Und wenn man eine Reise tut


Meine lieben,
Nicht wundern, dass ich mich heute schon wieder melde. Es gibt einen Anlass…
Heute Nacht waren über Baden-Württemberg Polarlichter zu sehen. Wahnsinn. So weit südlich.
Ich weiß jetzt gar nicht, ob wir schon über das Fleckenmaximum drüber sind, oder nicht. Wahrscheinlich weiß man es immer erst hinterher.
Passend dazu nimmt uns heute Jens-Uwe vom Blog Astrozwerge mit auf eine Reise nach Lappland, wo es derlei quasi immer zu sehen gibt.
Ich folge schon gefühlt seit zehn Jahren dem Blog von Jens-Uwe, den Astrozwergen. Dort gibt es immer mal wieder spannendes am Himmel zu sehen, schöne Astronomie-Aufgaben für Kinder und einiges mehr.

Es ist so wunderbar für mich, wenn einer voller Begeisterung von seinem Urlaub spricht. Besonders wenn die Reise lang ersehnt und nun endlich stattfinden konnte.
Oft erfährt man ja von Urlaubern nur, dass das Wetter schön, die Reise anstrengend, das Essen gut oder eben nicht gut war.

Nach längerer Stille auf diesem Blog erschien vor wenigen Tagen sein Urlaubsbericht der so zum weinen schön ist, dass ich Jens-Uwe sofort fragte, ob er Gast auf Blindnerd sein möchte.

Seine Erzählung ist so ergreifend, dass ich davon überzeugt bin, dass auch wir Menschen mit Blindheit ganz viel von seiner Freude und seinen Eindrücken mitnehmen dürfen. Der Funke springt über. Ihr werdet lesen und hören.

Aber bevor die Reise los geht, erhöhen wir die Spannung, indem wir etwas Hintergrund zum Finale der Reise liefern.

Unsere Reise wird uns dann bis an den Polarkreis nach Lappland führen.
Es ist ganz erstaunlich, dass man heutzutage dort einfach mal über Weihnachten und Silvester hin fahren kann, um den dortigen Himmel mit Wintersonne, Mond und Polarlichtern zu bewundern.

Früher kostete solch eine Reise zur Erforschung von Polarlichtern, die Wissenschaftler fast ihr Leben.
Die Geschichte der Erforschung der Polarlichter wird im wesentlichen von einem Mann, Christian Birkeland geprägt.
Hier kann ich euch wärmstens das Video „Jagd nach dem Himmelsfeuer“ auf 3Sat empfehlen.
Die Jagd nach dem Himmelsfeuer

Außerdem gibt es über Birkeland einen wunderbaren Artikel auf Wikipedia.
Der ist wirklich lesenswert, weil dieser bemerkenswerte Forscher sich neben Polarlichtern noch mit ganz vielen anderen Dingen beschäftigte.
https://de.wikipedia.org/wiki/Kristian_Birkeland

Polarlichter in der Literatur

Solche Polarlichter in niedrigen Breiten muss auch der Schriftsteller Adalbert Stifter gesehen haben, denn er beschreibt in seinem Roman „Bergkristall“ eindeutig Polarlichter.
Lauschen wir also seinen schönen Worten:

Wie die Kinder so saßen, erblühte am Himmel vor ihnen ein bleiches Licht mitten unter den Sternen und spannte einen schwachen Bogen durch dieselben. Es hatte einen grünlichen Schimmer, der sich sacht nach unten zog. Aber der Bogen wurde immer heller und heller, bis sich die Sterne vor ihm zurückzogen und erblassten. Auch in andere Gegenden des Himmels sandte er einen Schein, der schimmergrün sacht und lebendig unter die Sterne Boss. Dann standen Garben verschiedenen Lichts auf der Höhe des Bogens, wie Zacken einer Krone, und brannten. Es Boss hell durch die
benachbarten Himmelsgegenden, es sprühte leise und ging in sanftem Zucken durch lange Räume…

Ist das nicht einfach schön?
Wir kennen diesen Autor übrigens schon, denn er verfasste meiner Meinung nach die schönste deutschsprachige Beschreibung einer Sonnenfinsternis, die er selbst erlebte.
Wer diese nochmals lesen möchte, hier lang.

Polarlichter in Mythen und Religion

Polarlichter haben im Laufe der Geschichte zu zahlreichen Mythen und Legenden geführt, besonders in den Kulturen, die in den Regionen leben, in denen sie häufig zu sehen sind, wie in den nordischen und arktischen Regionen. Hier sind einige der bekanntesten Mythen über Polarlichter:

  1. Nordlichter als Tänzer: Einige indigene Völker Nordamerikas und Skandinaviens glaubten, dass Polarlichter die Geister ihrer Vorfahren seien, die in den Himmel aufsteigen und dort tanzen.
  2. Tiergeister: In einigen Traditionen wurden Polarlichter als die Geister von Tieren angesehen, die in den Himmel aufstiegen, um zu tanzen oder zu kämpfen.
  3. Vorboten: In einigen Kulturen wurden Polarlichter als Vorboten kommender Ereignisse angesehen, sei es als Zeichen für gute oder schlechte Omen, wie Krieg oder Frieden.
  4. Kampf der Geister: Manche nordische Mythen beschreiben Polarlichter als Resultat der Schlachten zwischen Göttern oder Geistern, die den Himmel erhellen.
  5. Erschreckende Zeichen: Einige Kulturen sahen Polarlichter als bedrohliches Zeichen oder als Warnung vor kommenden Naturkatastrophen oder anderen Gefahren.

Inspiration für Musiker

Polarlichter werden sogar auch manchmal in der Musik erwähnt. Einige Musiker haben sie als Inspiration für ihre Lieder genutzt, und es gibt sogar Stücke, die den Klang oder die Atmosphäre eines Polarlichts zu erfassen versuchen. Ein bekanntes Beispiel dafür ist die Musik des finnischen Komponisten Jean Sibelius, der in seinem Orchesterstück „Die Ozeaniden“ die mystische und majestätische Atmosphäre des Nordlichts einfängt.

Und wenn wir schon bei der Musik sind, dann habe ich hier einen absoluten Oberhammer für euch.

Radio Aurora

Polarlichter kann man hören. Was, das glaubt ihr dem Sternenonkel nicht? Man kann. Sie erzeugen jede Menge Radioprogramm. Ich habe von meinem Freund Stefan, der Amateurfunker ist erfahren, dass über das ganze Polarlichter-Wochenende im Mai letzten Jahres, quasi kein Funkbetrieb auf der Kurzwelle möglich war.
Im UKW-Band waren als Polarlichter sichtbar waren, sogar Überweiten und Funkverbindungen möglich, die ohne Polarlichter nie gegangen wären. Man konnte mit Richtantennen ein Polarlicht als Reflektor für UKW-Wellen benutzen. Für Sprache war das zwar schwierig, weil Polarlichter unruhig und rau sind, aber für die Telegraphie, z. B. Morsen, hat es ganz gut funktioniert.
Auch hier geht mein großer Dank an Stefan, denn er hat uns hier mit Audiobeispielen versorgt.
Er schreibt:

Ich hab dir hier noch zwei YouTube-Links. Der erste ist ein Beispiel für eine an einem Polarlicht reflektierte Sprachverbindung über SSB:
https://www.youtube.com/watch?v=s8cZRzUj6Bs (Youtube)
Man hört ganz deutlich, wie rau und brummig die Stimme dabei wird.

Der zweite Link ist eine Verbindung in Morsetelegrafie. Man hört den Unterschied zwischen dem rauen Signal der Gegenstation, das übers Polarlicht reflektiert wird, im Gegensatz zur Station, die dieses Video aufgenommen hat. Das eigene Signal ist klar als Mithörten zu hören, normalerweise klingt die Gegensation zwar verrauschter, aber ähnlich dem eigenen Signal mit klarem Ton anstatt einem undefinierbaren Geräusch.

https://www.youtube.com/watch?v=aVKj12oNEic (Youtube)

Und jetzt wollen wir uns das Radioprogramm von Polarlichtern anhören.
Geht auf
https://www.youtube.com/watch?v=eHvdZdsIZxg (Youtube)
und genießt dieses wunderbare englischsprachige Video.

So, jetzt hat euch der Sternenonkel aber lange genug auf die Folter gespannt.

Lehnt euch zurück, und genießt mit mir diesen ganz rührenden und wunderbaren Reisebericht, in welchem auch ganz viele Fotos für die Gucklinge drin sind.
Großer Dank an Dich, lieber Jens-Uwe. Es ist mir eine große Ehre, Deinen Reisebericht bei mir veröffentlichen zu dürfen.

Die Reise zu den Nordlichtern

4 Gedanken zu „Und wenn man eine Reise tut“

  1. Lieber Gerhard, liebe alle,
    in Augsburg gab es in der Nacht auf heute auch Polarlichter! Zum ersten Mal in meinem Leben das Glück gehabt dieses Naturwunder zu genießen.

    Schön, was du für spannende Sagen gefunden hast und das man Polarlichter sogar hören kann finde ich macht das noch faszinierender. Wenn ich Bilder davon sehe stelle ich mir sowas wie Sphärenmusik vor. Sphärenmusik, die Idee stammt glaub ich aus dem alten Rom oder alten Griechenland – jedenfalls geht das auf die Idee zurück, das die Fixsterne und Planeten auf Kugeln (den Sphären) sich um die Erde bewegen und je nach Entfernung oder Geschwindigkeit entsprechend Töne produzieren. Die wir dieser Erklärung nach aber nicht hören können da wir mit unserem Körper auf der „unheiligen“ Erde wohnen. Müsste ich diese Bilder in Musik übersetzen würde ich mir eine Harfe vorstellen, die ganz zart Peer Gynt Morgenstimmung am Fjord spielt. (Aber eventuell mit doppelter Geschwindigkeit).

    Und was für eine schöne Geschichte du mit uns geteilt hast lieber Jens-Uwe. So vieles was sich von dem uns vertrauten Anblick des Himmels unterscheidet – ich habe das total unterschätzt was das ausmacht wenn man dem Nordpol so viel näher ist – das dann die ganzen Sternbilder des Jahres am Himmel bleiben! Sehr spannend!

    Liebe Grüße, Eva

  2. Liber Gerhard,
    Wieder einmal ein sehr schöner Beitrag. Und vor allem freut mich, dass du dich an die Links zu den „hörbaren“ Polarlichtern erinnert hast und dass du noch immer so begeistert davon bist.
    Wer Polarlichter mal unter den Fingern haben möchte, nämlich als Relief-Abbildung, der könnte sich den Relief-Wandkalender der DZBLesen aus Leipzig kaufen. Dort sind im Dezember welche zu fühlen und zu sehen.

  3. Lieber Gerhard,
    vielen Dank, dass du hier auf deinem bunten und äußerst interessantem Blog auf meinen kleinen Beitrag hingewiesen hast. Dein zusätzlicher Blick über den Tellerrand von Historie, über Literatur & Religion bis zu den durch die Nordlichter erzeugten Töne bereichern das Thema ungemein.
    Es ist immer wieder spannend die verschiedensten Themen aus einem anderen – ich hoffe, es ist OK, wenn ich es so ausdrücke – Blickwinkel zu betrachten.
    Vielen, vielen Dank!!!

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