Meine lieben, heute zu Halloween wird es ein wenig unheimlich. Wir begegnen einer Dame, deren Frisur jeden Friseur in die Flucht schlagen würde, einem jungen Helden mit einem ausgesprochen gefährlichen Auftrag und einem Stern, der am Himmel regelmäßig schwächer wird, als hätte er etwas zu verbergen.
Und inklusiv wird es außerdem.
Keine Sorge: Wir brauchen weder Knoblauch noch einen Holzpflock. Ein bisschen Fantasie, ein paar griechische Sagen und eine Prise Astronomie reichen völlig aus. Und wie so oft, wenn wir den Geheimnissen des Universums auf den Grund gehen, werden wir dabei auch Menschen begegnen, deren Geschichten uns daran erinnern, dass Begabung viele Gesichter hat und Wissenschaft keine Barrieren kennen sollte.
Die Dame, der man besser nicht in die Augen sah
In der griechischen Mythologie gab es drei Gorgonen. Sie waren furchterregende Wesen, und eine von ihnen war besonders berüchtigt: Medusa. Ihr Haar bestand aus lebenden Schlangen, und wer ihr direkt ins Gesicht blickte, erstarrte augenblicklich zu Stein.
Medusa war zudem die einzige sterbliche der drei Schwestern. Das sollte für den Helden Perseus noch eine wichtige Rolle spielen.
Perseus war der Sohn von Danaë und Zeus. Sein Großvater, König Akrisios, hatte einst von einem Orakel erfahren, dass er durch seinen eigenen Enkel sterben werde. Um das Schicksal zu verhindern, sperrte er Danaë ein. Doch gegen die Götter und ihre Absichten kam er nicht an. Perseus wurde geboren, und Mutter und Kind gelangten schließlich in einer Kiste über das Meer auf die Insel Seriphos. Dort wuchs der Junge heran.
Als Perseus erwachsen war, verlangte König Polydektes von ihm eine scheinbar unmögliche Heldentat: Er sollte den Kopf der Medusa beschaffen. Ob der König den jungen Mann einfach loswerden wollte oder ob er sich tatsächlich für unbesiegbar hielt, darüber lässt sich trefflich spekulieren.
Zum Glück stand Perseus nicht allein da. Die Göttin Athene gab ihm einen glänzenden Schild, und Hermes stattete ihn mit einem scharfen Schwert aus. Außerdem musste Perseus zunächst die Graien aufsuchen, drei alte Schwestern, die sich ein Auge und einen Zahn teilten. Man stelle sich das einmal im Alltag vor: „Entschuldigung, ich würde gern etwas sehen.“ – „Moment, meine Schwester hat gerade das Auge.“
Perseus gelang es, die Graien auszutricksen und den Weg zu den Gorgonen zu erfahren. Mit weiteren Hilfsmitteln, darunter geflügelten Sandalen, einem Helm, der unsichtbar machte, und einer Tasche für seine gefährliche Beute, zog er schließlich los.
Als er die Gorgonen fand, schliefen sie. Das war seine Gelegenheit. Aber wie sollte er Medusa enthaupten, ohne ihr ins Gesicht zu sehen? Ganz einfach. Er betrachtete ihr Spiegelbild im glänzenden Schild und führte den Schlag, ohne den verhängnisvollen direkten Blick zu riskieren.
Medusa war besiegt. Aus ihrem Körper beziehungsweise ihrem Blut gingen der Überlieferung nach weitere sagenhafte Gestalten hervor, darunter das geflügelte Pferd Pegasus. Perseus entkam mit dem Kopf der Gorgone. Als er später König Polydektes die schreckliche Beute zeigte, verwandelte dieser sich beim Anblick in Stein.
‚So viel dazu.
Götter am Himmel
Die alten Griechen beließen es nicht dabei, solche Geschichten am Lagerfeuer zu erzählen. Sie versetzten ihre Helden und Fabelwesen an den Himmel. Dort finden wir bis heute die Sternbilder Perseus, Pegasus, Andromeda und Kassiopeia. Sie sind Teil eines gewaltigen himmlischen Erzählbuchs, in dem sich Abenteuer, Eitelkeit, Mut und göttliche Launen über Jahrtausende erhalten haben.
Perseus wird auf Himmelskarten häufig mit dem abgeschlagenen Kopf der Medusa dargestellt. Und genau dort, im Kopf der Gorgone, sitzt ein Stern mit einem Namen, der zu unserer Geschichte passt, Algol.
Der Name stammt aus dem Arabischen und wird häufig mit „Dämon“ oder „Dämonenkopf“ wiedergegeben. Im Deutschen heißt Algol deshalb auch Teufelsstern. Schon der Name klingt, als müsste man sich beim Blick durchs Teleskop vorsichtshalber bekreuzigen. Astronomisch ist das natürlich nicht nötig. Algol ist kein Dämon, sondern ein Sternsystem – und gerade deshalb mindestens ebenso interessant.
Denn Algol macht etwas Seltsames. Seine Helligkeit verändert sich regelmäßig. Über mehrere Stunden wird er merklich schwächer, ehe er wieder heller wird. Für Menschen, die den Himmel über lange Zeit beobachteten, muss das wie ein unheimliches Blinzeln gewirkt haben. Medusas Auge schien sich zu bewegen.
Heute wissen wir, was dahintersteckt. Algol besteht aus drei unterschiedlich hellen Sternen, deren Umlauf sich besonders deutlich in der Helligkeit bemerkbar machen. Sie umkreisen einander. Wenn der lichtschwächere Stern vor dem helleren vorbeizieht, verdeckt er einen Teil des Lichts, das uns sonst erreichen würde. Das System erscheint dann für eine Weile dunkler. Anschließend zieht der Begleiter weiter, und Algol wird wieder heller.
Solche Sterne nennen Astronominnen und Astronomen Bedeckungsveränderliche. Der Stern selbst muss also nicht plötzlich weniger Licht produzieren. Der Teufelsstern hat seinen Schrecken damit weitgehend verloren. Aber seine regelmäßigen Helligkeitswechsel erzählen uns etwas über die Bewegungen und Eigenschaften der Sterne.
Algol ist auch ohne Hilfsmittel zu sehen. Allerdings sieht man dann nicht die drei Sterne, sondern das System als einen. Man kann also dieses Phänomen mit bloßem Auge verfolgen, wenn man ein Plätzchen ohne Lichtverschmutzung findet.
Eine Methode, exoplaneten zu finden macht sich genau dieses zu Nutze. Bei der Transit-Methode misst man Veränderungen der Helligkeit eines Sternes, die dadurch entsteht, wenn ein Planet vor ihm vorüber zieht.
Der junge Mann, der dem Teufel widersprach
Dass Algol kein dämonisches Eigenleben führt, sondern sich nach den Gesetzen der Physik verhält, erkannte schon vor mehr als zweihundert Jahren ein junger Astronom, John Goodricke.
Goodricke wurde 1764 geboren und war gehörlos. Im Jahr 1782 begann er, Algols Helligkeitsänderungen systematisch zu untersuchen. Er beobachtete, verglich und rechnete. Dabei erkannte er, dass die Veränderungen in regelmäßigen Abständen wiederkehrten. Seine Erklärung war bemerkenswert. Algol könnte einen lichtschwächeren Begleiter besitzen, der ihn bei seinem Umlauf zeitweise verdeckt.
Heute wissen wir, dass Algol nicht nur einen, sondern zwei Begleiter hat.
Die Vorstellung, dass ein Stern von einem Begleiter bedeckt wird, war damals keineswegs selbstverständlich. Die Sterne galten vielen Menschen als kleine, unveränderliche Lichtpunkte am Firmament. Goodricke zeigte, dass genaueres Beobachten aus einem vermeintlichen Himmelsrätsel eine wissenschaftlich untersuchbare Frage machen kann.
Er beschäftigte sich auch mit Delta Cephei, einem anderen veränderlichen Stern, und untersuchte dessen regelmäßige Helligkeitsänderungen. Diese Beobachtungen führten ihn in ein Gebiet, das später für die Vermessung des Universums entscheidend werden sollte
Goodrickes wissenschaftliche Laufbahn war allerdings erschreckend kurz. Er starb 1786, noch vor seinem 22. Geburtstag. Was hätte dieser junge Forscher wohl noch entdecken können, wenn ihm mehr Zeit geblieben wäre?
Seine Geschichte ist für mich auch deshalb bemerkenswert, weil sie zeigt, was wissenschaftliche Neugier vermag. Goodricke war gehörlos, aber seine Beobachtungen und Schlussfolgerungen sprachen eine Sprache, die in der Astronomie überall verstanden wird: die Sprache sorgfältiger Messungen und guter Erklärungen.
Ein Geheimnis, das in den Sternen steckt
Die Geschichte der veränderlichen Sterne endet aber nicht bei Algol. Ein anderer Typ solcher Sterne sollte sich als besonders nützlich erweisen. Und hier kommt Henrietta Swan Leavitt ins Spiel, eine amerikanische Astronomin, die ebenfalls mit einer erheblichen Hörbeeinträchtigung lebte.
Leavitt untersuchte am Harvard College Observatory Tausende Sterne auf fotografischen Platten. Frauen durften dort damals nicht selbst an Teleskopen arbeiten. Stattdessen wertete sie Aufnahmen aus und verglich die Helligkeiten der Sterne. Aus dieser geduldigen Arbeit entstand eine Entdeckung von gewaltiger Bedeutung.
Im Jahr 1912 beschrieb Leavitt einen Zusammenhang zwischen der Periode eines Cepheiden und seiner tatsächlichen Leuchtkraft: Je länger der Stern für einen Helligkeitszyklus benötigt, desto größer ist im Allgemeinen seine intrinsische Leuchtkraft.
und gerade aus diesem Zusammenhang wurde ein Werkzeug, mit dem sich bis heute Entfernungen im Weltall bestimmen lassen.
Bis dahin waren die Astronomen bei der Vermessung des Weltalls weitgehend auf die sogenannte Parallaxenmethode angewiesen. Dabei beobachtet man, wie sich die scheinbare Position eines Sterns vor dem Hintergrund weit entfernter Sterne verändert, wenn die Erde auf ihrer Bahn um die Sonne unterwegs ist. Je weiter ein Stern entfernt ist, desto kleiner wird diese Verschiebung. Bei großen Entfernungen ließ sie sich mit den damaligen Instrumenten kaum noch zuverlässig messen.
Allerdings fehlte Leavitt zunächst noch ein entscheidender Baustein: Sie fand zwar den Zusammenhang zwischen der Pulsationsperiode und der Leuchtkraft der Cepheiden, aber noch nicht die absolute Skala. Der dänische Astronom Ejnar Hertzsprung schaffte 1913 den Durchbruch, indem er die Beziehung mithilfe von Parallaxenmessungen an einigen Cepheiden in unserer Milchstraße kalibrierte.
Damit wurden Cepheiden zu kosmischen Entfernungsmessern, die weit über die unmittelbare Nachbarschaft unserer Sonne hinausreichten. Mit ihnen ließen sich Entfernungen zu anderen Galaxien bestimmen. Je nach Helligkeit des Sterns und Leistungsfähigkeit der Teleskope können Cepheiden heute noch in mehreren zehn Millionen Lichtjahren Entfernung beobachtet werden.
Und jetzt nochmal aufgepasst.
Es ist ganz wichtig, Algol und die Cepheiden auseinanderzuhalten. Bei Algol verändert sich die beobachtete Helligkeit vor allem deshalb, weil Sterne einander verdecken. Cepheiden dagegen verändern ihre Helligkeit, weil sie tatsächlich pulsieren. Sie dehnen sich aus und ziehen sich wieder zusammen. Zwei Arten von Sternen – zwei verschiedene Mechanismen . und beide verraten uns etwas über das Universum.
Und wenn die Sonne atmet?
Nach Medusas Schlangenhaar, dem blinkenden Teufelsstern und den kosmischen Entfernungsmessern wollen wir zum Schluss noch einmal zu dem Stern zurückkehren, den wir alle kennen und von dem wir leben, unsere Sonne.
Auch sie steht keineswegs völlig still. In ihrem Inneren breiten sich Schwingungen aus, und ihre Oberfläche bewegt sich dadurch auf und ab. Auf ihr brodelt es, wie in einem Topf kochenden Wassers. Diese Bewegungen gehen mit winzigen Veränderungen der Helligkeit einher. Astronominnen und Astronomen können solche Schwingungen messen und daraus Rückschlüsse auf das Innere der Sonne ziehen. Die Erforschung dieser Schwingungen nennt man Helioseismologie.
So schwingt unsere Sonne u. A. in einem Rhythmus von etwa fünf Minuten.
Man könnte also poetisch sagen: Unsere Sonne atmet.
Ihre Schwingungen entstehen durch die gewaltigen Vorgänge im heißen Inneren des Sterns.
Gäbe es zwischen der Sonne und uns ein Medium, das Schall transportieren kann, z. B. Luft, dann wäre es hier auf Erden überall unerträglich laut, weil wir dann gezwungen wären, unsere Sonne zu hören.
Und so schließt sich unser kleiner Bogen von der schrecklichen Medusa zur vertrauten Sonne. Am Himmel begegnen uns Dämonensterne, geflügelte Pferde und versteinernde Blicke. Doch hinter den alten Geschichten entdecken wir eine Wirklichkeit, die mindestens ebenso erstaunlich ist.
Vielleicht ist das ja das Schönste an der Astronomie: Wir müssen uns vor dem Himmel nicht fürchten, um über ihn staunen zu können. Und wenn Ihr das nächste Mal in einer klaren Nacht zu den Sternen hinaufblickt, denkt ruhig daran: Da draußen blinkt nicht nur Algol. Da draußen schwingt und klingt auf ihre ganz eigene Weise sogar unsere Sonne.
Und vielleicht hatte Goethe mit seinem dichterischen Gespür ja einen ganz eigenen Zugang zu diesem himmlischen Konzert.
Mit seinen Zeilen aus Faust I, dem Prolog im Himmel, entlasse ich euch in euren grusligen Halloween.
Die Sonne tönt nach alter Weise
In Brudersphären Wettgesang,
Und ihre vorgeschriebne Reise
Vollendet sie mit Donnergang.
Ihr Anblick gibt den Engeln Stärke,
Wenn keiner sie ergründen mag;
Die unbegreiflich hohen Werke
Sind herrlich wie am ersten Tag.
manchmal beginnt eine spannende astronomische Geschichte mit einer ganz einfachen Frage.
In unserem Fall lautete sie:
Was ist eigentlich MMX, die Mission, welche da letzte Woche startete und durch die Medien geisterte?
Und ehe ich mich versah, war ich mitten in die Recherche abgetaucht, und draußen hämmerte der Regen auf meine Dachfenster nieder. Perfektes Wetter für so was.
Gerne teile ich meine Begeisterung mit euch. Vielleicht könnt ihr ja auch was empfinden…
Am 19. Oktober 2026 um 21:41 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit startete vom japanischen Weltraumbahnhof Tanegashima eine H3-Rakete. An ihrer Spitze befand sich die Raumsonde MMX, was für „Martian Moons eXploration“ steht.
Das Ziel dieser japanischen Mission sind nicht etwa die Oberfläche des Mars, sondern seine beiden kleinen Monde Phobos und Deimos. Und ein besonders sympathischer Passagier ist auch dabei: ein kleiner deutsch-französischer Rover namens Idefix.
Zwei Monde und ein großes Rätsel
Mars besitzt zwei Monde. Der größere heißt Phobos, Angst, der kleinere Deimos, Schrecken. Passend zu einem Planeten dessen Name für Blut und Krieg steht.
Verglichen mit unserem Erdmond sind beide winzig. Phobos misst in seiner größten Ausdehnung ungefähr 27 Kilometer, Deimos etwa 15 Kilometer.
Beide sind unregelmäßig geformt. Statt beinahe kugelrunder Himmelskörper haben wir es eher mit kosmischen Kartoffeln zu tun.
Aber sie umkreisen den Mars, und sind somit eindeutig Monde.
Die Mission soll nun die Frage klären helfen, woher diese Monde überhaupt stammen. Endlich mal keine Suche nach Wasser oder Leben auf und um den Mars herum, wenn ihr mich fragt.
Es gibt mehrere Theorien, die es hoffentlich zu beweisen gelingt.
Eine Möglichkeit lautet, dass es sich ursprünglich um Asteroiden handelte, die vom Mars eingefangen wurden.
Eine andere Theorie geht davon aus, dass bei einer gewaltigen Kollision in der Frühzeit des Mars Material ins All geschleudert wurde, aus dem sich später die Monde bildeten.
Von solch einem Szenario gehen heutzutage die meisten Astronomen auch bei der Entstehung unseres Mondes aus.
Beide Erklärungen haben ihre Schwierigkeiten. Gerade deshalb wollen die Forschenden die Monde nicht nur aus der Ferne fotografieren, sondern ihre Zusammensetzung möglichst genau untersuchen.
Vor allem die „Einfang-Theorie“ ist relativ unwahrscheinlich. Es muss schon verdammt viel passen, wenn ein relativ leichter Himmelskörper, wie der Mars, etwas einfangen will. Meist gelingt das nicht, bzw. der Asteroid stürzt ab…
Zehn Gram Mondstaub für die Wissenschaft
Die japanische Raumfahrtagentur JAXA hat mit MMX eine außerordentlich ehrgeizige Mission auf den Weg gebracht.
Die Sonde soll im Sommer 2027 das Marssystem erreichen, Phobos aus der Nähe untersuchen, später auch Deimos beobachten und schließlich auf Phobos landen.
Dabei soll sie mindestens zehn Gramm Oberflächenmaterial einsammeln und zur Erde zurückbringen. Die Rückkehr ist für 2031 vorgesehen.
Zehn Gramm! Das klingt zunächst nach herzlich wenig. Nicht einmal ein ordentlich gehäufter Teelöffel.
Aber für die Wissenschaft können solche Proben von unschätzbarem Wert sein. Auf der Erde stehen schließlich Laborgeräte zur Verfügung, die man unmöglich alle auf einer Raumsonde unterbringen könnte. Außerdem lassen sich die Proben über viele Jahre mit neuen Methoden erneut untersuchen.
Dass dieses Prinzip funktioniert, haben die japanischen Missionen Hayabusa und Hayabusa2 bereits eindrucksvoll gezeigt.
Drei Module und eine Heimkehrkapsel
Die MMX-Sonde ist kein einzelner kompakter Flugkörper. Sie besteht aus mehreren Teilen, die während der Mission unterschiedliche Aufgaben erfüllen.
Da ist zunächst das Antriebsmodul mit den Triebwerken und Treibstofftanks. Es sorgt für wesentliche Bahnmanöver auf dem Weg zum Mars und im Marssystem.
Und damit ist nicht die Rakete gemeint, welche die ganze Mission aus dem Schwerefeld der Erde auf ihren Weg zum Mars bringt.
Über diesem Antriebsmodul befindet sich das Rückkehrmodul. Es soll später die wertvolle Fracht in Richtung Erde zurück bringen.
Schließlich gibt es das Erkundungsmodul mit den wissenschaftlichen Instrumenten, Landebeinen, Probenentnahmesystemen und unserem kleinen Idefix.
Hinzu kommt eine eigene Rückkehrkapsel, in der die Bodenproben den letzten Teil ihrer Reise antreten sollen.
Die Rückkehrkapsel ist ungefähr 60 Zentimeter groß und besitzt einen Hitzeschild. Sie soll sich vor den Eintritt in die Erdatmosphäre vom Rückkehrmodul trennen, in die Erdatmosphäre eintreten und in Australien an einem Fallschirm hängend landen.
Die Proben werden anschließend in einem speziellen Labor in Japan untersucht.
Während die Kapsel die Reise nach Hause schafft, ist für die anderen Teile der Sonde keine Landung auf der Erde vorgesehen.
Die Sonde auf der Rakete
MMX ist mit einer Startmasse von ungefähr vier Tonnen alles andere als ein Winzling. Ihre ausgebreiteten Solarpaneele erreichen eine Spannweite von mehreren Metern.
Natürlich passt ein solches Gebilde nicht einfach mit ausgeklappten Solarzellen und ausgestreckten Landebeinen auf eine Rakete.
Deshalb wird alles zusammengefaltet und verstaut.
Sie tritt ihre Reise sogar mit den Landebeinen nach oben an. Das leuchtet sehr ein, wenn man bedenkt, dass sich die Rakete nach oben hin verjüngt.
darum herum befindet sich die Nutzlastverkleidung, auf Englisch *Payload Fairing*. Sie schützt die empfindliche Raumsonde während des Starts vor Luftströmungen, Schall und anderen Belastungen.
Ich erinnere mich, wie wichtig diese Nutzlastverkleidung ist.
Beim Start des James-Webb-Weltraumteleskops musste man darauf achten, dass die Luft innerhalb dieser Verkleidung beim Aufstieg kontrolliert entweichen konnte.
Denn mit zunehmender Höhe sinkt der äußere Luftdruck. Würde die eingeschlossene Luft nicht ausreichend entweichen, könnten gefährliche Druckunterschiede entstehen. Gerade für die empfindlichen Strukturen und die hauchdünnen Schichten des Sonnenschutzschildes von Webb wäre das keine gute Sache gewesen. Die Folien hätten durch sich zu rasch ausdehnende Restluft reißen können.
Solche scheinbaren Nebensächlichkeiten zeigen, wie viele Dinge bei einem Raketenstart bedacht werden müssen.
Aber zurück zu unserem Marsmond.
Landen ohne Fallschirm
Auf allem, was eine Atmosphäre besitzt kann man mit Fallschirmen mehr oder weniger gut landen. Selbst auf dem Mars, wo ihre Dichte nur ein Hundertstel der Erdatmosphäre beträgt, helfen Fallschirme noch beim Abbremsen.
Phobos dagegen besitzt praktisch keine Atmosphäre.
Ein Fallschirm wäre dort völlig nutzlos. Es gibt schlicht keine Luft, gegen die er sich stemmen könnte.
Deshalb muss MMX ihre Annäherung an die Oberfläche mit Triebwerken kontrollieren. Und dabei wartet eine Schwierigkeit, die auf den ersten Blick vielleicht gar nicht so offensichtlich ist, die unglaublich geringe Schwerkraft.
Auf Phobos beträgt die Schwerkraft nur ungefähr ein Zweitausendstel der Erdschwerkraft.
Das bedeutet, dass ein Körper dort etwa 2000-mal weniger Gewichtskraft erfährt als auf der Erde.
Ein Mensch mit einer Masse von 80 Kilogramm würde auf Phobos nur eine Gewichtskraft spüren, die ungefähr dem Gewicht von 40 Gramm auf der Erde entspricht.
Ihr könnt ja mal ausrechnen, was das für unsere fünfundzwanzig Kilo schwere Sonde bedeutet…
Wer auf Phobos einen schweren Gegenstand anschiebt, muss immer noch dessen gesamte Masse beschleunigen. Aber die Schwerkraft hält weder den Gegenstand noch den Menschen besonders fest am Boden.
Warum man nicht einfach aufsetzen kann
Bei einer gewöhnlichen Landung hilft die Schwerkraft dabei, ein Fahrzeug auf dem Boden zu halten.
Auf Phobos ist das anders.
Die Sonde könnte beim Aufsetzen zurückprallen. Schon kleine Bewegungen oder Kräfte können dazu führen, dass sie wieder abhebt.
Je nach Stärke des Aufpralls könnte die Sonde sogar im All verloren gehen.
Und wenn ich daran denke, muss ich schon wieder etwas abschweifen, aber ihr kennt das ja vom Sternenonkel.
Im November 2014 landete der europäische Lander Philae, teil der Rosetta-Mission, auf dem Kometen 67P/Tschurjumow-Gerassimenko.
Eigentlich sollte sie sich mit Harpunen und Schraubmechanismen an der Oberfläche festhalten. Doch die Harpunen lösten nicht aus.
Eine kleine Düse sollte helfen, die Sonde auf den Kometen zu drücken. Aber leider versagte dieses Andrucksystem auch.
Philae prallte ab, hüpfte über die Kometenoberfläche und kam erst nach mehreren Bodenkontakten an einem viel zu schattigen Ort zur Ruhe.
Dort bekam sie zu wenig Sonnenlicht. Nach der ersten wissenschaftlichen Arbeitsphase erschöpften sich ihre Batterien.
Die Landung war also einerseits ein großer Erfolg, andererseits zeigte sie, wie tückisch die Verhältnisse auf kleinen Himmelskörpern sind.
Im September 2022 schlug die amerikanische NASA-Sonde DART absichtlich auf Dimorphos ein und veränderte dadurch dessen Umlaufbahn um Didymos. Die Umlaufzeit verkürzte sich um rund 33 Minuten.
Derzeit ist die ESA-Mission Hera zu Dimorphos unterwegs. Sie soll nachsehen, welchen Schaden die Dart-Mission dort hinterlassen hat, z. B. Trümmerwolke, Krater o. Ä.
Hera startete am 7. Oktober 2024 und soll das Asteroidensystem im November 2026 erreichen.
Und diese Erfahrungen spielen auch bei MMX eine Rolle.
Der SuchHund namens Idefix
Bevor die große MMX-Sonde selbst auf Phobos landet, soll der kleine Kundschafter, Idefix, vorausgeschickt werden.
Er wurde gemeinsam vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, kurz DLR, und der französischen Raumfahrtagentur CNES entwickelt und wiegt ungefähr 25 Kilogramm.
Seine Aufgabe besteht darin, Phobos direkt auf der Oberfläche zu untersuchen. Er soll den geeigneten Landeplatz finden.
Idefix soll etwa zum Jahreswechsel 2028/2029 aus einer Höhe von ungefähr 40 bis 100 Metern über der Oberfläche ausgeklinkt werden.
Kein Fallschirm, Keine Bremsraketen.
Der kleine Rover wird von einem Mechanismus ausgestoßen und fällt anschließend frei auf den Mond.
Wegen der winzigen Schwerkraft geschieht das wesentlich langsamer, als wir es von einem freien Fall auf der Erde gewohnt sind.
Trotzdem muss Idefix den Aufprall aushalten. Möglicherweise wird er mehrfach abprallen und schließlich irgendwie und irgendwo liegen bleiben.
Aber damit rechnen die Konstrukteure.
Idefix kann sich selbstständig auf seine Räder aufrichten. Anschließend entfaltet er seine Solarzellen und beginnt seine Erkundung.
Für die Arbeit auf Phobos sind ungefähr 100 Tage vorgesehen.
Autofahren mit einem Zweitausendstel Schwerkraft
Man könnte nun meinen, das Schwierigste sei überstanden, sobald Idefix auf seinen Rädern steht.
Aber weit gefehlt.
Wie fährt man eigentlich auf einem Boden, der die Räder kaum nach unten zieht?
Ein Rad braucht Haftung, um eine Antriebskraft auf den Boden zu übertragen. Auf der Erde sorgt die Schwerkraft für einen großen Teil der dafür notwendigen Anpresskraft.
Auf Phobos ist diese Kraft winzig.
Gibt der Rover zu kräftig Gas, können die Räder durchdrehen. Im schlimmsten Fall könnte das ganze Fahrzeug vom Boden abheben.
Stellt euch einen Autofahrer vor, der an einer Kreuzung unbedingt mit quietschenden Reifen losfahren möchte. Auf Phobos würde aus der Angeberei möglicherweise ein unfreiwilliger kleiner Raumflug, eine riesige Staubwolke, und eventuell keine Rückkehr mehr.
Idefix muss deshalb extrem vorsichtig fahren.
Als typische Geschwindigkeit ist etwa ein Millimeter pro Sekunde vorgesehen.
Das sind gerade einmal 3,6 Meter in einer Stunde, sofern er ohne Unterbrechung fährt.
Da ist selbst eine gemütliche Schnecke ein ernst zu nehmender Konkurrent.
Doch diese Langsamkeit ist kein Konstruktionsfehler. Sie ist eine notwendige Anpassung an die Verhältnisse.
Hüpfen anstatt Rollen
Ganz unbekannt ist das Problem nicht.
Die japanische Mission Hayabusa2 brachte bereits kleine Rover zum Asteroiden Ryugu.
Zumindest einer der drei Minerva-Rover bewegte sich hüpfend vorwärts.
Er benutzte bewegliche Massen im Inneren, um kleine Sprünge auszuführen.
Auch der deutsch-französische Lander MASCOT, der mit Hayabusa2 auf Ryugu landete, konnte sich mithilfe eines beweglichen Mechanismus im Inneren aufrichten und seine Position verändern.
In einer Umgebung mit extrem geringer Schwerkraft kann Hüpfen tatsächlich sinnvoller sein als Fahren.
Was untersucht Idefix?
MMX führt nicht nur unseren kleinen Hund Gassi.
Er trägt mehrere wissenschaftliche Instrumente, die sich gegenseitig ergänzen.
Zunächst gibt es seine Navigationskameras.
Zwei Kameras ermöglichen stereoskopische Aufnahmen. Aus ihren leicht unterschiedlichen Blickwinkeln lassen sich räumliche Informationen über die Umgebung gewinnen.
Damit kann der Rover Hindernisse erkennen und seine Fahrstrecke planen.
Dann besitzt er Kameras, die seine Räder beobachten.
Sie schauen dorthin, wo die Räder mit dem Boden in Berührung kommen.
Wie tief sinkt ein Rad ein?
Wird Material zur Seite geschoben?
Verdichtet sich der Boden?
Rutscht das Rad durch?
Solche Beobachtungen verraten viel über die mechanischen Eigenschaften der Oberfläche.
Und genau diese Fragen sind auch für die spätere Landung der großen MMX-Sonde wichtig.
Ein weiteres Instrument ist das Raman-Spektrometer RAX.
Es untersucht die mineralogische Zusammensetzung des Bodens.
Dazu beleuchtet es Material mit Laserlicht und analysiert die winzigen Veränderungen im zurückgestreuten Licht.
Bestimmte Moleküle und Mineralstrukturen hinterlassen dabei charakteristische Signaturen.
Auf diese Weise kann man etwas über die chemischen und mineralogischen Bestandteile des untersuchten Materials erfahren, ohne es in ein Labor auf der Erde bringen zu müssen.
Schließlich trägt Idefix das Radiometer miniRAD. Es misst die Wärmestrahlung der Oberfläche.
Damit lässt sich untersuchen, wie sich der Boden erwärmt und abkühlt. Daraus können die Forschenden Rückschlüsse auf seine thermischen Eigenschaften ziehen.
Lockeres, poröses Material verhält sich thermisch anders als massives Gestein.
Gemeinsam liefern die Kameras, das Spektrometer und das Radiometer also Informationen darüber, wie Phobos aussieht, woraus seine Oberfläche besteht und wie sie sich verhält.
Idefix ist damit ein kleines geologisches und geotechnisches Forschungslabor auf vier Rädern.
Ist Phobos ein großer Geröllhaufen?
Eine weitere Frage, wenn man worauf auch immmer landen möchte ist, Wie fest ist der Boden überhaupt?
Viele kleine Himmelskörper bestehen nicht aus einem einzigen massiven Gesteinsblock. Manche sind vielmehr Ansammlungen aus Geröll, Staub und größeren Brocken, die durch ihre gegenseitige Schwerkraft zusammengehalten werden.
Man spricht dann von einem *Rubble Pile*, also sinngemäß einem Geröllhaufen.
Auch bei Phobos sind Aufbau und Beschaffenheit des Inneren noch nicht vollständig geklärt.
Auf der Oberfläche könnte lockeres Material liegen, in das ein Fahrzeug einsinkt. Andere Bereiche könnten deutlich fester sein.
Für eine Landung ist das keineswegs nebensächlich.
Zu weicher Boden kann problematisch sein, weil die Landebeine einsinken könnten. Auf hartem Boden besteht dagegen die Gefahr des Abprallens.
Und wenn die Oberfläche geneigt ist, kommt noch das Rutschen hinzu.
Hier zeigt sich, warum Idefix mehr ist als eine nette Zugabe zur Mission.
Er soll Informationen liefern, die der Muttersonde bei ihrer späteren Landung und Probenentnahme helfen können.
Was geschieht mit der Muttersonde?
Nachdem MMX Phobos aus der Nähe erkundet und Idefix abgesetzt hat, soll die große Sonde selbst auf der Oberfläche auf ihren Landebeinen landen.
Dabei sollen zwei unterschiedliche Probenentnahmesysteme zum Einsatz kommen.
Eines kann kleine Bohrkerne aus einer Tiefe von ungefähr zwei Zentimetern gewinnen.
Das andere nutzt Gas, um loses Oberflächenmaterial aufzuwirbeln und aufzufangen.
Zusammen sollen sie mindestens zehn Gramm Material für die Rückreise sichern.
Nach Abschluss der Arbeiten wird das Rückkehrmodul den Weg zur Erde antreten. Das Erkundungsmodul mit den Landebeinen bleibt zurück, weil man sich dadurch Startgewicht spart und es nur unnötiger Ballast wäre, der nicht mehr gebraucht wird.
Die Rückkehrkapsel mit den Proben wird schließlich vor dem Wiedereintritt in die Erdatmosphäre abgetrennt und soll 2031 in Australien an einem Fallschirm landen.
Der Rest des Raumschiffs wird in der Erdatmosphäre verglühen.
Und dann beginnt für die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ein neues Abenteuer: die Untersuchung von Material, das noch nie zuvor in einem irdischen Labor gelegen hat.
Warum mich diese Mission so fasziniert
An MMX gefällt mir besonders, dass hier ganz unterschiedliche Bereiche der Raumfahrt zusammenkommen.
Da ist zunächst die große wissenschaftliche Frage nach der Herkunft der Marsmonde.
Dann die anspruchsvolle Himmelsmechanik, mit der eine Sonde nicht nur zum Mars fliegt, sondern sich einem winzigen Mond nähert, dort landet und anschließend wieder zur Erde zurückkehrt.
Hinzu kommen die Materialwissenschaft, die Robotik und die Physik extrem geringer Schwerkraft.
Und schließlich ist da die internationale Zusammenarbeit: Eine japanische Raumsonde trägt einen deutsch-französischen Rover, während zahlreiche weitere internationale Partner Instrumente und Unterstützung beisteuern.
Und vielleicht ist das eine der schönsten Seiten dieser Mission.
Ein kleiner Rover, der kaum schneller fährt als eine Schnecke, soll uns helfen, ein Rätsel aus der Frühzeit unseres Sonnensystems zu lösen.
Mehr über meine Begeisterung an dieser Mission muss ich euch wohl nicht erklären. Das seht ihr schon an der Überlänge dieses Artikels. Verzeihung.
Ich wünsche Idefix eine gute Reise und vor allem eine glückliche Landung.
Seid herbstlich gegrüßt
Euer geschwätziger Sternenonkel.
Meine lieben,
Ich glaube, ich habe in den ganzen Jahren noch nie über einen vergebenen Nobelpreis geschrieben. Das überlasse ichmeistens den Medien und oft bin ich mit den Themen nicht vertraut. In diesem Jahr 2026 ging der Nobelpreis für Physik aber an etwas, und an jemanden, wofür ich mich schon seit vielen Jahren interessiere und einiges darüber weiß. Lasst euch überraschen.
manchmal beginnt eine große Entdeckung mit etwas, das eigentlich gar nicht da sein dürfte. Oder besser gesagt: mit etwas, das fehlt.
Stellt Euch vor, Ihr beobachtet einen Vorgang, messt sorgfältig die Energie und stellt fest: Da stimmt etwas nicht. Ein Teil der Energie scheint verschwunden zu sein. Die Messgeräte sind in Ordnung, die Rechnung ist richtig, und trotzdem will die Natur nicht so recht ins Schema passen. Was nun?
Messfehler?
Eine falsche Theorie?
Oder fehlt in unserer Vorstellung schlicht ein Puzzleteil?
Vor einem solchen Rätsel stand der Physiker Wolfgang Pauli vor fast hundert Jahren. Seine Lösung war ziemlich gewagt: Vielleicht gab es da ein Teilchen, das wir noch gar nicht kannten. Eines, das Energie und Impuls davontrug, ohne dass wir es bemerkten.
Dieses Teilchen heißt heute Neutrino. Und es ist ein ganz besonderer Kandidat für unsere Rubrik „Dinge, die da sind, obwohl man sie kaum zu fassen bekommt“.
Der Physik-Nobelpreis des Jahres 2026 bringt uns gerade wieder auf seine Spur. Ausgezeichnet wurde der Physiker Francis Halzen für seine entscheidenden Beiträge zum Neutrinoobservatorium IceCube und zur Entdeckung hochenergetischer Neutrinos kosmischen Ursprungs. Damit wird eine Form der Astronomie gewürdigt, die sich nicht auf das Licht verlässt, sondern auf Teilchen, die uns aus den gewaltigsten Vorgängen im Universum erreichen.
Aber bevor wir zum Südpol reisen, müssen wir uns erst einmal mit einem Teilchen anfreunden, das sich wirklich nicht aufdrängt.
Ein Teilchen aus der Not geboren
Wir schreiben das Jahr 1930. Beim sogenannten Betazerfall zerfällt ein Atomkern. Dabei wird unter anderem ein Elektron ausgesandt. Nun könnte man erwarten, dass dieses Elektron immer eine ganz bestimmte Energie besitzt. Doch die Messungen zeigten etwas anderes: Die Elektronen kamen mit unterschiedlichen Energien daher.
Das war kein bloßes Detail für Erbsenzähler. Die Energie muss bei einem solchen Vorgang erhalten bleiben. Wenn das Elektron weniger Energie mitnimmt, als nach den bisherigen Vorstellungen zu erwarten wäre, dann muss die übrige Energie irgendwo geblieben sein.
Wolfgang Pauli schlug deshalb vor, dass beim Zerfall noch ein weiteres Teilchen entsteht. Es sollte elektrisch neutral sein, nur sehr wenig Masse besitzen und einen Teil der Energie mitnehmen. Auch der Impuls und der Drehimpuls des gesamten Vorgangs sollten so erhalten bleiben.
Pauli hatte damit ein Teilchen vorgeschlagen, das man noch nicht nachweisen konnte. Das war eine kühne Idee. Der italienische Physiker Enrico Fermi gab ihm später den Namen „Neutrino“, sinngemäß ein kleines neutrales Teilchen.
Bis zum experimentellen Nachweis vergingen allerdings noch gut 25 Jahre. 1956 gelang es Clyde Cowan und Frederick Reines, Neutrinos aus der Nähe eines Kernreaktors nachzuweisen. Das Teilchen, das zunächst vor allem eine Erklärung für ein Energieproblem gewesen war, war damit in der Natur angekommen.
Nun sind Neutrinos allerdings keine gewöhnlichen Besucher. Sie tragen keine elektrische Ladung und wechselwirken nur äußerst selten mit Materie. Während Licht an Materie gestreut oder absorbiert werden kann, durchqueren Neutrinos ganze Planeten, ohne auch nur anzuklopfen. Milliarden von ihnen fliegen in jeder Sekunde durch unseren Körper. Wir bemerken davon nichts.
Die Sonne liefert zu wenig
Mit der Entdeckung des Neutrinos war die Geschichte noch lange nicht zu Ende. Im Gegenteil: Bald zeigte sich, dass dieses Teilchen neue Rätsel mitbrachte.
In der Sonne laufen Kernreaktionen ab, bei denen gewaltige Mengen Neutrinos entstehen. Aus unserem Wissen über die Vorgänge im Sonneninneren ließ sich berechnen, wie viele dieser Teilchen auf der Erde ankommen sollten. Doch als der amerikanische Physiker Raymond Davis in den 1960er-Jahren mit seinem Experiment nach ihnen suchte, fand er viel weniger als erwartet.
Sein Detektor befand sich tief unter der Erde in einer Goldmine in South Dakota. Dort stand ein riesiger Tank mit ungefähr
100.000 US-Gallonen – das entspricht rund 379.000 Litern
einer chlorhaltigen Flüssigkeit. Die Idee war, dass ein seltenes Neutrino mit einem Atomkern reagieren und dabei ein radioaktives Argonatom erzeugen konnte. Dieses Argon ließ sich anschließend aufspüren und zählen.
Ein eingefangenes Sonnenneutrino konnte aus Chlor-37 ein Atom Argon-37 machen.
Argon-37 hat eine Halbwertszeit von ungefähr 35 Tagen. Während die Forschenden auf weitere Neutrinos warteten, zerfielen also bereits einige der mühsam erzeugten Argonatome wieder.
Nach einer Sammelphase wurde das Argon mit Helium aus dem Tank gespült, aufkonzentriert und in einem winzigen Zählrohr untersucht. Die Forschenden registrierten die Zerfälle und mussten statistisch zwischen Neutrinosignal und Hintergrund unterscheiden.
Das Experiment war eine Geduldsprobe. Die Forschenden mussten über lange Zeit hinweg nach wenigen Ereignissen suchen. Und das Ergebnis war verblüffend. Es wurden nur etwa ein Drittel der erwarteten Elektron-Neutrinos registriert.
Hatte man die Sonne falsch verstanden?
War der Detektor unzuverlässig?
Oder verhielten sich die Neutrinos unterwegs anders, als man dachte?
Die Antwort war tatsächlich die letzte Möglichkeit. Neutrinos treten in drei Sorten auf, die man Elektron-, Myon- und Tau-Neutrinos nennt.
Neutrinos sind das, was man bei Harry Potter Gestaltwandler nennt.
Sie können sich verwandeln.
Während sie sich durch den Raum bewegen, können sie zwischen ihren drei Sorten wechseln. Dieses Phänomen heißt Neutrinooszillation.
Der Detektor von Davis war vor allem für Elektron-Neutrinos empfindlich. Wenn ein Teil der Teilchen unterwegs in andere Sorten wechselte, konnte das Experiment sie nicht auf dieselbe Weise registrieren. Die fehlenden Neutrinos waren also nicht verschwunden. Sie hatten gewissermaßen ihre Sorte gewechselt.
Diese Erklärung wurde durch weitere Experimente bestätigt. Zugleich ergab sich eine wichtige Konsequenz: Neutrinos müssen Masse besitzen. Das war ein Hinweis darauf, dass das damalige Standardmodell der Teilchenphysik nicht die ganze Geschichte erzählte.
Aus einem scheinbar misslungenen Experiment war eine neue Erkenntnis geworden. Und wieder zeigte sich: Wenn die Natur nicht so antwortet, wie wir es erwarten, kann genau darin der Anfang einer Entdeckung liegen.
ein Eiswürfel am Südpol
Damit sind wir beim aktuellen Nobelpreis und bei Francis Halzen angekommen. Seine große Idee war, das Eis am Südpol als riesigen Neutrinodetektor zu nutzen.
Warum ausgerechnet Eis? Weil Neutrinos so selten mit Materie wechselwirken, braucht man eine gewaltige Menge davon, um eine brauchbare Zahl von Ereignissen zu registrieren. Ein kleiner Tank reicht für bestimmte Experimente, aber für die Suche nach besonders energiereichen Neutrinos aus dem Kosmos darf es gern etwas mehr sein.
IceCube nutzt ungefähr einen Kubikkilometer antarktisches Eis. In tiefen Bohrlöchern wurden Tausende lichtempfindliche Sensoren installiert. Sie bilden ein dreidimensionales Messinstrument, das im Eis nach winzigen Lichtsignalen Ausschau hält.
Natürlich sieht IceCube ein Neutrino nicht einfach vorbeifliegen. Das wäre ja auch zu schön. Erst wenn ein Neutrino doch einmal mit einem Atomkern im Eis wechselwirkt, kann es geladene Teilchen erzeugen. Diese Teilchen bewegen sich mitunter schneller durch das Eis, als sich Licht dort ausbreitet. Dabei entsteht ein schwaches blaues Licht, die sogenannte Tscherenkow-Strahlung.
Die Sensoren registrieren, wann und wo dieses Licht eintrifft. Aus der Verteilung der Lichtsignale können die Forschenden rekonstruieren, in welche Richtung sich das entstandene Teilchen bewegt hat und wie energiereich das Ereignis war. Daraus lässt sich auf das ursprüngliche Neutrino schließen.
Und warum müssen wir dafür so tief ins Eis? Weil die Signale selten sind und störende Einflüsse möglichst gut abgeschirmt werden sollen. Der riesige Detektor braucht eine große Menge klaren und durchsichtigem Eises und eine möglichst ruhige Umgebung. Der Südpol ist dafür ein sehr geeigneter Standort.
Die Arbeit von Halzen und den vielen beteiligten Forschenden und Ingenieuren hat damit eine neue Art von Astronomie möglich gemacht. Hochenergetische Neutrinos können aus extremen kosmischen Umgebungen stammen. Sie verraten uns etwas über Orte, an denen Teilchen auf gewaltige Energien beschleunigt werden – und über Vorgänge, die wir allein mit Licht nicht vollständig verstehen würden, z. B. über die Umgebungen um schwarze Löcher herum, sterbende Sterne oder die Verschmelzung von Neutronensternen.
Übrigens: Einige IceCube-Ereignisse haben in der Fachwelt Namen bekommen, die eher an die Sesamstraße als an ein Teilchenphysiklabor erinnern. „Bert“ und „Ernie“ heißen zwei frühe, besonders bemerkenswerte Ereignisse hochenergetischer Neutrinos. Auch in der Spitzenforschung darf man offenbar gelegentlich ein wenig Kind bleiben.
Klingende Neutrinos
Meine lieben, jetzt haben wir uns eine ganze Weile mit Lichtblitzen im antarktischen Eis beschäftigt. Aber wie wäre es, wenn wir dieses riesige Neutrinoexperiment nicht nur erklären, sondern auch sinnlich erfahrbar machen könnten?
Genau das hat der Künstler Tim Otto Roth aus Oppenau im Schwarzwald versucht. Seine Installation trägt den Namen aiskju:b – eine lautmalerische Schreibweise von „IceCube“, die zugleich ein bisschen nach Eiswürfel klingt.
Roth setzte das Südpol-Experiment mit 444 illuminierten Lautsprechern um. In dieser begehbaren Installation wurden wissenschaftliche Messdaten in Klänge und Farben übersetzt. Die Teilchenspuren, die IceCube im Eis registriert, konnten so auf eine ganz andere Weise erlebt werden. Was im eigentlichen Experiment als zeitliche Folge von Lichtsignalen in Tausenden Sensoren auftaucht, bekam hier eine räumliche und akustische Gestalt.
Der IceCube-Physiker Christian Spiering war von dieser Umsetzung begeistert. Und ich kann gut verstehen, warum. Denn die Kunst versucht hier nicht einfach, ein wissenschaftliches Gerät hübsch nachzubauen. Sie eröffnet einen anderen Zugang zu einem Experiment, dessen eigentlicher Gegenstand sich unseren Sinnen normalerweise entzieht.
Wir sind mal wieder mit dem Ohr am Teleskop
Natürlich hören wir dabei nicht das Neutrino selbst. Die Klänge sind eine künstlerische Übersetzung der Messdaten, keine Geräusche, die das Teilchen im Eis tatsächlich erzeugt. Aber gerade das ist spannend: Aus Daten wird eine Erfahrung, die uns eine Vorstellung davon vermitteln kann, was sonst nur in Diagrammen, Messkurven und wissenschaftlichen Publikationen zugänglich ist.
Vielleicht wäre der Nobelpreis ein schöner Anlass, die Installation nochmal aus dem Eisfach zu holen. Immerhin gibt es eine Projektseite mit sogar Klangbeispielen. Hier lang.
Die Boten, die vor dem Licht ankamen
Neutrinos können uns nicht nur von weit entfernten Beschleunigern im Kosmos erzählen. Sie sind auch besonders wertvolle Boten, wenn Sterne ihr Leben auf spektakuläre Weise beenden.
Am 23. Februar 1987 wurde eine Supernova in der Großen Magellanschen Wolke beobachtet. Diese kleine Begleitgalaxie unserer Milchstraße liegt ungefähr 160.000 Lichtjahre entfernt. Mehrere Neutrinodetektoren auf der Erde registrierten Teilchen, die mit diesem Ereignis in Verbindung gebracht werden konnten. Insgesamt handelte es sich nur um einige Dutzend nachweisbare Neutrinoereignisse – und doch war das ein Meilenstein.
Die Neutrinos kamen ungefähr drei Stunden vor dem sichtbaren Aufleuchten der Supernova an. Das klingt zunächst so, als hätten sie das Licht überholt. Haben sie aber nicht. Die Erklärung liegt im Inneren des sterbenden Sterns.
Bei einer Kernkollaps-Supernova stürzt der Kern eines massereichen Sterns in sich zusammen. Dabei werden ungeheure Mengen Energie frei, und ein großer Teil davon wird als Neutrinos abgestrahlt. Weil Neutrinos nur selten mit Materie wechselwirken, können sie den dichten Stern relativ rasch verlassen.
Die Lichtquanten haben es deutlich schwerer. Sie werden im Inneren des Sterns immer wieder gestreut und absorbiert und müssen sich ihren Weg durch die äußeren Schichten erst bahnen. Erst wenn die Explosion die Sternhülle genügend aufgelockert hat, wird der Stern auch im sichtbaren Licht auffällig.
Die Neutrinos waren also nicht schneller als das Licht. Sie konnten nur früher aus dem Inneren entkommen.
Man könnte sagen, dass die Neutrinos schon den Brand melden, während die Flammen für uns noch hinter einer dicken Wand verborgen sind.
Was wiegt der Geist
Nach dem Südpol und der Großen Magellanschen Wolke machen wir einen Sprung zurück in die Heimat. Denn auch bei uns am KIT, auf dem Campus Nord, wird dem Neutrino nachgespürt. Hier steht das KATRIN-Experiment, dessen Name für „Karlsruhe Tritium Neutrino Experiment“ steht.
Die Frage, die KATRIN beantworten möchte, ist eine andere als die von IceCube. IceCube nutzt hochenergetische Neutrinos, um extreme Vorgänge im Universum zu untersuchen. KATRIN hingegen will die Masse des Elektron-Antineutrinos bestimmen.
Das klingt zunächst so, als würde man das Neutrino auf eine Waage legen. Doch natürlich funktioniert das nicht. KATRIN untersucht den Betazerfall von Tritium, einem radioaktiven Wasserstoffisotop. Dabei entsteht unter anderem ein Elektron und ein Elektron-Antineutrino.
Die Energie, die bei diesem Zerfall frei wird, verteilt sich auf die beteiligten Teilchen. KATRIN misst die Energie der Elektronen mit außerordentlicher Präzision. Besonders interessant ist das Ende des Elektronen-Energiespektrums: Dort zeigt sich, wie viel Energie dem Elektron im äußersten Grenzfall zur Verfügung steht.
Aus der genauen Form dieses Spektrums lässt sich ableiten, welche Masse das Neutrino haben kann. Es wird also kein einzelnes Neutrino gewogen. Vielmehr vergleicht man die Messdaten mit den theoretischen Erwartungen und prüft, welche Neutrinomassen mit den Beobachtungen vereinbar sind.
Das Herzstück der Anlage ist ein gewaltiges elektrostatisches Spektrometer. Sein Hauptspektrometer ist rund 24 Meter lang und etwa zehn Meter im Durchmesser. Es ist so groß, dass seine Reise nach Karlsruhe zu einer Geschichte für sich wurde.
Gefertigt wurde der riesige Behälter in Deggendorf. Der Transport auf dem Landweg wäre schwierig gewesen, deshalb ging es auf eine lange Schiffsreise: über die Donau und das Schwarze Meer, durch das Mittelmeer, rund um die Iberische Halbinsel und über den Atlantik und die Nordsee. Von dort führte der Weg über den Rhein weiter nach Karlsruhe. Insgesamt waren es rund 8.800 Kilometer – eine Weltreise für ein Messgerät, das am Ende eine winzige Teilchenmasse eingrenzen soll.
Das schmeckt dem Sternenonkel. Für die Suche nach einem der leichtesten Teilchen der Natur braucht man einen der eindrucksvollsten Apparate der Teilchenphysik. Und dann muss man ihn erst einmal heil an seinen Bestimmungsort bringen.
Es gibt noch weitere Detektoren auf der Erde.
KM3NeT
Das ist Dein Unterwasser-Teleskop! Es besteht aus zwei Teilanlagen: ARCA vor Sizilien sucht besonders nach hochenergetischen kosmischen Neutrinos; ORCA vor der französischen Küste untersucht unter anderem Neutrinooszillationen.
Super-Kamiokande
Ein unterirdischer Tank mit 50.000 Tonnen ultrareinem Wasser und rund 13.000 Lichtsensoren. Er beobachtet unter anderem Sonnen-, atmosphärische und Beschleuniger-Neutrinos. Durch Gadolinium im Wasser lassen sich bestimmte Neutrinoreaktionen besser von Störsignalen unterscheiden.
SNO+
Der Nachfolger des berühmten Sudbury Neutrino Observatory. Eine große Kugel mit Flüssigszintillator registriert winzige Lichtsignale. SNO+ untersucht unter anderem Sonnen- und Geo-Neutrinos – also Teilchen, die bei radioaktiven Zerfällen im Erdinneren entstehen.
JUNO
Ein riesiger kugelförmiger Flüssigszintillator-Detektor, der die Eigenschaften und das Verhalten von Neutrinos mit hoher Präzision vermessen soll. JUNO ist besonders auf die Frage ausgerichtet, in welcher Reihenfolge die verschiedenen Neutrinomassen liegen. 2026 begann die neue Anlage, ihre ersten wissenschaftlichen Ergebnisse zu liefern.
Ein unsichtbarer Anfang und eine lange Suche
Meine lieben, wenn wir uns die Geschichte des Neutrinos anschauen, dann lernen wir nicht nur etwas über ein besonders scheues Elementarteilchen. Wir lernen auch etwas darüber, wie Physik funktioniert.
Wolfgang Pauli postulierte das Neutrino, bevor es jemand nachweisen konnte.
Einstein sagte Gravitationswellen voraus, lange bevor es Messgeräte gab, die winzige Erschütterungen der Raumzeit registrieren konnten.
Und das Higgs-Boson blieb jahrzehntelang ein theoretisch vorhergesagtes Teilchen, bis am CERN endlich die passenden Spuren in den Messdaten auftauchten.
Drei Geschichten, drei unterschiedliche physikalische Probleme – und doch eine gemeinsame Erfahrung. Manchmal führt uns die Mathematik an eine Grenze, hinter der wir etwas vermuten, das wir noch gar nicht beobachten können.
Natürlich ist damit nicht alles, was sich jemand ausdenkt, schon Wissenschaft. Eine schöne Idee allein genügt nicht. Sie muss sich an der Natur messen lassen, überprüfbare Vorhersagen liefern und sich im Experiment bewähren. Und manchmal dauert es eben Jahrzehnte, bis wir die technischen Möglichkeiten besitzen, um herauszufinden, ob unsere Rechnungen tatsächlich recht behalten.
Vielleicht ist das eine der schönsten Seiten der Wissenschaft. Wir müssen nicht schon alles sehen können, um eine gute Frage zu stellen. Aber wir müssen bereit sein, lange genug nach einer Antwort zu suchen, und unsere Vorstellungen zu ändern, wenn die Natur uns etwas anderes erzählt.
es ist nun so weit. An kommendem Mittwoch, 12.08.2026 werden wir eine in europa mehr oder weniger sichtbare Sonnenfinsternis in den Abendstunden, leider, haben.
Leider deshalb, weil sie einfacher und für mehr Menschen beobachtbar wäre, fände sie beispielsweise in den Mittagstunden statt, wo die Sonne hoch am Himmel steht. An vielen Orten wird die Beobachtung schwierig bis unmöglich, wenn z. B. Berge die Sicht auf den Sonnenuntergang und den Horizont versperren. Aus diesem Grunde werden viele die Finsternis von der Wasserseite hert von Schiffen aus beobachten.
Wünschen wir allen einen klaren Himmel und eine gute Sicht.
Eine Sonneninsternis lässt natürlich den Sternenonkel nicht kalt. Und das, obwohl Sonnen- und Mondfinsternisse gar nicht so selten vorkommen, wie es den Anschein hat. Bis zu sieben Finsternisse können pro Jahr stattfinden, aber nicht in beliebiger Reihenfolge, und nicht nur entweder Sonnen- oder Mondfinsternisse. Dazu kommt, dass Sonnenfinsternisse immer nur auf einem wenige hundert Kilometer breiten Streifen zu sehen sind, und das je nach Standort oft nur wenige Sekunden bis wenige Minuten lang. Nicht zuletzt ist unsere Erde zu 3 Fünftel von Wasser bedeckt, so dass ein Großteil der Finsternisse ins Wasser fallen, bzw. dort stattfinden, wo einem eventuell Krokodile in die Füße zwicken könnten, und wo vor allem keine komfortablen Hotels stehen.
Mondfinsternisse scheinen öfter aufzutreten als Sonnenfinsternisse, aber das kommt einem nur so vor, weil sie viel länger dauern und von deutlich mehr Menschen auf der Erde gesehen werden können.
Die Erde vermag es ob ihrer Größe, den Mond viel länger hinter sich zu verstecken. Und da sie sich in der Zeit der Verfinsterung unter dem Mond hinweg dreht, erhalten viel mehr Menschen die Chance, die Mondfinsternis zu beobachten.
Über vieles, was hier zur Sprache kommen wird, habe ich an anderer Stelle schon geschrieben. Damit ihr nicht mühsam danach suchen müsst, trage ich die wesentlichen Punkte hier zusammen und werde an gegebener Stelle auf diverse Artikel verweisen.
Nichts desto Trotz haben wir diesmal Glück. Lasst mich deshalb nochmal einen Rundumschlag zum Thema Finsternisse machen.
Rückschau
Manche von uns haben die Finsternis vom 11.08.1999 erleben dürfen. Andere von uns fuhren vielleicht im Urlaub einer Finsternis entgegen. Halten wir doch einfach mal kurz inne, und erinnern uns an unsere „finsteren Erinnerungen“. Der Sternenonkel würde sich sehr darüber freuen, einige eurer Geschichten in den Kommentaren zu finden.
Lasst euch mit folgendem Link durch meine Erinnerungen an diese alte Sonnenfinsternis vielleicht inspirieren. Finstere Erinnerungen
Fahrplan der Finsternis
So, nachdem wir nun alle voll Erinnerungen schwelgend wieder hier zurück sind, schauen wir uns an, wie die bevorstehende Finsternis grob verläuft.
Wundert euch nicht, dass ich mich hier auf Bozen beziehe, aber ich mache zum Zeitpunkt der Finsternis dort Urlaub und werde die Sofi mit unseren Hausgästen gebührend feiern und würdigen.
Verlauf
Der Kernschatten beginnt seine Reise im hohen Norden Russlands, überquert das Nordpolarmeer und Grönland, streift Island und erreicht schließlich Europa. Nach der Überquerung Nordspaniens zieht er weiter über das Mittelmeer. Für viele Beobachter in Deutschland, Österreich und Norditalien bleibt es bei einer sehr tiefen partiellen Sonnenfinsternis – in Bozen beispielsweise werden über 91 % der Sonnenscheibe vom Mond bedeckt, während nur wenige Kilometer weiter südwestlich bereits die vollständige Verdunkelung zu erleben ist.
Was ist in Bozen zu sehen?
Bozen liegt knapp außerhalb der Totalitätszone, bekommt aber eine außergewöhnlich tiefe partielle Finsternis:
Beginn: 19:25 Uhr
Maximum: 20:18 Uhr
Ende: 20:29 Uhr
Magnitude: 0,918
Das bedeutet, dass über 91 % des Sonnendurchmessers vom Mond bedeckt werden. Die verbleibende Sonnensichel ist sehr schmal, dennoch wird es keine Totalität geben – die helle Photosphäre bleibt sichtbar, sodass eine Finsternisbrille während der gesamten Beobachtung erforderlich ist.
Wer den Fahrplan genauer studieren möchte, findet ihn sicher in Wiki und auf einschlägigen Astronomie-Seiten.
Wie funktionieren Sonnenfinsternisse
Lasst uns nun einen Blick darauf werfen, wie Sonnenfinsternisse überhaupt zustande kommen.
Der Trick besteht darin, dass für eine Finsternis gleich drei verschiedene Zyklen des Mondes gleichzeitig nahezu wieder am Anfang stehen müssen.
Es gibt nämlich neben dem typischen Mondzyklus, den wir in unserem Kalender üblicherweise, z. B. zur Berechnung unseres Osterfestes benutzen noch weitere Mondzyklen, die wir zur Erklärung von Finsternissen betrachten müssen.
Der synodische Monat
Das ist die Zeit von einem Neumond bis zum nächsten Neumond.
Ein synodischer Monat dauert etwa 29,53059 Tage
Eine Sonnenfinsternis kann nur bei Neumond stattfinden, eine Mondfinsternis nur bei Vollmond.
Der drakonitische Monat – die Bahnknoten
Die Mondbahn ist gegenüber der Erdbahn um etwa fünf Grad geneigt. Deshalb läuft der Mond meistens oberhalb oder unterhalb der Sonne vorbei.
Die beiden Schnittpunkte der Mondbahn mit der Erdbahnebene heißen aufsteigender und absteigender Bahnknoten.
Der Mond benötigt 27,21222 Tage,
um wieder denselben Bahnknoten zu erreichen.
Nur wenn Neumond oder Vollmond in der Nähe eines solchen Knotens auftreten, kommt es überhaupt zu einer Finsternis.
Der anomalistische Monat – der Abstand zur Erde
Die Mondbahn ist elliptisch. Deshalb ist der Mond einmal etwas näher an der Erde (Perigäum) und einmal weiter entfernt (Apogäum).
Von Perigäum zu Perigäum vergehen 27,55455 Tage.
Dieser Zyklus bestimmt unter anderem die scheinbare Größe des Mondes. Daher entscheidet er mit darüber, ob eine Sonnenfinsternis total oder ringförmig wird.
Ist der Mond zum Zeitpunkt einer Finsternis (Neumond und Mond in Knotenpunkt) gerade etwas weiter entfernt von der Erde, vermag sein Shatten es nicht, die Sonnenscheibe vollständig zu verdecken. Er erzeugt in der Sonnenscheibe ein „Loch“, ein Ring aus Licht bleibt bestehen. Eine ringförmige Finsternis ist entstanden. Bei nahem Mond verdeckt er die komplette Sonnenscheibe, so dass die Finsternis total ist.
Das erstaunliche Zusammentreffen nach einer Sonnenfinsternis im Detail
Nacheiner Sonnenfinsternis nach
223 synodischen Monaten
242 drakonitischen Monaten
239 anomalistischen Monaten
sind fast genau dieselbe Mondphase, dieselbe Knotenlage und nahezu derselbe Abstand des Mondes wieder erreicht.
Rechnet man das aus:
223 mal 29,53059 = 6585,32 Tage (Synodischer Monat)
242 mal 27,21222 = 6585,36 Tage (Drachenmonat)
239 mal 27,55455 = 6585,54 Tage ( (Anomalistischer Monat)
Alle Werte liegen nur wenige Stunden auseinander.
Lässt man nun beginnend bei einer Sonnenfinsternis diese drei Mondzyklen gegeneinander laufen, so dauert es 18 Jahre, 11 Tage und acht Stunden, bis sich alle drei mal wieder treffen, um gemeinsam für eine weitere Sonnenfinsternis zu sorgen.
Das ist der Saros-Zyklus.
Er dauert 6585,32 Tage
also ungefähr
18 Jahre, 11 Tage und 8 Stunden.
Die zusätzlichen acht Stunden bedeuten, dass sich die Erde währenddessen um ein Drittel ihrer Achse weitergedreht hat.
Dadurch findet die nächste Finsternis derselben Saros-Serie etwa 120 Längengrade weiter westlich statt.
Deshalb sieht man zwei aufeinanderfolgende Finsternisse derselben Serie meist nicht vom gleichen Ort aus.
Erst nach drei Saros-Zyklen – dem sogenannten Exeligmos – ist auch diese Verschiebung nahezu ausgeglichen.
Der Exeligmos dauert etwa 54 Jahre und 34 Tage.
Eine einzelne Saros-Serie beginnt, wenn der Mond den Erdschatten oder die Sonne zunächst nur ganz am Rand trifft.
Dann folgen über viele Jahrhunderte immer zentralere Finsternisse.
Später wandern sie wieder zum Rand zurück, bis die Serie endet.
Eine typische Saros-Serie umfasst ungefähr
70 bis 73 Finsternisse
über einen Zeitraum von rund 1200 bis 1300 Jahren.
Mehrere Saros-Serien laufen gleichzeitig nebeneinander.
Ich finde es ganz erstaunlich, dass dieser Zyklus schon den alten Babyloniern bekannt war. Aus solch einem Durcheinander Strukturen und Regelmäßigkeiten zu erkennen ist eine unfassbare Leistung.
Spielarten von Finsternissen
Nun kommen wir dazu, welche verschiedenen Arten von Sonnenfinsternissen es gibt.
Je nach Sonnenstand, Erdenstand und Mondstand ist der Mond perspektivisch ungefähr so groß, wie wir auch die Sonnenscheibe wahrnehmen. Die Sonne ist zwar unvergleichlich viel größer, als der Mond, aber dafür ist sie auch viel weiter von uns weg, 150 Mio Kilometer, wo hingegen der Mond grob nur 380.000 Kilometer von der Erde entfernt ist.
Schafft es die Mondscheibe, die Sonne zu verdecken, spricht man von einer totalen Sonnenfinsternis. Die gleißend helle Sonne wird vom schwarzen Mond bedeckt. Nun tritt die wunderbare schwach leuchtende Korona hervor, Blüten schließen ihre Kelche, Vögel stellen ihren Gesang ein, bzw. stimmen ihr Morgenlied an, Nachtluft scheint zu wehen
und Protuberanzen am Rand der Mondscheibe werden sichtbar. So ein Spektakel kann niemals länger als 8 Minuten dauern, weil die gegenseitige Drehung der Körper, deren Abstände zueinander und deren Größenverhältnisse bezüglich des Schattenwurfs nicht mehr zulassen.
Die Corona und die Flammenzungen kann man bei unverdeckter Sonne nur mit speziellen Instrumenten erblicken, weil sie vom Licht der Sonne überstrahlt werden. Dieser Lichtkranz entsteht durch Plasma-Ballen, die in den Magnetfeldern der Sonne hängen. Wie genau, wäre ein extra Artikel wert.
Die Erde bewegt sich elliptisch um die Sonne. Das bedeutet, dass sie im Jahreslauf mal der Sonne etwas näher (149 Mio km) und mal etwas weiter (152 Mio km) steht.
Somit erscheint sie uns leicht größer bei nahem Abstand und etwas kleiner bei fernem Abstand.
Der Mond tut das ebenso. Er bewegt sich elliptisch um die Erde. Auch er erscheint uns bei größerer Entfernung etwas kleiner und bei Erdnähe etwas größer.
Nun überlegen wir uns die Kombination dieser Tatsachen.
Ist die Sonne eher fern von uns, also kleiner, und der Mond eher nahe bei uns, also größer, kann er ganz wunderbar die Sonnenscheibe abdecken. Eine totale Sonnenfinsternis findet statt.
Ist die Sonne erdnah und der Mond erdfern, vermag der perspektivisch kleinere Mond es nicht, die ganze Sonnenscheibe zu verdecken. Er erzeugt lediglich ein Loch in der Sonnenscheibe. Eine ringförmige Finsternis ist entstanden.
Ich schrieb oben über die Tatsache mit der leicht gekippten Mondbahn. So kommt es vor, dass der Mond etwas oberhalb oder unterhalb der Sonne steht. Auch hier vermag er nicht, die ganze Scheibe abzudecken. Er beißt nur quasi ein Stück ab, wie man das ungefähr vom Logo des Apfels her kennt. Das ist dann eine partielle Finsternis, oder in den meisten Fällen ein ganz gewöhnlicher unspektakulärer Neumond.
Jede Sonnenfinsternis beginnt und endet als partielle Finsterniss. Ob sie dann totalitär oder ringförmig im Kern wird, hängt, wie beschrieben von den Abständen, Erde, Sonne Mond, ab.
Es gibt auch Finsternisse, die alle drei Arten durchlaufen (Partiell, Ringförmig und total).
Kurz vor der totalen Bedeckung bei einer totalen Finsternis tritt ein Phänomen auf, das man Perlenkette nennt. Der Mond als Scheibe gedacht ist etwas leicht ausgefranst, weil er ja auch Berge und Täler hat und nicht Rund, wie ein Kreis ist.
Das bedeutet, dass zwischen den Bergen am Rand der Mondscheibe kurz vor der totalen Bedeckung der Sonne perlenartig noch die Sonne durchscheinen kann, bis sich dann der ganze Mond davor schiebt.
Die letzte „Perle“ vor der absoluten Totalität, nennt man den Diamantring.
Klingende Finsternisse
Schon ganz schön verwirrend, diese Mondzyklen und die gemeinsamen Treffen aller zur Finsternis. Ohne Bilder alles nur schwer vorstellbar. Aber bilder gibt es beim Sternenonkel nur selten. Dennoch gibt es eine inklusive Art, sich Finsternisse zu vergegenwärtigen.
Jeder weiß, dass Kirchenglocken sehr chaotisch und unregelmäßig durcheinander klingen. Das liegt daran, dass die großen Glocken langsamer in ihrem Turm schwingen, als das kleine Betzeit-Glöckchen, das ganz aufgeregt auch noch mitbimmeln darf.
Manchmal hört man auch, dass zwei Glocken ab und zu gleichzeitig erklingen, um dann wieder auseinander zu driften.
Im Grunde genommen ist das genau, wie mit den unterschiedlichen Monatslängen, die mehr und mehr auseinander driften, um irgendwann mal wieder für eine Finsternis zusammen zu kommen, gemeinsam zu erklingen.
Versucht einfach mal, wenn ihr das nächste mal ein volles Glockengeläut, am besten eines mit drei Glocken hört, euch vorzustellen, dass jede Glocke einem der drei Mondzyklen gehört. Manchmal erklingen alle drei gemeinsam. Dann habt ihr eine Finsternis im Kirchturm gehört.
Fünf entscheidende Sonnenfinsternisse
So weit, so gut. Das ist ja alles ganz nett, aber nützt das auch jemandem, z. B. der Wissenschaft? Hier rufe ich ein ganz klares und entschiedenes „ja“ aus.
Im vorletzten Jahrhundert fanden mindestens fünf totale Finsternisse statt, die Wissenschaftsgeschichte schrieben.
Finsternis 1
Gehören die schönen Flammenzungen am Mondrand, die Protuberanzen, die bei einer totalen Sonnenfinsternis sichtbar werden, zur Sonne oder zum Mond?
Die Antwort gab die Finsternis vom 18. Juli 1860 in Spanien.
Zwei Gelehrte zogen mit ihren Instrumenten an den Ebro und an die spanische Mittelmeerküste.
Zum ersten Mal wurde die Fotografie, damals hieß sie noch Daguerreotypie, eingesetzt.
Der Engländer Warren de la Rue, 1815 bis 1889, ein reicher Papierfabrikant,
war ein Pionier in der Fotografie astronomischer Objekte.
Der Jesuitenpater Angelo Secki, 1818 bis 1887, Direktor des Collegio Romano,
widmete sich in der zweiten Hälfte seines Lebens dem Studium der Sonne.
Beide fotografierten in Spanien die Protuberanzen von Orten aus, die mehrere hundert Kilometer auseinander lagen.
Die Bilder glichen sich wie ein Ei dem anderen.
Die roten Flammenzungen waren also reell.
Mehr noch, rasch nacheinander aufgenommene Platten zeigten, dass sich der Mond vor den Protuberanzen vorbei bewegt.
Damit wusste man, die Protuberanzen gehören zur Sonne.
2. Die eiserne Finsternis
Die Finsternis vom 7. August 1869 konnte längs eines schmalen Streifens beobachtet werden,
der sich von der Beringstraße quer durch Nordamerika nach North Carolina erstreckte.
Diesmal rückte man der Corona zu Leibe.
Es war nicht leicht, das Spektrum dieses schwachleuchtenden Lichtschleiers zu erhalten.
Anfangs schien es nicht allzu aufregend zu sein. Das Licht war anscheinend über das ganze Spektrum gleichmäßig verteilt.
Die dunklen Fraunhofer-Linien des Sonnenspektrums fehlten.
Doch im grünen Bereich entdeckte man eine helle Linie, die man noch nicht kannte.
Welche Atome waren dafür verantwortlich?
Die genaue Vermessung zeigte, dass bei dieser Wellenlänge kein bekanntes Atomlicht aussendet.
Sollte in der Corona der Sonne ein auf der Erde unbekanntes Element den Sonnenphysikern von seiner Existenzkunde geben?
Ende des vorletzten Jahrhunderts gab man dem unbekannten Stoff den Namen Koronium.
Nicht einmal auf der Sonne selbst schien dieses rätselhafte Element vorzukommen, denn es verriet sich auch nicht durch eine Fraunhofer-Linie im Sonnenspektrum. Lediglich in der Korona tauchte es auf.
Erst Mitte unseres Jahrhunderts gelang es, das Geheimnis der grünen Corona-Linie zu lüften.
Sie rührt von Atomen des Eisens her.
Das Eisengas ist dort so heiß, dass den Atomen, deren Kerne normalerweise von einer Wolke von 26 Elektronen umgeben sind, 13 verloren gegangen sind, sodass nur noch 13 Elektronen den Kern umschwirren.
Das ist nur bei unglaublich hohen Temperaturen möglich.
Wir wissen heute, dass die Sonnen-Corona Millionen von Grad heiß ist.
Doch das hatte zur Zeit der Finsternisse des vorletzten Jahrhunderts niemand geahnt.
3. Die indische Finsternis
Am 18.08.1868 bewegte sich der Kernschatten einer Sonnenfinsternis über die indische und die malaiische Halbinsel.
Der Astronom und Fotograf Pierre Jules César Janssen nahm also die beschwerliche Reise auf sich, um von Guntur in Indien aus diese Finsternis zu beobachten und zu fotografieren.
Während der kurzen Dunkelheit erkannte er im Spektroskop, dass die Protuberanzen hauptsächlich bei den Wellenlängen des Lichtes des Wasserstoffs abstrahlen. Man bedenke, dass es damals durchaus noch nicht klar war, woraus die Sonne hauptsächlich besteht. Das erklärte uns erst die Frau mit dem Sonnenstoff. https://blindnerd.de/2022/03/08/die-frau-mit-dem-sonnenstoff-weltfrauentag-2022/
Man ging davon aus, dass die Sonne sich in ihrer Zusammensetzung unwesentlich von der irdischen unterscheiden sollte.
Aber Spektralaparate waren bereits erfunden und man entdeckte auch die Lichtsignaturen nahezu aller chemischen Elemente in der Sonne, welche sie sich bei ihrer Entstehung einverleibt hatte.
Als nach kurzer Zeit die Sonne wieder hinter der Mondscheibe hervortrat und die Protuberanzen verblassten, soll Janssen ausgerufen haben:
„Diese Linien will ich auch außerhalb der Finsternisse beobachten.“
Am nächsten Tag richtete er sein mit einem Spektroskop ausgestattetes Fernrohr gleich nach Sonnenaufgang auf die Stelle des Sonnenrandes, an der er während der Finsternis eine besonders helle Protuberanz gesehen hatte.
Wenn janssen in seinem Spektroskop nur auf die Alpha-Linie des
Wasserstoffs schaute, dann war er für nahezu alles andere Licht blind. Sonnenbeobachter bis heute betrachten die Sonne gerne in diesem Licht und blenden alles andere mit Filtern weg.
Tatsächlich konnte er das Licht der Spektrallinien der Protuberanzen auch am hellen Taghimmel ausmachen. Durch den Spalt des Spektroskops
am Fernrohr sah er im Licht der roten Wasserstofflinie einen schmalen Streifen der über den Rand der Sonnenscheibe herausragenden leuchtenden Gasmassen. Wenn er das Fernrohr leicht bewegte, dann verschob sich der Spalt und bot den Anblick eines benachbarten schmalen Streifens der Protuberanz. So konnte janssen am Spektroskop Streifen
für Streifen des Sonnenrandes abtasten, zeichnen und zu einem Bild der gesamten Protuberanz zusammensetzen.
Die beiden konnten zwar Protuberanzen mit ihren Spektrographen und Teleskopen beobachten, die sich am Rand der Sonnenscheibe befanden, aber Protuberanzen auf der hellen Sonnenscheibe blieben einem anderen großen Astronomen vorbehalten.
Der erst 21jährige George Ellery Hale grübelte darüber nach, wie man trotz des störenden Lichtes der Sonne bessere otografien gewinnen und damit mehr auf der Fotoplatte festhalten konnte.
Zur Idee seines neuen Instrumentes soll er gesagt haben, dass sie ihm in der Straßenbahn gekommen sei, als er aus dem Wagen heraus auf die Latten eines Lattenzaunes blickte und sich der dahinterliegende Garten scheinbar an den Zwischenräumen vorbei bewegte. Das war die Geburt des Spektroheliographen, wie Hale das Gerät nannte, das in diesem Augenblick in seinem Kopf entstand.
Siehe: Eine Finsternis, ein Sonnenforscher und ein Lattenzaun
4. Einsteins Finsternis
Am 14.12.1919 brachte die Berliner ilustrierte Zeitung auf ihrer Titelseite das Portrait Albert Einsteins und schrieb:
„Eine neue Größe der Weltgeschichte, Albert Einstein, dessen Forschungen eine völlige Umwälzung unserer Naturbetrachtung bedeutet, und den Erkenntnissen eines Kopernikus, Kepler und Newton gleichwertig sind,“
Dieser Einstein war in das Interesse der Medien gerückt. Schuld daran war eine Sonnenfinsternis.
Wenn es stimmt, dass große Massen den Raum, bzw. die Raumzeit krümmen, sollte sich das anhand von Licht in der Nähe großer Massen, nachweisen lassen.
Gesucht wurde ein Objekt, das eine große Masse besitzt, aber entweder selbst nicht leuchtet, bzw. dessen Licht durch etwas anderes verdeckt wird.
Eine Sonnenfinsternis schien dazu geeignet, weil die Sonne eine große Masse besitzt und der mond manchmal dazu in der Lage ist, ihren alles überstrahlenden Lichterglanz abzudecken, damit zum Vorschein kommt, was in ihrer unmittelbaren Umgebung leuchtet und normalerweise durch ihren Glanz nicht sichtbar ist. Das sind die Korona und die Sterne am Taghimmel.
Ihr eigenes Licht wird zum Zeitpunkt der Totalität komplett vom Mond verdeckt. Aber ihre im Vergleich zur Erde riesige Masse, sollte das Sternenlicht, das in ihrer Nähe vorbei geht, leicht verzerren, weil in ihrer Nähe durch ihre Masse die Raumzeit oder auch der Raum gekrümmt werden sollte.
Einstein schlug diese Idee des Nachweises vor und gab sogar eine Grad-Zahl an, um wie viel Bruchteile einer Bogensekunde die Sterne zu ihrer sonstigen Position verschoben sein sollten. Er gab zunächst 0,875 Bogensekunden an. Betrachtete man ein Eurostück aus einer Entfernung von fünf Kilometern, betrüge sein Winkel von Rand zu Rand ungefähr diesen Wert.
Die erste Möglichkeit der Beobachtung einer Sonnenfinsternis, ergab sich 1912 in Brasilien. Diese viel aber wegen Wolken und Regen ins Wasser.
Die nächste war am 21.08.1914 in Russland. Doch drei Wochen zuvor brach der erste Weltkrieg aus. Die deutschen Astronomen, die mit ihrem Gerät bereits in Russland waren, wurden interniert und deren Geräte beschlagnahmt.
1915 hatte Albert Einstein seine relativitätstheorie vervollkommnet und bemerkt, dass die Ablenkung ungefähr doppelt so hoch sein könnte.
Die Möglichkeit einer Überprüfung, einsteins neuestem Werts ergab sich am 29.05.1919 von der Insel Principe vor der Küste spanisch Guineas aus.
Wenn man bedenkt, dass der deutsche Einstein für die Engländer ein Feind war, ist es um so bemerkenswerter, dass sie diese Expedition vorbereiteten und durchführten.
Unter der Leitung des großen britischen Astronomen Athur Edington, wurde das Sternenfeld, in welchem die Finsternis stattfinden würde, bereits ein halbes Jahr vor dem Ereignis fotografiert, als es noch am Nachthimmel zu sehen war, um Vergleichsaufnahmen für die während der Finsternis gemachten Bilder zu haben.
Eine weitere englische Expedition beobachtete das Ereignis von Brasilien aus.
Beide Expeditionen fanden die Ablenkung des Sternenlichts und somit Einsteins Theorie bestätigt.
Und so war spätestens im November 1919 Einstein ein berühmter Mann geworden, dass sogar die Newyork Times über seine Entdeckung berichtete..
Mythen rund um Finsternisse
Es liegt nahe, dass Finsternisse und Kometen für zahlreiche Geschichten und Mythen sorgten. Und wenn die Daten nicht ganz aufeinander passten, dann wurden sie mit der Zeit eben passend gemacht. Außerdem werden Geschichten immer besser, um so öfter sie erzählt werden. Lassen wir hier einige davon erklingen.
Die Schlacht, die plötzlich im Dunkeln endete – 585 v. Chr.
Die Meder und Lyder kämpften in Kleinasien bereits seit Jahren gegeneinander. Während einer Schlacht am 28. Mai 585 v. Chr. wurde es plötzlich mitten am Tag dunkel: eine totale Sonnenfinsternis.
Beide Heere interpretierten das Ereignis offenbar als Zeichen der Götter und stellten den Kampf ein. Schließlich schlossen die verfeindeten Parteien Frieden. Der griechische Philosoph Thales von Milet soll die Finsternis sogar vorhergesagt haben – wobei Historiker heute bezweifeln, dass wir wirklich wissen, wie er das hätte berechnen können.
Der König, der sich vor der Finsternis verstecken musste
Im alten Mesopotamien waren Sonnen- und Mondfinsternisse besonders gefährliche Omen für den König. Die Priester beobachteten den Himmel und deuteten die Finsternis als mögliche Ankündigung von Tod oder Unheil für den Herrscher.
Und jetzt wird es ziemlich makaber:
Wenn eine gefährliche Finsternis bevorstand, konnte ein „Ersatzkönig“ eingesetzt werden. Ein anderer Mann wurde zum König erklärt, bekam königliche Kleidung und sogar eine Königin. Der echte König verschwand währenddessen aus der Öffentlichkeit.
Nach Ablauf der gefährlichen Zeit wurde der Ersatzkönig getötet – das vorhergesagte Unheil sollte ihn treffen, nicht den wirklichen Herrscher.
Das ist tatsächlich historisch belegt und keine bloße Legende.
Der chinesische Drache frisst die Sonne
Eine sehr verbreitete chinesische Vorstellung erzählt von einem Himmelsdrachen, der die Sonne verschlingt.
Wenn die Sonne während einer Finsternis verschwand, versuchte man, das Ungeheuer zu vertreiben: Man machte Lärm, schlug Trommeln und veranstaltete allerlei Krach.
Die beiden Hofastronomen Hi und Ho, welche über Trunk und Feiern vergaßen, eine Finsternis anzukündigen, kostete dieses Versäumnis ihre Köpfe.
Der Drakonistische, Drachenmonat, verdankt seinen Namen dieser Legende.
Die Wölfe der Wikinger
In der nordischen Mythologie verfolgen die beiden Wölfe Sköll und Hati die Himmelskörper Sonne und Mond.
Sköll jagt die Sonne, Hati den Mond. Wenn einer der Wölfe sein Ziel erreicht und den Himmelskörper verschlingt, kommt es zur Finsternis.
Im Zusammenhang mit Ragnarök, dem Untergang der alten Welt, gelingt es den Wölfen schließlich tatsächlich, Sonne und Mond zu verschlingen.
Man kann sich also eine Sonnenfinsternis als einen kurzen Moment vorstellen, in dem der Wolf die Sonne beinahe erwischt.
Die Bibel: „Die Sonne wurde dunkel“
Hier wird es besonders interessant, weil die Finsternis direkt in der Passionsgeschichte vorkommt.
Die Evangelien des Neuen Testaments berichten, dass während der Kreuzigung Jesu von etwa der sechsten bis zur neunten Stunde Dunkelheit über das Land kam. Lukas formuliert sogar, dass die Sonne ihr Licht verlor.
Das ist allerdings keine normale Sonnenfinsternis: Eine totale Sonnenfinsternis dauert an einem bestimmten Ort höchstens wenige Minuten, nicht drei Stunden.
Siehe: Die Finsternis an Karfreitag und der zerrissene Tempelvorhang
Dazu kommen zwei interessante alttestamentliche Stellen:
Bei Amos 8,9 heißt es sinngemäß, Gott werde die Sonne am Mittag untergehen lassen und die Erde am hellen Tag verdunkeln.
Und Joel 2,31 sagt:
Die Sonne wird sich in Finsternis verwandeln und der Mond in Blut.
Noch eine bemerkenswerte Bibelstelle findet sich im Buch Josua.
Josua soll bei der Schlacht von Gibeon gesagt haben:
„Sonne, steh still!“
und der Mond solle ebenfalls stillstehen.
Das wurde immer wieder mit einer außergewöhnlichen Himmelserscheinung in Verbindung gebracht. Moderne astronomische Untersuchungen haben sogar versucht, eine konkrete historische Sonnenfinsternis damit zu identifizieren. Eine Forschungsarbeit kommt als Kandidaten auf den 30. September 1131 v. Chr.
Ob das tatsächlich die historische Grundlage der Erzählung war, ist allerdings keineswegs gesichert.
Kolumbus und der „Blutmond“ von 1504
Das ist eine der berühmtesten Geschichten über eine Mondfinsternis.
Christoph Kolumbus saß 1504 auf Jamaika fest. Die dortigen Taíno versorgten die Spanier zunächst mit Nahrung, weigerten sich aber schließlich.
Kolumbus wusste aus seinen astronomischen Tabellen, dass bald eine Mondfinsternis stattfinden würde. Er soll angekündigt haben, dass sein Gott zornig sei und den Mond verschwinden lassen werde.
Als der Mond tatsächlich dunkel und anschließend blutrot wurde, sollen die Taíno beeindruckt gewesen sein. Kolumbus konnte die Situation anschließend nutzen, um die Versorgung seiner Männer wieder sicherzustellen.
Die Geschichte stammt allerdings aus späteren europäischen Berichten und sollte deshalb nicht völlig unkritisch als wortgetreuer historischer Tatsachenbericht erzählt werden. Die astronomische Finsternis vom 1. März 1504 ist dagegen eindeutig. Interessanterweise liegt sie ziemlich genau 521 Jahre vor der Mondfinsternis vom März 2025 – ein Hyper-Saros-Zyklus.
Siehe: Eine Finsternis als Lebensretterin
Finsternisse in der Literatur
Betrachten wir nun zum Schluss noch einige Finsternisse in unserer Literatur.
Sonnenfinsternis bei Marc Twain
In einer Erzählung ließ Marc Twain einen Amerikaner durch einen Blitzschlag einen Zeitsprung vollführen. Dieser Mensch taucht nun am 19.06. des Jahres 528 in der Zeit des sagenhaften König Artus wieder auf. Durch zahlreiche Verwicklungen gerät dieser Mann schließlich in das Gefängnis und wurde zum Tode verurteilt.
Er verfügt jedoch über ein Wissen der besonderen Art.
Er sagt für den 21.06.528 eine totale Sonnenfinsternis voraus. Hierdurch erlangte er die Gunst des Königs und letztlich dann auch seine Befreiung. Er wird zum astronomischen Berater des Königs ernannt.
So weit, so gut, aber fand an diesem Tage überhaupt eine Sonnenfinsternis statt, die Atus und seine Mannen hätten sehen können?
Um dieses herauszufinden, müssen wir ein Verzeichnis oder einen Katalog bemühen, in welchem alle Finsternisse der letzten 2000 Jahre verzeichnet sind. Am besten eignen sich hier die Kataloge von Opolzer oder der von Mucke. Selbstverständlich kann man heutzutage auch kostenlose Software, wie Stellarium verwenden, obwohl die je früher man in der Zeit zurückgeht, ihre Grenzen hat.
Im Jahre 528 gab es vier Sonnenfinsternisse, am 06.02, 06.03, am 01.08. und am 30.08. Alle waren partieller Natur.
Da am 01.08. neumond geherrscht haben muss, denn ohne Neumond keine Sf war dies auch einen synodischen Monat vorher, also Anfang Juli der Fall. Der 21.06. war somit kurz nach Vollmond. Ein unmöglicher Zeitpunkt für eine Sf. Vermutlich erfand Twain das Datum einfach.
Schön und spannend bleibt diese Erzählung dennoch.
Jules Vernes Sonnenfinsternis
In dem zweibändigen Roman „Im Land der Pelze“ beschreibt Jules Vern, der Vater der Science Fiction Literatur, die Abenteuer einer Reisegruppe, die nach Alaska kommt.
Unter den Mitreisenden befindet sich ein Astronom. Verne beschreibt ihn als Menschen, der außer seine Sternbeobachtungen nichts zuwege bringt. Dieses jedoch macht ihm keiner gleich. Dieser Astronom, Namens Black, schließt sich der Reisegruppe an, um eine totale Sonnenfinsternis zu beobachten. Diese soll am 18.06.1860 stattfinden. Gegen 09:30 beginnt die totale Phase der Finsternis. Black und seine Reisegefährten sehen die Sichel des Mondes immer dünner werden. Jeden Moment muss die totale Bedeckung anbrechen. Doch dann geschieht etwas ganz anderes. Black sieht, dass die Mondsichel plötzlich wieder breiter wird und somit die Phase der totalen Bedeckung überhaupt nicht stattfand. Was war hier geschehen? Waren die Kataloge und Voraussagen der Astronomen falsch? Keines Wegs. Die Lösung des Problems war entsätzlich.
Die Gruppe befand sich gar nicht an dem Orte, an welchem sie sich wähnte.
Die Reisegruppe hatte nicht bemerkt, dass die Eisscholle, auf welcher sie sich befand, sich vom Festland gelöst hatte und in südlicher Richtung in wärmere Gewässer durch die Beringsee trieb. Diese Drift brachte die Scholle außerhalb des Streifens der Totalität.
Der Rest des Romans handelt dann davon, wie die Gruppe auf dem Eis um ihr Überleben kämpfte.
Was hat es nun tatsächlich mit der Sonnenfinsternis von Verne auf sich?
Tatsächlich gab es an besagtem Tage eine Sonnenfinsternis, deren Streifen der Totalität sich, wie bei Jules Verne beschrieben, von Alaska, über Kanada und den Atlantik ins Mittelmeer erstreckte.Es ist aber nicht verwunderlich, dass Verne im Gegensatz zu Twain eine tatsächlich stattgefundene Finsternis beschrieb. Der Roman erschien 1873, also 13 Jahre nach der Finsternis. Verne musste sich somit nicht auf Vorausberechnungen stützen, sondern konnte sich auf sicher fundamentiertes gewesenes verlassen.
Sonnenfinsternis bei Adalbert Stifter
Wenn man Sonnenfinsternisse literarisch betrachtet, dann kommt man an Adalbert Stifters Beschreibung einer von ihm selbst beobachteten Sonnenfinsternis nicht vorbei. Für mich stellt sie die schönste deutschsprachige Beschreibung einer Sonnenfinsternis dar, die ich kenne.
Siehe: Eine literarische Erinnerung
Anhören könnt ihr euch diesen wunderbaren Text ebenfalls. Siehe untenstehende Linkliste von Eberhard.
Weitere Links zur Sonnenfinsternis
Eberhard, auf dessen Newsletter ich schon mehrfach Gastbeiträge veröffentlichen durfte, hat hier eine ganz wunderbare Linkliste zum Thema Sonnenfinsternis zusammengestellt. Diese teile ich hier gerne mit euch.
Eberhard sagt.
Vor allem der erste Beitrag in der ARTE-Mediathek ist besonders gut:
Die Sofi bei ARTE: https://www.arte.tv/de/videos/125674-000-A/totale-sonnenfinsternis-europa-im-mondschatten/
„Die Sonnenfinsternis“ von Adalbert Stifter
Die meisten Sonnenfinsternis-Experten kennen ja die wunderbare Schilderung der Sonnenfinsternis vom
8. Juli 1842 von Adalbert Stifter, die er auf der Aussichtsterrasse des Kornhäuslturms über den Dächern von Wien beobachten konnte.
Das „Schmankerl“ ist nun, dass ich Christian Baumann dafür gewinnen konnte, diesen Text zu lesen.
Christian Baumann ist als Schauspieler und Sprecher seit 1996 auf zahlreichen Theaterbühnen und in TV-Produktionen zu sehen. Er ist bekannt als Sprecher in Funk und Fernsehen, beispielsweise auch bei Bayern 2, sowie aus unzähligen Hörbuchproduktionen.
Seine Filmografie und Produktionsübersicht sind hier zu finden: http://www.baumannchristian.de/
Weitere Infos auch hier: In Wiki
Seine Lesung von Stifters Text
Dauer: 21 Minuten
Ich empfehle diese Datei vor dem Beginn der Sofi abzuspielen. Das ist die perfekte Einstimmung zur Sofi.
Aus dem Blog des blinden Astronomen Gerhard Jaworek erfahren wir zu dieser Schilderung von Adalbert Stifter Folgendes:
„Der Aufsatz „Sonnenfinsternis“ von Adalbert Stifter erschien zuerst in der „Wiener-Moden-Zeitung und Zeitschrift für Kunst, schöne Literatur und Theater“ 1842 III. Quartal.“
Am Tag der Arbeit, wenn weltweit Menschen für bessere Lebensbedingungen, Gerechtigkeit und Teilhabe eintreten, richtet sich der Blick meist auf Fabriken, Straßen und politische Forderungen. Doch es lohnt sich, den Blick ein Stück weiter zu heben – hinauf zum Himmel.
Denn auch die Astronomie erzählt eine Geschichte von Teilhabe. Eine Geschichte davon, wie Wissen seinen Weg aus elitären Zirkeln hinaus in die Hände vieler fand. Eine Geschichte, die überraschend gut zum 1. Mai passt.
Der Himmel gehört nicht nur den Reichen
Noch im 19. Jahrhundert war Astronomie ein Privileg. Große Teleskope standen in den Gärten von Fürsten, Universitäten oder wohlhabenden Privatgelehrten. Wer in den Himmel schauen wollte, brauchte Zugang und der war streng begrenzt.
Mit der entstehenden Arbeiterbewegung änderte sich das langsam.
Arbeiterbildungsvereine begannen, Vorträge über Naturwissenschaften anzubieten. Nicht nur über Maschinen oder Chemie, sondern auch über die Sterne. Der Himmel wurde zu einem Ort der Bildung, und Bildung wiederum zu einem Mittel der Befreiung.
Beispiele hierfür sind
der Leipziger Arbeiterbildungsverein
Einer der frühesten und einflussreichsten Vereine (gegründet 1848).
bot Vorträge über Naturwissenschaften, Politik und Technik
organisierte Bibliotheken für Arbeiter
Astronomie war Teil der „populären Wissenschaften“, die bewusst niedrigschwellig vermittelt wurden
Gerade hier wurde der Gedanke geprägt: Bildung ist kein Luxus, sondern ein Recht.
Ein weiteres Beispiel ist
der Berliner Arbeiterbildungsverein
enge Verbindung zu frühen sozialdemokratischen Strukturen
Vorträge über „Weltbilder“ – oft mit astronomischen Inhalten
Diskussionen über das heliozentrische Weltbild als Symbol für wissenschaftliches Denken
Astronomie war hier nicht nur Wissen, sondern auch ein Gegenentwurf zu religiösen oder autoritären Weltbildern.
In diesem Zusammenhang entstanden auch viele Volkssternwarten.
Ein besonders schönes Beispiel ist die Archenhold-Sternwarte in Berlin. Sie wurde bewusst als Volkssternwarte konzipiert. Kein abgeschotteter Elfenbeinturm, sondern ein Ort, an dem jeder Mensch durch ein Fernrohr schauen konnte.
Der Gedanke dahinter war radikal einfach:
Wissen gehört allen. Auch der Blick ins All.
Ohne Arbeiter keine Sterne
Astronomie wirkt oft wie eine stille Wissenschaft; ein Mensch, ein Teleskop, ein weiter Himmel. Doch dieser Eindruck täuscht.
Hinter jedem Blick durch ein Fernrohr steckt Arbeit:
geschliffene Linsen und Spiegel
feinmechanische Montierungen
präzise Uhren zur Zeitmessung
Infrastruktur wie Eisenbahn und Telegrafie
All das entstand durch die Hände von Arbeitern, Technikern und Handwerkern.
Doch selbst innerhalb dieser „unsichtbaren Arbeit“ gab es Ungleichheiten – und gibt sie zum Teil bis heute.
Unsichtbare Arbeiterinnen des Himmels
Ein oft übersehener Teil der Astronomiegeschichte sind die Frauen, die wesentlich zur Entwicklung der Wissenschaft beigetragen haben und dennoch lange im Schatten standen.
Ihr wisst, dass ich ihnen auf dem Blog eine ganze Kategorie und einen ganzen Adventskalender widmete.
Ende des 19. Jahrhunderts arbeiteten beispielsweise am Harvard-Observatorium zahlreiche Frauen als sogenannte „Computer“. Eine von ihnen war Annie Jump Cannon, die maßgeblich an der heute noch verwendeten Klassifikation von Sternspektren beteiligt war.
eine weitere, Henrietta Swan Leavitt, entdeckte die Beziehung zwischen der Helligkeit und der Periodendauer von Cepheiden – eine Grundlage für die Entfernungsbestimmung im Universum.
Und doch wurden diese Frauen schlechter bezahlt, hatten weniger Anerkennung und oft keinen Zugang zu Teleskopen. Sie analysierten Daten, während andere die Beobachtungen durchführten und den Ruhm erhielten.
Noch in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts zeigte Susan Jocelyn Bell Burnel, dass diese Muster von Ungleichheiten bis heute noch nicht überwunden sind.
Sie entdeckte die ersten Pulsare, doch der Nobelpreis ging an ihren Doktorvater.
Und vergessen wir bitte nicht: Ohne die sog. Rechnerinnen wären wir niemals zum Mond gekommen.
Diese Geschichten sind keine Randerscheinungen in der Wissenschaft. Sie zeigen:
Auch in der Wissenschaft gab und gibt es eine Art Arbeiterklasse – und viele von ihnen sind Frauen.
Bis heute sind Frauen in Astronomie und anderen Wissenschaften unterrepräsentiert, insbesondere in Führungspositionen.
Strukturelle Hürden, ungleiche Bezahlung und fehlende Sichtbarkeit wirken nach.
Der 1. Mai erinnert deshalb nicht nur an Fabrikarbeiter – sondern auch an all jene, die im Hintergrund arbeiten, rechnen, auswerten und entdecken, ohne die Anerkennung zu bekommen, die sie verdienen.
Unter demselben Himmel
Wer in den Nachthimmel schaut, sieht keine Grenzen, Keine Länder, Keine Klassen, Keine Unterschiede zwischen Arm und Reich.
Diese Perspektive erinnert an das, was später unter dem Begriff Pale Blue Dot bekannt wurde: die Erde als winziger, zerbrechlicher Punkt im Kosmos.
Für die Arbeiterbewegung, die von Anfang an internationale Ideen trug, war das kein fremder Gedanke. Menschen in verschiedenen Ländern kämpfen vielleicht unter unterschiedlichen Bedingungen, aber sie leben unter demselben Himmel.
Sogar Denker wie Karl Liebknecht betonten, dass Bildung der Schlüssel zur Freiheit sei. Und zur Bildung gehörte immer auch das Verständnis der Natur – und damit des Universums.
Der Blick ins All kann also etwas lehren, das über Physik hinausgeht:
Er macht uns bescheidener – und gleichzeitig verbundener.
Vom Arbeiter zum Kosmonauten
In der damaligen Sowjetunion wurde die Raumfahrt bewusst als kollektive Leistung inszeniert. Nicht das Genie allein, sondern das Zusammenspiel vieler sollte den Weg ins All ermöglichen.
Als Juri Gagarin 1961 als erster Mensch die Erde umrundete, wurde er nicht nur als Held gefeiert, sondern auch als Sohn einfacher Verhältnisse. Ein Arbeiterkind, das die Grenzen der Erde hinter sich ließ.
Das war mehr als Propaganda. Es verkörperte die Vision, Dass Fortschritt nicht nur wenigen gehört, sondern von vielen getragen wird, und vielen zugutekommt.
Sterne, Freiheit und Würde
Der 1. Mai erinnert uns daran, dass Würde, faire Arbeit und Teilhabe keine Selbstverständlichkeiten sind. Sie mussten erkämpft werden, und werden es noch immer.
Die Astronomie erzählt eine parallele Geschichte.
Eine Geschichte davon, wie Wissen geöffnet wurde. Wie Menschen, die einst ausgeschlossen waren, Zugang zu den Sternen bekamen. Wie der Himmel vom Symbol der Ferne zu einem Ort der gemeinsamen Neugier wurde.
Und sie erinnert uns auch daran, dass dieser Weg nicht für alle gleich verlief und bis heute nicht vollständig abgeschlossen ist.
Vielleicht liegt gerade darin eine stille Verbindung:
Während Menschen am 1. Mai für ihre Rechte eintreten, spannt sich über ihnen ein Himmel, der niemandem gehört – und gerade deshalb allen.
Mein Wunsch für den heutigen Tag der Arbeit
In diesem astronomischen Sinne wünsche ich mir, dass vor allem die Partei, der auch ich angehöre, die SPD, sich wieder mehr für ihre „Arbeiter:innen“ einsetzt, die sie in den letzten Jahren durch Vernachlässigung an andere Parteien verloren hat, die man besser nicht in einer Regierung sehen möchte.
Liebe Genossinnen und Genossen, besinnen wir uns mal wieder auf unsere Wurzeln und unsere Entstehungsgeschichte und setzen wir uns wieder für das ein, was man eine moderne Sozialdemokratie nennen kann.
Und was das Recht auf Bildung angeht, so klafft die Schere immer weiter auseinander.
Und ein Land, das über Fachkräftemangel z. B. im IT-bereich klagt, sollte sich vielleicht mal darüber Gedanken machen, ob es so schlau ist, überall die Astronomie aus den Lehrplänen zu werfen, und die Teleskope und Schulplanetarien verotten zu lassen.
Meine lieben,
heute ist mal wieder ein Geschenk der Anlass für einen Artikel.
Vor einiger Zeit fragte mich meine Arbeitskollegin, was ich denn gerne für ein Motiv auf meiner Geburtstagskarte, die wir vom Team immer bekommen, hätte. Sie fragt mich deshalb, weil ganz viele bunte Geburtstagsmotive, vor allem, wenn sie noch 3D-Effekte haben, von blinden Menschen überhaupt nicht ertastet und verstanden werden können.
Neben einiger astronomischen Motiven, die ich gerne mal unter die Finger nehmen möchte, erwähnte ich auch den Gegenstand des heutigen Artikels. Da es zu groß für eine übliche Geburtstagskarte ist, hat meine Kollegin mir diese Grafik im A3-Format extra generiert. So bleibt die Überraschung, was auf meiner Geburtstagskarte sein wird noch bis zur nächsten Team-Sitzung offen.
Es geht quasi um die Lebenslinien von Sternen. Die werden in einem Herzsprung-Russel-Diagramm aufgezeichnet.
Wir erwähnten ja hier schon öfter, dass z. B. sehr massereiche Sterne ihr Leben rascher beenden, weil sie durch den höheren Druck in ihrem Inneren, den Wasserstoff deutlich schneller verbrauchen.
Rote Zwergsterne leben dagegen fast ewig, weil sie so sparsam sind.
Sterne beenden ihr Leben auch sehr unterschiedlich.
All das kann man im diesem Herzsprung-Russel-Diagramm sehr gut sehen, oder in meinem Fall, nun endlich auch ertasten.
Ein Hertzsprung-Russell-Diagramm (oft HR-Diagramm genannt) zeigt, wie Sterne nach Temperatur, Farbe, Leuchtkraft und Entwicklungszustand geordnet sind. Es wurde von Ejnar Hertzsprung und Henry Norris Russell entwickelt.
Und so eines liegt, wie gesagt nun taktil vor mir.
Ich habe ChatGPT so gepromptet, dass sie sich ein taktiles HR-Diagramm vorstellen soll, und dass sie mir das Stück für Stück so erklären soll, dass ich das als blinder Mensch kapiere.
Lassen wir uns also mit Hilfe von ChatGPT durch das taktile Diagramm geleiten.
👉 Schritt 1: Den Rahmen finden
Taste zuerst den äußeren Rand der Grafik ab.
Du solltest eine rechteckige Fläche finden:
unten → horizontale Achse
links → vertikale Achse
Diese zwei Achsen sind das Wichtigste.
👉 Schritt 2: Die untere Achse (Temperatur) erkunden
Fahre mit den Fingern unten von links nach rechts entlang.
Du findest dort Markierungen oder Beschriftungen für die Oberflächentemperatur der Sterne.
links = sehr heiß
rechts = kühl
Das ist genau umgekehrt wie bei normalen Diagrammen.
Typische Orientierung (nicht immer vollständig beschriftet):
ganz links: etwa 30.000–40.000 K → sehr heiße blaue Sterne
Mitte: etwa 6.000 K → Sonne-ähnliche Sterne
rechts: etwa 3.000 K → kühle rote Sterne
👉 Wenn deine Grafik zusätzlich Spektralklassen zeigt (O–B–A–F–G–K–M), liegen sie meist von links nach rechts in genau dieser Reihenfolge.
Diese Buchstabenfolge klassifiziert die Sterne nach ihren Spektren.
Zwei Frauen zeichnen für diese Klassifikation verantwortlich, Williamina Fleming und Annie Jump Cannon. Aber das muss eine andere Geschichte werden.
Der wahrscheinlich berühmteste Merkspruch, sich diese Reihenfolge zu merken lautet:
„Oh Be A Fine Girl/Guy, Kiss Me“
ChatGPT hat mir auch eine deutsche Version vorgeschlagen, die mir astronomisch sehr gut gefällt.
„Ozeanblau am Firmament glüht kosmische Materie.“
Aber weiter mit der Erkundung:
👉 Schritt 3: Die linke Achse
Gehe jetzt an den linken Rand und taste von unten nach oben.
Das zeigt die Leuchtkraft (Helligkeit eines Sterns).
unten = lichtschwach
oben = sehr hell
Manchmal steht dort:
„Leuchtkraft der Sonne = 1“
oder Potenzen wie 0,01 – 1 – 100 – 10.000
Das bedeutet:
👉 Je höher du tastest, desto mehr Energie strahlt der Stern ab.
Ja, stimmt. so stehts auf meinem taktilen Exemplar.
Es ist ja fast so, als könnte die KI mein Exemplar hier sehen…
👉 Schritt 4: Die große schräge Sternspur finden (Hauptreihe)
Jetzt kommt das wichtigste Element.
Suche im Inneren der Fläche nach einer:
✅ dicken oder deutlich fühlbaren Linie / Punktwolke
die schräg von oben links nach unten rechts verläuft.
Das ist die Hauptreihe.
Taste sie langsam ab:
oben links → heiß + sehr hell
Mitte → mittelgroße Sterne (hier liegt unsere Sonne)
unten rechts → kühl + lichtschwach
👉 Etwa 90 % aller Sterne befinden sich hier.
Wenn du die Linie entlanggehst, spürst du praktisch die „Lebensphase normaler Sterne“.
👉 Schritt 5: Oben rechts – Riesensterne finden
Suche jetzt rechts oben im Diagramm.
Dort findest du meist:
eine eigene Gruppe
einen Bereich
oder Beschriftungen wie „Riesen“ oder „Rote Riesen“
Eigenschaften dort:
kühl (rechts)
aber sehr hell (oben)
riesiger Durchmesser
Diese Sterne sind aufgebläht – deshalb hell trotz niedriger Temperatur.
👉 Schritt 6: Unten links – Weiße Zwerge finden
Gehe nun in den unteren linken Bereich.
Dort liegt meist eine kleinere Gruppe:
sehr heiß (links)
aber lichtschwach (unten)
Das sind Weiße Zwerge:
sehr klein
extrem dicht
„Sternreste“
👉 Schritt 7: Die Sonne lokalisieren (falls markiert)
Viele taktile HR-Diagramme markieren die Sonne.
Suche:
ungefähr Mitte der Hauptreihe
Temperatur etwa 6000 K
Leuchtkraft etwa 1
Wenn du dort eine besondere Markierung fühlst → das ist unsere Sonne.
Ja, die Sonne ist bei meinem Exemplar speziell markiert. Um ihre Temperatur genauer ablesen zu können, legte ich die A3-Grafik auf ein großes Zeichenbrett, wo man ein Lineal und einen Anschlag hat. Diesen schob ich bis zur Sonnen-Markierung, stellte ihn dann fest, fuhr mit dem Finger nach unten, und siehe da, ich landete ungefähr bei 6000 Grad.
Aber weiter:
Im Hertzsprung-Russell-Diagramm kannst du das Leben eines Sterns wie einen Weg durch die Fläche verstehen. Ein Stern „wandert“ im Laufe seiner Entwicklung an verschiedene Positionen – je nachdem, wie sich Temperatur, Größe und Leuchtkraft ändern.
Wir nehmen einen Stern wie unsere Sonne als Beispiel (mittlere Masse). Sehr große oder sehr kleine Sterne machen ähnliche Wege, aber extremer oder kürzer.
⭐ Die „Lebensreise“ eines Sterns im HR-Diagramm
👉 Schritt 1: Sterngeburt – Start rechts unten (Vorstufe)
Suche im Diagramm den Bereich:
rechts (kühl)
eher unten (nicht sehr hell)
Hier beginnen Sterne.
Was passiert physikalisch:
Eine Gaswolke zieht sich zusammen.
Der Stern ist noch relativ kühl.
Er wird langsam heißer und heller.
👉 Bewegung im Diagramm beim Entstehen:
von rechts unten → schräg nach links oben
(heißer + heller)
Nicht jede Grafik zeigt diese Phase deutlich.
👉 Schritt 2: Hauptreihe – stabiles Sternleben
Jetzt gehe zur großen schrägen Linie von oben links nach unten rechts (Hauptreihe).
Der Stern „landet“ auf dieser Linie und bleibt dort sehr lange.
Für einen Stern wie die Sonne:
etwa 90 % seines Lebens hier
stabiler Zustand
Wasserstoff wird zu Helium fusioniert
👉 Bewegung:
praktisch keine große Bewegung
nur sehr langsames Wandern entlang der Linie
Du kannst dir vorstellen:
Der Stern „lebt ruhig“ auf dieser Spur.
👉 Schritt 3: Der Stern wird alt → Bewegung nach rechts oben
Wenn der Wasserstoff im Kern verbraucht ist:
der Kern schrumpft
äußere Schichten blähen sich stark auf
Oberfläche wird kühler
Stern wird viel heller
Jetzt taste im Diagramm:
von der Mitte der Hauptreihe nach rechts oben zum Bereich der Riesensterne.
👉 Bewegung:
nach rechts → kühler
nach oben → viel heller
⭐ Roter Riese
Der Stern wird riesig — oft hunderte Male größer.
👉 Schritt 4: Stern verliert seine Hülle → Bewegung nach links Nach der Riesenphase:
äußere Hülle wird abgestoßen
heißer Kern bleibt zurück
Temperatur steigt stark
Im Diagramm:
👉 Bewegung:
von rechts oben → nach links
bleibt zunächst relativ weit oben (sehr heiß)
Der Stern wird wieder heißer, aber nicht dauerhaft groß.
👉 Schritt 5: Sternrest → Weißer Zwerg (links unten)
Am Ende bleibt nur der kleine Restkern.
Suche im Diagramm links unten:
heiß, aber lichtschwach
Das ist der Weiße Zwerg.
Eigenschaften:
extrem heiß
sehr klein
wenig Leuchtkraft wegen kleiner Oberfläche
Danach:
der Stern kühlt langsam weiter ab
bewegt sich immer weiter nach unten rechts (wenn das Diagramm das zeigt).
⭐ Wie sich große Sterne unterscheiden (kurz)
Sehr massereiche Sterne:
starten weiter links oben auf der Hauptreihe
werden zu extrem hellen Überriesen
enden oft in einer Supernova (manchmal nicht vollständig im HR-Diagramm dargestellt)
So, und jetzt, wo ihr ungefähr wisst, wie dieses Diagramm funktioniert, wie man es benutzt, und was man daraus lesen kann, könnt ihr euch ja mal überlegen, wie sich rote Zwergsterne durch das Diagramm bewegen.
Stell Dir vor:
Du bist ein sehr kleiner, kühler roter Stern.
Frage:
Welchen Weg nimmst du durch das Diagramm im Laufe deines Lebens?
Wanderst du zum Riesen?
Explodierst du?
Ziehst du große Schleifen?
Oder passiert etwas völlig anderes?
Denke daran:
Du hast extrem wenig Masse.
Du verbrauchst deinen Brennstoff außergewöhnlich sparsam.
Das Universum ist etwa 13,8 Milliarden Jahre alt.
Was bedeutet das für deine Bewegung im Diagramm?
Ihr dürft mir eure Antworten gerne schreiben.
Und wem das noch nicht reicht, der kann sich ja mal überlegen, wie sich das alles bei einem Doppelsternsystem verhalten kann. Hier gibt es mehrere Lösungen..Kommt darauf an, wer als was startet…
Mein Fazit zu all dem ist:
Die größten Sterne leben kurz und sterben spektakulär.
Sterne wie unsere Sonne führen ein langes, ruhiges Leben.
Die kleinsten Sterne aber überdauern nahezu alles.
Die unscheinbarsten Sterne sind die ausdauerndsten.
Die leisesten sind die beständigsten.
Während gewaltige Sterne entstehen und vergehen, während Galaxien sich verändern und neu ordnen, leuchten diese kleinen roten Sterne weiter — ruhig, sparsam, geduldig.
Das Hertzsprung-Russell-Diagramm ist mehr als eine wissenschaftliche Grafik.
Es erzählt von Wandel und Beständigkeit, von dramatischen Umbrüchen und unvorstellbarer Geduld.
Es zeigt uns:
Energie kann stürmisch sein oder leise.
Entwicklung kann explosiv oder fast unsichtbar verlaufen.
Größe entscheidet nicht über Dauer.
Vielleicht liegt gerade darin eine unerwartete Weisheit des Kosmos:
Nicht alles Bedeutende geschieht laut.
Nicht alles Große vergeht schnell.
Und manchmal besteht die längste Reise darin, einfach weiter zu leuchten.
So, und dann will ich mal nicht so sein. Hier kommt noch ein Foto meines tastbaren HR-Diagramms für euch Gucklinge.
Meine lieben, heute ist mal wieder eine sehr spannende Frage von euch dran.
Die Frage
Wieso sind nicht alle Sterne gleich?
Müssten doch, weil…
Wenn sich ein Stern aus einer Gaswolke bildet, dann zündet doch die Kernfusion ab einem bestimmten Druck in seinem Inneren. Der Druck und dadurch auch die Zünd-Temperatur für die Kernfusion wird doch durch die Masse des werdenden Sterns erzeugt, oder nicht?
Dann sollten doch alle Sterne gleich sein. Wie kommt es aber, dass es so viele Sterne unterschiedlicher Masse gibt?
Wer darf sich Stern nennen
Dass Druck und Temperatur zur Zündung des Wasserstoff-Brennens immer gleich sind, stimmt schon mal, aber es kommt noch was dazu, wie wir sehen werden.
Stern nennen darf sich nur, wer in seinem Bauch Wasserstoff zu Helium verdauen kann. Und das passiert tatsächlich erst ab einer gewissen Temperatur und Druck im Innern eines werdenden Sternes.
Die Kernfusion legt nicht fest, wie schwer ein Stern wird, sondern nur, ab wann ein Gasball überhaupt ein Stern ist.
Haushaltsbeispiel
Eine solche Druckgrenze, ab wann etwas passiert, kennen wir aus unserer Küche. Das Sicherheitsventil eines Schnellkochtopfes öffnet sich stets ab einem gewissen Druck in seinem inneren. Und das passiert unabhängig davon, wie voll der Topf ist, oder wie viel Feuer man darunter hat. Der Der Öffnungsdruck für das Ventil bleibt immer derselbe. Steigt der Druck danach noch im Topf, weil man die Herdplatte noch an hat, dann zischt es halt später heftiger.
Und wenn der Druck dann noch steigt, geht das Ventil eventuell kaputt, oder der Topf könnte explodieren.
Ist mir zwar nicht bekannt, dass das mit einem normalen Schnellkochtopf schon passiert wäre, aber in der Chemischen Industrie, wo man derlei in groß benutzt, schon.
Das heißt:
Und hier schließt sich der Kreis zu unseren werdenden Sternen. Sterne, die mehr als 150 Sonnenmassen in sich vereinen, kann es nicht geben. Sie werden instabil.
Bei ihnen bläst der Strahlungsdruck und Sternwind alles weitere Material in seiner Umgebung weg, oder die Natur zieht es vor, mehrere kleinere Sterne, als ein großes Sternenmonster, entstehen zu lassen.
„Zünden“ heißt also nur: Jetzt bin ich ein Stern und bin erstmal mindestens so schwer, dass es für die Kernfusion reicht.
Genauer gesagt:
Ein Stern entsteht aus einer Gas- und Staubwolke.
Die Wolke zieht sich zusammen, wird dabei immer heißer und dichter.
Ab einem bestimmten Kerndruck und ~10 Millionen Kelvin kann Wasserstoff zu Helium fusionieren
Sternstatus erreicht.
Was knapp darunter liegt, reicht zwar nicht zum normalen Stern, aber eventuell zu einem braunen Zwerg.
Das ist so ein Mittelding zwischen Planet und Stern. So ein brauner Zwerg hat ungefähr zwischen 13 und 80 Jupitermassen. Er kann kurzfristig Deuterium, schweren Wasserstoff, zu Helium3 fusionieren, aber zur richtigen Fusion mit normalem Wasserstoff zu Helium4, reicht der Druck in ihrem Inneren nicht aus. Sie sind aber sehr spannend, weil sie recht häufig vorkommen, und quasi eine Brücke zwischen Planeten und Sternen schlagen. Ja, braune Zwerge können sogar Planeten besitzen. Die frage ist dann nur, wie man solch ein System mit einem Fast-Stern in der Mitte dann nennt. Ich kenne keinen beschreibenden Begriff, und habe für derlei bisher nur immer Umschreibungen gesehen. Es wäre aber wirklich Zeit, dafür ein Wort zu finden, schon alleine deshalb, weil solche Systeme gar nicht selten sind.
Und noch ein Funfact: Braune Zwerge sind überhaupt nicht braun. Sie leuchten meist im infraroten Bereich, aber die Entdecker fanden Braun irgendwie passend, weil so dazwischen.
Was leichter als ein brauner Zwerg ist, kann höchstens noch ein Gasplanet werden. Der legt sich dann, wie Jupiter noch einige Monde und Trojaner zu, oder schmückt sich eitel, wie Saturn mit Ringen.
Viele Gasplaneten machen einfach auch beides…
Jetzt die Frage
Wieso gibt es aber dennoch so eine große Vielfalt unter den Sternen?
Der entscheidende Punkt ist:
Die Fusion stoppt das weitere Zusammenziehen des werdenden Sterns, aber nicht zwingend das Massensammeln.
Während der Stern „zündet“, passiert Folgendes gleichzeitig:
Materie fällt weiter aus der Umgebung auf den Stern
Der Stern bläst Materie durch Strahlung und Sternwind wieder weg
Wie schwer er dann am Ende wird, ist ein Wettlauf zwischen:
Nachschub von außen
Gegenwehr des Sterns
Ist also der Strom von Gas, das auf den Stern prasselt größer, als der Sternwind selbst, dann kann er wachsen, so lange es noch Material um ihn herum gibt, das er sich einverleiben kann. Was dann noch übrig bleibt, kann eventuell noch für Planeten reichen.
Was werden kann
Je nach dem, wie groß und schwer die Gaswolke ist, passiert verschiedenes.
Kleine Sterne: sparsame Minimalisten
Bei massearmen Sternen (z. B. rote Zwerge) befindet sich zum Zeitpunkt seiner Entstehung Wenig Gas in der Umgebung. Es reicht ihm gerade so, dass er Stern sein kann. Somit hat er einen vergleichsweise schwachen Sternwind, und von außen gibt es nichts, woran er wachsen könnte…
Sobald die Fusion einsetzt, ist praktisch Schluss mit weiterem Zuwachs, weil das, was da noch auf ihn prasseln könnte, sehr wenig ist, bzw. von seinem Sternwind verblasen wird.
Aber solch einem „gerade-noch-Stern“ ist ein langes Leben beschieden, weil kleine Sterne sehr gut mit dem wenigen, was sie haben, haushalten können. Die Lebensdauer zwischen Riesensternen und so kleinen roten Zwergsternen, unterscheidet sich um viele Zehnerpotenzen.
Große Sterne: kosmische Vielfraße
Dort, wo sich massereiche Sterne bilden, gibt es reichlich Material um ihn herum.
Er kann viel Material zu sich ziehen (akkregieren).
Dass die Kernfusion bereits eingesetzt hat, hindert ihn nicht daran, weiter zu fressen und zu wachsen.
Er wird immer heißer, immer heller, immer schwerer,
bis seine eigene Strahlung und sein Sternwind das restliche Gas wegblasen.
Das Ergebnis ist dann ein riesiger Stern mit kurzer Lebensdauer, der sehr wahrscheinlich als fulminante Supernova endet.
Solche Riesensterne sind recht selten. Als das Universum vor vielen Milliarden Jahren noch kleiner war, dürften sich zwar viele solche Riesensterne gebildet haben, aber die sind ob ihrer kurzen Lebensdauer schon längst in Supernovae-Explosionen verpufft. Zum anderen kommen Bedingungen, die kleinere Sterne gebären, deutlich häufiger vor.
In aller Kürze
Hier nochmal kurz zusammen gefasst:
Die Intuition ist oft:
Gleicher Fusionsdruck → gleicher Stern
Aber korrekt ist:
Gleicher Fusionsdruck → gleiche Untergrenze für Sterne
Die Masse bestimmt dann:
wie stark die Gravitation ist
wie viel Druck und Temperatur im Kern herrschen
wie schnell die Fusion abläuft
Mehr Masse → mehr Druck → schnellere Fusion → hellerer, kürzer lebender Stern
So, nun hofft der Sternenonkel, dass diese Frage hinreichend beantwortet werden konnte. Bitte fragt weiter. Das freut den Sternenonkel sehr. Es macht es mir auch einfacher, weil ich mir dann keine Themen aus den Fingern saugen muss. Und für euch ist es dann so, dass ihr das erfahrt, was ihr auch wissen möchtet, und nicht das, was z. B. ich als wissenswert erachte…
Meine lieben,
in diesem Reduzierten Blindnerd-Adventskalender geht es zum Fest des Lichts und der Freude auch heute, um besondere Sterne.
Greifen wir uns heute einen solchen Stern zum dritten Advent heraus, der vom größten Beobachter seiner Zeit untersucht wurde.
Im Jahre 1543 veröffentlichte Nikolaus Kopernikus (1473-1543) ein Buch mit
dem mathematischen Rüstzeug zur Berechnung der Planetenpositionen unter der
Annahme, dass die Erde zusammen mit Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn
um die Sonne lief (der Mond war auch für Kopernikus ein Begleiter der Erde).
Drei Jahre nach Kopernikus Tod wurde Tycho Brahe in der südlichsten Provinz Schwedens geboren, die damals zu Dänemark gehörte. Als Kind interessierte er sich für die juristerei. Doch nachdem er, vierzehnjährig, eine Sonnenfinsternis beobachtet hatte, widmete er seine Aufmerksamkeit fortan der Astronomie (zum Glück für ihn und die Astronomie).
Seine große Chance kam 1572. Damals war er 26jahre alt und in Europa noch
weitgehend unbekannt.
Bis zu jenem Jahr wußten die Europäer, einschließlich der Astronomen, nichts
von neuen Sternen. Da gab es den vagen Hinweis auf den neuen Stern des Hipparch, der jedoch leicht in das Reich der Fabeln verwiesen werden konnte, zumal
Ptolemäus kein Wort darüber verloren hatte.
Mit Sicherheit kannte kein europäischer Astronom die
Aufzeichnungen der Chinesen und Japaner über die diversen neuen Sterne.
Doch dann, als Tycho Brahe am ii. November 1572 aus der chemischen Werkstatt
seines Onkels ins Freie trat, sah er einen Stern, der ihm zuvor noch nie aufgefallen
war. Er leuchtete im Sternbild Kassiopeia, hoch am Himmel, und erschien heller als
jeder andere Stern dieser einprägsamen Figur. Für jemanden, der sich so gut am
Himmel auskannte wie Tycho, war dieser Stern nicht zu übersehen.
Wie schon der Gaststern des Jahres 1054 strahlte das neue Objekt heller als die
Venus. Anders als damals konnte aber niemand glauben, es sei die Venus, denn
das Sternbild Kassiopeia liegt weit abseits des Tierkreis-Gürtels. Dorthin konnte
sich kein Planet „verirren“.
In seiner Aufregung bat Tycho jeden, der ihm begegnete, nach dem Stern zu
schauen. So erhoffte er sich Auskunft darüber, ob jemand diesen Stern vielleicht
schon am Abend zuvor dort bemerkt hatte.
jeder bestätigte Tycho, dass auch er den Stern sehe; offenbar war Tycho keiner
optischen Illusion erlegen. Aber niemand vermochte zu sagen, ob dieser Stern neu
war oder nicht oder wann er ihn zum ersten Mal gesehen hatte. Es war ein heller
Stern, zweifellos. Doch konnte er nach Auskunft aller Befragten schon immer an
dieser Stelle gestanden haben.
Tycho war dagegen überzeugt, dass ihm das Objekt bei seiner letzten Beobachtung dieser Gegend nicht aufgefallen war.
Der deutsche Astronom Wolfgang Schuler scheint
den Stern bereits am Morgen des 6, November, also fünf Tage vor Tycho, bemerkt zu haben.
Tycho begann nun eine allnächtliche Beobachtungsreihe, was vor ihm noch kein
anderer Astronom versucht hatte. Während eines früheren Aufenthaltes in
Deutschland hatte er sich einige Messgeräte von hervorragender Qualität gebaut,
von denen er eines sofort benutzte, einen Sextanten, mit dem er die Winkelabstände des neuen Sterns zu den übrigen Sternen der Kassiopeia bestimmen konnte. Er eichte das Instrument sorgfältig, um jedwede Fehler, die sich aus einer
unvollkommenen Konstruktion ergeben mochten, auszumerzen, und er berücksichtigte als erster die Refraktion des Lichtes in der Atmosphäre (eine geringfügige Ablenkung des Lichtes vom geraden Weg, die durch den schrägen Lichteinfall bei horizontnahen Gestirnen hervorgerufen wird). Darüber hinaus notierte er zusammen mit jeder Messung auch sorgfältig die Bedingungen, unter denen das
Ergebnis zustande gekommen war.
Ein Teleskop stand ihm noch nicht zur Verfügung (das Fernrohr wurde erst
36jahre später erfunden), aber Tycho erwies sich als der beste Beobachter in der
ganzen Geschichte der Astronomie vor der Erfindung des Fernrohrs. Seine Beobachtungen des neuen Sternes markieren – vielleicht mehr noch als die neue Theorie des Kopernikus – den Anfang der modernen Astronomie.
Der neue Stern stand so weit nördlich, dass er im Verlauf der täglichen Drehung
des Himmels nicht unter den Horizont sank. Entsprechend konnte Tycho ihn die
ganze Nacht über beobachten. Und am nächsten Morgen stellte er zu seiner
Überraschung fest, dass der Stern hell genug leuchtete, um auch am Taghimmel
sichtbar zu bleiben.
Doch der strahlende Glanz des Sterns war nur von kurzer Dauer. Seine Helligkeit
nahm von Nacht zu Nacht ab. Im Dezember 1572 erschien er nicht mehr heller
als Jupiter, im Februar 1573 war er kaum noch zu erkennen, und im März 1574
verschwand er schließlich. Tycho hatte ihn zuletzt über einen Zeitraum von
485 Tagen beobachten können. Übrigens haben auch chinesische und koreanische
Astronomen den neuen Stern bemerkt, aber sie stellten nicht so präzise Positionsmessungen an wie Tycho.
die große Zeit der fernöstlichen Astronomie neigte sich ihrem Ende zu.
Mit der Art, wie Tycho an die Erforschung dieses Gaststernes heran ging, begann wirklich eine Neuzeit der Wissenschaft.
Bald folgte die Erfindung des Fernrohres, Galilei entdeckte vier Jupitermonde, was das neue Weltbild mit der Sonne in der Mitte stützte, Kepler fand seine drei Gesetze, und Newton seine Kraft-Gleichungen.
Ich finde, dass dieser Gaststern sehr viel weihnachtliches bietet. Er markierte, wie jener von Betlehem, eine Neuzeit.
Sind wir also gespannt, wo uns unsere letzte Geschichte am vierten Advent hin führt. Ich weiß es tatsächlich nur so ungefähr.
jetzt melde ich mich endlich mit einem neuen Artikel bei euch zurück.
Und der ist besonders. Man könnte fast sagen, er ist zweisprachig.
Am letzten Dienstag, 08.07.2025 ist ein großer Wunsch in Erfüllung gegangen. Seit ungefähr zwanzig Jahren halte ich astronomische Vorträge, Workshops und andere Veranstaltungen. In dieser ganzen Zeit ist es nie vorgekommen, dass ich einen Auftritt in meiner Geburtsstadt hatte.
Genau so einen durfte ich nun feiern. Darüber berichte ich aber dann in meinem Jahresrückblick, wie immer. Ich habe aber diesen Vortrag mal als Anlass genommen, mich mal im alemannischen Sprachraum nach Astronomen umzusehen.
Und wie ihr euch denken könnt, wurde ich fündig, obwohl mir GPT am Anfang einiges Geschwurbel lieferte. Sie verlegte z. B. Königsberg ins alemannische. Ja, in Königsberg gab es tatsächlich den berühmten Johann Müller, auch Regiomontanus genannt, der Kolumbus mal mit seinen guten Sternkarten und Voraussagen das Leben rettete.
Aber mit der Zeit hatte ich die Schwurblerin in der Spur. Hier stelle ich euch also heute mal drei Astronomen aus dem alemannischsprachlichen Raum vor.
1. Johann Jakob Balmer (1825–1898) – Der Vater der Spektrallinien
Was hat er gemacht?
Balmer war eigentlich ein ganz normaler Lehrer am Gymnasium in Basel, aber ein leidenschaftlicher Mathematiker. 1885 – also relativ spät in seinem Leben – veröffentlichte er eine Formel, mit der sich die Wellenlängen des sichtbaren Lichts im Spektrum von Wasserstoff exakt berechnen lassen.
Diese Spektrallinien waren zwar schon bekannt, aber niemand konnte erklären, warum sie gerade dort auftauchten. Balmer entdeckte, dass sich die Wellenlängen mit einer einfachen Formel berechnen ließen.
Mit dieser Formel konnte man plötzlich exakt die Position der bekannten Linien vorhersagen – rein mathematisch!
Die Balmer-Formel wurde später zur Grundlage für die Entwicklung des Bohrschen Atommodells und damit für die Quantentheorie. Was Balmer also als Lehrer „im stillen Kämmerlein“ entdeckte, führte zu einem Paradigmenwechsel in der Physik.
Neben seiner Lehr- und Forschertätigkeit bekleidete er auch verschiedene öffentliche Ämter: Er sass im Basler Grossen Rat, amtierte als Schulinspektor und Armenpfleger und war Mitglied des Kirchenvorstands.
Er heiratete 1850 Christine Pauline Rinck (1825–1886), die Tochter eines Pfarrers von Grenzach. Das Ehepaar hatte sechs Kinder, darunter den Schweizer Maler Wilhelm Balmer.
Balmer war sehr vielseitig in seinen Interessen. Er beschäftigte sich mit Kabbalistik und Numerologie, so errechnete er zum Beispiel die Stufenanzahl von Pyramiden oder den Grundriss biblischer Tempel. Ausserdem beschäftigte er sich mit Architektur, Sozialhygiene und sozialem Wohnungsbau und darüber hinaus mit den gemeinsamen Grundfragen von Naturwissenschaft, Philosophie und Religion.
An seinen Schriften sieht man, wie vielseitig er war, und wie ganzheitlich er dachte.
Ueber Arbeiter-Wohnungen in und um Basel. s. n., Basel 1853 (Digitalisat; mit Plänen und Kostenberechnungen für eine auf der Breite ausgeführte Wohnsiedlung).
Des Propheten Ezechiel Gesicht vom Tempel. Riehm, Ludwigsburg 1858 (Digitalisat).
Die Naturforschung und die moderne Weltanschauung. Oeffentlicher Vortrag. Bahnmaier, Basel 1868 (Digitalisat).
Wohnungsübelstände. Vortrag, gehalten in der Generalversammlung des Basler Bauvereins den 14. September 1878. s. n., Basel 1878.
Die Wohnung des Arbeiters. Detloff, Basel 1883 (books.google.at).
Notiz über die Spektrallinien des Wasserstoffs. In: Verhandlungen der Naturforschenden Gesellschaft in Basel. Band 7, Nr. 3, 1885, S. 548–560 (biodiversitylibrary.org); auch in: Annalen der Physik und Chemie. Band 261 (= Neue Folge. Band 25. Nr. 5, 1885, S. 80–87 gallica.bnf.fr).
Die freie Perspektive. Vieweg, Braunschweig 1887.
Gedanken über Stoff, Geist und Gott. Aphorismen. Werner-Riehm, Basel 1891.
Eine neue Formel für Spektralwellen. In: Verhandlungen der Naturforschenden Gesellschaft in Basel. Band 11, Nr. 3, 1897, S. 448–460 (biodiversitylibrary.org); auch in: Annalen der Physik und Chemie. Band 296 (= Neue Folge. Band 60. Nr. 2, 1897, S. 380–391 gallica.bnf.fr).
Der Mondkrater Balmer und der Asteroid (12755) Balmer sind nach ihm benannt.
2. Johann Heinrich Lambert (1728–1777) – Der Universalgelehrte aus dem Elsass
Geburtsort: Mülhausen (heute Frankreich, damals Teil der Schweiz)
Beruf: Mathematiker, Astronom, Physiker, Philosoph
Sprache: Elsässisch (alemannisch)
Lambert war ein autodidaktisches Genie. Aus einfachen Verhältnissen stammend, arbeitete er sich zum anerkannten Gelehrten hoch. Er war der Erste, der bewies, dass die Kreiszahl $\pi$ (Pi) irrational ist – also niemals als Bruch darstellbar.
In der Astronomie befasste er sich mit der Beleuchtung von Himmelskörpern (das sogenannte Lambert’sche Gesetz beschreibt, wie hell eine Fläche aus verschiedenen Blickwinkeln erscheint), mit Kartenprojektionen und mit der Frage, wie man den Himmel mathematisch beschreiben kann.
Er war auch ein Vorläufer der Nicht-Euklidischen Geometrie, was später für Einsteins Relativitätstheorie wichtig wurde.
Lambert lieferte viele mathematische Werkzeuge, die heute in der Himmelsmechanik, Optik und Physik verwendet werden.
Er hatte ein überraschend modernes Weltbild, in dem er z. B. über unendliche Räume und Welten spekulierte.
benannt wurden der 1878 entdeckte Asteroid (187) Lamberta sowie jeweils ein Krater (Lambert)[4][5] auf dem Erdmond und dem Planeten Mars.
3. Fritz Zwicky (1898–1974)
Und hiermit kommen wir zu einer der meist illustren Persönlichkeiten, die mir in der Astronomie je untergekommen ist.
Er darf an dieser Stelle nicht fehlen.
Er war gebürtiger Schweizer aus dem Kanton Glarus, also eindeutig aus dem alemannischen Sprachraum, und dazu eine außergewöhnliche Figur in der Astronomiegeschichte – ein Freigeist, Pionier und Querdenker.
Fritz Zwicky wurde 1898 in Varna (Bulgarien) geboren, wuchs aber in der Schweiz im Glarnerland auf, wo seine Familie ursprünglich herkam.
Er sprach Schweizerdeutsch, hatte aber durch seine Bildungslaufbahn auch perfekten Zugang zu Hochsprache und Englisch. Sein alemannisches Temperament hat ihn nie verlassen – Zwicky war direkt, unbequem, brillant und dickköpfig.
Er ging in die USA, arbeitete ab 1925 am California Institute of Technology (Caltech) – aber blieb gedanklich eigenständig und unangepasst, oft zum Ärger seiner Kollegen.
Er sprach meistens tiefstes Schweizerdeutsch, und wer damit Probleme hatte, kümmerte ihn nicht. Er fluchte viel und warf mit vielen alemannischen Beschimpfungen um sich, wovon wir nachher noch hören werden.
Zwicky hat in der Astronomie Dinge vorausgesehen und entdeckt, die erst Jahrzehnte später allgemein anerkannt wurden:
1933 (!) beobachtete er Galaxienhaufen (v. a. den Coma-Haufen) und merkte, dass die Galaxien zu schnell um den Haufen kreisen, um nur durch sichtbare Materie zusammengehalten zu werden.
Er sagte:
„Da muss es no öppis Unsichtbars gä. Ich nenn’s mol dunkli Materie.“
Er war der erste, der diesen Begriff prägte und das Konzept wissenschaftlich formulierte – aber kaum jemand glaubte ihm.
Das lag sicherlich an seiner Art, Dinge derart bestimmt in die Welt zu brüllen.
Zwicky war auch Mitentdecker des Supernova-Begriffs und postulierte, dass dabei ein Neutronenstern entstehen könnte – Jahrzehnte bevor das bewiesen wurde.
„E normale Stern macht z’Bumm – und was übrig bleibt, isch kompakter als mir je denked händ.“
Wenn er noch „Und damit Basta“ hinzugefügt hätte, wunderte mich das nicht.
Er entwickelte die „morphologische Analyse“, eine systematische Methode, um kreative Lösungsräume zu erkunden – die auch heute noch z. B. in der Technik- und Innovationsforschung verwendet wird.
Was diese Methode genau beinhaltet, weiß ich gerade nicht.
Ich sagte es schon.
Zwicky war berüchtigt für seine Schärfe. Über Kollegen, die ihn kritisierten, sagte er mal:
„Ich nenn sie spheric bastards – no matter from which direction you look at them, they’re always bastards.“
Ein bisschen viel Pfeffer, aber es zeigt: Er war leidenschaftlich, auch im Konflikt. Sein alemannischer Starrsinn hat ihn zwar isoliert, aber ihm auch erlaubt, radikal anders zu denken.
Ich habe ihn nun im folgenden mal einen alemannischen Monolog halten lassen. Bin gespannt, ob und wie euch das gefällt.
Natürlich ist der frei erfunden, aber so, oder ähnlich wird er dann und wann schon vor sich hin gebruddelt und geschimpft haben. Das ist gut belegt.
I bi dr Zwicky“ – E Monolog uf Glarner-Alemannisch
Stell dir vor, dr Zwicky steht irgendwo z’Caltech im Gang, mit’m Kafi in dr Hand, Blick Richtung Himmel, und schimpft so vor sich hi – halb für sich, halb für d’Nochwelt.
Jo, grüezi mitenand. I bi dr Fritz – dr Zwicky. Glarner. Physiker. Astronom. Erfinder. Wüterich, säge d’Lüt. Aber ich säge: I bi nume ehrlich. Und ehrlich isch hyt nüm modern.
I bi 1898 uf d’Welt cho – i Bulgarie, aber mi Härz, das isch im Glarnerland bliibe. I bin glarnerdütsch gross worde, und drum red i au so. Wär mi nid verstoot, het Pech gha.
I bi denn i d’USA gange – Caltech. Jo, das mit de Rockets und de Nobelpreisträger, das isch guet und recht. Aber weisch, was mir gfehlt het? Gstandeni Lüt mit Rückgrat. Nid nume d’Lätscher, wo einander im Gwitter uf d’Schultere klopfed.
Lueg, 1933 han i öppis entdeckt. I han d’Galaxie gstudiert – und i han gseh: Die beweged sich zu schnäll. So wie wenn im Glarnerland d’Küeh schneller renne als s’Herdmandli – aber kei Hund in Sicht. Das het ke Sinn mache.“
Also han i gseit: S’git dunkli Materie. Es muss öppis Unsichtbars gä, wo d’Galaxie zämehaltet. I han’s vorgrechne. Und was hämmer griegt? Nüt als e Hohnlachä. Hahaha, dr Zwicky spinnt wieder.
Aber i han z’letschte glacht – denn hüt redet alli über d’dunkli Materie, als wär’s es neuis Müsli. Und i? I hock im Archiv. Wo blibt mis Denkmal, he?
Und denn, Supernovä. Jo, die Bumm-Stern. I han d’erst erklärt. Und i han gseit: Da blibt e Neutronenstern. E Ding so dicht, dass dr Verstand glüht. Und d’Lyt? Wieder: ‚Zwicky, jetzt wird’s absurd.‘
Aber heit hei s’feschtstellt. Und wieder heisst’s: ‚Ach, wie faszinierend!‘ – Jo, isch’s, aber i han’s scho vor 30 Jahr gseit, du Blitzmarie!
Lueg, i ha mi au mit Morphologie beschäftigt. Also ned mit Flüügle und Käfer – sondern wie me Probleme systematisch analysiere cha. I han d’morphologische Methode erfunde. Es Werkzüüg für s’Denke.
Aber i bi nid en Schleimer. Drum hei sie mi am Schluss nume halb toleriert. Aber i säge: Liebi Lüt, Wahrheit isch nid zum Kuschele. Sie isch e Hammer. Und i bi dä, wo dr Hammer gschwunge het.
Also wenn ihr das nächsch Mal i d’Sterni lueged, und euch fraget, was das dunkli Zeugs zwüsche d’Galaxie isch – denked an mi. Dr Zwicky. Dr wütige Glarner, wo d’Welt z’früh verstande het.
Und jetzt entschuldiged mi – i ha no e paar Theorien, wo d’Zukunft mir no schuldet.
Fazit
also ich finde, so viel Heimatgefühl muss erlaubt sein. Ich bin etwas stolz auf die drei.
Manche von euch, vor allem kundige Frauen denken jetzt vielleicht daran, dass die Astronomin Vera Rubin die dunkle Materie entdeckt hat. Und das stimmt auch. Sie hat aber andere Methoden benutzt als Zwicky. Und vor allem hat sie ihre Ergebnisse eleganter formuliert und gründlicher bewiesen. Aus diesem Grund muss der nächste Artikel über Vera Rubin und der Gegenüberstellung mit Zwicky handeln. Freut euch darauf.
meine lieben,
was macht ein Sternenonkel in einem fremden Land, einer frenden Stadt und in einem Hotelzimmer, wo er keinen Schlaf findet? Genau. Er beginnt darüber nachzudenken, was es astronomisches an dem Ort gibt, wo er sich gerade befindet.
wie sagt das Sprichwort so schön?
Und wenn man eine Reise tut, dann kann man was erzählen.
Nach langer Zeit, bin ich mal wieder auf einer dreitägigen Konferenz in Amsterdam. Dort geht es um alles rund um tastbare Grafiken, Blindenschrift und neue Technologien dazu. Ich habe u. A. einen sprechenden großen Wagen im Rucksack. Wer mal zu mir in meine Vorträge kommt, kann ihn mal erleben. Für jetzt habe ich mich darauf verlegt, mal zusammen zu tragen, was dem Sternenonkel an fremden Orten in einer schlaflosen Nacht so alles einfallen kann.
was das kleine Ländchen Niederlande so in Sachen Astronomie zu bieten hat. Und schnallt euch an. Das ist nicht wenig, und bestimmt habe ich auch noch einiges vergessen.
Also los:
Vorwort
Die Niederlande – ein kleines Land mit großer Geschichte, besonders wenn es um das Verstehen der Welt und des Himmels geht. Kaum ein anderer Ort hat in den letzten Jahrhunderten so viele Denker, Bastler, Philosophen und Sternengucker hervorgebracht, die in enger Beziehung zueinander standen. Hier treffen sich Astronomie, Navigation, Optik und Geist – eine faszinierende Mischung.
Der neue Weitblick
Um 1608 soll ein Brillenmacher aus Middelburg namens Hans Lipperhey das erste Fernrohr gebaut haben. Ob er tatsächlich der Erste war, darüber streitet sich die Fachwelt. Doch fest steht: Das Prinzip des Fernrohrs wurde in den Niederlanden geboren – und es veränderte alles.
Wenig später richtete Galilei ein verbessertes Modell gen Himmel.
Er entdeckte damit Sonnenflecken, die vier Jupitermonde Europa, Ganimet, Kalisto und IO, das unser Mond Krater besitzt, welche er Meere nannte und dass das Kopernikanische Weltbild stimmen muss.
aber der Impuls und das Instrument dazu kamen von niederländischem Boden. Ohne diese bescheidene Linse hätten wir vielleicht viel später in die Krater des Mondes und in die Ringe des Saturn geschaut.
Straßen, Wellen und Monde
Christian Huygens war das niederländische Universalgenie des 17. Jahrhunderts:. Mit einem selbstgebauten Fernrohr entdeckte er 1655 den größten Mond des Saturn, Titan. Er erkannte die wahre Natur der Saturnringe – kein fester Ring, sondern ein System aus zahllosen Partikeln.
Doch Huygens war nicht nur Himmelsbeobachter. Mit seiner Wellentheorie des Lichts legte er den Grundstein für unser modernes Verständnis von Optik. Und seine Erfindung der Pendeluhr revolutionierte die Zeitmessung – ein entscheidender Fortschritt für Astronomie und Navigation.
Orientierung auf hoher See
Im sogenannten Goldenen Zeitalter eroberten niederländische Schiffe die Weltmeere. Doch ohne Orientierung am Sternenhimmel wäre das gar nicht möglich gewesen. Navigiert wurde mit Jakobsstab, Sextant, Astrolabium – und später, dank präziser Uhren, auch mit Längengradberechnung.
Zwar war es John Harrison, der später mit seinem Chronometer wirklich schiffstaugliche Uhren baute, doch Huygens war der erste, der eine grundsätzlich seetaugliche Uhr mit Federantrieb entwarf. Ich schrieb dazu bereits in meinem Beitrag Ein Uhrmacher revolutioniert die Seefahrt
Weldkarten
Die Kartografie florierte parallel zur Seefahrt:
Gerardus Mercator entwickelte die nach ihm benannte Mercator-Projektion, die Kurslinien zu Geraden machte – ein Meilenstein für die Navigation.
Willem Blaeu, Schüler von Tycho Brahe, wurde Hofkartograf der VOC. Er erstellte prächtige Stern- und Seekarten, die bis heute beeindrucken.
Die niederländischen Kartografen verschmolzen Wissenschaft, Kunst und praktischen Nutzen – das war europäische Spitzenklasse.
Struktur des Kosmos
In modernerer Zeit leisteten niederländische Astronomen entscheidende Beiträge zur Struktur des Kosmos:
Jacobus Kapteyn modellierte anhand von Sternzählungen die erste realistische Vorstellung der Milchstraße.
Der Kuipergürtel, dieses riesige Reservoir eisiger Himmelskörper jenseits der Neptunbahn, ist nach dem niederländisch-amerikanischen Astronomen Gerard Kuiper benannt.
In ihm befinden sich unzählige kleine, eisige Körper, darunter Zwergplaneten wie Pluto, Haumea, makemake und möglicherweise sogar noch größere Objekte, die noch unentdeckt sind. Wegen dieser Entdeckungen wurde eine neue Definition nötig, was ein Planet überhaupt ist. Ansonsten hätten wir nicht nur acht Planeten zu lernen, sondern vielleicht hunderte..
Jan Hendrik Oort zeigte, dass sich die Galaxis dreht – und postulierte die heute so bekannte Oortsche Wolke, ein Kometen-Reservoir am Rande des Sonnensystems.
Beide zeigten: Auch die ferne Milchstraße kann man mit Daten und Logik zum Sprechen bringen.
Die erweiterte Bedeutung einer Linse
Man könnte meinen, Baruch Spinoza habe nur mit Worten gearbeitet. Doch der große Aufklärungsphilosoph war auch Linsenschleifer – und ein herausragender noch dazu. Seine feinen Linsen gingen an Mikroskopbauer, Astronomen und Naturforscher.
Spinoza sah die Welt als ein einziges zusammenhängendes System – seine Philosophie und sein Handwerk spiegeln ein Weltbild, in dem Wahrnehmung, Denken und Materie untrennbar verbunden sind.
Der Astronom mit gesellschaftlichem Blick
Anton Pannekoek war einer der eigenwilligsten niederländischen Denker: Astronom und sozialistischer Theoretiker. Tagsüber erforschte er Sternatmosphären, abends schrieb er über Gesellschaft, Macht und Emanzipation.
Für ihn gehörten Wissenschaft und Gesellschaft zusammen – ein Beispiel dafür, wie Denken über Sterne und Menschen Hand in Hand gehen kann.
🏛️ Forschungseinrichtungen mit Weitblick
Die niederländische Forschung ist auch heute bedeutend:
Die Sterrewacht Leiden ist eines der ältesten Observatorien der Welt.
Das Institut ASTRON betreibt mit LOFAR eines der fortschrittlichsten Radioteleskope Europas.
In Noordwijk sitzt das technische Zentrum der ESA, ESTEC – das Herzstück vieler europäischer Weltraummissionen.
✨ Fazit:
Die Niederlande haben uns nicht nur Tulpen, Käse und Kunst geschenkt – sondern auch neue Augen für das Universum.
Von der ersten Linse bis zur Radiogalaxie reicht ihr Vermächtnis. Ein Land zwischen Deich und Daten, zwischen Philosophie und Fernrohr, das gezeigt hat:
Man kann Himmel und Erde zugleich im Blick haben.
Ihr seht es ja selbst. Alleine in diesem Artikel sind schon wieder so viele Türchen für weitere aufgegangen. Hört denn das niemals auf?