anfänge gehen. Dazu betrachten wir das Projekt Mercury, das dem Gemini- und schließlich dem Apollo-Projekt voraus ging.

Das Projekt lief von 1958 – 1963. Es war das erste bemannte Raumfahrt-Programm der USA. Satelliten hatte man schon erfolgreich in den Orbit befördert.

Die Frühphase wurde vom National Advisory Committee for Aeronautics (NACA) geplant; durchgeführt wurde es dann von der neugegründeten Nachfolgeorganisation NASA.
Aus Air, Luft, wurde im Namen dann Space für Weltraum.
Und das ist nicht nur so daher gesagt. Man kann sich diese Metamorphose dieser Luftfahrt-Organisation zur Weltraum-Organisation gar nicht genug vorstellen. Die Bedingungen ein Flugzeug zu fliegen unterscheiden sich grundlegend von denen, ein Raumschiff im luftleeren All und mit weniger Schwerkraft zu steuern.
Somit waren die Astronauten bis weit in das Apollo-Programm hinein Militär-Piloten mit viel Flugerfahrung.
Auch wissenschaftlich und technisch vollzog sich diese Verwandlung. Spielte beispielsweise in der Luftfahrt die Airodynamik die dominierende Rolle, so trat nun die Thermodynamik in den Vordergrund, weil beim Wiedereintritt in die Atmosphäre gigantische Temperaturen bis zu 3000 Grad am Schutzschild entstehen.
Dass Menschen über kurze Zeit mal einige G an Beschläunigung ertragen können, war aus der Militärfliegerei hinlänglich bekannt, aber wie ist es bei quasi keiner Schwerkraft?
Wird der Kreislauf noch funktionieren?
Wie kommt das Gleichgewichts-Organ damit zurecht?
Funktioniert der Mensch als ganzes noch so, wie er soll?

Das waren Fragen, die im Rahmen dieses Programmes erforscht wurden und z. B. auf der ISS bis heute noch werden.

Dem zivilen Mercury-Programm ging das militärische Manhigh-Programm der Airforce voraus, in welchem die Wirkung kosmischer Strahlung auf den Menschen mittels Ballonflügen getestet wurde.
Diese Frage wird uns beschäftigen, wenn wir eine Station auf dem Mond errichten wollen, der weder ein Magnetfeld, noch eine schützende Atmosphäre besitzt. Auf dem Mars und vor allem auf dem langen Weg dort hin, wird das Thema sein. Die ISS ist in ihrem Orbit noch weitgehend vom Magnetfeld der Erde geschützt.

Die Hauptziele des Projektes waren
* Umkreisung der Erde im Orbit mit einem bemannten Raumschiff
* Erforschung, wie Menschen im All funktionieren, sowohl medizinisch, biologisch, als auch mental
* Schiff und Mann wieder sicher zu landen

Das erste bemannte Raumschiff der USA war eine kegelförmige Einmann.
Kapsel mit einem darauf montierten Zylinder.
die Höhe ohne Rettungsrakete betrug 3,51 m, der größte Durchmesser 1,89 m.
Eine 5,8 m lange Rettungsrakete wurde an den
Zylinder der Kapselangebaut. Sie sollte die Kapsel möglichst rasch aus der Gefahrenzone bringen, sollte etwas mit der großen Rakete, sein, z. B. ein Feuer, ausbrechen.
Glücklicherweise kamen diese Rettungsraketen nie zum Einsatz.
Getestet werden musste das konzept aber trotzdem.
Das Rettungssystem des Raumschiffs funktionierte beim zweiten Start im April 1959 planmäßig und brachte die Landekapsel vorschriftsmäßig zur Wasserung im Atlantik, so dass das Raumschiff von einem Hubschrauber geborgen werden konnte.
Dieses Konzept mit Rettungsrakete und Schutzschild hat sich bis in das Apollo-Programm gehalten.
Ich denke, die Kapsel meiner Lego-Saturn-V kommt der Mercury recht nahe.
Da es in der Kapsel sehr eng zu ging, sagte man, die Mercury würde nicht geflogen, sondern im Sinne von Kleidung angezogen.
Der Innenraum hatte lediglich ein Volumen von 1,7 M^3.
Der Astronaut konnte die Kapsel über 55 Schalter, 30 Sicherungen und 35 Hebel bedienen.
Er hatte die Möglichkeit, die Kapsel per Hand zu steuern, aber es gab auch eine Vorrichtung zur Fernbedienung vom Boden aus.
Also mich verblüfft derlei immer wieder. Was hatten die damals für eine Technologie und was haben sie damit erreicht.

Am stumpfen Ende des Kegels befand sich der Hitzeschild, der die Kapsel beim Wiedereintritt in die Atmosphäre schützte. An ihm treten Temperaturen bis zu 3000 Grad auf.
Der Astronaut Alexander Gerst u. a. berichteten eindrucksvoll von Feuerwänden, die das Schiff scheinbar durchfliegt.

Das Mercury-Programm verwendete zwei Trägerraketen:
die Redstone für Suborbitalflüge und das Modell Atlas für die vier.
Orbitalflüge.
Das waren Raketen für militärische Nutzung. An der Entwicklung der Redstone war auch der Deutsche Wernher von Braun beteiligt.

Man startete das Programm zunächst mit unbemannten Flügen. Es ging im wesentlichen erst einmal darum, mit der Kapsel und dem Rettungsturm zu arbeiten. Vor allem, um das Schiff in die nötige Höhe zu bringen, um den Wiedereintritt in die Atmosphäre zu üben.
Ebenso begann zu Anfang des Jahres die Entwicklung des Hitzeschilds für die Mercury-Landekapsel. Mehrere Teststarts schlugen im Laufe des Februar und März fehl.

Am 13. Dezember 1958 wurde das Totenkopfäffchen Gordo auf der Spitze einer Jupiter-C-Rakete der U.S. Army in die Schwerelosigkeit befördert, der es 8,3 Minuten ausgesetzt war. Gordo überlebte Start und Landung, versank aber aufgrund eines mechanischen Fehlers der Fallschirmfunktionen mit der Raketenspitze im Ozean und ertrank.
Und das Äffchen war durchaus nicht das einzige Tier des Mercury-Programms.
Mit Hilfe eines Schweins, Gentle Bess, testete McDonnell die Aufschlagssteifigkeit der Landekapsel. Der Test war erfolgreich, das Schwein überlebte. Weitere Tests mit Schweinen lehnte die NASA ab, da Schweine nicht lange in sitzender Position überleben können.
Die beiden Affen Able und Miss Baker wurden am 28. Mai 1959 mittels einer Jupiter-Rakete 480 km in den Weltraum geschossen. Sie landeten 2.735 km von Cape Canaveral entfernt und überlebten den Flug.

Am 4. Dezember 1959 wurde mit der Mission Little Joe 2 der Rhesusaffe Sam gestartet um die Funktionalität des Rettungssystems zu testen. Ebenso sollten medizinische Erkenntnisse beim Flug gewonnen werden. Der Test war erfolgreich, und Sam überlebte ihn. Ein zweiter Test Little Joe 1B mit dem Rhesusaffen Miss Sam verlief am 21. Januar 1960 ebenso erfolgreich.

Nach so vielen Erfolgen konnte man langsam in Betracht ziehen, das ganze mal mit Menschen auszuprobieren.
Die Astronautensuche konnte also beginnen.
Folgende Kriterien mussten die Bewerber erfüllen:
• Alter unter 40 Jahre
• Körpergröße unter 180 cm
• Ausgezeichnete physische Kondition
• Bachelor-Abschluss
• Abschluss als Test- und Jetpilot
• Mindestens 1.500 Stunden Flugerfahrung

Innerhalb der Apollo-Mission erkannte man, dass man z. B. auf dem Mond auch andere Kenntnisse benötigt, um gut Wissenschaft treiben zu können. Deshalb nahm man dann auch Geologen mit.
Ich weiß jetzt leider nicht genau, ob es heute auch noch so einen Anforderungskatalog für Astronauten-Bewerber gibt.
Laut Wiki wurden im Februar 1959 110 Kandidaten für das Mercury-Programm getestet. Am 9. April 1959 wurden auf einer Pressekonferenz in Washington, D.C. die sieben ausgewählten Mercury-Astronauten der Öffentlichkeit vorgestellt. Es waren im Einzelnen:
• Lt. Commander Alan B. Shepard, Jr. (1923–1998) Navy
• Captain Virgil I. Grissom (1926–1967) Air Force
• Lt. Colonel John H. Glenn, Jr. (1921–2016) Marines
• Lieutenant Malcolm Scott Carpenter (1925–2013) Navy
• Lt. Commander Walter M. Schirra, Jr. (1923–2007) Navy
• Captain Donald K. Slayton (1924–1993) Air Force
• Captain Leroy Gordon Cooper, Jr. (1927–2004) Air Force
Die Zahl 7, die an den Namen jedes einzelnen Raumschiffs angefügt wurde und die sich auch im Logo der Mission findet, ist auf diese sieben Astronauten zurückzuführen.
Die Astronauten gaben ihren Kapseln selbst Namen und fügten noch die Ziffer sieben an, denn für das Mercury-Projekt waren zunächst sieben Astronauten ausgewählt worden.

Hier mal die Auflistung aller unbemannten und bemannten Mercury-Starts aus Wikipedia:
Ich vermute, dass es mir die Tabelle zerhauen hat, aber so untereinander ist das vor allem für Screenreader-Nutzer eventuell besser zu lesen.

Die Flüge sind nach folgendem Schema aufgelistet:
Mission
Name des Raumschiffs
Start
Dauer
Besatzung
Bemerkung

Mercury-Little-Joe 1
21. August 1959
20 s
unbemannt
atmosphärischer Flug, Fehlzündung des Rettungssystems vor dem Start

Mercury-Big-Joe 1
9. September 1959
13 min
unbemannt
suborbitaler Flug, teilweise erfolgreich, erste Mercury im Weltraum

Mercury-Little-Joe 6
4. Oktober 1959
5 min
unbemannt
atmosphärischer Flug zur Erprobung der Rettungsrakete

Mercury-Little-Joe 1A
4. November 1959
8 min
unbemannt
atmosphärischer Flug, Fehlstart

Mercury-Little-Joe 2
4. Dezember 1959
11 min
Rhesusaffe Sam
erster amerikanischer Start mit einem Affen, Testflug zum Flugabbruch

Mercury-Little-Joe 1B
21. Januar 1960
8 min
Rhesusaffe Miss Sam
Flugabbruch erfolgreich erprobt

Mercury-Atlas 1
29. Juli 1960
3 min
unbemannt
atmosphärischer Flug, Fehlstart

Mercury-Little-Joe 5
8. November 1960
2 min
unbemannt
atmosphärischer Flug, wenig erfolgreich

Mercury-Redstone 1
21. November 1960
2 s
unbemannt
Fehlstart

Mercury-Redstone 1A
12. Dezember 1960
15 min
unbemannt
suborbitaler Flug

Mercury-Redstone 2
31. Januar 1961
16 min
Schimpanse Ham
suborbitaler Flug, erster Affe im Weltall

Mercury-Atlas 2
21. Februar 1961
17 min
unbemannt
suborbitaler Flug

Mercury-Little-Joe 5A
18. März 1961
23 min
unbemannt
suborbitaler Flug

Mercury-Redstone BD
24. März 1961
8 min
unbemannt
suborbitaler Flug

Mercury-Atlas 3
25. April 1961
7 min
unbemannt
Fehlstart

Mercury-Little-Joe 5B
28. April 1961
5 min
unbemannt
atmosphärischer Flug, teilweise erfolgreich

Mercury-Redstone 3
Freedom 7
5. Mai 1961
15 min
Alan Shepard
suborbitaler Flug, erster Amerikaner im Weltraum

Mercury-Redstone 4
Liberty Bell 7
21. Juli 1961
15 min
Virgil Grissom
suborbitaler Flug, Kapsel versank unbeabsichtigt nach der Wasserung

Mercury-Atlas 4
13. September 1961
1 h 49 min
unbemannt
die erste erfolgreiche Erdumkreisung in diesem Programm

Mercury-Atlas 5
29. November 1961
3 h 20 min
Schimpanse Enos
drei Erdumkreisungen geplant, zwei durchgeführt

Mercury-Atlas 6
Friendship 7
20. Februar 1962
4 h 55 min
John Glenn
erster Amerikaner in der Erdumlaufbahn, mit kleineren Problemen durchgeführt wie geplant, 3 Erdumkreisungen

Mercury-Atlas 7
Aurora 7
24. Mai 1962
4 h 56 min
Scott Carpenter
3 Erdumkreisungen. Einziger Mercury-Astronaut, der die Kapsel über die Spitze verlassen hat, wie es ursprünglich von den Technikern auch geplant war, alle anderen Astronauten nutzten die Sprengluke.

Mercury-Atlas 8
Sigma 7
3. Oktober 1962
9 h 13 min
Walter Schirra
„Raumflug aus dem Lehrbuch“, 6 Erdumkreisungen

Mercury-Atlas 9
Faith 7
15. Mai 1963
34 h 19 min
Gordon Cooper
22 Erdumkreisungen in 34 Stunden 20 Minuten, erstmals Landung am Folgetag

Das Ende des Projekts:
Die Reibungslosigkeit des Fluges von Walter Schirra über 6 Erdorbits mit Mercury 8 führte zu einer vorzeitigen Beendigung der Mercury-Raumflüge und dem vorgezogenen Beginn des Gemini-Programms.[2] Am 12. Juni 1963 wurde das Mercury-Programm offiziell eingestellt. Da Präsident John F. Kennedy in seiner berühmten Kongress-Rede am 25. Mai 1961 die Mondlandung innerhalb des laufenden Jahrzehnts als Ziel ausgegeben hatte, mussten weitergehende Raumfahrt-Programme anvisiert werden, da derart ehrgeizige Planungen mit dem Mercury-Programm nicht zu verwirklichen waren. Dies lag in allererster Linie an der Unmöglichkeit, das Raumschiff zu manövrieren. Das war aber für Kopplungsmanöver im All unabdingbare Voraussetzung. Es folgte das Gemini-Programm, dessen Planungsphase sogar schon 1959 begonnen hatte.

Dieses Projekt wird Gegenstand eines weiteren Artikels hier auf Blindnerd werden.

Hier noch einige sehr lesenswerte Links. Die meisten sind in Englisch, aber es ist auch was Deutsches dabei.

Deutsch

Geschichte der Raumfahrt – Das Mercury Programm

Englisch:
https://science.ksc.nasa.gov/history/mercury/mercury.html
https://www.nasa.gov/mission_pages/mercury/missions/program-toc.html
https://history.nasa.gov/SP-4407vol7.pdf

Dank an dieser Stelle an meinen Freund und Mitleser Matthias, der mich mit diesen Links “gefüttert” hat.
Und damit empfehle ich mich für heute. Wir hören und lesen uns dann zum Gemini-Projekt in ungefähr 14 Tagen.

Was Einstein vor einhundert Jahren weltberühmt machen sollte

Liebe Leserinnen und Leser,

In diesem Jahr jährt sich ein Ereignis zum hundertsten male, das Albert Einstein auf einen Schlag weltberühmt machen sollte.
Am 14.12.1919 brachte die Berliner ilustrierte Zeitung auf ihrer Titelseite das Portrait Albert Einsteins und schrieb:

“Eine neue Größe der Weltgeschichte, Albert Einstein, dessen Forschungen eine völlige Umwälzung unserer Naturbetrachtung bedeutet, und den Erkenntnissen eines Kopernikus, Kepler und Newton gleichwertig sind,”
Dieser Einstein war in das Interesse der Medien gerückt. Schuld daran war eine Sonnenfinsternis. Aber alles der Reihe nach.

Im Zusammenhang mit Schwarzen Löchern und den Gravitationswellen, haben wir uns schon dann und wann mit Einsteins Relativitätstheorie beschäftigt.
Diese Theorie besagt, dass Objekte sich nicht anziehen, sondern den Raum so umgestalten, dass sie sich durch ihre Gravitation aufeinander zu bewegen.
Oft wird, um dieses zu erklären, ein Gummituch als Vergleich herangezogen, das sich, wenn man zwei Kugeln auf das gespannte Tuch legt, so eindrückt, dass die leichtere Kugel auf die schwerere Kugel zurollt.
Das sieht dann so aus, als würden sich die beiden Kugeln anziehen.
Wer schon mal mit jemandem eine Luftmadratze oder ein Wasserbett geteilt hat, weiß, was ich meine.

Ändert sich der Raum, dann ändert sich auch dessen Geometrie. In unserem Alltag ist die Raumgeometrie flach. Das bedeutet, dass ein Dreieck eine Winkelsumme von 180 Grad besitzt.
Auf einer Kugel kann man drei Linien sich rechtwinklig so schneiden lassen, dass man ein Dreieck mit drei rechten Winkeln, also 270 Grad als Winkelsumme bekommt.
Stellt euch z. B. einen Globus mit seinem Äquator vor. Nun wählen wir uns einen Längengrad, z. B. den Null-Meridian. Wir führen ihn auf dem Globus weiter, bis sich die Linie schließt. Nun nehmen wir einen weiteren Längengrad, der an den Polen mit dem ersten einen Winkel von 90 Grad bildet. Das tuen die beiden Längengrade mit dem Äquator auch,
Und siehe da. Wir haben Dreiecke mit drei rechten winkeln.
Ein Dreieck auf einer quasi negativ gewölbten Oberfläche, z. B. einem Sattel, hat eine Winkelsumme, die kleiner als 180 Grad ist.
Im flachen Vakuum breitet sich Licht geradlinig mit der bekannten Lichtgeschwindigkeit (C =300000 km/s) aus. Ist der Raum geometrisch anders gekrümmt, muss sich auch das Licht auf gekrümmten Linien bewegen. Ein Weg von A nach B wird dann von einer Gerade zu einer Geodäten.
Wir empfinden das zwar nicht so, aber ein ewig langer Highway ist keine Gerade, weil er auf die gekrümmte Erdkugel gespannt ist.
Ein auf ihm fahrendes Auto muss dieser Krümmung folgen.

Wenn es stimmt, dass große Massen den Raum, bzw. die Raumzeit krümmen, sollte sich das anhand von Licht in der Nähe großer Massen, nachweisen lassen.
Gesucht wurde ein Objekt, das eine große Masse besitzt, aber entweder selbst nicht leuchtet, bzw. dessen Licht durch etwas anderes verdeckt wird.
Eine Sonnenfinsternis schien dazu geeignet, weil die Sonne eine große Masse besitzt und der mond manchmal dazu in der Lage ist, ihren alles überstrahlenden Lichterglanz abzudecken, damit zum Vorschein kommt, was in ihrer unmittelbaren Umgebung leuchtet und normalerweise durch ihren Glanz nicht sichtbar ist. Das sind die Korona und die Sterne am Taghimmel.
Ihr eigenes Licht wird zum Zeitpunkt der Totalität komplett vom Mond verdeckt. Aber ihre im Vergleich zur Erde riesige Masse, sollte das Sternenlicht, das in ihrer Nähe vorbei geht, leicht verzerren, weil in ihrer Nähe durch ihre Masse die Raumzeit oder auch der Raum gekrümmt werden sollte.

Einstein schlug diese Idee des Nachweises vor und gab sogar eine Grad-Zahl an, um wie viel Bruchteile einer Bogensekunde die Sterne zu ihrer sonstigen Position verschoben sein sollten. Er gab zunächst 0,875 Bogensekunden an. Betrachtete man ein Eurostück aus einer Entfernung von fünf Kilometern, betrüge sein Winkel von Rand zu Rand ungefähr diesen Wert.
Dieser Wert entsprach ungefähr dem, welchen man auch mit Newtons Himmelsmechanik berechnen konnte.

Das Schwerkraft Lichtstrahlen krümmen könnte, wurde schon 200 Jahre vor Einstein von dem Englischen gelehrten und Priester John Mitchell, vermutet.
Nachweisen konnte er aber seine Vermutung noch nicht.
Mitchell ging sogar noch weiter. Er rechnete mit Newtons Gravitationsgesetzen herum und schrieb im Jahre 1783 an den Physiker Henry Cavendish:
“Wenn der Halbmesser einer Kugel, welche die gleiche Dichte hat, wie die Sonne, fünfhundert mal so groß ist, wie der Halbmesser der Sonne, dann wird ein Körper, der aus unendlicher Höhe auf sie fallen würde, an ihrer Oberfläche eine Geschwindigkeit besitzen, die größer, als die des Lichtes ist.”
Na, wenn das nicht schon leicht nach einem schwarzen Loch riecht…

Die Idee, dass Licht durch Massen abgelenkt werden könnte, passte auch hervorragend zu Newtons Vorstellung der Beschaffenheit des Lichts. Er dachte, dass Licht aus winzigen farbigen Teilchen bestünde, die man ob ihrer Kleinheit und Schnelligkeit nicht einzeln wahrzunehmen im Stande sei. Diese sollten dann aber auch eine gewisse Masse haben und somit auch von anderen großen Massen auf ihrem geraden Wege, abgelenkt werden.
Auch Newton konnte seine Idee weder beweisen, noch berechnen, weil er nicht wusste, was seine Lichtteilchen wögen und ihm Möglichkeiten fehlten seine Vorstellung wenigstens experimentell zu beweisen.

Soweit also die Idee, die Ablenkung des Lichtes durch große Massen mittels einer Sonnenfinsternis nachweisen zu wollen.
Ob das Licht nun durch große Massen deshalb abgelenkt wird, weil seine Teilchen nach Newton auch Masse tragen, oder durch Einsteins Idee mit der Raumkrümmung in Anwesenheit großer Massen, funktionieren sollte diese Idee mit dem Nachweis durch eine Sonnenfinsternis so oder so, unabhängig davon, welche Vorstellung man zugrunde legt

Diese Beobachtung würde aber noch nicht beweisen, ob Newton, oder Einstein mit ihren Ideen als Grund, richtig lagen.

Die erste Möglichkeit der Beobachtung einer Sonnenfinsternis, ergab sich 1912 in Brasilien. Diese viel aber wegen Wolken und Regen ins Wasser.

Die nächste war am 21.08.1914 in Russland. Doch drei Wochen zuvor brach der erste Weltkrieg aus. Die deutschen Astronomen, die mit ihrem Gerät bereits in Russland waren, wurden interniert und deren Geräte beschlagnahmt.

1915 hatte Albert Einstein seine relativitätstheorie vervollkommnet und bemerkt, dass die Ablenkung ungefähr doppelt so hoch sein könnte.

Die Möglichkeit einer Überprüfung, einsteins neuestem Werts ergab sich am 29.03.1919 von der Insel Principe vor der Küste spanisch Guineas aus.
Wenn man bedenkt, dass der deutsche Einstein für die Engländer ein Feind war, ist es um so bemerkenswerter, dass sie diese Expedition vorbereiteten und durchführten.
Unter der Leitung des großen britischen Astronomen Athur Edington, wurde das Sternenfeld, in welchem die Finsternis stattfinden würde, bereits ein halbes Jahr vor dem Ereignis fotografiert, als es noch am Nachthimmel zu sehen war, um Vergleichsaufnahmen für die während der Finsternis gemachten Bilder zu haben.

Eine weitere englische Expedition beobachtete das Ereignis von Brasilien aus.

Beide Expeditionen fanden die Ablenkung des Sternenlichts und somit Einsteins Theorie bestätigt.
Und so war spätestens im November 1919 Einstein ein berühmter Mann geworden, dass sogar die Newyork Times über seine Entdeckung berichtete.

Heute, wo wir über wesentlich empfindlichere und bessere Teleskope verfügen, ist auch an anderer Stelle nachgewiesen worden, dass Einstein recht hatte. Muss beispielsweise das Licht einer Galaxie durch eine andere, vor ihr liegenden hindurch, ehe es zu uns gelangt, so krümmt die riesige Masse dieser Galaxie das Licht der dahinter liegenden derart, dass sie wie eine Linse wirkt, und diese heller und verzerrter erscheinen lässt. Das kann sich so stark auswirken, dass sogar Mehrfachbilder davon entstehen können.
Dieser Effekt wird deshalb auch Gravitationslinseneffekt genannt. Der spielt in der Astronomie eine große Rolle.

Um den Kreis zum Eingangszitat zu schließen sei bemerkt, dass Einstein in England und den USA längst schon berühmt war, bis sich deutsche Journalisten endlich herabließen ihn gleichermaßen zu würdigen.

Und damit verabschiede ich mich für heute.
Bis zum nächsten mal
euer Blindnerd.

Beitrag zur Blogparade Wie Technik mein Leben verändert

Seid herzlich gegrüßt,

Zu diesem Thema läuft derzeit eine hoch interessante Blogparade auf dem Blog Anders und doch gleich . An einer Blog-Parade beteiligt man sich, indem man ein zum Thema passenden Artikel auf seinem Blog veröffentlicht, dann auf die Parade verlinkt und dort in der Kommentarfunktion auf den Artikel aufmerksam macht.
Nach der Parade fasst der Veranstalter dann alles zusammen, verlinkt alles und veröffentlicht das Ergebnis.
Das soll dazu führen, dass Blogger sich kennen lernen und dass man eventuell noch mehr interessierte Folger findet. Außerdem fasst so eine Parade die gesammelten Aspekte zum Thema zusammen und hilft beim Netzwerken.

Dieses Thema spricht mich im höchstmaße an, weil Technik, vor allem Hilfstechnologie mein Leben als Mensch mit Blindheit in meinen fünfzig Lebensjahren, vor allem in den letzten dreißig, extrem verändert und gewandelt hat.

Würde ich hier alle Aspekte ansprechen, wo in meinem Leben Hilfstechnologie zum Einsatz kommt, sprengte dieses jeden Blog. Man könnte damit Bücher füllen.
Und außerdem. Die anderen, die sich an der Parade beteiligen, sollen ja auch noch Themen für sich finden.

Ein naheliegendes Blindnerd-Thema ist der Zugang zu Bildung und Wissenschaft.
Schon als Kind, war ich ein kleines wissensdurstiges Wesen. Gerne schnappte ich aus Rundfunk und Fernsehen alles auf, was irgendwie mit Technik und Wissenschaft zu tun hatte. Vor allem Tier-Dokumentationen und der Weltraum sowieso faszinierten mich schon immer. Oft trieb ich Personen meines Umfeldes in Verzweiflung, weil ich sie mit Fragen löcherte.

Leider gab es über Wissenschaft, vor allem über den Weltraum und Astronomie quasi keine Bücher in Punktschrift, die ich mir in den Blindenbüchereien hätte ausleihen können. Bis heute sind diese Themen in der Punktschriftliteratur absolut unterrepräsentiert. Das hängt damit zusammen, dass die Produktion eines Punktschriftbuches sehr kosten- und zeitintensiv ist. Somit muss schon im Vorfeld selektiert werden, was sich lohnt, in Punktschrift aufzubereiten. Da nimmt man dann verständlicherweise Themen, die größere Mehrheiten ansprechen, als blinde Nerds.
Etwas besser sah es in unseren Hörbüchereien aus. Ein Buch aufzulesen ist deutlich einfacher, als es in Punktschrift zu produzieren.
Aber auch hier war für mich bald alles abgegrast.
Ein weiterer Notstand zur inklusiven Teilhabe an Bildungs-Themen war der mangelnde Zugang zu Zeitungen.
Es blieben mir im wesentlichen bis auf wenige Hörzeitschriften oder die vorselektierte Zusammenstellung von Artikeln aus Stern und Zeit in Punktschrift nur Rundfunk und Fernsehen.
Somit war es im Grunde genommen nicht möglich, sich umfassend und gleichberechtigt zu informieren.
Eine Tageszeitung in Blindenschrift oder als Audio aufzubereiten ist zu zeitaufwändig und wäre somit nie aktuell.
Somit war die Situation so.
Man nahm, was man kriegte. Man las und hörte, was andere für einen zusammenstellten und somit auch für gut befanden. Anderes las man nicht, weil gewisse Gruppen meinten, das bräuchten blinde Menschen nicht, bzw. man solle uns doch vor diesem oder jenem bewahren, anderes wurde uns vorenthalten, bzw. war einfach nicht umsetzbar.
Dies änderte sich für mich vor ungefähr fünfundzwanzig Jahren mit einem Schlag und verbessert sich bis heute durch neue Technologien mehr und mehr.

1995 erhielt ich mein erstes Vorlesesystem, mit dem man ein Buch einscannen und sich anschließend per Sprachausgabe vorlesen lassen konnte. Dafür opferte ich ein ganzes Studiensemester, in welchem ich täglich viele Stunden vor diesem Gerät verbrachte und manchmal mehrmals wöchentlich Kunde der Stadtbibliothek war. In diesem halben Jahr las ich quasi nur. Es war, als stünde ich am Brunnen des Wassers des Lebens. Tröpfelte bisher nur wenig Literatur durch unsere Hörbüchereien und noch viel weniger in Blindenschrift zu mir, so ergoss sich nun dieser unerschöpfliche Quell. Ich konnte lesen, was ich wollte. Das war eine Befreiung.
Das machte mich selbstständiger, und deutlich mündiger.

Ich hatte nun Zugriff auf meine Themen. Es gab jetzt nicht mehr ein oder zwei Weltraumbücher in Punktschrift, bzw. vielleicht 20 auf Casette gelesene, sondern gefühlt hunderte.
Lediglich Bilder und Mathematik können derartige Systeme bis heute nicht beschreiben oder vorlesen.

Einen Computer mit Sprachausgabe und Braillezeile hatte ich Anfang der 90er Jahre auch schon. Mit dessen Hilfe konnte ich überhaupt erst studieren, denn die Studienliteratur wurde mir vom Studienzentrum für Sehgeschädigte (SZS) des Karlsruher Institutes für Technologie (KIT) elektronisch umgesetzt.
An diesem Institut bin ich nunmehr seit zwanzig Jahren beschäftigt.

Das Internet verbesserte dann den Zugang noch mehr und tut das bis heute. Ich informiere mich auf den Seiten von Zeitungen, lese und abonniere Blogs und bin begeisterter Hörer von Podcasts.
Besonders Podcasts sind ein wunderbarer Zugang zu Bildung und wissenschaft, weil sie zunächst ohne Bilder auskommen. Alles muss beschrieben werden, was für uns einen enormen Vorteil bietet.

Ich schrieb darüber in Podcasts ein inklusives Tor zu Bildung, Wissen und der Welt.

Aktuell ist die Situation so, dass die großen “Datenkraken” sogar schon versuchen, Bildmaterial automatisch zu beschreiben. Das funktioniert manchmal schon erstaunlich gut und stellt vor allem in sozialen Netzwerken manchmal schon einen großen Mehrwert dar.

Durch moderne Technologien, wie 3D-Druck, Lasercutter, graphikfähige Braille-Drucker und in balder Zukunft hoffentlich auch durch flächige taktile Displays, verbessert sich der Zugang zu Wissenschaft und Bildung mehr und mehr.

Ich habe großes Glück, am SZS zu arbeiten, denn dort halten wir derartige Technologie vor, erforschen und entwickeln sie weiter und setzen sie für unsere Studierenden mit Sehbeeinträchtigung ein.

Insbesondere meine Vorträge, Seminare und Freizeiten zu Themen der Astronomie haben durch derlei Entwicklungen viel an Wert und Qualität gewonnen.
So nutze ich beispielsweise mein Smartphone, um mich mit dem sprechenden Handplanetarium Universe2Go gemeinsam mit sehenden Astros zu orientieren. Ich hab jetzt quasi auch mein eigenes Instrument und kann bei Teleskop-Treffen inklusiv mit dabei sein.
In meinem Buch, “Blind zu den Sternen” habe ich dem Thema, welche neuen Möglichkeiten neue Technologien für den Zugang zu Astronomie bieten, ein ganzes historisches Kapitel gewidmet.
Das gibt es als Papierversion, Ebook und ist über die Blinden-Hörbüchereien als Daisy-Buch ausleihbar.

So, dann denke ich, dass ich die wesentlichen Punkte beschrieben habe, was den Zugang zu Wissenschaft und Bildung betrifft und wie technologische Entwicklungen diesen stets verbessern und mein Leben verändern und bereichern.
Schaut doch mal auf der Blogparade vorbei. Dort gibt es weitere Artikel zum Thema. Außerdem sind dort alle Informationen, wie Frau oder Mann sich auch an der Blogparade beteiligen können.

Vielen Dank an die Betreiberin dieses Blogs für diese schöne Einladung, mich dort beteiligen zu dürfen. Es war mir eine große Ehre und Freude.