Kometengeschichten 3 – Kometensuche Inklusiv


Liebe Leserinnen und Leser,

Derzeit wird auf allen Kanälen der Astronomie im Grunde fast nur darüber gesprochen, dass der Komet Neowise momentan gut über Deutschland zu sehen ist. Es kommt durchaus nicht oft vor, dass man Kometen mit bloßen Augen sehen kann. Die meisten lassen sich nur in Fotos erkennen. Aber diesmal ist es eben so, dass man ihn einschließlich seiner Koma und seinen zwei Schweifen mit den Augen sehen und sogar mit dem Smartphone brauchbare Bilder schießen kann, was man so hört.

“Quengel, Ich will auch mitmachen…” denke ich mir da oft. Und ja, was soll ich sagen. Dank einer “Wunderapp” kann ich auf meine Art tatsächlich mitmachen. Darum geht es heute.

Auch ich habe meinen Kometen am Himmel. Ich kann ihn nicht sehen, kann ihn nicht hören, aber ich kann zu ihm finden und in seine Richtung schauen. Wie er aussieht etc. erklären mir die anderen und wie so ein Eiswürfel funktioniert, weiß ich eh ungefähr.
Mit bissel assistiver Technologie wird der Sternenhimmel auch für blinde Augen und Ohren transparent und super inklusiv.
Der Schlüssel zu diesem Erlebnis trägt den Namen Universe to Go.
Mein Erlebnis ist ein Beispiel dafür, wie moderne Kommunikations- und assistive Technologie uns ganz neue Türen öffnen.

Was ist U2G?

Das System besteht aus zwei Komponenten, einer App für IOS und einer Art Brille, in die man das Smartphone mit dem Bildschirm nach unten einlegt. Über Spiegel bekommen Sehende zusätzliche Informationen in ihre Welt der Sternenbeobachtung eingespielt. Unten im Artikel noch etwas mehr dazu.
Hier nun, wie ich Neowise fand:

Auf inklusiver Kometensuche

Im ersten Schritt ging ich die Einstellungen von U2G durch und überprüfte, ob z. B. Audioguide eingeschaltet ist. Den braucht man nämlich, damit der Sternenhimmel spricht. OK, alle Checklisten waren erledigt “We are ready for lounch.”

Als nächstes öffnete ich U2G und wählte den Astrobrillen-Modus. Nun forderte mich mein Smartphone auf, dass ich es oben mit der Kamera nach links kopfüber in die Brille einlegen solle. OK, Iphone rein und Klappe zu.
Da ich die App aus verschiedenen Gründen mal neu installieren musste, wurde meine Geduld nun etwas auf die Probe gestellt, denn ich erhielt die Einführung, obwohl ich schon weiß, wie man dieses “Raumschiff fliegt”. Naja, hatte ich bei den Einstellungen übersehen.

Jetzt ist U2G im Erkundungsmodus. Das bedeutet, dass ich mich drehen und meinen Kopf anheben oder senken kann. Dabei werden mir auch am Tage ungefähr die Sterne oder Deepsky-Objekte angesagt, in deren Richtung ich schaue. Was man angesagt bekommt, ist mit reichlichen Parametern einstellbar. Das führt jetzt aber hier zu tief in U2G.

Und jetzt wirds bissel difizil. Es geht nun darum, U2G in den Suchmodus zu bringen. Dazu senkte ich meinen Kopf ganz tief und hob ihn dann wieder wagerecht. Diese Geste öffnet und entsichert das Menü. Sehende haben nun eine Hand als Cursor und die Menüeinträge. Gesteuert wird nun mit dem Kopf.
Ganz vorsichtige kleine Nickerchen nach unten bringen mich zum Such-Menü. Ein entschlossenes Nickerchen nach rechts öffnet das Untermenü. Nun suchte ich nach dem Unterpunkt “Kometen”, denn man kann auch nach Sternen, Planeten, der ISS oder sonst was suchen.
Ich gebe zu, die Bedienung dieses Menüs muss mit viel Übung erlernt werden.
Und nun öffnete sich eine Liste mit seeeeehr vielen Kometen, die gerade mit Instrumenten oder im Fall Neowise auch ohne, am Himmel zu sehen sind.
Das strapazierte zugegeben die Geduld sehr stark, da das N ungefähr in der Mitte der Liste liegt. Bisher ist es leider so, dass man sich die ganze Liste vorlesen lassen muss. Ich setzte die Brille ab, unterlegte sie mit etwas, das auf dem Schreibtisch herum lag, damit U2G die Liste weiter durchgeht, und holte mir erst mal einen Kaffee. Als ich zurück kam, war die Liste schon beim H. Gefühlt Stunden später, kam er dann endlich, ich hörte den Namen “Neowise”. In wahrheit war es nur eine viertel Stunde…
Vorsichtig kippte ich die Brille nach rechts, um die Auswahl von Neowise zu bestätigen, denn verlieren wollte ich ihn jetzt nicht mehr. U2G akzeptierte meine Geste und begann mich zu Neowise zu führen.

Ich wusste von sehenden Astronom*innen auf twitter, dass ich ihn ungefähr beim großen Wagen oder dem Bären suchen sollte. Ich weiß natürlich, wo Norden in meinem Büro ist. U2G dirigierte mich mit Sprachkommandos wie Links, Rechts, Hoch und Runter zum Neowise. Kurz bevor man ihn hat, wirds ganz schön frickelig
Durch viel Übung mit U2G weiß ich ungefähr, wo ich hin muss, wenn ich ein Sternbild als Start habe. Das verkürzt die Suche natürlich sehr. Vielleicht das noch am Rande. Wenn ich mit U2G auf die Sternenreise gehe, dann gehen über mir die Lichter an. Allerdings reduziere ich im Kopf jedes Sternbild auf einen einzigen Lichtpunkt, weil das für mich keine große Rolle spielt, wie ein Sternbild aussieht. Das erschließe ich mir mit taktilen Abbildungen, wenn ich das genauer wissen möchte.

Es ist zwar kein Video, aber ich habe hier mal eine Aufnahme eingestellt, wie das klingt, wenn ich als blinder Sternengucker mit U2G etwas suche.
Zum Hörbeispiel geht es hier lang.

Fazit

  • Wie gesagt, konnte ich lediglich zum Kometen finden, aber sich erklären zu lassen, wo er ungefähr ist, ist eine Sache. Es selbst zu tun, ihn selbst zu suchen und dann auch zu finden ist etwas viel größeres. Selbst machen und erleben ist ein deutlich stärkerer Eindruck, als wenn einem das verbal beschrieben wird.
  • Die totale Mofi von 2015 konnte ich mit U2G ebenfals nachvollziehen.
  • Den Merkurtransit habe ich mit U2G hautnah selbst erlebt. Darüber durfte ich für Universe2Go einen Artikel über mein ersten Merkurtransit schreiben.
  • der Weihnachtsvollmond 2015 war auch ein Erlebnis, das ich mit U2G nachvollziehen konnte.
  • Verfolge ich die ISS, dann merke ich genau, wie schnell sie sich durchs Bild bewegt, indem ich einfach die Suche nach ihr wiederhole. Ich merke dann, wie sich meine Position im Raum rasch ändert.
  • Die Überraschung, wieviele Kometen immer irgendwo fliegen, ist der Hammer.
  • Grundsätzlich kann ich sagen, das U2G mein räumliches Himmelsverständnis erheblich verbessert hat.
    Natürlich muss ich auch erst mal suchen und mich zurecht finden, denn ich weiß auch nicht zu jeder Urzeit und Jahreszeit den passenden Himmel und was genau über oder unter dem Horizont ist. Aber nach kurzer Orientierung, Finden des Polarsterns und des großen Bären, weiß ich schon ungefähr, wie ich von einem zum anderen Sternbild gelange.
    Vor allem erlebt man über das Jahr wirklich sehr gut die Neigung der Erdachse zur Ekliptik und zum Zodiak.
  • Nun ja, bei all den wunderbaren Möglichkeiten darf man nicht verschweigen, dass die Benutzung von U2G nicht ganz trivial ist. Wie das bei einem sich entwickelnden System so ist, läuft noch nicht alles ganz rund, oder ist noch nicht fertig entwickelt. Es war ein steiniger Weg, den Martin und ich gegangen sind, bis alles so lief, wie es zumindest derzeit möglich ist. Früher gab es beispielsweise nach jedem IOS-Update Probleme. Dieser erhebliche Frustfaktor scheint seit einigen IOS-Versionen behoben zu sein.
  • Also ich würde schon sagen, dass man gute Chancen hat, U2G kennen und lieben zu lernen, wenn man es mag, mit Technik und Software zu spielen, und wenn man etwas ein Nerd ist.
    Ohne etwas Biss und Durchhaltevermögen, kann es leicht zäh werden, oder man muss sich halt etwas mehr helfen lassen.
    Hilfreich könnte zumindest am Anfang sehende Unterstützung sein, oder, dass man es in einem Workshop mit Mehreren kennenlernt.
  • Die Funktionsweise von U2G zeigt, dass diese Technologie der augmented reality durchaus Potential hat, auch für uns blinde Menschen sehr hilfreich zu sein. U2G spannt einen virtuellen sphärischen Sternenhimmel auf. Es wäre denkbar, auch andere Dinge in so einen Raum zu packen, um uns die Welt zu erschließen.

Nun folgt noch zum Schluss ein kleiner historischer Abriss darüber, wie es dazu kam, dass U2G sprechen lernte.

Wie alles begann:

Wie einige von euch wissen, durfte ich im Februar 2015 im Rahmen eines Vortrages mein Buch auf dem Literatursalon des BVN in Hannover vorstellen, das im Oktober 2015 erschien.
Zur Veranschaulichung der astronomischen Inhalte bestand im Anschluss an meinen Vortrag die
Möglichkeit, taktile Modelle und Grafiken abzutasten und anzusehen. An dieser kleinen Ausstellung beteiligte sich auch Utz Schmidtko, der damalige Leiter der barrierearmen Sternwarte St. Andreasberg der indem er einige wunderbare taktile Modelle der Mondscheibe und verschiedener Sternbilder beisteuerte.
Utz brachte mich mit dem Entwickler, Martin Neumann, von Universe2Go in Kontakt.
Auch Martin war anwesend und zeigte mir sein Projekt.
Wir fragten uns, ob es möglich sei, U2G für Menschen mit Blindheit zugänglich zu machen, was ich mir ehrlich gesagt erst mal nicht vorstellen konnte, denn Astronomie-Apps sind in der Regel höchst grafisch und nicht zugänglich.
Nun ja, wir brainstormten das ganze und es war sofort klar, dass wir uns hervorragend ergänzen und beflügeln würden.
Universe2Go besteht aus einer Art Brille, einem Iphone und einer App. Das Iphone wird in die Brille eingelegt und ermöglicht es so, den Sternenhimmel zu erkunden, indem man die auf dem Handy dargestellten Sternkonstelationen mit dem sichtbaren Sternenhimmel abgleichen kann. Interessanter weise bietet diese App auch sehr viel akustische Erlebnisse, die das Projekt extrem attraktiv auch für unseren Personenkreis macht.
Zu vielen Himmelsobjekten sind gesprochene Texte zur Erläuterung hinterlegt. So kann man sich über Entfernung, Helligkeit, Größe und viele weitere Parameter informieren. Außerdem sind schöne Geschichten, z. B. aus der Griechischen Mythologie hinterlegt.

Bis heute stehe ich mit Martin in gutem Kontakt und trage beratend zur Barrierefreiheit der weiteren Versionen bei und wir sind mittlerweile sehr gute Freunde geworden.

Universe2Go ist aber nicht mehr der einzige akustische Sternenhimmel, der Menschen mit Blindheit oder Restsehvermögen, Astronomie zugänglich macht.
Es gibt seit einigen Jahren auch noch die wunderbare Sprechende Himmelsscheibe das Projekt eines blinden Physikers, der auch hier mitliest. Realisiert wurde dieses Unikat über den Verein Andersicht e. V.

Nun soll aber zum Schluss der Entwickler von U2G selbst zu Wort kommen. Er wird uns nun berichten, wer er ist, was das Projekt will, wie er dazu kam und er wird damit den Artikel abrunden.
Bühne frei für Martin:

Die Astronomie hat mich schon als kleine Junge fasziniert. Daher regte sie meinen Erfindungsreichtum schon oft an und ich überlegte mir, wie man Menschen wieder häufiger dazu bringen kann, sich mit dem Sternenhimmel zu befassen. Seit der Einführung des iPhone sind viele Astronomie-Anwendungen für Smartphones entwickelt worden, die quasi wie eine interaktive (Kosmos-)Sternenkarte immer jeweils den Himmelsausschnitt auf dem Bildschirm anzeigen, der auf einer gedachten Linie dahinter liegt. Doch diese Anwendungen verleiten oft dazu, nur auf den Bildschirm zu starren und vom eigentlichen Erleben des Sternenhimmels abzulenken. Daher habe ich universe2go entwickelt. Dies funktioniert im Prinzip ähnlich, aber statt auf einen Bildschirm schaut man durch eine transparente Scheibe an den Sternenhimmel und bekommt zusätzlich Informationen zu den beobachteten Sternen, Sternbildern, Planeten und Deep-Sky-Objekten wie Galaxien, Sternhaufen und Nebel angezeigt. Das Projekt habe ich übrigens auf meinem 3D-Drucker entwickelt und eine Anschubfinanzierung über Crowd Funding (StartNext) und Crowd Financing (Zencap) eingeholt.

Utz Schmidtko von der Sternwarte Sankt Andreasberg hat mich kontaktiert und dadurch wurde ich überhaupt erst einmal darauf aufmerksam gemacht, dass sich auch blinde und sehbehinderte Menschen für Astronomie interessieren. Dann habe ich einen ganz tollen Vortrag von Gerhard im Februar 2015 in Hannover gehört, bei dem er aus seinem autobiografischen Buch vorgelesen hat. Das hat mich sehr beeindruckt und ich habe sofort beschlossen, universe2go auch für sehbehinderte Menschen nutzbar zu machen. Zum Glück machte meine Erfindung auch Gerhard neugierig und war schnell begeistert von den Möglichkeiten, die darin stecken auch wenn der bisherige Weg zur Nutzung des Programms für ihn noch sehr steinig war. Ich bin daher sehr froh, dass mich Gerhard nun mit seinem Enthusiasmus und mit Vorschlägen und Kritik dabei unterstützt universe2go für blinde Menschen leicht nutzbar zu machen.“

Hier kommen jetzt noch einige Links zu Universe2Go. Ich hoffe, die funktionieren noch alle, denn ich habe sie aus einem alten Text recycelt.

  • Käuflich erwerben kann man universe2go bei Astroshop.
  • Hier lang geht es zu häufig gestellten Fragen.
  • Herunterladen kann man sich universe2go hier:
    Für Android
    Für IOS
  • Zur Homepage von U2G geht es hier lang.
  • universe2go wurde teilweise über Crowd Funding finanziert:
    Die Crowd-Funding Kampagne bei StartNext: gibt es hier.
  • Mehr über den Hintergrund und die Entstehungsgeschichte von universe2go:
    Zeitungsartikel im Kölner Stadtanzeiger Blog-Artikel
    ZauberDerSterne-Blog schrieb hier.
    Clear Sky Blog verewigte U2G hier.

Kometengeschichten 2 – Mein erster Kontakt


Liebe Leserinnen und Leser,

Um 7000 Jahre müssen wir warten, bis der momentan sichtbare Komet Neowise wieder erscheint. So lange braucht der Komet, mit dem ich quasi meinen ersten Kontakt zu Kometen hatte, nicht.
In den ersten siebzehn Jahren meines lebens habe ich wohl mal das Wort Komet gehört, wusste aber wenig bis gar nichts über sie. Meine Flamme und Liebe zu ihnen entzündete sich 1986 an folgender Geschichte:
Zitat aus Blind zu den Sternen:

Glücklicherweise war am nächsten Tag schulfrei, sonst hätte ich im Fernsehen nicht erleben dürfen, wie die Raumsonde Giotto durch den Kometenschweif des Halleyschen Kometen flog. Hier waren sogar die auftreffenden Partikel zu hören, denn die Sonde hatte einen Sensor dafür hinter ihrem Schutzschild. Bedauerlicherweise erblindete die Kamera leider recht früh, weil ein Partikel den Schutzschild durchschlug. Nichtsdestotrotz gibt es Bilder des Kometenkerns, der Koma und seines Schweifes. Diese Mission war eine Glanzleistung der Europäischen Weltraumorganisation (ESA). Hätte sie nicht funktioniert, böte sich erst wieder das Jahr 2061 an, da der Komet nur alle 76 Jahre erscheint. Sein Auftauchen war durchaus nicht immer willkommen. Im Jahre 1910 fand man mittels Spektralanalyse des Schweifes Blausäure darin. Panikmacher dachten, jetzt würden alle eines Todes durch Blausäure sterben, wenn die Erde durch den Schweif fliegt.
Ein Englischer König wurde gekrönt, als der Komet gut sichtbar am Himmel stand. Es war kein gutes Omen für ihn, denn er verstarb noch im selben Jahr.
Der Fernsehsprecher erklärte sehr ausführlich, wie ein Komet aussieht, in welche Richtung sein Schweif zeigt und dass der Sonnenwind den Kometenschweif stets von der Sonne weg wehen lässt. Bis dahin wusste ich gar nicht, dass es einen Sonnenwind aus geladenen Teilchen gibt. Dieses Wissen hat mich damals sehr bereichert: der Schweif, der einer Fahne gleich im Sonnenwind weht.
Für jemanden, der einen Kometen zeichnet, ist das selbstverständlich, weil man ihn immer so sieht. Für einen Menschen mit Blindheit ist das keinesfalls selbstverständlich: Beschreibt oder zeigt man ihm das nicht, wird er es nie erfahren. Es ist ein schönes Gefühl, an den Sonnenwind zu denken. Die Vorstellung passt gut zur Wärme, die wir von ihr empfangen.
Aber auch hier wieder das schon bekannte Bild, dass wir Blinden keinerlei Zugang zu Astronomie hatten.
Da war ich quasi ein Einser-Schüler und wusste dennoch mit meinen 17 Jahren nicht, wie ein Komet aussieht.

Ich wusste nicht, dass sie aus Eis und Staub bestehen. Ich wusste nicht, dass sie einen Gas-Schweif und einen Teilchen-Schweif besitzen und wusste auch nichts über ihre Bahnen.
Spannend war für mich natürlich auch, dass bis heute Kometen nicht nur als Unheilsbringer dienen, sondern eventuell Kandidaten dafür sind, wie das Wasser auf die Erde gekommen sein könnte. Es wäre sogar möglich, dass sie die chemischen Formeln auf die Erde brachten, welche letztlich Leben ermöglichten.
Zu dieser Weltraum-Chemie hat Tim Pritlove noch nicht lange her, eine Raumzeit-Folge veröffentlicht, die ich wärmstens empfehle.
In Folge 79 interviewte Tim eine Professorin, die maßgeblich an den Missionen Giotto und der Nachfolgemission Rosetta beteiligt war und viel zum Thema Kosmische Chemie erzählt. Im gleichen Podcast werden in Folge 20 die beiden Missionen Giotto und Rosetta genauer behandelt. Der DLF brachte eine wunderbare Folge in Wissenschaft im Brennpunkt zu Rosetta heraus, die ich aber leider wegen Urheberrechten nicht hier teilen darf.
die @Riffreporter haben in ihren @Astrogeo-Podcast vor einigen Jahren auch maleine Folge mit der Dame aufgenommen. Zu dieser sehr hörenswerten Folge geht es hier lang.

So, meine lieben, das war meine zweite Kometengeschichte, mein erster Kontakt. Wenn sie gefallen hat, dann lasst es mich gerne in den Kommentaren wissen. Und wer durch meinen Auszug aus meinem Buch vielleicht jetzt darauf aufmerksam und neugierig wurde, der oder demjenigen sei gesagt: “Ja, das Buch gibt es noch.” In der Menüleiste des Blogs oder gleich hier findet ihr alle wichtigen Informationen zu meinem Buch.
Bis zum nächsten Mal grüßt euch ganz herzlich
euer Blindnerd.

Kometengeschichten 1 – Der Jupitercrash


Seid herzlich gegrüßt,
Momentan haben wir einen Star am Himmel. Seit mehreren Jahren ist endlich mal wieder ein Komet am Morgen- und am Abendhimmel zu sehen. Sein Name ist @neowise. Über den werde ich aber heute nicht schreiben, weil hierfür noch ein Experiment aussteht, aus welchem ich eine weitere Kometengeschichte verfassen werde, wenn es denn gelingt. Nichts desto Trotz nehme ich den Kometen zum Anlass, hier mal einige Kometengeschichten zu bringen, in welchem ich Erlebnisse mit Kometen schildern werde. Hier kommt eine dieser Erinnerungen:

im Juli vor 26 Jahren stürzte der Komet Shoemaker-Levy 9 in den Gasplaneten Jupiter. Ich erinnere mich daran, dass dieses Ereignis große Aufmerksamkeit und Präsenz in den Medien hatte.
Lasst uns kurz dieses Spektakels gedenken und uns daran erfreuen:

Shoemaker-Levy 9 (kurz auch SL9) war ein 1993 entdeckter Komet. Seine offizielle Bezeichnung ist D/1993 F2 (Shoemaker-Levy). Das „D“ in seiner Bezeichnung steht für das englische „disappeared“ („verschwunden“) und zeigt an, dass der Komet nicht mehr existiert. Seine Bruchstücke schlugen im Juli 1994 auf dem Planeten Jupiter ein. Er erhielt seinen Namen, weil er der neunte kurzperiodische Komet war, der von Carolyn und Eugene Shoemaker zusammen mit David H. Levy entdeckt wurde.

Kometen, die eine Umlaufzeit von unter 200 Jahren haben, nennt man kurzperiodische Kometen. Es sind solche, die von den großen Gasplaneten durch gravitative Einflüsse ins Innere des Sonnensystems gezogen wurden.
Es gibt Kometen, deren Bahnen so exzentrisch sind und so weit über den Rand des Sonnensystems hinaus ragen, dass ihre Wiederkehr Jahrtausende dauert. Sicherlich gibt es sogar Kometen, die die Menschheit seit Bestehen, noch nie gesehen hat, weil ihre Periode zu lang ist.
Kometen können aus allen Richtungen kommen, z. B. von oben die Ekliptik durchstoßen oder von unten.
Der Komet wurde erstmals auf einem Foto nachgewiesen, das am 24. März 1993 mit einem 46-cm-Schmidt-Teleskop am Mount-Palomar-Observatorium in Kalifornien aufgenommen wurde.

Ein Schmidt-Teleskop ist ein Beobachtungsinstrument, das ausschließlich für die Astrofotografie geeignet ist. Man kann damit nicht selbst beobachten. Ich erspare uns jetzt die Einzelheiten.

Der Japanische Astronom Shuichi Nakano sagte den erwarteten Zusammenstoß als Erster voraus. Die Beobachtung wurde in der Folge von anderen Astronomen bestätigt. Rasch wurde klar, dass es sich um einen ungewöhnlichen Kometen handelte. Er befand sich nahe am Planeten Jupiter und war in mehrere Fragmente zerbrochen.

Der Komet geriet vermutlich schon während der 1960er Jahre unter die starken Gravitationskräfte des Jupiter und wurde so in eine stark elliptische Bahn um den Planeten Jupiter gezwungen.
Aufgrund der Gezeitenkräfte zerbrach der Komet, der ursprünglich einen Durchmesser von rund 4 km gehabt haben dürfte, in 21 Fragmente zwischen 50 und 1000 m Größe, die sich auf einer mehrere Millionen Kilometer langen Kette aufreihten.
Man gab jedem Fragment einen Buchstaben (A – W), wobei das I und das O wegen der Verwechslung mit den Ziffern 1 und 0, nicht verwendet wurden.

Nur zwei Monate nach der Entdeckung zeigte die Bahnbestimmung der Astronomen, dass die Kometenstücke im Juli 1994 mit dem Planeten Jupiter kollidieren würden.
Zwischen dem 16. Juli und dem 22. Juli 1994 schlugen die Bruchstücke des Kometen Shoemaker-Levy 9 in Jupiters südlicher Hemisphäre mit einer Geschwindigkeit von 60 km/s ein und setzten dabei die Energie von 50 Millionen Hiroshima-Bomben / 650 Gigatonnen TNT frei.

Wann kommen wir sprachlich endlich von diesen Hiroshima-Bomben und dem TNT weg, um Energiemengen zu beschreiben…

Dies war das erste Mal, dass die Kollision zweier Körper des Sonnensystems und die Auswirkungen eines solchen Impakts direkt beobachtet werden konnten.
Obwohl die Einschlagstelle aus Sicht der Erde knapp hinter dem “Rand” Jupiters lag und somit nicht direkt einsehbar war, konnten die Astronomen sogenannte “Plumes” (heiße Gasblasen, ähnlich einem “Atompilz”) über den Rand Jupiters aufsteigen sehen. Aufgrund der raschen Rotation von Jupiter wurden die Einschlagstellen nur wenige Minuten nach den Impakten von der Erde aus sichtbar. Es zeigte sich, dass sie dunkle Flecken mit Durchmessern bis zu 12.000 km in der Atmosphäre Jupiters hinterlassen hatten, die über Monate hinweg sichtbar blieben.

Das erstaunt mich sehr, denn man sollte doch meinen, dass ein Loch in der Gashülle Jupiters gleich wieder “zugeweht” werden sollte.
Aber es waren ja nicht nur Löcher, sondern aeben riesige Blasen aufgeheizten Gases. Das kann dann schon mal bissel dauern, bis die wieder abkühlen.
Ich habe hier einen taktilen Ausdruck der gestreiften Jupiteroberfläche an meiner Bürotüre hängen. Darauf sind diese Einschlagsstellen auch zu sehen und zu tasten.

Einzig die Raumsonde Galileo konnte aus einer Entfernung von 1,6 AE die Impakte direkt beobachten.

Eine AE, Astronomische Einheit, oder auch AU, Astronomic Unit, ist der mittlere Abstand Erde-Sonne, etwa 150 Mio Kilometer, oder 8 Lichtminuten.

Aufgrund einer defekten Parabolantenne waren die Kapazitäten der Raumsonde für die Datenübertragung allerdings beschränkt, und es konnten nicht alle Messwerte zur Erde übermittelt werden. Hinzu kam, dass Galileo infolge der Challenger-Katastrophe erst mit drei Jahren Verspätung zum Jupiter geschickt wurde. Hätte der Starttermin 1986 stattgefunden, hätte die Raumsonde die Einschläge aus nächster Nähe im Jupiterorbit verfolgen können.

In den Spektren der Plumes wurden große Mengen molekularen Schwefels (S2) und Kohlenstoffdisulfids (CS2) gefunden, mehr als durch die Explosion eines vergleichsweise kleinen Kometenkerns hätte freigesetzt werden können. Man vermutet den Ursprung daher in tieferen Atmosphärenschichten des Jupiter. Weitere nachgewiesene Moleküle sind Kohlenstoffmonoxid (CO), Ammoniak (NH3) und Schwefelwasserstoff (H2S). Auch Emissionslinien von Eisen, Magnesium und Silizium wurden beobachtet: Die Hitze der Explosionen muss also ausgereicht haben, diese Metalle zu verdampfen. Wasser wurde in geringeren Mengen beobachtet, als das zunächst erwartet worden war. Vermutlich wurden die Wassermoleküle durch die Hitze aufgespalten.
Das ist spannend, dass man gleich noch etwas messen konnte, was offensichtlich vom Jupiter stammte. Klar, wenn etwas wo einschlägt, sieht man auch bissel was von dem, was das Innere des getroffenen Körpers enthält.

Muss alles in allem ganz schön gestunken haben. SH2 riecht beispielsweise nach faulen Eiern. Ammoniak riecht nach Schweinestall. Wir werden noch in meinen weiteren Kometen-Geschichten davon hören, dass Kometen scheinbar gern mal vor sich hin stinken, wenn die Sonne sie antaut.

So, das war mal eine Kometengeschichte, die für den Kometen leider nicht gut ausging.
Bis zum nächsten mal grüßt euch
Euer Blindnerd.