Bladventskalender21, 09.12. Das war einmal

Weihnachten von Joseph von Eichendorff

Markt und Straßen stehn verlassen,
Still erleuchtet jedes Haus,
Sinnend geh’ ich durch die Gassen,
Alles sieht so festlich aus.
An den Fenstern haben Frauen
Buntes Spielzeug fromm geschmückt,
Tausend Kindlein stehn und schauen,
Sind so wunderstill beglückt.
Und ich wandre aus den Mauern
Bis hinaus in’s freie Feld,
Hehres Glänzen, heil’ges Schauern!
Wie so weit und still die Welt!
Sterne hoch die Kreise schlingen,
Aus des Schneees Einsamkeit
Steigt’s wie wunderbares Singen –
O du gnadenreiche Zeit!
(Joseph von Eichendorff)

3 Gedanken zu „Bladventskalender21, 09.12. Das war einmal“

  1. Hallo Gerhard,

    für manches in dem Gedicht mag in der Tat das „Es war einmal“ gelten. Wenn man als Guckling heute „aus den Mauern bis hinaus in’s freie Feld“ wandert, sieht man kein „Hehres Glänzen“ mehr der Sterne, die „hoch die Kreise schlingen“, sondern eine graue Fläche, aus er sich ein paar dürftige Sterne hervorwagen. Und wie man Spielzeug fromm schmücken kann, das habe ich mich schon als Kind gefragt, als ich das Gedicht auswendig lernte. Trotzdem: Meinem Empfinden nach trifft es den Gedanken der Adventszeit deutlich besser als jener Mord mit Kannibalismus des Bernhard-Viktor Christoph-Carl von Bülow, den ich sonst sehr schätze. Jenes Gedicht empfinde ich (wohl gemerkt: Ich!) als einen unschönen Ausrutscher von ihm. Sei mir bitte nicht bös!

    Ich erinnere mich an einen Aufsatz von ihm, in dem er berichtet, dass nicht jede Idee, die ihm durch den Kopf gehe, als Scherz tauge. Und da war als Beispiel eine Zeichnung von ihm, die er durchgestrichen hatte, beigefügt: Ein Radfahrer mit einer Sense auf dem Rücken fährt an einem Fußgänger so ungeschickt vorbei, dass diesem der Kopf herunterfällt. Und da schrieb er dem Sinn nach: Da habe er sich vergriffen – das sei kein Spaß mehr. Ich könnte mir vorstellen, dass er – könnte man ihn noch fragen – ähnlich über dieses Gedicht urteilen würde.

    Umgekehrt: Eichendorff, würde er noch leben, müsste nur ein paar Wendungen und Formulierungen an dem Gedicht ändern. Dann würde es durchaus noch voll und ganz in diese Zeit der Hoffnung auch heute noch passen.

    Herzliche Grüße
    Dietmar

    1. Lieber Dietmar,

      vielen Dank für Deinen wirklich ganz tollen Kommentar. Ja, die Lichtverschmutzung ist schon ein Thema, das nicht nur uns Astronomen auf den Plan ruft, sondern vor allem die Naturschützer beschäftigen sich zum Glück damit, weil es für so viele Tiere und Insekten schädlich ist, dass es bei uns nicht mehr wirklich Nacht wird. Und ja, das Gedicht musste ich in der Schule auch auswendig lernen. Ich habe es sogar mal vortragen dürfen.

      Was mich aber noch viel mehr an Deinem Kommentar freut ist, dass Du das Gedicht von Loriot kritisiert hast. Der Text hat also super funktioniert. Das war genau meine Absicht, diese beiden Gedichte mit wenigen Tagen Abstand zu veröffentlichen. Genau das wollte ich haben, dass man hier diesen Kontrast erlebt. Du hast das alles vollständig verstanden und durchdrungen. Großartig!!! Das Bild mit der Sense ist mir auch bekannt. Ich fand das auch absolut daneben. Um so größer hat sich Loriot dazu bekannt und hat das als Ausrutscher bezeichnet, was es auch war. Ob er sein Advents-Gedicht bereuen würde, wage ich zu bezweifeln und es verschwindet im Reich der Spekulation.

      Aber Deine Gedanken dazu sind für mich absolut nachvollziehbar. Du brauchst Dich dafür bei mir nicht zu entschuldigen. Ja, ich habe diesen schwarzen Humor, der diese Art von Gedichten mag, aber Du kennst mich und weißt, dass ich eine andere spirituelle Ader habe. Auf jeden Fall ist das, was ich mit diesem Text bezwecken wollte, nämlich durch den Kontrast zum Gedicht vom 09.12. anregen wollte, dass sich das Weihnachtskarussell in den Köpfen zu drehen beginnt. Deine Gedanken zeigen mir, dass mein Plan zumindest bei Dir absolut aufgegangen ist.

      Danke nochmal für diesen wunderbaren Kommentar.

      Du weißt, ich bin ein Freigeist und provoziere auch mal gern.

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