Meine lieben,
Heute teile ich mit euch ein Thema, das schon einige Jahre lang auf meiner Liste steht. Endlich ist jetzt eine sehr gute Gelegenheit dazu.
Anfang September 2026 hat die UN-Generalversammlung eine Resolution zur Initiative „Correct the Map“ verabschiedet. Darin geht es unter anderem darum, flächentreue Weltkarten stärker zu fördern und damit ein realistischeres Bild der Größenverhältnisse unserer Kontinente zu vermitteln.
Das ist ein schöner Anlass, sich einmal grundsätzlich mit Landkarten zu beschäftigen. Denn bei genauerem Hinsehen steckt hinter einer scheinbar so einfachen Frage wie „Wie sieht die Welt aus?“ erstaunlich viel Mathematik, Geschichte und Wahrnehmung.
Wenn ich das Wort Weltkarte höre, habe ich zunächst einmal gar keine flache Karte vor meinem inneren Auge. Ich denke an einen Globus. Ich erinnere mich noch, dass wir an der Blindenschule taktile Globen hatten, die auf einem breiten flachen Fuß standen, in welchem das Buch für die Legende des Globus untergebracht war. Auf diesem Fuß klebte eine flache taktile Weltkarte. Ich fand die schon immer seltsam verzerrt und habe sie kaum verstanden.
Aber eigentlich finde ich den Globus auch aus einem ganz anderen Grund sympathischer: Er ist der Erde viel ähnlicher als jede flache Karte.
Unsere Erde ist schließlich keine Scheibe. Sie ist – von kleinen Unregelmäßigkeiten einmal abgesehen – eine Kugel.
Selbst die kleine Unregelmäßigkeit Mount Everest mit seiner Höhe von achteinhalb tausend Kilometer ist verglichen zum Erdradius von ungefähr 6000 Kilometern tatsächlich nicht mehr als ein Pickel…
Und damit beginnt das ganze Problem.
Denn irgendwann kam jemand auf die Idee, diese Kugel auf ein flaches Stück Papier zu bringen.
Das Runde muss aufs Flache
Gerade jetzt, wo langsam die Mandarinen- und Orangenzeit beginnt, kann man sich das Problem immer und immer wieder neu veranschaulichen.
Stell dir vor, du möchtest die Schale einer Orange vollständig auf einem Blatt Papier ausbreiten.
Das funktioniert nicht.
Du kannst die Schale einschneiden, auseinanderziehen, stauchen oder einzelne Stücke anders anordnen. Aber ohne irgendeine Form von Verzerrung bekommst du die gekrümmte Oberfläche nicht auf eine ebene Fläche.
Mit der Erde ist es genauso.
Mathematisch gesagt: Eine Kugeloberfläche lässt sich nicht verzerrungsfrei auf eine Ebene abbilden.
Also muss der Kartograf eine Entscheidung treffen.
Was soll möglichst genau erhalten bleiben?
Die Winkel? Die Flächen? Die Entfernungen? Die Richtungen?
Die Antwort auf diese Frage entscheidet darüber, welche Kartenprojektion man verwendet. Jede Projektion ist mit irgendwelchen Verzerrungen verbunden.
Aber warum wollen wir die Erde überhaupt flach haben, wenn wir doch einen Globus haben können?
Ganz einfach: Ein Globus ist zwar geometrisch eine hervorragende Darstellung der Erde, aber er ist unhandlich. Für Bücher, Schulunterricht, Atlanten, Wandkarten, Navigation und später natürlich auch für Computerbildschirme ist eine ebene Darstellung wesentlich praktischer. Auf einer flachen Karte kann man außerdem die ganze Erde gleichzeitig betrachten und bestimmte Informationen unmittelbar einzeichnen und vergleichen.
Der Preis für diese Bequemlichkeit ist eben die Verzerrung.
Und damit sind wir schon mitten in einer kleinen philosophischen Erkenntnis:
Eine Karte ist niemals die Welt selbst. Sie ist ein Modell der Welt, bei dem bestimmte Eigenschaften erhalten und andere verändert werden.
Die Erde unterm Hut
Wer eine flache Weltkarte benutzt, verwendet meistens eine Karte mit Merkator-Projektion.
Man stelle sich einen riesigen Zylinderhut vor, in welchem unser Globus genau Platz findet.
Der Äquator berührt von innen den Rand des Zylinders, der Nordpol das Dach und der Zylinderrand schließt auf Höhe des Südpols ab.
Die Punkte der Erdoberfläche werden nun auf die Innenwand dieses Zylinders übertragen. Anschließend schneidet man den Zylinder auf und rollt ihn auseinander.
Den runden Deckel des Zylinders brauchen wir für die Projektion nicht.
Aus der Kugel wird eine rechteckige Weltkarte.
Natürlich ist das nur ein Anschauungsmodell. Die mathematische Mercator-Projektion entsteht nicht einfach dadurch, dass man jeden Punkt vom Erdmittelpunkt aus auf einen Zylinder projiziert. Entscheidend ist vielmehr, dass die Darstellung so berechnet wird, dass Winkel erhalten bleiben.
Und das hat einen ganz praktischen Grund.
Die Mercator-Projektion wurde im 16. Jahrhundert unter anderem für die Navigation entwickelt. Eine sogenannte Loxodrome, also eine Linie konstanter Kompassrichtung, wird auf der Mercator-Karte als gerade Linie dargestellt. Für die damalige Seefahrt war das ausgesprochen nützlich.
Der Preis dafür ist allerdings gewaltig.
Je weiter wir uns vom Äquator entfernen, desto stärker werden die Flächen auseinandergezogen.
Und zwar richtig heftig.
Am Äquator fällt das noch nicht besonders auf. In Richtung der Pole wird die Verzerrung immer größer. Theoretisch würde sie an den Polen sogar unendlich groß.
Deshalb findet man die Pole auf einer normalen Mercator-Weltkarte überhaupt nicht mehr als Punkte. Sie liegen gewissermaßen jenseits des Kartenrandes.
Und hier noch was zum Namensgeber:
Der Kartograf hieß eigentlich Gerhard Kremer beziehungsweise latinisiert Gerardus Kremer. „Kremer“ bedeutet im Deutschen bzw. Niederländischen ungefähr Kaufmann/Händler. Ja, der Krämer mit Ä wurde erst später daraus. Und genau daraus machte er seinen lateinischen Gelehrtennamen:
Kremer → Mercator
Gerhard Kremer latinisierte also seinen Namen zu Gerardus Mercator .
Wir kennen derlei Namensänderungen auch von astronomischer Seite her. Der Astronom Johannes Müller machte aus seinem Namen einen lateinischen Gelehrtennamen. Aus seinem Herkunftsort Königsberg wurde Regiomontanus, sinngemäß „der vom Königsberg“.
Erinnert ihr euch noch? Das war der Astronom, dessen genaue Sternenkarten Kolumbus und seinen Mannen auf Jamaika das Leben rettete, weil Kolumbus damit eine Mondfinsternis voraussagen konnte.
Eine Mondfinsternis rettet Leben
Aber das nur am Rande und weil es schön ist.
Grönland und der Präsident
Und damit kommen wir zu Grönland.
Wer eine Mercator-Weltkarte betrachtet, könnte durchaus auf die Idee kommen, dass Grönland ein ziemlich gewaltiger Brocken ist.
Das ist es auch. Aber nicht annähernd so gewaltig, wie es auf der Karte aussieht.
Afrika ist ungefähr 14-mal so groß wie Grönland. Auf einer Mercator-Karte wirkt das Verhältnis allerdings geradezu absurd. Grönland wird durch seine hohe geografische Breite gewaltig aufgeblasen.
Kein Wunder, dass sich gewisse Präsidenten nach Grönland sehnen, wenn sie es auf ihren Karten immer viel zu groß gesehen haben.
Wobei man der Mercator-Projektion damit natürlich Unrecht täte. Sie ist nicht dafür entwickelt worden, Afrika klein oder Grönland groß erscheinen zu lassen. Die Flächenverzerrung ist schlicht die Folge ihrer mathematischen Eigenschaften.
Was aber tun, wenn uns nicht die Winkel, sondern die Größenverhältnisse wichtig sind?
Dann verwenden wir eine flächentreue Projektion.
Hier lautet die Devise gewissermaßen:
„Mir ist wichtiger, dass Afrika wirklich so viel größer als Grönland erscheint, wie es tatsächlich ist.“
Dafür müssen wir andere Eigenschaften opfern. Formen können stärker verzerrt werden, und eine solche Karte eignet sich nicht mehr in derselben Weise für die Navigation.
Man könnte das scherzhaft eine Unschärferelation der Kartografie nennen:
Je genauer ich eine Eigenschaft bewahre, desto weniger kann ich gleichzeitig andere Eigenschaften bewahren.
Wie auch immer.
Unser erwähnter Präsident verlöre vielleicht etwas sein Interesse an Grönland, wenn er es auf solch einer Karte sähe. „So groß ist das ja doch nicht…“
Und dann gibt es noch Projektionen, die versuchen, verschiedene Verzerrungen einigermaßen ausgewogen zu verteilen.
Ein schönes Beispiel dafür ist die Winkel-Tripel-Projektion. Sie ist weder flächentreu noch winkeltreu noch überall entfernungsgetreu. Stattdessen versucht sie, die Verzerrungen bei Fläche, Form beziehungsweise Winkel und Entfernung insgesamt möglichst klein zu halten. Daher gehört sie zu den sogenannten Kompromissprojektionen.
Der Name „Tripel“ kommt übrigens genau von diesem Gedanken: Es geht darum, nicht eine einzige Eigenschaft zu perfektionieren, sondern mehrere Eigenschaften gleichzeitig einigermaßen gut darzustellen.
Die National Geographic Society verwendet die Winkel-Tripel-Projektion seit 1995 für ihre großen Weltkarten.
Schauen wir doch mal, welches Kartenmaterial z. B. das ZDF derzeit benutzt.
- Mercator bzw. mercatorähnliche Darstellungen tauchen beim ZDF auf, insbesondere dort, wo es um Navigation oder die Erklärung historischer Kartografie geht.
- Flächentreue Projektionen wie Equal Earth werden ebenfalls verwendet bzw. ausdrücklich thematisiert.
- Bei redaktionellen Karten kann außerdem eine zweckorientierte eigene Kartengestaltung verwendet werden, bbeispielsweise eine Projektion, die für eine bestimmte Region oder eine bestimmte Aussage besser geeignet ist.
Es gibt sogar Kindersendungen, welche diese Unterschiede erklären.
ZDF goes Schule
Man sieht schon an diesem Beispiel:
Die Frage „Welche Weltkarte ist die richtige?“ hat keine einfache Antwort.
Die bessere Frage lautet:
„Welche Weltkarte ist für welchen Zweck geeignet?“
Für die Navigation kann eine Mercator-Karte sinnvoll sein. Für die Darstellung von Flächenverhältnissen ist eine flächentreue Projektion sinnvoll. Und für einen allgemeinen Überblick kann eine Kompromissprojektion wie Winkel-Tripel ihre Berechtigung haben.
Welt ohne Rand
Was mir an meinem inneren Globus besonders gefällt, ist noch etwas anderes:
Er hat keinen Kartenrand.
Auf einer Weltkarte muss irgendwo Schluss sein. Häufig liegt dieser Schnitt ungefähr am 180. Längengrad. Plötzlich werden Russland und Alaska auseinandergerissen, und mitten durch den Pazifik läuft eine gedachte Linie.
Auf dem Globus gibt es diese Linie nicht.
Ich kann ihn einfach weiterdrehen.
Auch alle anderen Aufteilungen der Erde, Grenzen etc. sind der Erde selbst egal. Von der ISS aus sieht man die auch nicht.
Da gab es doch mal ein Lied, indem ein Globusverkäufer bei Reinhard mey klingelte.
Hört rein. Es lohnt sich.
Vertreterbesuch
Und jetzt wird es taktil
Für mich wird die Sache noch interessanter, wenn wir von visuellen zu taktilen Karten wechseln,
denn dann reicht es nicht mehr, die Geometrie der Welt irgendwie abzubilden. Die Darstellung muss auch so gestaltet sein, dass ein Finger die wichtigen Informationen überhaupt wahrnehmen kann.
Oft muss man bei taktilen Karten und Globen die Information reduzieren. Man kann nicht Berge, Flüsse, Wälder, Grenzen und was noch gleichzeitig darstellen. Da fühlen wir Blinden nichts mehr.
Für den oben erwähnten taktilen Globus gab es deshalb verschiedene Foliensätze. Da wurde dann quasi die Kontinente abgenommen und andere drauf gespannt.
Der eine Foliensatz zeigte Gebirge, der andere eher Landesgrenzen oder Flüsse, wieder ein anderer Bevölkerungsdichten, und, und, und. Nur halt nie alles gemeinsam.
Eine taktile Karte darf manchmal durchaus auch übertreiben.
Nehmen wir einen taktilen Globus. Würde man die Oberfläche des Wassers vollkommen glatt und die Kontinente nur durch eine winzige Kante voneinander trennen, wäre der Übergang für den Finger kaum wahrnehmbar.
Will man diesen Unterschied verstärken, dann muss man bei so einem Globus quasi das Meer etwas ablassen.
Geografisch ist das natürlich maßlos übertrieben.
Taktile Geografie ist eben nicht maßstabsgetreu – sie muss wahrnehmungsgetreu sein.
Eigentlich macht eine gute taktile Karte genau das Gleiche wie eine gute visuelle Karte. Sie entscheidet, welche Information wichtig ist, und verstärkt diese Information gegebenenfalls.
Eine kleine Insel muss vielleicht größer dargestellt werden, damit man sie überhaupt ertasten kann. Eine Grenze braucht möglicherweise eine deutlich fühlbare Linie, obwohl sie in Wirklichkeit überhaupt keine Breite besitzt.
Und dann gibt es auch das umgekehrte Beispiel.
Die Sternwarte St. Andreasberg hat gegossene tellergroße Mondscheiben in ihrem Shop, die man z. B. zu einer Wanduhr verarbeiten kann.
Die Strukturen des Mondes, dunkle Flächen, helle Flächen, Krater, Mare und das Mondgesicht war für Sehende als eine Art Marmorierung gut sichtbar zu erkennen, dem Originalmond nachempfunden.
Für meinen Finger war da praktisch nichts. Außer vielleicht der leichten Wölbung der Mondscheibe wegen seiner Kugelform, war das Ding für mich absolut glatt.
Leider war der Hersteller dieser Scheiben nicht dazu zu bewegen, sie doch künftig etwas zu überzeichnen. Möglichst nahe am Original zu bleiben war ihm wichtiger als Inklusion…
Ich besitze aber eine überzeichnete Mondkarte, die ich hier auf dem Blog auch schon ausführlich vorstellte.
Meine taktile Mondkarte
Wie ich damit arbeite, seht ihr in
Wie ich mich auf dem Mond orientiere
Die Karte ist nicht die Welt
Damit sind wir wieder bei unserem Ausgangspunkt.
- Wir haben unsere Erde, eine Kugel.
- Dann machen wir daraus eine Karte.
- dabei müssen wir uns entscheiden, welche Eigenschaften wir möglichst gut erhalten wollen.
- Und wenn die Karte anschließend noch von einem anderen Sinn als dem Sehen wahrgenommen werden soll, müssen wir möglicherweise ein zweites Mal eingreifen und manche Dinge vergrößern, vertiefen oder vereinfachen.
Das ist kein Fehler.
Es ist Modellbildung.
Und vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis, die man aus der ganzen Geschichte der Karten mitnehmen kann:
Eine gute Karte muss nicht alles richtig darstellen. Sie muss das Gewünschte richtig darstellen.
Noch ein Blick über den Tellerrand zum Schluss
Auch Die Frage, was in einer Karte im ihrem Zentrum steht, war und ist nicht überall dieselbe.
Auf manchen historischen Weltkarten lag beispielsweise Jerusalem im Zentrum. Andere Darstellungen orientierten sich an religiösen Vorstellungen und beispielsweise an der Gebetsrichtung nach Mekka.
Das ist nicht einfach eine Frage, wie rum man die Karte hält.
Es zeigt vielmehr:
Wo die Mitte einer Karte liegt, muss nicht die Mitte der Welt sein.
Auch welche Gebiete besonders groß, klein, zentral oder nebensächlich erscheinen, kann unsere Vorstellung von der Welt beeinflussen.
Die Mercator-Projektion ist dafür ein schönes Beispiel: Sie wurde aus guten mathematischen und navigatorischen Gründen entwickelt. Trotzdem kann sie unser Größenempfinden von Kontinenten prägen.
Eine Karte ist also immer nur eine Auswahl.
Eine Auswahl die uns weit über die Geographie beeinflussen kann, siehe viel zu klein dargestelltes Afrika.
