Die Mittelalterfalle


Seid herzlich gegrüßt,

so, jetzt ist sie dann mit Fronleichnam rum, die schöne Welle der Feiertage. Aber es gibt ja dann die Sommerpause im August.
Aber genießen wir jetzt erst mal Fronleichnam.
vor einigen Jahren schrieb ich bereits einen Artikel zum Thema Fronleichnam. Von da her spare ich uns jetzt alles rund um den Feiertag. Ich werde aber den alten Inhalt teilweise nochmals aufgreifen, und was dann kommt, lasst euch überraschen.

Fangen wir in meiner Jugend an:

  • Als geborenes Mitglied der evangelischen Kirche, hatte ich zu diesem Feiertag keinen besonderen religiösen Bezug. Meine Großmutter erzählte mir nur immer, dass die evangelischen Christen auf dem einen Berge an diesem Feiertag ganz bewusst als Provokation ihre weiße Bett- und Tischwäsche wuschen und auf die Leine hängten. Das war weit hin sichtbar, bis zum katholischen Berg gegenüber. Die Katholiken taten dann dasselbe am evangelischen Buß- und Bettag im November, den es ja heute nur noch in manchen Bundesländern als evangelischen Feiertag gibt
    Nun ja. die protestantische Wäsche dürfte auf jeden Fall besser und rascher getrocknet sein, wobei die katholische im November eventuell sogar schon gefrieren konnte.
  • Mitte der 90er Jahre wohnte ich gegenüber einer katholischen Kirche. Ich genoss es, von meinem Bett aus die evangelischen Posaunenchöre zu hören, die man sich für diesen heiligen Tag ausgeliehen hatte.

Aber für viele Menschen ist Fronleichnam erst mal ein kirchliches Fest mit Prozessionen, Blumenteppichen und Monstranzen. Für mich als jemand, der sich gerne mit Wissenschaft beschäftigt, ist es aber auch ein Anlass, über eine spannende Geschichte nachzudenken, die zeigt, wie Menschen mit unerklärlichen Phänomenen umgehen – damals wie heute.

Wir erinnern uns an meinen alten Fronleichnams-Artikel

Im Mittelalter kam es gelegentlich vor, dass Hostien plötzlich rote Flecken zeigten. Für die Menschen jener Zeit war das eine Sensation. Die Hostie schien zu bluten. Viele sahen darin ein Wunder, einen göttlichen Fingerzeig oder einen besonderen Beweis für die Gegenwart Christi.

Heute wissen wir: Verantwortlich dafür war mitunter ein Bakterium namens Serratia marcescens. Dieses Bakterium bildet einen roten Farbstoff und kann auf feuchten, stärkehaltigen Lebensmitteln wachsen. Das Ergebnis sieht tatsächlich verblüffend nach Blut aus.

Die Beobachtung war also echt: Die Hostie war rot verfärbt.
Die damalige Erklärung war jedoch falsch.
Noch schlimmer.
Immer wieder wurden Juden beschuldigt, Hostien geschändet zu haben. Aus solchen Legenden entstanden Verfolgungen, Vertreibungen und manchmal sogar tödliche Gewalt gegen unschuldige Menschen. Ein natürliches Phänomen wurde zu einem Vorwand für Vorurteile und Hass.

Wenn wir heute auf diese Geschichte zurückblicken, neigen wir vielleicht dazu, den Kopf zu schütteln. Wie konnten Menschen nur so etwas glauben?

Doch Vorsicht mit unserer Hybris vor dem Mittelalter.
Schauen wir lieber mal in die Gegenwart,
Denn das Grundmuster hat sich kaum verändert.

Menschen beobachten etwas Ungewöhnliches und suchen nach einer Erklärung. zum Beispiel:

  • Jemand erhält eine Impfung und wird wenige Tage später krank. Die Beobachtung ist real. Die Schlussfolgerung, die Impfung müsse die Ursache sein, ist jedoch nicht automatisch richtig.
  • Jemand sieht einen Kondensstreifen eines Flugzeuges am Himmel. Die Beobachtung stimmt. Daraus folgt aber nicht zwangsläufig, dass geheime Chemikalien versprüht werden.
  • Jemand stellt fest, dass der Horizont flach aussieht. Auch das ist eine korrekte Beobachtung. Die Erklärung, die Erde müsse deshalb eine Scheibe sein, hält einer wissenschaftlichen Überprüfung jedoch nicht stand.
    Oft unterstellt man dem Mittelalter, dass die vorherrschende Meinung war, dass die Erde eine Scheibe sei. Flacherdler gab es und gibt sie bis heute. Aber die Wissenschaft oder Meinung des Mittelalters war, dass die Erde eine Kugel ist. Das zweifelten nur ganz wenige an, wie heute auch.
    Darin war sich sogar der gute alte Aristoteles sicher, im Gegensatz zu dem, was er als Zentrum des Sonnensystems wähnte…

In allen hier aufgezeigten Beispielen liegt der entscheidende Unterschied zwischen Beobachtung und Erklärung.
Die Wissenschaft hat im Laufe der Jahrhunderte Methoden entwickelt, um genau diese beiden Dinge voneinander zu trennen. Sie fragt nicht zuerst: „Welche Erklärung gefällt mir?“, sondern: „Welche Erklärung lässt sich überprüfen?“

Das klingt selbstverständlich, ist aber eine der größten geistigen Leistungen der Menschheit.
Die Menschen im Mittelalter hatten keine Mikroskope. Sie konnten das Bakterium nicht sehen. Wir dagegen verfügen heute über Labore, Satelliten, Teleskope, Computer und riesige Datenmengen. Trotzdem sind wir nicht immun gegen vorschnelle Schlussfolgerungen.

Vielleicht liegt das daran, dass unser Gehirn Geschichten liebt. Zufälle fühlen sich unbefriedigend an. Komplexe Zusammenhänge sind anstrengend. Eine einfache Erklärung wirkt oft attraktiver als eine komplizierte.

Genau deshalb verbreiten sich Verschwörungserzählungen so erfolgreich. Sie bieten scheinbar einfache Antworten auf schwierige Fragen. Statt Unsicherheit auszuhalten, liefern sie klare Schuldige und einfache Ursachen.

Die Geschichte der blutenden Hostien erinnert uns in diesem Sinne daran, wie gefährlich das sein kann.
Ein roter Fleck auf einer Hostie war einst Anlass für Wunderglauben, Angst und Verfolgung. Jahrhunderte später stellte sich heraus, dass die Wirklichkeit viel unspektakulärer und zugleich viel faszinierender war: Ein winziges Bakterium hatte die Verfärbung verursacht.

Für mich steckt darin eine wichtige Botschaft.
Wissenschaft bedeutet nicht, alles zu wissen. Wissenschaft bedeutet, die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass die erste Erklärung falsch sein könnte.

Vielleicht ist das die eigentliche Lehre aus der Geschichte der blutenden Hostien. Nicht die roten Flecken sind bemerkenswert, sondern die Frage, wie wir auf sie reagieren.

  • Suchen wir nach Beweisen oder nach Bestätigung unserer Vorurteile?
  • Sind wir bereit, unsere Meinung zu ändern, wenn neue Erkenntnisse auftauchen?
  • Oder halten wir an einer Erklärung fest, nur weil sie gut in unser Weltbild passt?

Zwischen einer blutenden Hostie des Mittelalters und mancher Verschwörungserzählung des 21. Jahrhunderts liegen viele Jahrhunderte. Doch die menschliche Neigung, Beobachtung und Interpretation zu verwechseln, ist erstaunlich zeitlos geblieben.
Die gute Nachricht lautetaber: Wir verfügen heute über Werkzeuge, die unsere Vorfahren nicht hatten. Wir können messen, vergleichen, experimentieren und überprüfen.
Nutzen müssen wir diese Werkzeuge allerdings selbst.
Vorsicht also mit der herablassenden Haltung über das Mittelalter. Durch die heutigen Medien, das Internet, Fakenews und KI haben wir viel mehr davon, was manche von uns dem sog. Mittelalter unterstellen.
Bleiben wir also in Sinne von Fronleichnam wachsam.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert