Meine lieben,
Lasst uns mal wieder eine eurer Fragen beantworten. Gerne mehr davon.
Diesmal erreichte sie mich über den Newsletter von Eberhard, für den ich mittlerweile schon drei mal schreiben durfte.
Eberhard schreibt:
…
Etwa 20 % meiner Newsletterleserinnen und -leser sind blind oder sehbehindert.
Häufig waren sie Teilnehmerinnen und Teilnehmer unserer Workshops „Astronomie für blinde und sehbehinderte Menschen“
von Birgit, Harald und mir als Referenten und Mitglieder der Beobachtergruppe Sternwarte Deutsches Museum.
Deshalb tauchen hier auch Fragestellungen auf, die für diese Lesergruppe, aber auch für Sehende interessant sind, denn einer lernt vom anderen.
Nachdem ich im letzten Newsletter die Mondfinsternis thematisiert habe, stellen Gabi und Dieter – beide sehbehindert oder blind (so genau weiß ich das gar nicht) – folgende Mond-Frage:„Lieber Eberhard,
ist es möglich, von irgendeiner Quelle mittels einer Fotodiode mit einem Tongeber einen Pieps zu bekommen?
Damit könnte man als Vollblinder in der Nacht schon mal neugierigerweise den Mond und vielleicht auch einen ähnlich hellen Himmelskörper hörbar machen.
Könnt ihr uns da weiterhelfen? “Da ich diese Frage gerne von einem Experten beantworten lassen möchte, habe ich diese Frage an Gerhard Jaworek weitergeleitet,
der hier schon mehrere ausführliche Artikel zur Astronomie für blinde Menschen geschrieben hat.
Er hat sich auch gleich daran gemacht, die Frage zu beantworten:
Hier also nun meine Antwort:
Lieber Eberhard,
Das ist eine spannende Frage.
Grundsätzlich gibt es Lichtdetektoren für blinde Menschen, die man sogar punktgenau ausrichten kann.
Die meisten Geräte zur Erkennung von Farben, enthalten diese Funktion. Desto mehr Licht in solch einen Detektor fällt, desto höher pipst dieser. Bei Dunkelheit schweigt er.
Lichtdetektoren brauchen blinde Menschen vor allem dann, wenn Sehende zu Besuch waren und wenn z. B. Kerzen an waren. Auch für Kontrolllämpchen etc. kann man das gut einsetzen.
Es gab mal einen Lichtdetektor, Bontlight007, der so punktgenau und empfindlich war, dass man mit dessen Hilfe sogar die Aussteuerung der Kanäle eines Mischpultes kontrollieren konnte.
Nicht zuletzt gibt es Apps für das Handy, die über Audio Licht signalisieren. Ich finde aber, dass die oft nicht viel taugen, weil die Handykamera einen zu großen Einfallswinkel hat,
so dass die Richtung, aus der das Licht kommt, eventuell nicht so gut ortbar ist.
Aber nähern wir uns langsam dem Mond:
Es mag für sehende Menschen unbegreiflich erscheinen, aber ich habe noch mit keinem Lichtdetektor, sei er noch so teuer (wir sprechen hier von mehreren hundert Euro)
den Vollmond anvisieren können.
Die Dinger sind einfach nicht empfindlich genug. Außerdem ist der Mond ja schon recht klein. 30 Bogenminuten sind halt einfach verdammt wenig.
Da müsste man mit so einem Sensor schon genau zielen können. Das schafft man blind nicht. Sehende fixieren den Mond ja dauernd mit den Augen ganz automatisch, indem sie es nachführen.
Ich abe bei der Sofi von 1999 versucht, mit meinem Lichtdetektor die Korona zu erwischen. Ging natürlich nicht. Aber die Verdunkelung, die Totalität und den Lichtausbruch danach, konnte ich mit dem Gerät ganz wunderbar erleben. Ich weiß noch genau, wie interessiert die Umstehenden daran waren, wie ich die Sonnenfinsternis jetzt als blinder Mensch erleben möchte.
Für Polarlichter reichen diese Sensoren leider auch nicht, geschweige denn für andere Sterne außer unserer Sonne.
Schade eigentlich, aber Polarlichter machen wenigstens Radioprogramm…
Aber zurück zum Mond.
Als ich noch in der Schule war, vor mehr als vierzig Jahren, und noch einen Sehrest hatte, machten wir mal ein Mondexperiment.
Für Menschen mit Restsehvermögen gibt es bis heute Bildschirmlesegeräte. Man legt das Lesegut auf einen Kreuztisch unter eine Kamera, die das ganze dann vergrößert am Bildschirm darstellt.
Meines aus Mitte der 70er Jahre, war ein umgebauter Schwarz-Weiß-Fernseher. Das konnte man noch am Lautsprechergitter deutlich sehen.
Oh Mann, waren das damals Flimmerkisten. Kein Vergleich zu heute.
Wenn man nicht schon blind war, dann wurde man es bestimmt davon. Aber nein. Wir wollen nicht undankbar sein. Es war der Anfang…
Ich weiß noch, als wir an der Blindenschule Ende der 70er Jahre das erste farbige Bildschirmlesegerät bekamen. Das wurde gehütet wie ein Gral.
Man musste quasi bei der Biologielehrerin Beobachtungszeit wie bei einem großen Teleskop buchen. Und wer sich mit dieser Lehrerin nicht gut stand, hatte ein Problem…
Also. Wir kippten eines Nachts die Kamera solch eines Gerätes so um, dass der Vollmond ins Bild kam.
Ich war total erstaunt, wie rasch der Mond über den Bildschirm huschte und verschwand. Wir hatten ja keine Nachführung oder Montierung. Das war sehr beeindruckend, aber auch für mich gut nachvollziehbar, wie rasch sich der Mond, nein halt, sonst wirds falsch, die Erde unter dem Mond hinweg dreht.
Also. Leider kenne ich derzeit keine Möglichkeit, den Vollmond mit einem Lichtdetektor zu erwischen.
Man kann ihn höchstens mit der Astro-App „Universe2Go“ suchen und finden.
Die installiert man sich auf sein Handy, und legt dieses dann in eine Art Brille.
Vor vielen Jahren durfte ich dem Entwickler dieser App beratend zur Seite stehen, und viele Stunden immer und immer wieder testen und Vorschläge einbringen. Sogar Schulungen auf verschiedenen Computercamps bot ich sogar mehrsprachig dafür an.
Es ist die einzige Sternen-App, die für uns blinde momentan funktioniert.
Ich schicke hier mal zwei Links, wo ich beschreibe, wie ich damit arbeite.
Ich sag’s aber gleich. Das ist, ohne mich loben zu wollen, ganz hohe Schule. Ich kann das nicht ohne schlechtes Gewissen einem Blinden empfehlen. Man braucht dafür eine sehr hohe Frust-Toleranz, und ohne Schulung sich da einarbeiten, geht kaum…
Merkurtransit mit U2G
Und damit die Geschichte trotz, dass der Mond momentan nicht angepipst werden kann, doch noch schön endet, kommt hier noch meine ganz persönliche Mondgeschichte für euch.
Ich hatte die Möglichkeit, 1993 eine Sternwarte zu besuchen, die auf dem Dach eines Gymnasiums installiert war. Schon aus purem Interesse nahm ich daran teil. Damals verfügte ich zwar noch über einen ganz kleinen Sehrest, konnte etwas hell und dunkel sehen, glaubte aber nicht im Traum daran, dass ich etwas im Teleskop sehen könnte.
Bis jetzt hatte ich weder einen Stern, außer natürlich unsere Sonne, noch den hellsten Vollmond am Meer oder in den Bergen sehen können, aber das war mir nicht wichtig. Da bei dieser Führung in erster Linie Sehende und Menschen mit Restsehvermögen anwesend waren, öffnete der Astronom das Teleskop und richtete es zunächst auf den Vollmond aus.
Nur aus Neugier, wie es sich physisch anfühlt, durch ein Teleskop zu sehen, legte ich mein linkes Auge mit der Helldunkel-Fähigkeit an. Und da geschah es: Ganz schwach, aber sehr deutlich konnte ich die Scheibe des Mondes erkennen. Ein Aufschrei, ein Hüpfer. Dann verifizierten wir das Ganze. Der Astronom verstellte das Teleskop und ich konnte ihm jeweils sagen, wann der Mond zu sehen war und wann nicht. Einbildung war somit ausgeschlossen.
Nur dieses eine Mal gewährte mir mein Leben den Blick durch dieses Fenster. Diese Mondscheibe liegt noch immer wie ein leuchtender Schatz in meinem Herzen und wird mich das ganze Leben lang begleiten. Erinnerungen verwischen mit der Zeit. Diese ist aber bisher unverändert klar und deutlich präsent. Schon wenige Monate nach diesem Ereignis verschlechterte sich mein Sehvermögen derart, dass ich den Vollmond mit dem stärksten Teleskop der Welt nicht mehr hätte sehen können. Betrübt bin ich darüber nicht, denn ich habe ihn ja gesehen. Einmal und nie wieder.

