Weihnachtsereignis am Himmel 2020 – Was war der Stern von Betlehem


Liebe Leser*innen,

Die Huldigung der Sterndeuter: Matthäus 2, 1–12

  1. Als Jesus zur Zeit des Königs Herodes in Betlehem in Judäa geboren worden war, kamen Sterndeuter aus dem Osten nach Jerusalem
  2. und fragten: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen.
  3. Als König Herodes das hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem.
  4. Er ließ alle Hohenpriester und Schriftgelehrten des Volkes zusammenkommen und erkundigte sich bei ihnen, wo der Messias geboren werden solle.
  5. Sie antworteten ihm: In Betlehem in Judäa; denn so steht es bei dem Propheten:
  6. Du, Betlehem im Gebiet von Juda, bist keineswegs die unbedeutendste unter den führenden Städten von Juda; denn aus dir wird ein Fürst hervorgehen, der Hirt meines Volkes Israel.
    Micha 5, 1.3; 2. Samuel 5, 2
  7. Danach rief Herodes die Sterndeuter heimlich zu sich und ließ sich von ihnen genau sagen, wann der Stern erschienen war.
  8. Dann schickte er sie nach Betlehem und sagte: Geht und forscht sorgfältig nach, wo das Kind ist; und wenn ihr es gefunden habt, berichtet mir, damit auch ich hingehe und ihm huldige.
  9. Nach diesen Worten des Königs machten sie sich auf den Weg. Und der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, zog vor ihnen her bis zu dem Ort, wo das Kind war; dort blieb er stehen.
  10. Als sie den Stern sahen, wurden sie von sehr großer Freude erfüllt.
  11. Sie gingen in das Haus und sahen das Kind und Maria, seine Mutter; da fielen sie nieder und huldigten ihm. Dann holten sie ihre Schätze hervor und brachten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe als Gaben dar.
  12. Weil ihnen aber im Traum geboten wurde, nicht zu Herodes zurückzukehren, zogen sie auf einem anderen Weg heim in ihr Land.

Mit diesem Bibelzitat sind wir auch schon voll im Thema.
Morgen Abend erwartet uns ein Schauspiel am Himmel, dass als Stern von Betlehem durchgehen kann. Grund genug, sich mal damit zu befassen, welche Überlegungen und Ideen durch die Jahrhunderte hindurch entstanden sind, was denn dieser Stern nun sein könnte.
Dieser Suche wollen wir in diesem Artikel mal nachspüren,
Wichtig an der Geschichte ist ja nicht nur der Stern und was er war, sondern auch die besondere Eigenschaft, dass er vor “ihnen” her zog und über dem Stall stehen blieb. Sie benutzten ihn quasi als Navi und liefen einfach hinter ihm her. Ob ein Stern als Navi taugt, beschrieb ich im Artikel “taugt ein Stern als Navi”, den ich passend zum Thema wärmstens empfehlen darf.
also los.

Antiker Hintergrund:

Astrologen und Astronomen, was früher dasselbe war, versuchten seit Jesu Geburt heraus zu finden, welches Ereignis am Himmel der Geburt Jesu zugeordnet werden könnte. Vor allem bei Horoskopen war es wichtig, mittels Himmelsereignissen, z. B. dem Erscheinen von Kometen, Finsternissen oder besonderer Planeten-Konstellationen, treffende Voraussagen machen zu können. Somit ist es folgerichtig, nach der Ursache des Sterns von Betlehem zu suchen.

Im Grunde genommen lehnte das Judentum, aus welchem dann die christliche Religion entstand, Sterne als Götter o. Ä. ab, aber es gab auch unter den Autoren der Bibel welche, die die Sterne mit gewissen Ereignissen auf Erden in Verbindung brachten. So fallen im Buch der Offenbarung des Johannes, Kap. 6 Sterne vom Himmel als Ankündigung des nahenden Weltgerichtes und bei den Propheten finden sich Zeichen des Unheils am Himmel, die z. B. durch Finsternisse angekündigt wurden.

Idee 1 – War es ein Komet?

Kometen waren stets Bringer, meist von Unheil im weitesten Sinne. Sie erschienen unangekündigt und verschwanden wieder. Man wusste nicht, was sie waren und auf welchen Bahnen sie sich bewegten. Darüber schrieb ich in Kometengeschichten 4.
So begann die christliche Theologie, stark vom Hellenismus und griechischer Metaphysik geprägt, nach dem Stern von Betlehem zu fanden. Origenes, Theologe aus der hellenistischen Schule von Alexandria vertrat dokumentiert als einer der ersten die Meinung, der Stern von Betlehem sei ein Komet gewesen, weil sich große Veränderungen und Ereignisse in der Welt häufig durch Kometen ankündigten.

Seit Beginn des 14. Jahrhunderts stellen Künstler den Stern von Betlehem als Kometen dar: so als einer der ersten Giotto di Bondone aus Florenz, nachdem er 1301 den Halleyschen Kometen beobachtet hatte, von dem schon antike Quellen recht oft berichten. Beeindruckt davon malte er zwei Jahre später diesen auf dem Fresko Anbetung der Könige „in der Scrovegni-Kapelle in Padua als Stern von Betlehem.

Es gibt chinesische und koreanische Hinweise über eine derartige Himmelserscheinung des Jahres vier oder fünf n. Chr.
Heute geht man davon aus, dass der chinesische Bericht einen Datierungsfehler enthalten könnte. Man schreibt deren Ereignis aufgrund anderer Hinweise heute eher einer Nova zu.
Gegen die Kometen-Theorie spricht:

  • Der Halleysche Komet war zwischen Oktober 12 v. Chr. und Februar 11 v. Chr. sichtbar, der Erde am nächsten war er am 29. Dezember 12 v. Chr. nach dem gregorianischen Kalender.[5] Die Geburt Jesu wird dagegen zwischen 7 und 4 v. Chr. (Tod des Herodes) angesetzt.
  • Kometen sind irregulär auftauchende Himmelskörper, die nach dem Volksglauben um Christi Geburt meist mit Unheil, nicht mit Heil, verbunden wurden.
  • Die Weisen aus dem Osten hätten nicht wissen können, dass gerade dieser Komet mit der Geburt eines bestimmten Königs in Israel oder Juda zusammenhängt.
  • Die Erscheinung eines Kometen wäre nicht nur den Weisen, sondern auch vielen anderen aufgefallen. Uns sind aber keine außerbiblischen Überlieferungen bekannt.
  • Ein Komet hätte keinen exakten Ort markiert und wäre nicht an einer bestimmten Stelle stehengeblieben.

Idee 2 – Konjunktions-Theorien

Seit dem Sassanidenreich im 3. Jahrhundert sahen Astrologen in einer großen Konjunktion (Begegnung) der Planeten Jupiter und Saturn Vorzeichen wichtiger historischer Ereignisse, etwa eines neuen Zeitalters, einer neuen Dynastie, der Geburt eines Propheten oder eines gerechten Königs. Jüdische Gelehrte wie Māschā’allāh ibn Atharī, Abraham Ibn Esra und Levi ben Gershon folgten dieser Grundannahme. Manche ihrer Vorhersagen wurden im jüdischen Messianismus auf die Geburt des Messias bezogen.
Der Astronom und Astronomiehistoriker Konradin Ferrari d’Occhieppo wies seit 1964 in mehreren Publikationen auf die bereits von Kepler bemerkte und sehr seltene dreifache Jupiter-Saturn-Konjunktion im Zeichen der Fische hin. Diese schien gut in den ungefähren Zeitraum der Geburt Jesu zu passen. Laut d’Occhieppo musste ein babylonischer Astronom eine solche Konjunktion als Hinweis auf ein Ereignis in Israel (Judäa) verstehen, weil Jupiter der Stern des babylonischen Gottes Marduk gewesen sei, während Saturn als Planet des jüdischen Volkes gegolten habe. Der westliche Teil des Fischezeichens habe unter anderem für Palästina gestanden. Daraus hätten babylonische Astronomen folgern können: Königstern (Jupiter) + Israelschützer (Saturn) = „Im Westen (Sternbild der Fische) ist ein mächtiger König geboren worden.“
Als Einwände werden genannt:

  • Ein dreimaliges Zusammentreffen von Jupiter und Saturn komme selten vor und führe nie zur Verschmelzung beider Lichtpunkte, so dass es sich nicht zwingend auf den einen, in Mt genannten Stern beziehen lasse.
  • Matthäus gebrauche das griechische Wort für „Stern“ und nicht das für „Planet“ oder „Planetenkonstellation“. Man habe damals sehr wohl zwischen Fixsternen und Planeten unterscheiden können. Dieser Einwand setzt voraus, dass der Evangelienautor diese Unterscheidung kannte.
  • Zweifelhaft sei vor allem, ob Saturn für babylonische Astronomen der kosmische Repräsentant des Volkes Israel war. Saturn (akkadisch kewan) wurde nach babylonischer Deutung mit dem Land Syrien verbunden, nach griechischer Deutung mit dem Gott Kronos, der in manchen antiken Zauberbüchern mit dem jüdischen Gott JHWH gleichgesetzt wurde – möglicherweise wegen des jüdischen Sabbat, der mit dem „dies Saturni“ (Saturnstag, englisch Saturday) zusammenfiel. Eine Siebentagewoche mit Planetennamen als Tagesnamen war bei den Babyloniern gebräuchlich. Trotzdem erscheint die Übertragung vom Planeten Saturn auf das Judentum zweifelhaft, da dessen Verehrung im Tanach geradezu als ein Zeichen des Abfalls vom Judentum erscheint
  • Heute sind mindestens vier Keilschrifttafeln bekannt, auf denen die Babylonier die Ephemeriden (Umlaufbahnen) von Planeten wie Saturn und Jupiter im Jahr 7 v. Chr. vorausberechnet haben. Dort spielte deren große Konjunktion keinerlei Rolle. Ob die Babylonier ihr überhaupt Bedeutung beimaßen, ist daher ebenfalls zweifelhaft.

Bis heute hat die Konjunktions-Idee nichts an Faszination eingebüßt. Um die Weihnachtszeit bieten Planetarien immer wieder Reisen in die Vergangenheit zur Geburt Jesu an.
Es gibt noch weitere Konjunktions-Ideen, bei denen Mond und Venus noch eine Rolle spielen, aber die erspare ich uns an dieser Stelle.

Idee 3 – War er eine Nova (Sternexplosion)?

Der Astronom Johannes Kepler kannte Berechnungen von Planeten-Konjunktionen.
Er beobachtete im Dezember 1603 am Morgenhimmel im Sternbild Schlangenträger eine Konjunktion zwischen Jupiter und Saturn. Im Herbst 1604 gesellte sich der Planet Mars am Abendhimmel zu den beiden Planeten. Ab 9. Oktober 1604 leuchtete in über 9 Grad Distanz dazu im gleichen Sternbild die Supernova 1604 auf. Kepler beobachtete sie ab dem 17. Oktober 1604 im „feurigen Dreieck“ der Tierkreiszeichen Widder, Löwe und Schütze, als sie eine scheinbare Helligkeit von −2,5 Magnituden (astronomische Maßeinheit für Helligkeit) erreichte und damit der hellste Lichtpunkt am Abendhimmel wurde. Er konnte das Phänomen mit dem Wissen des 17. Jahrhunderts nicht erklären und vermutete daher, die vorangegangene dreifache Konjunktion habe einen „neuen Stern“ verursacht. Daraus folgerte er, auf eine damals schon bekannte Konjunktion von Jupiter, Saturn und Mars im Jahr 7/6 v. Chr. sei ebenfalls solch ein neuer Stern gefolgt. Um diesen mit dem Stern von Betlehem in Matthäus 2 gleichzusetzen und näher an Jesu Geburt zu rücken, datierte er die dreifache Konjunktion jedoch falsch auf das Jahr 5 v. Chr.; Jesu Geburt datierte er auf 4 v. Chr.

Keine bekannte Chronik verzeichnet ein als Supernova interpretierbares Himmelsphänomen zeitnah nach jener Konjunktion.
Außerdem haben sich begegnende und überholende Planeten nichts mit Novae zu tun. Dadurch entstehen sicher keine neuen Sterne. Das wird schon dadurch klar, dass sich der erdnahste Stern Alpha Centauri über vier Lichtjahre von uns entfernt befindet. Dieses Wissen war Kepler damals noch nicht zugänglich, und somit war seine Nova-Vermutung ein Irrtum, was diesem genialen Kopf, Wissenschaftler und Astronomen nicht abträglich ist. Ganz am Rande sei bemerkt, dass sowohl Kepler, als auch Galilei teilweise ihr Geld durch die Anfertigung von Horoskopen verdienten. Somit waren sie zumindest im “Nebenberuf” auch Astrologen. Die Astronomie als eigene Wissenschaft spaltete sich erst später von der Astrologie ab.

Was ist denn nun der Stern von Betlehem 2020?

Momentan schickt sich der schnellere Jupiter gerade an, Saturn auf seiner Innenbahn zu überholen. Das bedeutet, dass von uns aus gesehen sich die beiden Planeten am Abendhimmel immer näher kommen. Am 21.12.2020 stehen sie dann so nahe beieinander (ein Zehntel Grad), dass man sie mit bloßem Auge nicht mehr voneinander unterscheiden kann. Sie erscheinen uns dann als ein besonders helles Objekt am Himmel. Leider gesellt sich diesmal der Mars nicht dazu, so dass die große Konjunktion nur zwischen Jupiter und Saturn ablaufen wird. Nach dem 21.12. wird Jupiter dann von uns aus gesehen vor Saturn her laufen und ihn überholen. Danach entfernen sich die beiden Planeten wieder voneinander. Die Konjunktion läuft so langsam ab, dass man das Phänomen auch noch einigermaßen am heiligen Abend beobachten können wird. Da die Erde sich ebenfalls auf ihrer Bahn um die Sonne bewegt, erscheint es uns sogar, als würde Jupiter kurz rückwärts laufen, bevor er auf seiner Bahn normal weiter läuft. Das ist aber nur ein perspektivischer Effekt. Natürlich kann dieser schwere Planet nicht einfach kurz inne halten oder seine Richtung umkehren.
Dass Planeten manchmal scheinbare Schleifen ziehen, war schon in den alten Hochkulturen bekannt.
Und so funktioniert das ganze:
Jupiter benötigt für einen Sonnenumlauf ungefähr 12 Jahre, Saturn sogar 30. Das bedeutet, dass wenn Jupiter einen Sonnenumlauf vollführt hat, hat Saturn erst ungefähr zwei Drittel hinter sich. Das führt dazu, dass sich die Planeten nur ungefähr alle 20 Jahre zu so einer Konjunktion zusammen finden, die wir sehen können. Zu sehen ist das ganze nur am Abendhimmel so ab 16:00 Uhr.

Wie auch immer. Ob Komet, Nova, große Konjunktion oder was anderes. Gerade in diesen Zeiten suchen Viele Menschen nach dem Stern, der einen Erlöser ankündigen könnte, der uns gerade jetzt Heil bringen soll.
Ich entlasse euch jetzt in eure hoffentlich trotz allen Einschränkungen schönen, besinnlichen und gesegneten Weihnachtstage mit dem Trost, dass am 21.12.2020 auch Wintersonnenwende ist. Danach werden die Tage wieder länger und die Welt wieder heller. Möge uns das neue Jahr mit zunehmender Helligkeit das Licht am Ende des Corona-Tunnels bringen.

Himmelsgäste – Wenn Sterne erscheinen, wo sie nicht hin gehören


Liebe Leser*innen,

heute möchte ich mal über besondere Gäste am Himmel sprechen. Der Deutschlandfunk erinnerte mich in seiner Sternzeit-Sendung daran, dass ich das Thema doch schon sehr lange auf dem Schirm hatte. Himmelsgäste passen gut zur Weihnachtszeit, denn der Stern von Betlehem war ja auch einer. Von diesem werden wir noch hören. Von den gästen, um die es heute geht, darf sich aber mit astronomischer Sicherheit keiner “Stern von Betlehem” nennen.

Also los:

Die alten Hochkulturen

Ungefähr zwischen den Jahren 500 v. Chr. und 1500 n. Chr. waren die Chinesen eine Hochkultur der Wissenschaft. Sie beobachteten den Nachthimmel und die Planeten genau. Anscheinend brauchten sie sich nicht an der Vollkommenheit und Unveränderbarkeit des Sternenhimmels fest zu halten, wie es Europäer taten, die sich über Jahrtausende an Aristoteles orientierten, der genau dieses forderte.
So vermeldeten sie beispielsweise im Jahre 134 v. Chr. die Erscheinung eines Kometen und stützten damit die Äußerung des römischen Geschichtsschreibers über das, was Hipparch am Himmel beobachtet haben könnte.
Gewiss, auch die Chinesen interessierten sich nicht aus purer Neugier für das himmlische Geschehen; sie waren vielmehr, wie die Babylonier und Griechen, an der Astrologie interessiert. Sie hatten für alle möglichen Erscheinungen am Himmel Deutungen entwickelt und versuchten nun, daraus die Wahrscheinlichkeit bestimmter Ereignisse auf der Erde abzuleiten.
Da es sich bei den durch die himmlischen Zeichen vorhergesagten Ereignisse zumeist um Katastrophen handelte – um Kriege, Epidemien oder Tod -, mussten die Mitglieder der Oberschicht und selbst der Kaiser gewappnet sein, um durch
entsprechende Aktionen das drohende Unheil abwenden zu können. Falls irgendein Unglück ohne Vorwarnung eintrat, konnte das durchaus den Kopf des jeweiligen Hofastronomen kosten. Ein Beispiel hierfür ist die Enthauptung der beiden Hofastronomen Hi und Ho, die über ihrem Müßiggang vergaßen eine Sonnenfinsternis rechtzeitig anzusagen.
Und was die Expertise am Himmel angeht, so beweisen uns die Chinesen momentan, dass sie ganz vorne in der Weltraumforschung mit mischen können. Sie landen auf Asteroiden, wollen Material von dort auf die Erde bringen, landen auf dem Mond, um selbiges zu tun, und wie es aussieht, werden sie es eventuell, wenn nichts dazwischen kommt, auch schaffen. Alleine dieses ist einen weiteren Artikel wert.

Der erste Gast

Im Jahre 183 am 05.12. tauchte nun ein Gaststern im Sternbild Centaur auf. Im Jahre 210 ein weniger heller Stern im Skorpion.
Es überrascht kaum, dass wir aus Europa keine Berichte über diese Sterne kennen:

  • Die Hochkultur der Griechen – und mit ihr die Astronomie – war längst untergegangen, und die Römer hatten der Wissenschaft nie ein ernsthaftes Interesse entgegengebracht.
  • Der neue Stern im Skorpion war sicher kaum heller als Sirius, der hellste Fixstern am irdischen Firmament, und solange niemand den Himmel mit geübtem Blick betrachtete oder aber eine Karte zum Vergleich heranziehen konnte, solange mochte dieser Stern durchaus ebenso unbemerkt wieder verschwinden, wie er aufgetaucht war.
  • Und wenngleich der neue Stern im Skorpion auch über acht Monate hindurch zu beobachten war (wie die chinesischen Quellen berichten), kann er nur während der ersten Nächte so hell wie Sirius gewesen sein. Danach musste er langsam, aber stetig verblassen, und je schwächer er wurde, desto weniger konnte er jemandem auffallen, der den Himmel nicht so eifrig durchmusterte wie die chinesischen Astronomen.

Der neue Stern des Jahres 183 im Sternbild Zentaur war nach Angaben der chinesischen Chroniken wesentlich heller als jener zwei Jahrhunderte später im Skorpion n entdeckte Stern. Einige Wochen hindurch erschien er wahrscheinlich heller als jedes andere Himmelsobjekt (ausgenommen Sonne und Mond). Ein solcher Stern hätte eigentlich nicht übersehen werden können, doch tauchte er sehr weit am Südhimmel auf, und das erschwerte die Beobachtung selbst eines so hellen Gestirns erheblich.
Von der chinesischen Sternwarte in Lo-yang aus erreichte der neue Stern nie mehr als 3 Grad Höhe über dem Horizont. Entsprechend blieb dieser Stern in ganz Mitteleuropa, in Frankreich, Deutschland
und selbst in Italien, jenseits des Horizonts und hätte nur von Sizilien oder Athen aus eben noch beobachtet werden können. In Alexandria dagegen, damals noch einer Hochburg der griechischen Wissenschaft, stieg er hoch genug über den Horizont, um auffallen zu müssen. Dennoch finden wir diesen Stern bei keinem griechischen Astronomen erwähnt. Auch wenn man diesen hellen Stern über dem Südhorizont bemerkt hatte, so verbot der Respekt vor der Autorität des Aristoteles einen schriftlichen Bericht darüber; und wenn es solche Berichte dennoch gegeben haben sollte, so dürften sie kaum anerkannt worden und bald wieder in Vergessenheit geraten sein.

Der nächste Gast

600 Jahre lang gab es keine weiteren Berichte über derartige Himmelsgäste mehr.
Erst im Jahre 1006 findet man wieder einen Bericht, diesmal über einen Stern im Sternbild Wolf das an den Zentaur angrenzt und daher ähnlich weit im Süden liegt.
Trotz seiner südlichen Lage wurde dieser Gaststern sowohl von chinesischen als auch von Japanischen Astronomen erwähnt. Im westlichen Kulturkreis wurde die Astronomie zu jener Zeit hauptsächlich von den Arabern gepflegt, die damals gerade die Glanzzeit ihrer Wissenschaft erlebten. So gibt es auch mindestens drei Berichte arabischer Beobachter. Nach Einschätzung einiger Astronomen erreichte er möglicherweise etwa ein Zehntel der Helligkeit des Vollmondes. er blieb womöglich drei Jahre hindurch mit bloßem Auge sichtbar, kann aber kaum länger als einige Wochen heller als die Venus erschienen sein.
Dieser Stern kam für Beobachter im südlichen Europa hoch genug über den Horizont, und so sollte man annehmen dürfen, dass die Menschen in Italien, Spanien und Südfrankreich des Nachts damals voller Ehrfurcht und Erstaunen in Richtung Süden blickten. Mitnichten! Zumindest findet man nirgendwo einen Bericht darüber. Lediglich die Chroniken zweier Klöster (in der Schweiz und Italien) enthalten wage Hinweise auf etwas, hinter dem sich ein heller Stern verbergen könnte, doch mehr nicht.
Da dieser Stern im Jahre 1006 aufleuchtete, würde man erwarten können, dass die Europäer sein Erscheinen als Vorboten für das nahe Ende der Welt angesehen hätten. Etliche Menschen glaubten damals nämlich, dieses Ende der Welt würde rund tausend Jahre nach der Geburt Christi über sie hereinbrechen. Doch nicht einmal diese furchterregende Möglichkeit reichte aus, um sie zu einem Bericht über das Ereignis zu veranlassen.

Der letzte Gast für heute

Dann platzte im Jahre 1054 (nach modernen Berechnungen am 4.Jul’) ein Stern in die majestätische Ruhe hinein, diesmal im Sternbild Stier, das ein gutes Stück nördlich des Himmelsäquators liegt, also von Europa gut zu sehen.
Schließlich erreichte dieser Stern nicht bloß die Helligkeit von Sirius wie sein Vorgänger
aus dem Jahre 393, der ebenfalls im Tierkreis erschienen war: Das Objekt im Stier
war anfangs mindestens zwei- oder dreimal so hell wie die Venus zur Zeit des
größten Glanzes und konnte über einen Zeitraum von drei Wochen neben der Sonne am Taghimmel gesehen werden (falls man wußte, wo man nach ihm Aus schau halten sollte), während Gegenstände nachts in seinem Licht einen schwachen Schatten warfen (ähnliches gilt unter günstigen Voraussetzungen bereits für die Venus). Am Nachthimmel konnte man den Stern noch fast zwei Jahre hindurch beobachten. Später schien es, als hätten nur chinesische und japanische Astronomen diese eindrucksvolle, leicht zu beobachtende Erscheinung registriert. Nirgends fand man einen Bericht über europäische oder arabische Beobachtungen.
Wie ist so etwas denkbar? Den ganzen Juli über muss der Stern in den Stunden vor Sonnenaufgang unübersehbar gewesen sein.

  • Vielleicht schliefen die meisten Europäer um diese Zeit,
  • vielleicht versperrte aber auch eine dicke Wolkendecke den Blick nach oben.
  • Vielleicht hielten ihn aber auch jene, die ihn sahen, irrtümlich für die Venus, die ja auch hin und wieder im Sternbild Stier zu sehen ist.
  • Wer aber sicher war, dass dies nicht die Venus sein konnte, mag an Aristoteles und an die
    Vollkommenheit der göttlichen Schöpfung gedacht und den Blick geflissentlich abgewendet haben.

In den letzten Jahren ist jedoch ein arabischer Bericht aufgetaucht, der auf einen hellen Stern im Jahre 1054 zu verweisen scheint, und ein ähnlicher Hinweis wurde in einer italienischen Chronik gefunden.

Andere Zeiten, andere Gäste

Bei diesen Gästen wollen wir es voerst belassen, denn als die nächsten am Himmel erschienen, hatten sich die Zeiten geändert. Man interessierte sich nach und nach wieder für Wissenschaft und Astronomie in Europa. Europa erwachte im Laufe der Zeit aus dem Mittelalter und das schaffte langsam wieder freien Raum für freies und unabhängiges Denken und Forschen.

Was man hier bei unseren drei Gaststernen schon gut beobachten kann:
Zu allen Zeiten erscheinen immer mal wieder Himmelslichter, wo sie nicht hin gehören. Der Stern von Betlehem ist somit in guter Gesellschaft, was ihm seine weihnachtliche Bedeutung durchaus nicht absprechen soll.
Ist das nicht merkwürdig, wie einem eine falsche Lehre den Blick zum Himmel verstellen kann. Den Stern von Betlehem bezweifelt niemand und alle wollten ihn gesehen haben, aber die anderen Gaststerne wurden im Glauben, dass der Himmel unveränderlich und göttlich sei, einfach nicht beachtet oder bewusst verdrängt.

Über diese Lichter der moderneren Zeiten werde ich zu anderer Gelegenheit berichten. Vor allem auch darüber, was sie darstellen, wie sie funktionieren und wie verschieden sie in ihrer Art und ihren Wesen doch sind. Auch der Stern von Betlehem wird uns in künftigen Artikeln noch beschäftigen.

Nachruf auf einVorbild und einen großartigen Wegbegleiter – Professor Dr. Rudolf Kippenhahn


Liebe Leser*innen

bevor wir in unseren Themen zu Astronomie weiter machen, möchte ich hier sehr gerne einen kleinen Nachruf auf einen großartigen Astronomen und Sonnenforscher einfügen, der mir seit Mitte der 80iger Jahre des letzten Jahrtausends ein großer Wegbereiter war.

Am 15.11.2020 ist der große Forscher Professor Doktor Rudolf Kippenhahn mit vierundneunzig erfüllten Jahren von uns gegangen.

im Grunde zeichnet meine Physik- und Chemielehrerin dafür verantwortlich, dass ich mich ganz und gar 1987 der Wissenschaft und Astronomie verschrieb, und dass ich mich nach meiner mittleren Reife zu Abitur und Studium über den zweiten Bildungsweg entschloss. Da sie mich mit Prof. Kippenhahn in Verbindung brachte, ehre ich an dieser Stelle auch diese Wegbereiterin, die leider auch schon nicht mehr unter uns weilt.

Ein Samenkorn der Wissenschaft erblüht

Da die gesamten Rechte meines Buches wieder bei mir liegen, zitiere ich hier daraus:

Ausschlaggebend hierfür war der naturwissenschaftliche Unterricht in Physik und Chemie, den ich dort besuchte. Er wurde von einer Anthroposophin gegeben, die ich bis heute für die beste Blindenpädagogin in meinem Leben halte. Die Versuche und Experimente durften wir alle selbst durchführen. Der Umgang mit Säuren, Laugen, Bunsenbrenner und Elektrizität war nie ein Tabu, nur weil wir nicht sehen konnten. Die Versuche wurden so adaptiert, dass wir in der Lage waren, selbst zu den gewünschten Ergebnissen zu gelangen. Hierbei halfen oft ganz einfache Tricks, denn es gab noch keine sprechenden Messgeräte.
Bildete sich beispielsweise bei einem chemischen Versuch ein Niederschlag im Filter, wiesen wir ihn nach, indem wir das Substrat in eine alte Blechdose tropfen ließen. So konnten wir die einzelnen Tropfen gut auf dem Blech aufschlagen hören und merkten genau, dass der Filter sich zusetzte, wenn die Tropfgeschwindigkeit abnahm. Bald schon wurde ich davon gepackt und brachte mich aktiv in den Unterricht ein, indem ich Möglichkeiten entwickelte, Versuche für Blinde zugänglicher zu machen. Außerdem durfte ich mich an der Entwicklung einer Tafel beteiligen, mit deren Hilfe es Blinden möglich wurde, chemische Formeln mittels spezieller Formelbausteine zu legen.
Überhaupt war dieser Unterricht weit mehr als nur Physik und Chemie. Er eröffnete uns eine ganzheitliche Sicht auf die Welt. Diese Stunden waren gespickt mit Bezügen zu Philosophie, Religion und auch mit geschichtlichen Hintergründen.

Der erste Kontakt mit Rudolf Kippenhahn

Ich zitiere weiter aus meinem Buch

Bald schon merkte diese Lehrerin, dass ich für diese ganzheitliche Weltsicht sehr empfänglich war. Somit durfte ich oft mit ihr naturwissenschaftliche Vorträge in Stuttgart besuchen. Ganz eindrücklich in Erinnerung ist mir ein Vortrag über die Sonne von Rudolf Kippenhahn geblieben. Bis dahin wusste ich zwar, dass in der Sonne Wasserstoff zu Helium verbacken wird und darüber hinaus weitere schwerere Elemente entstehen, aber von Sonnenflecken, der Korona, den magnetischen Stürmen und Flares, wusste ich noch nichts.

Zur Erklärung: Flares sind riesige Explosionen auf der Sonnenoberfläche, bei welchen große Mengen an Teilchen in den Weltraum geschleudert werden können. Erreicht ein solcher Teilchenausbruch die Erde, so entstehen Nordlichter und magnetische Stürme.

Im Anschluss an den Vortrag fand eine Ausstellung statt, auf der unter anderem eine Weltraumkamera und vor allem ein recht großer Meteorit ausgestellt waren, den ich dann – von Prof. Kippenhahn ausdrücklich erwünscht! – anfassen durfte. Von diesem Moment an gab es für mich kein Halten mehr. An diesem Tag – es muss im Jahr 1988 oder 1989 gewesen sein –bin ich in meinem Herzen Astronom geworden.

Die zweite Begegnung

Meinen zweiten Kontakt zu Prof. Kippenhahn hatte ich Mitte der 90er Jahre.
In der Blindenhörbücherei entdeckte ich – auf ungefähr 20 Kassetten aufgelesen – das Buch
Der Stern von dem wir leben – den Geheimnissen der Sonne auf der Spur
Von Rudolf Kippenhahn, dem dieser Nachruf gilt und dessen Vortrag ich schon erwähnt habe. Mich faszinierte an diesem Buch vor allem, dass alle darin enthaltenen grafischen Elemente zusätzlich mit einer derart ausführlichen Texterklärung versehen waren, wie ich es selten bei anderen Autoren erlebt habe. Es schien fast so, als würde er auch an blinde Menschen denken, die auf derlei Beschreibungen angewiesen sind.
Vieles, was ich über die Sonne weiß, kam aus diesem Hörbuch und hat sich mit vielen anderen Quellen vermischt, so dass sich das gar nicht mehr ganz klar sagen lässt, aber er war der Türöffner und lies die Sonne in mein Herz, meinen Geist und meine Seele.

Kontakt Sonnenfinsternis

Ein großartiges Begleitbuch von Rudolf Kippenhahn war mir das Buch Schwarze Sonne, roter Mond das er quasi als Vorbereitung auf die Sonnenfinsternis, die am 11.08.1999 gut über Süddeutschland zu sehen war.
Hier nochmal ein kurzes Zitat aus “Blind zu den Sternen”

Aber lassen Sie mich an dieser Stelle erneut einen meiner größten Wegbereiter würdigen: Eine große Hilfe im Verständnis einer Sonnenfinsternis waren für mich zwei Bücher von Rudolf Kippenhahn: “Der Stern, von dem wir leben – den Geheimnissen der Sonne auf der Spur” und “Schwarze Sonne, Roter Mond”. Seine Bildbeschreibungen sind so, als wären sie ganz speziell für blinde Menschen eingefügt worden: klar, verständlich und präzise.

Ohne diese Bücher hätte ich die Sonnenfinsternis niemals so lebendig und anschaulich erleben können.
Lassen Sie mich hier noch kurz eine kleine Begebenheit erzählen, die sich so tatsächlich mit seinem Buch zu trug:

Die Finsternis auf der Flugroute

Anfang Januar 2015 unternahm ich mit meiner sehenden Arbeitsplatzassistenz
eine Dienstreise nach Istambul.
Folgendes ist dort auf dem Hinflug geschehen:
Der Pilot erklärte die Flugroute, indem er wichtige Länder, Städte und Meere aufführte, die wir nacheinander passieren würden.
Da kam mir die Reihenfolge und Aufzählung der Städte gleich irgendwie bekannt vor.
Und dann durchfuhr es mich wie ein Blitz.
Wir flogen fast exakt die Route entlang derer am 11.08.1999 die totale Sonnenfinsternis beobachtet werden konnte.
Ich fand dieses unglaublich schön. Glücklicherweise hatte ich noch das Buch “Schwarze Sonne, roter Mond” von Rudolf Kippenhahn zur Sofi 1999 auf meinem MP3-Player als aufgelesenes Hörbuch. So konnte ich gleich noch im Flieger meine Vermutung überprüfen. Ein Blick auf den Fahrplan dieser Sf ergab, dass ich im wesentlichen Recht hatte.
Dieses Heureka erlebte glaube ich der halbe Flieger mit, weil es mich unglaublich freute, in welchem Zusammenhang diese alte Sofi nochmal auftauchte.

Sein phänomenales Gedächnis

Ein mal durfte ich Prof. Kippenhahn noch vor einigen Jahren bei einem Vortrag erleben. Danach sprach ich ihn an, und er konnte sich noch an mich erinnern. Leider konnte ich ihm noch keine signierte Version meines Buches schenken, da es erst wenige Monate später erschien.

Auf jeden Fall danke ich ihm herzlich für den Weg, den er mir durch seine Bücher und seine Persönlichkeit öffnete. Er, meine erwähnte Lehrerin und noch viele andere führten mich zu dem, was ich heute in Astronomie lernen durfte, ermunterten mich zu meinem Buch und meinen sonstigen Astronomie-Veranstaltungen. Er entzündete in mir 1987 ein Feuer, das niemals erlöschen wird.
Die Sternwarte Peterberg in deren Vorstand und Leitungsteam ebenfalls eine Person mit starker Sehbeeinträchtigung sitzt, hat einen schönen und sehr lesenswerten Lebenslauf von ihm veröffentlicht.

Gehabt euch wohl und bleibt gesund.

Wanderer mit kurzem Leben – Das Wandern der Sonnenflecken


Liebe Leser*innen,

nachdem wir im letzten Artikel einen kleinen Exkurs über meine Corona-Erlebnisse machten, wenden wir uns heute wieder in diesen düsteren Zeiten unserem Stern von dem wir leben, zu. Ich komme von ihm einfach nicht los. Es geht heute, und vermutlich auch noch in weiteren Beiträgen darum, was wir in den letzten Jahrhunderten alles durch die entdeckten Sonnenflecken über unseren Stern lernen durften. Heute geht es um die Bewegung der Sonnenflecken.

Waren die Sonnenflecken erst mal entdeckt, zogen diese schon bald Hobby- und Amateurastronomen in ihren Bann. Sie sind vor allem für erstere Gruppe ein ideales Beobachtungs-Ziel, standen jenen doch meist nur kleinere Fernrohre zur Verfügung, die für die Observation von Sonnenflecken aber durchaus ausreichend waren. Daran hat sich bis heute nichts geändert, dass die Astronomie Amateuren immer wieder die Chance bietet, mit genügend List, Geduld und kleinerer Ausrüstung, auch Entdeckungen zu machen. Außerdem sind sie für die Wissenschaft unverzichtbar, denn alle Teleskope der Welt können nicht gleichzeitig an jede Stelle des Himmels blicken. Somit sind Amateure oft schon ob ihrer großen Zahl und ihrer vielen Augen eine große und wichtige Ergänzung und Hilfe.
Das ist mit ein Grund dafür, was die Astronomie so inklusiv macht.

Nun zur Wanderung der Sonnenflecken:

Erste Entdeckung

Bald schon nach ihrer Entdeckung viel auf, dass sie im Laufe von Tagen über die uns zugewendete Sonnenscheibe wandern. Ein beobachteter Sonnenfleck taucht am nächsten Tage etwas weiter westlich wieder auf. Schon der im Artikel Wer war der Erste erwähnte ich, dass der Mönch und Astronom Scheiner, von Hand die Wanderung der Sonnenflecken zeichnete. Ein Fleck bewegt sich ungefähr im Laufe von 13 Tagen vom Ost- zum Westrand der Sonnenscheibe. Da die Sonne eine Kugel ist, sieht man die Flecken an den Rändern perspektivisch verzerrt. Ein kreisförmiger Fleck erscheint somit von der Seite der Sonnenscheibe her gesehen oval. In der Bewegung der Flecken sehen wir die Rotation der Sonne selbst. Wie es von einer sich drehenden und fleckigen Kugel zu erwarten ist, erscheint uns die Bewegung ihrer Flecken an den Rändern langsamer als in der Zeit, in welcher sie über die uns näher zugewandte Sonnenscheibe ziehen. Das ist so, weil der Fleck an den Seiten sich entweder auf uns zu, oder von uns weg bewegt. Das können wir sehr schlecht unterscheiden. Zieht er mitten über die Scheibe, so liegt seine Bewegungsrichtung quer zu unserer Blickrichtung, was ihn für uns schneller erscheinen lässt. So zeigt uns ihre Wanderung, dass sich die Sonne etwa ein mal in siebenundzwanzig Tagen um sich selbst dreht. Manche Flecken sind so beständig, dass sie mehrere Rotationen überleben. Dann erscheint er am nächsten Tag wieder am Ostrand hinter der Sonne hervor. Dass es sich um den selben Fleck wie “gestern” handelt, ist in der Tat nicht ganz so einfach zu erkennen. Um sich auf der Sonne zu orientieren, teilen Astronomen sie in Gruppen ein und zählen sie sogar. Da Sonnenflecken oft in Gruppen beieinander stehen, ist das ein zuverlässiges System. Sicher legen Sonnenforscher auch ein Koordinatennetz über die Sonne, um sich zu orientieren ähnlich dem, wie Seefahrer das schon seit jahrhunderten über den Globus oder den Himmel spannen.
Sonnenflecken entstehen und vergehen. Manche überleben nur wenige Stunden und andere eben mehrere Sonnenrotationen.

Die Rotation der Sonne

Man sah, dass die Äquator-Region der Sonne quasi der Rotation ihrer Kappen voraus eilt. Sie dreht sich also in ihren äußeren Schichten nicht, wie eine starre Kugel. Das tut sie erst ab einer Tiefe von vielen Tausenden Kilometern, wo die Drücke so hoch sind, dass sie so kompakt wird, dass sie sich wie ein starrer Körper dreht. Das erfuhr man, als man Klangmodelle und Schallbeobachtungen auf ihr anstellte. Siehe den Artikel Die Sonne tönt.

Auch sie steht schief

Die Flecken und deren Bewegung haben uns außerdem verraten, dass die Rotationsachse der Sonne nicht senkrecht auf der Ekliptik steht. So sehen wir im Laufe des Jahres mal etwas mehr auf ihre Nordhalbkugel und mal eher auf ihre Südhalbkugel. Bei dieser Entdeckung ist zu bemerken, dass auch die Erdachse nicht senkrecht auf der Ekliptik steht. Sie ist um etwa 23 Grad geneigt und verursacht so unsere Jahreszeiten. Außerdem ändert sich im Jahreslauf unsere Draufsicht auf die Sonne. All das musste berücksichtigung finden, als die Entdeckung gemacht wurde.
Ist das nicht spannend und schön?

Das Aussehen der Sonnenflecken

Schon auf Scheiners Zeichnungen ist zu erkennen, dass ein Sonnenfleck einen dunkleren Kern besitzt und einen weniger dunklen Hof. Den Kern nennt man Umbra und den Hof die Penumbra. Moderne Aufnahmen zeigen, dass die Penumbra eine Art Filamentstruktur aufweist. Das sind leuchtende Linien oder Strahlen, die von Kern her nach außen laufen.

Außerdem erscheinen Sonnenflecken so, als wäre ihr Kern tiefer als die Sonne darum herum. Der Hof oder die Penumbra erscheint, als bildete sie die ‘Wände einer Grube, an deren Grund der Kern des Flecks ruht.

Wer sich erinnert, so hat sogar noch Herschel die Sonnenflecken für Löcher in ihrer leuchtenden Atmosphäre gehalten, durch welche man auf ihren kühleren und somit dunkleren Kern blickt.

Dieser “Grubeneffekt” wird heute nach einem seiner Entdecker, das Wilsonsche Phänomen genannt.
Steht ein Fleck nicht in der Mitte der Sonnenscheibe, erscheint der dem Zentrum nähere Teil der Penumbra etwas schmaler. Das hängt mit der Kugelform der Sonne zusammen.
Über die Tiefe solch einer Grube eines Sonnenflecks habe ich mal gelesen, dass in manchem großen Fleckengrube die Erde bequem Platz fände.

Fazit

Trotz der heute bekannten merkwürdigen Rotation, der Thermodynamik und dass die Magnetfelder der Sonne gefunden sind, gibt es noch keine Theorie, die alles erklärt, was zu Sonnenflecken, ihrer merkwürdigen Rotation und über die Zyklen des Erscheinens von Sonnenflecken führ. Über letztere werden wir noch zu sprechen haben.

So, meine lieben. Ich sagte es ja, es werden mehrere Artikel werden, denn es gibt noch soooo viel über die Flecken zu berichten. Sie sind es wert, dass man sich mit ihnen beschäftigt, denn niemand kann in so ein leuchtendes Objekt, wie einen Stern, hinein blicken.
Ich hoffe, dass vor allem für die blinden Leser*innen unter uns, der Artikel nicht zu visuell war. Auch ich brauchte einiges an Zeit, um mir die Perspektiven aus der wir die Sonnenflecken betrachten, und auch das Wilson-Phänomen vorstellen zu lernen. Wer Fragen oder Anmerkungen hat, darf diese gerne in den Kommentaren absetzen, oder mich über einen meiner anderen Kanäle ansprechen.
Die Sehenden unter euch finden sicherlich schöne Bilder über Sonnenflecken auf Wikipedia.

Gehabt euch wohl, haltet durch und bleibt gesund. Ich schreibe gegen die Dunkelheit für uns an.

Mein Corona-Report


Mein Corona-Report
Liebe Leser*innen,
eigentlich wollte ich nichts mehr in meinem Blog von Corona hören lassen, aber es haben sich doch einige Leser*innen fragend an mich gewandt, wie es mir in dieser Situation so geht. Somit habe ich mich entschlossen, hier mal abseits der Astronomie, einen Artikel zu veröffentlichen, der sich mit meiner Erfahrung mit Lockdown 1 beschäftigt. Hir also mein Corona-Report:

Der Anfang

Es bahnte sich an im März, dass wir bald alle ins Homeoffice verschwinden würden, dass Gastronomie und Schulen geschlossen, Einkauf ohne Assistenz unmöglich und auch kein Sport mehr stattfinden würde.
Und so ging ich zunächst meine Situation doch noch voller Kraft und Zuversicht an.

Beruflich konnte ich in der Tat vieles im Homeoffice erledigen, aber meine Arbeitsassistenz und ich, hatten zunächst keine Basis mehr, wie wir gemeinsam arbeiten konnten. Ich musste ihm schreiben:

Liebe Assistenz,
aufgrund des Corona-Virus sind fast alle von SZS ab morgen im Homeoffice. Das bedeutet, dass wir uns die nächsten Wochen nicht treffen können.
Wir können momentan online noch nicht zusammen arbeiten, weil noch nicht klar ist, welche Software eingesetzt werden darf und soll. Ich muss erst mal ohne Assistenz das alles selbst erlernen, was die Hölle wird.
Sollte ich eine Aufgabe für Dich finden, die Du von daheim aus machen kannst, lasse ich Dich das wissen.

Ich konnte Aufgaben und Wege finden, dass wir schon nach wenigen Wochen wieder langsam online zusammenarbeiten konnten.

Und dann ging es los mit Lockdown und Homeoffice

Zunächst sah alles ganz positiv aus.
“Beim Einkaufen wird mich jetzt zwei mal pro Woche, wenn es reicht, auch nur einmal, die Nachbarschaftshilfe unterstützen.”
So dachte ich mir das. Allerdings stellte sich bald heraus, dass die Helferin zur Risikogruppe gehörte und somit ausfiel.
“Außerdem werde ich mir für die Zeit vier mal die Woche über den ASB Essen auf Rädern bestellen, um nicht noch mehr einkaufen zu müssen. Ab wann das klappt, ist noch nicht ganz sicher. Da warte ich auf einen Rückruf.”
Auch dieses gestaltete sich schwierig, weil das System sehr stark belastet war im Lockdown. So entschied ich mich, den ASB nicht fürs erste zusätzlich zu belasten.
Zum Glück gibt es in unserer Gegend reichlich Restaurants, die auch in recht hoher Qualität liefern. Mit Liferando geht das alles sogar bargeld- und kontaktlos.
Allerdings mussten die Fahrer und ich uns erst aneinander gewöhnen. Am Anfang kam es vor, dass die Fahrer das Essen außen unten vor die Haustür stellten und nicht vor meine Wohnungstür. Da krabbelt man dann vor dem Haus herum, riecht sein Essen und findet es dennoch nicht, weil der Fahrer es irgendwo hin stellte, wo man es niemals vermutet hätte. Die Nachbarn gegenüber schauen zu, helfen aber nicht. Sehr demütigend… Dann entdeckte ich in der Liferando-App ein Kommentarfeld. Dort schrieb ich hinein, dass ich ob meiner Blindheit das Essen vor die Wohnungstür gebracht haben sollte. Ab da wurde das besser.
Zum Glück habe ich einen Mitbewohner, so dass ich nicht immer alleine bin und der mir auch mal hilft.

Ich hatte mir auch fest vorgenommen, jeden Abend einen lieben Menschen anzurufen oder auch mal mit mehreren z. B. online zu Abend zu essen. Das klappte auch einige Zeit ganz gut, bis ich langsam im Lockdown-Strudel versank.

Die nächste Klatsche war, dass mein Osterurlaub in Österreich auch abgesagt wurde.
Fast täglich erreichten mich nun Absagen von Vorträgen über Astronomie, die ich an Schulen und anderen Einrichtungen halten wollte. Bis Jahresende sind es um zwanzig Veranstaltungen gewesen.
Was sollte man machen. Ich dachte, jetzt kommt der Frühling und ich werde mit verschiedenen Navi-Programmen einfach üben, selbst spazieren zu gehen.
Der erste Spaziergang war dann auch fast der letzte. Als ich mich gerade dem Wald näherte, schrie mich plötzlich jemand an:

Hau ab in Deine Wohnung, willst Du krüppel uns anstecken? Verrecke lieber selbst an diesem Scheiß.

So war das. Das lasse ich jetzt einfach mal hier so stehen.
Bald schon wurde mir klar, dass man in diesen schweren Zeiten immer nur von einem auf den anderen Tag planen kann und dass man froh sein muss, wenn es einem gelingt, in seiner Tagesstruktur zu bleiben und nicht beispielsweise am Nachmittag schon sein erstes Bierchen öffnet. Rauchen tue ich allerdings leider seit Corona deutlich mehr, leider.
Aber so ganz allmählich fraß der Lockdown und die Lockerungen danach fast noch mehr, an meiner Seele.
In einem langen Hilferuf an einen Freund schrieb ich:

Ich muss schon sagen, dass es mir langsam reicht. Ich halte das psychisch nur noch wenige Wochen durch.
Die Probleme damit sind noch überschaubar, steigen aber gleichfalls langsam mehr als nur linear an.
Wahrscheinlich steigt gar nix an, ich kanns nur langsam immer schwerer ertragen.
Die ganzen Kämpfe mit bis zu sieben Team-Software-Programmen sind sehr schwierig. Da muss ich mich in diesen Dreck einarbeiten ohne Assistenz und Schulung. Das geht bei Teams z. B. quasi nicht. Öffnet man das zum ersten mal, sitzt man als Blinder weinend davor, weil nichts intuitiv geht, obwohl die Software an sich recht gut zugänglich ist.
Microsoft hat bei Teams die Barrierefreiheit wirklich gut durch dekliniert, aber ohne Anhaltspunkt, ohne eine visuelle Beschreibung, ohne einen Einstieg ist das verdammt schwierig.
Außerdem werde ich langsam für so einen Mist auch zu alt. Ich will, dass meine Kiste läuft, wenn ich den “Zündschlüssel” umdrehe.
Und dann vergessen Sehende stets, einem alles für den Einstieg zu erklären. Rings rum höre ich nur: “Bei mir war alles kein Problem” und der @Blindnerd fühlt sich als einziger Mensch auf der Welt, bei dem es, wie immer halt, mal wieder nicht funktioniert.
Die meisten dieser Programme sind nur teilweise bis gar nicht zugänglich. Und wenn sie es sind, dann muss man wissen wie, was ohne Einführung sehr mühsam zu erlernen ist.
Selten habe ich mich so oft als Idiot gefühlt, obwohl die Dummheit bei anderen lag. Selten in meinem Leben knallte ich dermaßen an die Barrieren meiner Behinderung.
Und ja, ich bin es nicht gewohnt, so rum eiern zu müssen. Nicht dass ich immer bei den besten und ersten sein muss, aber den Platz, auf den mich Corona in manchen, vor allem beruflichen Situationen verweist, verzeih die Arroganz, ist meiner nicht würdig. Du verstehst schon, was ich und wie ich es meine.
Ich hatte jetzt immerhin im April und Mai zwei Workshops zu Astronomie mit Kindern und deren Eltern online. Das hat gut funktioniert. Ich hielt den Vortrag und beantwortete die Kinderfragen und ein sehender Astronom spielte Fotos etc. in die Videokonferenz ein oder hielt Modelle in die Kamera.
Wir haben uns da vorher abgesprochen.
Betrüblich ist daran nur, dass ich mit diesem Angebot sicherlich nur Kinder von Bildungsbürgern erreiche und nicht die, die es so nötig hätten.
Daran kann ich aber leider nichts ändern. Die Welt ist, wie sie ist, manchmal ungerecht, und leider nicht so, wie wir sie gerne hätten.
Mir fehlt auch Sport und alles.
Ich merke auch, dass meine Fertigkeiten in Orientierung und Mobilität abnehmen und dass meine Ängstlichkeit größer wird, weil ich so selten raus komme. Nach dieser Krise werde ich ein anderer Mensch sein. Ich bin nicht sicher, ob die Rückkehr ins normale Leben ohne Therapie oder eventuelle Unterstützung von Seiten der Mobilitätstrainer stattfinden kann. Die werden aber dann auch völlig überlastet sein.
Naja, ansonsten behalte ich meinen Rhythmus schon bei und kriege die wesentlichen Dinge geregelt. Es wird halt alles immer mühsamer. Ich habe Angst, in eine Depression zu fallen. Das wollte ich eigentlich nie mehr erleben müssen. Das hatte ich schon über Jahre, wie Du vielleicht noch weißt.

Eine Bekannte, die beruflich coachings anbietet, bietet wöchentliche Krisengespräche online an. Davon mache ich Gebrauch. Das tut sehr gut.
Außerdem hält meine Psychotherapeutin mit mir ab nächster Woche Video-Sitzungen ab. Normalerweise hasse ich Video-Sitzungen, weil einem da jeder über die Kamera in die Wohnung, in den eigenen Saustall glotzt, und ich das bei anderen nicht kann, aber ich denke, dass für meine Therapeutin der Sichtkontakt auf mich, mein Verhalten und meinen Gestus wichtig ist.
Ich könnte mein Antidepressivum unter ärztlicher Kontrolle wieder hoch fahren, aber das will ich wirklich nur dann tun, wenn die innere Unruhe uferlos wird, weil ich die Nebenwirkungen scheue.
Es wird halt ab dem Zeitpunkt  bedenklich, wo einem nicht mal mehr die Dinge Freude machen, an denen man ansonsten Spaß hat.
Das ist bei mir noch nicht der Fall, ich komme dem aber näher.

Ab Montag, Mitte April, startet unser Sommersemester online. Ich bin gespannt, was das wird. Es kann sein, dass ich da mit unseren Studierenden viel zu tun bekommen werde, weil eben am Anfang erst mal nichts geht…

Naja, aber gerade diese Umstellung auf Online-Lehre bitet auch viel positives Potential.
Ich glaube schon, dass diese Online-Umstellungen gerade auch für unsere Studierenden eine Chance sein können, wenn die Angebote gut gemacht werden. Das wird in diesem Semester sicherlich noch nicht so sein, weil vieles mit heißer Nadel gestrickt sein wird. Das bedeutet dann für uns meist unüberwindbare Barrieren.

Sicherlich werde ich für diese Dinge ein Schulungskonzept für unsere Studierenden entwickeln, dazu muss ich die Werkzeuge für Online-Vorlesungen wie Teams, Zoom Skype und wie sie alle heißen, aber erst mal selbst beherrschen.
Die Frage ist, wer mich das lehren soll und kann.
Also bei Teams z. B. nutze ich mittlerweile nur noch die Iphone-App, weil die übersichtlicher ist.
Es wäre nicht auszudenken, wenn mich vor allem jetzt in der Krise ausgerechnet dieses Gerät verlassen würde.

Stell Dir mal vor, die Krise wäre in unserer Kindheit ausgebrochen.
Bei mir daheim hätte das Mord und Totschlag gegeben.
Außerdem hatte ich ja alle meine Freunde im Internat und nicht daheim. Von Telefon und Internet natürlich keine Rede.
Daheim war ich als Kind immer ein Fremder, weil ich nie da war. “Le métèque”

Die Lockerungen

Mittlerweile fühlte ich mich schon sehr gefangen in meiner Wohnung. Ich langweilte mich, wahr beruflich unterfordert, hatte kaum soziale Kontakte und fühlte mich sehr einsam und verblüht. Da freute ich mich auf die Lockerungen. Einfach mal wieder ins Büro fahren, wenn sich auch die anderen Mitarbeitenden noch zögerlich verhielten. Wir waren in Grunde nie wirklich richtig aus dem Homeoffice draußen bis der zweite Lockdown kam, mit all seinen Vor und Nachteilen…

Ich schrieb an einen Freund:

Heute bin ich mal wieder, natürlich unter der Maske, ins Büro gefahren. Ich konnte mir dort einen Arbeitsplatz zusammen stöpseln, so dass ich im Büro und daheim quasi gleichwertig arbeiten kann, sofern ich keine Punktschriftausdrucke erzeugen, oder was vom Labor brauche.
Ohne diese soziale Isolation könnte ich mich mit dieser Konfiguration direkt an eine Kombi zwischen Homeoffice und Büro gewöhnen.
Auf jeden Fall tut es gerade unheimlich gut, mal wieder draußen zu sein.
Es tut auch gut, Deinen Ärger mal zu erleben und wie Du ihm freien Lauf lässt. Ich verlange nicht, dass ein Land ohne Probleme mit so einer Situation fertig wird. So was kann man nicht vorher einplanen. Allerdings zeigt es uns deutlich, wie gefühlte fünfzig Jahre rückwärts gewandte Politik sich nun auswirken. Corona ist wie ein Vergrößerungsglas, wo durch wir jetzt sehen, was auch vorher schon im argen lag.

Die Religion des wildgewordenen Kapitalismus und Neoliberalismus hat kläglich versagt. Alles, aber auch wirklich alles, was wir Friedensbewegler schon Anfang der Achtziger Jahre sagten, tritt nun ein.
Und auf eine machtlose Konstruktion, wie die EU es ist, können wir wirklich scheißen, wenn zu Beginn der Krise einfach jedes Land unkoordiniert die Grenzen für lebenswichtige Wahren schließt und wenn der lupenreine Diktator von Ungarn mehr EU-Gelder erhält, als Italien in seiner großen Not…
Hach, man könnte sich am Stück aufregen und abkotzen.
Das ist eben der Vorteil an der Astronomie: “Sterne lügen nicht; sie schweigen.”

Ja, es ist momentan nicht ganz einfach, aber wenn ich jetzt, sagen wir ein zwei mal die Woche als Abwechslung ins Büro kann, dann geht es mir glaube ich schon viel besser.
Es tat heute richtig gut, mal wieder meine ganzen Modelle zu streicheln, die Planeten, die ISS, die Mondkarte und die Apollo.
Ich bete diese Dinge nicht an, aber sie fehlen mir sehr, wenn ich sie nicht spüren kann.
Schon die Gewissheit, dass meine Modelle mit im selben Raum sind, tut gut. Das geht mir übrigens mit meinen Gitarren ähnlich. Ich habe irgendwie überall in meinem Umfeld Gitarren. Bei meinem Freund steht eine, im Büro zwei, in Stuttgart auch eine und daheim sind auch noch so fünf sechse.
Das erspart viel Schlepperei.

Was mich allerdings, und das gilt jetzt nicht für Dich, etwas traurig macht ist, dass selbst jetzt in der Krise meine Arbeit in den sozialen Netzwerken nicht sichtbar gewürdigt wird. Ich teile, like und kommentiere jetzt vor allem Projekte, die wirklich wichtige Arbeit machen.
Das würde ich mir für meinen Blog auch wünschen.
Aber wer weiß. Vielleicht lesen ihn ja doch viele heimlich.
Diejenigen mit den vielen Likes sind meistens Mainstream und kaufen sich diese Likes vielleicht sogar.
Ich bin Stolz darauf, nicht Meinstream, nicht zeitgemäß und schon gar nicht zeitkonform zu sein.

OK, gelockert war jetzt vieles gutes. Man traf sich langsam wieder und das Leben nahm wieder Fahrt auf. Das galt allerdings nicht für uns menschen mit Blindheit.
bis auf die Schreibblockade, die eine blinde Bloggerin beschreibt, erlebte auch ich die Krise so, wie sie es sehr lesenswert und treffend formuliert hat.
Schlimmer noch. Ich habe keine sehenden Kinder, und keine sehende Partnerin,wie sie, die ich mit dem Auto einkaufen schicken kann.
Ich werde asozial beschimpft, wenn ich mal einen Abstand nicht einhalten kann.
Selbst der Gang zum Bäcker ist durch die Lockerungen zum Überlebenstraining geworden.
Nichts, aber auch gar nichts geht mehr selbstständig außerhalb der eigenen Wohnung.
Als alle im Lockdown waren, war das für alle klar, dass man sich hilft. Jetzt ist nichts mehr klar.
Trotz allem komme ich mit meinem Tonstudio, meiner Astronomie, meinen Gitarren und allem ganz gut durch.
Aber wir als Gesellschaft müssen uns schon langsam Gedanken darüber machen, wie menschenunwürdig ehemals selbstständige Menschen mit Einschränkung momentan leben müssen. Und ich jammere hier absolut auf sehr, sehr, sehr hohem Niveau.
Wie auch immer. Ich finde den Artikel sehr gut. Er zieht mich nicht runter. Ganz im Gegenteil. Es tut gut, von anderen zu lesen, wie sie das ganze erleben.
Hier findet ihr den erwähnten Artikel.

Und nun nahten die Sommerferien.

Wie immer wird die Zeit genutzt, um wichtige Ausbesserungen etc. am Schinennetz der Straßenbahnen vorzunehmen. Nicht zuletzt befindet sich Karlsruhe derzeit noch immer im Bann des Baues der kleinsten U-Bahn der Welt…
Ich informierte mich im Netz und begriff, dass ich in unfreiwilligem zweiten Lockdown sein würde für sieben Wochen.

Ich schrieb dazu an die Schwerbehindertenvertretung meines Arbeitgebers:

die geplanten Linienänderungen des KVV für die Sommerferien machen mir Angst. Ich bin in Rheinstetten quasi abgeschnitten. Es gibt eine Buslinie 14, aber das ist für uns in Corona-Zeiten wirklich schwierig. Man muss hinten einsteigen und kann den Fahrer nicht nach der Linie fragen. Wegen des Abstandes und der Maskenpflicht kommunizieren die Leute nicht mehr. Oft bekomme ich keine Antwort, wenn ich was frage oder Personen werden asozial und übergriffig, wenn ich versehentlich einen Abstand unterschreite. Ja, es ist schon so, dass die Lockerungen für uns Blinde manchmal die Hölle sind.

Kurz um. Vom 01.08. – 24.08. bin ich in Urlaub. Aber danach habe ich keine Ahnung, wie ich auch mal ins Büro kommen soll. Es müsste ja nicht jeden Tag sein. Wir machen alle noch Homeoffice, aber so zwei mal die Woche würde ich schon auch gerne mal ins Büro fahren. Haben Sie eine Idee, wie ich das lösen könnte, ohne um 120 Euro Taxi pro Woche ausgeben zu müssen?
Könnte das die KVV irgendwie unterstützen?

Niemand hat sich meiner Sache angenommen. Man hat es ausgesessen. Ich hatte vor meinem Urlaub nicht mehr die Kraft für irgend etwas zu kämpfen. Wäre dieser Urlaub nicht in Aussicht gestanden, hätte ich mich vielleicht sogar zum Selbstschutz in eine Klinik begeben müssen.
Gerade jetzt war es für mich ganz wichtig, mich mal wieder in mein Refugium mit blinden Menschen zurück zu ziehen.
In diesem Zusammenhang darf ich auf meinen Artikel Urlaub von der Welt der Sehenden aufmerksam machen.

Im Nachhinein

Baustellentechnisch liegt eine extrem harte Zeit hinter mir, wie ich das in 20 Jahren Rheinstetten noch nie erlebt habe. Ich war quasi völlig im Zwangs-Lockdown, komplett abgeschnitten. Die Ersatzhaltestelle für den Bus war für blinde Menschen nicht auffindbar. Dazu hätte es einiges an Training bedurft. Außerdem wäre es vom Lärm der Baustellen her kaum zu schaffen gewesen. Da man nicht vorne in Busse einsteigen darf, hätte ich auch den Fahrer nicht nach der Linie fragen können. Sicher wäre ich auch wieder einigen sehr diskriminierenden Situationen ausgesetzt gewesen, wenn ich z. B. den Abstand nicht einhalte, weil ich es nicht sehen kann. Ihr glaubt ja gar nicht, was man da sich manchmal anhören muss. Von verbalen Beschimpfungen, die an das Nazi-Regime erinnern, bis hin zu Übergriffigkeiten, dass man z. einfach mal weg geschoben wird, ist alles dabei.

OK, zwei der sieben Baustellen-Wochen war ich in Österreich in Urlaub.
Diesen habe ich dann spontan auf vier Wochen verlängern können, um dieser Situation zu entfliehen. Außerdem war an meinem Urlaubsort, einem Haus für Blinde in Österreich für mich gesorgt. Sogar Homeoffice konnte ich dort ohne Probleme machen. Somit blieben mir nur noch zwei Wochen, die ich überstehen musste, was mir auch gelungen ist. Hätte ich niemanden mit Auto gefunden, dann hätte ich nicht mal zum Rudern gehen können.
Ich kann gar nicht genug Dankbarkeit dafür empfinden, dass ich mir mit meinem Job so eine spontane Verlängerung leisten konnte und schließlich habe ich ja auch noch das Blindengeld. Das ist gerade in diesen Zeiten ein unverzichtbarer Partner…

Also wenn ich an die ganzen alten Menschen hier z. B. im Rösselsbrünnle-Altenheim denke, dann muss ich sagen, dass man in diesen Ferien den Bogen mit den Baustellen deutlich überspannt hat. In der Stadt war es ja auch nicht besser.
Ich dachte schon daran, die BNN in dieser Sache einzuschalten.
Mir lag aber vor allem vor dem Urlaub nichts an Kampf. Ich war am Ende und wollte einfach nur nach Österreich. Ich hatte keine Kraft mehr für gar nichts.
Nun ja, außen herum ist noch immer alles Baustelle bei uns, aber die Bahn fährt. Einkaufen geht deshalb momentan nur mit Assistenz oder online.

Ich kann euch sagen, dass ich keine Sekunde dieser vier Wochen und keinen Euro bereue. Noch nie war ich vor einem Urlaub so ausgebrannt, weil mir soziale Kontakte so sehr fehlten. Ich war auch ausgehungert nach gemeinsamen Musizieren und nach astronomischer Rampensau. Drei Singabende mit Lagerfeuer und drei astronomische Vorträge konnte ich in diesem Urlaub halten. Schon klar. Wir Blinden konnten natürlich den Mindestabstand nicht immer einhalten. Das geht unter blinden Menschen einfach nicht. Wie auch immer. Es war großartig. Ich bin sogar Segelfliegen und Gleitschirmfliegen gewesen.

Und es reißt nicht ab:

Wir haben es mittlerweile Anfang Oktober.
Ja, und wieder ist eine Urlaubswoche ausgefallen.
Zuerst eine Osterwoche in Österreich, dann eine Chorfreizeit und jetzt meine Herbst-Astro-Woche, wo ich immer zu verschiedenen Sternwarten fahre, um dort barrierefreie Angebote zu planen und zu beraten.
Eine christliche Freizeit, des EBSB, EBSBW und des EBS Rheinlandpfalz, die am Wochenende hätte stattfinden sollen, und die ich mit leiten sollte, ist auch abgesagt worden.
Gerade jetzt wäre eine solche Freizeit zum gemeinsamen Austausch und Trost für viele sehr wichtig.
Von meinen vielen ausgefallenen Vorträgen und Workshops ganz zu schweigen. Ganz viele Schulen etc. habe ich verloren. Nach der Pandemie kann ich mit meinen Netzwerken, die ich mir über Jahre aufgebaut habe, ganz von vorne anfangen. Jetzt, wo ich das Alter hätte, dass es mir langsam mit den Früchten meiner Arbeit gut geht, verliere ich wieder alles. Es ist bissel wie bei Hiob.
Und ich jammere hier noch auf sehr hohem Niveau. Trotz allem habe ich es ja noch gut.
Es ist schon biblisch bemerkenswert, wenn gerade durch die Pandemie Menschen wie ich ausgebremst werden, die den anderen Menschen so viel zu geben hätten.

Vor allem, wenn ich an die ausgefallene Chorfreizeit über Pfingsten denke, tut mir das Herz weh. Auf dieser Freizeit sind einige Menschen mit mehrfacher Behinderung. Diese Chorfreizeit sind quasi die einzigen vier Tage im Jahr, wo sie mal aus ihrem Wohnheim und Werkstatt heraus kommen.
Vor diesem Hintergrund gehe ich jetzt den zweiten Lockdown mit mehr Gelassenheit an. Demutsvoll denke ich, dass es mir ja noch gut geht bei all dem…
Ich wünsche euch, dass ihr gesund bleibt und gut durch diese schweren Zeiten kommt
Euer Blindnerd, der gegen die Dunkelheit anschreibt.

Zum Vollmond an Halloween 2020


Liebe Leser*innen,

heute möchte ich euch einen weiteren Zyklus am Himmel vorstellen. Ich wurde auf ihn aufmerksam, als 2015 der Vollmond auf den 24.12., Heilig Abend, fiel. Ich war neugierig, wie oft sich das wiederholt und forschte nach.

Heute ist zwar kein Heilig Abend, aber der Vollmond fällt auf Halloween. Halloween, wo alle sich verkleiden und alle Geister Hochkonjunktur haben hat in so fern mit dem Mond zu tun, dass dieser durch alle Kulturen hindurch entweder von Göttern bevölkert, aber auch als Auslöser für Böses und Gruseliges steht.
Außerdem ist dieser Vollmond heute ein Bluemoon. Hat ein Monat, wie in diesem Fall der Oktober 31 Tage, und fällt der Vollmond direkt z. B. auf den 01.10., dann fällt ungefähr 29 Tage später ein zweiter Vollmond in den selben Monat. Wir haben also einen Monat mit zwei Vollmonden. Diesen zweiten Vollmond nennt man dann den blauen Mond…
Und noch etwas ist an diesem Halloween-Vollmond 2020 besonders. Wir hatten hier an anderer Stelle schon häufiger den sog. Supermond erwähnt. Das ist ein Vollmond, der dann stattfindet, wenn sich der Mond auf seiner Bahn am erdnächsten Punkt befindet. Weil der Mond uns dann um etwa 13 % größer erscheint, was mit bloßem Auge niemand sehen kann, nennt man diesen “Riesenmond” einfach Supermond. Wir haben heute aber das Gegenteil von Supermond, “Minimond” oder “Sub Moon”. Der Mond befindet sich heute auf seinem erdfernsten punkt auf seiner Bahn, dem Apogäum. Das soll uns aber nicht stören. Seine Wirkung auf Halloween-Geister wird er trotzdem haben..

Findet ihr nicht auch, dass ein Vollmond an Halloween, der gleichzeitig noch ein Bluemoon und ein “Minimond” ist, ein guter Grund ist, sich mal darüber Gedanken zu machen, wie oft ein bestimmtes Datum, kann auch euer Geburtstag sein, auf einen Vollmond fällt?
Ich finde schon, und außerdem kann ich dann endlich meinen Text zum Weihnachtsvollmond 2015, als es diesen Blog noch nicht gab hervor kramen, ihn geschwind umschreiben und euch schenken.

Es wurde schon bei den alten Griechen ein Zyklus gefunden, ab welchem z. B. der Vollmond wieder auf einen bestimmten Tag des Jahreslaufes fällt. Da diese Regelmäßigkeit mehrere hundert Jahre vor Christus gefunden wurde, suchte der Grieche Meton sicherlich nicht danach, wann der Vollmond wieder auf Halloween fallen würde.
Welches Jahresereignis des damals gültigen Kalenders hier mit dem Vollmond in Verbindung gebracht wurde, ist mir nicht bekannt, die Literatur geht von einer Sonnenwende aus. Muss auch gar nicht, denn man kann diesen Zyklus auf jeden beliebigen Tag des Jahres anwenden, z. B. gehorcht dem Zyklus auch die Frage, wann denn mal wieder Vollmond am Neujahrstag sein wird, oder meinetwegen auch am Tag der Deutschen Einheit.
In einem alten Griechischen Text wird erwähnt:

Diodor schreibt, dass Meton im gleichen Jahr, als Apseudes in Athen das Amt des Archon eponymos bekleidete, auf den 13. Tag des Monats Skirophorion den Beginn seines berechneten neunzehnjährigen Kalendersystems legte.

Dieser Monat war der letzte des vierten Jahres der 86. Olympiade, das von 433 bis 432 v. Chr. reichte. Claudius Ptolemäus bemerkte, dass Meton und Euktemon in diesem Zusammenhang die Sommersonnenwende im Jahre 432 v. Chr. beobachteten. Im gleichen Text gibt er als Tag dafür den 21. Phamenoth im ägyptischen Kalender an. Dieser ist im julianischen Kalender der 27. Juni (22. Juni im gregorianischen Kalender) und gilt auch aus heutiger Sicht als verlässliches Datum für die Sommersonnenwende im Jahre 432 v. Chr.

Auf jeden Fall ist dieser Zyklus immer eine gute Möglichkeit, den Mondkalender mit dem Sonnenjahr neu in Übereinstimmung zu bringen. Man darf sich hier von den verschiedenen Kalendern und den anderen Monatsnamen nicht ins Bochshorn jagen lassen, denn es ist leicht verwirrend.
Dieser Zyklus wiederholt sich alle 19 Jahre. Das bedeutet, dass wir im Jahre 2039 wahrscheinlich wieder einen Halloween- und im Jahre 2034 einen Weihnachtsvollmond haben werden.
Wahrscheinlich sage ich deshalb, weil durch Schalttage etc. der Zyklus auch mal 38 Jahre, also das doppelte, betragen kann.
Bei der Bestimmung des jährlich im julianischen (heute im gregorianischen) Kalender anderen Oster-Termins spielt die 19-Jahre-Periode eine wesentliche Rolle.
Die Mathematik dazu erspare ich uns jetzt. Wer es genauer wissen möchte, kann bei
Wikipedia hervorragend seinen Wissensdurst stillen. Hab ich auch so gemacht.

Und jetzt lade ich euch ein, euch diesen Zyklus sogar akustisch vorzustellen.
Starten wir heute, an Halloween 2020 ein Glockengeläut mit zwei Glocken, von denen die eine immer wieder am 31.10. eines jeden Jahres und die andere immer bei Vollmond erklingt.
Dann wird die rasche Vollmondglocke ungefähr alle 29 Tage erklingen und die Halloween-glocke immer am 31.10. eines jeden Jahres. Die sich zwischen durch ergebenden Fehltöne durch Schalttage, lassen wir hier außen vor, da das sich immer wieder alle vier Jahre korrigiert.
Nun werden sich die beiden Glocken am 31.10.. um einige Tage darum verschieben, wie man das Phänomen hören kann, wenn kleine und große Kirchenglocken sich klanglich zeitlich voneinander entfernen, sich dann wieder annähern und plötzlich mal wieder einen Schlag gemeinsam tun dürfen.
Das geschieht nun im Meto-Zyklus alle 19 Jahre.
Für unser Beispiel bedeutet das, dass die Vollmond-Glocke und die Halloween-Glocke heute ihren gemeinsamen Schlag getan haben und den nächsten 2039 tun werden, spätestens aber 2058.

Wäre mal spannend, wie lange die Seile sein müssten, an welchen diese Glocken hängen, bzw. wie hoch der Glockenturm. Ob der dann schon zum Mond reichte? Diese Pendel-Berechnungen sind bei mir verdammt lang her, dass ich das gelernt habe, aber vielleicht mag ja von euch das mal jemand versuchen. Es wäre ein Juvel in unseren Kommentaren…

Wem das Hörbeispiel hier zu abstrakt erscheint, kann es täglich ausprobieren. Hört einfach mal auf zwei Glocken eines Geläutes und beachtet die anderen dabei nicht. Nehmt die höchste und die tiefste Glocke, dann versteht ihr, was ich meine.

Und hier noch ein akustisches Beispiel:
Kann sich jemand von euch noch an die schönen alten Tick-Tack-Wecker erinnern, die man aufziehen musste?
Wenn man sie auseinander baute, und selbstverständlich nimmermehr wieder ans laufen brachte, dann blieben einem immerhin schöne Zahnräder als Kreisel, die Federn und das leuchtende Ziffernblatt.
Ich war stets fasziniert davon, wie die beiden Wecker auf den Nachttischen meiner Eltern gegeneinander tickten, wie der Abstand zwischen ihnen immer größer wurde, dann wieder kleiner und schließlich hatten die Wecker immer wieder mal ein oder zwei aufeinander folgende Ticks gemeinsam, um sich dann wieder voneinander zu entfernen.
Man stelle sich vor. Ich im “Gräble” zwischen Mama und Papa höre diese Wecker. Schön, nicht wahr?

Und mit diesem weiteren akustischen Beispiel endet mein heutiger Artikel zum Halloween-Vollmond.

Wer war der Erste? – Ein Streit um die Entdeckung der Sonnenflecken


Liebe Leserinnen und Leser,

Heute geht es nochmals um einen Streit in der Wissenschaft. Schon im letzten Artikel hatten wir ja die spannende Geschichte zur Frage, ob die Sonne kalt sei und lediglich eine heiße Atmosphäre besitze, oder umgekehrt.
Passend zum bevorstehenden Reformationstag, der leider in Baden-Württemberg kein Feiertag ist, fand ich eine Geschichte über einen wissenschaftlichen Streit, in welcher ein evang. Pfarrer eine wesentliche Rolle spielte, dessen und seines Sohnes Lebenswerk zu Astronomie ich im Artikel zum Reformationstag 2019 beleuchtete.
Es geht um die spannende Frage, wer der erste Entdecker der Sonnenflecken war.
Nicht immer ist so etwas ganz einfach auszumachen. Es menschelt eben auch in der Wissenschaft. Das war schon immer so.

Heutzutage schreibt man die Erstentdeckung in der Regel der Wissenschaftler*in zu, die diese zuerst veröffentlicht.
Wenn es danach geht, wer zuerst veröffentlichte, dann war die Entdeckung der Sonnenflecken ein Ostfriesischer Fund.
David Fabricius war Pfarrer in Resterhave bei Dornum und später in Osteel in Ostfriesland. War er tagsüber für seine Gemeinde da, so widmete er sich nachts den Sternen. Diese Nebenbeschäftigung brachte ihm Ansehen, weit über Ostfriesland hinaus. Mit Tycho Brahe, dem
großen dänischen Astronomen stand er in Kontakt, mit Johannes Kepler führte er einen intensiven Briefwechsel. Auch sein ältester Sohn Johann fühlte sich zur Astronomie hingezogen.
Doch sein Vater schickte ihn zum Medizinstudium in verschiedene Städte, u. A. auch nach Holland an die Universität Leiden. Kurz zuvor wurde in Holland das Fernrohr erfunden. Es ist gut möglich, dass der junge Fabricius und sein Vater ihre Teleskope von den Niederlanden aus bezogen.
Und so erblickte der junge am 9. März 1611 mit einem seiner Fernrohre auf der Sonnenscheibe einen kleinen schwarzen Fleck. Anfangs glaubt er an eine Täuschung. Er ruft den Vater, doch auch der sieht den Fleck. Sie verfolgen die Sonne im Fernrohr den ganzen Tag über. Der Fleck bleibt unverändert. Die Nacht verbringen sie voller Unruhe, den Sonnenaufgang können sie kaum erwarten. Als schließlich die Sonne über den Horizont tritt, ist der Fleck immer noch zu sehen. Johann Fabricius veröffentlicht die Neuigkeit im Jahre 1611. Damit hat er als erster die Entdeckung der Sonnenflekken angezeigt.
Geschrieben hatte Johann Fabricius zwar als erster über die Entdeckung der Sonnenflecken, aber zuerst gesehen, haben sie vor ihm längst andere.

Mit Hilfe des neu erfundenen Fernrohres sah sie bereits der englische Mathematiker und Philosoph Thomas Harriot (1560-1621) am 8. Dezember des Jahres 1610, was man freilich erst 200 Jahre später seinen unveröffentlichten Notizen entnommen hat.

Drei Tage vor Fabricius, nämlich am 6. März 1611, bemerkten der jesuitenpater Christoph Scheiner (1575-1650) in Ingolstadt und sein Schüler und Gehilfe Johann Baptist Cysat (1588-1657) die Flecken auf der Sonnenscheibe.
Doch Scheiners Vorgesetzter im Orden glaubte nicht an Flecken auf der Sonne. Er soll gesagt haben:

Die Sache wird von keinem alten Philosophen erwähnt. Ich habe meinen Aristoteles mehr als einmal von
Anfang bis zu Ende durchgelesen, aber nichts Ähnliches gefunden. Also halten Sie diese Absurdität zurück und geben Sie sich nicht öffentlich bloß, sondern seien Sie vielmehr überzeugt, dass es bloß ein Fehler Ihres Auges oder Ihres Fernglases ist, welches Sie sogar in der Sonne Flecken sehen lässt.

zitierte der Gymnasialprofessor Lorenz Wöckel in einem 1844 erschienenen Buch “Populäre Vorlesungen über die Sternkunde” den Ordensmann.

Um nicht gegen den Rat seines Vorgesetzten zu handeln, berichtet Scheiner darüber nur in zwei Briefen an den Augsburger Patrizier Marcus Welser (1558-1614). Doch Welser ließ die Briefe drucken. Um Scheiner nicht in Schwierigkeiten mit seinen Vorgesetzten zu bringen, erscheinen sie unter dem Pseudonym “Apelles”.

Als Galileo Galilei davon erfährt, schreibt er an Welser nach Augsburg und erklärt, dass er die Flecken auf der Sonne schon längst, nämlich 1610 gesehen habe. Nun beginnt zwischen Scheiner und Galilei ein Streit um den “ersten Platz”.
Als Scheiner später neun Jahre in Rom lebt, gibt er 1630 sein großes astronomisches Werk “Rosa Ursina” heraus, das Niederschriften zahlloser Beobachtungen von Sonnenflecken enthält. Zu dieser Zeit ist Scheiner bei den Jesuiten als Wissenschaftler bereits hoch angesehen, und so erscheint das Werk nunmehr unter seinem eigenen Namen. Er kann sich zahlreiche Seitenhiebe auf Galilei nicht verkneifen. So sehr Galilei und Scheiner sich auch bekämpften, sie waren sich einig, Fabricius “Entdeckung” zu ignorieren.
Scheiner projezierte die Sonne durch sein Fernrohr auf einen weißen Papierschirm und erhielt so ein scharfes Bild der Sonnenscheibe.

Eigentlich hätte man schon lange vor der Erfindung des Fernrohres auf die Sonnenflecken aufmerksam werden sollen, denn immer wenn Sonnenstrahlen durch kleine Öffnungen in Fensterläden oder Türen auf eine gegenüberliegende Wand fallen, entsteht ein kleines Bild der Sonnenscheibe. In ihm kann man gelegentlich auch größere Sonnenflecken erkennen.
Im Jahre 1613 reiste der römisch-katholische Kaiser Matthias zum Kurfürstentag nach Regensburg. Da man beabsichtigte, den Gregorianischen Kalender einzuführen, war auch Johannes Kepler, der damals in Linz arbeitete, als Kalenderfachmann geladen.
So betrat er im Juli jenes Jahres zum ersten Mal die Stadt, in der man ihn 17 Jahre später bestatten sollte. Beim Besuch des Doms betrachtete er die scheibenförmigen Sonnenbilder, die das durch kleine Öffnungen fallende Sonnenlicht nach dem Prinzip der Lochkamera auf den Boden warf. Er berichtete später:

Ich sah in der Kathedrale und zeigte auch den dabeistehenden Bekannten die Spuren der Sonnenflecken in den kleinen Lichtkreisen, die durch die Ritzen der Fenster aus der Höhe herabfielen.

Diese Erscheinung hätte man natürlich auch schon vor der Erfindung des Fernrohrs bemerken können, denn es bedarf dazu nicht eines zur Lochkamera umfunktionierten Doms.

Aber zurück zu unseren “Streithähnen”.
Der Streit zwischen den beiden Rivalen bekommt noch dadurch ein ganz besonderes “Geschmäckle”, wie wir süddeutschen sagen, dass der Mönch Scheiner sich noch dem ptolomäischen Weltbild mit der Erde als Mittelpunkt verpflichtet fühlte. Galilei hingegen hatte sich längst schon dem kopernikanischen Weltbild mit der Sonne als Mittelpunkt des Sonnensystems zugewandt.
Der Verdacht, dass Scheiner am Zustandekommen des Prozesses gegen Galilei im Jahre 1633 Anteil gehabt hatte, lässt sich allerdings nicht erhärten.

Der junge Fabricius mag vielleicht der erste gewesen sein, der eine wissenschaftliche Abhandlung über Sonnenflecken verfasst hat, aber alte Dokumente deuten darauf hin, dass auch schon andere welche gesehen hatten.
Von Zeit zu Zeit erreicht ein Fleck auf der Sonne einen Durchmesser von mehr als 50 000 km. Dann kann man ihn sogar schon mit unbewaffnetem Auge durch Dunst oder Nebel hindurch sehen. Natürlich nur dann, wenn die Sonne dadurch so abgeschwächt ist, dass man problemlos in die Sonnenscheibe blicken kann.
Bereits in der Zeit vor Christi Geburt findet man Niederschriften über dunkle Punkte auf der Sonnenscheibe. Es ist nicht immer leicht, sich in den alten Berichten zurechtzufinden, so, wenn man etwa liest, dass im Jahre 354 v. Chr, in der Sonnenscheibe ein dunkles Gebilde “so groß wie ein Hühnerei erschienen sei. In alten chinesischen Quellen sind 45 Berichte über Sonnenflecken aus dem Zeitraum zwischen 301 v. Chr. und 1205 n. Chr. zu finden. Einhard, der Biograf Karls des Großen, schreibt, dass im Jahre 807 der Planet Merkur acht Tage lang als dunkler Fleck vor der Sonne gestanden habe. Das muss ein großer Sonnenfleck gewesen sein, denn Merkur kann nie länger als etwa einen halben Tag vor der Sonne stehen.
Kepler hat am 28. Mai 1607 in Prag ebenfalls einen dunklen Fleck vor der Sonne gesehen und für den Planeten Merkur gehalten. Erst später, nachdem er von den Sonnenflecken erfahren hatte, wurde ihm bewusst, dass er wohl einen großen Fleck auf der Sonne wahrgenommen hatte, wie er einem Brief an David Fabricius anvertraute. So besteht kein Zweifel, dass es auch schon vor Jahrhunderten Sonnenflecken gegeben hat.

Und ja, wie sich das menschliche Schicksal manchmal so fügt.
Wir wissen nicht genau, wann der junge Fabricius starb. Von seinem Tod erfahren wir nur durch einen Nachruf aus der Feder von Johannes Kepler. Vater Fabricius folgte ihm kurz danach. Nachdem er einen Bauern öffentlich von der Kanzel beschuldigt hatte, er habe ihm seine Gänse gestohlen, wurde er mit einem Spaten erschlagen.

So, meine lieben, das war der Streit über die Entdeckung der Sonnenflecken. Ich hoffe, es hat etwas gefallen.
Lesen, Liken und Kommentieren hilft mir sehr, diesen Blog weiter zu entwickeln.

Die Sonne, zwei Preise und ein Rechtsstreit


Liebe Leser*innen,

Jetzt wird es aber höchste Eisenbahn, dass der Blindnerd mal wieder aus seiner Schreibmüdigkeit erwacht, und einen neuen Artikel raus haut…

gerade wurden die Nobel-Preise für 2020 verliehen. Mich freut sehr, dass derjenige für Physik auch zu einem Teil an die Astrophysikerin Andrea Ghez ging. Sie wies gemeinsam mit Reinhard Genzel das massereiche schwarze Loch im inneren unserer Galaxis nach, indem sie Sterne beobachteten, die es umkreisen. Der dritte im Bunde, Roger Penrose lieferte fundamentale mathematische Grundlagen zur mathematischen Beschreibung, wie schwarze Löcher entstehen. Wer mich kennt, weiß, dass ich jetzt sicher nicht über diese Nobelpreise berichten möchte. Das haben andere schon ausführlich getan. Es geht heute aber tatsächlich um eine Preisverleihung und einen Rechtsstreit, der mit der Sonne zu tun hat.
Etwas Tragik kommt natürlich, wie das zu einer spannenden Story gehört, auch vor. Viel Freude mit der Story.
Begeben wir uns also in die fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts:

Man konnte nachher nicht mehr feststellen, wieso das Auto das Brückengeländer durchbrochen hatte. Als der Patentanwalt Gottfried B aus Osnabrück sich schwimmend ans Ufer retten wollte, erlitt er einen tödlichen Herzschlag. Sogar die Abendnachrichten berichteten davon, denn B stand im Zentrum eines interessanten und ungewöhnlichen Zivilprozesses, der von den Medien rege verfolgt wurde. Es ging ihm um die Frage, ob man drei Astronomen finden könne, die beweisen sollten, dass die Sonne in ihrem Inneren heiß und nicht kalt ist. B war nämlich der Meinung, es wäre umgekehrt. Er dachte, sie habe einen kühlen Kern und eine heiße Atmosphäre. Er war sich sogar sicher, dies beweisen zu können. Er wähnte in den Sonnenflecken, die seit dem 17. Jahrhundert bekannt waren, löcher in der heißen Sonnenatmosphäre, durch die man manchmal den kühleren Sonnenkern erblickte.
Gottfried B. war wohl mit der Thermodynamik nicht besonders vertraut.
Aber B’s Idee ist schon mit den einfachsten Gesetzen der Physik nicht haltbar.

Naja, das kommt schon immer mal wieder vor, dass Laien meinen, sie hätten ein Welträtsel gelöst. Immer wieder erhalten physikalische Institute Zuschriften, die beispielsweise behaupten, dass die Relativitätstheorie von Einstein falsch sei, oder das der Verfasser nun doch ein Perpetuum Mobile entwickelt habe. Ganz ausschließen kann man natürlich nicht, dass nicht auch mal ein Außenseiter eine wissenschaftliche Entdeckung macht, bzw. einen Fehler in einer Theorie aufdeckt, aber das ist heutzutage doch eher unwahrscheinlich. Meistens benötigt man für derlei riesige Messinstrumente, wie z. B. den LHC, der nun einmal nicht in ein Wohnzimmer passt, oder man benötigt große Computer und enormes Fachwissen, das ohne ein intensives Studium des Forschungsgegenstandes nicht vorhanden sein kann. Nichts desto Trotz. Es kann manchmal doch vorkommen.

Gerade jetzt, in der Pandemie, erleben wir hautnah, wie Wissenschaft funktioniert. Da werden Theorien über das Virus verfeinert, vielleicht sogar über den Haufen geworfen, die Modelle zu dessen Verbreitung werden desto besser, um so mehr Daten man über die Fallzahlen bekommt. Und ja, auf der anderen Seite erleben wir in einem unglaublichen Ausmaß diejenigen Menschen und Schwurbler, die es meinen besser zu wissen…
Mir jedenfalls ist kein Fall der letzten 150 Jahre bekannt, wo ein Laie die Schulwissenschaft eines besseren belehrte.

Doch Gottfried B war ein wohlhabender Mann. So konnte er für seine Idee zwei Preise von jeweils 25000 DM aussetzen.
Den ersten für denjenigen, der B’s eigene Theorie widerlegen kann, wonach auf der Sonne eine heißere
Wolkenhülle einen festen, kühlen Sonnenkern verbirgt, der möglicherweise Vegetation trägt. Der zweite Preis war für den bestimmt, der beweist, dass die Sonne tatsächlich in ihrem Inneren Temperaturen von vielen Millionen Grad aufweist. Der Patentanwalt bestellte ein Preisrichterkollegium: den Nobelpreisträger Werner Heisenberg, den Physikprofessor Clemens Schaefer und einen Hamburger Anwalt. Sie sollten entscheiden, ob eine der eingereichten Schriften preiswürdig sei.

Ignorieren konnten die Fachastronomen die These des streitbaren Patentanwaltes natürlich nicht, weil sonst der Eindruck entstanden wäre, sie wüssten es wirklich nicht, ob der Sonnenkern nun kalt und deren Atmosphäre heiß sei, oder umgekehrt…
Und so trat schließlich die Deutsche astronomische Gesellschaft auf den Plan, deren, und das nur am Rande, stolzes Mitglied ich mich nennen darf.
Sie war an den Geldpreisen interessiert, da sie bei Kriegsende ihr gesamtes Vermögen verloren hatte. Ihr damaliger Vorsitzender, Otto Heckmann, Direktor der Sternwarte in Hamburg-Bergedorf, nahm die Mitglieder in die Pflicht und legte ihnen nahe, sich nicht einzeln an dem offensichtlich leicht zu gewinnenden Preisausschreiben zu beteiligen. Statt dessen schlug er vor, dass zwei angesehene Mitglieder, die Professoren Ludwig Biermann und Heinrich Siedentopf, zusammen mit ihm eine Schrift verfassen sollten, welche die Bedingungen des ersten der beiden Preise erfüllt.

Tatsächlich sprach das Preisrichterkollegium dem von den drei Autoren gefertigten Manuskript den Preis für die Widerlegung von B’s Theorie zu. Doch B. erkannte den Schiedsspruch nicht an und ging vor Gericht.

Das ist oft so, dass sich Außenseiter, die meinen, etwas gefunden zu haben, sich mit den besten Argumenten nicht überzeugen lassen, dass sie falsch liegen. Das erleben wir momentan dauernd auf tragische Weise bei den Leugnern des Klimawandels.
Keine Wetterkatastrophen, keine Daten zur Erwärmung, keine Waldbrände und auch sonst nichts, bringt sie von ihrer festgefahrenen Meinung ab, weshalb es oft relativ sinnlos ist, mit ihnen zu diskutieren.

Der Prozess von B. lief durch mehrere Instanzen und die Medien nahmen regen Anteil daran.
Irgendwie ähnelte das ganze für Außenseiter dem Verfahren Galileo Galileis.
Der wichtigste Unterschied zwischen beiden Prozessen war, dass Galilei Recht hatte, und trotzdem widerrief, und Gottfried B. hatte nicht Recht, und widerrief auch nicht. So verlor der streitbare Anwalt in zwei Instanzen.

NatÜrlich hatten die Richter nicht über die Temperatur der Sonne zu befinden, sondern darüber, ob das Preisausschreiben ordnungsgemäß durchgeführt worden war. Ehe das Verfahren vor die letzte Instanz kam, dem Bundesgerichtshof in Karlsruhe, verunglückte der streitbare Patentanwalt. Nach dem Karlsruher Urteil erhielt die Astronomische Gesellschaft den ersten der beiden Preise. Da es dazu mehrerer gerichtlicher Instanzen bedurft hatte,
verzichtete man schließlich darauf, sich auch um den zweiten zu bemühen.

War der Osnabrücker Patentanwalt heutzutage verhältnismäßig leicht zu widerlegen, so war doch noch selbst ein so angesehener Astronom wie William Herschel, der Entdecker des Uranus, Überzeugt, dass der Sonnenkörper in seinem Inneren kalt ist und nur die Sonnenatmosphäre eine hohe Temperatur besitzt. Aber
damals steckte die Wärmelehre, die sogenannte Thermodynamik, noch in ihren Kinderschuhen, und man wusste noch nicht, dass ein kalter Körper nicht unter einer heißen Hülle verborgen sein kann, ohne dass er sich entweder aufheizt, oder sich die Hülle seiner Temperatur anpasst.

Ferner wissen wir Heute, dass wir durch die Sonnenflecken nicht auf einen kalten Körper im Inneren schauen und dass die Sonne in ihrem Zentrum Temperaturen aufweist, welche die ihrer Atmosphäre um mehr als das Zweitausend fache übertreffen.

Und um diese Flecken wird es im nächsten Artikel zum Reformationstag gehen.
Bis dahin, alles gute und bleibt gesund.

Kometengeschichten 6 – Kometenschweife und Sternschnuppen


Liebe Leserinnen und Leser,

lange ist es her, aber jetzt meldet sich der Blindnerd nach seinem Erholungsurlaub wieder zurück.
Dieses Frühjahr und Sommer waren astronomisch vom Erscheinen des Kometen Neowise und dann natürlich auch durch die jährlich wiederkehrenden Sternschnuppen der Perseiden im August geprägt. In meinem hinter mir liegenden Sommerurlaub in Österreich war ich nicht untätig. So durfte ich beispielsweise drei Astronomie-Abende gestalten. In einem brachte ich die Kometen und die Sternschnuppen zusammen. Es wäre doch schade, würde aus dieser Verschmelzung meiner diversen Artikel kein neuer Artikel entstehen. Außerdem schließt er den Kreis, indem wir uns nochmal Kometen und Sternschnuppen zuwenden. Viel gäbe es noch über Kometen zu erzählen. Sicher findet sich dazu zu gegebener Zeit wieder eine Gelegenheit. Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen dieses ersten Artikels nach meinem schönen Sommerurlaubs.

In “Kometenbahnen” beschrieb ich, dass die erste entdeckte Gemeinsamkeit aller Kometen, unabhängig aus welcher Richtung sie kamen war, dass ihre Schweife stets von der Sonne weg zeigen. Änderten sie ihre Richtung, schwang auch der Schweif herum, so dass dieses wieder gegeben war. Lapidar erwähnte ich in diesem Zusammenhang den Sonnenwind und ging nicht weiter darauf ein. Deshalb hier noch einige Worte dazu.

Wenn eine Dampflock an windstillen Tagen fährt, dann wird ihre Rauch- und Dampfwolke stets hinter ihr her gezogen, weil der Luftwiderstand des Fahrtwindes sie nach hinten bläst. Im Vakuum des Weltalls gibt es keinen Wind der Widerstand gegen die Fahrtrichtung und den Schweif des Kometen, der aus Gas, Staub und Teilchen besteht, leisten könnte. Oder doch? Somit sollte sich überhaupt kein Schweif, in welche Richtung auch immer, ausbilden, sondern aller “Kometendampf” sollte sich wolkenartig um ihn herum bewegen. Der Sonnenwind ist es, der Kometenschweife von der Sonne weg bläst. Das klingt so einfach, gab aber lange viele Rätsel auf.

Eine Vermutung der Herkunft des Sonnenwindes war, dass eventuell ihr starkes Licht und ihre sonstige Strahlung eine Art Druck, also Wind, auf die Ausgasungen der Kometen ausüben könnte. Der schottische Physiker James Clerk Maxwell
(13. Juni 1831 – 5. November 1879) wies in seinen theoretischen Arbeiten darauf hin, das Licht eventuell im Vakuum wie ein schwacher Wind wirken könne. Ein Russischer Wissenschaftler, dessen Name ich nicht schreiben kann, weil ich ihn nur aus einem Audio habe, er lebte 1866 – 1911, bestrahlte 1901 in einer Vakuumkammer ultraleichte Spiegel, die ganz leicht aufgehängt waren. Damit konnte er generell den Lichtdruck nachweisen und messen. Von da an nahm man fast ein halbes Jahrhundert nun an, dass der Druck des Sonnenlichtes für die Auslenkung der Kometenschweife von der Sonne weg, verantwortlich sei. Dann zeigte sich aber, dass dieser Lichtdruck unmöglich stark genug sein konnte, die Schweife auszubilden. In den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts untersuchte der englische Wissenschaftler Edward Arthur Milne (1896 – 1950) auf theoretischem Wege die Zusammenhänge in der Sonnenatmosphäre. Er berechnete die Anziehungskraft der Sonne auf Teilchen der Atmosphäre und verglich sie mit der nach außen treibenden Kraft des Strahlungsdrucks. Er kam zum Schluss, dass an der Oberfläche der Sonne es durchaus möglich sein sollte, dass Teilchenströme von ihr ausgingen, die zusätzlich zum Strahlungsdruck z. B. auf die Kometenschweife wirken könnten. Er sagte einen Teilchenstrom aus geladenen Protonen, der von der Sonne weg strömt voraus. Als man nun in den 50ern des letzten Jahrhunderts begann, die Sonne mit Raketen, Satelliten und Raumsonden zu erkunden, (Siehe Der Sonne entgegen – Der Aufbruch), stieß der italienische Physiker Bruno Rossi tatsächlich auf eine sehr schnelle Strömung von geladenen Teilchen, den Sonnenwind. Es besteht kein Zweifel mehr, dass dieser Sonnenwind die Gaswolke, die einen Kometen bei Annäherumg an die Sonne umgibt, zu einem von der Sonne weg zeigenden Schweif streckt.

Nun stellt sich aber die Frage, was mit der Materie geschieht, die der Komet längs des Schweifes verlässt. Er sammelt sie doch bestimmt nicht wieder ein, und kann sie einfach verschwinden? Verschwinden kann natürlich nichts. Die gasförmigen Moleküle oder Atome, wie z. B. Wasserdampf, verlieren sich einfach im Vakuum des interplanetaren Raumes. Was geschieht aber mit dem Rest, dem Staub, den Felsbröckchen etc, die stets den zweiten Schweif eines Kometen ausbilden?
Sie verteilen sich nach und nach auf der gesamten Kometenbahn. Ganz besonders dann, wenn ein Komet sich auflöst, wie beispielsweise der Komet Lovejoy, oder der Komet Biela.
Und an dieser Stelle schließt sich der Kreis dieses Sommers zu den Sternschnuppen. Sie sind sehr oft Teilchen aus Kometenschweifen, die in der Atmosphäre der Erde verglühen, wenn die Erde die Bahn, also die Hinterlassenschaften eines Kometen kreuzt. Ich schrieb schon darüber, dass Aristoteles Sternschnuppen für atmosphärische Erscheinungen hielt. In gewisser Weise hatte er damit sogar Recht, denn zu leuchten beginnen die Kometenteilchen tatsächlich erst in der Atmosphäre. Aus diesem Grunde werden sie auch Meteore (Griechisch für hoch in der Luft) genannt. Das ist aber noch nicht alles.
Schon aus alter Zeit existieren Berichte, dass es Metallklumpen oder Steine vom Himmel regnete. Das hielten Astronomen und andere Wissenschaftler zunächst für Unsinn. Der Schweizer Naturforscher Johann Jakob Scheuchzer (1672 – 1733) war einer der ersten, der die Möglichkeit vom Himmel fallender Steine in Betracht zog. Er äußerte 1607 den Verdacht, dass hier ein Zusammenhang zu den bekannten Meteoren und Sternschnuppen bestehen könnte. Rund hundert Jahre später nahm sich der Physiker Ernst Florens Friedrich Chladni (1756 – 1827) der Sache an. Er sammelte vom Himmel gefallene Steine und begann, sie zu untersuchen, was gar nicht so leicht war, denn so oft passiert es ja dann glücklicherweise doch nicht, dass es Steine regnet. In seinem Buch veröffentlichte er 1794 schließlich die Behauptung, dass es durchaus passiert, dass Brocken aus dem Weltall gelegentlich mit der Erde zusammen stoßen können. Er meinte auch, dass, wenn solche Klumpen in die Atmosphäre eindrängen, sie vom Widerstand der Luft gebremst würden, sich dadurch erhitzten und als Sternschnuppen verglühten. Wenn nicht alles von so einer Schnuppe verdampfe, dann schlüge der Rest als vom Himmel regnender Stein auf der Erde ein. Von da an löste sich langsam die Skepsis der anderen Wissenschaftler. Als ein französischer Physiker 1803 Proben aus einem Gebiet Frankreichs untersuchte, wo besonders viele Steine regneten, klärte sich die Sache schließlich endgültig auf. Steine und Eisenklumpen konnten tatsächlich vom Himmel fallen. Solche Objekte nannte man von nun an Meteoriten. Und hier beginnt ein interessantes Wirrwar von Worten. Ist ein Bröckchen, das unsre Erde treffen soll noch im Weltall, es muss wesentlich kleiner, als ein Asteroid sein, dann heißt das Ding Meteorid. Tritt es seine heiße Spur durch die Atmosphäre an, dann ist es ein Meteor. Das, was von der Sternschnuppe noch übrig bleibt, nennt man schließlich Meteorit, wenn man es findet. Die meisten Sternschnuppen verglühen aber vorher und es kommt nichts außer vielleicht etwas Staub unten an.

So gab es beispielsweise im November 1833 einen Meteor-Sturm unglaublichen Ausmaßes. Wie Schneeflocken fielen sie herab. Die Menschen fürchteten sich sehr. Sie glaubten, dass nun die Sterne vom Himmel fielen, wie es im letzten Buch der Bibel, der Offenbarung, voraus gesagt ist. Sie befürchteten das Ende der Welt. Das Schauspiel muss man sich vor allem mal vor dem Hintergrund vorstellen, dass der Himmel damals nachts noch wirklich dunkel war. Lichtverschmutzung gab es wenig bis keine. Nacht war damals wirklich schwarze Nacht und keine graue Dämmerung, wie heutzutage in unseren Städten. Nun ja, die Welt ging nicht unter, ansonsten gäbe es diesen Artikel und dessen Schreiber nicht… Auch stehen noch alle Sterne an ihren gewohnten Plätzen und kein gefallener Stern fehlt.

Legt man die Zeiten der Vorkommen vieler Sternschnuppen mit den Erscheinungszeiten, den Kometenbahnen und den Richtungen, aus denen sie kommen übereinander, stellt man recht bald fest, dass der Zusammenhang klar war. Viele Sternschnuppenströme stammen von dem, was Kometen zurück lassen, wenn sie uns besuchen und bei der Umrundung der Sonne ihre Schlankheitskur zu vollführen.
Nicht alle Meteore und noch weniger solche, von denen noch ein Meteorit übrig bleibt, stammen aus den “Dreckspuren” die Kometen so hinterlassen. Es gibt genügend Brocken, die von Kollisionen von Asteroiden her rühren, die uns dann und wann treffen. Und wie gefährlich es sein kann, wenn diese Brocken richtig groß sind, schrieb ich in “Droht Gefahr durch Asteroiden“.
Dieser spektakuläre Meteor-Sturm schien aus dem Sternbild Löwe zu kommen, also von den Leoniden. Hier kommt es offenbar alle 33 Jahre zu einem besonders starken Aufkommen von Sternschnuppen. Leoniden gibt es jedes Jahr, aber halt nicht so ein Maximum. Auch andere Meteor-Schauer kann man Sternbildern zuordnen, z. B. kreuzt die Erde stets im August die Kometenbahn des längst aufgelösten Kometen “109P/Swift-Tuttle”, der für die Perseiden verantwortlich zeigt. Sie scheinen aus dem Sternbild Perseus zu kommen.
Die Mai-Aquariden gehören zum Halleyschen Kometen, der seine Spur alle 76 Jahre wieder neu auffüllt.
Wie oben schon bei den Perseiden erwähnt, stammen manche Meteorströme von Kometen, die es schon längst nicht mehr gibt, z. B. der Strom der Andromediden, heute Bilieden, gehört zum verschwundenen Kometen Biela. Da hier kein Nachschub mehr vom Kometen kommt, regnet es aus so einer Spur stets weniger und weniger Sternschnuppen, bis man sie letztlich nicht mehr vom sonstigen Sternschnuppen-Hintergrund, den es immer gibt, unterscheiden kann.

Man kann sich nun ängstlich die berechtigte Frage stellen, ob es nicht sein könne, dass die Erde und ein Komet mal kollidieren. Man kann nie nie sagen, aber das ist äußerst unwahrscheinlich, weil der Komet selbst nur einen kleinen Punkt auf seiner breit von Teilchen übersähten Bahn darstellt. Die Teilchendichte ist so dünn, dass nicht mal dann etwas passiert, wenn die Erde direkt durch den Schweif eines Kometen fliegt, wie es beispielsweise 1910 geschah, als die Erde durch den Schweif des Halleyschen Kometen flog. Ich schrieb in “Kometengeschichten 4” über die Furcht und die Befürchtungen, die die Menschen damals hatten.

Und mit dieser beruhigenden Tatsache enden wir für heute.
Es grüßt euch herzlich

Euer Blindnerd.

Kometengeschichten 5 – Kometenbahnen

Liebe Leserinnen und Leser,

Nachdem ich im letzten Artikel über die weit verbreitete Kometenangst berichtete, geht es heute darum, dass nicht alle vor Angst gelähmt in Erwartung des Bösen an den Himmel und die Kometen starrten, sondern diese mit Nüchternheit und Gelassenheit als besondere Himmelsobjekte betrachteten und verstanden.

Aus dem Jahre 1472 ist beispielsweise überliefert, dass kein geringerer Astronom als Johann Müller, eher unter dem Namen Regio Montanus bekannt, mutig und entspannt Kometen beobachtete. Dieser Müller war derjenige, dessen hervorragende Sternenkarten für die Seefahrt (ephimeriden) Kolumbus sein Leben verdankte. Ich schrieb darüber in Eine Mondfinsternis als Lebensretterin.

Jener vermaß gemeinsam mit einem seiner Studenten die Bahn eines Kometen. Sie versuchten seine Bahn Stück für Stück zu konstruieren. Es ist schon eigenartig, dass vorher niemand derartiges versuchte. Selbst aus alten asiatischen oder arabischen Quellen ist mir zumindest nichts bekannt.

Die erste Gemeinsamkeit

Gleich sechs Kometen erschienen zwischen 1531 und 1539. Sie wurden von mehreren Astronomen vorurteilsfrei beobachtet, z. B. von dem italienischen Astronomen Girolamo Fracastoro. Jener veröffentlichte 1538 ein Buch in welchem er festhielt, dass Kometenschweife stets von der Sonne weg zeigen. Sein deutscher Kollege, Peter Apian, verfolgte diese Kometen ebenfalls, wusste allerdings nichts von Fracastoros Arbeit. Auch er erwähnte diese Eigenart der Kometenschweife in seinem Buch 1540. Er ergänzte seine Schrift sogar noch mit einer Zeichnung,auf welcher ein Komet mit seinen Schweifen relativ zur Sonne dargestellt war. Wenn Kometen auch unberechenbar erscheinen und verschwinden konnten, so schien es doch zumindest so zu sein, dass alle der Regel gehorchen mussten, dass die Schweife stets von der Sonne weg zeigten. Immerhin. Dann waren Kometen vielleicht doch auch gewissen anderen Regeln unterworfen, die man nur bisher noch nicht sah…
Heute weiß man, dass die Schweife aller Kometen stets vom Sonnenwind weg von ihr geblasen werden.

Der alte Glaube

Der gute alte Aristoteles vertrat die Ansicht, dass alle Himmelskörper die Erde auf festen ihnen eindeutig zugewiesenen Bahnen umrundeten. Weil Kometen kamen und gingen, rechnete er sie nicht zu den Himmelskörpern, sondern hielt sie für langsam brennende Feuer in den oberen Luftschichten. Wenn Kometen atmosphärischer Natur waren, mussten sie näher als die anderen Himmelskörper bei der Erde sein. Somit sollten sie sogar näher sein als der Mond. Das war nämlich schon den alten Griechen klar, dass er der nächste Himmelskörper ist. Wie auch immer. Die Autorität Aristoteles war so groß, dass seine Lehren über 2000 Jahre gültig blieben.

Erschütterungen

Dieser Glaube und Grundfeste wurde im Jahre 1577 erschüttert. In diesem Jahr tauchten gleich zwei Kometen auf, von deren zweiten der dänische Astronom Tycho Brahe von seiner dänischen Insel aus, wo er sich ein riesiges Observatorium baute, beobachtete. Tycho hatte die Idee, die Entfernung dieses Kometen zu vermessen. Dann sollte man erfahren, ob sie wirklich atmosphärisch nahe objekte darstellen, oder nicht. Hierfür bediente er sich der Paralaxen-Methode. Hier macht man sich die Tatsache zu nutze, dass Winkel zu beobachteten Objekten aus der Sicht unterschiedlicher Positionen verschieden sein sollten. Hält man sich einen Daumen vor die Nase, so erscheint er vor dem Hintergrund nach links oder rechts verschoben, wenn man ihn abwechselnd mit nur einem unverdeckten Auge betrachtet. Akustisch geht das z. B. mittels eines Küchenradios vor welches man sich eher mal links oder rechts positioniert auch. Somit können auch diejenigen Leser*innen, die nicht sehen können, diese verschiedenen Betrachtungswinkel auch akustisch erleben.

Die Verschiebung der Winkel wird immer kleiner, desto entfernter die betrachteten Objekte sind. Das ist der Grund, weshalb man nicht einfach unter einem Stern hindurch spazieren kann, wie unter einer Straßenlaterne. Somit ist die Parallaxe ein Maß für die Entfernung. Kennt man die Distanz zweier Beobachtungsorte, so lässt sich der Abstand berechnen. So bestimmten schon die alten Griechen die ungefähre Entfernung zum Mond.

Also vermaß Tycho die Winkel zu seinem Kometen. Diese verglich er dann mit den Daten, die ein befreundeter Astronom in Prag ermittelte. Sie unterschieden sich nicht von Tychos winkeln. Da die Entfernung beider Standorte bekannt war, konnte das nur bedeuten, dass der Komet weit entfernt sein musste, da die Winkelunterschiede deutlich kleiner waren als das, was man mit damaligen Messinstrumenten auflösen konnte.

Tychos Komet musste somit ungefähr vier mal so weit weg sein als der Mond. Wäre er kleiner gewesen, hätte er eine Parallaxe messen sollen.
Man kann an dieser Stelle gar nicht hoch genug einschätzen, was für ein exzelenter Beobachter Tycho war, denn es standen ihm keine Teleskope zur Verfügung. Kometen waren also scheinbar keine atmosphärischen Objekte, sondern kamen von weit her. Ich möchte hier noch erwähnen, dass es bei Tychos Komet sich nicht um den Halleyschen Kometen handelte, wie immer wieder mal angenommen wird und der nachher noch wichtig ist.

Ein U für ein I

Zu dieser Zeit hatte Nikolaus Kopernikus gerade sein Buch veröffentlicht, in welchem er die Sonne als Mittelpunkt des Sonnensystems postulierte, um welche sich alle Planeten drehen sollten. Johannes Kepler , Assistent von Tycho Brahe zeigte schließlich, dass die Planeten auf elliptischen Bahnen die Sonne umlaufen. Nun stellte man sich die Frage, ob vielleicht nicht auch Kometen sich auf sehr stark exzentrischen Bahnen um die Sonne bewegen könnten, so stark, dass sogar Kepler, der einen Kometen beobachtete glaubte, dass er sich auf einer geraden Bahn bewegen würde. In dem Fall käme er dann nur ein einziges mal vorbei, um dann für immer im All zu verschwinden. Als schließlich das Fernrohr erfunden war, fand ein italienischer Astronom, dass die Bahn eines Kometen, den er beobachtete durchaus in Sonnennähe wohl stark gekrümmt sei, und erst mit zunehmender Entfernung eher wie eine Gerade erschien. Die Bahn glich somit einem U, in dessen Bogen die Sonne stand. Eine solche Bahn wird Parabel genannt. Auch in dem Fall konnte ein Komet, ob U- Parabel oder I-förmige Bahn nur ein Mal vorbei kommen, bevor er dann für immer verschwand. Das war unbefriedigend. Somit zogen manche Astronomen in Betracht, es könnte sich bei den Kometenbahnen um sehr lang gestreckte elliptische Bahnen handeln,so dass sich die Kometen für viele Jahre nicht mehr beobachten ließen, weil sie zu weit weg waren, um dann irgendwann wieder zurück zu kehren. Otto von Guericke äußerte diese Vermutung. So faszinierend diese Vorstellung auch war, so fehlten damals die mathematischen Möglichkeiten, solch eine Bahn zu berechnen. Erst wenn dies berechenbar wurde, konnte man Kometen als Objekte des Sonnensystems komplett akzeptieren. Ein Jahr nach Guerickes Tot, 1687 veröffentlichte Isaac Newton seine universalen Schwerkraftgesetze. Damit hatten Astronomen erstmals ein Werkzeug zur Hand, womit sich derlei Bahnen berechnen ließen. Dieses Schwerkraftgesetz ließ es durchaus zu, dass sich ein Komet auf einer sehr gestreckten Ellipse um die Sonne bewegen konnte. Mittels Entfernung und Bahngeschwindigkeit eines Kometen um die Sonne, sollte sich die Bahn Stück für Stück berechnen lassen. Der Astronom Halley, ein guter Freund Newtons und später Namensgeber eines periodischen Kometen, versuchte solch eine Berechnung. Das kostete ihn Jahre. Er sammelte alle Kometenpositionen, die er auch aus älteren Daten finden konnte und setzte Kometenbahnen zusammen. Hierfür untersuchte er zweidutzend Kometen, in der Hoffnung, Regelmäßigkeiten ihrer Wiederkehr zu finden. Dabei stieß er u. A. auf den Kometen, den Johannes Kepler 1607 verfolgt hatte, und der durch die gleiche Himmelsgegend gezogen war, wie der Komet von 1682. Auch ein Komet des Jahres 1531 von Apian und fracastoro beobachtet, siehe oben, war durch diese Region gezogen. Ebenso jener aus dem Jahre 1456 von welchem Regio Montanus, siehe oben, berichtet hatte.

Halley fiel auf, dass hier Regelmäßigkeiten erkennbar waren. Sie erschienen stets um ungefähr 76 Jahre mit gewissen geringen Abweichungen. Das legte die Vermutung nahe, dass es sich bei allen vier Objekten um ein und dasselbe gehandelt haben könnte. Es würde sich auf einer sehr lang gestreckten elliptischen Bahn bewegen, auf der der Komet eben nur alle 75 – 76 Jahre zurück kommen konnte.
Das “entweder, oder” bei der Rückkehr-Zeit rührt daher, dass Kometen auf ihren langen Bahnen von den großen Planeten, wie Jupiter gravitativ beeinflusst werden. Dadurch ändern sich ihre Bahnen leicht, und sie könnten sich verspäten. Außerdem erfahren Kometen leichte Bahnänderungen, wenn sie in Sonnennähe aktiv werden. Ihre ausgestoßenen Schweife und Koma funktionieren dann wie Antriebsdüsen, die leichten Einfluss auf die Bahn nehmen können, indem sie den Kometen verblasen.
Nach langem Zögern veröffentlichte Halley schließlich seine Berechnungen und sagte die Wiederkehr seines Kometen aus dem Jahre 1682 für das Jahr 1758 voraus. Diese Voraussage musste für Halley ziemlich enttäuschend gewesen sein, da er ihre Erfüllung kaum erleben konnte.
So ist das in Raumfahrt und Astronomie oft, dass Missionen etc. eine generationsübergreifende Sache sind.

Halleys Bestätigung

Lasst mich zum Schluss noch einige Sätze darauf verwenden, ob Halleys Voraussage sich bestätigte.
Die aufmerksame Leserschafft dürfte zwischen den Zeilen schon bemerkt haben, dass sie sich tatsächlich erfüllte. Ansonsten hätte man seinen Kometen vermutlich nicht den Halleyschen Kometen, also nach ihm benannt. Es bedarf schon einiger Geduld, wenn man über ein halbes Jahrhundert darauf warten muss, um zu sehen, ob Halleys Prophezeihung stimmt, oder eben nicht. Daher geriet seine Voraussage fast schon in Vergessenheit, da die Astronomen sich bis da hin längst anderen Dingen zugewendet hatten. Außerdem konnten die meisten Zeitgenossen von Halley nicht davon ausgehen, die Wiederkehr seines Kometen noch erleben zu können. Als dann das Jahr 1758 kam, verstrich einer nach dem anderen Monaten, ohne, dass sich der Komet zeigte. Er schien sich entweder zu verspäten, oder Halley hatte nicht recht gehabt. Französische Astronomen gingen zwar Halleys Berechnungen nochmal durch, um das Datum der Wiederkehr genauer zu bestimmen, aber der Komet glänzte auch zu diesem verbesserten Datum durch Abwesenheit, weshalb das Interesse der Profi-Astronomen an der Sache vermutlich auch rasch geschwunden sein dürfte. Nun ist aber gerade die Astronomie auch eine Wissenschaft für Amateure. Der Himmel gehört eben allen Menschen. Solch ein Liebhaber-Astronom, der wohlhabende Bauer Johann Georg Palitzsch aus der Gegend von Dresden wartete ab November 1758 geduldig auf Halleys Komet. Es ist wichtig, sich mit den Sternen vertraut zu machen, in welcher Gegend man den Kometen erwartet, ansonsten übersieht man ihn sicher.
Am 25.12. fand er ihn schließlich. Was für ein Weihnachtsgeschenk. Das rüttelte die Berufs-Astronomen wach und kam einer Sensation gleich.
Mich freut es immer, wenn ein Amateur mit seinen bescheidenen Mitteln derlei finden. Zeigt uns das doch auch, wie inklusiv die Astronomie tatsächlich ist.
Halleys Vorraussage stimmte, und der Komet trägt seinen Namen zurecht.
Und damit schließt sich der Kreis zu unserer zweiten Kometengeschichte, in welcher ich die Mission Giotto beschrieb, die den Halleyschen Kometen aus der Nähe betrachtete.
Das war 1986. Da war ich gerade 17 Jahre alt. Wenn alles gut läuft, komme ich nochmal in diesen Kometen-Genuss. Meine Großeltern hätten es beide geschafft, wenn er in ihrem 18. Lebensjahr erschienen wäre. Ich hoffe auf meinen guten Gen-Pool…
So, das war jetzt mal wieder etwas länger. Ich hoffe, es hat euch etwas gefallen. Wenn ja, dürft ihr das gerne teilen, liken und kommentieren.
Es grüßt euch aus dem Sommerurlaub
Euer Blindnerd.