Wenn die Finsternis nicht mitspielt – ein kleiner Trost für Finsternis-Pechvögel


Meine lieben,
Neben ganz vielen tollen Berichten über die erlebte Sonnenfinsternis in Spanien, gab es leider auch viele traurige Nachrichten, weshalb die Finsternis dann doch nicht geschaut werden konnte. Von Autopannen, Krankheit, Zugproblemen und Fehlplahnungen von Reiseorganisatoren bis hin zu wolkigem Wetter, war alles dabei. Manchmal soll es einfach nicht sein. Grund genug für den Sternenonkel, hier einen kleinen Trostartikel für all jene zu verfassen.
Allen, die diesmal leer ausgingen rufe ich zu:
„Ihr seid damit nicht alleine. Ihr befindet euch in bester Gesellschaft“
aber lest selbst:

Manchmal hat man einfach Pech.
Man plant eine Sonnenfinsternis monatelang. Man sucht sich einen guten Beobachtungsort, organisiert die Reise, verfolgt die Wettervorhersage und freut sich immer mehr auf diesen einen besonderen Tag.

Und dann kommen die Wolken.

Oder der Zug nicht.
Oder die falsche Straße.
Oder gleich die ganze Reiseorganisation.

Nach dem 12. August 2026 habe ich jedenfalls den Eindruck gewonnen, dass eine Sonnenfinsternis zwar astronomisch ziemlich zuverlässig ist, menschliche Finsternisplanung dagegen nicht unbedingt.

Falls ihr also zu denjenigen gehört, die von der Finsternis dieses Jahr nicht so viel mitbekommen haben, möchte ich euch hiermit ein wenig Trost spenden.

Denn ihr seid in bester Gesellschaft.

Zwölf Tonnen gegen eine Wolke

1889 schickten die Vereinigten Staaten eine große Expedition nach Westafrika, um dort eine totale Sonnenfinsternis zu beobachten.
An Bord der USS Pensacola befanden sich Wissenschaftler, Techniker, Fotografen und ungefähr zwölf Tonnen wissenschaftliche Ausrüstung.
Zwölf Tonnen!
Man hatte also wirklich an alles gedacht.
Dass der Himmel bewölkt sein könnte, hatte man vermutlich verdrängt.

Am Tag der Finsternis war die Sonne tatsächlich hinter Wolken verborgen. Die aufwendige Expedition brachte für ihre wichtigsten Beobachtungen kaum etwas zustande.
Zwölf Tonnen Astronomie waren gegen eine Wolkendecke angetreten.
Die Wolke gewann.
Wer also zur Finsternis unter einer Wolke stand, war schon damals nicht alleine.

Erst Schiffbruch, dann Wolken

Noch härter traf es den britischen Astronomen Norman Lockyer.
1870 reiste er nach Sizilien, um die totale Sonnenfinsternis vom 22. Dezember zu beobachten. Lockyer war inzwischen einer der Pioniere der astronomischen Spektroskopie und interessierte sich besonders für die Sonnenkorona.
Die Reise begann allerdings ausgesprochen unastronomisch.
Das Schiff Psyche, mit dem Lockyer und andere Expeditionsteilnehmer unterwegs waren, lief vor Catania auf einen Felsen und wurde schwer beschädigt. Menschen und Instrumente mussten gerettet werden.
Nach einem solchen Erlebnis sollte man eigentlich meinen, dass das Pech damit aufgebraucht sei.
War es nicht, Denn am Tag der Finsternis machten auch noch die Wolken Probleme. Lockyer selbst beschrieb die Wetterlage sinngemäß mit den Worten:

Wolken in Sizilien, Wolken in Spanien, Wolken in Afrika.

Immerhin gelang anderen Beobachtern in Sizilien noch eine Beobachtung, weil sich der Himmel rechtzeitig öffnete. Ganz umsonst war die Expedition also nicht.

Aber stellt euch die Situation trotzdem einmal vor:
Erst Schiffbruch. Dann eine beschwerliche Expedition. Dann die Finsternis.
Und dann: Wolken.
Wenn Deine Reise zur Finsternis also nicht so gelaufen ist, dann musstest Du wenigstens nicht von einem sinkenden Schiff geborgen werden. Das ist doch tröstlich.
Die Ironie des Schicksals war aber, dass diejenigen, welche mit der Bergung der Instrumente und des Schiffes beschäftigt waren, nachher dann doch noch mehr Finsternis bekamen, als die eigentlichen Wissenschaftler.

Finsternis und Unabhängigkeit

Auch eine Expedition von 1780 zeigt, dass nicht immer das Wetter schuld sein muss.
Eine Gruppe von Astronomen aus Harvard wollte während des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges eine totale Sonnenfinsternis beobachten. Dafür begaben sie sich sogar hinter die britischen Linien.
Das klingt nach einer ausgesprochen abenteuerlichen Finsternisreise.
Leider hatten die Astronomen ihren Beobachtungsort falsch berechnet. Ein Fehler bei der Bestimmung des Längengrades führte dazu, dass sie die Totalität verpassten.
Sie hatten also den Krieg überstanden, aber die eigene Geografie war stärker.
Vielleicht sollten wir deshalb neben dem Wetterbericht künftig auch noch unsere Koordinaten überprüfen.

Einstein musste ebenfalls warten

Und dann ist da noch die Geschichte rund um Einstein.
Die berühmte Überprüfung seiner Vorhersage, dass Licht an der Sonne abgelenkt wird, sollte mit Hilfe totaler Sonnenfinsternisse gelingen.

Der erste ernsthafte Versuch fand 1912 statt und scheiterte am Wetter.

1914 wurde ein neuer Versuch unternommen.
Diesmal war das Problem nicht nur das Wetter. Der Erste Weltkrieg brach aus, Expeditionen gerieten in politische und militärische Schwierigkeiten, und wissenschaftliche Geräte und Forscher wurden teilweise festgesetzt.

Erst 1919 gelang schließlich die berühmte Beobachtung, die Einsteins Theorie große Bekanntheit verschaffte.

Aber selbst diese Finsternis war keineswegs eine perfekte Vorführung: Auf Príncipe verhinderten Wolken während der Totalität einen großen Teil der Beobachtungen. Von zahlreichen fotografischen Aufnahmen blieben nur wenige brauchbar.

Manchmal braucht es eben keine perfekte Finsternis.
Manchmal reicht eine kleine Wolkenlücke.

Und dann war da noch Garching

Eine Finsternis darf in dieser Sammlung natürlich nicht fehlen: der 11. August 1999.
Ich habe diese Finsternis selbst erlebt.
Garching war damals ein hervorragender Beobachtungsort, nur hatte auch dort das Wetter seine eigenen Vorstellungen.
Schon am Morgen wechselten Wolken und Aufhellungen. Die partielle Phase war immer wieder zu sehen. Je näher die Totalität kam, desto gespannter wurden die Beobachter.
Und dann wurde der Himmel ausgerechnet zur Totalität wieder dicht.
Die Korona verschwand hinter den Wolken.
Aber die Geschichte hatte wenigstens noch eine kleine Pointe: Kurz nach dem Ende der Totalität riss der Himmel wieder auf. Der zweite Diamantring war zu sehen.
Man hatte also fast die gesamte Show verpasst und bekam zum Schluss noch den Vorhang zu sehen.
Und selbst wenige Kilometer Entfernung konnten damals den Unterschied machen. An manchen Orten in der Umgebung öffnete sich der Himmel rechtzeitig und die Beobachter konnten die Korona tatsächlich sehen.

Das ist eine der Gemeinheiten totaler Sonnenfinsternisse:
Zehn Kilometer weiter kann die Welt völlig anders aussehen.

Meine Finsternisfeier

Und damit komme ich zurück zum 12. August 2026.

Denn auch ich darf mich in die lange Reihe der Finsternis-Pechvögel einreihen.
Es ist mir nicht gelungen, einen Platz „an der Sonne“ auf einem Schiff zu buchen.
Das hatte aber sein gutes. So feierten wir die Finsternis mit guten Freunden und getränken in Bozen, wo wir einen schönen Spezialurlaub für blinde Menshen machten.

Für mich stellte sich deshalb die Frage,
wie ich meinen begeisterten Zuhörer:innen die Finsternis in all ihren Fazetten näher bringen kann. Die meisten von uns sind nämlich blind, so dass Bilder nur wenig nützen. OK, taktile Abbildungen von Sonnen- und Mondfinsternissen hatte ich im Koffer, aber wie erleben wir die Dynamik?

Aus dieser Frage ist das Projekt Audiotellurium entstanden.
Dieses Projekt möchte Phänomene in unserem Sonnensystem hörbar machen, z. B.
die Bewegung des Mondes vor der Sonne, das zunehmende Bedecken der Sonnenscheibe, die Totalität und das anschließende Wiedererscheinen der Sonne.
Oder eben auch, was muss alles erfüllt sein, damit ein Neumond zu einer Sonnenfinsternis wird.
Der Trick besteht ja darin, dass drei Mondphasen genau aufeinander passen müssen. Wie das genau funktioniert, erklärte ich in meinem vorigen Artikel ausführlich.
Wir brauchen unbedingt Neumond. Zusätzlich muss sich der Mond auf dem Schnittpunkt von Mond- und Erdbahn befinden, und nicht zuletzt entscheidet die elliptische Mondbahn darüber, ob die Finsternis total oder nur ringförmig sein wird.
Somit habe ich in meiner Simulation unserem synodischen Zyklus als Ton ein C gegeben. Der drakonistische Zyklus, der mit den Schnittpunkten der Bahnen, bekommt ein E und der Zyklus mit der eirigen Mondbahn erhält ein G.
Wir starten also mit einem Dreiklang, einer Finsternis. Dann hören wir, wie die verschiedenen Zyklen wie Kirchenglocken langsam auseinander driften und sicvh schließlich zu einer neuen Finsternis wieder vereinen. Das bildet dann klanglich einen Saros-Zyklus von 18 Jahren, 11 Tagen und 8 Stunden ab. Auch diesen Zyklus erklärte ich in meinem vorigen Artikel ausführlich.
Hören wir uns also das jetzt mal in Ruhe an.
Audio-Saros-Zyklus

Als nächstes habe ich versucht, den Verlauf einer Sonnenfinsternis hörbar zu machen.
Wir hören zunächst die Sonne mittig im Panorama als harmonischen Klang.
Dieser wird nun langsam von links nach rechts vom Mond, der still ist, verdrängt.
Kurz vor der totalen Bedeckung, also Stille, hören wir noch das Phänomen der Perlenkette. Einzelne Sonnenstrahlen luken noch durch Mondschluchten am rechten Rand. Das hören wir als leises Klimpern.
Die letzte Perle dieser Kette wird Diamantring genannt. Die hören wir deshalb noch extra.
Danach ist der Klang der Sonne verstummt. Er wird nun durch ein zartes Rauschen ersetzt, welches die Korona darstellen soll.
Dann wird die Sonne langsam von links nach rechts wieder vom Mond freigegeben. Wir hören den linken Diamantring, die linke Perlenkette, und wie der Klang der Sonne langsam wieder von links kommend ertönt.
Das klingt dann so:
Audio-Eclipse
Ich weiß schon. Das kann die Sicht auf die Korona nicht ersetzen,
Aber vielleicht macht sie etwas anderes deutlich:

Eine Sonnenfinsternis ist nicht nur das Bild, das man am Himmel sieht.

Sie ist ein Ereignis, das man erleben, erforschen, hören, fühlen und erzählen kann.

Und manchmal bleibt von einer Finsternis am Ende eben nicht das perfekte Foto.

Sondern eine gute Geschichte.

Und davon haben wir Astronomen zum Glück mehr als genug.

Mein Vortrag mit unserer Simulation kam erfreulicherweise ausgezeichnet an.
Das hat mich besonders gefreut. Denn damit wurde aus einer zunächst ziemlich verrückten Idee etwas, das auch für andere Menschen interessant und erlebbar sein kann.

Natürlich ist Audiotellurium noch lange nicht fertig. Im Gegenteil: Die Erfahrungen dieser Finsternis haben uns jede Menge Ideen für die Weiterentwicklung gegeben.

Und vielleicht ist das die schönste Pointe meiner persönlichen Finsternisgeschichte:
Andere hatten Wolken.

Andere hatten Reiseprobleme.

Andere hatten einen falschen Längengrad.

Lockyer hatte ein Schiffswrack.

Die amerikanische Expedition hatte zwölf Tonnen Ausrüstung.

Und ich hatte eine Sonnenfinsternis, die ich ohnehin nicht sehen konnte.

Aber wir alle hatten trotzdem eine Finsternis, eine zum hören.
So, und das muss jetzt für alle als Trostpflaster genügen.
Seid herzlich vom Sternenonkel getröstet.

2 Kommentare zu „Wenn die Finsternis nicht mitspielt – ein kleiner Trost für Finsternis-Pechvögel“

  1. Hallo Gerhard,
    eine SoFi ist schon ein gigantisches Erlebnis; schön, wenn man sie erleben kann.
    Nach 1 Jahr Planung und mehr als 4000 km mit dem Wohnmobil zeichnete sich eine stabile Wetterlage in der Nähe von Burgos in Nordspanien ab. Und so war es – bei 45° konnte ich mit drei Kameras wunderschöne Impressionen einfangen.
    Das war meine zweite SoFi nach 1999. Und die nächste Tour ist schon in Planung: Tunesien 2027. Alle guten Dinge sind drei.
    LG
    Utz

  2. Ich hatte auch Pech mit der SoFi.
    In einem WhatsApp Status habe ich am nächsten Tag gelesen „heute Nacht besonderes himmelsphänomen: Sonnenfinsternis von 22:00 bis 05:00uhr“.

    Das hat mich herausgefordert und ich habe meine eigene Sonnenfinsternis kreiert:
    Der prächtige Sonnenuntergang und eine Münze davor gehalten. Das ganze dann so hin gezoomt das die Münze das untere rechte Eck der Sonne verdeckte.
    Voila: SoFi war fertig.

    Manchmal hilft Zynismus und manchmal Humor.

    Dieses Mal tröstet Gerhards Wissen und ein bisschen Kreativität.

    Ich behaupte, dass gemeinsame Staunen bleibt im Gedächtnis.

    Dankeschön.

    Liebe Grüße, Eva

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