Eine Astronomische Ostergeschichte für Respekt, Verständnis und gegenseitiger Toleranz und Achtung


Liebe Leser*innen,

heute Nacht war die Zeitumstellung auf die Sommerzeit und wir starten in die Karwoche 2021. Heute ist Palmsonntag und gleichzeitig der erste Frühlingsvollmond, der für die Berechnung unseres Osterfestes grundlegend ist.
Nur noch eine Woche lang durchhalten, für all jene, welche die Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostersonntag nutzten, um auf die eine oder andere Art zu fasten, auf Dinge zu verzichten usw.
Alle Achtung für jene, die es trotz allen sonstigen Widrigkeiten in diesen Zeiten durchgezogen haben.

Um Fasten an sich wird es aber in diesem Artikel nicht gehen, aber es geht darum, wann überhaupt Ostern z. B. auch in anderen Glaubensgemeinschaften gefeiert wird und wie sich andere Feiertage daraus ableiten. Wie Ostern bei uns berechnet wird, beschrieb ich ja schon in „Wieso ist Ostern manchmal so früh, und manchmal so spät„.

Anders und doch gleich

Es gibt aber Glaubensgemeinschaften, die zwar unseren gregorianischen Kalender benutzen, aber für die Feiertage eben nicht.
Im Sinne der anderen Glaubensgemeinschaften soll dieser Artikel ein Beitrag zum gegenseitigen Respekt, Verständnis und einem guten Miteinander werden.
Jeder kennt das, wenn man z. B. zu Weihnachten oder Ostern am Familientisch zusammen sitzt. Da fallen oft mal Sätze wie

Die feiern Weihnachten anders.

oder

Die feiern Ostern an einem anderen Tag.

oder

Die fasten zu anderen Zeiten.

Jeder kennt jemanden, der derlei in seiner Glaubens- oder Religionsgemeinschaft anders und zu anderen Zeiten praktiziert als wir.
„Die“ klingt immer so fremd und exotisch. „Die“ scheinen irgendwie anders zu sein und an etwas ganz anderes zu glauben, an etwas seltsames mystisches oder sonst wie fremdes.
Dem ist aber nicht so. „Die“ leben unter uns. Viele von „Denen“ fühlen sich aber auch dem christlichen abendländischen Glauben verpflichtet. und andere gehören z. B. dem Islam an.
Dann wollen wir diesem Mysterium doch hier mal die Zähne ziehen, damit wir hier aufhören können zu „fremdeln“. Auch das ist Aufklärung und trägt zum Verständnis und zur Akzeptanz anderer Gruppen bei.

Die große allgemeine Unwissenheit

Die allgemeine Frage, um die es hier geht fragt danach, warum die hohen Feste wann oder genau dann gefeiert werden.
Es ist egal, wo und wen man fragt und aus welcher Glaubensgemeinschaft die gefragte Person stammt.
Viele „Christ*innen“, die beispielsweise „meinen Blog“ nicht gelesen haben, wissen nicht wirklich, warum Ostern manchmal so früh und manchmal so spät ist. Bevor ich mich mit Astronomie beschäftigte, wusste ich es auch nicht. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass das in der Schule, z. B. im Religionsunterricht, mal vernünftig und anschaulich erklärt wurde. Ostern kam und ging und wir freuten uns auf die Ferien und die Süßigkeiten…

Genau so unsere türkischen Mitschüler*innen. Sie praktizierten ihren Ramadan, der zu meiner Schulzeit in den 1980ern ungefähr in den Sommer fiel.
Auch sie konnten nie erklären, wieso wann Ramadan ist.
Wie auch immer.
Wir „Christ*innen“ freuten uns dann auf den Sonnenuntergang und darauf, dass wir daran teilhaben durften, was ihre Mütter ihren Kindern so in ihre Koffer gepackt hatten. Schafskäse, Oliven, Melonen, verschiedenste Teigtaschen und papp süße Nachtische wurden dort dargereicht.

Deutlich weniger am Leben dran und weniger praxisorientiert erlebten wir im Internat Kamerad*innen, die nach ihren Erzählungen Ostern und Weihnachten zu anderen Zeiten feierten. Das war für sie manchmal eventuell doof, denn die Schulferien richteten sich ja nach unseren Daten und nicht nach deren aus. So konnte es durchaus sein, dass Kinder dieser Glaubensrichtungen Ostern hatten, obwohl die Osterferien bei uns schon vorbei waren. Manchmal, und das war auch etwas traurig, durften diese Kinder dann auch nicht bei unseren Ritualen, die man so in der Vorweihnachtszeit oder der Osterzeit mit uns im Internat feierte, oder ganz wichtig beim Ritual des Geburtstages, aus Glaubensgründen, von den Eltern verboten, nicht mit machen. Das aber nur am Rande. Ich nenne deshalb auch keine Glaubensgemeinschaft namentlich und verkneife mir den Begriff der Sekte.

Auf jeden Fall fragte ich auch jene neugierig darüber aus, wieso sie an anderen Tagen feierten, und bekam nie eine wirkliche klärende Antwort auf meine Fragen.

Und hier noch ein aktuelles Erlebnis zu unterschiedlichen Feier-Zeiten von mir.
Letztes Wochenende traf ich mich mit meiner Arbeitskollegin, ihrem Mann und den Kindern zu einem Spaziergang durch die Parks von Karlsruhe. Ich wollte ihnen verschiedene Vogelstimmen zeigen, erklären und dass wir sie gemeinsam lernen.
Da kamen wir natürlich auch auf Ostern. Diese Familie stammt aus Rumänien und gehört somit der orthodoxen Kirche an. Und da war es wieder, das Erlebnis. Sie feiern Ostern später. Ich wollte wissen, warum und wie sie Ostern berechnen, und die Antwort war, wie sie auch in meinem Fall früher ausgefallen wäre, sehr wage und ungenau. Sie lautete ungefähr so:

„Wie das genau funktioniert, weiß ich auch nicht. Das hat irgendwie mit dem Mond und einem anderen Kalender zu tun. Und außerdem wollen alle orthodoxen Brüder und Schwestern auf der Welt gemeinsam Ostern feiern können.“

Na, immerhin. Der Mond kam vor. Es ist fraglich, ob ich den früher überhaupt erwähnt hätte. Mir war früher nur klar, dass Ostern mit dem jüdischen Pessachfest zusammen fiel, weil zum Zeitpunkt der Verurteilung von Jesus gerade alles Volk nach Israel pilgerte, um dort zu opfern. So steht es in den Evangelien. Etwas von Frühlingsanfang und Frühlingsvollmond habe ich damals nie gehört und es auch nicht hinterfragt.

Und dann kam in der Antwort noch etwas: „Wir benutzen einen anderen Kalender“.
Das ist äußerst spannend.

Die Zeit des orthodoxschen Osterfestes

Wir benutzen ja schon seit vielen Jahrhunderten den Gregorianischen Kalender mit seinen Schaltjahren, seinen ganzen Schaltregeln und in der Neuzeit sogar mit seinen Schaltsekunden. Dieser Kalender hält unseren Jahreslauf in Takt. Für diese Hauptaufgabe braucht dieser Kalender den Mond nicht, wäre da nicht unser Osterfest. Der Ostersonntag fällt meistens auf den ersten Sonntag nach dem astronomischen Frühlingsbeginn, der Tag-Nacht-Gleiche, die in diesem Jahr am 20.03. war. Daraus leiten sich dann andere kirchliche Feiertage, wie Aschermittwoch, die Fastenzeit, Himmelfahrt, Pfingsten und noch einige nicht bundeseinheitlich geregelte Feiertage ab. Wie schon erwähnt, schrieb ich an anderer Stelle darüber, wie das genau funktioniert. Meistens und nicht immer schreibe ich deshalb, weil es zum einen eine Regel des Gregorianischen Kalenders gibt, die verhindert, dass Ostern später als am 25,04. sein darf. Und noch eine Verschiebung des Osterfestes tritt alle 19 Jahre auf, das sog. Osterparadox.
Das war an Ostern 2019 der Fall. Ich schrieb darüber in „Fällt Ostern 2019 aus?

Wie ist das aber nun bei meiner Kollegin, die der Orthodoxen Kirche angehört.

In der orthodoxen Kirche wird am Julianischen Kalender festgehalten.
Das ist der Kalender, der vor dem gregorianischen Kalender benutzt wurde.
Er orientierte sich stark nach dem Mond. Da sich aber unser Mond mit seiner Umlaufzeit nicht gut in den Rest des Jahreslaufes mit seinen Jahreszeiten etc. integrieren lässt, musste man manchmal einen dreizehnten Mond einfügen, damit die Feiertage, die Erntezeiten und vieles mehr nicht komplett aus dem Takt gerieten. Als der Zeitpunkt des Osterfestes etwa 300 n. Chr. festgelegt wurde, war dieser julianische Kalender noch in Gebrauch.
Daher findet der 21. März (im 20. und 21. Jahrhundert) 13 Tage später statt als im gregorianischen Kalender. (Übrigens war das Zusammenlegen des „liturgischen“ mit dem „astronomischen“ Frühlingsbeginn einer der Hauptgründe für die Einführung des gregorianischen Kalenders). Daher findet das orthodoxe Osterfest manchmal eine Mondphase später statt. Außerdem berechnet die orthodoxe Kirche das Osterdatum nach einer bereits in der Antike festgelegten Rechenvorschrift, dem Metonischen Zyklus
Er dauert 19 Jahre. Es ist der Zyklus, den ich in meinem Artikel zum Vollmond an Halloween beschrieb. Man kann mit ihm beispielsweise berechnen, wann der Vollmond, und natürlich auch der Neumond, wieder auf einen bestimmten Tag, z. B. den Heiligen Abend, oder meinetwegen auch auf eure Geburtstage fällt.
Die Länge des 19-jährigen Mondzyklus wurde damals um ca. 2 Stunden zu lang angenommen, was sich im Laufe von 17 Jahrhunderten zu einigen Tagen addiert hat. Dies ist ein weiterer Effekt, der dazu führen kann, dass das orthodoxe Osterfest eine Woche oder im Extremfall, wenn er sich mit dem obigen Effekt addiert (z. B. 2005), fünf Wochen später stattfindet als das lateinische. Von diesem letzteren Effekt ist übrigens auch der Jüdische Kalender betroffen.
Wie der julianische Kalender im einzelnen funktioniert, würde den Rahmen dieses Artikels vermutlich sprengen.
Eine Konsequenz und Tradition, die sich aber bis heute wegen dieses Kalenders hielt ist, dass die Dreizehn (13) eine Unglückszahl sein soll.
In meinen Gedanken zu Freitag, 13. ist dieses Phänomen ausführlich und hoffentlich auch lesenswert erklärt.
Belassen wir es also dabei und stellen uns für heute die letzte Frage.

Wie berechnen unsere islamischen Freunde ihre zweitwichtigste religiöse Zeit, ihre Fastenzeit, den Ramadan?

Wikipedia sagt dazu:

Der Ramadan (arabisch رمضان, DMG ramaḍān ‚der heiße Monat‘) ist der Fastenmonat der Muslime und neunter Monat des islamischen Mondkalenders. In ihm wurde nach islamischer Auffassung der Koran herabgesandt.
Das Fest des Fastenbrechens (arabisch عيد الفطر id al-fitr / türkisch Ramazan bayramı) im unmittelbaren Anschluss an den Fastenmonat zu Beginn des Folgemonats Schawwal ist nach dem Opferfest der zweithöchste islamische Feiertag.

Im Koran heißt es zur Länge der Fastenzeit:

„Fastet erst, wenn ihr sie (die Mondsichel – Hilal) seht, und brecht das Fasten erst, wenn ihr sie (wieder) seht…“

So ergibt sich das einmonatige Fasten vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang.
Dann heißt es im Koran weiter:

Wer nun von euch während des Monats anwesend (d. h. nicht unterwegs) ist, soll in ihm fasten.“

(Koran: Sure 2, Vers 185)

Dem Gedenken an die Offenbarung des Korans ist auch Sure 97 gewidmet, in der es heißt:

„Wir haben ihn (d. h. den Koran) in der Nacht der Bestimmung hinabgesandt. Aber wie kannst du wissen, was die Nacht der Bestimmung ist? Die Nacht der Bestimmung ist besser als tausend Monate.“

(Koran: Sure 97)

Aufgrund der vorhergehenden koranischen Aussage gilt es als ausgemacht, dass die Nacht der göttlichen Bestimmung (lailat al-qadr / ليلة القدر / lailatu ʾl-qadr) eine Nacht im Monat Ramadan ist. Da man sich also über die genaue Nacht der Offenbarung des Korans nicht im Klaren war, feiert man diese Nacht überwiegend in der Nacht zum 27. Ramadan, aber auch an anderen ungeraden Tagen der letzten zehn Tage des Fastenmonats.
Dem letzten Drittel des Ramadan kommt außerdem deswegen eine besondere Bedeutung zu, weil in dieser Zeit die fromme Übung des Iʿtikāf, der „Absonderung“ in der Moschee, stattfindet.

Welcher Monat ist aber nun gemeint?
Während das tägliche Gebet (salat / صلاة / ṣalāt) und die islamische Pilgerfahrt (haddsch / حجّ / ḥaǧǧ) auf festgelegten Zeiten beruhen, sind der Beginn und das Ende des Fastenmonats Ramadan im islamischen Überlieferungswesen stets widersprüchlich überliefert und diskutiert worden. Den Anfang des Ramadans zeigt die Sichtung (ru’ya / رؤية / ruʾya) der neuen Mondsichel (hilal) am Ende des letzten Tages/in der letzten Nacht des Vormonats Scha’ban an. Der Grundtypus dieser Traditionen in den kanonischen Hadithsammlungen als Direktive des Propheten lautet:

„Der Monat besteht aus 29 Tagen. Fastet erst, wenn ihr sie (die Mondsichel – hilal) seht, und brecht das Fasten erst, wenn ihr sie (wieder) seht. Und wenn (der Himmel) über euch bedeckt ist, so bestimmt ihn /Var. vervollständigt die Zahl der Scha’ban-Tage/ auf 30 (Tage).“

(Hadith Abu Dawud, Buch 13, Nr. 2312; al-Bukhari, Buch 31,Nr. 130-131.)

Ausschlaggebend für den Beginn bzw. für das Ende des Ramadans ist, wie schon gehört, stets jeweils die Sichtung der Mondsichel durch einen oder durch mehrere Zeugen. Umstritten bei der Festlegung des Monatsbeginns ist die Rolle der Astronomen (munadschdschim) und der Mathematiker (ahl al-ma’rifa bil-hisab), die es in der frühislamischen Gesellschaft noch nicht gab und die später allein durch Berechnungen (hisab) ohne Sichtung der Mondsichel den Monatsanfang festzulegen bestrebt waren.

Die Festlegung des Ramadanbeginns gibt in der arabisch-islamischen Welt bis in die Gegenwart hinein jedes Jahr Anlass zu kontroversen Diskussionen. Denn der Verzicht auf die Sichtung der neuen Mondsichel als Anfang des Ramadans und die stattdessen geführte astronomische Berechnung führen zwangsläufig zur Ignorierung des prophetischen Gebots „fastet erst, wenn ihr sie seht“.
In Ägypten bestimmt das erste Neulicht in Assuan den Beginn des Ramadans, wobei das gesichtete Neulicht telefonisch nach Kairo gemeldet wird und anschließend die Ausrufung des Ramadans erfolgt.

Die Berechnung des Ramadan ist also gar nicht so einfach, wie man sieht.
Erstaunlich ist, dass hier das religiöse Buch versucht, den Zeitpunkt und die Länge des Ramadan zu bestimmen, was aus astronomischer Sicht natürlich schwierig ist. Ich kenne keinen vergleichbaren Versuch aus der Bibel. Allerdings kenne ich nicht die ganze Bibel und könnte mir vorstellen, dass sich derlei z. B. in den Büchern Moses, wo viele Regeln festgehalten sind, versteckt.
Wer hier theologisch mehr drauf hat, bitte gerne in die Kommentare für alle lesbar damit. Mein lieber Freund, Pfarrer und Mitleser Volker, könnte hier vielleicht mehr wissen.

Im Islam wird also durch den gregorianischen Kalender konsequent und in viel stärkerem Maße, wie bei uns, ein Mondkalender mit geführt.
Da der Mond nicht sauber unserem Jahreslauf sich unterordnet, wandert der Fastenmonat in etwa 30 Jahren ein mal durch den ganzen Jahreslauf. Ramadan im Winter dürfte etwas leichter zu schaffen sein, aber im heißen Sommer, wenn tagsüber nichts getrunken werden darf, stelle ich ihn mir hart vor.
Weil das den Nomaden in der Wüste etc. durchaus auch bewusst war, schrieb der Prophet Mohammed einige Regeln auf, wie der Ramadan für Kinder, Kranke, Alte, Schwangere und sonstige schwache Menschen abgemildert oder gar ausgesetzt werden kann.

Puh, das war jetzt aber viel Kalender und Erlebnisse.
Ich wünsche mir davon, dass der Artikel wenigstens etwas zum Respekt anderer Glaubensgemeinschaften, und damit meine ich wirklich alle, beitragen kann.

Der Jahreslauf unserer Sonne


Liebe Leser*innen,

heute, 20.03.2021, ist gleichzeitig Frühlingsanfang. und der Tag der Astronomie, bei dem der Mond im Fokus steht. Astronomisch bedeutet Frühlingsanfang, dass Tag und Nacht an diesem Tag gleich lang sind. Da vor allem wegen unseres Schaltjahres sich astronomisch alles um etwa sechs Stunden verschiebt, kann dieser astronomische Zeitpunkt mal auf den 20.03, den 21.03 und sogar auf den 22.03 fallen. Das gleiche gilt natürlich dann auch für den astronomischen Herbstanfang im September und für die Sonnenwenden im Juni und Dezember.

Ich schrieb darüber in Welcher Frühlingsanfang ist der richtige.

Ganz besonders in den Wintermonaten mit Kälte und Schmuddelwetter denkt man sich oft:

„Wieso dauert denn das so lange, bis die Tage wieder merklich länger werden?“

Gegen Ende des Sommers empfindet man das Gegenteil:

„Wieso werden die Tage so schnell wieder kürzer?“

Den größten Sprung unserer Empfindungen erzeugt natürlich die Umstellung auf die Sommerzeit und die Rückstellung auf die Winterzeit , welche eigentlich die normale Zeit ist. Da verschiebt sich der Sonnenauf- und Untergang von einer Nacht auf die andere um eine Stunde nach hinten, wenn die Sommerzeit beginnt. Dafür haben wir es abends, wie jeder weiß, eine Stunde länger hell.

  • Das gefällt uns natürlich, weil zu dieser Zeit, wie wir noch sehen werden, die Tage sowieso schon wieder erheblich länger, das Wetter meist schon wieder besser und wärmer sind und wir uns tendenziell im Frühling und Sommer sowieso eher nach Feierabend länger draußen aufhalten wollen.
  • Nach der Umstellung auf die Winterzeit finden wir es zwar schade, dass es abends wieder eine Stunde früher dunkel wird, andererseits erfreuen wir uns auch, dass es zunächst morgens nicht mehr ganz so dunkel ist, und unsere Kinder eventuell noch etwas Tageslicht haben, wenn sie früh zum Schulgang aufstehen müssen.
  • Wir freuen uns, wenn wir bei der Umstellung auf die Winterzeit eine Stunde „geschenkt“ bekommen.

Nichts desto Trotz handelt es sich dabei um unsere Empfindungen und Wahrnehmungen, die sich durchaus je nach Beruf, Lebenslage und anderen Faktoren stark unterscheiden können. Diese Subjektivität schlägt sich in der jährlich wiederkehrenden Diskussion nieder, ob die Zeitumstellung nun abgeschafft werden soll, oder nicht. Mit Astronomie hat diese von Menschen gemachte Zeitverschiebung aber nichts zu tun. Von daher gehen wir einen Schritt weiter und lassen die Zeitumstellung zunächst mal außen vor. Gehen wir für das folgende davon aus, dass es sie nicht gäbe, wie das bis Anfang der 80er des letzten Jahrhunderts ja auch war.

Wir werden das Phänomen, dass die Tages- und Nachtlänge sich im Jahreslauf verändert nun etwas näher betrachten.
Wer sich etwas auskennt wird mit Recht sagen:

„Na klar. Das liegt an den Jahreszeiten.“

„Volltreffer“ würde ich zu dieser Aussage sagen, denn das stimmt. Aber wie funktioniert das genau. Die Hauptfrage, die uns beschäftigen wird ist, ob z. B. die Tage an beiden Enden, zwischen Sonnenauf- und Untergang gleichmäßig länger oder kürzer werden und wenn nicht, wieso denn nicht?
Die aufmerksame Leser*in merkt schon, dass dem scheinbar nicht so ist. Ansonsten hätte ich diese Frage nicht in den Raum gestellt. Dann versuchen wir sie zu beantworten, was ohne Bilder gar nicht so einfach ist, aber versuchen wir es trotzdem.

Unsere Jahreszeiten entstehen dadurch, dass die Erdachse um etwa 23 Grad gekippt ist. Ich betone hier nochmals ausdrücklich. Sie entstehen nicht dadurch, was manchmal, und gar nicht so selten, angenommen wird, dass die elliptische Umlaufbahn der Erde um die Sonne dafür verantwortlich sei, weil die Erde ja dadurch manchmal etwas näher und dann wieder etwas weiter von der Sonne entfernt ist. Dieser Strahlungsunterschied, den wir dadurch erleben, schlägt nicht zu Buche und reicht auf keinen Fall für die Jahreszeiten. Kurios ist an dieser Stelle, dass ausgerechnet im Winter, Anfang Januar, die Erde ihren sonnennächsten Punkt auf ihrer Bahn durchläuft, wo es ja dann, wenn das stimmen würde, am wärmsten sein sollte. Über dieses Kuriosum werde ich mal extra schreiben.
Halten wir also nochmal fest, dass die gekippte Erdachse für die Jahreszeiten und damit auch für die Veränderungen der Tages- und Nachtlängen verantwortlich ist.

Stellen wir uns nun im nächsten Schritt vor, dass unsere Erdachse aufrecht stünde und dass die Erde sich nicht im Laufe eines Jahres einmal um die Sonne bewegt. Gehen wir sogar so weit, und halten die Erde an, so dass sie sich auch nicht mehr um sich selbst dreht.
Als letztes gehen wir noch davon aus, dass der Abstand der Erde zur Sonne trotz Stillstand immer gleich bliebe, als wären beide mit einer langen Stange verbunden. Normalerweise geht das natürlich nicht, denn so eine lange Stange gibt es nicht und außerdem würde eine Erde, die nicht um die Sonne kreist, also um sie herum fällt, von ihr mit der Zeit angezogen und in einem gewaltigen Inferno in ihr verglühen und verpuffen.

Also, was passiert dann.

  1. Der Erdstillstand bedeutet, dass es keinen Tag-Nacht-Rhythmus mehr gibt. Die Sonne bescheint in dem Fall immer dieselbe Seite der Erde. Dort wäre es immer Tag und auf der anderen Seite wäre es immer Nacht. Das will niemand. Und noch etwas merkwürdiges passierte dann.
    Wir könnten, außer vielleicht nachts durch unseren Mond, den Tag und die Nacht nicht in Zeiteinheiten einteilen. Denken wir uns den Mond mal auch weg, denn er spielt für unsere Betrachtungen keine Rolle. Wir hätten also keine zeitliche Orientierung.
    Im nächsten Schritt geben wir nun der Erde einen seitlichen Schubs, wie man das früher mit einer kleinen Peitsche mit einem Spielzeug-Kreisel tat, so dass sie sich, wie ein solcher beginnt, sich wieder um sich selbst zu drehen. Sagen wir in gewohnter Geschwindigkeit und natürlich wie gewohnt links herum.
  2. Nun dreht sich die Erde wieder. Wir haben wieder Tag und Nacht. Allerdings wäre es so, dass die Tage und auch die Nächte stets gleich lang blieben. Vermutlich wäre es nur an den Polen immer dunkel, weil dort kein Sonnenlicht hin käme. Erinnern wir uns, dass wir noch immer keinen astronomischen Jahreslauf hätten, weil wir alle Nacht den selben Sternenhimmel zur selben Zeit sehen würden. Die Erde würde sich zwar unter dem Sternenzelt drehen, und am Tage wäre die Wanderung der Sonne beobachtbar, aber sie, und auch die Sonne nicht, würden durch keine Sternbilder wandern. Keine gute Vorstellung für Astrologen, aber auch den Astronomen würde das nicht gefallen. Immerhin wäre es jetzt wieder möglich, die Zeit zu messen. Die Sonnenuhr wäre hier bei schönem Wetter sehr zuverlässig und wer weiß. Vielleicht würde man mechanische oder digitale Uhren bauen, die mit dem Tageslauf im Gleichgang gingen. Mit denen wäre eine Zeitmessung zusätzlich zur Beobachtung des Sternenhimmels dann auch wieder bei jedem Wetter möglich. Nebenbei bemerkt wäre es dabei unerheblich, in welche zeitlichen Einheiten die Menschen den Tag und die Nacht einteilen würden. Astronomen fänden vielleicht eine Möglichkeit, aber es könnten alle möglichen Einteilungen werden, z. B. die Einteilung in zehn Tages- und zehn Nachtstunden. Damit ließe sich immerhin ganz gut rechnen.

    Von einem Standort aus könnte man, wie gesagt, natürlich in Ost-West-Richtung die Sonne wandern sehen, was man ebenfalls zur Zeiteinteilung am Tage nutzen könnte, siehe Sonnenuhr.

    Und noch etwas wäre anders als wir es gewohnt sind.
    Wäre die Erde eine auf der Ekliptik stehende Walze und würden wir alle auf ihrer runden Seitenfläche leben, ich glaube man nennt diese Fläche oder Hülle auch Mantel in der Geometrie, dann hätten alle Menschen quasi die gleiche Sicht auf die Sonne. Sie stünde zu jeder Zeit für alle gleich hoch am Himmel,
    Alle würden die Sonne in Ost-West-Richtung wandern sehen.
    Ich denke nicht, dass es einen Unterschied machte, ob man an der Nord- oder Südkante der Walze lebte, weil die Sonne so unfassbar viel größer als die Erde ist.
    je nach Tageszeit natürlich.
    Die Nord- und Südfläche der Walze wären mit Sicherheit unbewohnt, da es dort ohne Sonnenschein ungemütlich kalt wäre, noch kälter vermutlich, als wir das von unseren Polkappen her kennen.

    Da die Erde aber nun mal eine Kugel ist, so stünde für die Äquatorianer die Sonne am höchsten am Himmel. Desto weiter nördlich oder südlich man lebte, desto flacher zöge die Sonne ihren Kreis. Außer vielleicht an den Polen, wo sie vermutlich nie zu sehen wäre, was übrigens bei unserer Walze mit Sicherheit so wäre.

  3. 3) So, es ist so weit. Wir nehmen die vorhin gedachte Verbindungsstange zwischen Erde und Sonne weg und schubsen nun die Erde so an, dass sie sich auf der Kreisbahn um die Sonne bewegt, wie wir das gewohnt sind. Nun kann sie durch ihre Drehung um die Sonne selbst dafür sorgen, dass sie der Anziehung der Sonne trotzt und auf ihrer Bahn bleibt.
    Ja, ich weiß. sie bewegt sich auf einer Ellipse, aber letztlich ist der Kreis ein Sonderfall der Ellipse, bei dem beide Brennpunkte aufeinander liegen, und außerdem ist die Erdbahn auch real fast kreisrund.

    Nun haben wir zwar noch immer Tag-Nacht-Gleiche, können aber zumindest nachts wieder einen astronomischen Jahreslauf betrachten. Wir können natürlich jetzt auch wieder unseren Mond mit einbeziehen. Den haben wir vorhin nicht betrachtet, weil er für unsere Überlegungen keine Rolle spielt. Und deshalb ignorieren wir ihn auch weiterhin.

    Und jetzt wird es langsam etwas unübersichtlich wegen der Erddrehung um sich selbst und der Erdbewegung um die Sonne.

  4. /li>Durch die dazu gekommene Drehung der Erde um die Sonne passiert es, dass wenn man vom selben Standpunkt aus den Mittagspunkt, an dem die Sonne am höchsten steht betrachtet, dass sich die Sonne in einem halben Jahr etwas verspätet und dann wieder verfrüht.

    Das liegt daran, dass die Erde sich auf ihrer Bahn nach jedem Erdentag auch wieder etwas weiter auf ihrer Bahn um die Sonne bewegt hat. Somit ist es so, dass die Sonne, wenn die Erde ihre Drehung um sich selbst komplett vollführt hat, entweder noch nicht aufgeht, weil die Erde ihr hinterher läuft. Ein halbes Jahr später ist es dann umgekehrt. Der Tag beschreibt somit auf unserer ‚Erde mit senkrecht stehender Achse einen Strich, der sich langsam etwas nach links verschiebt und ein halbes Jahr später wieder nach rechts.

    Nun wollen wir aber endlich auch unsere Jahreszeiten wieder zurück haben, damit unser Klima wieder passt.

  5. Im letzten Schritt kippen wir nun unsere Erdachse wieder um 23 Grad. Da die Erde eine Kugel ist und sich nun zusätzlich zu unseren Drehbewegungen auch noch die geometrische Tatsache der Perspektive auf die Sonne, täglich etwas verändert, so beschreibt sie vom selben Standpunkt aus den Mittagspunkt betrachtet, eine schräg liegende Acht, ein Analemma. Dieses sieht je nach Breitengrad etwas anders aus.
    Vor längerer Zeit erwähnte ich mal relativ beiläufig bei meiner Vorgesetzten, dass ich gerne mal ein Analemma taktil ertasten würde. Ich hatte das schon fast vergessen, aber dann kam mein Geburtstag. Bei uns in unserem wunderbaren Team ist es üblich, dass jeder zu seinem Geburtstag eine sowohl bunt als auch taktil gestaltete Karte erhält. Diese liebe Kollegin gestaltete mir zu meiner großen Freude eine Geburtstagskarte mit einem Analemma. Außerdem legte sie noch eine große A4-Darstellung desselben bei, damit auch noch die Beschriftung in Punktschrift darauf passte. Das finde ich wirklich sehr wertschätzend und rührend von ihr, dass sie sich das merkte und umsetzte. Es ist mir halt immer wieder eine große Freude und ein Segen, dass ich an so einem wunderbaren Institut, wie dem Studienzentrum für Sehgeschädigte (SZS) des Karlsruher Institutes für Technologie (KIT) arbeiten darf. Nirgendwo sonst könnte ich Meine Begabungen zu Wissenschaft und Pädagogig so gut einbringen als dort. Außerdem ist am SZS meine Behinderung keine Einschränkung, sondern eine Qualifikation die ich für die Ausübung meiner Aufgaben benötige. Nicht zuletzt unterstützen mich immer wieder, das erwähnte ich schon häufiger, und kann es nicht oft genug tun, alle Mitarbeitenden in meinen inklusiven Tätigkeiten zur Astronomie.
    Dank dafür an alle SZSler.
    OK, zurück zum Thema.
    Am Äquator sollte es sich kaum ausbilden, weil sich auch dort aufgrund des Winkels zur Sonne auch die Jahreszeiten zwischen den Wendekreisen kaum bemerkbar machen.

    Am meisten prägt sich das Analemma natürlich in der Nähe der Polkappen aus, zwischen der Mitternachtssonne und dem langen Winter ganz ohne Sonne. Am Nord- und Südpol ist die Acht wahrscheinlich sogar offen, weil es ja dort jeweils Monate ganz ohne Sonnenlicht gibt.

    Da dieses Analemma schwer in Worten zu beschreiben ist, bitte ich euch sehende Astronom*innen unter euch, die hier mitlesen, dass ihr mich bitte entweder via Mail, oder noch besser in den Kommentaren, mich auf eventuelle Fehler in meiner Vorstellung, aufmerksam macht.
    Ich darf fast zum Schluss natürlich nochmal erwähnen, dass die stärkste Konsequenz dieser gekippten Erdachse unsere Jahreszeiten sind.

  6. zu guter letzt
    wer das mal verfolgen möchte, wie unterschiedlich sich die Länge der Tage und Nächte im Jahreslauf verändern, wie ungleichmäßig die Zeiten der Sonnenauf- und untergänge sich verändern und wie sich die Zeit des Mittagspunktes langsam verspätet, um sich dann wieder zu verfrühen, dem empfehle ich beispielsweise die auch für blinde Menschen recht zugängliche App Lunasolcal für Smartphones. Mit Calsky könnte das auch klappen, obwohl ich momentan nicht genau weiß, ob die noch online sind. Habe was gehört, dass es Calsky eventuell nicht mehr gibt, was sehr schade wäre. Wer es aufwändiger mag und sehen kann, denn für unser eins nicht zugänglich, kann es mit Stellarium versuchen.
    Ein klassischer Papier-Kalender tut es natürlich auch. Er sollte sich aber mit den Daten schon ungefähr auf den Standort beziehen, wo ihr wohnt.

    Da all diese Daten vom Breiten- und Längengrad, von eurem Standort also abhängig sind,
    erspare ich euch für den Moment eine langweilige Tabelle mit den Daten meines Standortes. Achtet einfach mal auf die Veränderungen von Sonnenaufgang, Sonnenhöchststand und Sonnenuntergang. Schreibt etwas mit und ihr werdet das Phänomen selbst erleben, was viel interessanter sein dürfte, als euch durch eine langweilige Tabelle zu wühlen.
    Beobachtet vielleicht auch mal, wenn ihr eine Reise tut, was momentan ja eher schwierig ist, wie sich die Zeiten durch euren Standordswechsel verändern. Von Karlsruhe bis Berlin habe ich Veränderungen von einigen Minuten gefunden. Wer das beobachtet und nachher noch immer behauptet, dass die Erde flach sei, dem ist nicht mehr zu helfen…
    Wie auch immer.
    Wir haben weiter oben schon die Sonnenuhr erwähnt. Die hat es langsam schwer, wirklich genau zu gehen. Aus diesem Grunde steht an vielen Sonnenuhren eine sog. Zeitgleichung. Sie berücksichtigt die Erdkrümmung, Erddrehung und die sich veränderte Perspektive auf die Sonne. Wie sie genau funktioniert, erspare ich uns für den Augenblick.

  7. Und jetzt noch eine Anmerkung zum guten Schlusse
    In diesem Jahr fällt der Tag der Astronomie mit dem Frühlingsanfang zusammen.
    Das Thema dieses Tages ist in diesem Jahr der Mond. Da darf ich es mir natürlich auch nicht nehmen lassen, auch einen zwar schon etwas älteren, aber nicht minder aktuellen und sehr inklusiven Bericht zu diesem Thema bei zu steuern.
    In diesem Artikel geht es um die Frage:
    Sich blind auf dem Mond orientieren, geht das?
    Auch damit wünsche ich euch einen guten Frühlingsanfang und viel Freude bei diesem schönen Motto des Tages der Astronomie 2021.

Jetzt wünsche ich, vor allem auch den blinden Leser*innen viel Erfolg bei euren astronomischen Langzeit-Beobachtungen.
Das ist mal wieder eine sehr inklusive Geschichte, denn als Mensch mit Blindheit eine astronomische Langzeitbeobachtung zu machen, ist äußerst inklusiv.

Zum Frauentag, 08.03.2021 – Die kleine Schwester – Sophie Brahe


Liebe Leser*innen,
Noch immer ist die Gleichstellung von Frauen in Forschung, Wissenschaft, aber leider auch noch in so vielen anderen Dingen längst nicht erreicht.
auch in diesem Jahr möchte ich aus diesem Grund der Tradition treu bleiben, zum Weltfrauentag, 08.03.2021, einen Beitrag zu veröffentlichen, in welchem eine Astronomin als Beispiel für große Frauen aus der Wissenschaft gewürdigt werden soll

Manchen von euch dürfte schon in der Überschrift aufgefallen sein, dass der Nachname unserer heutigen Hauptperson durchaus kein unbekannter Name ist.
Und ja, es geht tatsächlich um ein Familienmitglied der Brahes, der Familie, aus welcher der große Astronom Tycho Brahe, der später mit Johannes Kepler zusammenarbeitete, entstammte.
Wie ihr merken werdet, ähnelt Sophies Geschichte durchaus des Lebensweges von Frau Lucretia Herschel, die gemeinsam mit ihrem großen Bruder Wilhelm, später aber auch alleine, großartige Astronomie trieb.
Ich schrieb über dieses großartige Geschwisterpaar zum Frauentag 2018.
Dass Tycho seine Schwester derart förderte und unterstützte, hätte ich von ihm nicht gedacht, denn er soll wohl sehr reizbar und nicht unbedingt ein angenehmer Zeitgenosse gewesen sein. Gegenüber seiner Schwester war das wohl offensichtlich anders.

Sophie Brahe wurde am 24. August 1559 auf Schloss Knutstorp, Schonen, geboren.
Sie verstarb 1643 in Helsingør.

Sie, die Schwester von Tycho Brahe, war eine dänische Astronomin
Sophie Brahe war das jüngste der zwölf Kinder von Otte Brahe (1518–1571) und Beate Clausdatter Bille (1526–1602). Ihre Eltern gehörten zu den reichsten und einflussreichsten Familien in Dänemark. Ihr Vater wurde 1563 Mitglied des Reichsrats und später Gouverneur von Helsingborg. Ihre Mutter verwaltete nach dem Tod des Vaters dessen Güter und war von 1584 bis 1592 Oberhofmeisterin der gleichnamigen Königin.
Sophie besaß eine ausgezeichnete Ausbildung. Neben Dänisch sprach sie auch Deutsch. Ihre wissenschaftlichen Kenntnisse musste sie sich größtenteils selbst und gegen den Widerstand ihrer Familie, die wissenschaftliche Tätigkeit für unangemessen für Adlige und ganz besonders für adlige Frauen ansah, aneignen. Unterstützt wurde sie von ihrem älteren Bruder Tycho Brahe. Er unterrichtete sie in Gartenbaukunst und Chemie. Ihre Kenntnisse in der Astronomie, die sie am meisten reizte, eignete sie sich selbständig an, denn Tycho schienen Mathematik und Astronomie als zu kompliziert für ein Mädchen. Da sie nicht Latein hatte lernen dürfen, ließ sie auf eigene Kosten lateinische Bücher übersetzen. Ihr Bruder erkannte ihre Fähigkeiten bald an, so dass sie schon als Jugendliche häufig mit ihm zusammenarbeitete. In seinem Schlossobservatorium Uranienborg auf der Öresundinsel Ven vor Landskrona führten sie gemeinsam Himmelsbeobachtungen durch und verfassten einen neuen Fixsternkatalog von tausend Himmelsobjekten. Gemeinsam beobachteten und beschrieben sie am 11. November 1572 die erste bekannte Supernova, am 8. Dezember 1573 eine Mondfinsternis und 1577 einen Kometen. Ihr eigener Anteil an den Arbeiten ihres Bruders ist mangels Aufzeichnungen nicht genau zu rekonstruieren. Pierre Gassendi berichtet jedoch in seiner Biographie über Tycho Brahe von ihren hervorragenden Kenntnissen.
Die Zusammenarbeit wurde um 1579 von einer erzwungenen Heirat mit dem 33-jährigen Otto Thott und der Geburt des Sohnes Tage Thott (1580–1659) unterbrochen. Sophie legte bei Eriksholm (heute Trolleholm), dem Gutshaus ihres Mannes in Schonen, einen berühmten Garten an, erweiterte ihre chemischen und medizinischen Kenntnisse durch das Studium von Paracelsus und war für die Gutsuntertanen als Ärztin tätig. 1587 überschrieb ihr König Friedrich II., der Tycho sehr förderte, das nahegelegene Gut Årup bei Ivetofta, dessen Kirche sie renovieren und neu ausstatten ließ. Die Kirchenausstattung ist teilweise erhalten.
Nachdem Brahes Ehemann 1588 gestorben war, erzog sie den Sohn und verwaltete ihre Güter. Als Witwe genoss sie größere Freiheit und konnte ihre Studien in Chemie und Medizin fortsetzen und die gemeinsamen Erforschungen der Gestirne mit ihrem Bruder wieder aufnehmen.

Dafür reiste sie mehrmals im Jahr nach Ven. Gemeinsam mit ihm und auch selbständig fertigte sie Horoskope an. Zu dieser Zeit verfasste sie einige eigene Schriften zur Astronomie, die ihr Bruder zu veröffentlichen plante. Diese sind jedoch nicht erhalten. Sie begleitete ihren Bruder auch bei öffentlichen Anlässen, zu denen seine bürgerliche Frau nicht zugelassen war.
1590 verlobte sie sich mit Einverständnis ihres Bruders Tycho mit dem dänischen Adeligen und Alchemisten Erik Lange. Langes Schwester war mit ihrem Bruder Knut verheiratet. Lange verschwendete durch seine Experimente sein ganzes Vermögen und musste 1592 wegen seiner hohen Schulden nach Norddeutschland fliehen. Aus dieser Zeit stammt das 1594 von Tycho Brahe im Stil von Ovid verfasste lateinische Gedicht Urania Titani, ein fiktiver Brief, in dem Urania (Sophie Brahe) die Trennung von Titan (Lange) beklagt. Die Zusammenarbeit der Geschwister endete, als Tycho 1597 erst nach Wandsbeck zu dem Humanisten Heinrich Rantzau und nach dessen Tod 1598 nach Prag an den Hof des kultur- und wissenschaftsbegeisterten Kaisers Rudolf II. zog, wo er 1601 starb. Sophie blieb mit ihren Sohn in Eriksholm zurück. 1598 heiratete ihre gleichnamige Nichte, Tochter ihres Bruders Axel, eine ebenfalls hochgebildete Frau, den Gelehrten Holger Rosenkrantz, mit dem Sophie und Tycho Brahe in wissenschaftlichem Austausch standen.
Als im folgenden Jahr ihr Sohn Tage Thott zu einer mehrjährigen Bildungsreise ins Ausland aufbrach, begleitete Sophie Brahe ihn nach Hamburg und traf dort 1599 den hochverschuldeten Erik Lange wieder und unterstützte ihn. Nach Tychos Tod und einer mehr als zehnjährigen Verlobungszeit heirateten Sophie und Erik Lange 1602 in Eckernförde. Ihre Familie akzeptierte ihre Eheschließung und ihre wissenschaftlichen Studien nicht und hielt die ihr zustehenden Gelder zurück, weshalb das Ehepaar zunächst in Armut lebte, wie Sophie in einem erhalten gebliebenen Brief an ihre Schwester Margaretha klagte. Nach der Hochzeit zogen sie auf ihr Gut Årup, wo sie auch selbst alchemistische Studien durchführte. 1613 starb Erik Lange in Prag, wo er seit 1608 getrennt von seiner Ehefrau gelebt hatte.

Nach Langes Tod ließ Sophie Brahe sich in Helsingør nieder und verfasste eine Genealogie der dänischen Adelsfamilien. Das 1626 abgeschlossene Manuskript umfasst 900 Seiten und wird heute in der Universität Lund aufbewahrt.[6] Nach ihrem Tod wurde sie nicht in Ivetofta beigesetzt, wo bereits ein Grabstein für sie angefertigt war, sondern an der Seite ihres ersten Mannes in der Grabkapelle der Familie Thott in der alten, im 19. Jahrhundert durch einen Neubau ersetzten Kirche von Torrlösa.

Nach Sophie Brahe heißt seit 2006 die Sophie-Brahe-Gemeinschaftsschule in Berlin.

So, das war mein Beitrag zum Weltfrauentag 2021.
Als Quellen dienten mir, wie so oft, Wikipedia und dazu noch ein Artikel der @Riffreporter, den sie mal hinter einem Türchen eines Adventskalenders versteckten.

Women Science Day, 10.02.2021


Liebe Leser*innen,

Am 10.02.2021 war Women Science Day. An diesem Tag finden viele Veranstaltungen statt, die ganz besonders das Lebenswerk von Frauen in Natur- und Technikwissenschaften würdigen. Bis heute sind, wie wir alle wissen, Frauen in MINT-Berufen noch immer sehr unterrepräsentiert. Diejenigen, welche die Flugbahn für das gesammte Mond-Programm berechneten, waren diskriminierte Frauen schwarzer Hautfarbe. Der sehr empfehlenswerte Film Hidden Figures zeigt das alles sehr gut.
Seit Anfang der 1960er Jahre flogen Menschen in den Weltraum. Die erste Frau im All war keine „weiße“ Amerikanerin, sondern Frau Walentina Tereschkowa, die 1962 im Rahmen des soviettischen Weltraumprogramms in eine Umlaufbahn um die Erde geschickt wurde. Bis heute ist sie übrigens die einzige Frau, die ohne männliche Begleitung flog.
Die zweite Frau im All war ebenfalls eine Kosmonautin, Swetlana Sawizkaja.

1983 startete die erste Amerikanerin ins all.
Sally Ride war die erste US-Amerikanerin im Weltraum und nach den Kosmonautinnen Walentina Tereschkowa und Swetlana Sawizkaja die dritte Frau, die einen Raumflug absolvierte.
Im Zusammenhang mit Sally Ride gibt es übrigens eine sehr nette Geschichte die gut dokumentiert, wie sich Ingenieurs-Männer mit „Frauen-Sachen“ auskennen. Sie dreht sich um einhundert Tampons im Weltall.

In einer Folge des Podcasts @Mincorrect wurde sogar ein Song zu dieser Geschichte abgespielt.

Heute scheint mir, hat sich zumindest bei der Auswahl von Astronaut*innen ein etwas besseres Gleichgewicht eingestellt.
Bei der letzten Auswahl von Astronaut*innen der NASA 2017 wurden immerhin schon fünf Frauen von zwölf Bewerber*innen ausgewählt. Das sind

  1. Zena Cardman, U.S. Marine Corps Maj
  2. Jasmin Moghbeli, U.S. Navy Lt
  3. Kayla Barron
  4. Loral O’Hara
  5. Jessica Watkins

Die Europäische Raumfahrtagentur ESA scheint da zumindest nach meinen Recherchen noch nicht ganz so weit und fortschrittlich zu sein. Im aktuellen Astronauten-Korps scheint es momentan nur eine Frau zu geben, nämlich
Samantha Cristoforetti aus Mailand, Italien.

Im Podcast @Raumzeit von Tim Pritlove berichtet sie in Folge 11 über ihre Ausbildung zur Astronautin. In Folge 64 erzählt sie über ihren Aufenthalt auf der ISS.

Es ist hier offenbar noch viel zu tun bei der ESA und ihren Astronaut*innen.
Ab dem 31.03. sucht die ESA wieder neue Astronaut*innen. Hoffentlich bewerben sich viele Frauen und hoffentlich werden einige aufgenommen.

Wie die Situation im japanischen und chinesischen und den anderen Raumfahrtprogrammen aussieht, weiß ich momentan nicht.

Und jetzt gibt es zum Schluss des Artikels noch einen kurzen Beitrag, um eine große Astronomin zu würdigen.

Es geht um Henrietta Swan Leavitt
Henrietta Swan Leavitt, geboren am 4. Juli 1868 in Lancaster, Massachusett, gestorben am 12. Dezember 1921 in Cambridge, Massachusetts war eine US-amerikanische Astronomin. Sie entdeckte 1912 die Perioden-Leuchtkraft-Beziehung, das heißt den Zusammenhang zwischen der absoluten Leuchtkraft der Sternklasse der Cepheiden (Helligkeitsveränderliche Sterne) und deren Perioden unterschiedlicher Helligkeit. Sie legte damit den Grundstein zur Verwendung der Cepheiden als Standardkerzen, um zunächst Entfernungen zu nahe gelegenen Galaxien bestimmen zu können.
Ich finde es äußerst bemerkenswert, dass es einen zuverlässigen Zusammenhang zwischen der Periode in welcher so ein Stern heller und dann wieder dunkler wird und der absoluten Helligkeit gibt. Somit eignet sich dieser Zusammenhang tatsächlich zur Entfernungsbestimmung, denn die Helligkeit konnte man schon ganz gut messen, und wenn man jetzt noch die „Blink-Periode“ betrachtet, dann klappt das mit der Entfernungsbestimmung schon ganz gut. Im Artikel Was haben Kerzen mit Astronomie zu tun beschrieb ich eine andere Art von Standardkerze, die auch zur Entfernungsbestimmung verwendet wird, wer das nochmal nachlesen möchte.
Levitts Methode reicht bis zu einer Entfernung von 20 Millionen Lichtjahren. Bevor Levitt diese Beziehung bemerkte, benutzten Astronomen Parallaxe und Triangulation die bis zu einigen hundert Lichtjahren benutzt werden können. Unsere Galaxie, die Milchstraße, ist aber schon 105700 Lichtjahre groß. Für das Messen von größeren Entfernungen benutzt man auch die maximale Masse von weißen Zwergen. Das ist aber eine andere Geschichte…

Für Astronomie interessierte sie sich bereits schon in der Schule. Durch eine Krankheit wurde sie fast vollkommen taub. Trotzdem bekam sie 1895 am Harvard College Observatory eine Volontärstelle, und sieben Jahre später wurde ihr eine feste Anstellung angeboten (für 30 Cent die Stunde). Dort beobachtete und katalogisierte Leavitt veränderliche Sterne, allein 1904 konnte sie 172 veränderliche Sterne in der großen und 59 in der kleinen Magellanschen Wolke entdecken. Ihre Beobachtungen musste sie auf die Auswertung von Fotografien beschränken, weil Frauen der Gebrauch des Teleskops verboten war.
Interessant ist an dieser Stelle, dass der gehörlose Astronom John Goodricke sich mit ganz ähnlichen Dingen beschäftigte. Die beiden konnten sich nicht gekannt haben.
Über ihn schrieb ich in meinem Buch in „Wissenschaftler mit vier Sinnen“.
Ein Jahr darauf berichtete sie von 843 neuen veränderlichen Sternen in der kleinen Magellanschen Wolke. 1912 entdeckte Leavitt die Perioden-Leuchtkraft-Beziehung bei Cepheiden.
1913 gelang dem Astronomen, Ejnar Hertzsprung dann die Bestimmung der Entfernung einiger Cepheiden der Milchstraße, womit die Entfernung zu allen Cepheiden kalibriert werden konnte. Als 1920 durch Edwin Hubble Cepheiden identifiziert wurden, die Millionen Lichtjahre entfernt lagen, wies er mit Hilfe des Modells von Leavitt nach, dass es sich dabei um Sterne in anderen Galaxien wie in der Andromedagalaxie handelte. Auch konnten erstmals Entfernungen zwischen verschiedenen Galaxien bestimmt werden. Vor diesen Entdeckungen konnte man nur mit Entfernungen bis zu 100 Lichtjahren rechnen, danach stellten Distanzen bis zu 10 Millionen Lichtjahren kein Problem mehr dar.
In all den Jahren der Beobachtung des Sternenhimmels konnte Leavitt vier Novae beobachten und über 2400 neue veränderliche Sterne entdecken. Außerdem entwickelte sie eine neue photographische Messtechnik, die 1913 internationale Anerkennung fand und unter dem Namen Harvard-Standard bekannt ist.
Henrietta Swan Leavitt gilt als Pionierin der Wissenschaft, und das nicht nur, weil sie eine der wenigen und ersten Frauen in höheren Wissenschaften war. Sie war Mitglied in diversen Verbindungen wie

  • Phi Beta Kappa, der American Association of University Women,
  • der American Astronomical and Astrophysical Society,
  • der American Association for the Advancement of Science
  • und ein Ehrenmitglied der American Association of Variable Star Observers.

1921 starb Henrietta Swan Leavitt an Krebs. Zu ihren Ehren tragen der 1973 entdeckte Asteroid (5383) Leavitt und ein Mondkrater (Mondkrater Leavitt) ihren Namen. In Unkenntnis ihres Todes erwog der schwedische Mathematiker Gösta Mittag-Leffler 1925, Leavitt für einen Nobelpreis vorzuschlagen. Da dieser jedoch nicht postum verliehen wird, ging sie letztlich leer aus.

Astronomie aus dem Baumarkt – Mein schönstes Weihnachtsgeschenk 2020


Liebe Leser*innen,

nun meldet sich auch der Blindnerd mit einem etwas länglichen Artikel zurück im Jahre 21. Ich hoffe, ihr konntet alle das etwas andere Weihnachten und das etwas andere Silvesterr trotz allem genießen. Ich hatte es mit einem Freund und seiner Familie in Saarbrücken sehr schön. Es war beschaulich, gemütlich und sehr entspannt.
Dank an ihn und seine Familie, dass sie mich für zehn Tage beherbergt haben, ansonsten wäre die Zeit im Lockdown sehr einsam für mich geworden. Selbstverständlich lief hier alles im Rahmen des Erlaubten und ggf. unter der Maske ab.

OK, die Weihnachtszeit liegt hinter uns. Hoffentlich können und dürfen wir die nächste Weihnachtszeit wieder etwas lockerer in gewohnter Weise feiern.
Es ist zwar etwas spät, wenn ich euch heute von einem Weihnachtsgeschenk, von einem sehr astronomischen Weihnachtsgeschenk erzähle, zumal das neue Jahr quasi schon im Gange war, als ich es per Post zugestellt bekam, aber das ist in der Geschichtsschreibung nichts ungewöhnliches, dass Ereignisse, z. B. Kriege, deren Siege oder Niederlagen, Naturkatastrophen, ja auch Ausbrüche von Pandemien oder Feuersbrünsten später im Nachhinein astronomischen Ereignissen oder Gegebenheiten zugeordnet wurden. Daten werden hierzu beispielsweise Erscheinungen von Kometen oder Sonnen- und Mondfinsternissen zugeordnet. Da wird dann halt noch etwas an der Geschichte geschraubt, dass es wieder passt. Das tue ich heute auch, indem ich ein quasi sagen wir Geschenk, dass ich eher zu Dreikönig als zu Weihnachten bekam, als mein schönstes Weihnachtsgeschenk bezeichne. Später werden die Geschichtsschreiber die zeitliche Lücke vielleicht Problemen der Paketzustellung zuschreiben, denn dass mein Geschenk kein Weihnachtsgeschenk gewesen sein soll, wo doch noch die große Konjunktion, quasi der Weihnachtsstern am Himmel stand, wird niemand im nachhinein behaupten wollen. Vielleicht wird man dereinst Corona der Erscheinung des Kometen Neowise zuordnen. Ich schrieb in meinen Kometengeschichten 4 darüber.
So einfach geht es, dass man, in meinem Fall harmlosen Schwurbel erzeugt. Hüten wir uns vor bösem Schwurbel, der sehr gefährlich sich schlimmer noch, wie das Virus selbst, auf der Welt momentan verbreitet und weit größeren Schaden hinterlassen kann, als das Virus, aber lassen wir das für den Moment und wenden uns dem Geschenk nun zu…

Die Ankunft

am 04. Januar erhielt ich plötzlich einen Anruf von meinem ehemaligen Geschichtslehrer, Freund, Mentor und bis heute Chorleiter, dietmar. Das ist an sich nichts ungewöhnliches, dass der mich anruft, da uns vor allem musikalisch viel verbindet. Ich singe voll Begeisterung in seinem Ehemaligenkor der Blindenschule, in welcher er vierzig Jahre lang unterrichtete und mittlerweile seit ungefähr anderthalb Jahrzehnten seinen wohlverdienten Ruhestand genießt. Er leitet diesen Chor bis heute, unterstützt unsere Folk-Gruppe Soultouch, die sich aus diesem Chor gebildet hat, ich darf bei Auftritten und Proben stets die Tonaufnahmen ziehen und dann versuchen, sie am PC so hin zu bekommen, dass man sie durchaus auch mal auf die eine oder andere Weise veröffentlichen kann, z. B. auf CD.
Es ist also nichts besonderes, dass er mich anruft, zumal ich hier noch einige Abmischungen in der Pipeline habe und wir eine Oster-CD planen.
Anstatt musikalischer Dinge fragte er mich plötzlich, an welche Adresse er mir etwas schicken könnte. Er habe ein etwa 50 cm im Quadrat großes Paket für mich und würde mir das gerne schicken. „Du liebe Güte“, dachte ich. Was soll das denn sein. Liedtexte in Punktschrift schieden aus, denn die schickt er mir elektronisch und ich drucke sie dann. Verstärkt wurde die Spannung noch dadurch, dass er darum bat, dass wir das Paket gemeinsam öffnen, also ich solle ihn anrufen, und er leitet mich an, wie das Teil zu öffnen sei.

Er nannte seine Verpackung „Böhringer-Verpackung“, so heißt er, und ich kann euch sagen, das ist sie auch.
Am Donnerstag nach Dreikönig erhielt ich nun dieses große, flache Etwas.
„Will er mir jetzt ein Bild schenken?“ war mein erster Gedanke. Das wäre ja dann vielleicht nicht ganz das passende Geschenk für einen Blinden. „nein, das kann ich mir nicht vorstellen“, aber wie ein gut verpacktes Bild fühlte es sich tatsächlich an. Die Verpackung besteht aus einem Holzrahmen aus vier Leisten, einer Rückwand aus Karton, einem Deckel auch aus Karton und alles war äußerst raffiniert und kunstvoll mit hochwertigem Tape verklebt. Nicht zuletzt hatte das Paket noch eine Trageschnur. Ich hielt meine Neugierde aus und wartete auf seinen Anruf, damit wir den Schatz gemeinsam heben würden, wie ich es ihm versprochen hatte.

Die Schatzhebung

Sein Anruf kam am Freitag Abend. Allerdings zunächst etwas ungünstig, da mir wenige Minuten vorher ein Bote etwas anderes flaches in einem Karton vorbei brachte, eine Pizza. So vertröstete ich Dietmar auf später, öffnete ein Fläschchen wein und versorgte die Pizza in meinem Bauch. Dann suchte ich meine Ausrüstung,

  • Messer,
  • Schere,
  • Headset für die freien Hände,
  • Telefon,
  • mein Weinglas, das Teleskop des blinden Astronomen
  • das Paket

zusammen, setzte mich aus Platzgründen auf meinen Wohnzimmerteppich und rief ihn an. Ich hatte mir schon ausbedungen, wo ich das Messer zuerst ansetzen würde. Sofort kam von ihm die Warnung, dass ich um Himmels willen nichts und nirgendwo schneiden solle. „Wie soll das dann aufgehen“, dachte ich mir. „Hat er dafür einen Zauberspruch?“
Nein, den hatte er nicht, sondern etwas viel besseres. Er dirigierte meine Hände über den Deckel des Paketes, indem ich zuerst den Ausgangspunkt, den Adressaufkleber finden sollte. Von dort aus ging es dann in verschiedene Richtungen an die Ränder des Paketes, wo ich die Verklebung fühlen konnte. Und was war das. Da gab es wirklich nichts zu schneiden. Dietmar hatte die Tapestreifen so verlängert, dass er sie zu Laschen umschlagen konnte. Ein kurzer Ruck an jedem, ein deutlich hörbares Ratschen und der Klebestreifen ließ sich rückstandsfrei öffnen. Es war halt sehr gutes Klebeband. Ich erkannte es sofort. Damit verklebten wir über dreißig Jahre unsere Kabel am Boden unterschiedlichster Bühnen, wo ich mit verschiedensten Bands auftrat. Ob Hochzeit, Tanzabend, Schulfest, Folk-Fest etc. dieses Klebeband hielt quasi unsere Bands, zumindest unsere Ausrüstung zusammen und niemand stolperte über seine eigenen Kabel und Füße. Übrigens war ich von 1986 – 1989 Gründungsmitglied, Bassist und Sänger in der Schulband, der Schule, an welcher Dietmar unterrichtete und ich Schüler war. Abends und nachts schrien wir unsere Seelen in die Mikros, und tagsüber mussten wir uns dann müde und verkatert durch Dietmars Geschichtsunterricht quälen, der aber meistens ganz interessant war.

Die Schule, um die es ging, ist die Nikolauspflege Stuttgart, eine Ausbildungsstätte für Menschen mit Blindheit oder Sehbeeinträchtigung.

Tja, solche Erinnerungen kommen einem, wenn sich Freunde so lange kennen, miteinander telefonieren und man dieses Klebeband in Händen hält. Also, nun waren alle Laschen gelöst und ich konnte den Deckel von mir weg aufklappen.

Die Erkundung

Nun tastete ich und tastete, fühlte dicke und dünnere Punkte auf Folie, manche davon waren durch Striche miteinander verbunden, und bei genauerem Tasten fand ich sogar Beschriftungen in Punktschrift.
Und da durchfuhr es mich. Ähnlich dem klaren und lauten C-Dur-Akkord, der in Joseph Haydns Schöpfung heraus bricht, als „Es werde Licht“ gesprochen wird, bei dem es mir immer, wenn ich nur an diesen Klang denke, kalt den Rücken herunter läuft, so geschah es mir auch jetzt. Mit Wucht und Klarheit traf es mich. Was hier vor mir auf dem Boden lag, ist eine taktile Sternnkarte. „Wo hat er die denn jetzt wieder ausgegraben“ fragte ich ihn. Ihr müsst wissen, dass solche tastbaren Sternenkarten äußerst selten sind, fast so selten wie die Zauberringe der Elben aus Herr der Ringe und aus dem kleinen Hobit.

Sie sind äußerst schwer herzustellen.

Exkurs über die Herstellung der Sternkarte

Man musste damals, als es noch keine 3D-Drucker, keine graphikfähigen Braille-Drucker und keine Lasercutter gab, mühsam das Modell der Karte auf einem Brett erstellen. Zunächst muss man die Karte zeichnen, bzw. eine auf das Brett kleben, was meist ob der Größe, die man zum Ertasten benötigt nicht ausreicht, also muss man sie skalieren, vergrößern und irgendwie für die Modellierer*in sichtbar auf das Brett aufbringen. Dann werden die Löcher für die Sterne gekörnt (angebohrt). Danach müssen Alle Verbindungsdrähte geschnitten werden, welche dann mit den Sternen als Ecken die Sternbilder ergeben sollen. Linien, die es am Himmel nicht gibt, aber die wir uns in unserer äuropäischen Kultur schon seit der Antike so ausgedacht haben, um Orientierung am Himmel zu haben. Und da ist gleich noch ein Problem. Der Himmel befindet sich an der Innenseite einer Halbkugel, die sich über uns wölbt. Das Brett aber ist flach. Hat jemand von euch schon mal versucht, z. B. einen abgeblasenen Ball flach auf einen Tisch zu legen? Es wird niemals ohne Falten gehen, weil eine Kugel einfach eine Kugel ist. Auf ihr herrscht eine völlig andere Geometrie als auf einem Brett. Dort ist die Ggeometrie flach. Das bedeutet, dass ein Dreieck eine Winkelsumme von 180 Grad besitzt.
Auf einer Kugel kann man drei Linien sich rechtwinklig so schneiden lassen, dass man ein Dreieck mit drei rechten Winkeln, also 270 Grad als Winkelsumme bekommt.
Stellt euch z. B. einen Globus mit seinem Äquator vor. Nun wählen wir uns einen Längengrad, z. B. den Null-Meridian. Wir führen ihn auf dem Globus weiter, bis sich die Linie schließt. Nun nehmen wir einen weiteren Längengrad, der an den Polen mit dem ersten einen Winkel von 90 Grad bildet. Das tuen die beiden Längengrade mit dem Äquator auch,
Und siehe da. Wir haben Dreiecke mit drei rechten winkeln.

Also muss auch das immer dann beachtet werden, wenn man flache Karten zeichnet. Erstellt man einen Grundriss einer Wohnung, oder vielleicht noch eines Hauses, dann schlägt die Erdkrümmung noch nicht so sehr zu, aber Geodäten (Weltvermesser) bekommen es dann schon mit der Kugelform der Erde zu tun, vor allem auch bei Seekarten etc.
Wer einen Globus mit einer flachen Weltkarte vergleicht, auf welcher noch die Längen- und Breitengrade eingezeichnet sind, wird die Verzerrung deutlich fühlen. Das schlägt am Himmel natürlich auch zu.

Nun werden einzeln die Sterne genagelt, verschraubt und miteinander mit den Drähten verbunden, dass sich langsam die Sternbilder aufbauen. Das ist sehr kniffelig, denn die Drähtchen sollen sich ja auch nicht verbiegen und die Nägel oder Schrauben nicht krumm sein. Bei meiner Karte hier hat sich der Schöpfer sogar die Mühe gemacht, dickere und dünnere Nägel für unterschiedlich helle Sterne zu verwenden. So ist z. B. der Sirius sehr dick. Nun müssen die Schildchen für die Blindenschrift geschrieben werden. Ohne Computer war das früher nur so möglich, dass die sehende Modellierer*in die Punktschrift selbst mit einer Punktschrifttafel oder Punktschriftmaschine erzeugen kann, bzw. es muss eine blinde Person zu Rate gezogen werden, die das erledigte.

Sorry, ihr Lehrer*innen, die ihr blinde Menschen unterrichtet. Wer von euch kann das noch ohne Computer und Punktschriftdrucker?

Ich kenne sogar blinde Menschen, die nicht mehr auf einer Punktschrift-Tastatur klar kommen. Ist ja dank der modernen Technik auch nicht mehr so wichtig, aber ich denke doch, dass zumindest geburtsblinde Menschen, oder solche, die die Beeinträchtigung relativ jung erwerben, das noch lernen sollten. Ohne Punktschrift auf Papier schreiben zu können, hätte ich, nur an der Braille-Zeile arbeitend, meine Mathematik-Studien an der Uni niemals geschafft.

Nun ist das Modell, die Vorlage fast fertig.
Es muss nun noch für die Vakuum-Maschine präpariert werden, damit man mit dem Tiefzieh-Verfahren Folienabzüge davon anfertigen kann.

Exkurs über das Tiefzieh-Verfahren in der Welt der Blinden

Das Tiefzieh-Verfahren funktioniert so, dass man eine Folie auf das Modell legt, und beides dann in den Tiefzieh-Ofen schiebt. Ein Klapprahmen am Rand verhindert das Verrutschen der Folie. In diesem Apparat wird nun die Folie durch Erwärmung weich gemacht. Gleichzeitig wird von unten die Luft aus dem Ofen gesaugt. Dieses Vakuum zieht nun die weiche heiße Folie über das Modell. Kühlt man das ganze dann ab, bleibt ein Folienmodell der Sternenkarte zurück. Dies kann man nun mit neuen Folien wiederholen, und erhält dann mehrere Kopien des Modells.
Der Teufel steckt aber auch hier im Detail. Durch ein hartes Brett lässt sich kein Vakuum ziehen. Das muss die Modellierer*in bedenken und kleine Löcher in die Platte bohren, damit durch diese die Luft abgesaugt werden kann. Verteilt man diese Löcher nicht richtig auf dem Brett, dann passiert es, dass das Vakuum ungleichmäßig gezogen wird, die Folie dann falten wirft, die man im Nachhinein nimmermehr heraus bekommt und die Folie ist dann kaputt. Auf diese Weise haben unsere Lehrer früher mit Punktschrift-Vorlagen auf Papier, die sie von Hand mit einer Punktschriftmaschine abschreiben mussten, Folienkopien für uns erstellt. Normalerweise durften wir diese Folientexte natürlich behalten, denn wir mussten deren Inhalt ja noch lernen… Zu Zeiten der Ölkrise Anfang der 70er Jahre wurden die teuren Folien aber wieder gesammelt und neu eingeschmolzen. Daran kann ich mich noch als kleiner sechs oder siebenjähriger Schüler erinnern, das das gemacht wurde.

Der Fund

Also, nun lag dieses sehr aufwändig hergestellte Geschenk vor mir und ich war den Tränen vor Rührung nahe und musste erst mal an meinem Weinchen nippen.

  • Wie kam ich zu der Ehre, dass mein Freund mir eine solche Karte schenkt?
  • Wo hat er sie gefunden?
  • Wie alt mag sie sein?
  • Gibt es die Vorlage dafür noch?
  • Lebt der Hersteller der Vorlage noch?
  • Wie kann ich demjenigen danken, der die Kopie für mich gezogen hat
  • Wie kann ich Dietmar und den hilfreichen Personen das je danken?

Das waren so Fragen, die mir da demutsvoll durch den Kopf gingen.
Es ist so, dass es vermutlich an nahezu allen Blindenschulen noch Speicher, Keller und Abstellräume gibt, wo noch derlei Schätze lagern. Heute lagern die Modelle nur noch auf Festplatten von Computern oder in Clouds, damit sie für die Nachwelt verfügbar bleiben.
Dietmar interessiert sich schon immer, schon auch als Historiker, für alte Sachen. Er findet solche Schatzgruben und hütete sie auch, als er noch nicht pensioniert war.
Er hütete sie nicht nur, sondern verwendete sie in seinem Unterricht. Einmal, als ich in einer Pause entweder einem Mädchen nachgehen wollte, eine Zigarette rauchen oder einfach nur ein biologisches Grundbedürfnis hatte, rief er mich plötzlich in seinem schwäbischen Dialekt an.

Kosch Dur mir amol helfe, ebbes zum trage? Mir brauche des bei euch in der nächste Stond.

Willig und damals noch den Lehrern hörig, ließ ich von meinem geplanten Vorhaben ab, erklärte mich freundlich bereit und folgte ihm in seinem schnellen Schritte in einen Raum, in dem ich vorher noch nie gewesen war. Moderig und stickig war dort die Luft. Besonders viel Licht gab es dort auch nicht, was ich damals noch sehen konnte. Was er getragen haben wollte war ein etwar 120 auf 80 cm großes Modell eines Schützengrabens, dessen Funktionsweise er uns in seinem Geschichtsunterricht näher bringen wollte. „Um Gottes Willen“, mag da mancher pazifistisch orientierte Alt-Achtundsechziger Pädagoge gedacht haben. „Wieso muss man Blinden so etwas zeigen“. Ich denke, man muss schon. Dinge werden nicht dadurch besser, indem man sie verschweigt. Auf jeden Fall war das Ding aus Gibs gemacht, aus sehr vielen Kilo Gibs. Mein Rücken erinnert mich vermutlich manchmal noch heute an diese eine kleine Pause, an diese einen schneidendenSchmerzen in meinem Rücken. Zumindest kommt die Erinnerung daran, wenn er mal wieder zickt. Die Liebe zu Dietmar ist es aber Wert, sich auch mal über seinen Rücken an ihn zu erinnern. Nein, Quatsch, aber ich glaube, ich hatte bis da hin noch nie so etwas schweres in meinem leben getragen.
Aber zurück zum Archiv, Du alter Schwätzer…

In solch einem Archiv stieß er wohl auf die Vorlage zu dieser Sternenkarte. Da das Modell noch in Takt schien, wendete er sich an einen Lehrer, einem Bruder im Geiste, der noch an dieser Schule arbeitet und bat ihn, einen Folienabzug von dieser Karte extra für mich zu erstellen.

Wer das Modell, ich vermute mal in den siebziger Jahren des letzten jahrhunderts erstellt hatte, lässt sich leider nicht mehr genau sagen. Dieser Lehrer lebt mit Sicherheit auch nicht mehr. Es gibt mehrere Kandidaten, die dafür in Frage kämen, von denen mein pensionierter Freund noch welche kannte. Entweder ein Lehrer hat das Modell in seiner Freizeit erstellt, wie das noch zu meiner Zeit oft geschah, oder es gab auch Angestellte, die als Modellbauer an Blindenschulen arbeiteten. Heute heißen diese Zentren Medienzentren und deren Hauptwerkzeuge sind Computer und Spezialdrucker.

Diese technischen Entwicklungen haben natürlich den enormen Vorteil, dass man Modelle über Dateien leicht austauschen und auf Plattformen für alle zugänglich speichern kann, welche über die entsprechende Ausrüstung verfügen.

Das hat den Vorteil, dass diese so erstellten Modelle gleich allen zur Verfügung stehen. Früher haben sperrige Holz-Modelle u. Ä. die Mauern einer Blindenschule nie verlassen. Wollte beispielsweise eine andere Blindenschule auch eine Sternenkarte haben, dann wurde das Rad eben neu erfunden.

Der Pädagoge erwacht

Nun erzählte mir Dietmar, wie die Karte funktioniert. Zum Glück habe ich schon viel Erfahrung mit taktilen Sternkarten. Ich suchte sofort in ihrem Zentrum den Nordstern, den großen Wagen, der zum großen Bären gehört, die nördliche Krone und dann nach und nach die verschiedenen Sternbilder weiter außen. Bei den Tierkreis-Zeichen ist neben der Beschriftung in Punktschrift weiter außen noch ein Ring mit kleinen Modellen der Tiere angebracht, z. B. ein Fisch, ein Widder etc. So sprachen wir noch lange und erzählten uns auch gegenseitig unsere Eindrücke und auch Geschichten zu den verschiedenen Konstellationen. Mein Freund wollte absolut sicher gehen, dass ich alles auf dieser Karte erkenne. Er wollte sicher gehen, dass die Karte mich nicht enttäuscht. Ja, das dachte er wirklich. Ich weiß nicht wieso. Er ahnt nicht, oder vielleicht langsam, was für eine ungeheure Freude er mir da gemacht hat. Diese Karte ist weit mehr, als nur eine Sternkarte.

  • Sie verbindet mich mit ihm.
  • Sie verbindet mich mit dieser Schule. Ohne auf diese Schule gegangen zu sein, wäre ich niemals Astronom geworden.
  • Sie verbindet mich mit dem besten Physik- und Chemieunterricht, den ich je hatte. Ein ganzes Kapitel in meinem Buch, Blind zu den Sternen widmete ich diesem Unterricht, den ich an dieser Schule genießen durfte. Leider kann auch diese Lehrerin nicht mehr erleben, was sie mit ihren Stunden für einen Samen in mein Herz gesäht hat, und wie der aufgegangen ist.

Zusammenfassung, wie die Karte nun aussieht

Es gibt ganz unterschiedliche Sternkarten. Je nach dem, was man damit machen möchte. Ich besitze derlei vier, wenn ich die digitale Universe2Go-App dazu zähle.

Die einfachste Sternkarte, die ich besitze, kann ich eigentlich nicht nutzen. Man kann zwar die Leuchtfarbe und somit die Sternbilder ertasten, aber damit macht man sie auf Dauer kaputt, weil der Fingerschweiß sicherlich das Papier und diese spezielle Farbe zerstört.
Sie ist eine Tabelle aller Sternbilder. Sie ist auch ein wertvolles Stück aus der Zeitschrift Yps, die mein Jahrgang vielleicht noch kennt. Da waren immer so lustige Bastel-Sachen drin. Die Sternbilder auf dieser Karte leuchten nachts, wenn man sie z. B. mit einer Taschenlampe dazu anregt. Damit kann man eigentlich nur vergleichend nach dem suchen, was man am Himmel gerade gesehen hat. Somit ist sie eher nicht zur Orientierung günstig, denn aufgehende Sternbilder verändern ihre Winkel und welche, die nicht unter gehen, sieht man sogar auf dem Kopf. Wertvoll ist mir dieses gute Stück, weil ich es von einem Freund und ehemaligen Arbeitskollegen erhalten habe, der meinte, bei mir wäre es besser aufgehoben. Er liest hier mit, und somit brauche ich seinen Namen, er heißt Michael, hier nicht zu nennen. Ich bin stolz auf unsere Freundschaft und auf die Sternkarte natürlich auch. Leider habe ich noch kein Foto davon für euch. Müsste ich mal nachts machen lassen, wenn sie leuchtet. Ob das geht?

Die üblichsten Sternkarten sind rund und drehbar. die untere Scheibe zeigt, z. B. wie die Karte von Dietmar, den Nordhimmel. Damit man sich in diesem Wimmelbild besser zurecht findet, ist die Sternkarte mit einer Deckscheibe versehen, die eine Öffnung hat. Außen, wo sich die Tierkreiszeichen befinden, verfügt so eine Planasphäre noch zwei ringförmige sie umlaufende Skalen. Hier kann man Monat, Tag und Urzeit der Beobachtung einstellen. Oft auch nur Monat und Tag. Dann werden von der oberen Scheibe alle Sterne abgedeckt, die man zu dieser Einstellung eben nicht sehen kann. Dann findet man sich schon etwas besser zurecht.

Solch eine alte taktile Karte besitze ich auch. In der Schweiz hat sich vor sicher mehr als vierzig Jahren mal jemand die Mühe gemacht, so etwas für uns Blinde zu erstellen. Auch ich habe diese Karte aus dem Speicher unseres Institutes vor vielen Jahrzehnten gerettet. Ansonsten wäre sie längst schon verfallen. Ihre Folie wird schon langsam brüchig, und ich zeige sie nur noch ganz Hand verlesenen leuten.
Ihr, liebe Leser*innen gehört natürlich dazu. Hier ein Foto, wie ich mit der Karte arbeite.
Wie ich die Sternenkarte abtaste

An der Sternwarte St. Andreasberg ist eine sprechende Himmelsscheibe entstanden, die auf so einer Karte beruht. An deren Entwicklung war ich nicht beteiligt, aber ein blinder Physiker aus Kiel und der Verein Andersicht e. V., dessen Mitglied ich bin.

Nun ja, und jetzt haben wir eben noch die neueste wunderbare historische Karte aus der Nikolauspflege, gefunden von Dietmar, Kopiert für mich von einem Lehrer, der noch an dieser Schule arbeitet und gezeigt und präsentiert von mir.

Ihr könnt sie euch so vorstellen, wie das untere Blatt einer drehbaren Sternkarte. Sie hat außen keine Zahlen, um Datum und Urzeiten einzustellen und auch kein rundes Deckblatt, was einem den gewünschten Himmelsausschnitt zeigt.

Ich hoffe, dass man sie auf den Fotos gut sehen kann, denn sie ist ja nur taktil und einfarbig.
Ausschnitt Kartenzentrum

Ganze Karte

So, meine lieben.
Das war alles, ihr Leute,
das war alles für heute,
das war ein teil aus meinem Repertoire.

Dieser Artikel gebührt der Ehre für

  • Dietmar Boehringer, der die Idee hatte, mir von seinem Fund eine Kopie ziehen zu lassen.
  • Sie gebührt auch dem Lehrer, der die Kopie zog, und deshalb noch mein signiertes Buch erhalten wird,
  • meinem Freund Michael, der mir die Yps-Karte überlies,
  • dem Speicher unseres Institutes, der die drehbare Karte für mich bewahrte
  • vielen Mitarbeitern unseres Institutes, die mit mir gemeinsam meine taktilen Astromappen und Modelle entwickelten
  • meinen Vorgesetzten, die das alles mit tragen
  • Martin, der mit mir gemeinsam Universe2Go auf eine Ebene hebte, dass Orientierung am Himmel für uns nun klare Wirklichkeit ist.

Diese alle haben für uns blinde Menschen ein Tor geöffnet, das Tor zum Himmel.

Weihnachtsereignis am Himmel 2020 – Was war der Stern von Betlehem


Liebe Leser*innen,
Weihnachtszeit ist Sternenzeit. Was liegt näher, als sich dann ein weihnachtlich-astronomisches Thema zu suchen. Wir hatten derer schon viele, z. B fragten wir uns schon, ob ein Stern als Navi taugt, wie man auf der ISS das Weihnachtsfest begeht, und welche Probleme hierfür zu lösen sind, was Kerzen mit Astronomie zu tun haben oder wo das zu weihnachten gerne verschenkte Gold hier auf der Erde her kommt.
Aus aktuellem Anlass befassen wir uns heute, Dezember 2020 u. A. mit einem Phänomen am Himmel, welches glatt ein Kandidat für den Stern von Betlehem abgeben könnte. Gehen wir also auf Spurensuche, welchen astronomischen Ereignissen am Himmel der Stern von Betlehem noch zugeordnet werden könnte.

Die Huldigung der Sterndeuter: Matthäus 2, 1–12

  1. Als Jesus zur Zeit des Königs Herodes in Betlehem in Judäa geboren worden war, kamen Sterndeuter aus dem Osten nach Jerusalem
  2. und fragten: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen.
  3. Als König Herodes das hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem.
  4. Er ließ alle Hohenpriester und Schriftgelehrten des Volkes zusammenkommen und erkundigte sich bei ihnen, wo der Messias geboren werden solle.
  5. Sie antworteten ihm: In Betlehem in Judäa; denn so steht es bei dem Propheten:
  6. Du, Betlehem im Gebiet von Juda, bist keineswegs die unbedeutendste unter den führenden Städten von Juda; denn aus dir wird ein Fürst hervorgehen, der Hirt meines Volkes Israel.
    Micha 5, 1.3; 2. Samuel 5, 2
  7. Danach rief Herodes die Sterndeuter heimlich zu sich und ließ sich von ihnen genau sagen, wann der Stern erschienen war.
  8. Dann schickte er sie nach Betlehem und sagte: Geht und forscht sorgfältig nach, wo das Kind ist; und wenn ihr es gefunden habt, berichtet mir, damit auch ich hingehe und ihm huldige.
  9. Nach diesen Worten des Königs machten sie sich auf den Weg. Und der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, zog vor ihnen her bis zu dem Ort, wo das Kind war; dort blieb er stehen.
  10. Als sie den Stern sahen, wurden sie von sehr großer Freude erfüllt.
  11. Sie gingen in das Haus und sahen das Kind und Maria, seine Mutter; da fielen sie nieder und huldigten ihm. Dann holten sie ihre Schätze hervor und brachten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe als Gaben dar.
  12. Weil ihnen aber im Traum geboten wurde, nicht zu Herodes zurückzukehren, zogen sie auf einem anderen Weg heim in ihr Land.

Mit diesem Bibelzitat sind wir auch schon voll im Thema.
Morgen Abend erwartet uns ein Schauspiel am Himmel, dass als Stern von Betlehem durchgehen kann. Grund genug, sich mal damit zu befassen, welche Überlegungen und Ideen durch die Jahrhunderte hindurch entstanden sind, was denn dieser Stern nun sein könnte.
Dieser Suche wollen wir in diesem Artikel mal nachspüren,
Wichtig an der Geschichte ist ja nicht nur der Stern und was er war, sondern auch die besondere Eigenschaft, dass er vor „ihnen“ her zog und über dem Stall stehen blieb. Sie benutzten ihn quasi als Navi und liefen einfach hinter ihm her. Ob ein Stern als Navi taugt, beschrieb ich im Artikel „taugt ein Stern als Navi“, den ich passend zum Thema wärmstens empfehlen darf.
also los.

Antiker Hintergrund:

Astrologen und Astronomen, was früher dasselbe war, versuchten seit Jesu Geburt heraus zu finden, welches Ereignis am Himmel der Geburt Jesu zugeordnet werden könnte. Vor allem bei Horoskopen war es wichtig, mittels Himmelsereignissen, z. B. dem Erscheinen von Kometen, Finsternissen oder besonderer Planeten-Konstellationen, treffende Voraussagen machen zu können. Somit ist es folgerichtig, nach der Ursache des Sterns von Betlehem zu suchen.

Im Grunde genommen lehnte das Judentum, aus welchem dann die christliche Religion entstand, Sterne als Götter o. Ä. ab, aber es gab auch unter den Autoren der Bibel welche, die die Sterne mit gewissen Ereignissen auf Erden in Verbindung brachten. So fallen im Buch der Offenbarung des Johannes, Kap. 6 Sterne vom Himmel als Ankündigung des nahenden Weltgerichtes und bei den Propheten finden sich Zeichen des Unheils am Himmel, die z. B. durch Finsternisse angekündigt wurden.

Idee 1 – War es ein Komet?

Kometen waren stets Bringer, meist von Unheil im weitesten Sinne. Sie erschienen unangekündigt und verschwanden wieder. Man wusste nicht, was sie waren und auf welchen Bahnen sie sich bewegten. Darüber schrieb ich in Kometengeschichten 4.
So begann die christliche Theologie, stark vom Hellenismus und griechischer Metaphysik geprägt, nach dem Stern von Betlehem zu fanden. Origenes, Theologe aus der hellenistischen Schule von Alexandria vertrat dokumentiert als einer der ersten die Meinung, der Stern von Betlehem sei ein Komet gewesen, weil sich große Veränderungen und Ereignisse in der Welt häufig durch Kometen ankündigten.

Seit Beginn des 14. Jahrhunderts stellen Künstler den Stern von Betlehem als Kometen dar: so als einer der ersten Giotto di Bondone aus Florenz, nachdem er 1301 den Halleyschen Kometen beobachtet hatte, von dem schon antike Quellen recht oft berichten. Beeindruckt davon malte er zwei Jahre später diesen auf dem Fresko Anbetung der Könige „in der Scrovegni-Kapelle in Padua als Stern von Betlehem.

Es gibt chinesische und koreanische Hinweise über eine derartige Himmelserscheinung des Jahres vier oder fünf n. Chr.
Heute geht man davon aus, dass der chinesische Bericht einen Datierungsfehler enthalten könnte. Man schreibt deren Ereignis aufgrund anderer Hinweise heute eher einer Nova zu.
Gegen die Kometen-Theorie spricht:

  • Der Halleysche Komet war zwischen Oktober 12 v. Chr. und Februar 11 v. Chr. sichtbar, der Erde am nächsten war er am 29. Dezember 12 v. Chr. nach dem gregorianischen Kalender.[5] Die Geburt Jesu wird dagegen zwischen 7 und 4 v. Chr. (Tod des Herodes) angesetzt.
  • Kometen sind irregulär auftauchende Himmelskörper, die nach dem Volksglauben um Christi Geburt meist mit Unheil, nicht mit Heil, verbunden wurden.
  • Die Weisen aus dem Osten hätten nicht wissen können, dass gerade dieser Komet mit der Geburt eines bestimmten Königs in Israel oder Juda zusammenhängt.
  • Die Erscheinung eines Kometen wäre nicht nur den Weisen, sondern auch vielen anderen aufgefallen. Uns sind aber keine außerbiblischen Überlieferungen bekannt.
  • Ein Komet hätte keinen exakten Ort markiert und wäre nicht an einer bestimmten Stelle stehengeblieben.

Idee 2 – Konjunktions-Theorien

Seit dem Sassanidenreich im 3. Jahrhundert sahen Astrologen in einer großen Konjunktion (Begegnung) der Planeten Jupiter und Saturn Vorzeichen wichtiger historischer Ereignisse, etwa eines neuen Zeitalters, einer neuen Dynastie, der Geburt eines Propheten oder eines gerechten Königs. Jüdische Gelehrte wie Māschā’allāh ibn Atharī, Abraham Ibn Esra und Levi ben Gershon folgten dieser Grundannahme. Manche ihrer Vorhersagen wurden im jüdischen Messianismus auf die Geburt des Messias bezogen.
Der Astronom und Astronomiehistoriker Konradin Ferrari d’Occhieppo wies seit 1964 in mehreren Publikationen auf die bereits von Kepler bemerkte und sehr seltene dreifache Jupiter-Saturn-Konjunktion im Zeichen der Fische hin. Diese schien gut in den ungefähren Zeitraum der Geburt Jesu zu passen. Laut d’Occhieppo musste ein babylonischer Astronom eine solche Konjunktion als Hinweis auf ein Ereignis in Israel (Judäa) verstehen, weil Jupiter der Stern des babylonischen Gottes Marduk gewesen sei, während Saturn als Planet des jüdischen Volkes gegolten habe. Der westliche Teil des Fischezeichens habe unter anderem für Palästina gestanden. Daraus hätten babylonische Astronomen folgern können: Königstern (Jupiter) + Israelschützer (Saturn) = „Im Westen (Sternbild der Fische) ist ein mächtiger König geboren worden.“
Als Einwände werden genannt:

  • Ein dreimaliges Zusammentreffen von Jupiter und Saturn komme selten vor und führe nie zur Verschmelzung beider Lichtpunkte, so dass es sich nicht zwingend auf den einen, in Mt genannten Stern beziehen lasse.
  • Matthäus gebrauche das griechische Wort für „Stern“ und nicht das für „Planet“ oder „Planetenkonstellation“. Man habe damals sehr wohl zwischen Fixsternen und Planeten unterscheiden können. Dieser Einwand setzt voraus, dass der Evangelienautor diese Unterscheidung kannte.
  • Zweifelhaft sei vor allem, ob Saturn für babylonische Astronomen der kosmische Repräsentant des Volkes Israel war. Saturn (akkadisch kewan) wurde nach babylonischer Deutung mit dem Land Syrien verbunden, nach griechischer Deutung mit dem Gott Kronos, der in manchen antiken Zauberbüchern mit dem jüdischen Gott JHWH gleichgesetzt wurde – möglicherweise wegen des jüdischen Sabbat, der mit dem „dies Saturni“ (Saturnstag, englisch Saturday) zusammenfiel. Eine Siebentagewoche mit Planetennamen als Tagesnamen war bei den Babyloniern gebräuchlich. Trotzdem erscheint die Übertragung vom Planeten Saturn auf das Judentum zweifelhaft, da dessen Verehrung im Tanach geradezu als ein Zeichen des Abfalls vom Judentum erscheint
  • Heute sind mindestens vier Keilschrifttafeln bekannt, auf denen die Babylonier die Ephemeriden (Umlaufbahnen) von Planeten wie Saturn und Jupiter im Jahr 7 v. Chr. vorausberechnet haben. Dort spielte deren große Konjunktion keinerlei Rolle. Ob die Babylonier ihr überhaupt Bedeutung beimaßen, ist daher ebenfalls zweifelhaft.

Bis heute hat die Konjunktions-Idee nichts an Faszination eingebüßt. Um die Weihnachtszeit bieten Planetarien immer wieder Reisen in die Vergangenheit zur Geburt Jesu an.
Es gibt noch weitere Konjunktions-Ideen, bei denen Mond und Venus noch eine Rolle spielen, aber die erspare ich uns an dieser Stelle.

Idee 3 – War er eine Nova (Sternexplosion)?

Der Astronom Johannes Kepler kannte Berechnungen von Planeten-Konjunktionen.
Er beobachtete im Dezember 1603 am Morgenhimmel im Sternbild Schlangenträger eine Konjunktion zwischen Jupiter und Saturn. Im Herbst 1604 gesellte sich der Planet Mars am Abendhimmel zu den beiden Planeten. Ab 9. Oktober 1604 leuchtete in über 9 Grad Distanz dazu im gleichen Sternbild die Supernova 1604 auf. Kepler beobachtete sie ab dem 17. Oktober 1604 im „feurigen Dreieck“ der Tierkreiszeichen Widder, Löwe und Schütze, als sie eine scheinbare Helligkeit von −2,5 Magnituden (astronomische Maßeinheit für Helligkeit) erreichte und damit der hellste Lichtpunkt am Abendhimmel wurde. Er konnte das Phänomen mit dem Wissen des 17. Jahrhunderts nicht erklären und vermutete daher, die vorangegangene dreifache Konjunktion habe einen „neuen Stern“ verursacht. Daraus folgerte er, auf eine damals schon bekannte Konjunktion von Jupiter, Saturn und Mars im Jahr 7/6 v. Chr. sei ebenfalls solch ein neuer Stern gefolgt. Um diesen mit dem Stern von Betlehem in Matthäus 2 gleichzusetzen und näher an Jesu Geburt zu rücken, datierte er die dreifache Konjunktion jedoch falsch auf das Jahr 5 v. Chr.; Jesu Geburt datierte er auf 4 v. Chr.

Keine bekannte Chronik verzeichnet ein als Supernova interpretierbares Himmelsphänomen zeitnah nach jener Konjunktion.
Außerdem haben sich begegnende und überholende Planeten nichts mit Novae zu tun. Dadurch entstehen sicher keine neuen Sterne. Das wird schon dadurch klar, dass sich der erdnahste Stern Alpha Centauri über vier Lichtjahre von uns entfernt befindet. Dieses Wissen war Kepler damals noch nicht zugänglich, und somit war seine Nova-Vermutung ein Irrtum, was diesem genialen Kopf, Wissenschaftler und Astronomen nicht abträglich ist. Ganz am Rande sei bemerkt, dass sowohl Kepler, als auch Galilei teilweise ihr Geld durch die Anfertigung von Horoskopen verdienten. Somit waren sie zumindest im „Nebenberuf“ auch Astrologen. Die Astronomie als eigene Wissenschaft spaltete sich erst später von der Astrologie ab.

Was ist denn nun der Stern von Betlehem 2020?

Momentan schickt sich der schnellere Jupiter gerade an, Saturn auf seiner Innenbahn zu überholen. Das bedeutet, dass von uns aus gesehen sich die beiden Planeten am Abendhimmel immer näher kommen. Am 21.12.2020 stehen sie dann so nahe beieinander (ein Zehntel Grad), dass man sie mit bloßem Auge nicht mehr voneinander unterscheiden kann. Sie erscheinen uns dann als ein besonders helles Objekt am Himmel. Leider gesellt sich diesmal der Mars nicht dazu, so dass die große Konjunktion nur zwischen Jupiter und Saturn ablaufen wird. Nach dem 21.12. wird Jupiter dann von uns aus gesehen vor Saturn her laufen und ihn überholen. Danach entfernen sich die beiden Planeten wieder voneinander. Die Konjunktion läuft so langsam ab, dass man das Phänomen auch noch einigermaßen am heiligen Abend beobachten können wird. Da die Erde sich ebenfalls auf ihrer Bahn um die Sonne bewegt, erscheint es uns sogar, als würde Jupiter kurz rückwärts laufen, bevor er auf seiner Bahn normal weiter läuft. Das ist aber nur ein perspektivischer Effekt. Natürlich kann dieser schwere Planet nicht einfach kurz inne halten oder seine Richtung umkehren.
Dass Planeten manchmal scheinbare Schleifen ziehen, war schon in den alten Hochkulturen bekannt.
Und so funktioniert das ganze:
Jupiter benötigt für einen Sonnenumlauf ungefähr 12 Jahre, Saturn sogar 30. Das bedeutet, dass wenn Jupiter einen Sonnenumlauf vollführt hat, hat Saturn erst ungefähr zwei Drittel hinter sich. Das führt dazu, dass sich die Planeten nur ungefähr alle 20 Jahre zu so einer Konjunktion zusammen finden, die wir sehen können. Zu sehen ist das ganze nur am Abendhimmel so ab 16:00 Uhr.

Wie auch immer. Ob Komet, Nova, große Konjunktion oder was anderes. Gerade in diesen Zeiten suchen Viele Menschen nach dem Stern, der einen Erlöser ankündigen könnte, der uns gerade jetzt Heil bringen soll.
Ich entlasse euch jetzt in eure hoffentlich trotz allen Einschränkungen schönen, besinnlichen und gesegneten Weihnachtstage mit dem Trost, dass am 21.12.2020 auch Wintersonnenwende ist. Danach werden die Tage wieder länger und die Welt wieder heller. Möge uns das neue Jahr mit zunehmender Helligkeit das Licht am Ende des Corona-Tunnels bringen.

Himmelsgäste – Wenn Sterne erscheinen, wo sie nicht hin gehören


Liebe Leser*innen,

heute möchte ich mal über besondere Gäste am Himmel sprechen. Der Deutschlandfunk erinnerte mich in seiner Sternzeit-Sendung daran, dass ich das Thema doch schon sehr lange auf dem Schirm hatte. Himmelsgäste passen gut zur Weihnachtszeit, denn der Stern von Betlehem war ja auch einer. Von diesem werden wir noch hören. Von den gästen, um die es heute geht, darf sich aber mit astronomischer Sicherheit keiner „Stern von Betlehem“ nennen.

Also los:

Die alten Hochkulturen

Ungefähr zwischen den Jahren 500 v. Chr. und 1500 n. Chr. waren die Chinesen eine Hochkultur der Wissenschaft. Sie beobachteten den Nachthimmel und die Planeten genau. Anscheinend brauchten sie sich nicht an der Vollkommenheit und Unveränderbarkeit des Sternenhimmels fest zu halten, wie es Europäer taten, die sich über Jahrtausende an Aristoteles orientierten, der genau dieses forderte.
So vermeldeten sie beispielsweise im Jahre 134 v. Chr. die Erscheinung eines Kometen und stützten damit die Äußerung des römischen Geschichtsschreibers über das, was Hipparch am Himmel beobachtet haben könnte.
Gewiss, auch die Chinesen interessierten sich nicht aus purer Neugier für das himmlische Geschehen; sie waren vielmehr, wie die Babylonier und Griechen, an der Astrologie interessiert. Sie hatten für alle möglichen Erscheinungen am Himmel Deutungen entwickelt und versuchten nun, daraus die Wahrscheinlichkeit bestimmter Ereignisse auf der Erde abzuleiten.
Da es sich bei den durch die himmlischen Zeichen vorhergesagten Ereignisse zumeist um Katastrophen handelte – um Kriege, Epidemien oder Tod -, mussten die Mitglieder der Oberschicht und selbst der Kaiser gewappnet sein, um durch
entsprechende Aktionen das drohende Unheil abwenden zu können. Falls irgendein Unglück ohne Vorwarnung eintrat, konnte das durchaus den Kopf des jeweiligen Hofastronomen kosten. Ein Beispiel hierfür ist die Enthauptung der beiden Hofastronomen Hi und Ho, die über ihrem Müßiggang vergaßen eine Sonnenfinsternis rechtzeitig anzusagen.
Und was die Expertise am Himmel angeht, so beweisen uns die Chinesen momentan, dass sie ganz vorne in der Weltraumforschung mit mischen können. Sie landen auf Asteroiden, wollen Material von dort auf die Erde bringen, landen auf dem Mond, um selbiges zu tun, und wie es aussieht, werden sie es eventuell, wenn nichts dazwischen kommt, auch schaffen. Alleine dieses ist einen weiteren Artikel wert.

Der erste Gast

Im Jahre 183 am 05.12. tauchte nun ein Gaststern im Sternbild Centaur auf. Im Jahre 210 ein weniger heller Stern im Skorpion.
Es überrascht kaum, dass wir aus Europa keine Berichte über diese Sterne kennen:

  • Die Hochkultur der Griechen – und mit ihr die Astronomie – war längst untergegangen, und die Römer hatten der Wissenschaft nie ein ernsthaftes Interesse entgegengebracht.
  • Der neue Stern im Skorpion war sicher kaum heller als Sirius, der hellste Fixstern am irdischen Firmament, und solange niemand den Himmel mit geübtem Blick betrachtete oder aber eine Karte zum Vergleich heranziehen konnte, solange mochte dieser Stern durchaus ebenso unbemerkt wieder verschwinden, wie er aufgetaucht war.
  • Und wenngleich der neue Stern im Skorpion auch über acht Monate hindurch zu beobachten war (wie die chinesischen Quellen berichten), kann er nur während der ersten Nächte so hell wie Sirius gewesen sein. Danach musste er langsam, aber stetig verblassen, und je schwächer er wurde, desto weniger konnte er jemandem auffallen, der den Himmel nicht so eifrig durchmusterte wie die chinesischen Astronomen.

Der neue Stern des Jahres 183 im Sternbild Zentaur war nach Angaben der chinesischen Chroniken wesentlich heller als jener zwei Jahrhunderte später im Skorpion n entdeckte Stern. Einige Wochen hindurch erschien er wahrscheinlich heller als jedes andere Himmelsobjekt (ausgenommen Sonne und Mond). Ein solcher Stern hätte eigentlich nicht übersehen werden können, doch tauchte er sehr weit am Südhimmel auf, und das erschwerte die Beobachtung selbst eines so hellen Gestirns erheblich.
Von der chinesischen Sternwarte in Lo-yang aus erreichte der neue Stern nie mehr als 3 Grad Höhe über dem Horizont. Entsprechend blieb dieser Stern in ganz Mitteleuropa, in Frankreich, Deutschland
und selbst in Italien, jenseits des Horizonts und hätte nur von Sizilien oder Athen aus eben noch beobachtet werden können. In Alexandria dagegen, damals noch einer Hochburg der griechischen Wissenschaft, stieg er hoch genug über den Horizont, um auffallen zu müssen. Dennoch finden wir diesen Stern bei keinem griechischen Astronomen erwähnt. Auch wenn man diesen hellen Stern über dem Südhorizont bemerkt hatte, so verbot der Respekt vor der Autorität des Aristoteles einen schriftlichen Bericht darüber; und wenn es solche Berichte dennoch gegeben haben sollte, so dürften sie kaum anerkannt worden und bald wieder in Vergessenheit geraten sein.

Der nächste Gast

600 Jahre lang gab es keine weiteren Berichte über derartige Himmelsgäste mehr.
Erst im Jahre 1006 findet man wieder einen Bericht, diesmal über einen Stern im Sternbild Wolf das an den Zentaur angrenzt und daher ähnlich weit im Süden liegt.
Trotz seiner südlichen Lage wurde dieser Gaststern sowohl von chinesischen als auch von Japanischen Astronomen erwähnt. Im westlichen Kulturkreis wurde die Astronomie zu jener Zeit hauptsächlich von den Arabern gepflegt, die damals gerade die Glanzzeit ihrer Wissenschaft erlebten. So gibt es auch mindestens drei Berichte arabischer Beobachter. Nach Einschätzung einiger Astronomen erreichte er möglicherweise etwa ein Zehntel der Helligkeit des Vollmondes. er blieb womöglich drei Jahre hindurch mit bloßem Auge sichtbar, kann aber kaum länger als einige Wochen heller als die Venus erschienen sein.
Dieser Stern kam für Beobachter im südlichen Europa hoch genug über den Horizont, und so sollte man annehmen dürfen, dass die Menschen in Italien, Spanien und Südfrankreich des Nachts damals voller Ehrfurcht und Erstaunen in Richtung Süden blickten. Mitnichten! Zumindest findet man nirgendwo einen Bericht darüber. Lediglich die Chroniken zweier Klöster (in der Schweiz und Italien) enthalten wage Hinweise auf etwas, hinter dem sich ein heller Stern verbergen könnte, doch mehr nicht.
Da dieser Stern im Jahre 1006 aufleuchtete, würde man erwarten können, dass die Europäer sein Erscheinen als Vorboten für das nahe Ende der Welt angesehen hätten. Etliche Menschen glaubten damals nämlich, dieses Ende der Welt würde rund tausend Jahre nach der Geburt Christi über sie hereinbrechen. Doch nicht einmal diese furchterregende Möglichkeit reichte aus, um sie zu einem Bericht über das Ereignis zu veranlassen.

Der letzte Gast für heute

Dann platzte im Jahre 1054 (nach modernen Berechnungen am 4.Jul‘) ein Stern in die majestätische Ruhe hinein, diesmal im Sternbild Stier, das ein gutes Stück nördlich des Himmelsäquators liegt, also von Europa gut zu sehen.
Schließlich erreichte dieser Stern nicht bloß die Helligkeit von Sirius wie sein Vorgänger
aus dem Jahre 393, der ebenfalls im Tierkreis erschienen war: Das Objekt im Stier
war anfangs mindestens zwei- oder dreimal so hell wie die Venus zur Zeit des
größten Glanzes und konnte über einen Zeitraum von drei Wochen neben der Sonne am Taghimmel gesehen werden (falls man wußte, wo man nach ihm Aus schau halten sollte), während Gegenstände nachts in seinem Licht einen schwachen Schatten warfen (ähnliches gilt unter günstigen Voraussetzungen bereits für die Venus). Am Nachthimmel konnte man den Stern noch fast zwei Jahre hindurch beobachten. Später schien es, als hätten nur chinesische und japanische Astronomen diese eindrucksvolle, leicht zu beobachtende Erscheinung registriert. Nirgends fand man einen Bericht über europäische oder arabische Beobachtungen.
Wie ist so etwas denkbar? Den ganzen Juli über muss der Stern in den Stunden vor Sonnenaufgang unübersehbar gewesen sein.

  • Vielleicht schliefen die meisten Europäer um diese Zeit,
  • vielleicht versperrte aber auch eine dicke Wolkendecke den Blick nach oben.
  • Vielleicht hielten ihn aber auch jene, die ihn sahen, irrtümlich für die Venus, die ja auch hin und wieder im Sternbild Stier zu sehen ist.
  • Wer aber sicher war, dass dies nicht die Venus sein konnte, mag an Aristoteles und an die
    Vollkommenheit der göttlichen Schöpfung gedacht und den Blick geflissentlich abgewendet haben.

In den letzten Jahren ist jedoch ein arabischer Bericht aufgetaucht, der auf einen hellen Stern im Jahre 1054 zu verweisen scheint, und ein ähnlicher Hinweis wurde in einer italienischen Chronik gefunden.

Andere Zeiten, andere Gäste

Bei diesen Gästen wollen wir es voerst belassen, denn als die nächsten am Himmel erschienen, hatten sich die Zeiten geändert. Man interessierte sich nach und nach wieder für Wissenschaft und Astronomie in Europa. Europa erwachte im Laufe der Zeit aus dem Mittelalter und das schaffte langsam wieder freien Raum für freies und unabhängiges Denken und Forschen.

Was man hier bei unseren drei Gaststernen schon gut beobachten kann:
Zu allen Zeiten erscheinen immer mal wieder Himmelslichter, wo sie nicht hin gehören. Der Stern von Betlehem ist somit in guter Gesellschaft, was ihm seine weihnachtliche Bedeutung durchaus nicht absprechen soll.
Ist das nicht merkwürdig, wie einem eine falsche Lehre den Blick zum Himmel verstellen kann. Den Stern von Betlehem bezweifelt niemand und alle wollten ihn gesehen haben, aber die anderen Gaststerne wurden im Glauben, dass der Himmel unveränderlich und göttlich sei, einfach nicht beachtet oder bewusst verdrängt.

Über diese Lichter der moderneren Zeiten werde ich zu anderer Gelegenheit berichten. Vor allem auch darüber, was sie darstellen, wie sie funktionieren und wie verschieden sie in ihrer Art und ihren Wesen doch sind. Auch der Stern von Betlehem wird uns in künftigen Artikeln noch beschäftigen.

Nachruf auf einVorbild und einen großartigen Wegbegleiter – Professor Dr. Rudolf Kippenhahn


Liebe Leser*innen

bevor wir in unseren Themen zu Astronomie weiter machen, möchte ich hier sehr gerne einen kleinen Nachruf auf einen großartigen Astronomen und Sonnenforscher einfügen, der mir seit Mitte der 80iger Jahre des letzten Jahrtausends ein großer Wegbereiter war.

Am 15.11.2020 ist der große Forscher Professor Doktor Rudolf Kippenhahn mit vierundneunzig erfüllten Jahren von uns gegangen.

im Grunde zeichnet meine Physik- und Chemielehrerin dafür verantwortlich, dass ich mich ganz und gar 1987 der Wissenschaft und Astronomie verschrieb, und dass ich mich nach meiner mittleren Reife zu Abitur und Studium über den zweiten Bildungsweg entschloss. Da sie mich mit Prof. Kippenhahn in Verbindung brachte, ehre ich an dieser Stelle auch diese Wegbereiterin, die leider auch schon nicht mehr unter uns weilt.

Ein Samenkorn der Wissenschaft erblüht

Da die gesamten Rechte meines Buches wieder bei mir liegen, zitiere ich hier daraus:

Ausschlaggebend hierfür war der naturwissenschaftliche Unterricht in Physik und Chemie, den ich dort besuchte. Er wurde von einer Anthroposophin gegeben, die ich bis heute für die beste Blindenpädagogin in meinem Leben halte. Die Versuche und Experimente durften wir alle selbst durchführen. Der Umgang mit Säuren, Laugen, Bunsenbrenner und Elektrizität war nie ein Tabu, nur weil wir nicht sehen konnten. Die Versuche wurden so adaptiert, dass wir in der Lage waren, selbst zu den gewünschten Ergebnissen zu gelangen. Hierbei halfen oft ganz einfache Tricks, denn es gab noch keine sprechenden Messgeräte.
Bildete sich beispielsweise bei einem chemischen Versuch ein Niederschlag im Filter, wiesen wir ihn nach, indem wir das Substrat in eine alte Blechdose tropfen ließen. So konnten wir die einzelnen Tropfen gut auf dem Blech aufschlagen hören und merkten genau, dass der Filter sich zusetzte, wenn die Tropfgeschwindigkeit abnahm. Bald schon wurde ich davon gepackt und brachte mich aktiv in den Unterricht ein, indem ich Möglichkeiten entwickelte, Versuche für Blinde zugänglicher zu machen. Außerdem durfte ich mich an der Entwicklung einer Tafel beteiligen, mit deren Hilfe es Blinden möglich wurde, chemische Formeln mittels spezieller Formelbausteine zu legen.
Überhaupt war dieser Unterricht weit mehr als nur Physik und Chemie. Er eröffnete uns eine ganzheitliche Sicht auf die Welt. Diese Stunden waren gespickt mit Bezügen zu Philosophie, Religion und auch mit geschichtlichen Hintergründen.

Der erste Kontakt mit Rudolf Kippenhahn

Ich zitiere weiter aus meinem Buch

Bald schon merkte diese Lehrerin, dass ich für diese ganzheitliche Weltsicht sehr empfänglich war. Somit durfte ich oft mit ihr naturwissenschaftliche Vorträge in Stuttgart besuchen. Ganz eindrücklich in Erinnerung ist mir ein Vortrag über die Sonne von Rudolf Kippenhahn geblieben. Bis dahin wusste ich zwar, dass in der Sonne Wasserstoff zu Helium verbacken wird und darüber hinaus weitere schwerere Elemente entstehen, aber von Sonnenflecken, der Korona, den magnetischen Stürmen und Flares, wusste ich noch nichts.

Zur Erklärung: Flares sind riesige Explosionen auf der Sonnenoberfläche, bei welchen große Mengen an Teilchen in den Weltraum geschleudert werden können. Erreicht ein solcher Teilchenausbruch die Erde, so entstehen Nordlichter und magnetische Stürme.

Im Anschluss an den Vortrag fand eine Ausstellung statt, auf der unter anderem eine Weltraumkamera und vor allem ein recht großer Meteorit ausgestellt waren, den ich dann – von Prof. Kippenhahn ausdrücklich erwünscht! – anfassen durfte. Von diesem Moment an gab es für mich kein Halten mehr. An diesem Tag – es muss im Jahr 1988 oder 1989 gewesen sein –bin ich in meinem Herzen Astronom geworden.

Die zweite Begegnung

Meinen zweiten Kontakt zu Prof. Kippenhahn hatte ich Mitte der 90er Jahre.
In der Blindenhörbücherei entdeckte ich – auf ungefähr 20 Kassetten aufgelesen – das Buch
Der Stern von dem wir leben – den Geheimnissen der Sonne auf der Spur
Von Rudolf Kippenhahn, dem dieser Nachruf gilt und dessen Vortrag ich schon erwähnt habe. Mich faszinierte an diesem Buch vor allem, dass alle darin enthaltenen grafischen Elemente zusätzlich mit einer derart ausführlichen Texterklärung versehen waren, wie ich es selten bei anderen Autoren erlebt habe. Es schien fast so, als würde er auch an blinde Menschen denken, die auf derlei Beschreibungen angewiesen sind.
Vieles, was ich über die Sonne weiß, kam aus diesem Hörbuch und hat sich mit vielen anderen Quellen vermischt, so dass sich das gar nicht mehr ganz klar sagen lässt, aber er war der Türöffner und lies die Sonne in mein Herz, meinen Geist und meine Seele.

Kontakt Sonnenfinsternis

Ein großartiges Begleitbuch von Rudolf Kippenhahn war mir das Buch Schwarze Sonne, roter Mond das er quasi als Vorbereitung auf die Sonnenfinsternis, die am 11.08.1999 gut über Süddeutschland zu sehen war.
Hier nochmal ein kurzes Zitat aus „Blind zu den Sternen“

Aber lassen Sie mich an dieser Stelle erneut einen meiner größten Wegbereiter würdigen: Eine große Hilfe im Verständnis einer Sonnenfinsternis waren für mich zwei Bücher von Rudolf Kippenhahn: „Der Stern, von dem wir leben – den Geheimnissen der Sonne auf der Spur“ und „Schwarze Sonne, Roter Mond“. Seine Bildbeschreibungen sind so, als wären sie ganz speziell für blinde Menschen eingefügt worden: klar, verständlich und präzise.

Ohne diese Bücher hätte ich die Sonnenfinsternis niemals so lebendig und anschaulich erleben können.
Lassen Sie mich hier noch kurz eine kleine Begebenheit erzählen, die sich so tatsächlich mit seinem Buch zu trug:

Die Finsternis auf der Flugroute

Anfang Januar 2015 unternahm ich mit meiner sehenden Arbeitsplatzassistenz
eine Dienstreise nach Istambul.
Folgendes ist dort auf dem Hinflug geschehen:
Der Pilot erklärte die Flugroute, indem er wichtige Länder, Städte und Meere aufführte, die wir nacheinander passieren würden.
Da kam mir die Reihenfolge und Aufzählung der Städte gleich irgendwie bekannt vor.
Und dann durchfuhr es mich wie ein Blitz.
Wir flogen fast exakt die Route entlang derer am 11.08.1999 die totale Sonnenfinsternis beobachtet werden konnte.
Ich fand dieses unglaublich schön. Glücklicherweise hatte ich noch das Buch “Schwarze Sonne, roter Mond” von Rudolf Kippenhahn zur Sofi 1999 auf meinem MP3-Player als aufgelesenes Hörbuch. So konnte ich gleich noch im Flieger meine Vermutung überprüfen. Ein Blick auf den Fahrplan dieser Sf ergab, dass ich im wesentlichen Recht hatte.
Dieses Heureka erlebte glaube ich der halbe Flieger mit, weil es mich unglaublich freute, in welchem Zusammenhang diese alte Sofi nochmal auftauchte.

Sein phänomenales Gedächnis

Ein mal durfte ich Prof. Kippenhahn noch vor einigen Jahren bei einem Vortrag erleben. Danach sprach ich ihn an, und er konnte sich noch an mich erinnern. Leider konnte ich ihm noch keine signierte Version meines Buches schenken, da es erst wenige Monate später erschien.

Auf jeden Fall danke ich ihm herzlich für den Weg, den er mir durch seine Bücher und seine Persönlichkeit öffnete. Er, meine erwähnte Lehrerin und noch viele andere führten mich zu dem, was ich heute in Astronomie lernen durfte, ermunterten mich zu meinem Buch und meinen sonstigen Astronomie-Veranstaltungen. Er entzündete in mir 1987 ein Feuer, das niemals erlöschen wird.
Die Sternwarte Peterberg in deren Vorstand und Leitungsteam ebenfalls eine Person mit starker Sehbeeinträchtigung sitzt, hat einen schönen und sehr lesenswerten Lebenslauf von ihm veröffentlicht.

Gehabt euch wohl und bleibt gesund.

Wanderer mit kurzem Leben – Das Wandern der Sonnenflecken


Liebe Leser*innen,

nachdem wir im letzten Artikel einen kleinen Exkurs über meine Corona-Erlebnisse machten, wenden wir uns heute wieder in diesen düsteren Zeiten unserem Stern von dem wir leben, zu. Ich komme von ihm einfach nicht los. Es geht heute, und vermutlich auch noch in weiteren Beiträgen darum, was wir in den letzten Jahrhunderten alles durch die entdeckten Sonnenflecken über unseren Stern lernen durften. Heute geht es um die Bewegung der Sonnenflecken.

Waren die Sonnenflecken erst mal entdeckt, zogen diese schon bald Hobby- und Amateurastronomen in ihren Bann. Sie sind vor allem für erstere Gruppe ein ideales Beobachtungs-Ziel, standen jenen doch meist nur kleinere Fernrohre zur Verfügung, die für die Observation von Sonnenflecken aber durchaus ausreichend waren. Daran hat sich bis heute nichts geändert, dass die Astronomie Amateuren immer wieder die Chance bietet, mit genügend List, Geduld und kleinerer Ausrüstung, auch Entdeckungen zu machen. Außerdem sind sie für die Wissenschaft unverzichtbar, denn alle Teleskope der Welt können nicht gleichzeitig an jede Stelle des Himmels blicken. Somit sind Amateure oft schon ob ihrer großen Zahl und ihrer vielen Augen eine große und wichtige Ergänzung und Hilfe.
Das ist mit ein Grund dafür, was die Astronomie so inklusiv macht.

Nun zur Wanderung der Sonnenflecken:

Erste Entdeckung

Bald schon nach ihrer Entdeckung viel auf, dass sie im Laufe von Tagen über die uns zugewendete Sonnenscheibe wandern. Ein beobachteter Sonnenfleck taucht am nächsten Tage etwas weiter westlich wieder auf. Schon der im Artikel Wer war der Erste erwähnte ich, dass der Mönch und Astronom Scheiner, von Hand die Wanderung der Sonnenflecken zeichnete. Ein Fleck bewegt sich ungefähr im Laufe von 13 Tagen vom Ost- zum Westrand der Sonnenscheibe. Da die Sonne eine Kugel ist, sieht man die Flecken an den Rändern perspektivisch verzerrt. Ein kreisförmiger Fleck erscheint somit von der Seite der Sonnenscheibe her gesehen oval. In der Bewegung der Flecken sehen wir die Rotation der Sonne selbst. Wie es von einer sich drehenden und fleckigen Kugel zu erwarten ist, erscheint uns die Bewegung ihrer Flecken an den Rändern langsamer als in der Zeit, in welcher sie über die uns näher zugewandte Sonnenscheibe ziehen. Das ist so, weil der Fleck an den Seiten sich entweder auf uns zu, oder von uns weg bewegt. Das können wir sehr schlecht unterscheiden. Zieht er mitten über die Scheibe, so liegt seine Bewegungsrichtung quer zu unserer Blickrichtung, was ihn für uns schneller erscheinen lässt. So zeigt uns ihre Wanderung, dass sich die Sonne etwa ein mal in siebenundzwanzig Tagen um sich selbst dreht. Manche Flecken sind so beständig, dass sie mehrere Rotationen überleben. Dann erscheint er am nächsten Tag wieder am Ostrand hinter der Sonne hervor. Dass es sich um den selben Fleck wie „gestern“ handelt, ist in der Tat nicht ganz so einfach zu erkennen. Um sich auf der Sonne zu orientieren, teilen Astronomen sie in Gruppen ein und zählen sie sogar. Da Sonnenflecken oft in Gruppen beieinander stehen, ist das ein zuverlässiges System. Sicher legen Sonnenforscher auch ein Koordinatennetz über die Sonne, um sich zu orientieren ähnlich dem, wie Seefahrer das schon seit jahrhunderten über den Globus oder den Himmel spannen.
Sonnenflecken entstehen und vergehen. Manche überleben nur wenige Stunden und andere eben mehrere Sonnenrotationen.

Die Rotation der Sonne

Man sah, dass die Äquator-Region der Sonne quasi der Rotation ihrer Kappen voraus eilt. Sie dreht sich also in ihren äußeren Schichten nicht, wie eine starre Kugel. Das tut sie erst ab einer Tiefe von vielen Tausenden Kilometern, wo die Drücke so hoch sind, dass sie so kompakt wird, dass sie sich wie ein starrer Körper dreht. Das erfuhr man, als man Klangmodelle und Schallbeobachtungen auf ihr anstellte. Siehe den Artikel Die Sonne tönt.

Auch sie steht schief

Die Flecken und deren Bewegung haben uns außerdem verraten, dass die Rotationsachse der Sonne nicht senkrecht auf der Ekliptik steht. So sehen wir im Laufe des Jahres mal etwas mehr auf ihre Nordhalbkugel und mal eher auf ihre Südhalbkugel. Bei dieser Entdeckung ist zu bemerken, dass auch die Erdachse nicht senkrecht auf der Ekliptik steht. Sie ist um etwa 23 Grad geneigt und verursacht so unsere Jahreszeiten. Außerdem ändert sich im Jahreslauf unsere Draufsicht auf die Sonne. All das musste berücksichtigung finden, als die Entdeckung gemacht wurde.
Ist das nicht spannend und schön?

Das Aussehen der Sonnenflecken

Schon auf Scheiners Zeichnungen ist zu erkennen, dass ein Sonnenfleck einen dunkleren Kern besitzt und einen weniger dunklen Hof. Den Kern nennt man Umbra und den Hof die Penumbra. Moderne Aufnahmen zeigen, dass die Penumbra eine Art Filamentstruktur aufweist. Das sind leuchtende Linien oder Strahlen, die von Kern her nach außen laufen.

Außerdem erscheinen Sonnenflecken so, als wäre ihr Kern tiefer als die Sonne darum herum. Der Hof oder die Penumbra erscheint, als bildete sie die ‚Wände einer Grube, an deren Grund der Kern des Flecks ruht.

Wer sich erinnert, so hat sogar noch Herschel die Sonnenflecken für Löcher in ihrer leuchtenden Atmosphäre gehalten, durch welche man auf ihren kühleren und somit dunkleren Kern blickt.

Dieser „Grubeneffekt“ wird heute nach einem seiner Entdecker, das Wilsonsche Phänomen genannt.
Steht ein Fleck nicht in der Mitte der Sonnenscheibe, erscheint der dem Zentrum nähere Teil der Penumbra etwas schmaler. Das hängt mit der Kugelform der Sonne zusammen.
Über die Tiefe solch einer Grube eines Sonnenflecks habe ich mal gelesen, dass in manchem großen Fleckengrube die Erde bequem Platz fände.

Fazit

Trotz der heute bekannten merkwürdigen Rotation, der Thermodynamik und dass die Magnetfelder der Sonne gefunden sind, gibt es noch keine Theorie, die alles erklärt, was zu Sonnenflecken, ihrer merkwürdigen Rotation und über die Zyklen des Erscheinens von Sonnenflecken führ. Über letztere werden wir noch zu sprechen haben.

So, meine lieben. Ich sagte es ja, es werden mehrere Artikel werden, denn es gibt noch soooo viel über die Flecken zu berichten. Sie sind es wert, dass man sich mit ihnen beschäftigt, denn niemand kann in so ein leuchtendes Objekt, wie einen Stern, hinein blicken.
Ich hoffe, dass vor allem für die blinden Leser*innen unter uns, der Artikel nicht zu visuell war. Auch ich brauchte einiges an Zeit, um mir die Perspektiven aus der wir die Sonnenflecken betrachten, und auch das Wilson-Phänomen vorstellen zu lernen. Wer Fragen oder Anmerkungen hat, darf diese gerne in den Kommentaren absetzen, oder mich über einen meiner anderen Kanäle ansprechen.
Die Sehenden unter euch finden sicherlich schöne Bilder über Sonnenflecken auf Wikipedia.

Gehabt euch wohl, haltet durch und bleibt gesund. Ich schreibe gegen die Dunkelheit für uns an.

Mein Corona-Report


Mein Corona-Report
Liebe Leser*innen,
eigentlich wollte ich nichts mehr in meinem Blog von Corona hören lassen, aber es haben sich doch einige Leser*innen fragend an mich gewandt, wie es mir in dieser Situation so geht. Somit habe ich mich entschlossen, hier mal abseits der Astronomie, einen Artikel zu veröffentlichen, der sich mit meiner Erfahrung mit Lockdown 1 beschäftigt. Hir also mein Corona-Report:

Der Anfang

Es bahnte sich an im März, dass wir bald alle ins Homeoffice verschwinden würden, dass Gastronomie und Schulen geschlossen, Einkauf ohne Assistenz unmöglich und auch kein Sport mehr stattfinden würde.
Und so ging ich zunächst meine Situation doch noch voller Kraft und Zuversicht an.

Beruflich konnte ich in der Tat vieles im Homeoffice erledigen, aber meine Arbeitsassistenz und ich, hatten zunächst keine Basis mehr, wie wir gemeinsam arbeiten konnten. Ich musste ihm schreiben:

Liebe Assistenz,
aufgrund des Corona-Virus sind fast alle von SZS ab morgen im Homeoffice. Das bedeutet, dass wir uns die nächsten Wochen nicht treffen können.
Wir können momentan online noch nicht zusammen arbeiten, weil noch nicht klar ist, welche Software eingesetzt werden darf und soll. Ich muss erst mal ohne Assistenz das alles selbst erlernen, was die Hölle wird.
Sollte ich eine Aufgabe für Dich finden, die Du von daheim aus machen kannst, lasse ich Dich das wissen.

Ich konnte Aufgaben und Wege finden, dass wir schon nach wenigen Wochen wieder langsam online zusammenarbeiten konnten.

Und dann ging es los mit Lockdown und Homeoffice

Zunächst sah alles ganz positiv aus.
„Beim Einkaufen wird mich jetzt zwei mal pro Woche, wenn es reicht, auch nur einmal, die Nachbarschaftshilfe unterstützen.“
So dachte ich mir das. Allerdings stellte sich bald heraus, dass die Helferin zur Risikogruppe gehörte und somit ausfiel.
„Außerdem werde ich mir für die Zeit vier mal die Woche über den ASB Essen auf Rädern bestellen, um nicht noch mehr einkaufen zu müssen. Ab wann das klappt, ist noch nicht ganz sicher. Da warte ich auf einen Rückruf.“
Auch dieses gestaltete sich schwierig, weil das System sehr stark belastet war im Lockdown. So entschied ich mich, den ASB nicht fürs erste zusätzlich zu belasten.
Zum Glück gibt es in unserer Gegend reichlich Restaurants, die auch in recht hoher Qualität liefern. Mit Liferando geht das alles sogar bargeld- und kontaktlos.
Allerdings mussten die Fahrer und ich uns erst aneinander gewöhnen. Am Anfang kam es vor, dass die Fahrer das Essen außen unten vor die Haustür stellten und nicht vor meine Wohnungstür. Da krabbelt man dann vor dem Haus herum, riecht sein Essen und findet es dennoch nicht, weil der Fahrer es irgendwo hin stellte, wo man es niemals vermutet hätte. Die Nachbarn gegenüber schauen zu, helfen aber nicht. Sehr demütigend… Dann entdeckte ich in der Liferando-App ein Kommentarfeld. Dort schrieb ich hinein, dass ich ob meiner Blindheit das Essen vor die Wohnungstür gebracht haben sollte. Ab da wurde das besser.
Zum Glück habe ich einen Mitbewohner, so dass ich nicht immer alleine bin und der mir auch mal hilft.

Ich hatte mir auch fest vorgenommen, jeden Abend einen lieben Menschen anzurufen oder auch mal mit mehreren z. B. online zu Abend zu essen. Das klappte auch einige Zeit ganz gut, bis ich langsam im Lockdown-Strudel versank.

Die nächste Klatsche war, dass mein Osterurlaub in Österreich auch abgesagt wurde.
Fast täglich erreichten mich nun Absagen von Vorträgen über Astronomie, die ich an Schulen und anderen Einrichtungen halten wollte. Bis Jahresende sind es um zwanzig Veranstaltungen gewesen.
Was sollte man machen. Ich dachte, jetzt kommt der Frühling und ich werde mit verschiedenen Navi-Programmen einfach üben, selbst spazieren zu gehen.
Der erste Spaziergang war dann auch fast der letzte. Als ich mich gerade dem Wald näherte, schrie mich plötzlich jemand an:

Hau ab in Deine Wohnung, willst Du krüppel uns anstecken? Verrecke lieber selbst an diesem Scheiß.

So war das. Das lasse ich jetzt einfach mal hier so stehen.
Bald schon wurde mir klar, dass man in diesen schweren Zeiten immer nur von einem auf den anderen Tag planen kann und dass man froh sein muss, wenn es einem gelingt, in seiner Tagesstruktur zu bleiben und nicht beispielsweise am Nachmittag schon sein erstes Bierchen öffnet. Rauchen tue ich allerdings leider seit Corona deutlich mehr, leider.
Aber so ganz allmählich fraß der Lockdown und die Lockerungen danach fast noch mehr, an meiner Seele.
In einem langen Hilferuf an einen Freund schrieb ich:

Ich muss schon sagen, dass es mir langsam reicht. Ich halte das psychisch nur noch wenige Wochen durch.
Die Probleme damit sind noch überschaubar, steigen aber gleichfalls langsam mehr als nur linear an.
Wahrscheinlich steigt gar nix an, ich kanns nur langsam immer schwerer ertragen.
Die ganzen Kämpfe mit bis zu sieben Team-Software-Programmen sind sehr schwierig. Da muss ich mich in diesen Dreck einarbeiten ohne Assistenz und Schulung. Das geht bei Teams z. B. quasi nicht. Öffnet man das zum ersten mal, sitzt man als Blinder weinend davor, weil nichts intuitiv geht, obwohl die Software an sich recht gut zugänglich ist.
Microsoft hat bei Teams die Barrierefreiheit wirklich gut durch dekliniert, aber ohne Anhaltspunkt, ohne eine visuelle Beschreibung, ohne einen Einstieg ist das verdammt schwierig.
Außerdem werde ich langsam für so einen Mist auch zu alt. Ich will, dass meine Kiste läuft, wenn ich den „Zündschlüssel“ umdrehe.
Und dann vergessen Sehende stets, einem alles für den Einstieg zu erklären. Rings rum höre ich nur: „Bei mir war alles kein Problem“ und der @Blindnerd fühlt sich als einziger Mensch auf der Welt, bei dem es, wie immer halt, mal wieder nicht funktioniert.
Die meisten dieser Programme sind nur teilweise bis gar nicht zugänglich. Und wenn sie es sind, dann muss man wissen wie, was ohne Einführung sehr mühsam zu erlernen ist.
Selten habe ich mich so oft als Idiot gefühlt, obwohl die Dummheit bei anderen lag. Selten in meinem Leben knallte ich dermaßen an die Barrieren meiner Behinderung.
Und ja, ich bin es nicht gewohnt, so rum eiern zu müssen. Nicht dass ich immer bei den besten und ersten sein muss, aber den Platz, auf den mich Corona in manchen, vor allem beruflichen Situationen verweist, verzeih die Arroganz, ist meiner nicht würdig. Du verstehst schon, was ich und wie ich es meine.
Ich hatte jetzt immerhin im April und Mai zwei Workshops zu Astronomie mit Kindern und deren Eltern online. Das hat gut funktioniert. Ich hielt den Vortrag und beantwortete die Kinderfragen und ein sehender Astronom spielte Fotos etc. in die Videokonferenz ein oder hielt Modelle in die Kamera.
Wir haben uns da vorher abgesprochen.
Betrüblich ist daran nur, dass ich mit diesem Angebot sicherlich nur Kinder von Bildungsbürgern erreiche und nicht die, die es so nötig hätten.
Daran kann ich aber leider nichts ändern. Die Welt ist, wie sie ist, manchmal ungerecht, und leider nicht so, wie wir sie gerne hätten.
Mir fehlt auch Sport und alles.
Ich merke auch, dass meine Fertigkeiten in Orientierung und Mobilität abnehmen und dass meine Ängstlichkeit größer wird, weil ich so selten raus komme. Nach dieser Krise werde ich ein anderer Mensch sein. Ich bin nicht sicher, ob die Rückkehr ins normale Leben ohne Therapie oder eventuelle Unterstützung von Seiten der Mobilitätstrainer stattfinden kann. Die werden aber dann auch völlig überlastet sein.
Naja, ansonsten behalte ich meinen Rhythmus schon bei und kriege die wesentlichen Dinge geregelt. Es wird halt alles immer mühsamer. Ich habe Angst, in eine Depression zu fallen. Das wollte ich eigentlich nie mehr erleben müssen. Das hatte ich schon über Jahre, wie Du vielleicht noch weißt.

Eine Bekannte, die beruflich coachings anbietet, bietet wöchentliche Krisengespräche online an. Davon mache ich Gebrauch. Das tut sehr gut.
Außerdem hält meine Psychotherapeutin mit mir ab nächster Woche Video-Sitzungen ab. Normalerweise hasse ich Video-Sitzungen, weil einem da jeder über die Kamera in die Wohnung, in den eigenen Saustall glotzt, und ich das bei anderen nicht kann, aber ich denke, dass für meine Therapeutin der Sichtkontakt auf mich, mein Verhalten und meinen Gestus wichtig ist.
Ich könnte mein Antidepressivum unter ärztlicher Kontrolle wieder hoch fahren, aber das will ich wirklich nur dann tun, wenn die innere Unruhe uferlos wird, weil ich die Nebenwirkungen scheue.
Es wird halt ab dem Zeitpunkt  bedenklich, wo einem nicht mal mehr die Dinge Freude machen, an denen man ansonsten Spaß hat.
Das ist bei mir noch nicht der Fall, ich komme dem aber näher.

Ab Montag, Mitte April, startet unser Sommersemester online. Ich bin gespannt, was das wird. Es kann sein, dass ich da mit unseren Studierenden viel zu tun bekommen werde, weil eben am Anfang erst mal nichts geht…

Naja, aber gerade diese Umstellung auf Online-Lehre bitet auch viel positives Potential.
Ich glaube schon, dass diese Online-Umstellungen gerade auch für unsere Studierenden eine Chance sein können, wenn die Angebote gut gemacht werden. Das wird in diesem Semester sicherlich noch nicht so sein, weil vieles mit heißer Nadel gestrickt sein wird. Das bedeutet dann für uns meist unüberwindbare Barrieren.

Sicherlich werde ich für diese Dinge ein Schulungskonzept für unsere Studierenden entwickeln, dazu muss ich die Werkzeuge für Online-Vorlesungen wie Teams, Zoom Skype und wie sie alle heißen, aber erst mal selbst beherrschen.
Die Frage ist, wer mich das lehren soll und kann.
Also bei Teams z. B. nutze ich mittlerweile nur noch die Iphone-App, weil die übersichtlicher ist.
Es wäre nicht auszudenken, wenn mich vor allem jetzt in der Krise ausgerechnet dieses Gerät verlassen würde.

Stell Dir mal vor, die Krise wäre in unserer Kindheit ausgebrochen.
Bei mir daheim hätte das Mord und Totschlag gegeben.
Außerdem hatte ich ja alle meine Freunde im Internat und nicht daheim. Von Telefon und Internet natürlich keine Rede.
Daheim war ich als Kind immer ein Fremder, weil ich nie da war. „Le métèque“

Die Lockerungen

Mittlerweile fühlte ich mich schon sehr gefangen in meiner Wohnung. Ich langweilte mich, wahr beruflich unterfordert, hatte kaum soziale Kontakte und fühlte mich sehr einsam und verblüht. Da freute ich mich auf die Lockerungen. Einfach mal wieder ins Büro fahren, wenn sich auch die anderen Mitarbeitenden noch zögerlich verhielten. Wir waren in Grunde nie wirklich richtig aus dem Homeoffice draußen bis der zweite Lockdown kam, mit all seinen Vor und Nachteilen…

Ich schrieb an einen Freund:

Heute bin ich mal wieder, natürlich unter der Maske, ins Büro gefahren. Ich konnte mir dort einen Arbeitsplatz zusammen stöpseln, so dass ich im Büro und daheim quasi gleichwertig arbeiten kann, sofern ich keine Punktschriftausdrucke erzeugen, oder was vom Labor brauche.
Ohne diese soziale Isolation könnte ich mich mit dieser Konfiguration direkt an eine Kombi zwischen Homeoffice und Büro gewöhnen.
Auf jeden Fall tut es gerade unheimlich gut, mal wieder draußen zu sein.
Es tut auch gut, Deinen Ärger mal zu erleben und wie Du ihm freien Lauf lässt. Ich verlange nicht, dass ein Land ohne Probleme mit so einer Situation fertig wird. So was kann man nicht vorher einplanen. Allerdings zeigt es uns deutlich, wie gefühlte fünfzig Jahre rückwärts gewandte Politik sich nun auswirken. Corona ist wie ein Vergrößerungsglas, wo durch wir jetzt sehen, was auch vorher schon im argen lag.

Die Religion des wildgewordenen Kapitalismus und Neoliberalismus hat kläglich versagt. Alles, aber auch wirklich alles, was wir Friedensbewegler schon Anfang der Achtziger Jahre sagten, tritt nun ein.
Und auf eine machtlose Konstruktion, wie die EU es ist, können wir wirklich scheißen, wenn zu Beginn der Krise einfach jedes Land unkoordiniert die Grenzen für lebenswichtige Wahren schließt und wenn der lupenreine Diktator von Ungarn mehr EU-Gelder erhält, als Italien in seiner großen Not…
Hach, man könnte sich am Stück aufregen und abkotzen.
Das ist eben der Vorteil an der Astronomie: „Sterne lügen nicht; sie schweigen.“

Ja, es ist momentan nicht ganz einfach, aber wenn ich jetzt, sagen wir ein zwei mal die Woche als Abwechslung ins Büro kann, dann geht es mir glaube ich schon viel besser.
Es tat heute richtig gut, mal wieder meine ganzen Modelle zu streicheln, die Planeten, die ISS, die Mondkarte und die Apollo.
Ich bete diese Dinge nicht an, aber sie fehlen mir sehr, wenn ich sie nicht spüren kann.
Schon die Gewissheit, dass meine Modelle mit im selben Raum sind, tut gut. Das geht mir übrigens mit meinen Gitarren ähnlich. Ich habe irgendwie überall in meinem Umfeld Gitarren. Bei meinem Freund steht eine, im Büro zwei, in Stuttgart auch eine und daheim sind auch noch so fünf sechse.
Das erspart viel Schlepperei.

Was mich allerdings, und das gilt jetzt nicht für Dich, etwas traurig macht ist, dass selbst jetzt in der Krise meine Arbeit in den sozialen Netzwerken nicht sichtbar gewürdigt wird. Ich teile, like und kommentiere jetzt vor allem Projekte, die wirklich wichtige Arbeit machen.
Das würde ich mir für meinen Blog auch wünschen.
Aber wer weiß. Vielleicht lesen ihn ja doch viele heimlich.
Diejenigen mit den vielen Likes sind meistens Mainstream und kaufen sich diese Likes vielleicht sogar.
Ich bin Stolz darauf, nicht Meinstream, nicht zeitgemäß und schon gar nicht zeitkonform zu sein.

OK, gelockert war jetzt vieles gutes. Man traf sich langsam wieder und das Leben nahm wieder Fahrt auf. Das galt allerdings nicht für uns menschen mit Blindheit.
bis auf die Schreibblockade, die eine blinde Bloggerin beschreibt, erlebte auch ich die Krise so, wie sie es sehr lesenswert und treffend formuliert hat.
Schlimmer noch. Ich habe keine sehenden Kinder, und keine sehende Partnerin,wie sie, die ich mit dem Auto einkaufen schicken kann.
Ich werde asozial beschimpft, wenn ich mal einen Abstand nicht einhalten kann.
Selbst der Gang zum Bäcker ist durch die Lockerungen zum Überlebenstraining geworden.
Nichts, aber auch gar nichts geht mehr selbstständig außerhalb der eigenen Wohnung.
Als alle im Lockdown waren, war das für alle klar, dass man sich hilft. Jetzt ist nichts mehr klar.
Trotz allem komme ich mit meinem Tonstudio, meiner Astronomie, meinen Gitarren und allem ganz gut durch.
Aber wir als Gesellschaft müssen uns schon langsam Gedanken darüber machen, wie menschenunwürdig ehemals selbstständige Menschen mit Einschränkung momentan leben müssen. Und ich jammere hier absolut auf sehr, sehr, sehr hohem Niveau.
Wie auch immer. Ich finde den Artikel sehr gut. Er zieht mich nicht runter. Ganz im Gegenteil. Es tut gut, von anderen zu lesen, wie sie das ganze erleben.
Hier findet ihr den erwähnten Artikel.

Und nun nahten die Sommerferien.

Wie immer wird die Zeit genutzt, um wichtige Ausbesserungen etc. am Schinennetz der Straßenbahnen vorzunehmen. Nicht zuletzt befindet sich Karlsruhe derzeit noch immer im Bann des Baues der kleinsten U-Bahn der Welt…
Ich informierte mich im Netz und begriff, dass ich in unfreiwilligem zweiten Lockdown sein würde für sieben Wochen.

Ich schrieb dazu an die Schwerbehindertenvertretung meines Arbeitgebers:

die geplanten Linienänderungen des KVV für die Sommerferien machen mir Angst. Ich bin in Rheinstetten quasi abgeschnitten. Es gibt eine Buslinie 14, aber das ist für uns in Corona-Zeiten wirklich schwierig. Man muss hinten einsteigen und kann den Fahrer nicht nach der Linie fragen. Wegen des Abstandes und der Maskenpflicht kommunizieren die Leute nicht mehr. Oft bekomme ich keine Antwort, wenn ich was frage oder Personen werden asozial und übergriffig, wenn ich versehentlich einen Abstand unterschreite. Ja, es ist schon so, dass die Lockerungen für uns Blinde manchmal die Hölle sind.

Kurz um. Vom 01.08. – 24.08. bin ich in Urlaub. Aber danach habe ich keine Ahnung, wie ich auch mal ins Büro kommen soll. Es müsste ja nicht jeden Tag sein. Wir machen alle noch Homeoffice, aber so zwei mal die Woche würde ich schon auch gerne mal ins Büro fahren. Haben Sie eine Idee, wie ich das lösen könnte, ohne um 120 Euro Taxi pro Woche ausgeben zu müssen?
Könnte das die KVV irgendwie unterstützen?

Niemand hat sich meiner Sache angenommen. Man hat es ausgesessen. Ich hatte vor meinem Urlaub nicht mehr die Kraft für irgend etwas zu kämpfen. Wäre dieser Urlaub nicht in Aussicht gestanden, hätte ich mich vielleicht sogar zum Selbstschutz in eine Klinik begeben müssen.
Gerade jetzt war es für mich ganz wichtig, mich mal wieder in mein Refugium mit blinden Menschen zurück zu ziehen.
In diesem Zusammenhang darf ich auf meinen Artikel Urlaub von der Welt der Sehenden aufmerksam machen.

Im Nachhinein

Baustellentechnisch liegt eine extrem harte Zeit hinter mir, wie ich das in 20 Jahren Rheinstetten noch nie erlebt habe. Ich war quasi völlig im Zwangs-Lockdown, komplett abgeschnitten. Die Ersatzhaltestelle für den Bus war für blinde Menschen nicht auffindbar. Dazu hätte es einiges an Training bedurft. Außerdem wäre es vom Lärm der Baustellen her kaum zu schaffen gewesen. Da man nicht vorne in Busse einsteigen darf, hätte ich auch den Fahrer nicht nach der Linie fragen können. Sicher wäre ich auch wieder einigen sehr diskriminierenden Situationen ausgesetzt gewesen, wenn ich z. B. den Abstand nicht einhalte, weil ich es nicht sehen kann. Ihr glaubt ja gar nicht, was man da sich manchmal anhören muss. Von verbalen Beschimpfungen, die an das Nazi-Regime erinnern, bis hin zu Übergriffigkeiten, dass man z. einfach mal weg geschoben wird, ist alles dabei.

OK, zwei der sieben Baustellen-Wochen war ich in Österreich in Urlaub.
Diesen habe ich dann spontan auf vier Wochen verlängern können, um dieser Situation zu entfliehen. Außerdem war an meinem Urlaubsort, einem Haus für Blinde in Österreich für mich gesorgt. Sogar Homeoffice konnte ich dort ohne Probleme machen. Somit blieben mir nur noch zwei Wochen, die ich überstehen musste, was mir auch gelungen ist. Hätte ich niemanden mit Auto gefunden, dann hätte ich nicht mal zum Rudern gehen können.
Ich kann gar nicht genug Dankbarkeit dafür empfinden, dass ich mir mit meinem Job so eine spontane Verlängerung leisten konnte und schließlich habe ich ja auch noch das Blindengeld. Das ist gerade in diesen Zeiten ein unverzichtbarer Partner…

Also wenn ich an die ganzen alten Menschen hier z. B. im Rösselsbrünnle-Altenheim denke, dann muss ich sagen, dass man in diesen Ferien den Bogen mit den Baustellen deutlich überspannt hat. In der Stadt war es ja auch nicht besser.
Ich dachte schon daran, die BNN in dieser Sache einzuschalten.
Mir lag aber vor allem vor dem Urlaub nichts an Kampf. Ich war am Ende und wollte einfach nur nach Österreich. Ich hatte keine Kraft mehr für gar nichts.
Nun ja, außen herum ist noch immer alles Baustelle bei uns, aber die Bahn fährt. Einkaufen geht deshalb momentan nur mit Assistenz oder online.

Ich kann euch sagen, dass ich keine Sekunde dieser vier Wochen und keinen Euro bereue. Noch nie war ich vor einem Urlaub so ausgebrannt, weil mir soziale Kontakte so sehr fehlten. Ich war auch ausgehungert nach gemeinsamen Musizieren und nach astronomischer Rampensau. Drei Singabende mit Lagerfeuer und drei astronomische Vorträge konnte ich in diesem Urlaub halten. Schon klar. Wir Blinden konnten natürlich den Mindestabstand nicht immer einhalten. Das geht unter blinden Menschen einfach nicht. Wie auch immer. Es war großartig. Ich bin sogar Segelfliegen und Gleitschirmfliegen gewesen.

Und es reißt nicht ab:

Wir haben es mittlerweile Anfang Oktober.
Ja, und wieder ist eine Urlaubswoche ausgefallen.
Zuerst eine Osterwoche in Österreich, dann eine Chorfreizeit und jetzt meine Herbst-Astro-Woche, wo ich immer zu verschiedenen Sternwarten fahre, um dort barrierefreie Angebote zu planen und zu beraten.
Eine christliche Freizeit, des EBSB, EBSBW und des EBS Rheinlandpfalz, die am Wochenende hätte stattfinden sollen, und die ich mit leiten sollte, ist auch abgesagt worden.
Gerade jetzt wäre eine solche Freizeit zum gemeinsamen Austausch und Trost für viele sehr wichtig.
Von meinen vielen ausgefallenen Vorträgen und Workshops ganz zu schweigen. Ganz viele Schulen etc. habe ich verloren. Nach der Pandemie kann ich mit meinen Netzwerken, die ich mir über Jahre aufgebaut habe, ganz von vorne anfangen. Jetzt, wo ich das Alter hätte, dass es mir langsam mit den Früchten meiner Arbeit gut geht, verliere ich wieder alles. Es ist bissel wie bei Hiob.
Und ich jammere hier noch auf sehr hohem Niveau. Trotz allem habe ich es ja noch gut.
Es ist schon biblisch bemerkenswert, wenn gerade durch die Pandemie Menschen wie ich ausgebremst werden, die den anderen Menschen so viel zu geben hätten.

Vor allem, wenn ich an die ausgefallene Chorfreizeit über Pfingsten denke, tut mir das Herz weh. Auf dieser Freizeit sind einige Menschen mit mehrfacher Behinderung. Diese Chorfreizeit sind quasi die einzigen vier Tage im Jahr, wo sie mal aus ihrem Wohnheim und Werkstatt heraus kommen.
Vor diesem Hintergrund gehe ich jetzt den zweiten Lockdown mit mehr Gelassenheit an. Demutsvoll denke ich, dass es mir ja noch gut geht bei all dem…
Ich wünsche euch, dass ihr gesund bleibt und gut durch diese schweren Zeiten kommt
Euer Blindnerd, der gegen die Dunkelheit anschreibt.