Einmal Gasometer, ins All und zurück


Meine lieben,
am 16.09.26 fand der jährliche Herbstausflug des Evang. Blinden- und Sehbehindertendienst Baden statt. Ich schreibe hier außer in meinen Jahresrückblicken selten darüber, obwohl wir in unseren Freizeiten und Ausflügen oft Inhalte behandeln, welche die Vorlieben und Themen des Sternenonkels so streifen.
Diesmal könnte das Thema für euch spannend sein, obwohl es kaum um Astronomie geht. Ich durfte auf diesem Ausflug einen Kurzvortrag vor dem Gasometer Pforzheim halten, den wir u. A. besuchten. Diesen Vortrag teile ich jetzt einfach gerne mal mit euch, weil er gut ankam, und sich sogar das Museumspersonal dazu gesellte, zuhörte und tief beeindruckt war.
Also los:

Handywarnung

Wenn Du gleich Dein Handy herausholst und feststellst, dass es hier drin plötzlich keinen Empfang mehr hat – dann ist Dein Handy wahrscheinlich nicht kaputt.
Wir stehen schließlich in einem ziemlich großen Metallbehälter.
Und so eine Metallhülle kann elektromagnetische Wellen abschirmen. Ein bisschen funktioniert das hier also wie ein Faradayscher Käfig.

Funktionsweise Gasometer

Wenn wir gleich in den Gasometer hineingehen, sieht man zunächst einmal ein ziemlich gewaltiges Stück Stahl.
Und vielleicht fragt sich der eine oder die andere: „Was hat man eigentlich früher mit so einem riesigen Ding gemacht?“

Nun, ein Gasometer war im Grunde ein Speicher für Gas. Und zwar kein Hochdruckbehälter, wie man ihn heute vielleicht von Gasflaschen kennt. Das Gas wurde hier mit relativ niedrigem Druck gespeichert.
Das Ganze funktionierte erstaunlich einfach.
Stellt euch eine riesige Stahlglocke vor, die in einem großen Wasserbecken steht. Diese Glocke konnte sich nach oben und unten bewegen. Wenn mehr Gas in den Behälter hineinströmte, hob sich die Glocke. Wenn Gas entnommen wurde, sank sie wieder ab.
Das Wasser sorgte dafür, dass das Gas nicht einfach unten aus der Glocke herauspfeift. Die Glocke tauchte mit ihrem unteren Rand in das Wasser ein – und dieses Wasser bildete die Dichtung.
Man hatte also einen riesigen, beweglichen Deckel auf einem Wasserbad.
Je mehr Gas drin war, desto höher stand der Deckel.
Das eigentliche physikalische Prinzip dahinter ist verblüffend simpel.
Gas kann man zusammen drücken, Wasser dagegen praktisch nicht. Und Wasser kann wunderbar abdichten, so lange der Rand der Glocke darunter bleibt.

In Pforzheim begann die Gasversorgung bereits 1853. Dieser Gasometer hier stammt von 1912 und fasste ungefähr 40.000 Kubikmeter Gas.
Das ist eine ganze Menge.
Und wenn man sich vorstellt, dass da nicht einfach ein paar Gasflaschen herumstanden, sondern eine riesige Stahlglocke in einem Wasserbecken auf- und abfuhr, bekommt man schon eine Ahnung davon, wie elegant alte Technik manchmal funktioniert hat.
Übrigens ist das, was wir heute hier sehen, nicht mehr ganz der ursprüngliche Gasometer. Die bewegliche Glocke ist in ihrer alten Funktion nicht mehr erhalten. Beim Umbau wurde unter anderem das ursprüngliche Dach aus Eisenplatten entfernt. Die historische Konstruktion blieb aber weitgehend erhalten.
Und heute wird hier überhaupt kein Gas mehr gespeichert.

Schulversuche

Ich finde das aufregend. Eine Glocke im Wasser, Gas hebt sie an. Da kommt der Sternenonkel gleich ins schwärmen und schwetzen.
Ich denke da an Versuche, die wir in der Schule gemacht haben.

Magische Schale

Zum Beispiel mit einem Glas, einer Kerze und einer Schale Wasser.
Man stellt eine brennende Kerze in Wasser und stülpt ein Glas darüber.
Die Kerze brennt.
Dabei wird die Luft im Glas erwärmt. Irgendwann geht die Flamme aus. Die Luft kühlt wieder ab, und dadurch sinkt der Druck im Glas.
Das Wasser steigt in das Glas.
Der entscheidende Punkt ist: Außen drückt der normale Luftdruck stärker auf das Wasser als die Luft im Glas.
Die Atmosphäre schiebt also das Wasser hinein.
Und schon haben wir wieder unser altes Thema:
Druckunterschiede bewegen etwas.

Sauerstoff zum Zündeln

Noch schöner wird es im Chemieunterricht.
Man kann ein Gefäß mit Wasser füllen, es unter Wasser umdrehen und dann einen Schlauch hineinführen. Wenn nun ein Gas entsteht und in das Gefäß geleitet wird, verdrängt es das Wasser.
Das Gas nimmt also den Platz ein, den vorher das Wasser hatte.
So konnte man beispielsweise Sauerstoff auffangen.
Wem das gelungen war, durfte dann in diesem reinen Sauerstoff Schwefel verbrennen. War cool.

Heureka

Und dann gibt es noch meinen persönlichen Favoriten:
den Kartesischen Taucher.
Ein kleiner, hohler Körper schwimmt zunächst in einer mit Wasser gefüllten Flasche.
Drückt man auf die Flasche, steigt der Druck im Wasser.
Die eingeschlossene Luft im kleinen Taucher wird zusammengedrückt. Dadurch kann etwas mehr Wasser in den Taucher eindringen. Seine mittlere Dichte steigt.
Und plötzlich macht das kleine Ding:
Plumps.
Es sinkt.
Lässt man die Flasche wieder los, dehnt sich die Luft aus, verdrängt wieder Wasser – und der Taucher steigt.
Wenn man sich das einmal klargemacht hat, sind der Kartesische Taucher, das Sauerstoffglas, das Kerzenglas und dieser riesige Gasometer plötzlich gar nicht mehr so verschieden.
Immer wieder geht es um Gas, Wasser und Druck.
Nur die Dimensionen ändern sich.
Im Chemiesaal haben wir ein kleines Glas.
Hier stehen wir in einem Stahlgebäude von vierzig Metern Höhe.

Das Gaswerk

Zu einem Gasspeicher gehörte früher natürlich auch die Gasfabrik, das Gaswerk.
Das Gaswerk produzierte nämlich kontinuierlich Gas. Die Menschen verbrauchten es aber nicht gleichmäßig. Morgens war weniger los, abends wurde plötzlich überall Gas zum Beleuchten, später zum Kochen und Heizen gebraucht.
Das Gaswerk war die Fabrik – der Gasometer war das Lagerhaus.
Und gespeichert wurde damals sogenanntes Stadtgas. Das wurde zunächst aus Holz, später vor allem aus Kohle hergestellt.

Holzvergasung

Holz besteht vor allem aus Cellulose. Wird es unter Luftabschluss stark erhitzt, passiert ungefähr Folgendes:

  • Wasser verdampft.
  • Die organischen Moleküle zerfallen.
  • Es entstehen Gase und Dämpfe, darunter Kohlenmonoxid, Wasserstoff, Methan und verschiedene Kohlenwasserstoffe.
  • Übrig bleibt Holzkohle.
  • Außerdem entstehen Teer und andere kondensierbare Stoffe.

Aus Steinkohle

Das Prinzip ist ähnlich. Kohle wird in einer Retorte bei hohen Temperaturen erhitzt, ebenfalls weitgehend ohne Sauerstoff. Man spricht von Kohlevergasung bzw. bei der klassischen Stadtgasherstellung von Kohlevergasung durch trockene Destillation.
Dabei entstehen gleich mehrere Produkte:
Das Gas ist das sogenannte Kohlengas und enthält vor allem:

  • Wasserstoff
  • Methan
  • Kohlenmonoxid
  • kleinere Mengen anderer Gase
  • Und genau dieses Gas wurde dann als Stadtgas in die Leitungen geschickt.

Koks bleibt als fester Rückstand übrig.

Das Gaswerk auf dem Auto

Gerade während des Zweiten Weltkriegs waren Holzgasfahrzeuge in Deutschland und anderen europäischen Ländern ziemlich verbreitet. Ende des Krieges gab es in Deutschland schätzungsweise Hunderttausende solcher Fahrzeuge.
Man tankte tatsächlich Holz.
Allerdings nicht einfach irgendwelche Scheite aus dem Kamin.
Das Holz wurde speziell vorbereitet, getrocknet und auf eine ziemlich genau passende Größe zugeschnitten. In Deutschland sprach man von „Tankholz“. Typischerweise waren das handliche Buchenholzstücke, etwa 10 cm lang.
Beim Tanken klang das dann ungefähr so:
„Guten Tag, einmal volltanken bitte.“
„Benzin oder Diesel?“
„Nee, drei Säcke Buche.“

Der „Tank“ war ein kleiner Holzofen
Hinten oder vorne am Fahrzeug saß ein ziemlich großer Holzvergaser – äußerlich oft ein zylindrischer Metallbehälter. Darin wurde trockenes Holz unter Sauerstoffmangel vergast.
Das Prinzip war ungefähr:
Holz → Hitze → Holzgas → Reinigung/Kühlung → Motor
Das entstandene Gas enthielt unter anderem Kohlenmonoxid, Wasserstoff und Methan und konnte dann einen entsprechend angepassten Verbrennungsmotor antreiben.
Ein Holzgasauto war gegenüber einem Benziner deutlich umständlicher:

  • Der Generator musste zunächst angeheizt werden.
  • Das Holz musste trocken und passend zerkleinert sein.
  • Der Generator erzeugte nicht sofort Gas.
  • Das Gas musste gekühlt und von Staub und Teerbestandteilen gereinigt werden.
  • Die Motorleistung war geringer.
  • Die ganze Anlage war schwer und sperrig.

Ein historisches Beispiel gibt an, dass ungefähr 3 kg Holz etwa die Energiemenge von einem Liter Benzin im Motorbetrieb ersetzen konnten.
Heute sind wir da sauberer, aber leider nicht frei vom Treibhausgas Co2

Erdgas

Erdgas besteht im wesentlichen aus Metan und kommt aus Lagerstätten aus der Erde.
Es verbrennt sehr sauber
Da es geruchlos ist, ist ihm ein Geruchstoff zugesetzt. Wenn es also nach Gas riecht, dann riecht man sein Deo.

Und hier noch ein Funfact: zu Helium
Unser beliebtes Ballongas Helium wird oft aus Erdgas durch Fraktionierung gewonnen.
Erdgas wird so lange abgekühlt, bis alles außer dem Helium gefroren ist.
Keine gute Idee, Helium zu verschwenden, weil es ins Weltall abhaut und verloren ist.
Wir brauchen es aber z. B. für die Kühlung der Magnete im MRT.

Und jetzt passt auf.

Wenn der Sternenonkel schon beim Helium ist, dann können die Sterne nicht mehr weit sein.
Ich komme vom Gasometer über das Gaswerk schneller zu Astronomie, als andere Menschen von der Haustür bis zum Briefkasten.
Denn wenn wir schon über Gaswerke reden, müssen wir natürlich auch über Karlsruhe reden.

Auch Karlsruhe hatte Gaswerke. Eines davon war das ehemalige Gaswerk Ost.
Und jetzt kommt die schöne Pointe:
Früher wurde dort Gas hergestellt, damit die Menschen nachts etwas sehen konnten.
Heute befindet sich dort ein Planetarium – damit die Menschen Dinge sehen können, die ein kleines bisschen weiter entfernt sind und nur nachts sich zeigen…
Wer mal in Karlsruhe vorbei kommt, sollte unbedingt beim Planet-KA vorbei schauen. Wenn ihr Glück habt, trefft ihr mich dort.

Urwaldmond

Machen wir noch kurz einen kleinen Abstecher ins All, um die Brücke zu unserer Ausstellung zu schlagen, weil es einfach schön ist.
Wenn man an Urwald denkt und gleichzeitig ein bisschen Science-Fiction im Kopf hat, dann landet man als alter StarWars-Fan natürlich irgendwann bei Endoor.
Dem Waldmond aus Die Rückkehr der Jedi-Ritter, dem ursprünglichen dritten Teil.
Endor ist kein Planet, sondern Ein ziemlich großer Urwaldmond, der einen Gasriesen umkreist.
Die Alianz, keine Ahnung wie, bezieht Energie aus ihm, um ihren neuen Todesstern zu bauen.
Luke Skywalker überwindet den Imperator und seinen zur dunklen Seite der Macht übergelaufenen Vater, Darth Vade; die Jediritter kehren zurück…
Und genau das finde ich an dieser Stelle so schön: Wir kommen vom Gasometer über das Gaswerk zum Planetarium, vom Planetarium zu den Himmelskörpern – und plötzlich stehen wir auf einem Waldmond in einer weit, weit entfernten Galaxis.

Wir gehen jetzt in einen Urwald hinein,
und zwar direkt hier im Gasometer .
und tauchen ein in den Urwald Amazoniens, der faszinierenden Welt des tropischen Regenwaldes.
Und wer weiß …
Vielleicht entdecken wir dort ja doch noch einen kleinen Ewok.

Kleine Moral von der Geschicht

So mancher mag sich fragen:

Wieso gehen blinde Menschen in eine absolut visuelle Ausstillung? Da haben die doch eh nichts davon?

In gewisser Weise stimmt das auch, zumindest dann, wenn man keine Führung hat. Es war quasi eine Notlösung, weil etwas anderes, was geplant war, ins Wasser fiel.
Ehrlich gesagt, machte auch ich mir diese Sorgen. Deshalb entschied ich mich u. A. für diesen einführenden Vortrag, damit es im schlimmsten Fall etwas gäbe, wovon blinde Besucher:innen etwas haben.
Aber es kam dann zum Glück anders.
Da wir die Bilder nicht sehen konnten, mussten wir uns zwaf vieles von unseren Begleitpersonen beschreiben lassen,
aber eindrücklich bombastisch waren die Urwaldgeräusche.
Da quakte links der Frosch, Insekten flogen scheinbar um einen herum, ein riesiges Gewitter ging nieder und überall zwitscherte es. Und das alles in einen wunderbaren Klangteppich eingebettet.
So etwas kennt man höchstens von Pink Floyd oder ähnlich psychodelischen Gruppen. Früher hätten wir davor einen dicken … geraucht.
Vor allem in unteren Stock des Gasometers war dieses Hörerlebnis gigantisch. Alleine dafür hat es sich schon gelohnt, dort mal rein zu gehen.
Fazit: Sage niemals, dass sich etwas für jemanden nicht lohnt, wenn Du es nicht weißt.

Wer mein Buch gelesen hat erinnert sich vielleicht daran, dass ich von einem sehr schwer eingeschränkten Rollstuhlfahrer berichtete, dessen Betreuer dringend davon abrieten, ihn mit auf meine Astronomie-Freizeit zu nehmen. Er war aber so glücklich, weil er für uns den großen Modellglobus und das Planetenmodell kurbeln durfte.
Nochmal
Sage niemals im vorhinein, etwas würde jemandem nichts bringen. Du weißt es nicht…
Und jetzt zum Schluss Hier noch ein Link zu einer spannenden Sendung über den Regenwald.
https://www.deutschlandfunkkultur.de/sozialwissenschaftlerin-maritta-koch-weser-von-den-menschen-im-urwald-lernen-dlf-kultur-cba70011-100.html

Frag und es wird Tag – Asteroidenballett

Meine lieben,
endlich ist es mal wieder so weit. Zeit für einen „Frag, und es wird Tag“.
Diese Rubrik lebt von euch und euren Fragen. Desto mehr fragen kommen, desto voller und spannender wird diese Rubrik. Also, fragt, und es wird Tag…

Hier also nun die Frage aus einem Mailchat mit Eva:

Hallo mein lieber Mondsüchtiger, schon witzig das es soo viele Monde gibt: ehrlich gesagt fasziniert mich vielleicht sogar noch mehr das es eben Monde von Asteroiden gibt. Das kann ich mir einfach nicht vorstellen. Also wie das zustande kommen kann.
So von wegen Schwerkraft.

Sehr gute Frage. Schauen wir mal, wo hin uns die Antwort führt. Und das sage ich nicht so dahin. Klar weiß ich ungefähr, was ich antworten will, aber wirklich nur ungefähr…

Asteroiden, Monde, Planeten

Monde kennen wir viele hunderte in unserem Sonnensystem.
Ein Mond ist dann ein Mond, wenn er einen Planeten umkreist. Ein Mond kann auch ein Asteroid sein, denn in der Definition Mond heißt es glaub nicht, dass er rund sein muss.
Ein Mond muss nur kleiner als das sein, Planet, Asteroid,was er umkreist.
Die Diskussion darüber, was ein Planet genau ist, erspare ich uns jetzt. Ich erinnere nur nochmal daran, dass Pluto eben aktuell kein Planet mehr sein darf.
Der Planet, der keiner mehr sein darf
Auf jeden Fall ist ein Planet so groß und schwer, dass er rund ist. Außerdem braucht ein Planet einen Stern, den er umkreist. Es kommt zwar vor, dass ein Planet dann und wann seinen Stern verliert, aber wahrscheinlich verliert er dann auch seinen Planetenstatus, weil er quasi kein Zuhause mehr hat. Er vagabundiert und meandert alleine durch das All, bis ihn jemand massereiches einfängt.

Wichtig für die Beantwortung unserer Frage ist, dass ab einer gewissen Größe und Form ein Planet kein Planet mehr ist, sondern ein Asteroid.
Und dann stellt sich tatsächlich die Frage, was etwas ist, das einen Asteroiden, der kein Planet ist, umkreist.
Nun ja, wenn der zweite Asteroid kleiner ist, dann geht er als Mond durch.
Würden wir die Definition Mond dahingehend erweitern, dass ein Mond nun auch rund sein muss, dann hätte der Mars plötzlich keine Monde mehr, sondern nur noch zwei Satelliten, die ihn umkreisen.

Es kommt also durchaus vor, das Asteroiden umeinander tanzen. Das stelle ich mir besonders bei einem Pärchen, wo beide ungefähr gleich viel wiegen, sehr spannend vor. Denn es umkreist hier kein Asteroid einen anderen, sondern beide tanzen um ihren Schwerpunkt herum, der in dem schönen Fall in der Mitte zwischen beiden läge.

Ein Beispielpaar

Das prominenteste Beispielpaar sind wohl
die zwei gravitativ miteinander verbundenen Asteroiden
Didymos – der größere, etwa 780–805 m groß und Dimorphos der kleinere , mit einem Durchmesser von etwa 160 m , der Didymos umkreist.
Am 26. September 2022 steuerte die NASA-Raumsonde DART (Double Asteroid Redirection Test) gezielt auf den kleineren Dimorphos zu und krachte mit etwa 6,1 km/s hinein.
Dieses Szenario sollte zeigen, ob es im Falle einer Erdbedrohung durch einen Asteroiden möglich wäre, diesen durch so einen Einschlag derart abzulenken, dass er uns verfehlt.
Und das hat erstaunlich gut funktioniert.
Vor dem Einschlag brauchte Dimorphos für einen Umlauf um Didymos 11 Stunden 55 Minuten. Danach waren es nur noch ungefähr 11 Stunden 22 Minuten.
Die Umlaufzeit wurde also um rund 33 Minuten verkürzt.
Die nach dem Spektakel erzeugte Staubwolke lässt vermuten, dass der Getroffene Asteroid im Grunde ein Geröllhaufen ist.
Genaueres erfahren wir hoffentlich im November, wenn die Raumsonde Hera der ESA dort ankommt, und den Einschlag genauer betrachten wird.
Und das Schöne an der Mission ist: Hera soll nicht einfach nur ein Foto vom Krater machen. Sie soll forensische Arbeit am Tatort leisten. 😄
Sie soll unter anderem herausfinden:

  • Wie groß und tief ist der von DART erzeugte Einschlag?
  • Wie viel Masse hat Dimorphos tatsächlich?
  • Wie ist der Asteroid im Inneren aufgebaut?
  • Wie stark wurde er durch den Einschlag deformiert?

Und vor allem:

  • Wie effizient war DART wirklich?
    Denn DART hat zwar die Umlaufzeit von Dimorphos deutlich verändert, aber wir wissen von der Erde aus nicht genau, warum die Wirkung so groß war. Ein Teil des Effekts stammt vom ausgestoßenen Material: Der Einschlag schleuderte gewaltige Mengen Gestein ins All, und dessen Rückstoß verstärkte den Impuls.

Hera soll diesen Vorgang im Detail rekonstruieren.

So weit, so gut. Die Frage bleibt natürlich. Wie können sich zwei relativ kleine Massen, wie sie für Asteroiden üblich sind, finden und umkreisen?

Szenario 1 – Die Umarmung

Sie finden sich, strecken sich die Arme entgegen und er bittet sie zum Tanze.
Das ist theoretisch möglich, aber sehr unwahrscheinlich.
Dazu müssten die beiden schon sehr nahe aneinander vorbei fliegen, so dass sie sich überhaupt gravitativ spüren und ihre Herzen für sich entdecken könnten.
Außerdem müssten beide sehr langsam aufeinander zu fliegen, um sich nicht wieder gravitativ zu entschlüpfen und für immer zu verlieren.
Seit wir selbst Sonden auf Asteroiden und Kometen landen lassen, wissen wir es, wie schwer es ist, auf etwas mit so wenig Schwerkraft sauber einzuparken.

Szenario 2 – Autsch

Es passiert etwas ähnliches, wie bei der Entstehung unseres Mondes.
Der besteht aus dem, was ins Weltall geschleudert wurde, als unsere junge Erde von einem etwa marsgroßen Drumm getroffen wurde.
Ein Asteroid kracht analog zu unserer Mondentstehung in einen anderen, Aus diesen Bruchstücken entsteht dann ein kleiner neuer Trabant, der den geschädigten Asteroid dann wie ein Mond umkreist.
So etwas ist tatsächlich auch Nicht unmöglich, und passierte vor allem als das Sonnensystem noch kleiner und die Einschläge häufiger waren, sicher öfters.

Szenario 3 – Zwillinge

Sie könnten aber auch als Paar gleichzeitig entstanden sein.
Ob dem so war, findet man wohl nur heraus, wenn wir hin gehen, auf beiden landen und nach Ähnlichkeiten suchen.

Szenario 4, mein Lieblingszenario

Bei Didymos und Dimorphos geht man heute von folgendem aus:
Didymos hat sich selbst einen Mond „gemacht“
Didymos ist ein relativ kleiner und offenbar locker zusammengehaltener Körper, eher ein „Geröllhaufen als ein kompakter Felsbrocken.
Und er dreht sich sehr schnell, einmal in nur etwa 2,26 Stunden.
Und jetzt kommt ein wunderschöner und spannender Mechanismus ins Spiel: der YORP-Effekt.
Sonnenlicht erwärmt den Asteroiden. Die Oberfläche gibt diese Wärme als Infrarotstrahlung wieder ab. Weil die Oberfläche unregelmäßig ist, geschieht das nicht völlig symmetrisch. Dadurch entsteht über sehr lange Zeit ein winziges Drehmoment.
Das ist lächerlich klein, aber es wirkt Millionen, vielleicht Milliarden Jahre lang. Kleinvieh macht auch Mist.
Also dreht sich unser Geröllhaufen mit der Zeit immer schneller.
Irgendwann wird es für das lockere Geröll am Äquator kritisch. Die Fliehkraft wird dort so groß, dass Material nicht mehr fest auf dem Asteroiden bleibt.
Und dann passiert es.
Didymos verliert Material.
Nicht unbedingt mit einem gewaltigen Knall. Eher still und leise, wie im Weltall erst mal alles leise ist…
ein Steinchen löst sich … noch eines … noch eines …
Diese Brocken bewegen sich zunächst mit sehr geringer Geschwindigkeit relativ zu Didymos. Und weil sie bereits aus demselben Körper stammen, befinden sie sich automatisch in der unmittelbaren Umgebung und teilen im Wesentlichen dessen Bewegung um die Sonne.
Die Gravitation von Didymos hält einen Teil dieses Materials weiterhin fest.
Das Material geht also nicht einfach davon, sondern kann zunächst Didymos umkreisen und sich dabei langsam zusammenballen.
Aus dem Geröll entsteht schließlich, voilà, Dimorphos.
Genau dieses Szenario wird für das Didymos-System inzwischen als sehr plausibel angesehen. Die DART-Untersuchungen sprechen dafür, dass Dimorphos Material von Didymos geerbt hat und wahrscheinlich durch einen größeren Massenauswurf entstanden ist.

Das ist doch eine wunderschöne Geschichte.
Da fliegt irgendwo im Sonnensystem ein ziemlich unscheinbarer Haufen Geröll um die Sonne. Er dreht sich ein bisschen zu schnell, verliert Steinchen, und aus diesem verlorenen Material entsteht nach und nach ein kleiner Begleiter.
Kein großer Knall. Keine kosmische Verabredung. Kein „Wir haben uns gefunden und beschlossen, umeinander zu kreisen“.
Nur Licht, Wärme, ein winziges Drehmoment, ein bisschen Schwerkraft, und sehr viel Zeit.

Fazit:

Und vielleicht ist genau das die schönste Antwort auf Evas Frage.
Schwerkraft muss gar nicht stark sein. Sie muss nur geduldig sein.
Trotz dem ist sie ohne Zweifel die Heimliche Herrscherin im All.

Was für uns wie zwei kleine Asteroiden aussieht, die sich irgendwie gefunden haben, kann das Ergebnis eines Prozesses sein, der über Millionen oder Milliarden Jahre ganz langsam gearbeitet hat.
Das Universum hat eben Zeit.
Wir haben sie nur leider nicht.